Shaun of the Dead (Shaun of the Dead, Großbritannien 2004)
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Simon Pegg, Edgar Wright
Es dauert einige Zeit, bis der lethargische Elektroverkäufer Shaun und sein arbeitsloser Kumpel Ed mitbekommen, dass gerade eine Zombie-Apokalypse die Menschheit dezimiert. Aber danach überlegen sie, was sie tun sollen, gehen in die Offensive – und zum nächste Pub.
Kultige Zombie-Horror-Splatterkomödie, die in einer gut besuchten Mitternachtvorstellung noch spaßiger als auf der heimischen Couch ist. Mit oder ohne Cornetto.
Und hier einige zeitgenössische Urteile: „Schräger Film“ (Lexikon des internationalen Films) „Sympathische Splatterkomödie“ (epd-Film) „Kinospaß für Splatterfans“ (Zitty)
mit Simon Pegg, Nick Frost, Kate Ashfield, Lucy Davis, Dylan Moran, Penelope Wilton, Bill Nighy, Martin Freeman, Rafe Spall, Chris Martin, Jonny Buckland, Edgar Wright
Es war, so heißt es, eine Geheimoperation, die den Verlauf des Zweiten Weltkriegs entscheidend beeinflusste.
1943 wollten, wie wir aus den Geschichstbüchern wissen, die Alliierten über Sizilien einen Angriff auf das deutsche Militär starten. Damit dieser Angriff nicht mit einem Abschlachten der eigenen Leute am Strand endet, wurde überlegt, wie der Angriff mit möglichst wenigen Verlusten gelingen könnte. Das könnte mit einem Ablenkungsmanöver gelingen, das dazu führt, dass die deutschen Truppen zu einem anderem Ort abgezogen werden.
Eine Idee kam anscheinend von Ian Fleming, der später James Bond erfand. Damals war er im Geheimdienst der Marine Assistent von Admiral James Godfrey. Heute wird davon ausgegangen, dass Fleming die Idee hatte (geklaut aus einem Roman) und sie mit weiteren Ideen in einem Memo zusammenfasste. Admiral Godrey unterschrieb dann das Trout Memo, das bereits 1939 erstellt wurde und 54 mögliche Täuschungsoperationen auflistete,
Die Idee war, den Deutschen eine Leiche mit geheimen Dokumenten zuzuspielen. Die Deutschen sollten Glauben, dass sie streng geheime Informationen über künftige Truppenbewegungen erhalten hatten. In Wirklichkeit waren es Falschinformationen, die die Deutschen dazu bringen sollten, ihre Soldaten an bestimmten Orten abzuziehen. In diesem Fall sollten die Deutschen glauben, dass der Angriff der Alliierten nicht über Sizilien, sondern über Griechenland erfolgen würde.
Der Plan wurde akzeptiert. Eine kleine Gruppe, geleitet von den Geheimdienstler Ewen Montagu (Colin Firth) und Charles Cholmondeley (Matthew Macfadyen), machte sich an die Umsetzung.
John Madden erzählt jetzt in „Die Täuschung“ die Geschichte dieser Operation. Gut inszeniert, top besetzt, historisch akkurat und auch etwas gediegen. Sein Film ist altmodisches Schauspielerkino, das so auch schon vor Jahrzehnten hätte entstehen können. Madden erzählt, wie Montagu und Cholmondeley die richtige Leiche suchen, wie sie Dokumente fälschen und alles, aber auch wirklich alles und das allerletzte und allerkleinste Detail bedenken, damit ihr Plan aufgeht. Es geht also auch um Liebesbriefe, Fotos, Theaterkarten undsoweiter. Das alles soll dem Leichnam eine glaubwürdige falsche Identität verschaffen.
Dabei muss verhindert werden, dass die Deutschen von ihrem Plan erfahren; – wobei, und das ist das Problem der Filmgeschichte – das für die im Film porträtierten Geheimdienstler keine dramatischen Folgen gehabt hätte. Sie hätten dann einfach die Operation zu den Akten gelegt und sich dem nächsten Projekt zugewandt. Schließlich war in dem Moment sowieso unklar, ob ihr Plan Erfolg gehabt hätte oder an irgendeinem Punkt, den sie nicht hätten beeinflussen können, gescheitert wäre. Zum Beispiel wenn die Leiche nicht gefunden worden wäre, wenn die Dokumente nicht an die richtigen Personen übergeben worden wären oder wenn die deutschen Offiziere und Adolf Hitler die Pläne einfach nicht geglaubt hätten.
