TV-Tipp für den 9. Februar: Der gute Bulle: Heaven can wait

Februar 8, 2024

Arte, 20.15

Der gute Bulle: Heaven can wait (Deutschland 2024)

Regie: Lars Becker

Drehbuch: Lars Becker

TV-Premiere. Vierter Einsatz des ‚guten Bullen‘: Hauptkommissar Fredo Schulz (Armin Rohde) hat Krebs und, ohne Behandlung, nur noch drei Monate zu leben. Anstatt ins Krankenhaus zu gehen, stürzt er sich in seinen nächsten Fall. Ein Sicherheitsmann wurde vor einem Wohnblock erschossen. Bei seinen Ermittlungen trifft Fredo auf alte Bekannte und wird in einen Clankrieg verwickelt.

Wahrscheinlich (ich habe den Krimi noch nicht gesehen) gewohnt gute und kurzweilige Unterhaltung von Lars Becker.

mit Armin Rohde, Sabin Tambrea, Johann von Bülow, Nele Kiper, Sabrina Amali, Husam Chadat, Yasmina Djaballah, Mo Issa, Anica Dobra

Hinweise

Arte über den Film

Wikipedia über Lars Becker

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ war es wunderschön

Oktober 6, 2022

Inspiriert von wahren Begebenheiten“ steht auf dem Plakat. Die wichtigste wahre Begebenheit ist, dass Drehbuchautorin und Regisseurin Aelrun Goette in der DDR in den Achtzigern einige Jahre als Model für den VHB Exquisit und die Modezeitschrift „Sibylle“ gearbeitet hat. Wie die Hauptfigur ihres Films wurde sie auf der Straße entdeckt. Aber auch sie will den Film nicht als Biographie oder Enthüllungsgeschichte verstanden wissen. Sie erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte vor einem präzise bestimmtem historischem Hintergrund: nämlich den letzten Tagen der DDR.

Suzie wird im Bus von Coyote fotografiert. Er zeigt das Bild der Chefkoordinatorin des VHB Exquisit und der dort herausgegebenen Modezeitschrift „Sybille“. Anschließend wird Suzie zu einem Shooting eingeladen. Alle sind von der natürlichen Schönheit der jungen, Uuh, Schönheit fasziniert. Suzie taucht in die Welt der Mode und die subkulturelle Modeszene, die so gar nichts mit der Enge ihres Kinderzimmers zu tun hat, ein.

In dem Moment hat die Abiturientin bereits Ärger mit dem Staat. Zwei Volkspolizisten erwischten sie mit einer Kopie von George Orwells „1984“. In einem Kabelwerk muss sie sich in der Produktion bewähren. Da könnte die Arbeit als Model für Modefotografien ein Ausweg sein.

Natürlch kann so eine Geschichte aus der DDR erzählt werden. Die Schauspieler sind auch durchaus glaubwürdig in ihren Rollen.

Aber ich hatte niemals das Gefühl, dass hier eine Geschichte aus einem Land erzählt wird, ‚das es nicht mehr gibt‘, sondern immer, dass eine Geschichte aus einem Land erzählt wird, ‚das es nicht mehr gibt und wahrscheinlich niemals gab‘.

Die Bilder, die Farben, das Verhalten und die Kleidung sind immer irritierend gegenwärtig. Alles ist einfach zu sauber und zu bunt für die Realität. Mein Bild der DDR ist weniger bunt. Auch die BRD war 1989 nicht so bunt, wie es die DDR in diesem Coming-of-Age-Drama gewesen sein soll.

Andere in der DDR spielende Filme, wie Dominik Grafs „Der rote Kakadu“, Christian Petzolds „Barbara“, Andreas Dresens „Als wir träumten“ und „Gundermann“ (um nur einige Filme zu nennen, die mir spontan einfallen), fand ich in dieser Beziehung wesentlich glaubwürdiger. In ihnen wird eine in sich stimmige Welt gezeichnet. Nicht so in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“.

Doch es ist nicht nur die verwendete Farbpalette, sondern auch viele andere Details. So ist die Kleidung, die die Figuren tragen, immer zu sauber und zu neu. Das fällt vor allem in den Szenen auf, in denen Suzie in der Fabrik arbeitet. Da ist auch am Ende der Schicht noch kein Schmutzfleck auf der Arbeitskleidung. Sie passt auch immer zu perfekt, als seien es massgeschneiderte Kleidungsstücke, die erst am Vorabend fertig gestellt wurden.

