Neu im Kino/Filmkritik: „Greenland 2“, die Reise geht weiter

Januar 9, 2026

Seit fünf Jahren – und damit seit dem Filmende von Roman Ric Waughs bei der Kritik und dem Publikum überraschend erfolgreicher Dystopie „Greenland“ – leben John Garrity (Gerard Butler), seine Frau Allison (Morena Baccarin) und ihr inzwischen fünfzehnjähriger Sohn Nathan (Roman Griffin Davis) in Grönland in einem Schutzbunker. Sie mussten dorthin flüchten, weil der Einschlag des Kometen Clarke auf der Erde das Klima, die Luft und die Landschaft veränderte. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Radioaktivität, Stürme und unvorhersehbare Einschläge von weiteren Teilen des Kometen machen sie in weiten Teilen unbewohnbar. Das Leben im Bunker ist das neue Normal. Und, obwohl der Bunker langsam auseinanderbricht und sich zu viele Menschen mit zu wenig Nahrung in ihm aufhalten, werden weitere Menschen aufgenommen.

Ausgehend von den ihnen zur Verfügung stehenden lückenhaften Daten, verfechten Wissenschaftler die Theorie, dass an dem Ort, an dem Clarke in Südfrankreich einschlug, neues Leben, möglicherweise sogar in bislang ungeahnter Pracht und Vielfalt, entstehen könnte. Ein Garten Eden.

Als ein Erdbeben den Bunker zerstört, machen die Garritys und einige weitere Bunker -Bewohner sich auf den Weg zu dem Krater. Ihre erste Station ist Großbritannien, oder genauer gesagt, die jezt halb unter Wasser liegende Stadt Liverpool.

Greenland 2“ schickt die Familie Garrity wieder auf die Reise. Nur dass sie dieses Mal nicht von Florida nach Grönland, sondern von Grönland nach Südfrankreich, ihrem neuen Sehnsuchtsort, gehen soll. Und wie es sich für eine Reisegeschichte gehört, ist der Weg das Ziel. Auf ihrer Reise treffen die Garritys ihnen mehr oder weniger freundlich gesonnene Menschen, die sich mehr oder weniger gut in dieser Welt eingerichtet haben und sie müssen viele Gefahren überstehen.

So weit, so konventionell. „Greenland 2“ ist, wie „Greenland“, dystopisches Katastrophenkino, das sich immer in den bekannten Genrekonventionen bewegt und sich dabei auf eine ganz normale Familie ohne besondere Eigenschaften und Fähigkeiten konzentriert. Das ist immer wieder kitschig, manchmal auch brutal und die Spezialeffekte sind immer wieder erstaunlich schlecht. Für die Ansichten zerstörter Großstädte gilt dies nicht. Und die Landschaftsaufnahmen – es wurde auf Island gedreht – gefallen.

Gefallen tut auch, dass es Regisseur Ric Roman Waugh, auch dank des Drehbuchs und den in ihren Rollen glaubwürdigen Schauspielern, gelingt, mit wenigen Strichen Figuren zu zeichnen, die schnell eine eigene Identität erhalten und als klar unterscheidbare Individuen im Gedächtnis bleiben. Das gilt sogar für Figuren, die nur einen kleinen Auftritt (wie eine im Rollstuhl sitzende Frau) oder, kurz vor dem Ziel ihrer Reise, nur einen sekundenlangen Auftritt als Leiche haben. Und es gibt einige gute Action- und Suspense-Szenen. Beispielsweise bei der der Logik des Spannungskinos gehorchenden Überquerung des Ärmelkanals.

Das alles bewegt sich, bodenständig und ohne besondere Innovationen, in dem bekannten Rahmen solcher Filme. Angenehm überraschend ist dagegen die Sicht der Macher auf diese Welt und die Gesellschaft nach der Apokalypse.