Im Film wird die Bedrohung durch eine vorzeitige Entdeckung des Plans durch feindliche Agenten stärker betont als es wohl der Realität der Fall war. Das gleiche gilt für private Probleme und eine angedeutete Liebesgeschichte zwischen den Hauptpersonen. Vor allem die Liebesgeschichte, die auch ohne Kenntnis der Fakten immer wie eine Konzession an Hollywood-Sehgewohnheiten wirkt, wirkt eher störend auf den Fortgang der Haupthandlung.
Diese Dramatisierungen zeigen auch, dass die Geschichte der Operation Mincemeat eine Geschichte ist, die sich besser für ein spannendes Sachbuch über die größten Geheimoperationen der vergangenen Jahrhunderte eignet. Ben Macintyre, der Autor der nicht ins Deutsche übersetzten Sachbuch-Vorlage für den Film, hält die Operation Mincemeat für „probably the most successful military deception operation ever carried out“. Oder, wenn es denn ein Film sein soll, für einen Dokumentarfilm, einen kleinen Subplot in einem Film (Wollen wir wirklich wissen, wer wie die Dossiers für James Bond zusammenstellt?) oder für eine locker-flockig mit den Fakten spielende TV-Miniserie wie „Fleming: Der Mann, der Bond wurde“. In der zweiten Hälfte der dritten 45-minütigen Episode geht es ebenfalls um die Operation Mincemeat. Denn, seien wir ehrlich, einige brave Beamte, die am Schreibtisch detaillierte Pläne entwerfen, sind nicht so wahnsinnig aufregend. Auch wenn es um Pläne geht, die unser Leben entscheidend beeinflussen.
Ian Fleming sah es ähnlich. Sein James Bond arbeitet nicht an einem Schreibtisch, sondern reist um die Welt.
Die Täuschung(Operation Mincemeat, Großbritannien 2021)
Regie: John Madden
Drehbuch: Michelle Ashford
LV: Ben Macintyre: Operation Mincemeat, 2010
mit Colin Firth, Matthew Macfadyen, Kelly Macdonald, Penelope Wilton, Johnny Flynn, Jason Isaacs, Mark Gatiss, Hattie Morahan, Mark Bonnar
1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erhält die in London lebende Journalistin Juliet Ashton einen Brief. Dawsey Adams vom Lesezirkel „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ bittet sie um die Adresse einer Buchhandlung, die Bücher von Charles Lamb führt. Neugierig geworden durch den epischen Namen des Buchclubs und Dawseys Briefe, beschließt die sich gerade in einer Schaffenskrise befindende Juliet, für einige Tage auf die Insel zu fahren, die Mitglieder des Buchclubs kennen zu lernen, die Hintergründe des Namens (Was ist ein Kartoffelschalenauflauf?) zu erfahren und einen Bericht darüber zu schreiben.
Schnell – immerhin ist Mike Newells neuer Film ein romantischer Liebesfilm – verliebt sie sich in den Prachtburschen Dawsey, die Mitglieder des Buchclubs und die Insel, die während des Kriegs von Deutschen besetzt war. Diese Besatzung ist auch der schon in den ersten Filmminuten enthüllte Grund für den seltsamen Namen des Buchclubs. Die Mitglieder des damals noch nicht existierenden Buchclubs werden nachts, reichlich angeheitert von einer gemeinsamen Feier, von einer deutschen Patrouille erwischt. Um einer Bestrafung zu entgehen, behauptet Elizabeth McKenna, sie seien die Mitglieder eines Buchclubs. Um diese dreiste Behauptung gegenüber den Deutschen aufrecht zu halten, gründen sie dann schnell, durch eine Anmeldung bei den Besatzern, den Buchclub. Sie treffen sich dann zu regelmäßigen Leserunden, die auch den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl zwischen ihnen stärken.