Auch Suzies Kinderzimmer wirkt weniger wie ein DDR-Kinderzimmer, sondern mit dem Che-Guevara-Bild und dem Atomwaffenfreie-Zone-Schild, wie das Kinderzimmer einer damals in der BRD politisch aktiven Jugendlichen.

Dazu kommen die Redaktionsräume des VHB Exquisit. Gedreht wurden die Szenen in einem alten Kaufhaus und so sieht es auch aus. Nachdem Suzie zuerst eine unscheinbare Einfahrt hinuntergeht, die auch in ein Parkhaus führen könnte, steht sie in einer imposanten, verschwenderisch großen Halle, die keine weitere Funktion hat.

Kommen wir jetzt zum Porträt der Modeszene, die natürlich – weil Künstler halt so sind – unglaublich freigeistig, freizügig und in jede Richtung sexuell aktiv ist.

Hier sollen wir glauben, dass die beiden im Film ausführlich gezeigten Modenschauen sich nicht vor einer aktuellen, gut budgetierten Modenschau verstecken müssen. Eine wurde sogar, weil die Macher gerade ihre Arbeit verloren und von der Stasi beobachtet werden, heimlich und ohne irgendein Budget auf die Beine gestellt. Trotzdem sieht sie unglaublich teuer aus. Die Vorbereitung muss viel Zeit, Mühe und auch Geld gekostet haben.

Bei der anderen Modeschau tritt in Leipzig der offen schwule Visagist Rudi, nachdem eines der Models einen Unfall hatte, in Frauenkleidern auf. Nach einem Schockmoment applaudieren die Apparatschiks. So können sie der Welt zeigen, wie fortschrittlich die DDR ist. Hier dürfen schwule Männer im Finale der Show verkleidet als Frau auftreten und Frauenkleider tragen. Beim Klassenfeind ist das nicht möglich.

Seltsam mutet – immerhin spielt der Film im Sommer 1989 und damit kurz vor dem Ende der DDR – an, dass sich niemand für die Ereignisse, die in dem Moment die DDR und die Welt bewegen, interessiert. Stattdessen geht es um das nächste Foto-Shooting, die nächste Modenschau und das nächste Vergnügen. Mal in der eigenen riesigen Wohnung, mal nackt in der Ostsee.

So ist „In einem Land das es nicht mehr gibt“ ein Film, in dem sich alles falsch anfühlt. Gezeigt wird ein Land, in dem doch eigentlich alles in Ordnung war und in dem man vor über dreißig Jahren schon fortschrittlicher war als es der Kapitalismus heute ist.

Wenn mir jetzt jemand sagt, dass es das alles damals dort gab und er mir das sogar haarklein beweisen kann, ändert das nichts an meinem Gefühl, dass sich hier alles falsch anfühlt. „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ wirkt wie ein Film, der einfach aus der Gegenwart in eine Fantasie-Vergangenheit verlegt wurde, weil man keine Computer im Bild haben wollte.

In einem Land, das es nicht mehr gibt (Deutschland 2022)

Regie: Aelrun Goette

Drehbuch: Aelrun Goette

mit Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Claudia Michelsen, Jördis Triebel, Bernd Hölscher, Sven-Eric Bechtolf, Hannah Ehrlichmann, Gabriele Völsch, Peter Schneider

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „In einem Land, das es nicht mehr gibt“

Moviepilot über „In einem Land, das es nicht mehr gibt“


TV-Tipp für den 17. Februar: Der gute Bulle – Nur Tote reden nicht

Februar 16, 2021

ZDF, 20.15

Der gute Bulle – Nur Tote reden nicht (Deutschland 2020)

Regie: Lars Becker

Drehbuch: Lars Becker

Dritter Einsatz für den guten Bullen Fredo Schulz. Dieses Mal sucht er den Mörder von seinem Partner Milan Filipovic. Der wollte aus dem Polizeidienst ausscheiden und wurde an seinem letzten Tag im Dienst erschossen. Fredo und Milan waren gerade dabei, eine Drogenkurierin vom Flughafen zum Präsidium zu fahren, als diese auf die Toilette wollte. Während der Pause wurden sie überfallen. Danach beginnt Fredo den Täter (den wir Zuschauer schon kennen), die Flüchtige und die Hintermänner (dito) zu suchen. Außerdem muss Fredo sich mit einem neuen Partner herumschlagen, der es mit den Regeln besonders genau nimmt. Im Gegensatz zu Fredo.

