Neu im Kino/Filmkritik: Über den Screenlife-Science-Fiction-Thriller „Mercy“

Januar 22, 2026

Mit „Barmherzigkeit“ oder „Gnade” hat das „Mercy”-Programm nichts zu tun. Es wurde in Kalifornien installiert als Mittel gegen die überbordende Kriminalität. Das Programm simuliert ein Gerichtsverfahren mit Verteidigung, Jury und Richter mittels den in verschiedenen Datenbanken erhältlichen Informationen und Künstlicher Intelligenz. Am Ende steht das Urteil. Meistens die Todesstrafe, die sofort vollstreckt wird. Das Programm ist der feuchte Traum eines Law&Order-Fanatikers – und der Alptraum jedes Menschen, der auch nur im Ansatz an so etwas wie ein faires Gerichtsverfahren und den Rechtsstaat glaubt.

Die Regierung ist über die hundertprozentige Verurteilungsrate und die spürbar abgenommene Kriminalität hocherfreut.

Jetzt, wir schreiben den 14. August 2029, erwacht LAPD-Detective Chris Raven (Chris Pratt), einer der ersten und lautstärksten Befürworter des Programms, in einem Mercy-Gerichtssaal. Judge Maddox (Rebecca Ferguson), eine KI-Visualisierung, sagt ihm, dass er angeklagt sei, seine Frau ermordet zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Tat begangen hat, liegt in diesem Moment bei fast 100 Prozent. Raven kann jetzt sofort die Tat gestehen, oder in den folgenden neunzig Minuten, die im Film in Echtzeit gezeigt werden, seine Unschuld beweisen. Dafür kann er alle im System gespeicherten Daten, wozu auch Bodycam-Aufnahmen, diverse Überwachungskameras, Smartphone-Aufnahmen und Chats gehören, anfordern und bestimmte Menschen anrufen.

Raven beteuert seine Unschuld. Und obwohl der Fall auf den ersten Blick wasserdicht ist, beginnt er zu kämpfen.

Timur Bekmambetow („Wanted“, „Ben Hur“) erzählt die Geschichte in Echtzeit und in einem Raum, der im Film pompös groß ist. Raven ist an einen ebenso pompösen Rollstuhl gefesselt. Er kann nur seine Finger bewegen. Mit diesen und seiner Stimme kann er Programme und Dateien aufrufen. Diese Dateien schweben dann durch den Raum. Aber all der visuelle Bohei kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Mercy” ein Desktop-Thriller ist, wie die von Bekmambetow produzierten Thriller „Searching“ (2018)

und „Missing” (2023). In diesen beiden sehenswerten Filmen, die ausschließlich vor einem Computerbildschirm spielen, beeindruckte, wie gut der Blick auf die relevanten Informationen gelenkt wurde. In „Missing“ war außerdem schockierend, auch wenn die Macher sicher etwas übertrieben, wie viele Informationen über einen Menschen in öffentlichen zugänglichen Datenbanken gefunden werden können.

In „Mercy” erledigen diese Blickführung des Zuschauers eine extrovertierte Kamera, viele Schnitte und teils die Grenze zur Lächerlichkeit überschreitenden Dialoge zwischen Raven und Maddox in einem Pseudo-Gerichtsprozess. In ihm werden alle Regeln eines ordnungsgemäßen Gerichtsverfahrens ignoriert zugunsten einer schlechten TV-Show, in der der Angeklagte sich zum Schein verteidigen darf. Er hat keinen Anwalt, kennt die Beweise gegen ihn nicht, hat in den meisten Fällen keine Ahnung, wie er seine Unschuld beweisen kann, und er ist unter extremem Zeitdruck. Da würde sogar Perry Mason ins Schwitzen geraten.

Judge Maddox verhält sich öfter wie eine schlecht programmierte Software. In der einen Sekunde klingt sie wie eine unparteiische Richterin, in der nächsten wie ein schlecht programmiertes altertümliches Sprachprogramm, das, eine bestimmte Antwort erwartend, stupide die letzte Frage wiederholt, im übernächtsten pocht sie auf Regeln, die sie einige Sekunden später über den Haufen wirft und am Ende agiert sie vollkommen frei.

Der Plot ist, wenn wir das ganze technische Brimborioum weglassen, ein Standard-Noir-Plot: ein Unschuldiger muss beweisen, dass er ein Verbrechen (meistens einen Mord) nicht begangen hat. Auch wenn wir in diesem Fall nicht wissen, ob Raven unschuldig ist, ändert das nichts an dem Plotmuster.

Bekmambetow erzählt, nach einem Drehbuch von Marco van Belle, diese Geschichte mit vielen technischen Spielereien in Echtzeit. Und damit ungeduldige Zuschauer immer darüber informiert sind, wann der Film endet, blinkt eine rückwärts ablaufende Uhr in Richtung spätestem Prozessende. Denn selbstverständlich kann der Angeklagte mit einem Geständnis den Prozess jederzeit verkürzen. (Mich lenkte diese Uhr immer wieder ab, weil sie mir zuverlässig verriet, an welchem Punkt in der Geschichte wir sind und wann das Drama endet.)

Über die Story selbst sollte nicht weiter nachgedacht werden. Zu vieles ist dann unlogisch oder nicht konsequent durchdacht. Das gilt für den Kriminalfall und die Welt, in der der Thriller spielt.

