Lucas Curstädt erforscht „Denis Villeneuve: Kino der Antagonismen“

Juli 13, 2026

Bis im Dezember Denis Villeneuves dritter und, nach aktueller Planung, als Abschluss einer Trilogie auch letzter „Dune“-Film in die Kinos kommt und James-Bond-Fans sich in den Monaten danach über Meldungen zum neuen 007-Film freuen dürfen, inszeniert von Villeneuve mit einem namentlich noch nicht bekanntem neuem James-Bond-Darsteller, ist genug Zeit um Lucas Curstädts gerade erschienenes Sachbuch „Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen“ zu lesen.

Curstädt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn im Bereich Medienwissenschaft. Er studierte Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Mainz. Auf YouTube betreibt er den Kanal „die zweite produktion“. Dort stellt er in einem sehenswertem Beitrag sein Villeneuve-Buch vor.

Sein Buch über Denis Villeneuve ist keines dieser Filmbücher, in denen chronologisch die Filme des Porträtierten mehr oder weniger kritisch und analytisch besprochen werden. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, in der der Autor eine These aufstellt und dann versucht, sie zu beweisen.

Curstädt behauptet: „Was sich in Villeneuves Filmen zunächst nur registrieren lässt und anschließend immer eruptiver aus ihnen herausbricht, ist ein in unterschiedlichen filmischen Erzählungen widerhallendes Echo auf das Scheitern des politischen Liberalismus, auf den Zusammenbruch der postideologischen Utopie infolge der Anschläge vom 11. September 2001 und auf die dahinter lang verborgene autoritäre Sehnsucht, die sich mittlerweile auch institutionell manifestiert hat. (…)

Wir haben es hier vor allem mit einem Kino zu tun, das wie kaum ein anderes in dieser Größenordnung ein politisches Anliegen besitzt, und zwar aus dem kontraintuitiven Ansatz heraus, zu keinem Zeitpunkt dezidiert politisch zu sein. Die herauszustellende Beonderheit: Villeneuves Filme zeichnen die Ab- und Irrwege einer liberalen Gesellschaft und des aufkeimenden Antagonismus nach, obwohl die jeweiligen Werke autark für sich stehen (…) Doch zwischen der Geschichte junger Studentinnen, die dem Amoklauf eines frauenhassenden Mannes zum Opfer fallen (Polytechnique, Can 2009) und einem aufziehenden Bürgerkrieg in der nahen Zukunft (Blade Runner 2049, USA 2017) spannt sich ein roter Faden, der (neo-)liberale Vergangenheit, antagonistische Gegenwart und (kriegerisch-oligarchische) Zukunft miteinander assoziiert und Bilder für eine Gesellschaft in Anspannung, Aufladung und Aufruhr findet.“

Das ist in jedem Fall eine interessante These, auch wenn ich einiges unter normalem erzählerischem Handwerk einsortieren würde. Villeneuve inszeniert klassisches Erzählkino und seit einigen Filmen intelligentes Blockbuster-Kino. Es gibt also immer einen Protagonisten und seinen Antagonisten. Verbrechen sind oft zentral für die Geschichte. Die Filme spielen in der Gegenwart; auch Villeneuves Science-Fiction-Film („Arrival“, „Blade Runner 2049“, und die „Dune“-Filme) sind, wie alle guten Science-Fiction-Filme, Filme über die Gegenwart.

Wenn wir davon ausgehen, dass Villeneuve ein aufmerksamer Beobachter der Gegenwart ist, dann ist das kein Widerspruch. Innerhalb bestimmter Genrekonventionen können bestimmte Themen gut und für ein großes Publikum zugänglich behandelt werden.

Curstädt beginnt seine Arbeit mit einer theoretischen Einführung über die Suture-Theorie und die politische Theorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Der Zusammenhang zwischen diesem theoretischem Aufschlag und seiner sich daran anschließenden Analyse der Filme von Villeneuves ist diffus und oft nicht erkennbar. Öfters hatte ich den Eindruck, dass Curstädt eine These hat und dann aus Villeneuves Filmen die Szene herauspickt, die als Bestätigung seiner These interpretiert werden können. Ob Villeneuve sie genauso interpretierte, ist egal. Ob diese Interpretation innerhalb des Films die einzig möglich oder die dominante Interpretation ist, ist ebenso egal. Es ist auch unklar, wie sehr die Szene für den gesamten Film steht. Curstädt interessiert sich nicht für den ganzen Film, sondern nur für ein Detail.

So bleibt – auch und gerade wenn man die Filme kennt – der Eindruck einer luftigen Argumentation, die sich weniger aus den Filmen, sondern aus der Absicht des Autors, der eine These beweisen will, herleitet.

Dabei finde ich die These intuitiv als eine mögliche filmübergreifende Interpretation von Villeneuves Filmen interessant und zum Nachdenken anregend. Aber Curstädts Argumentation überzeugt mich nicht.

Curstädts Buch ist und will, wie eingangs gesagt, keine Einführung in das Werk von Denis Villeneuve sein. Dieses Buch muss – und sollte – noch geschrieben werden.

Lucas Curstädt: Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen

Büchner-Verlag, 2026

170 Seiten

25 Euro

Hinweise

zu Lucas Curstädt

Homepage von Lucas Curstädt

Lucas Curstädts „die zweite produktion“

Büchner-Verlag über Lucas Curstädt

zu Denis Villeneuve

Wikipedia über Denis Villeneuve (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Frank-Herbert-Verfilmung „Dune“ (Dune, USA 2021)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Frank-Herbert-Verfilmung „Dune: Part Two“ (Dune: Part Two, USA 2024)

Meine Besprechung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965)

Meine Besprechung von Tanya Lapointe/Stefanie Broos‘ „Hinter den Kulissen von Dune: Part Two (Vorwort von Denis Villeneuve, Einführung von Brian Herbert und Kevin J. Anderson)“ (The Art and Soul of Dune: Part Two, 2024)