Gewohnt unterhaltsame Krimi-Kost von „Nachtschicht“-Macher Lars Becker. Mehr muss wirklich nicht über diesen in Berlin spielenden Multikulti-Krimi gesagt werden.

Deshalb kann ich sofort zu den Neuigkeiten kommen: Am Montag, den 29. März 2021, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr den neuen „Nachtschicht“-Krimi „Blut und Eisen“.

Lars Becker hat gerade mit den Dreharbeiten für „Alles auf Rot“ (Arbeitstitel) begonnen. In dem Krimi erzählt er ein neues Abenteuer der korrupten Polizisten Diller und Kessel. Der Sendetermin steht noch nicht fest.

mit Armin Rohde, Edin Hasanovic, Sabin Tambrea, Johann von Bülow, Nele Kiper, Lo Rivera, Timo Jacobs, Anica Dobra, Carlo Ljubek, Andreas Anke

Hinweise

ZDF über den Film

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Stefan Ruzowitzkys Herman-Hesse-Verfilmung „Narziss und Goldmund“

März 12, 2020

Laut der IMDB ist „Narziss und Goldmund“ die, wenn man die TV-Filme mitzählt, achte Hermann-Hesse-Verfilmung. Das ist angesichts der immer noch vorhandenen Popularität des 1962 verstorbenen Literaturnobelpreisträgers erstaunlich. Auch weil viele während ihrer Jugend (so mit 14 Jahren beim Interrail-Fahren durch Europa) eine Hesse-Phase hatten. Die zweite Hesse-Phase soll dann im hohen Alter kommen. Da sollte es in den vergangenen Jahrzehnten doch einige Regisseure gegeben haben, die sich seiner Romane annehmen und daraus einen Film machen. Die bisherigen Verfilmungen, unter anderem „Der Steppenwolf“ mit Max von Sydow, sind weitgehend und aus verschiedenen Gründen obskur. Das kann von Stefan Ruzowitzkys Verfilmung von „Narziss und Goldmund“ nicht behauptet werden. Mit einem ordentlichem Budget, mittelalterlichen Schauwerten und bekannten Schauspielern (Jannis Niewöhner, André M. Hennicke, Emilia Schüle, Uwe Ochsenknecht, Kida Khodr Ramadan, Jessica Schwarz, Sunnyi Melles, Matthias Habich und Sabin Tambrea) bearbeitete er Hesses Geschichte für die große Leinwand und für ein Mainstream-Publikum. Und er nahm sich einige Freiheiten.

Im Mittelpunkt der irgendwann im Mittelalter spielenden Geschichte stehen Narziss und Goldmund, die sich zum ersten Mal als Knaben im Kloster Mariabronn treffen. Narziss ist ein sehr begabter Novize, der auch seinen Lehrern widerspricht. Er ist ein Intellektueller, ein Geistesmensch, der mit einem enthaltsamen, von der Welt abgewandtem Leben im Kloster glücklich wird.

Goldmund ist das Gegenteil. Der Zehnjährige wird von seinem Vater ins Kloster gebracht, damit er etwas lernt. Narziss wird vom Abt zu Goldmunds Lehrer ernannt. Der Abt hofft, dass so auch Narziss etwas für sein weiteres Leben lernt.

Nach einer kurzen Zeit, in der die beiden Jungen sich näher kommen (und, ja, im Buch und Film wird einem eine homosexuelle Liebesgeschichte nahe gelegt), verlässt Goldmund das Kloster. Er will die Welt erkunden, Abenteuer erleben und Sex haben. Seine Schule sind nicht Bücher und das Nachdenken in einer stillen Kammer, sondern das eigene Erleben und, später, das Schaffen von Kunstwerken, die aus seinem eigenen Erleben ihre Kraft ziehen.

