Neu im Kino/Filmkritik: „Generation Beziehungsunfähig“ ist doch beziehungsfähig

August 1, 2021

Tim ist inzwischen in den Dreißigern. Trotzdem lebt er immer noch das Leben eines Pubertierenden: wenn er nicht gerade in einer hippen Social-Media-Agentur abhängt und es regelmäßig bezahlte Arbeit nennt, hängt er mit seinem WG-Kumpel Luis auf der Couch zum Computerspielen ab oder er triftt sich mit einer seiner zahlreichen Freundinnen/Sexualpartnerinnen. Normalerweise meldet er sich nach dem Sex nicht wieder bei ihr. Denn an einer langfristigen Beziehung, Heirat, Kindern und einem bürgerlichem Leben hat er kein Interesse. Wobei er auch an anderen Dingen kein erkennbares Interesse hat. Immerhin will er jetzt, nachdem auf einer Party sein erstes Buch ohne sein Wissen zu Konfetti verarbeitet wurde, sein zweites Buch schreiben.

Als er im Verkaufsraum einer Tankstelle eine junge Frau trifft, die ihm sein Stracciatella-Eis vor der Nase wegschnappt, ändert sich sein Liebesleben. Sie ist jung, selbstverständlich gut aussehend und etwas frech. Der erste Sex ist auch hemmungslos gut. Ebenso der zweite, dritte, vierte undsoweiter, bis Tim dann erstmals doch mehr als Sex haben möchte. Nur die Frau, die einfach nur ‚Ghost‘ heißt, will das nicht.

Generation Beziehungsunfähig“ ist eine deutsche Komödie, die auf Michael Nasts gleichnamiger Sammlung von Kolumnen basiert. Weil Kolumnen schlecht verfilmt werden können, haben Regisseurin Helena Hufnagel und ihre Co-Autorin Hilly Martinek sich eine Geschichte ausgedacht, die in einer beliebig austauschbaren größeren Stadt spielt. Einige Gebäude und vor allem der Abspann verraten, dass die Komödie in Köln gedreht wurde. Aber es hätte auch genausogut Berlin, Hamburg, München, Stuttgart oder Wuppertal sein können. Die Figuren sind, höflich formuliert, blasse Fantasiefiguren, die all den erwartbaren und schon tausendmal wiedergekäuten Klischees über junge Großstädter entsprechen. Die Geschichte und die Witze sind nicht besser.

So ist vollkommen unklar, was Tims Problem ist und warum wir uns für ihn interessieren und mit ihm mitfühlen sollten. Denn er ist einfach ein Frauen ausnutzendes, egozentrisches Arschloch, das damit keine Probleme hat. Es gibt für ihn keinen Grund, warum er sein Leben verändern möchte, soll oder muss. Denn müssen muss er nichts. Niemand und nichts zwingt ihn dazu, sein Leben zu überdenken. Wenn er dann von Ghost geghosted wird, er also von jemand anderem so behandelt wird, wie er bislang Frauen behandelte, hält sich unser Mitleid in Grenzen. Schließlich tut sie nur das, was er immer tut.

Im Film wird auch nie deutlich, was am Leben als Single so schlimm ist. Außer man verfolgt die konservative Idee einer lebenslangen Bindung in einer traditionellen Kernfamilie, die problemlos den Segen des stockkonservativen katholischen Dorfpfarrers erhalten könnte.

Generation Beziehungsunfähig“ ist ein weiteres sich in Studiokulissen abspielendes, mit anonymen Bildern einer Großstadt garniertes, in irgendeiner Parallelwelt spielendes RomCom-Gewürge, das in deutschen Filmen so schon seit Jahrzehnten serviert wird und durch Wiederholung nicht realistischer wird. So kann kein Porträt einer Generation entstehen.

Wie es anders geht, zeigt in wenigen Wochen Johanna Moder in ihrem bitterbösen Generationen- und Milieuporträt „Waren einmal Revoluzzer“. Das grandiose Drama hat alles, was „Generation Beziehungsunfähig“ nicht hat. Der aktuelle Starttermin ist der 9. September 2021.

