LV: Haruki Murakami: Drive my Car, 2014 (Erzählung, enthalten in „Von Männern, die keine Frauen haben“)
Der verwitwete Regisseur Yusuke Kafuku soll in Hiroshima für ein Festival Anton Tschechows Theaterstück „Onkel Wanja“ inszenieren. Eine Bedingung der Organisatoren ist, dass er sich während seines Engagements von einem Chauffeur jeden Tag vom Hotel zum Theater und zurück fahren lässt. Hamaguchi zeigt, wie Kafuku und seine Fahrerin Misaki Watari sich auf den langen täglichen Autofahrten langsam näher kommen und wie die Proben zu Kafukus Tschechow-Neuinterpretation verlaufen.
TV-Premiere. Sehr ruhiges, sich langsam über drei Stunden entwickelndes Drama, das in Cannes den Drehbuchpreis und später den Oscar als bester internationaler Film erhielt.
Verglichen mit seinem neuesten Film „Evil does not exist“ wirkt sein vorheriger Film, das mit dem Oscar als bester internationaler Film ausgezeichnete ruhige Drei-Stunden-Drama „Drive my Car“, wie ein redseliges Werk. Der Grund dafür liegt in der Entstehungsgeschichte. Regisseur Ryūsuke Hamaguchi begann die Arbeit an „Evil does not exist“ mit Aufnahmen für eine Live-Performance der Musikerin Eiko Ishibashi. Und da hätten Dialoge nur gestört. Aus diesen Bildern und Hamaguchis Musik entwickelten sich dann die Bilder und die Geschichte des Films, in dem es um die Interaktion von Mensch und Natur geht.
In dem Dorf Mizubiki in der Nähe von Tokio leben der Gelegenheitsarbeiter Takumi und seine kleine Tochter Hana ein bescheidenes Leben im Einklang mit der Natur. Als eine aus Tokio kommende Agentur ihnen eine Glamping-Anlage als künftigen Touristenmagneten und Geld- und Jobbringer für das Dorf verkaufen will, sind die Dorfbewohner misstrauisch. Denn Glamping, also glamouröses Camping (oder Camping ohne all die Ärgernisse des Campings), klingt nicht wie natürverträgliches Camping, sondern wie Lärm und Schmutz, verursacht von vergnügungssüchtigen Städtern, die nach Sonnenuntergang am Lagerfeuer feiern.
Bei einer von den Projekt-Machern kurzfristigst einberufenen Informationsveranstaltung für die Bewohner von Mizubiki werden deshalb von ihnen viele berechtigte Bedenken angemeldet. Die beiden Präsentatoren des Projekts, Takahashi und Mayuzumi, bemerken, wie wenig durchdacht das von ihnen präsentierte Projekt ist.
Als sie ihren Vorgesetzten von den Bedenken erzählen, wollen diese das Projekt dennoch unverändert durchsetzen und so beträchtliche Fördergelder erhalten. Takahashi und Mayuzumi sollen Takumi als örtlichen Berater engagieren. Sie hoffen, dass er sich bei den anderen Einheimischen für das Projekt einsetzt. Nachdem er ihnen vertraut.
Das klingt jetzt wie ein saftiges Polit-Drama über die skrupellose Ausbeutung der Natur zugunsten kapitalistischer Interessen. Doch nichts davon könnte falscher sein. Es dauert ewig, bis es zu der Informationsveranstaltung kommt. Und es dauert noch länger, bis Takumi als örtlicher Berater engagiert wird. Bis dahin zeigt Hamaguchi Takumi bei alltäglichen Verrichtungen, wie Holz hacken, Wasabi sammeln und, für ein Restaurant, sauberes Wasser aus dem Bach holen. Er streift durch den Wald. Seine Tochter streift durch den Wald. Sie treffen sich mit Nachbarn. Und immer wird viel geschwiegen. So dauert es über zehn Minuten, bevor der erste Satz gesagt wird.