Während Hesse die Geschichte von Narziss und Goldmund chronologisch erzählt und immer bei Goldmund bleibt, wählt Ruzowitzky eine wesentlich komplizierte Struktur. Bei ihm kommt Goldmund, wie im Roman, fünfzehn Jahre nach seinem Abschied aus dem Kloster zurück. In dem Moment sind ungefähr 25 Filmminuten vergangen. Im Kloster erhält Goldmund von Narziss, der inzwischen zum Abt wurde, den Auftrag, einen Altar zu schnitzen. Während der Arbeit am Altar erzählt Goldmund Narziss, was er in den vergangenen Jahren erlebte. Gleichzeitig regt sich im Kloster Widerstand gegen Goldmunds viel zu offensichtlich von seinen weltlichen Erlebnissen und der Suche nach seiner Mutter inspirierte Arbeit.

Außerdem verlegte Ruzowitzkys Hesses zeitlich nicht genau verorteten Roman in ein Fantasy-Mittelalter, das zeitlich überhaupt nicht mehr zu verorten ist. Es wurde einfach genommen, was gefällt. Auch wenn es aus verschiedenen Jahrhunderten stammt. Ruzowitzkys Hesse-Mittelalter ist sauber. Die Schauspieler haben blendend weiße Zähne, einen akkuraten Haarschnitt und trendige Klamotten. Die Männer dürfen sehr oft ihren nackten Körper präsentieren. Vor allem „Goldmund“ Jannis Niewöhner zeigt mehrmals einen preiswürdigen Waschbrettbauch, der eindeutig aus dem Fitness-Studio um die Ecke stammt. Die Frauen bleiben dagegen züchtig verhüllt.

Die Filmgeschichte wird durch die von Ruzowitzky gewählte Struktur in den Rückblenden schnell redundant. Wie Casanova stolpert Goldmund von dem einen unglücklich endendem Liebesabenteuer zum nächsten, das ebenso unglücklich endet, weil Goldmund sich wieder in die falsche Frau verliebt hat. Außerdem hat er überhaupt kein Interesse an einer längerfristigen Bindung. Deshalb kann er sich umstandslos in die nächste Affäre stürzen.

Zur gleichen Zeit bleibt der von Ruzowitzky erfundene Konflikt um den Altar, den Goldmund für das Kloster anfertigt, an der Oberfläche und über Narziss‘ Aufstieg im Kloster erfahren wir im Film nicht mehr als im Buch. Da verschwindet er allerdings die meiste Zeit aus der Geschichte.

Ruzowitzkys „Narziss und Goldmund“ ist eine gut gemeinte Literaturverfilmung, die immerhin gut genug für den Schulunterricht ist.

P. S.: Fun Fact: Sunnyi Melles, die hier eine Gräfin spielt, hatte ihr Filmdebüt 1974 als Judith Melles in der schon erwähnten Verfilmung von „Der Steppenwolf“.

Narziss und Goldmund (Deutschland 2020)

Regie Stefan Ruzowitzky

Drehbuch: Stefan Ruzowitzky, Robert Gold (Ko-Autor)

LV: Hermann Hesse: Narziss und Goldmund, 1930

mit Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, André M. Hennicke, Henriette Confurius, Emilia Schüle, Uwe Ochsenknecht, Kida Khodr Ramadan, Jessica Schwarz, Sunnyi Melles, Roxane Duran, Matthias Habich

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(pünktlich zum Filmstart mit einem neuen Cover)

Hermann Hesse: Narziss und Goldmund

Suhrkamp, 2020 (Filmausgabe)

320 Seiten

10 Euro

Erstausgabe

S. Fischer Verlag, 1930

 

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Narziss und Goldmund“

Moviepilot über „Narziss und Goldmund“

Wikipedia über „Narziss und Goldmund“ und Hermann Hesse

Suhrkamp-Sonderseite über Hermann Hesse

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Cold Blood – Kein Ausweg, keine Gnade“ (Deadfall, USA/Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Das radikal Böse“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Die Hölle – Inferno“ (Österreich/Deutschland 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „La Gomera“, pfeifende Gangster, viel Geld und viele Fragezeichen

Februar 14, 2020

Beginnen wir mit der offiziellen Synopse:

Der Polizist Cristi (Vlad Ivanov) lässt sich mit der Mafia ein und fliegt auf. Nun folgen ihm verdeckte Ermittler auf Schritt und Tritt und hören seine Wohnung ab. Daher gibt sich die schöne Gilda (Catrinel Marlon) als seine Geliebte aus und drängt ihn zu einer Reise nach La Gomera. Cristi soll die geheime Pfeifsprache der Inselbewohner lernen, damit er trotz Überwachung mit der Gaunerbande kommunizieren kann. Pfeifend versuchen sie den Matratzenfabrikanten Zsolt (Sabin Tambrea) aus dem Gefängnis zu befreien, denn der ist der einzige, der weiß, wo die 30 Millionen des letzten Coups versteckt sind. Doch alle Beteiligten spielen ein doppeltes Spiel und bald geraten die Ereignisse außer Kontrolle.

