Online: Ein Blick hinter die Kulissen von Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“

November 18, 2022

Ein informatives Making of. Den insgesamt sehenswerten Kriegsfilm habe ich hier besprochen.

Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)

Regie: Edward Berger

Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell

LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929

mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Seit dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.

Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)

Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014

464 Seiten

11 Euro (Taschenbuch)

9,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Im Westen nichts Neues“

Moviepilot über „Im Westen nichts Neues“

Metacritic über „Im Westen nichts Neues“

Rotten Tomatoes über „Im Westen nichts Neues“

Wikipedia über „Im Westen nichts Neues“ (Film: deutsch, englisch) (Roman: deutsch, englisch) und Erich Maria Remarque (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edward Bergers „Jack“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Edward Bergers „All my loving“ (Deutschland 2019)

Meine Besprechung von Edward Berges Erich-Maria-Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ (Deutschland 2022)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Edward Bergers Erich-Maria-Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“

September 30, 2022

Die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ fand ich, als ich sie vor Ewigkeiten sah, grandios. Die Botschaft von der Sinnlosigkeit dieses Sterbens wurde überzeugend präsentiert. Das war ein Krieg, in dem es nur um ein, zwei Meter matschiges Land ging. Die Bilder vom Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren erschreckend real. Immerhin ist der Film von 1930 und das, was Lewis Milestone damals zeigte, musste sich in punkto graphischer Grausamkeiten nicht vor neueren Kriegsfilmen verstecken. Der Film war damals ein Skandal und hatte in vielen Ländern Probleme mit der Zensur.

In Deutschland protestierten die Nazis gegen den Film. Unter anderem randalierten sie in Aufführungen des Films. Er wurde verboten und kam in einer gekürzten Fassung wieder in die Kinos. Als sie 1933 an die Macht kamen, verboten sie den Film wieder. Erst 1952 wurde „Im Westen nichts Neues“ in der Bundesrepublik wieder aufgeführt; in einer gekürzten, neu synchronisierten Fassung. 1984 rekonstruierte das ZDF den Film. Für diese 135-minütige Fassung, die sich am ursprünglichen Drehbuch orientiert, wurde eine neue Synchronisation erstellt.

Milestones Verfilmung ist schon seit Ewigkeiten ein Filmklassiker. Sie kann inzwischen mühelos als DVD oder Blu-ray gekauft werden. Anfang November veröffentlicht Capelight Pictures eine aus fünf Blu-rays und einer DVD bestehenden „Ultimate Edition“, die mehrere über die Jahrzehnte entstandene Fassungen und deutsche Synchronisationen des Meisterwerks enthält.

Remarques Antikriegsroman ist ebenfalls schon Jahrzehnten ein Klassiker. Der Roman war sofort nach seinem Erscheinen 1929 ein Bestseller und er wurde seitdem immer wieder neu aufgelegt. Er gehörte auch zu den Büchern, die am 10. Mai 1933 von den Nazis öffentlich verbrannt wurden. Der Antikriegsroman liest sich immer noch erstaunlich gut und seine Botschaft ist immer noch aktuell.

Über neunzig Jahren nach der ersten Verfilmung – wenn wir die ebenfalls gelobte, eher vergessene US-TV-Verfilmung von 1979 beiseite lassen – kann auch dieser Roman wieder verfilmt werden. Dieses Mal selbstverständlich in Farbe. Wobei Edward Berger trotzdem fast einen SW-Film inszenierte. Denn in den Schützengräben der Westfront gab es viel Matsch und schmutzige Uniformen.

Erzählt wird – ich folge jetzt der Filmgeschichte, die sich in Details vom Roman unterscheidet – die Geschichte des siebzehnjährigen Paul Bäumer (Felix Kammerer). Der Gymnasiast meldet sich mit seinen Klassenkameraden im Frühjahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst. Sie werden an die Westfront geschickt.

An der Front lernen sie schnell, dass sie nur Kanonenfutter sein werden. Eine falsche Bewegung oder eine zu langsame Reaktion kann den Tod bedeuten. Freundschaften gibt es nur bis zum nächsten Angriff und dem nächsten tödlichen Schuss.

Dieses Schlachtfeld verlässt Berger für einige Minuten, wenn er am Filmanfang zeigt, wie Bäumer und seine Schulkameraden sich euphorisch zum Kriegsdienst melden und freudig mustern lassen, und in einem längerem Subplot über die Waffenstillstandsverhandlungen. Der zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannte Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der das sinnlose Sterben der Frontsoldaten beenden will, verhandelt mit Marschall Ferdinand Foch über das Kriegsende. Der Verhandlungsführer der alliierten Waffenstillstandskommission diktiert dem Zivilisten Erzberger den Friedensvertrag. Am 11. November 1918 unterzeichnete er das Waffenstillstandsabkommen.

