Neu im Kino/Filmkritik: Javier Bardem ist „Der perfekte Chef“

Juli 28, 2022

Julio Blanco hält in seiner Fabrik eine dieser salbadernden Reden, die Chefs bei wichtigen Anlässen halten und die ihre Angestellte klaglos über sich ergehen lassen. Der Chef des Familienunternehmens für Industriewaagen sagt, sie alle seien eine Familie, er betont erhaltene Auszeichnungen und deutet an, dass sie, also er, demnächst eine weitere Auszeichnung erhalten könnten. Nämlich den für exzellente Unternehmensführung, verliehen von der Regionalregierung. In den nächsten Tage werde das Auswahlkomitee überraschend die Firma besuchen und dann entscheiden, welcher der Finalisten den Preis erhalten wird.

Bis es soweit ist, vergehen noch einige Tage. Was an diesen Tagen geschieht, erzählt Fernando León de Aranoa („Loving Pablo“) in seiner sanften Satire „Der perfekte Chef“ in der Form einer Chronik. Wochentag folgt auf Wochentag. Figuren werden eingeführt. Manche von ihnen haben Probleme. Ereignisse werden präsentiert, ohne dass über eine lange Zeit deutlich wird, warum sie wichtig sind oder welche Entwicklungen sie auslösen könnten. Es ist wie die Lektüre eines Tagebuches, in das der Schreiber einfach einträgt, was ihm an dem Tag zugestoßen ist. Das ist im Fall von Blanco die Begegnung mit einer jungen, ehrgeizigen Praktikantin, die seine Tochter sein könnte (ist sie nicht). Die Bitte eines Angestellten um Hilfe in einer schwierigen Situation. Blanco hilft, weil ein guter, ein perfekter Chef, das tut. Und weil er das Problem mit einem Anruf lösen kann. Er ärgert sich über einen ehemaligen Angestellten, der lautstark vor dem Firmentor protestiert. Er ärgert sich noch mehr darüber, dass er nichts dagegen tun kann, weil der ehemalige Angestellte das auf einem Stück Land tut, auf dem er ungestört protestieren darf. Und er kümmert sich um die perfekte Ausrichtung der Waage am Firmentor.

Auf den ersten Blick wirkt Blanco wie ein Biedermann, der keiner Fliege etwas antun kann und der immer etwas überfordert von den verschiedenen Anforderungen und Wünschen seiner Angestellten ist. Bardem zeigt allerdings immer, dass das nur der äußere Schein ist. Blanco ist ein hochgradig egoistischer und egozentrischer Mann, der seine Interessen ummäntelt mit dem Wohl der Firma.

Diese Scheinheiligkeit des Firmeninhabers offenbart León de Aranoa schon in den ersten Minuten seiner schwarzen Satire, die eher zum Schmunzeln als zum Lachen anregt. Nach der entlarvenden Ansprache in der Firma zeigt León de Aranoa Blanco und seine Frau beim sonntäglichen Frühstück im Garten. Während sie essen, repariert ein Mann am Swimmingpool eine Pumpe. Auf die Frage seiner Frau, wer das sei, antwortet Blanco seelenruhig und mit einem leicht abschätzigem Tonfall, das sei einer seiner Angestellten. Auf die anschließend schüchtern von ebenjenem Angestellten vorgetragene Bitte, seinem wegen einer nächtlichen Schlägerei inhaftiertem Sohn zu helfen, reagiert Blanco zunächst ablehnend. Auf Bitten seiner Frau und weil ein guter Patriarch das tut, tätigt er dann gönnerhaft einen Anruf bei einem hochrangigem Freund. Das Problem ist gelöst und mindestens zwei Menschen sind Blanco einen Gefallen schuldig.

Alles was in den folgenden gut zwei Stunden über Blanco enthüllt wird, bestätigt nur den ersten Eindruck.

Aber dank Javier Bardems grandiosem Spiel ist „Der perfekte Chef“ sehenswert. Als Schauspielerkino, nicht als Satire.