Das klingt nach einem zünftigem Kriminalfilm und er beginnt auch schön atmosphärisch mit der Ankunft des korrupten Polizisten auf der Kanareninsel. Musikalisch knackig, aber auch etwas einfallslos mit Iggy Pops „The Passenger“ unterlegt.

Danach springt die Geschichte in zahllosen Kapiteln zwischen La Gomera und Bukarest, zwischen der Gegenwart und verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit hin und her, ohne dass eine nachvollziehbare Geschichte erkennbar wird. Die kann man sich erst nach dem Abspann mühsam zusammenpuzzeln. Bis zum Ende hinterlassen die willkürlich angeordneten Kapitel vor allem Fragezeichen. Die Motive, Interessen und Konflikte der einzelnen Figuren und in welcher Beziehung sie zueinander stehen, bleiben im Dunkeln.

Einzelne witzige Szenen, wie Polizist Cristi beim Lernen der Pfeifsprache, und die Anspielungen auf, vor allem, den Film Noir, mal in der Figurenzeichnung, mal bei den Konflikten und Handlungsmustern (was beim Sehen immerhin etwas interpretatorische Gewissheit verschafft), mal durch ein konspiratives Treffen in einem Kino, in dem der Westernklassiker „Der schwarze Falke“ läuft, erfreuen selbstverständlich das Herz des Cineasten. Aber sie ändern nichts daran, dass schnell der Eindruck entsteht, in „La Gomera“ werde durch eine fragmentierte Erzählweise von einer inhaltlichen Leere und nicht schlüssigen Figurenzeichnungen abgelenkt.

La Gomera (La Gomera, Rumänien/Frankreich/Deutschland 2019)

Regie: Corneliu Porumboiu

Drehbuch: Corneliu Porumboiu

mit Vlad Ivanov, Catrinel Marlon, Rodica Lazar, Sabin Tambrea, Antonio Buíl, Agustí Villaronga, George Pistereanu

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „La Gomera“

Moviepilot über „La Gomera“

Metacritic über „La Gomera“

Rotten Tomatoes über „Lo Gomera“

Wikipedia über „La Gomera“


TV-Tipp für den 16. Dezember: Der Mann aus dem Eis

Dezember 16, 2019

Arte, 22.20

Der Mann aus dem Eis (Deutschland/Italien/Österreich 2017)

Regie: Felix Randau

Drehbuch: Felix Randau

Die Welt, vor 5300 Jahren: Kelab will die Ermordung seiner Familie rächen. Er verfolgt die Mörder in die Alpen.

TV-Premiere. Zwiespältiger Quasi-Stummfilm, der eine mögliche Geschichte erzählt über Ötzi, den 1991 im Gletschereis der Ötztaler Alpen entdeckten erstaunlich gut erhaltenen Leichnam aus der Jungsteinzeit.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow, Sabin Tambrea, Martin Augustin Schneider, Axel Stein, Franco Nero

Das Buch zum Film

Albert Zink (Hrsg.): Der Mann aus dem Eis

Reclam, 2017

184 Seiten

12,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Mann aus dem Eis“

Moviepilot über „Der Mann aus dem Eis“

Rotten Tomatoes über „Der Mann aus dem Eis“

Wikipedia über „Der Mann aus dem Eis“ und Ötzi

Meine Besprechung von Felix Randaus „Der Mann aus dem Eis“ (Deutschland/Italien/Österreich 2017)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Fakten und Vermutungen über Ötzi, „Der Mann aus dem Eis“

Dezember 1, 2017

Am 19. September 1991 entdeckt das Ehepaar Simon bei einer Wandertour durch die Ötztaler Alpen im Gletschereis eine gefrorene Leiche. Schnell fanden Gerichtsmediziner heraus, dass die Leiche nicht einige Tage oder Jahre, sondern mindestens viertausend Jahre alt ist. Ötzi, wie der Mann aus dem Eis wegen des Fundorts schnell genannt wurde, war eine Sensation für die Wissenschaft. Denn die Leiche aus der Jungsteinzeit war gut erhalten, mumifiziert und damit ein wundervolles, noch nie dagewesenes und bisher einzigartiges Forschungsobjekt über unsere Frühgeschichte.

