Neu im Kino/Filmkritik: Pädojagd zur „Primetime“ im US-TV

September 25, 2026

Vom 11. November 2004 bis zum 28. Dezember 2007 moderierte Chris Hansen die Sendung „To Catch a Predator“. Sie wurde von MSNBC im Rahmen der auf True Crime spezialisierten Nachrichtensendung „Dateline NBC” ausgestrahlt. In zwanzig Episoden jagte und überführte er Pädophile. Lockvögel tauschten mit ihnen vor einem Treffen Nachrichten aus. Auf den Treffen überführte Moderator Hansen sie, interviewte sie und übergab sie anschließend der Polizei. Alles wurde aufgenommen und später ausgestrahlt. Das Publikum liebte die Show. Moralische Bedenken wurden ignoriert. Schließlich kocht gegenüber Pädophilen die Volksseele.

Jetzt nahm sich Dokumentarfilmer Lance Oppenheim in seinem Spielfilmdebüt “Primetime”, nach einem Drehbuch von Ajo Singh, dieser Fernsehsendung an. Er erzählt die Geschichte der Show. Irgendwann soll nicht mehr nur den ‚Pädophilen der Woche‘, sondern eine hochstehende, wichtige, prominente Person überführt werden. Er erzählt die Geschichte des Moderators Chris Hansen (Robert Pattinson), der unbedingt ein bekannter Moderator werden will. Aber er hat nicht die Fähigkeiten, um einer der Top-Politik-Journalisten des Landes zu werden. Und er erzählt die Geschichte des Jungschauspielers Dan Plumb (Skyler Gisondo), der unbedingt ein bekannter Schauspieler werden möchte. Aber er hat noch nicht einmal eine Karte der Schauspielgewerkschaft. Als er das Angebot von „To Catch a Predator” annimmt, hat er keine Ahnung, für welche Rolle er sich bewirbt – und dass das definitiv keine Rolle ist, die man später stolz in seinen Lebenslauf eintragen wird. Er soll nämlich einen der Lockvögel spielen.

Das sind jetzt drei verschiedene Geschichten, die Oppenheim irgendwie alle gleichzeitig erzählt. Das tut er, visuell anfangs durchaus interessant, später nervig in einem dunkel-matschigem Retrostil, der nicht die Ästhetik von TV-Bildern aus den nuller Jahren spiegelt. Sie erinnern eher an Live-TV-Bilder aus den achtziger, vielleicht sogar siebziger Jahren.

Er erzählt alles, ohne dass jemals eine eigene Haltung zu der Geschichte erkennbar wird. Es wird auch nicht erkennbar, welche Geschichte ihn am meisten interessierte. So ist „Primetime” eine Mediensatire, die keine Mediensatire ist, ein Drama, das kein Drama ist und eine Charakterstudie ohne Charaktere. Chris Hansen, Dan Plumb und die anderen im Film gezeigten Personen gewinnen dafür zu wenig Tiefe. Sie sind nicht nur unsympathisch, sondern auch uninteressant. Alles ist in diesem nihilstischen Kosmos schmerzhaft offensichtlich. Die Medienkritik bleibt schon im Ansatz stecken. Für eine richtige Medienkritik hätte Oppenheim etwas über die Auswirkung der Sendung und der Diskussion über die Jagd und Bestrafung von mutmaßlichen Sexualstraftätern sagen müssen. Er glorifiziert sie auch nicht als bahnbrechender, für die Entwicklung des Fernsehens und die Behandlung des Themas wichtige Sendung. Er dämonisiert sie in den Bildern. Und Robert Pattinson hat seinen Spaß als sich für einen guten Journalisten haltenden, paranoiden Möchtegern-Dämon. Das ist keine Kritik. Das ist Oberfläche, die immer wieder daran erinnert, wie viel möglich gewesen wäre. 

Am Ende kann man „Primetime” als unentschlossenes Noir-Porträt zweier Karrieristen sehen, die über keinen moralischen Kompass verfügen. Sie wollen nur ihr Gesicht im Fernsehen sehen.

Primetime (Primetime, USA 2026)

Regie: Lance Oppenheim

Drehbuch: Ajon Singh

mit Robert Pattinson, Skyler Gisondo, Anna Faris, Merritt Wever, Phoebe Bridgers

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Primetime“

Metacritic über „Primetime“

Rotten Tomatoes über „Primetime“

Wikipedia über „Primetime“ (deutsch, englisch)