Neu im Kino/Filmkritik: „Das Glücksrad“ wird gedreht von Ryusuke Hamaguchi

September 2, 2022

Auf der letztjährigen Berlinale, – der Berlinale, die wegen der Coronavirus-Pandemie nicht im gewohnten Rahmen stattfand -, erhielt Ryusuke Hamaguchis „Das Glücksrad“ den Silbernen Bären. Sein nächster Film, die Haruki-Murakami-Verfilmung „Drive my Car“, lief in Cannes im Wettbewerb, erhielt den Oscar als bester internationaler Film und lief auch bei uns im Kino. Die Kritiken waren überaus positiv bis euphorisch.

Und jetzt kommt sein Berlinale-Film endlich ins Kino. Im Gegensatz zu „Drive my Car“ erzählt Hamaguchi in „Das Glücksrad“ drei voneinander unabhängige, ungefähr gleich lange Geschichten von jeweils etwa vierzig Minuten.

Die erste erste Geschichte „Magie (oder etwas weniger Zuverlässiges)“ beginnt mit einer langen nächtlichen Taxifahrt, in der zwei Freundinnen sich ohne einen Schnitt eine gute Viertelstunde unterhalten. Gumi hat, wie sie ihrer Freundin Meiko erzählt, einen neuen Freund, der für sie die große Liebe ist. Meiko bemerkt irgendwann während Gumis Schwärmereien, dass dieser Traumprinz ihr Ex-Freund ist, den sie in diesem Moment immer noch oder wieder liebt. In jedem Fall will sie wissen, ob er sie noch liebt.

In der zweiten Geschichte, „Die Tür bleibt offen“, will Nao ihren Französisch-Professor, der in der Universät eine konsequente Politik der offenen Tür verfolgt, verführen. Nachdem sie sich getroffen haben, will sie ihm eine E-Mail schicken. Aber sie schickt sie an die falsche Adresse. Und dieses Mal landet die Mail beim Empfänger nicht im Papierkorb.

Die dritte Geschichte „Noch einmal“ ist fast eine Science-Fiction-Geschichte. Fast weil der Computervirus, der zum Verschwinden von E-Mails und einer Wiederauferstehung der Briefpost führt, letztendlich nur ein Gimmick ist. Nach zwanzig Jahren will Moka in Sendai bei einem Klassentreffen ihre heimliche Liebe aus der Schulzeit wieder treffen. Auf der Straße wird sie von ihr angesprochen. Oder handelt es sich dabei um eine Verwechslung? Und wäre das wirklich schlimm oder nicht doch eine glückliche Fügung?

Die Kurzfilme sind formal und inhaltlich Kurzgeschichten, die eigentlich gut im Fernsehen in vierzigminütigen Happen genossen werden können, aber besser im Kino genossen werden. Denn Hamaguchi erzählt extrem zurückhhaltend und mit großer Sympathie für seine Figuren. Er beobachtet sie ohne Wertungen in langen Szenen, die nur selten von einem Schnitt unterbrochen werden. In den drei Geschichten reden die Figuren so viel und die Drehorte sind so anonym-austauschbar, dass die Filme auch bebilderte Hörspiele sein könnten.

Dieser Stil und das langsame Erzähltempo verführen natürlich dazu, wenn das Smartphone in Griffnähe ist, mal schnell seine Mails zu checken, weil im Film gerade nichts passiert. Das ist allerdings ein Irrtum. Unterschwellig passiert viel. Hamaguchi will allerdings nichts vorgeben. Er vertraut auf den aufmerksamen Zuschauer, der kleinste Nuancen erfasst, mitdenkt und interpretiert.

Deshalb wird „Das Glücksrad“ den Menschen gefallen, denen auch „Drive my Car“ gefiel. Für alle anderen ist Hamaguchis ’neuer‘ Film ein guter und auch gut zugänglicher Einstieg in seine Welt, in der eine kleine Veränderung der Beginn von etwas größerem sein kann.