„Vier Hochzeiten und ein Todesfall“-Regisseur Mike Newell wechselt in seinem neuen Film „Deine Juliet“ zwischen Rückblenden, in denen wir mehr über die Geschichte des Buchclubs während des Kriegs erfahren, und in der Gegenwart spielenden Szenen, in denen Juliet die Kanalinsel Guernsey kennen und lieben lernt und sie sich in den alleinerziehenden Farmer Dawsey verliebt. Dabei gelingt ihm nicht die richtige Mischung zwischen den Handlungssträngen, die sich mehr im Weg stehen als sich gegenseitig zu verstärken.
Die Liebesgeschichte zwischen der Journalistin Juliet und Dawsey kommt nicht recht voran. Das liegt nicht an Juliets schnöseligem Liebhaber, einem US-Soldaten, der sie heiraten möchte und, nachdem sie länger als geplant auf Guernsey bleibt, auch auf der Insel besucht. Es liegt an den zahlreichen Rückblenden und weil Juliet beginnt, nach der verschwundenen Gründerin des Buchclubs zu suchen. Elizabeth wurde von den Nazis deportiert. Ihre Freunde wissen nicht wo sie ist, aber Juliet will herausfinden was mit ihr geschah. Das Ergebnis ihrer für die damalige Zeit erstaunlich einfachen Recherche erfahren wir im Film.
Und, immerhin geht es um einige Menschen, die Bücher lesen und darüber reden, die Faszination des Lesens stellt sich nicht ein. Der Film macht noch nicht einmal neugierig auf einige Bücher, die im Film erwähnt werden.
Ein weiteres Manko der in seiner Geschichte vorhersehbaren Liebeserklärung an die gute alte Zeit ist, dass „Deine Juliet“ auf Guernsey spielt, man aber fast nichts von der Insel sieht und vom Lebensgefühl einer Insel spürt. Weil das heutige, bei Touristen beliebte Guernsey nicht mehr an das Nachkriegs-Guernsey erinnert, wurde in Cornwall und Devon gedreht und das sieht dann wie die Rosamunde-Pilcher-Welt aus.
Deine Juliet (The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, USA/Großbritannien 2018
Regie: Mike Newell
Drehbuch: Kevin Hood, Thomas Bezucha, Don Roos
LV: Mary Ann Shaffer/Annie Barrows: The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, 2008 (Deine Juliet – Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf)
mit Lily James, Michiel Huisman, Matthew Goode, Jessica Brown Findlay, Tom Courtenay, Penelope Wilton, Katherine Parkinson, Glen Powell
Ab und an, erstaunlich selten für seinen Ruf, dreht Steven Spielberg einen richtigen Kinderfilm; wie jetzt in seinem erstem Walt-Disney-Film. „BFG – Big Friendly Giant“ über die Freundschaft zwischen einem Waisenmädchen und einem Riesen. Einem freundlichem Riesen, der in einer seltsamen Sprache spricht und Träume sammelt und verteilt.
Der Film basiert auf dem Kinderbuch „Sophiechen und der Riese“ von Roald Dahl, das 1985 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Es war – Dahl starb 1990 – seine Lieblingsgeschichte und bevor er sie aufschrieb, erzählte er sie seinen Kindern und Enkeln. Es ist eine kurze, schlichte Geschichte in der ein Mädchen von einem Riesen entführt wird, nachdem es ihn in der Nacht gesehen hat. Schnell befreundet sich Sophiechen mit ihm und erfährt, dass es noch andere Riesen gibt, die vor allem Kinder fressen und die sich wie Schulhofhalbstarke benehmen. Mit dem BFG (Big Friendly Giant) oder, in der deutschen Übersetzung, dem GuRie (Der gute Riese) will sie alle Kinder vor den Menschenfressern retten. Dafür benötigt sie die Hilfe der Queen – und das Frühstück von Sophie und dem Riesen bei der Queen ist im Roman und im Film ein humoristischer Höhepunkt. „Sophiechen und der Riese“ ist auch ein sehr dialoglastiges Buch mit sehr wenigen Beschreibungen. Das meiste wird der Fantasie der jungen Leseratten überlassen.
Für einen Spielfilm ist Dahls Buch, eher eine kurzweilige Ansammlung von Episoden und oft sehr witzigen Dialogen und Wortspielen, allerdings zu kurz geraten. Einige der Dialoge, etwa wenn der BFG sich über die Essgewohnheiten der anderen Riesen auslässt sind für einen Kinderfilm nicht so geeignet.