Generation Beziehungsunfähig (Deutschland 2021)

Regie: Helene Hufnagel

Drehbuch: Helene Hufnagel, Hilly Martinek

LV: Michael Nast: Generation Beziehungsunfähig, 2016

mit Frederick Lau, Luise Heyer, Henriette Confurius, Verena Altenberger, Tedros Teclebrhan, Maximilian Brückner, Victoria Trauttmansdorff, Kida Khoor Ramadan

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Generation Beziehungsunfähig“

Moviepilot über „Generation Beziehungsunfähig“

Wikipedia über „Generation Beziehungsunfähig“


TV-Tipp für den 17. Mai: Systemsprenger

Mai 16, 2021

ZDF, 20.15

Systemsprenger (Deutschland 2019)

Regie: Nora Fingscheidt

Drehbuch: Nora Fingscheidt

Die neunjährige Benni lebt von Wutausbruch zu Wutausbruch, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie zu betreuter Wohnreinrichtung und zurück. Niemand hält es länger mit ihrer Zerstörungswut und ungehemmten Aggression aus. Trotzdem versucht Frau Bafané vom Jugendamt ihr zu helfen. Mit immer neuen Maßnahmen.

Wow, was für ein Film: dicht inszeniert, nah an der Realität, klar in der Analyse und durchgehend einfache Antworten verweigernd. Der Film war ein Kritiker- und Publikumserfolg.

TV-Premiere – und gleich ein dickes Lob an das ZDF für die Uhrzeit (sonst wird so ein Film ja gerne nach Mitternacht versteckt), für die danach folgende haltstündige, den Film vertiefende Doku „Schrei nach Liebe“ (Regie: Liz Wieskerstrauch) und den Mut, einfach mal für einen Abend das heilige Programmschema zu ignorieren. Das heute-journal beginnt deshalb um 22.40 Uhr.

Am Dienstag, den 18. Mai, gibt es um 22.15 Uhr die ebenfalls halbstündige, ebenfalls den Film vertiefende „37°“-Dokumentation „Die Wütenden – Wenn Kinder das System sprengen“ (Regie: Anabel Münstermann, Valerie Henschel).

Mehr zum Film in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan

Hinweise

ZDF über „Systemsprenger“ (bis zum 15. August 2021 in der Mediathek)

Homepage zum Film

Filmportal über „Systemsprenger“

Moviepilot über „Systemsprenger“

Rotten Tomatoes über „Systemsprenger“

Wikipedia über „Systemsprenger“

Berlinale über „Systemsprenger“

Meine Besprechung von Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 4. Mai: Nachtschicht: Cash & Carry

Mai 3, 2020

ZDF, 20.15

Nachtschicht: Cash & Carry (Deutschland 2020)

Regie: Lars Becker

Drehbuch: Lars Becker

Zuerst geht eine Verhaftung schief, weil ein zufällig vorbeikommender Streifenpolizist eine Personenkontrolle bei Elias Zekarias (Tedros Teclebrhan) durchführt. Kurz darauf ist dieser Streifenpolizist tot und zwei Kleingangster, die einen Geldautomaten klauten, sind auf der Flucht. Verfolgt von Erichsen (Armin Rohde), Lisa Brenner (Barbara Auer), Zekarias und etlichen Kollegen, die die Polizistenmörder schnappen wollen.

Gewohnt unterhaltsames Multikulti-“Nachtschicht“-Abenteuer mit einer lustvoll aufspielenden Riege bekannter Schauspieler, humorvoll-pointierten Dialogen und absurden Wendungen. Was auch daran liegt, dass die Gangster nicht gerade die hellsten Leuchten am Christbaum sind und einige Polizisten eine sehr laxe Auffassung von Gesetzestreue haben.

Lars-Becker- und Armin-Rohde-Fans können sich schon einmal den 25. Mai im Kalender notieren. Dann gibt es mit „Friss oder stirb“ einen neuen in Berlin spielenden „Der gute Bulle“-Krimi.