Das Glücksrad (Guzen to Sozo, Japan 2021)

Regie: Ryusuke Hamaguchi

Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi

mit Kotone Furukawa, Kiyohiko Shibukawa, Katsuki Mori, Fusako Urabe, Aoba Kawai, Ayumu Nakajima, Hyunri, Shouma Kai

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

internationaler Titel: Wheel of Fortune and Fantasy

Hinweise

Moviepilot über „Das Glücksrad“

Metacritic über „Das Glücksrad“

Rotten Tomatoes über „Das Glücksrad“

Wikipedia über „Das Glücksrad“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ryusuke Hamaguchis „Drive my Car“ (Doraibu mai kā, Japan 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Shiver – Die Kunst der Taika Trommel“, präsentiert ohne Ablenkungen

Juni 23, 2022

Dass die Musik im Mittelpunkt steht, stimmt noch nicht einmal bei vielen Konzertmitschnitten. Zu oft drängeln sich die Kamera und der Schnitt penetrant in den Vordergrund und lenken von der Band und ihrer Performance ab.

In „Shiver – Die Kunst der Taika Trommel“ ist das nicht der Fall. Hier steht wirklich die Musik im Mittelpunkt und nichts lenkt vom Spiel der Musiker ab. Toshiaki Toyoda nahm in präzise komponierten langen Sequenzen, in denen sich die Kamera nicht oder kaum bewegt und in denen es keine oder nur wenige Schnitte gibt, das Taika Performing Arts Ensemble Kodō beim Spielen mehrerer Stücke von Koshiro Hino auf. Teils in ihrem Proberaum, teils auf der Insel Sado in der freien Natur.

Das Trommelensemble Kodō hatte seinen ersten Auftritt 1981 bei den Berliner Festspielen. Seitdem gaben die Trommler über 6500 Konzerte in 52 Ländern. Auf Sado gehört der Gruppe ein dicht bewaldetes, weitläufiges Grundstück, auf dem auch ein Schulungszentrum und weitere Gebäude stehen, in denen sie leben und trainieren. Denn die Musik wird von einem rigorosen Fitnessprogramm begleitet. Auf Sado findet auch seit 1988 das von ihnen organisierte jährliche Earth Celebration International Arts Festival statt.

Koshiro Hino, bzw. YPY, ist Musiker und Komponist, der in verschiedenen Bands und Zusammenhängen arbeitet und, immer wieder, elektronische mit natürlichen Klängen und Performance-Elementen verschmilzt.

Bei ihrer Zusammenarbeit ging es darum, wie aus Geräuschen, Klängen und Rhythmen Melodien entstehen.

Toshiaki Toyodas zurückhaltende Inszenierung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Musik und wie sie entsteht. Nichts lenkt davon ab. Gleichzeitig zwingt nichts einen dazu, den Blick ständig aufmerksam auf die Leinwand zu richten. Sie ist das filmische Äquivalent zu einer Konzertbühne, auf der schwarz gekleidete Menschen vor einem dunklen Hintergrund stehen. Deshalb ist es in diesem Film vollkommen okay, die Augen durch den dunklen Saal wandern zu lassen oder auch sie zu schließen und sich so ganz dem Klang der Trommeln hinzugeben.

Shiver – Die Kunst der Taika Trommel (Senritsu seshimeyo, Japan 2021)

Regie: Toshiaki Toyoda

Drehbuch: Toshiaki Toyoda

Musik: Koshiro Hino, Kodō

mit Kiyohiko Shibukawa, Koshiro Hino, Kodō (Yoshie Abe, Kenta Nakagome, Shogo Komatsuzaki, Yuta Sumiyoshi, Ryoma Tsurumi, Issei Kohira, Masayasu Maeda, Kodai Yoshida, Seita Saegusa, Chihiro Watanabe, Taiyo Onoda, Shun Takuma, Sho Nakatani)

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (beantragt)

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Shiver“

Wikipedia über das Ensemble Kodō (deutsch, englisch)