Die 2015 verstorbene Melissa Mathison, die für Spielberg bereits „E. T. – Der Außerirdische“ (USA 1982) schrieb, musste den Roman zu einem Spielfilm aufpeppen und der Vorlage treu bleiben. So folgt die Verfilmung der Vorlage, baut sie allerdings immer wieder aus, was Steven Spielberg die Gelegenheit gibt, in Bildern und Actionszenen zu schwelgen. Das beginnt schon in den ersten Minuten, wenn Sophie (Sophiechen in der deutschen Übersetzung) von dem Riesen entführt wird und sie sich kurz darauf in der Höhle des Riesen zuerst vor ihm verstecken will (Indiana Jones wäre stolz auf sie) und anschließend vor den bösen Riesen, die durch die Wohnung des BFG randalieren, verstecken muss. Sie tut es in einer Kotzgurke. Die schmecken, in den Worten des BFG, „nach Hurgelgurgel und Würgelrülps“.
Schon in diesen Minuten fällt auf, wie gut das Zusammenspiel von Mark Rylance, der den guten Riesen spielt, und Ruby Barnhill, die die zehnjährige Sophie spielt, ist und wie nahtlos die Verbindung zwischen realen und digital bearbeiteten Bildern ist. Fast nie hat man den Eindruck, dass hier Bilder zusammengefügt wurden. Denn selbstverständlich ist Rylance keine sieben Meter groß und die Schauspieler der anderen, noch größeren Riesen sind auch keine zwölf bis sechzehn Meter groß. Aber die gezeigte Welt ist bis ins letzte Detail stimmig.
Das gefällt, auch wenn die Filmgeschichte immer noch sehr episodisch ist und es eigentlich keinen Konflikt und damit keine Spannung gibt. Denn die Idee, wie die Riesen besiegt werden können, kommt aus heiterem Himmel, die Queen ist sofort überzeugt und der Kampf gegen die Menschenfresser-Riesen ist schnell vorbei.
Es ist auch ein Film, der sich gezielt an Kinder richtet. Die dürften verzaubert sein. Jugendliche und Erwachsene werden sich da, im Gegensatz zu „E. T.“, konsequent unterfordert fühlen.
BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Melissa Mathison
LV: Roald Dahl: The BFG, 1982 (Sophiechen und der Riese; BFG – Big Friendly Giant)
mit Mark Rylance, Ruby Barnhill, Penelope Wilton, Jermaine Clement, Rebecca Hall, Rafe Spall, Bill Hader
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
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Die Vorlage
Zum Filmstart erschien Roald Dahls „Sophiechen und der Riese“ unter dem Filmtitel, mit dem Teaser-Filmplakat als Titelbild und einigen Filmfotos, die nichts von der Bildgewalt des Films verraten.
Lesenswert!
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Roald Dahl: BFG – Big Friendly Giant
(übersetzt von Adam Quidam, mit Zeichnungen von Quentin Blake)
Der Film endet mit einem Gemälde, auf dem zwei junge Frauen uns, in einem Garten stehend, anlächeln. Die eine ist schwarz, die andere weiß. Heute ist das nichts besonderes, aber als das Bild gemalt wurde, waren weiße Frauen die Hausherrinen und schwarze Frauen bestenfalls unsichtbare Angestellte im Haushalt. Auf einem Gemälde durften sie höchstens die Hausherrin knieend anbeten. In dem Gemälde stehen sie nebeneinander. „Dido Elizabeth Belle“ erzählt auch die Geschichte von diesem Bild, das Drehbuchautorin Misan Sagay und Regisseurin Amma Asante zu ihrem Film inspirierte.
Die Geschichte der beiden Porträtierten Dido Elizabeth Belle (1761 – 1804) und ihrer Halbcousine Elizabeth Murray (1760 – 1825) beginnt als Sir John Lindsay, Admiral der königlichen britischen Marine, die junge Dido aus den Slums im Hafenviertel von Bristol holt. Das Kind ist seine Tochter und als Vater wird er sich um sie und ihr finanzielles Wohlbefinden kümmern. Vor einer längeren Schiffsreise bringt er sie in das Haus von Lord Mansfield. Sie soll bei seiner Familie auf dem damals ländlich gelegenem Kenwood House bei London leben.
