Ein Detektiv trauert

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Trauer ist ein lähmendes Gefühl. Das überträgt sich auch auf John Rickards zweiten Alex-Rourke-Roman „Die Stadt der toten Seelen“.

Der Bostoner Privatdetektiv Alex Rourke ist in die Pathologin Gemma Larson verliebt. Er freut sich auf ein Wochenende mit ihr im verschneiten Vermont. Dass sie ihm bei seinem neuesten Fall helfen will, gefällt ihm auch. So kann er das Angenehme mit dem Nützlichen Verbinden. Er soll den 25-jährigen Adam Webb finden. Webb wurde zuletzt vor zwei Monaten in Burlington, Vermont, gesehen. Larson will vor Rourkes Ankunft ihre Kollegen nach dem Verschwundenen fragen. Vielleicht hat ihn jemand behandelt oder seine Leiche gesehen. Noch bevor Alex Rourke nach Vermont aufbrechen kann, wird er von der Polizei angerufen. Seine Freundin wurde in ihrem Auto erschossen. Die Polizei glaubt eher an einen tragischen Jagdunfall. Rourke weiß dagegen, dass er seine große Liebe verloren hat und bevor er mit ernsthaften Ermittlungen beginnt, widmet er sich ausführlich in dem Haus seiner Freundin seiner Trauer. Dabei sieht er in einer gegenüberliegenden Geisterstadt nachts Lichter und er erfährt, dass in den vergangenen Jahren mehrere Menschen in den Wäldern verschwanden.

„Die Stadt der toten Seelen“ hat als Kriminalroman einige Probleme. Das erste ist, dass John Rickards hier seinen Ich-Erzähler Alex Rourke die Geschichte im Präsens erzählen lässt. Einige Formulierungen hören sich falsch an. Andere sind holprig. Mein Lesefluss wird so immer wieder gestört. In seinem neuesten Buch „Risen Furies“ (Arbeitstitel) wechselt Rickards, nach einer kurzen Diskussion in seinem Blog, in die gängigere Vergangenheitsform.

Doch wenn alles andere in „Die Stadt der verlorenen Seelen“ perfekt wäre, würde mich die ungebräuchliche Erzählzeit nicht weiter stören. Dem ist nicht so. Die Genrekonventionen eines Privatdetektivromans, in dem der Held ermittelt, stoßen sich an dem persönlichen Gefühl der Trauer und der damit einhergehenden menschlich normale Untätigkeit. Die Folge ist, dass nach dem Mord an Rourkes Freundin, er erfährt auf Seite 43 davon, bis kurz vor Schluss nichts geschieht, was Rourke erkennbar näher an die Lösung bringt. Er trauert. Er sucht den Mörder seiner Freundin. Er glaubt, dass ihr Mord irgendwie mit den in den Wäldern verschwundenen Menschen zusammenhängt. Doch eine heiße Spur findet er nicht. Dabei ist uns Lesern klar, dass diese von Rourke als unverbundene Puzzleteile präsentierten Verbrechen und Ereignisse miteinander zusammenhängen müssen.

Erst auf Seite 249 fordert Rourkes Partner ihn auf, endlich den verschwundenen Webb zu suchen. Danach findet Rourke erstaunlich schnell eine Spur, die ihn direkt zu Webb und zur Lösung des Mordfalles Larson führt. Diese Lösung ist letztendlich nicht besonders überraschend. Nur unser Held Rourke (und halb Vermont) hat sie wahrscheinlich wegen seiner Trauer nicht gesehen.

 

 

John Rickards: Die Stadt der toten Seelen

(übersetzt von Helmut Splinter)

Goldmann, 2007

352 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Touch of Ghosts

Michael Joseph, London, 2004

 

Homepage/Blog von John Rickards:

http://www.johnrickards.com/

Interview mit John Rickards:

http://www.greatwriting.co.uk/index.php?option=com_content&task=view&id=139&itemid=74

 

Probleme von Autoren bei der Arbeit:

John Rickards diskutiert die Frage von Erzähler und Erzählzeit

One Response to Ein Detektiv trauert

  1. […] Krimiautor John Rickards macht sich seine Gedanken über das Genre: Our Genre has no clothes. […]

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