Ein langer Film über das Grundgesetz

 

Heute startete der Gemeinschaftsfilm „GG 19“. Doch einige der Filme wurden bereits vor anderthalb Jahren während des One World Festivals von der Humanistischen Union präsentiert. Ich moderierte die Veranstaltung. Produzent Harald Siebler beantwortete geduldig alle Fragen. Damals zeigte er einen Rohschnitt und wollte wissen, was wir von den Filmen hielten.

Gestern, während der offiziellen Premiere in der Kulturbrauerei, sah ich dann zum ersten Mal alle 19 Filme. Nicht jeder Film ist gelungen. Nicht jeder Film gefällt. Das ist bei einem Episodenfilm nichts ungewöhnliches.

Aber auffallend bei „GG 19“ ist, dass es kaum einem Film gelingt sein Thema adäquat zu bebildern. Viele, vielleicht sogar die meisten, Filme lassen einen ratlos zurück. Sieblers Idee war, auf unterhaltsame Art den Menschen den Inhalt und die Bedeutung des Grundgesetzes, vor allem der ersten 19 Artikel, den Menschen- und Bürgerrechten, näher zu bringen. Das ist ein lobenswertes Anliegen, das sich letztendlich im gesamten 150-minütigem Film kaum wiederfindet. Denn dafür haben die einzelnen Episoden viel zu wenig mit dem Inhalt und der Bedeutung der Gesetze zu tun. Meistens ist der Hinweis auf ein Grundgesetz beliebig. Oft ist der Film auf eine maue Schlusspointe hin geschrieben. Oft fragte ich mich am Ende des Films „Was soll das?“. Oft sind die Filme peinlich didaktisch.

So filzt in „Stehplatz“ ein junger Polizist einen Penner. Der Film soll zeigen, dass die Freiheit einer Person unantastbar ist (Artikel 2). Dass diese Episode etwas mit dem Artikel 2 zu tun hat, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Es könnte auch etwas mit der Würde des Menschen (Artikel 1) zu tun haben. Aber da läuft „Adrenalin Flash“: ein Mann wird gefoltert. Am Ende stellt sich heraus, dass die Tortur ein Spiel vor laufender Kamera war und die Familie den Vater ohne sein Wissen, wegen des versprochenen Gewinnes, auf den Folterstuhl schickte. „Adrenalin Flash“ könnte auch ein Kommentar zum Artikel 5, der Freiheit der Meinungsäußerung und -verbreitung (vulgo Pressefreiheit) sein. Aber da tritt ein Reporter auf, der Reportagen fälschte und sich jetzt dafür vor Gericht rechtfertigt. Ähnlichkeiten mit einem wahren Fall aus den Neunzigern sind nicht zufällig. Warum der Betrug am Sender und am Zuschauer ein Beitrag zur Pressefreiheit sein soll; – das erschließt sich nur über gedankliche Kapriolen. Weil heute die Pressefreiheit von einem Staat auf der Suche nach Geheimnisverrätern (Denken Sie nur an die zahlreichen Durchsuchungen von Redaktionen und den Überwachungen von Journalisten.) bedroht wird, ist „Der große Videoschwindel“ einfach nur grob verharmlosend.

In „Der Traumjob“ (Freie Berufswahl, Artikel 12) bewirbt sich eine Frau. Das Bewerbungsgespräch verläuft seltsam. Trotzdem erhält sie den Job als Prostituierte. Was das mit dem Recht auf freie Berufswahl zu tun hat, erschließt sich nicht. Denn niemand verweigert einer Frau das Recht, als Prostituierte zu arbeiten. Sogar in einer der zahlreichen Comedy-Shows wäre „Der Traumjob“ ein Lückenfüller. Ähnliches gilt für „Ladies first“. In diesem Film zur Gleichberechtigung (Artikel 3) erhält eine Frau zwar den gewünschten Job nicht, hat dafür aber später Glück.

In „Kindersicherung“ (Unverletzlichkeit der Wohnung, Artikel 13) haust ein Junge mit seiner Crack-Mutter in einer heruntergekommenen Wohnung. Die Sozialarbeiter können die Wohnung nicht betreten. Auch hier verharmlost der Film das reale Problem der Vernachlässigung von Kindern und baut ein Scheinproblem auf. Denn natürlich dürfen Beamte in einem solchen Fall eine Wohnung betreten.

In „Piet Melzer“ (Vergesellschaftung von Grund und Boden, Artikel 15) wird ein Embryo verstaatlicht. Die düstere Zukunftsvision hat – was die Qualität von guter Science-Fiction ist – keinen erkennbaren Bezug zur Gegenwart. Er ist purer Eskapismus.

Der Petent“ (Beschwerde- und Petitionsrecht, Artikel 17) wirkt wie ein schlechter Werbefilm für Beschwerden. Dazu trägt auch der vom Hauptdarsteller im Bus gesungene Schlager mit den Passagieren als Chor bei. Aber immerhin sind hier, im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen, Botschaft und Bezug zum Gesetz offensichtlich. Das gleiche gilt für „Abspann oder der Held der Stunde“ (Verwirkung von Grundrechten, Artikel 18).

