Neu im Kino/Filmkritik: „Vaterland“ – Thomas Mann besucht Deutschland

September 4, 2026

Es sind nur wenige Tage, ein Besuch in der alten Heimat mit einigen Begegnungen, öffentlichen Auftritten und Erinnerungen. Denn auch wenn nichts „Besonderes“ passiert, ist es eine besondere Reise. 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, besucht Thomas Mann mit seiner Tochter Erika Deutschland. Den West- und Ostteil des Landes, aus dem der Literaturnobelpreisträger 1933 vor den Nazis zuerst in die Schweiz und 1938 in die USA floh. Von dort aus schrieb er Texte gegen den Faschismus. Jetzt wird er in Deutschland als große Autorität angesehen. Als ein Mann, der für die Deutschen ein moralischer Kompass sein kann. Aber will er das? Wollen die Deutschen hören, was er sagt? Oder wollen sie nicht einfach nur eine Absolution erhalten? Überleben die hohen Erwartungen der Deutschen die Begegnung mit Thomas Mann?

Wer Manns Biographie kennt und wer auch die Biographien von anderen Heimkehrern kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennt (so kehrte Peter Lorre 1950 zurück, drehte den Film „Der Verlorene“, war von der Reaktion des Publikums darauf tief enttäuscht und verließ Deutschland im Dezember 1951 für immer.), weiß, wie absehbar ernüchternd diese Begegnung verläuft. Denn Mann konnte und wollte nicht die erwartete Absolution erteilen.

Pawel Pawlikowski verfilmte jetzt in seinem neuesten Film „Vaterland“ diese Reise fiktionalisiert in SW, im 1.33:1-Format und in langen, kargen Szenen. Es ist der sofort wiedererkennbare Stil, den er in seinen letzten Filmen etablierte und perfektionierte. Das macht „Vaterland“ zu einem cineastischen Genuss und Schauspielerkino. Hanns Zischler und Sandra Hüller übernahmen die Rollen von Thomas Mann und seiner Tochter Erika, die seine Tochter, seine Fahrerin und seine Sekretärin ist. Sie organisiert alles, damit der Großliterat nur noch die Bühne betreten muss.

Die anderen bekannten Schauspieler, unter anderem August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt und Milan Peschel, haben meist nur einen Auftritt. Der ist dafür prägnant.

Die Frage nach Fremdheit und Zugehörigkeit, nach Ansprüchen von Außen und dem Umgang damit, die Pawlikowski vor zerbombter und kaum wiederaufgebauter Kulisse stellt, sind zeitlos aktuell.

Mit insgesamt 82 Minuten ist „Vaterland“, wie Pawlikowskis vorherige hochgelobte Dramen „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ und „Ida“, sehr kurz. Aber es ist genau die Zeit, die der präzise verdichtete, zum Nachdenken anregende Film mit seinen im Gedächtnis bleibenden Bildern braucht.

Vaterland (Polen/Deutschland/Italien/Frankreich 2026)

Regie: Paweł Pawlikowski

Drehbuch: Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten

mit Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Fritzi Haberlandt, Milan Peschel, Joachim Meyerhoff

Länge: 82 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Vaterland“

Moviepilot über „Vaterland“

Metacritic über „Vaterland“

Rotten Tomatoes über „Vaterland“

Wikipedia über „Vaterland“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 5. Oktober: Ida

Oktober 5, 2016

Arte, 20.15

Ida (Polen/Dänemark 2013, Regie: Pawel Pawlikowski)

Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Rebecca Lenkiewicz

Polen, um 1960: eine junge, im Waisenhaus aufgewachsene Novizin macht sich auf die Reise in ihre Vergangenheit. Von einer Tante erfährt sie, dass ihre jüdischen Eltern während des Holocaust ermordet wurden.

TV-Premiere des Films, der den Auslands-Oscar erhielt, von der Kritik gefeiert und vom deutschen Publikum schmählich ignoriert wurde, zu einer ordentlichen Uhrzeit.

Ein überzeugend gespieltes Drama, das gerade wegen seiner inhaltlichen Offenheit lange nachwirkt.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Agata Trzebuchowska, Agate Kulesza, Dawid Ogrodnik, Jerzy Trela, Adam Szyskowski

Wiederholung: Freitag, 7. Oktober, 14.05 Uhr

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Ida“

Metacritic über „Ida“

Rotten Tomatoes über „Ida“

Wikipedia über „Ida“ (deutsch, englisch)