Neu im Kino/Filmkritik: Die Doku „Cobain: Montage Of Heck“ über den „Nirvana“-Sänger

Vor über zwanzig Jahren, am 5. April 1994, erschoss sich Kurt Cobain, der Leadsänger der Grunge-Band „Nirvana“, die damals die Band der Stunde war. Songs aus ihrer zweiten LP „Nevermind“ liefen auf jeder Abiturienten- und Studentenparty und in den Discos. Die LP (oder CD) stand in fast jeder Studentenbude und so nervig damals irgendwann „Smells like Teen Spirit“ war: keine andere Grunge-Band hatte einen so großen kulturellen Einfluss. Sie war das Sprachrohr der „Generation X“. „Nirvana“ war, das fällt beim Ansehen der gelungenen Dokumentation „Cobain: Montage Of Heck“ und im Abstand von über zwanzig Jahren auf, die letzte global erfolgreiche Band, die auch die Stimme einer von der Gesellschaft missverstandenen und an ihr und ihre Bigotterie leidenden Jugend war. Sie trafen damals punktgenau den Zeitgeist. Alternative wurde Mainstream. Grunge, Sub Pop und Seattle waren die Schlagworte für den jugendlichen Musikfan.
Entsprechend groß ist immer noch das Interesse an der Band, die nur drei Studioalben veröffentlichte. Für die Bands von „Nirvana“-Schlagzeuger Dave Grohl und „Nirvana“-Bassist Chris Novoselic, der sich seitdem hauptsächlich mit anderen Dingen beschäftigt, interessieren sich deutlich weniger Menschen. Obwohl Grohls „Foo Fighters“ seit Jahren kommerziell erfolgreich sind, sind sie halt nur eine okaye Rockband. Cobains Freundin und Ehefrau Courtney Love bringt zwar periodisch Alben heraus, meistens mit ihrer 1989 gegründeten Band „Hole“. Aber auch das scheint niemand so richtig zu interessieren.
Denn ihr gesamtes Schaffen steht immer noch im Schatten weniger Jahre und eines charismatischen Musikers, der als schwer erziehbares Scheidungskind durch die halbe Verwandschaft gereicht wurde, keinen Schulabschluss hat und der für sein Umfeld ein wandelndes Katastrophengebiet war. Außerdem hatte er psychische Probleme, eine bipolare Störung und war drogenabhängig.
Nur: wie verfilmt man so ein kurzes Leben?
Man kann sich natürlich an der Chronologie abarbeiten und diese mit vielen Statements und Konzertausschnitten garnieren. So wie es halt, mehr oder weniger gelungen, aber nie besonders innovativ, in unzähligen anderen Dokumentarfilmen gemacht wird. Zuletzt in „Altman“.
Oder man nimmt, wie der Oscar-nominierte Dokumentarfilmer Brett Morgen („The Kid Stays in the Pcture“, „Chicago 10“, „Crossfire Hurricane“), die Chronologie als Rückgrat für eine Erzählung, die versucht einen Einblick in das Denken und damit in die Psyche des am 20. Februar 1967 geborenen Kurt Cobain zu geben. Morgen wählte diesen Weg nachdem er von Cobains Tochter Frances Bean Cobain den uneingeschränkten Zugriff auf die seit Cobains Tod in einem Lagerraum deponierten und seitdem nicht geöffneten Kisten mit Cobains Notizen, über viertausend Seiten, verschiedenen Kunstprojekten, über zweihundert Stunden unveröffentlichte Musik- und Tonaufnahmen, unzählige Soundcollagen, Mix-Tapes und Home-Videos erhielt. Eines der Mix-Tapes (für die Jüngeren: Erinnert ihr euch an die Musikkassette von ‚Star-Lord‘ Peter Quill in „Guardians of the Galaxy“? Das ist ein Mix-Tape und wir investierten in der Prä-MP3-Zeit viel Zeit in das Zusammenstellen von 90-minütigen Zusammenstellungen unserer Lieblingslieder für ungefähr jeden denkbaren Anlass.) hieß „Montage Of Heck“ und Morgen fand, dass dies ein guter Titel für seinen Film sei, der eben die Weltsicht von Cobain reflektiert.
Entsprechend intim und oft auch unangenehm ist „Cobain: Montage Of Heck“ ausgefallen. Denn der über zweistündige Film besteht, abgesehen von den kurzen Interviews (mit Cobains Eltern, seiner engsten Verwandschaft, seiner ersten Freundin Tracy Marander, die ihn durchfütterte, Chris Novoselic und Courtney Love) und einigen animierten Sequenzen, aus Schnappschüssen, Home-Videos, die Cobain und Courtney Love in ihrer Wohnung drehten und die niemals für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und Konzertausschnitten, die optisch und akustisch nicht wesentlich besser sind. Auch die Ausschnitte aus Stadionkonzerten haben – immerhin entstanden sie in den frühen Neunzigern – eine erschreckend schlechte Bild- und Tonqualität, die natürlich auch dem rauhen Sound von „Nirvana“ entspricht, die aber auf die Länge von über zwei Stunden schon die Empathie eines gestandenen Fans verlangt.
Nach dem Abspann gibt es noch ein zwölfminütiges Interview mit Brett Morgen, das einen interessanten Einblick in den Dreh vermittelt und das typisches DVD-Bonusmaterial ist. Deshalb wirkt es im Kino und nach dem bewusst chaotischen Film ziemlich deplatziert.

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Cobain: Montage Of Heck (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)
Regie: Brett Morgen
Drehbuch: Brett Morgen
mit Wendy O’Connor, Kimberly Cobain, Don Cobain, Jenny Cobain, Tracy Marander, Courtney Love, Chris Novoselic, Kurt Cobain (Archivaufnahmen)
Länge: 145 Minuten (der deutschen Kinofassung)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Cobain: Montage Of Heck“
Moviepilot über „Cobain: Montage Of Heck“
Metacritic über „Cobain: Montage Of Heck“
Rotten Tomatoes über „Cobain: Montage Of Heck“
Wikipedia über „Cobain: Montage Of Heck“, Kurt Cobain (deutsch, englisch) und Nirvana (deutsch, englisch)
AllMusic über Nirvana

Ein Interview mit Brett Morgen über seine Arbeit und den Film

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