Der perfekte Chef (El buen patrón, Spanien 2021)

Regie: Fernando León de Aranoa

Drehbuch: Fernando León de Aranoa

mit Javier Bardem, Manolo Solo, Almudena Amor, Óscar de la Fuente, Sonia Almarcha, Fernando Albizu, Tarik Rmili, Rafa Castejón, Celso Bugallo, Martín Páez, Yaël Belicha, Mara Guil, Nao Albet, María de Nati

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Der perfekte Chef“

Metacritic über „Der perfekte Chef“

Rotten Tomatoes über „Der perfekte Chef“

Wikipedia über „Der perfekte Chef“ (englisch, spanisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Er ist da: “Der beste Film aller Zeiten”

Juli 1, 2022

Humberto Suárez ist ein stinkreicher, immer noch agiler, aber schon älterer Unternehmer, der jetzt endlich etwas möchte, an das sich die Nachwelt erinnert. Sein Sekretär schlägt ihm eine Brücke mit seinem Namen vor. Für Suárez ist das zu gewöhnlich. Eine Brücke mit seinem Namen kann sich jeder Unternehmer leisten. Er aber will sein Geld für etwas ausgeben, das ungewöhnlich ist und an das die Menschen sich noch nach seinem Tod erinnern. Zum Beispiel einen Film. Allerdings nicht irgendeinen Film, sondern “der beste Film aller Zeiten”. Sein Sekretär soll ihm dafür die beste Regisseurin und die besten Schauspieler besorgen. Die werden dann, so denkt er sich, aus einem Bestseller den besten Film aller Zeiten herstellen. Aus den besten Zutaten kann ja nur das Beste entstehen.

Die Wahl fällt auf Lola Cuevas (Penélope Cruz) und die Schauspieler Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martinez). Cuevas ist eine rundum exzentrische Avantgarde-Regisseurin mit seltsamen Arbeitsmethoden. Die Kritiker lieben ihre Filme. Rivero ist ein Star, der vor allem in banalen Hollywood-Vehikeln glänzt. Torres ist ein Theaterschauspieler, der um sein Spiel eine ganze Theorie aufgebaut hat. Ihr Spiel und auch ihre Ansprüche an ihre Spiel sind vollkommen verschieden. Aber beide sind von sich überzeugte Gockel, die sich für intelligenter halten als sie sind.

Vor dem Dreh möchte Cuevas mit ihren beiden Stars proben. In einer riesigen, einsam gelegenen modernistischen Villa treffen die Egos aufeinander.

Cuevas bestimmt als Regisseurin zwar die Spielregeln und die immer absurderen Prüfungen, die sie Rivero und Torres auferlegt. Aber es ist immer etwas unklar, ob Cuevas dabei wirklich ein künstlerisches Konzept verfolgt, das zwar mindestens etwas Gaga ist, aber ein Konzept wäre, oder ob sie die beiden Gockel und ihre Eitelkeiten einfach nur zu ihrem (und unserem) Vergnügen demaskieren möchte. In jedem Fall, auch weil Penélope Cruz, Antonio Banderas und Oscar Martinez sich mit Verve in ihre Rollen stürzen, ist „Der beste Film aller Zeiten“ ein Vergnügen.

Leider findet das Vergnügen in einem etwas luftleeren Raum statt. Denn die Regisseure Gastón Duprat und Mariano Cohn beziehen sich primär auf Ideen und Konzepte aus den sechziger und siebziger Jahren.

Am Ende vom ‚besten Film aller Zeiten‘ wissen wir nicht, ob wir den ‚besten Film aller Zeiten‘ gesehen haben, weil wir ja nur die aus dem Ruder gelaufenen Proben für den ‚besten Film aller Zeiten‘ gesehen haben.

Der beste Film aller Zeiten (Competencia oficial, Spanien/Argentinien 2021)

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Drehbuch: Andres Duprat, Gastón Duprat (Co-Autor), Mariano Cohn (Co-Autor)

mit Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martinez, Jose Luis Gómez, Manolo Solo, Nagore Aramburu, Irene Escolar

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über “Der beste Film aller Zeiten”

Metacritic über “Der beste Film aller Zeiten”

Rotten Tomatoes über “Der beste Film aller Zeiten”

Wikipedia über “Der beste Film aller Zeiten” (deutsch, englisch)


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