Im Gegensatz zu gängigen negativen US-amerikanischen Dystopien entwerfen die Macher von „Greenland 2“ eine positive Dystopie. In US-Dystopien werden nach einer Katastrophe meist alle zivilisatorischen Errungenschaften auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Gemeinschaften sind faschistoide, religiöse und kultische Zwangsgemeinschaften mit einem skrupellosen, oft auch durchgeknalltem Diktator als Anführer. Es gilt das gnadenlos durchgesetzte Recht des Stärkeren. Eine Kugel ersetzt jedes Argument. In „Greenland 2“ wird dagegen immer der Wert von Zusammenarbeit, Vertrauen, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft betont. Es geht, ausgehend von der Kleinfamilie, um den Aufbau von friedlichen Gemeinschaften und einer inklusiven Gesellschaft in einer Welt, in der eben diese Gesellschaften und das Leben auf der Erde durch eine Katastrophe vernichtet wurden. Die Garritys bewegen sich auf ihrer Reise von Grönland nach Südfrankreich durch eine Welt, in der Gewalt allgegenwärtig ist und die Menschheit um ihr Überleben kämpft. Trotzdem werden christliche und humanistische Werte immer noch befolgt und es haben sich mehr oder weniger große, mehr oder weniger beständige Notgemeinschaften gebildet. Staatliche und quasi-staatliche Strukturen bestehen ebenfalls weiterhin; in welchem Umfang bleibt in dem Film, der sich auf die Erlebnisse einer Familie konzentriert, allerdings im Dunkeln. Auch für den überaus normalen und gewöhnlichen Familienvater John Garrity sind Gewalt und Gegengewalt niemals das präferierte Mittel um seine Familie zu beschützen und an das Reiseziel zu gelangen.

Das macht „Greenland 2“ zu einem europäischen Gegenentwurf zu US-amerikanischen Dystopien. Es macht den Katastrophenfilm auch zu einer überraschend positiven Dystopie.

P. S. 1: Als Titel ist „Greenland“, wenn man ihn als ‚Grönland‘ übersetzt, sinnfrei. Wenn man ihn als ‚Grünes Land‘ übersetzt, ist das etwas anderes.

P. S. 2: Der Film wurde, wie gesagt, auch auf Island gedreht. Im Film ist Island untergegangen.

Greenland 2 (Greenland 2: Migration, USA 2025)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Chris Sparling, Mitchell LaFortune

mit Gerard Butler, Morena Baccarin, Roman Griffin Davis, Amber Rose Revah, William Abadie, Sophie Thompson, Trond Fausa, Nelia Valery Da Costa, Ken Nwosu, Denez Raoul

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Greenland 2“

Metacritic über „Greenland 2“

Rotten Tomatoes über „Greenland 2“

Wikipedia über „Greenland 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Snitch – Ein riskanter Deal“ (Snitch, USA 2013)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Angel has fallen“ (Angel has fallen, USA 2019)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Greenland“ (Greenland, USA 2020)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Kandahar“ (Kandahar, USA 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: „Last Breath“, eine unglaubliche, aber wahre Geschichte

Mai 9, 2025

Wie gut ist „Last Breath“? Ziemlich gut. Denn auch wer das Ende der Geschichte kennt, verfolgt das Geschehen atemlos.

Am 18. September 2012 begeben sich in der Nordsee, vor der Küste von Aberdeen/Schottland, die beiden Sättigungstaucher Chris Lemons (Finn Cole) und sein erfahrener Kollege Dave Yuasa (Simu Liu) auf einen Routinetauchgang. In über neunzig Metern Tiefe sollen sie Kabel und Teile einer Anlage zur Ölförderung reparieren. Ihr Kollege Duncan Allcock (Woody Harrelson) bleibt in der Tauchglocke. Von ihrem Unterstützungsschiff, das gerade mit stürmischem Wetter kämpft, wird jede ihrer Bewegungen überwacht. Als Teile des Schiffsystems überraschend ausfallen, soll der Tauchgang abgebrochen werden. Yuasa kann zurück in die Tauchglocke schwimmen. Lemons‘ Versorgungsleine verhakt sich. Sie reißt und er bleibt zurück. Er hat noch Sauerstoff für zehn Minuten. Ohne Sauerstoff kann ein Mensch fünf Minuten überleben. Seine Kameraden versuchen ihn zu retten. Auch nachdem er keinen Sauerstoff mehr hat und sie davon ausgehen müssen, seine Leiche bergen zu müssen.

