Der an einer schweren Lungenkrankheit leidende Todd zieht mit seinem Hund Indy in das Haus seines verstorbenen Großvaters. Es liegt einsam im Wald. Es ist schon etwas heruntergekommen. Und irgendetwas Böses scheint in dem Haus zu leben. So weit, so konventionell.
Das besondere an Ben Leonbergs Horrorfilm „Good Boy – Trust his Instincts“ ist die Perspektive und die Machart. Leonberg erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Todds Hund Indy. Der Nova Scotia Duck Tolling Retriever sieht im Schatten etwas Böses. Er versucht seinen immer wieder aufgrund von Medikamenten und seiner Krankheit nicht ansprechbaren Herrn aufzubauen und zu trösten. Er passt auf ihn auf und will ihn vor dem im Schatten und Wald lauerndem Bösen beschützen. Nur: wie kann das einem Hund gelingen?
In den Bildern ist Indy immer im Vordergrund. Die Menschen sind dagegen schattenhafte, oft nur schemenhaft erkennbare Wesen im Hintergrund. Durch den Schnitt entsteht der Eindruck, dass Indy auf die Schattenwesen reagiert und redet.
Dieser Eindruck entsteht, weil Regisseur und Autor Ben Leonberg sich bei den Dreharbeiten viel Zeit nahm. Er inszenierte den Film über drei Jahre und besetzte die Hauptrolle mit seinem Hund Indy. Sie lebten in der Waldhütte und Leonberg, der bei den Dreharbeiten manchmal im Bild war, entfernte sich in der Postproduktion aus den Aufnahmen.
So wurde aus einer sattsam bekannten Horrorfilmgeschichte ein interessanter und auch sehenswerter sanfter Geisterhorrorfilm. Die Länge von 74 Minuten (mit Abspann) gefällt ebenfalls.
Good Boy – Trust his instincts(Good Boy, USA 2025)
Regie: Ben Leonberg
Drehbuch: Ben Leonberg
mit Indy, Shane Jensen, Larry Fessenden, Arielle Friedmann, Anya Krawcheck, Stuart Rudin
Einerseits hat Jim Jarmusch noch keinen Zombiefilm und noch keine Komödie gedreht.
Andererseits ist jeder Jim-Jarmusch-Film eine Komödie und auch ein Zombiefilm. Denn nie sind seine Charaktere hundertprozentig von dieser Welt. In „Only Lovers left alive“ waren alle Hauptfiguren sogar Vampire. Aber auch fast alle anderen von Jim Jarmusch erfundenen Figuren wandeln etwas untot durch diese Welt. Die Dramen „Broken Flowers“ und „Paterson“ können als die Ausnahmen in seinem Werk gelten. Hier entsprachen die von Bill Murray und Adam Driver gespielten Figuren noch am meisten normal-bürgerlichen Personen. Phlegmatisch und von erstaunlichem Langmut sind sie trotzdem.
Einen sehr speziellen, sehr trockenen Humor haben alle seine Filme. Auch „The Dead don’t die“.
Durch Polarfracking verschiebt sich die Erdachse. Die gewohnten Tag- und Nachtzeiten stimmen nicht mehr. In Centerville, einer beschaulichen 738-Seelen-Gemeinde, steigen die Toten aus ihren Gräbern. Als Chief Clifford Robertson (Bill Murray) und Officer Ronald Peterson (Adam Driver), die lakonisch lakonischen Dorfpolizisten, in einem Diner die ersten Leichen sehen, hat Peterson gleich einen Verdacht. Die Bedienungen wurde von einem Zombie ermordet. Robertson hält das sofort für plausibel.
„The Dead don’t die“ ist eine Nummernrevue, die mit dem richtigen Publikum ein grandioser Spaß ist. Denn Jim Jarmusch kennt seine Zombiefilme. Es gibt zahlreiche Anspielungen, vor allem natürlich auf das Werk von George A. Romero. Es werden auch alle vertrauten Genretopoi bedient. Aber halt anders, als gewohnt. Vor allem mit einem gnadenlosem Understatement. Nichts bringt unsere Helden aus der Ruhe.
Für seinen Film hat Jarmusch ein mehr als namhaftes Ensemble versammelt: Bill Murray, Adam Driver und Chloë Sevigny als Dorfpolizisten, Tilda Swinton als Bestatterin mit Samurai-Zusatzausbildung (in der deutschen Synchro mit einem Akzent, an den ich mich nie gewöhnen konnte), Tom Waits als Waldschrat (in der deutschen Synchro notgedrungen ohne seine markante Stimme), und Danny Glover, Steve Buscemi, Selena Gomez, Rosie Gomez, Caleb Landry Jones, Iggy Pop (auf der Suche nach Kaffee), Sara Driver, RZA und Carol Kane, um nur einige zu nennen, als Dorfbewohner und Gäste mit mehr oder weniger begrenzter Lebenszeit. Dieses Ensemble ist auch eine kleine Jarmusch-Familienfeier.
„The Dead don’t die“ ist nicht Jarmuschs bester Film. Es ist vor allem ein entspannter Feierabendspaß.