Dieser Subplot ist neu. Er liefert etwas historischen Hintergrund für den Zuschauer. Für die Haupthandlung ist diese Nebengeschichte vollkommen unwichtig.

In ihr geht es um das Leben von Bäumer und seinen Kameraden an der Front. Dabei bleiben sie alle austauschbare Figuren, über die wir nichts erfahren. Auch wenn sie im Film öfters auftauchen, erkennen wir sie kaum wieder. Entsprechend wenig berührt uns ihr Tod. Episodisch und ohne Identifikationsfiguren reiht sich hier ein Gefecht an das nächste, ein sinnloser Tod folgt dem nächsten ebenso sinnlosem und zufälligem Tod.

Dieses Sterben an der Westfront inszeniert Edward Berger in langen ungeschnittenen Szenen, die an Sam Mendes‘ „1917“ erinnern.

Die in einem Schloss spielenden Szenen, in denen General Friedrich (Devid Striesow) arrogant über seine Einheiten befiehlt und sie noch in den letzten Minuten des Krieges in den Tod schickt, den er für heldenhaft hält, erinnern an Stanley Kubricks ebenfalls während des Ersten Weltkriegs an der Westfront spielendem Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“.

Berger veränderte auch das Ende des Romans. Er verlegte es vom Oktober 1918 auf das Kriegsende und nimmt ihm viel von der Wucht, die Remarques Ende hat. Oder, anders gesagt: an das Romanende erinnere ich mich noch Jahrzehnte nach der Lektüre. An dieses Filmende werde ich mich wahrscheinlich in einigen Wochen nicht mehr erinnern.

Und damit kommen wir zu einem weiteren Problem des Films. Remarque bezeichnete seinen Roman in der Erstauflage als einen Bericht über Generation, die vom Krieg zerstört wurde. Heute ist der Roman unbestritten ein Antikriegsroman, der vor allem an der Front spielt und immer bei seiner Hauptfigur, dem Ich-Erzähler Paul Bäumer, bleibt. Aber Remarque schreibt auch darüber, wie ein Gymnasiast mit hohen Idealen in den Krieg zieht und er an der Front alle seine Illusionen über den ehrenhaften Kampf und den Einsatz für das Vaterland verliert. Es ist damit auch die Geschichte einer Degeneration eines Bildungsbürgers, die schon in der Ausbildung in der Kaserne beginnt.

Im Film ist Bäumer nur noch ein x-beliebiger Frontsoldat ohne Familie, Überzeugungen oder Ideale. Er ist ein Gymnasiast, aber er könnte genausogut ein Analphabet sein.

Ohne diese Verortung in eine bestimmte Zeit und Gesellschaft verkommt die Botschaft des Films zu einem banalen „Kriege sind schlimm“ und „Für Generäle sind einfache Soldaten nur Kanonenfutter“. Das ist nicht falsch, ist aber angesichts des Krieges in der Ukraine etwas unterkomplex.

Trotzdem ist der mit zweieinhalb Stunden etwas lang geratene, episodische Kriegsfilm ein sehenswerter Film, der eindeutig für die große Leinwand komponiert wurde.

Und danach sollte man unbedingt die Vorlage lesen. Falls man Erich Maria Remarques Roman nicht schon gelesen hat.

Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)

Regie: Edward Berger

Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell

LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929

mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Jetzt im Kino. Ab dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.

Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)

 

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)

Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014

464 Seiten

11 Euro (Taschenbuch)

9,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Im Westen nichts Neues“

Moviepilot über „Im Westen nichts Neues“

Metacritic über „Im Westen nichts Neues“

Rotten Tomatoes über „Im Westen nichts Neues“

Wikipedia über „Im Westen nichts Neues“ (Film: deutsch, englisch) (Roman: deutsch, englisch) und Erich Maria Remarque (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edward Bergers „Jack“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Edward Bergers „All my loving“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 25. August: Jacques – Entdecker der Ozeane

August 24, 2019

3sat, 20.15

Jacques – Entdecker der Ozeane (L’Odyssée, Frankreich/Belgien 2016)

