Das Warten hat sich nicht gelohnt

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Zuerst müssen einige mögliche Missverständnisse geklärt werden:

1) Mir gefallen die Trimmel-Romane und auch die oft gleichzeitig entstandenen Verfilmungen sehr gut. Sie bilden eine immer noch spannende Chronik der Siebziger Jahre in Deutschland. Sie bieten einen vorzüglichen Einblick in den Justizapparat und stellen auch heute noch aktuelle Fragen. Außerdem sind sie einfach spannende Kriminalromane.

2) Auch ich habe bedauert, dass Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier nach dem Ende der Trimmel-Tatorte (das kurze Nachspiel mit einem anderen Schauspieler und in einem kürzeren Format fand ich schon damals verzichtbar und heute dürfte sich, dank fehlender Wiederholungen, niemand mehr daran erinnern) auch als Romanautor verstummte.

3) Auch ich habe mich lange auf einen neuen Trimmel-Roman gefreut. Besonders nachdem Werremeier schon vor zehn Jahren sagte: „Der Trimmel wird ein andermal wieder auftauchen, später, sehr viel später, in einem umfangreichen, ultimativen Roman. Denn alle Trimmel, die ich geschrieben habe, denen fehlte etwas. Es müsste irgendeine Klammer geben, die alles umfasst, womit ich im Laufe meines Lebens konfrontiert war, alle Freuden und auch die persönlichen Tragödien.“

4) Der Lektor ist nicht für den Text verantwortlich. Die letzte Instanz ist der Autor. Der Lektor kann nur beratend zur Seite stehen. Vorschläge für einen besseren Text machen. Aber wenn der Autor nicht einsichtig ist, dann ist es eben so. Bei „Trimmels letzter Fall“ werden im Impressum zwei Lektoren genannt, die sicher nicht vor Ehrfurcht sprachlos waren. Friedhelm Werremeier wollte anscheinend ihre Ratschläge nicht annehmen. Ich kann mir jedenfalls keinen Ratschlag vorstellen, der „Trimmels letzter Fall“ zu einem schlechteren Werk gemacht hätte.

Denn der jetzt erschienene Trimmel-Roman ist ein unlesbares Desaster.

Werremeier springt in der Zeit munter hin und her. Allerdings ist es sinnlos, eine Zeitlinie aufzustellen. Denn da wird (wahrscheinlich) 1988 mit Handys telefoniert. Einmal ist Trimmel noch Polizist, als seine Freundin erschossen wird. Einmal nicht. Er hat eine Beziehung mit einer Psychologin. Wahrscheinlich nach dem Tod seiner Freundin. Aber eigentlich müsste diese Beziehung früher gewesen sein. Undsoweiter.

Auch an Trimmels Alter wird herumgedoktort. Nach den früheren Romanen war Paul Trimmel ein älterer Polizist, der ungefähr 1920 geboren wurde und keine ausformulierte Vergangenheit hatte. Jetzt verpasst Werremeier ihm eine vollkommen überflüssige Vergangenheit, inclusive kindlichem Trauma, und Verjüngungskur.

Trimmel wurde – Halten Sie sich fest! – als Quasi-Waise von einer kommunistischen Jüdin in den Dreißigern aufgezogen. Sie nahm ihn dann auch mit in die Schweiz. Werremeier erzählt das in der epischen Breite und Banalität einer Schmonzette. Dazu passt auch, dass Trimmel panische Angst vor Kakerlaken hat. Doch für die Story ist das unwichtig.

Diese ist, soweit überhaupt erkennbar, krude. Es geht irgendwie um mindestens einen Serienmörder, der sich auch irgendwie an Trimmel rächen will. Und das ganze hat auch irgendwie mit Trimmels Vergangenheit als Polizist und seiner Herkunft zu tun. Diese „irgendwies“ sollen allerdings keine Spoiler vermeiden. Denn dafür ist „Trimmels letzter Fall“ viel zu chaotisch.

Damit auch wirklich niemand mehr einen Überblick über die Geschichte hat, lässt Werremeier fast im Seitentakt neue Charaktere auftreten. Auf zweihundert Seiten stolpert eine gefühlte halbe Hundertschaft durch die Geschichte. Kein Name sagt einem etwas. Dienstbezeichnungen schwanken hin und her, teilweise mit, teilweise ohne den Zusatz „Ex“. Die Verwirrung nimmt zu. Das Interesse am Ende der Geschichte nimmt mit jeder gelesenen Zeile ab.

Die Sprache passt sich dem Niveau an. Es regnet Katzen und Hunde, ein Junge ist happy, Ole Bornsen ist ein blonder Name und fast jeder gesprochen Satz endet mit einem Ausrufezeichen. Etliche Sätze müssen zweimal gelesen werden, bevor der Sinn erfasst werden kann. Dabei war Werremeier jahrelang Polizei- und Gerichtsreporter. Zuletzt für den „Stern“ und dem „Stern“ kann ungefähr alles außer Unlesbarkeit vorgeworfen werden.

Wenn am Ende der Mörder (oder die Mörderin oder die MörderInnen) irgendwie nicht verhaftet werden, ist es auch egal. Denn die Freude, das Werk überstanden zu haben überwiegt eindeutig.

In seinem lesenswerten Nachwort stellt Frank Göhre die alten Trimmel-Romane vor. Den neuen erwähnt er nur noch pflichtbewusst. Weil Göhre einer der Lektoren von „Trimmels letzter Fall“ war,…

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall

(mit einem Nachwort von Frank Göhre)

Pendragon, 2009

232 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Lexikon deutscher Kriminalautoren über Friedhelm Werremeier

Tatort-Fundus über Trimmel

Galerie der Detektive über Trimmel

Rudi Kost über Trimmel

Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Taxi nach Leipzig“

Kriminalakte: Einige Zitate aus „Trimmels letzter Fall“

One Response to Das Warten hat sich nicht gelohnt

  1. […] Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Trimmels letzter Fall“ […]

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