Damit ähnelt die phlegmatische Zombiekomödie am meisten seinem Film „Coffee and Cigarettes“. In dieser 2004 zu einem Spielfilm fasste er eine über mehrere Jahre entstandene Reihe von Kurzfilmen zusammen, in denen sich an einem Tisch mit Kaffee und Zigaretten über Gott und die Welt unterhalten wird. Mal tiefsinnig, mal banal, mal abgedreht.
The Dead don’t die(The Dead don’t die, USA 2019)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
mit Bill Murray, Adam Driver, Tom Waits, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Danny Glover, RZA, Rosie Perez, Carol Kane, Tilda Swinton, Sara Driver, Iggy Pop, Selena Gomez, Caleb Landry Jones, Larry Fessenden, Eszter Balint, Sturgill Simpson
Das jährliche Fantasy-Filmfest hat Berlin schon vor einigen Tagen verlassen und in meinem virtuellen Notizblock stehen noch die Notizen über zwei Filme, die Tiberius Film demnächst auf DVD veröffentlichen wird.
Beginnen wir mit „Carnage Park“, dem neuen Film von Mickey Keating („POD – Es ist hier…“). Der Film spielt 1978 in Kalifornien in einem einsamen Landstrich. Während eines schief gehenden Banküberfalls nehmen die beiden Räuber die Kundin Vivian als Geisel. Der eine Räuber wird schon während des Überfalls angeschossen und stirbt kurz darauf im Fluchtwagen. Der zweite Räuber wird kurz darauf von Wyatt Moss ermordet. Der betont bieder wirkende Vietnam-Veteran ist ziemlich durchgeknallt. Er lebt allein auf einem riesigen, abgelegenem Wüsten-Grundstück, auf dem sich die Leichen stapeln. Denn er hat ein Hobby: Menschen wie Wild jagen und mit seinem Gewehr erschießen. Jetzt will er Vivian jagen. Aber sie ist nicht so hilflos wie seine vorherigen Opfer.
Mickey Keating lässt seine Geschichte, die auf einem wahren Fall beruhen soll, der für den Film anonymisiert wurde, in den Siebzigern spielen und sie ist deutlich von dem damaligen Horrorfilm inspiriert. So kann, um nur einen Film zu nennen, die Ausstattung und die Musik niemals ihre Inspiration durch „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre) verleugnen. Exploitation- und Horrorfilmfans können die Liste mit den üblichen Verdächtigen ergänzen.
Die eigentlich einfache Geschichte leidet allerdings unter ihrem Tarantino-Einfluss und den damit verbundenen Zeitsprüngen, die den Erzählfluss immer wieder unnötig unterbrechen und hier eher nerven. Das gleiche gilt für die entsättigten Farben, die dem Film das kränklich-blasses Aussehen einer abgenudelten Filmkopie verleihen.
Und im dritten Akt, wenn Vivian in der prallen Sonne schon ihren Teil an Laufen und Schreien erledigt hat, verliert der Film dann, durch einen ungeschickten Spannungsaufbau, merklich an Tempo.
„Carnage Park“ überzeugt vor allem als Stilübung im Grindhouse-Stil.
Kyle Rankin inszenierte 2009 den Horrorfilm „Infestation“, eine spaßige Mutierte-Käfer-Angelegenheit, die damals auch auf dem Fantasy-Filmfest lief. „Night of the Living Deb“ will eine Zombiekomödie sein.
Die schüchterne Deb, die ihre Schüchternheit mit unpassenden Witzen und exaltiertem Gehabe kaschiert, verbringt nach einem Gespräch in einer Bar die Nacht mit dem überaus gutaussehendem Frauenschwarm Ryan. Am nächsten Tag entdecken sie, dass in der Nacht Zombies die Stadt übernommen haben. Nach einigem Kuddelmuddel will Deb Ryan zu seinem Vater, dem das privatisierte Wasserwerk gehört, bringen und dann die Stadt verlassen. Doch dann gibt es weiteren Kuddelmuddel mit Zombies, Ryans Familie und seiner künftigen Ehefrau. Währenddessen verlieben sich Deb und Ryan ineinander.
Die alljährliche Fantasy-Filmfest-Zombiekomödie ist dieses Mal eine laue Angelegenheit, die sich als Abschluss einer langen Videofilmnacht empfiehlt. Das Drehbuch ist unausgegoren. Die Story holpert von Szene zu Szene, ohne auch nur irgendwie auf die Logik zu achten und, wie es sich für ein schlechtes B-Picture (oder eher schon Z-Movie in der Ed-Wood-Tradition) gehört, mit viel zu langen Szenen, in denen die Schauspieler endlos über Gott und die Welt und ihre Befindlichkeiten reden, anstatt sich mit den nahenden Zombies zu beschäftigen. Die Schauspieler chargieren. Das alles ist wohl witzig gemeint, aber wenn man es nüchtern ansieht, nervt es vor allem.
Aber nach dem vierten Bier und wenn man nicht schon wieder „Shaun of the Dead“ oder „Warm Bodies“ sehen will, kann „Night of the Living Deb“ eine Funktion erfüllen.
Carnage Park (USA 2016)
Regie:Mickey Keating
Drehbuch: Michael Keating
mit Ashley Bell, Pat Healy, Darby Stanchfield, Larry Fessenden, James Landry Hébert, Michael Villar