Regie: Jérôme Salle

Drehbuch: Jérôme Salle, Laurent Turner

LV: Jean-Michel Cousteau, Albert Falco: Capitaine De La Calypso, 1990

TV-Premiere des sehenswerten, wohlwollenden Biopics über den begeisterten Taucher, Erfinder und Visionär Jacques-Yves Cousteau (1910 – 1997), der in zahllosen Tauchgängen das Leben in den Ozeanen filmisch festhielt und einem weltweiten Publikum präsentierte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lambert Wilson, Pierre Niney, Audrey Tautou, Laurent Lucas, Benjamin Lavernhe, Vincent Heneine, Thibault de Montalembert, Roger Van Hool, Chloe Hirschman, Adam Neill

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

AlloCiné über „Jacques“

Moviepilot über „Jacques“

Rotten Tomatoes über „Jacques“

Wikipedia über „Jacques“ (englisch, französisch) und Jacques Costeau

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch II – Die Burma-Verschwörung“ (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013) und der DVD

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Jacques – Entdecker der Ozeane“ (L’Odyssée, Frankreich/Belgien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Das schöne Biopic „Jacques – Entdecker der Ozeane“ über Jacques-Yves Cousteau

Dezember 9, 2016

In seinem neuen Film „Jacques – Entdecker der Ozeane“ erzählt Jérôme Salle („Zulu“, die beiden Largo-Winch-Filme) die Lebensgeschichte von Jacques-Yves Costeau (1910 – 1997). Nach dem Unglückstod seines Sohnes Philippe (Pierre Niney) 1979 springt der Film zurück in die Vergangenheit. 1949 verbringt Jacques-Yves Costeau (Lambert Wilson), damals noch Mitglied der französischen Kriegsmarine, mit seiner Frau Simone (Audrey Tautou), ihren beiden Kindern Jean-Michel und Philippe und vielen Freunden glückliche Tage am Mittelmeer, das er in langen Tauchgängen erforscht.

Das Meer und das Tauchen sind seine Leidenschaften. Er will es erforschen und das Gesehene auf Film festhalten. Mit dem ausgemusterten Minensuchboot „Calypso“, das er mit seiner Familie und Männern, die in den nächsten Jahrzehnten zu engen Weggefährten wurden, herrichtete. Zunächst kommt das Geld aus der Erbschaft seiner Frau. Später von Sponsoren, einer Ölgesellschaft und seinen Filmen. Die Kinder werden auf’s Internat geschickt und später mehr oder weniger Teil des Costeauschen Familienunternehmens. Das ist immer von visionären Ideen und Projekten (die heute teils idiotisch sind) und Geldnot bestimmt. Und Costeau beginnt sich, mit Philippe, der zunächst eigene Wege beschreitet, für den Schutz der Umwelt zu engagieren.

Das erzählt Salle, der sein Biopic in Argentinien, Kroatien, Südafrika, auf den Bahamas und der Antarktis drehte, bildgewaltig über und unter Wasser, immer unterhaltsam und mit spürbarer Sympathie für Jacques Costeau und Philippe Costeau, dessen Sturm- und Drangjahren mit viel Sechziger-Jahre-Optik viel Zeit gewidmet wird. Deren Beziehung steht im Mittelpunkt des Jahrzehnte umspannenden Biopics, der alles erstaunlich konfliktfrei und oberflächlich schildert. Die dunklen und problematischen Seiten von Costeau werden zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht weiter thematisiert. Denn die Ikone soll nicht beschädigt werden.

So ist „Jacques“ ein schöner Film, der nebenbei auch ein nostalgisch verklärter Aufruf zum Schutz der Umwelt ist.

jacques-plakat

Jacques – Entdecker der Ozeane (L’Odyssée, Frankreich/Belgien 2016)

Regie: Jérôme Salle

Drehbuch: Jérôme Salle, Laurent Turner

LV: Jean-Michel Cousteau, Albert Falco: Capitaine De La Calypso, 1990

mit Lambert Wilson, Pierre Niney, Audrey Tautou, Laurent Lucas, Benjamin Lavernhe, Vincent Heneine, Thibault de Montalembert, Roger Van Hool, Chloe Hirschman, Adam Neill

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Französische Homepage zum Film

AlloCiné über „Jacques“

Moviepilot über „Jacques“

Rotten Tomatoes über „Jacques“

Wikipedia über „Jacques“ (englisch, französisch) und Jacques Costeau

Meine Besprechung von „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)

Meine Besprechung von „Largo Winch II – Die Burma-Verschwörung“ (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013) und der DVD


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