Auch Felix Randau war fasziniert von Europas ältester Mumie. Er fragte sich, wie viele andre Menschen, wie Ötzi vor 5300 Jahren gelebt hat und warum er in den Alpen, im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Österreich, ermordet wurde. Ausgehend von dieser Frage erzählt er in seinem Spielfilm „Der Mann aus dem Eis“ die Geschichte von Kelab, einem Dorfoberhaupt einer kleinen, in den Südtiroler Alpen lebenden Sippe. Als er auf der Jagd ist, wird sein Dorf von Krant und seinen beiden Söhnen Tasar und Gosar überfallen. Die drei Männer ermorden Kelabs Sippe und zerstören die Siedlung.

Kelab will sich an den Mördern rächen.

Randau erzählt in seinem Film eine gradlinige, ziemlich banale Rachegeschichte, deren größtes Problem ihre Behauptung ist, Ötzis Geschichte zu erzählen und er dann munter drauflos fantasiert. Denn obwohl die Forscher immer mehr über Ötzi wissen – über seine Verletzungen, seine Tätowierungen, seine Nahrung, seine Krankheiten, seine Werkzeuge und auch dass er ermordet wurde -, wissen sie sehr wenig. Sie können nur Vermutungen über den Grund für den Mord anstellen. Sie wissen auch, mangels schriftlicher Aufzeichnungen, nichts darüber, wie die Menschen zusammen lebten und wie sie sich verständigten. Hier werden im Film mehr oder weniger glaubhafte Vermutungen, die mehr oder weniger nah am Forschungsstand sind, angestellt.

Trotzdem wirkt Ötzis Welt nie glaubhaft als Reenactment. Die Alpenlandschaft, durch die Kelab streift, sieht aus, wie die Alpenlandschaften, die man mühelos jedes Wochenende besuchen kann. Keine Überhöhungen, keine Geheimnisse oder ein archaisches Gefühl, sondern nur Wiesen und Steine. Die benutzen Waffen und Kleider wirken wie gerade aus der Kostümkammer entnommen und nicht als ob sie in mühevoller Handarbeit hergestellt und lange benutzt wurden. Alles, und ich meine wirklich alles, wirkt wie aus dem Fundus für einen x-beliebigen Fantasy-Film zusammengestellt.

Verglichen mit Alejandro G. Iñárritus Rachewestern „The Revenant“, der einem als Referenz immer wieder einfällt, fällt das Scheitern von „Der Mann aus dem Eis“ noch deutlicher auf. Alles was in „The Revenant“ stimmt und ihn zu einem in jeder Beziehung überwältigendem Kinoerlebnis machte, fehlt in „Der Mann aus dem Eis“.

Der Mann aus dem Eis“ erinnert dagegen, auch weil der Film fast vollständig auf Dialoge verzichtet, an einen Stummfilm, der sich wenig um historische Genauigkeit bemüht.

Zum Filmstart erschien bei Reclam ein reichhaltig bebildertes „Buch zum Film“. Das von Albert Zink herausgegebene Buch enthält Interviews mit Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Regisseur Felix Randau, Randaus Drehbuch und, in der zweiten Hälfte, eine von Zink geschriebene faktenreiche Bestandsaufnahme der Forschung zu dem Mann aus dem Eis. Zink ist der Leiter des Instituts für Mumienforschung der EURAC Research in Bozen und das merkt man. Denn dieser Teil ist im akademischen Tonfall eines Wissenschaftlers geschrieben, der die aus der Forschung bekannten Fakten präsentiert. Ein Journalist hätte daraus einen Wissenschaftskrimi gemacht.

Der Mann aus dem Eis (Deutschland/Italien/Österreich 2017)

Regie: Felix Randau

Drehbuch: Felix Randau

mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow, Sabin Tambrea, Martin Augustin Schneider, Axel Stein, Franco Nero

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Albert Zink (Hrsg.): Der Mann aus dem Eis

Reclam, 2017

184 Seiten

12,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Mann aus dem Eis“

Moviepilot über „Der Mann aus dem Eis“

Rotten Tomatoes über „Der Mann aus dem Eis“

Wikipedia über „Der Mann aus dem Eis“ und Ötzi