Lindsay stirbt auf der Reise. Die Mansfield erziehen Dido wie ihre eigene Tochter in einem erstaunlich vorurteilsfreiem Haushalt, wovon auch das 1779 entstandene Gemälde zeugt. Kenwood House war ein Kokon, in dem Dido und Elizabeth lebten und ausgebildet wurden.
Erst als Erwachsene, als Dido verheiratet werden soll, bemerkt sie wirklich, in welcher Gesellschaft sie lebt und wie ungewöhnlich ihre Hautfarbe ist. Jedenfalls in dieser Gesellschaftsschicht. Sie könnte damals die einzige gemischtrassige Dame der adligen Gesellschaft im gewesen sein. Die meisten Schwarzen waren damals Sklaven.
Ähnlich wie Steve McQueens etwas später in den USA spielendes Drama „12 Years a Slave“ thematisiert Amma Asantes Film die Sklaverei. Aber während McQueen ein formal strenges und auch ungemütliches Drama inszenierte, geht Asante einen anderen Weg. Sie nimmt die bekannte und beliebte Jane-Austen-Welt der Schönen und Reichen, die prächtigen Paläste und Kostüme und erzählt innerhalb dieser Welt von einem Mischlingskind, das um seinen Platz in dieser Gesellschaft kämpft. Sie muss sich zwischen einer Vernunftheirat und einer Liebesheirat mit einem aufstrebendem, idealistischen Pfarrerssohn und Rechtsgelehrten, der öfters im Kenwood House war, entscheiden. Asante zeigt, wie sehr Hochzeiten damals wirtschaftliche Vereinbarungen waren, die nichts mit Liebe zu tun hatten, weshalb Didos großes Erbe sie zu einer begehrenswerten Frau und ihre arme, ebenfalls gutaussehende Halbcousine zu einem hässlichen Entlein macht.
Neben den eher konfliktfreien Liebesbanden steht der Gerichtsprozess über den Tod von 142 afrikanischen Sklaven 1781 auf dem Sklavenschiff „Zong“, der Didos Bewusstsein für ihre Lage und die Sklaverei schärft, im Zentrum des Films.
Lord Mansfield war damals der oberste Richter Englands. Er musste 1783 in dem aufsehenerregenden und umstrittenen Prozess das Urteil sprechen. Die Sklaven waren während der Schiffspassage über Bord geworfen worden. Die Versicherung weigerte sich, die fälligen zwanzig Pfund pro toten Sklaven, die damals einfach eine versicherungsfähige Fracht waren, zu bezahlen, weil die Reederei die Sklaven niemals bis zum Ziel befördern wollte. Die Reederei zog vor Gericht. Die Gegner der Sklaverei versuchten den Prozess um ein Wirtschaftsverbrechen in einen Prozess gegen die Sklaverei umzuwidmen.
Wenn man „Dido Elizabeth Belle“ aus dieser Jane-Austen-Perspektive betrachtet, entfaltet das brave, auf Tatsachen basierende, gut gespielte Historiendrama mit einer aus heutiger Sicht eher passiven Protagonistin, ständigen und nach dem zweiten Mal ermüdenden Wiederholungen der ökonomischen Dimension von Hochzeiten (was dann fast wie Überlegungen für Firmenfusionen klingt) und dem vorhersehbaren Gerichtsverfahren (jedenfalls in punkto Versicherungsbetrug) ungeahnte Qualitäten. Denn in einer rosarot-kitschigen Friede-Freude-Eierkuchenwelt geht es plötzlich um Menschen und wirkliche Probleme, die ein Publikum, das sich nur an schönen Menschen, die in schöner Landschaft schöne Dinge tun, erfreuen will, zum Nachdenken anregt.
Dido Elizabeth Belle (Belle, Großbritannien 2013)
Regie: Amma Asante
Drehbuch: Misan Sagay
mit Gugu Mbatha-Raw, Tom Wilkinson, Emily Watson, Sam Reid, Sarah Gadon, Miranda Richardson, Penelope Wilton, Tom Felton, James Norton, Matthew Goode