Das macht „Evil does not exist“, mit der Ambient-Musik von Eiko Ishibashi (die auch für Hamaguchis „Drive my Car“ die Musik schrieb), zu einer sehr langsamen und ruhigen Meditation über das einfache, in großer Nähe zur Natur stehende Leben. Wie in seinen vorherigen Filmen will Hamaguchi keine Antworten vorgeben. Er beobachtet, deutet an, lässt Raum für Assoziationen und verweigert eindeutige Antworten. Insofern ist das vollkommen rätselhafte, quer zur Filmgeschichte liegende Ende konsequent.
Evil does not exist(Aku wa sonzai shinai, Japan 2023)
Auf der letztjährigen Berlinale, – der Berlinale, die wegen der Coronavirus-Pandemie nicht im gewohnten Rahmen stattfand -, erhielt Ryusuke Hamaguchis „Das Glücksrad“ den Silbernen Bären. Sein nächster Film, die Haruki-Murakami-Verfilmung „Drive my Car“, lief in Cannes im Wettbewerb, erhielt den Oscar als bester internationaler Film und lief auch bei uns im Kino. Die Kritiken waren überaus positiv bis euphorisch.
Und jetzt kommt sein Berlinale-Film endlich ins Kino. Im Gegensatz zu „Drive my Car“ erzählt Hamaguchi in „Das Glücksrad“ drei voneinander unabhängige, ungefähr gleich lange Geschichten von jeweils etwa vierzig Minuten.
Die erste erste Geschichte „Magie (oder etwas weniger Zuverlässiges)“ beginnt mit einer langen nächtlichen Taxifahrt, in der zwei Freundinnen sich ohne einen Schnitt eine gute Viertelstunde unterhalten. Gumi hat, wie sie ihrer Freundin Meiko erzählt, einen neuen Freund, der für sie die große Liebe ist. Meiko bemerkt irgendwann während Gumis Schwärmereien, dass dieser Traumprinz ihr Ex-Freund ist, den sie in diesem Moment immer noch oder wieder liebt. In jedem Fall will sie wissen, ob er sie noch liebt.
In der zweiten Geschichte, „Die Tür bleibt offen“, will Nao ihren Französisch-Professor, der in der Universät eine konsequente Politik der offenen Tür verfolgt, verführen. Nachdem sie sich getroffen haben, will sie ihm eine E-Mail schicken. Aber sie schickt sie an die falsche Adresse. Und dieses Mal landet die Mail beim Empfänger nicht im Papierkorb.
Die dritte Geschichte „Noch einmal“ ist fast eine Science-Fiction-Geschichte. Fast weil der Computervirus, der zum Verschwinden von E-Mails und einer Wiederauferstehung der Briefpost führt, letztendlich nur ein Gimmick ist. Nach zwanzig Jahren will Moka in Sendai bei einem Klassentreffen ihre heimliche Liebe aus der Schulzeit wieder treffen. Auf der Straße wird sie von ihr angesprochen. Oder handelt es sich dabei um eine Verwechslung? Und wäre das wirklich schlimm oder nicht doch eine glückliche Fügung?
Die Kurzfilme sind formal und inhaltlich Kurzgeschichten, die eigentlich gut im Fernsehen in vierzigminütigen Happen genossen werden können, aber besser im Kino genossen werden. Denn Hamaguchi erzählt extrem zurückhhaltend und mit großer Sympathie für seine Figuren. Er beobachtet sie ohne Wertungen in langen Szenen, die nur selten von einem Schnitt unterbrochen werden. In den drei Geschichten reden die Figuren so viel und die Drehorte sind so anonym-austauschbar, dass die Filme auch bebilderte Hörspiele sein könnten.
Dieser Stil und das langsame Erzähltempo verführen natürlich dazu, wenn das Smartphone in Griffnähe ist, mal schnell seine Mails zu checken, weil im Film gerade nichts passiert. Das ist allerdings ein Irrtum. Unterschwellig passiert viel. Hamaguchi will allerdings nichts vorgeben. Er vertraut auf den aufmerksamen Zuschauer, der kleinste Nuancen erfasst, mitdenkt und interpretiert.