Am Ende ist „Mercy“, auch wegen der Optik, nur ein vernachlässigbarer Streamingfilm, der sich ins Kino verirrt hat.

Mercy (Mercy, USA 2026)

Regie: Timur Bekmambetow

Drehbuch: Marco van Belle

mit Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Kali Reis, Annabelle Wallis, Chris Sullivan, Kylie Rogers

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Mercy“

Metacritic über „Mercy“

Rotten Tomatoes über „Mercy“

Wikipedia über „Mercy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Timur Bekmambetows „Abraham Lincoln, Vampirjäger (Abraham Lincoln: Vampire Hunter, USA 2012)

Meine Besprechung von Timur Bekmambetows „Ben Hur“ (Ben-Hur, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Beau is afraid“ vor seiner Mutter, der Welt – und Ari Aster

Mai 11, 2023

Beau Wassermann (Joaquin Phoenix, gewohnt überzeugend) lebt in einer Großstadt in einer heruntergekommenen Bude. Er fühlt sich von allen, unter anderem einem mysteriösem Serienkiller und einem Botschaften unter seiner Tür durchschiebendem Nachbarn, bedroht. Tabletten halten seine Paranoia halbwegs im Schach. Trotzdem ist für ihn der Gang zum gegenüberliegenden Geschäft ein lebensbedrohliches Abenteuer voller menschlicher und nichtmenschlicher Monster. Deshalb verbringt er am liebsten die Zeit in seinem abgeranztem Mini-Apartment, das nichts von seinem Reichtum verrät. Denn er stammt aus einer vermögenden Familie. Sein Vater starb bei seiner Zeugung. Seine erfolgreich das Unternehmen führende Mutter dominiert über sein Leben.

Als sie bei einem bizarren Unfall stirbt, muss er sich, quer durch das Land, auf die Reise zu ihrer Beerdigung begeben. Diese Reise wird, selbstverständlich, zu einer (weiteren) Begegnung mit seinen inneren Dämonen und einer Auseinandersetzung mit seinem Leben und seinen ziemlich alles umfassenden Ängsten. So weit, so gut, so erwartbar.

Ari Aster, der mit seinen beiden vorherigen Horrorfilmen „Hereditary“ und „Midsommar“ Kritiker begeisterte und innerhalb der Horrorfilmgemeinde ebenfalls auf viel Wohlwollen stieß, erzählt in „Beau is afraid“ ein Quasi-Road-Movie, das mehr oder weniger im Kopf des Protagonisten spielt. Der dreistündige Film gliedert sich, so das Presseheft, „in eigenständige Abschnitte, mit vier Hauptkapiteln sowie zwei zusätzlichen Sequenzen, darunter eine Rückblende auf einem Kreuzfahrtschiff, in der die Mutter-Sohn-Dynamik zementiert wird, sowie ein rätselhafte Auflösung“.

Das liest sich jetzt etwas kompliziert, aber wenn die Geschichte gut erzählt ist, fällt die darunter liegende Struktur nicht weiter auf. Sie ist dann etwas für spätere Analysen in Universitätsseminaren. Dort können dann auch alle Anspielungen analysiert werden. Schon beim Ansehen fällt diese Struktur negativ auf. Wenig unterhaltsam, oft quälend langweilig und konfus, zerbröselt „Beau is afraid“ in wenige gelungene und viele einfach langweilige Szenen, die sich teilweise endlos ohne irgendeinen Erkenntnisgewinn ziehen bis hin zu der „rätselhaften Auflösung“.

Dass Asters dritter Film kein Totaldesaster ist, liegt an den wenigen gelungenen Szenen. So ist der Anfang des Episodenfilms, der Beaus Leben in der Großstadt zeigt, grandios. Die an den „Zauberer von Oz“/“ Alice im Wunderland“ erinnernde teilanimierte Szene gefällt ebenfalls. Eigentlich alle anderen Szenen wären meistens überzeugender, wenn sie kürzer wären. Jetzt sind sie oft zu lang, zu platt oder einfach zu rätselhaft.

Mit drei Stunden ist „Beau is afraid“ mindestens eine Stunde zu lang. Denn nach dem starken Anfang wird das schwarzhumorige Drama in dem Moment, in dem Beau seine Wonung verlässt und sich auf den Weg zu seiner Mutter macht, zu einer überlangen, konfusen Ansammlung von Episoden und Notizen mit begrenztem Erkenntnisgewinn. Für Beau ist es ein weiterer Horrortrip voller Demütigungen, Erniedrigungen und panischer Fluchtversuche. Für den Zuschauer eine Geduldsprobe.

Beau is afraid (Beau is afraid, USA 2023)

Regie: Ari Aster

Drehbuch: Ari Aster

mit Joaquin Phoenix, Nathan Lane, Amy Ryan, Stephen McKinley Henderson, Hayley Squires, Denis Ménochet, Kylie Rogers, Armen Nahapetian, Zoe Lister-Jones, Parker Posey, Patti LuPone

Länge: 179 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Hompage zum Film

Moviepilot über „Beau is afraid“

Metacritic über „Beau is afraid“

Rotten Tomaotes über „Beau is afraid“

Wikipedia über „Beau is afraid“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ari Asters „Hereditary – Das Vermächtnis“ (Hereditary, USA 2018)

Meine Besprechung von Ari Asters „Midsommar“ (Midsommar, USA 2019)

Ari Aster redet über „Beau is afraid“

Ari Aster redet über andere Filme