Mit Armin Rohde, Barbara Auer, Tedros Teclebrhan, Minh-Khai Phan-Thi, Özgür Karadeniz, Friederike Becht, Benno Fürmann, Klismann Lefaza Jovete, Pit Bukowski, Hassan Akkouch, Lorna Ishema, Nadeshda Brennicke, Maximilian Brückner, Albrecht Ganskopf, Liz Baffoe

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Systemsprenger“, von Wutausbruch zu Wutausbruch

September 20, 2019

German Films, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt „Systemsprenger“ ins Rennen um den Auslandsoscar. Bis zur Verleihung sind noch einige Hürden zu nehmen, aber von den Filmen, die in der Vorauswahl waren und die ich kenne (ich kenne nicht alle), ist „Systemsprenger“ mit Abstand die beste Wahl.

Nora Fingscheidt erzählt in ihrem Debütfilm die Geschichte von Benni. Einem neunjährigen Mädchen, das sich mit allen Sozialarbeitern anlegt und durch die Netze des Systems fällt. Sie ist ein sogenannter ‚Systemsprenger‘. Keine Hilfeeinrichtung, keine Maßnahme verfängt bei ihr.

Trotzdem versucht Frau Bafané, ihre Sozialarbeiterin, weiter, den Kreislauf zu durchbrechen, in dem Benni in eine Wohngruppe kommt, einen Tobsuchtsanfall hat, bei dem sie andere Kinder verletzt und Gegenstände zerstört werden, und dann, zum Schutz der Gruppe, aus der Gruppe entfernt wird. Danach muss Frau Bafané einen neuen Ort für Bennie suchen.

Fingscheidt erzählt Bennis Odyssee durch das deutsche Hilfesystem immer nah an ihrer Protagonistin Benni, die von Helena Zengel verkörpert wird. Im Bruchteil einer Sekunde wird sie von einem netten Mädchen zu einem den Saal zusammenschreiendem Monstrum. Und sie flippt oft aus. Denn immer wenn etwas nicht so ist, wie sie es gerne hätte, bekommt sie einen Wutanfall. Als Zuschauer entwickelt man schnell eine regelrechte Angstlust. Einerseits fürchtet man sich vor ihrem nächsten Wutausbruch und den Folgen, den dieser für sie hat. Denn jeder Wutausbruch bringt sie weiter von einer dauerhaft-sicheren Umgebung, in der sie sich normal entwickeln kann, weg. Andererseits erwartet man ihn. Denn er wird kommen. Die Frage ist dabei nie ‚ob‘, sondern nur ‚wann‘. Und welche Folgen ihr Schrei nach Liebe hat.

Dieser Kreislauf und die vielen Versuche, Benni daraus zu befreien, ohne ihre Freiheit über Gebühr einzuschränken und ohne sie in einer geschlossenen Psychiatrie ruhigzustellen, zeigt „Systemsprenger“ ohne einseitige Schuldzuweisungen oder Glorifizierungen. Die Sozialarbeiter im Film sind Menschen, die Benni helfen wollen, aber an ihre persönlichen und fachlichen Grenzen stoßen. Das gilt vor allem für Frau Bafané und Michael Heller. Er ist Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche. Mit Benni führt er in intensiver Einzelbetreuung einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer einsam gelegenen Hütte durch.

Sie sind für Benni Bezugspersonen, die aber immer auf die nötige professionelle Distanz achten und Grenzen ziehen müssen. Außerdem sind sie nicht Bennis Mutter. Benni wäre zwar gerne bei ihr, aber sie ist als Erzieherin vollkommen überfordert.

Systemsprenger“ ist in jeder Sekunde pulsierend, frisch, kompromisslos und, gleichzeitig, emotional und analytisch. Er stellt Fragen, ohne eine Lösung zu haben. Das ist junges deutsches Kino, wie man es viel zu selten sieht. Bitte mehr davon!

Und wenn es in einem halben Jahr mit dem Oscar nicht klappt (was erwartungstechnisch für Fingscheidts nächsten Film vielleicht nicht schlecht wäre), sollte ein Produzent ihr unbedingt schnell das Geld für ihren nächsten Film geben.

Systemsprenger (Deutschland 2019)

Regie: Nora Fingscheidt

Drehbuch: Nora Fingscheidt

mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Homepage zum Film

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Berlinale über „Systemsprenger“


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