Deshalb wird „Das Glücksrad“ den Menschen gefallen, denen auch „Drive my Car“ gefiel. Für alle anderen ist Hamaguchis ’neuer‘ Film ein guter und auch gut zugänglicher Einstieg in seine Welt, in der eine kleine Veränderung der Beginn von etwas größerem sein kann.
Das Glücksrad (Guzen to Sozo, Japan 2021)
Regie: Ryusuke Hamaguchi
Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi
mit Kotone Furukawa, Kiyohiko Shibukawa, Katsuki Mori, Fusako Urabe, Aoba Kawai, Ayumu Nakajima, Hyunri, Shouma Kai
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
internationaler Titel: Wheel of Fortune and Fantasy
Die Story von Ryusuke Hamaguchis neuem Film „Drive my Car“ kann schnell nacherzählt werden. Es geht um Yusuke Kafuku. Zwei Jahre nach dem plötzlichen Tod seiner Frau trauert er immer noch um sie. Da erhält er das Angebot, in Hiroshima für ein Festival Anton Tschechows Theaterstück „Onkel Wanja“ zu inszenieren. Eine Bedingung der Organisatoren ist, dass er sich während seines Engagements von einem Chauffeur fahren lässt. Widerwillig akzeptiert er diese Bedingung, die ihn zwingt, sich jeden Tag von seinem Hotel zum Theater und zurück fahren zu lassen. Immerhin ist Misaki Watari eine gute Fahrerin.
Hamaguchi erzählt, nach einer Erzählung von Haruki Murakami, in epischen drei Stunden – wobei die ersten vierzig Minuten ein vor Hiroshima spielender Prolog sind – wie sich Kafuku und Watari langsam öffnen. Denn beide haben den Tod eines für sie wichtigen Menschen nicht überwunden. Aber vor ihrem ersten Gespräch sagt Kafuku, dass diese langen Fahrten zwischen dem Hotel und dem Theater für ihn die Möglichkeit sind, sich das Theaterstück immer wieder anzuhören und so immer tiefer zu verinnerlichen. Deshalb dauert es mehrere Autofahrten und gemeinsam verbrachte Stunden im engen Auto, bis sie beginnen sich zu unterhalten. Wobei ihre Gespräche eher längere Monologe sind.
Gleichzeitig sehen wir die Proben für das Tschechow-Stück, bei dem Kafuku die Rolle von Onkel Wanja mit dem für die Rolle viel zu jungen Takatsuki besetzt. Kafuku glaubt, dass Takatsuki ein Liebhaber seiner Frau gewesen ist.
Auch diese Proben für das Theaterstück beobachtet Regisseur Hamaguchi äußerst geduldig und zurückhaltend. Immer wirkt es, als ob er einen Dokumentarfilm inszeniere und beim Dreh möglichst wenig auffallen wolle. Die Schauspieler spielen extrem zurückhaltend und sie bewegen sich kaum. Das führt dazu, dass „Drive my Car“ oft wie ein bebildertes Hörspiel wirkt. Diese Methode führt dazu, dass wir uns sehr auf den Text einlassen können und müssen. In ihm und nicht in den Bewegungen oder der Mimik der Schauspieler steckt die Wahrheit. Und weil die Schauspieler ihre Texte möglichst ausdruckslos vortragen sollen (das ist auch das Konzept von Hamaguchi bei seiner Tschechow-Inszenierung), ist „Drive my Car“ von einer medidativen Ruhe geprägt.
In Canner erhielt Hamaguchi neben dem Drehbuchpreis auch den FIPRESCI-Preis und den Preis der Ökumenischen Jury.
Drive my Car (Doraibu mai kā, Japan 2021)
Regie: Ryusuke Hamaguchi
Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi, Oe Takamasa
LV: Haruki Murakami: Drive my Car, 2014 (Erzählung, enthalten in „Von Männern, die keine Frauen haben“)
mit Hidetoshi Nishijima, Toko Miura, Masaki Okada, Reika Kirishima, Park Yurim, Jin Daeyeon