Als Imagekampagne für die Grundrechte ist „GG 19“ größtenteils gescheitert. Denn fast kein Film findet zu einer eigenen Haltung gegenüber den Grundrechten und setzt diese ästhetisch stringent in eine Geschichte um. Hier ist das gut gemeinte wieder einmal das Gegenteil vom gut gemachten.

Als Sammlung von 19 Kurzfilmen ist er – etwas anderes.

 

 

 

GG 19 (Deutschland 2007)

Idee, Konzeption, Produktion, Supervising Director: Harald Siebler

Regie: Johannes von Gwinner, Savas Ceviz, Andreas Samland, Boris Anderson, Alan Smithee, Marion Kracht, Suzanne von Borsody, Harald Siebler, Johannes Harth, Philipp von Werther, Marcel Ahrens, Christine Repond, Sabine Bernardi, Carolin Otterbach, Kerstin Polte, Axel Bold, David Dietl, André F. Nebe, Ansgar Ahlers

Drehbuch: Raimund Maessen, Sonia Karst, Savas Ceviz, Robert Hennefarth, Esther Bernstorff, Falko Henning, Kathi Liers, Catherine Ann Berger, Harald Siebler, Kati Faude, Silke Riemann, Jens Köster, team interner, Jana Evita Seidel, Jens Baumeister, Sabine Bernardi, Cristina Zehrfeld, Olaf Nollmeyer, Kertin Polte, Boris Anderson, Henner Schulte-Holtey, David Dietl, Jan Neumann, Ansgar Ahlers

Homepage zum Film: www.gg19-derfilm.de

3 Responses to Ein langer Film über das Grundgesetz

  1. Jens sagt:

    Hallo,

    ist schon eine ganze Weile her, dass GG19 in der Handvoll Kinos, in denen der FIlm denn lief, zu sehen war. Aber erst heute bin ich durch Zufall auf diese Besprechung von damals gestoßen – und weil ich nicht schlafen kann, gibt’s nun viele Worte zu einer ganz kurzen Episode aus dem Film.

    Als Autor eines der Beiträge (Artikel 13, „Kindersicherung“) will ich das Gesamtprodukt „GG19“ gar nicht in Schutz nehmen – aber mit der Episode, an der ich beteiligt war, war ich eigentlich ganz zufrieden.

    Deswegen zur Klarstellung: Die Episode soll auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass die Beamten nicht in die Wohnung könnten – im Gegenteil: Die letzte Einstellung, in der Polizei eintrifft, soll vorausdeuten, dass natürlich gleich die Tür geöffnet werden wird. Die beabsichtige Pointe ist vielmehr, dass der Zuschauer anfangs mit dem Kind fiebert, dass die „Bösen Männer“ bloß nicht in die Wohnung kommen sollen (das traditionelle Verständnis von Unverletzlichkeit der Wohnung: „My home is my castle“), während diese sich dann am Schluss als die Guten entpuppen – und plötzlich hat man einen Fall, in dem man ganz froh ist, dass die Wohnung auch ohne Einwilligung betreten werden darf.

    Ich hab‘ beim Ansehen eigentlich auch immer den Eindruck gehabt, dass sich das so vermittelt – aber ich bin natürlich kein unbeteiligter Zuschauer. Insofern gibt’s jetzt auch keine Publikumsbeschimpfung, weil die ach so offensichtliche Intention des Autoren nicht kapiert wurde, sondern nur die Klarstellung, dass das, was hier aus der Episode herausgelesen wird, so zumindest nicht von mir reingeschrieben wurde. 😉

    Grüße aus Köln

    Jens Baumeister

  2. Jens sagt:

    Nachtrag: Hab‘ gerade zum ersten Mal die offizielle Zusammenfassung der Episode auf der Film-Website gelesen – nicht nur, dass da aus den zwei Jugendamtsleuten auf halber Höhe plötzlich einer wird, über den heißt es dann auch noch:

    “ Resigniert und machtlos muss er den Jungen wieder einmal allein zurücklassen“

    Das ist natürlich totaler Blödsinn. Bleibt natürlich die Frage, ob die Fehlinterpretation an der mangelnden Aufmerksamkeit des Pressetexters lag oder an der mangelnden Eindeutigkeit der Episode.

    Ich hab‘ ja die Theorie, dass die Kritiker-Rezeption durch diese unsinnige Zusammenfassung beeinflusst wurde und die Episode ohne sie besser wahrgenommen worden wäre (Jeder Kritiker, der nach dem Ansehen mit Hilfe der Pressemappe rezensiert, kriegt nachträglich ein völlig falsches Bild vermittelt – de Film, der da drin beschrieben wird, wäre mir auch zu platt), aber beweisbar ist das natürlich nicht.

    Und letztlich auch nicht so wichtig. Ist halt eine kurze Episode aus einem kaum wahrgenommenen Film von 2007.

    Noch mal Grüße

    Jens Baumeister

  3. AxelB sagt:

    Hallo Jens,
    die Zahl der Sozialarbeiter hab ich ja noch richtig hinbekommen:-)
    Wahrscheinlich wurde bei den meisten Filmen um zu viele Ecken gedacht und der normale Zuschauer bleibt dann einfach ratlos zurück.
    Aber jetzt gibt es ja einen neuen Deutschland-Omnibusfilm, der von den Kritikern einhellig abgewatscht wird.
    Grüße
    Axel

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