Sie können ihn ungefähr eine halbe Stunde nach dem Riss seiner Versorgungsleine bergen – und wie alle wissen, die Alex Parkinsons Dokumentarfilm „ Der letzte Atemzug – Gefangen am Meeresgrund“ (Last Breath, 2019), den er jetzt als Spielfilm verfilmte, gesehen haben, überlebte Chris Lemons diesen Tauchgang ohne bleibende Schäden. Eine wirkliche Erklärung dafür gibt es nicht. Vermutet wird, dass es an einer Kombination aus kaltem Wasser und dem Sauerstoffgemisch, das er einatmete, lag.

Parkinson verfilmte diese in der Welt der Sättigungstaucher spielende Geschichte als straffen Unterwasserthriller. Nach einer kurzen Einführung der wichtigsten Figuren und des Lebens auf dem Schiff, zeigt er ungefähr in Echtzeit diesen Tauchgang und wie Lemons gerettet wurde.

Last Breath (Last Breath, USA/Großbritannien 2025)

Regie: Alex Parkinson

Drehbuch: Mitchell LaFortune, Alex Parkinson, David Brooks

mit Woody Harrelson, Simu Liu, Finn Cole, Cliff Curtis, Mark Bonnar, MyAnna Buring, Josef Altin

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Last Breath“

Metacritic über „Last Breath“

Rotten Tomatoes über „Last Breath“

Wikipedia über „Last Breath“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Auf dem Weg nach „Kandahar“

August 19, 2023

Nachdem Black-Ops-Agent Tom Harris (Gerard Butler) im Iran einen Atomreaktor sabotiert hat, wird er enttarnt. Im Fernsehen wird sein Gesicht gezeigt. Ab diesem Moment steht er auf ungefähr jeder iranischen und irgendwie mit dem Iran assozierbaren Todesliste. Er muss also so schnell wie möglich das Land verlassen. Den gebuchten Flug kann er selbstverständlich nicht benutzen. Aber sein Vorgesetzter organisiert einen alternativen Fluchtweg. Er muss nur innerhalb der nächsten 30 Stunden lebendig nach Afghanistan gelangen. In Kandahar steht auf einem alten CIA-Flugplatz dann sein Flugzeug. Begleitet wird er auf der gefährlichen Fahrt durch weitgehend menschenleeres Gebiet von dem afghanischen Übersetzer Mohammad Doud (Navid Negahban).

Verfolgt werden sie von Kahil Nasir (Ali Fazal), einem eiskalten, auf sein Ziel fokussiertem Killer, der anscheinend über unendliche Ressourcen verfügen kann.

Kandahar“ ist nach „Angel has fallen“ und „Greenland“ die dritte Zusammenarbeit von Regisseur Ric Roman Waugh und Gerard Butler. Geschrieben wurde die Geschichte von Mitchell LaFortune, einem ehemaligen Offizier des US-Verteidigungsnachrichtendienstes Defense Intelligence Agency (DIA), der auch in Afghanistan arbeitete.

Das Ergebnis ist ein okayes B-Picture, das lobenswerte Ambitionen hat. Es will nicht nur eine gängige Actiongeschichte erzählen, sondern auch die dortige politische Situation und die damit verbundenen Konflikte beleuchten. Aber letztendlich werden nur die altbekannten Klischees, leicht upgedatet, reproduziert. Die Action ist eher dünn gesät. Dafür wird auf der Fahrt nach Kandahar viel geredet über Krieg und Frieden in der Region.

Kandahar (Kandahar, USA 2023)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Mitchell LaFortune

mit Gerard Butler, Navid Negahban, Travis Fimmel, Ali Fazal

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Kandahar“

Metacritic über „Kandahar“

Rotten Tomatoes über „Kandahar“

Wikipedia über „Kandahar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Snitch – Ein riskanter Deal“ (Snitch, USA 2013)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Angel has fallen“ (Angel has fallen, USA 2019)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Greenland“ (Greenland, USA 2020)