„Wilsberg – Sag niemals Nein“, sondern ‚Weil es nicht geht‘

Nein“

(Erste Zeile in „Wilsberg – Sag niemals Nein“)

Ja! Es gibt einen neuen Wilsberg-Roman. Nachdem Jürgen Kehrer in den Neunzigern jedes Jahr einen neuen Wilsberg-Roman veröffentlichte, veröffentlichte er in den letzten Jahren nur noch ungefähr jedes Jahrzehnt einen Wilsberg-Roman, während die „Wilsberg“-Filme im TV, mit Leonard Lansink als Wilsberg, erfolgreich in einer Endlosschleife aus Wiederholungen und neuen Fällen laufen. Dabei hat der TV-Wilsberg sich immer weiter vom Roman-Wilsberg entfernt. In einem inzwischen schon älteren Interview betonte Kehrer, dass es zunehmend schwieriger sei, neben den populären TV-Filmen die Romane als eigenständige Werke zu platzieren.

Jetzt, fünf Jahre nach „Ein bisschen Mord muss sein“, hat er es wieder gewagt. Und, das kann schon jetzt verraten werden, das Warten hat sich gelohnt.

Dieses Mal sucht der etwas glücklose, dafür umso penetrantere in Münster lebende und arbeitende Privatdetektiv Georg Wilsberg nach dem verschwundenen Journalisten Paul Wilkens. Der recherchierte zuletzt eine große Story. Aber niemand hat eine Ahnung, um was es bei der Story gehen könnte.

Wilsberg arbeitet dieses Mal für und im Auftrag von Wilkens minderjähriger Tochter Emma, einem ebenso willensstarkem wie undiplomatischem Teenager. Denn als Emma ihn bat, ihren Vater bei einem Treffen im Wienburgpark heimlich zu beobachten lehnte er ab. Nach dem Treffen ist Wilkens spurlos verschwunden. Im Park findet man neben einer Blutlache sein Smartphone.

Der von Schuldgefühlen geplagte Wilsberg beginnt zu ermitteln. Seine erste Spur führt, durch einen von Emma in einer Jacke ihres Vaters gefundenen Zettel, zu Haus Olfenberge, Weil Wilkens normalerweise im rechtsextremen und Reichsbürger-Milieu recherchierte, vermutet Wilsberg einen solchen Hintergrund bei der verschwiegenen Stiftung und ihrem extrem gut gesichertem, im Wald liegendem Anwesen, das eine Bildungseinrichtung sein soll.

Noch ehe Wilsberg die Stiftung gründlich durchleuchten kann, erhält Emma einen Anruf von ihrem Vater aus Beirut. Wilsberg macht sich auf den Weg in die Millionenstadt. Zunächst ohne sein Wissen fliegt Emma, die ihren Vater abgöttisch verehrt, ebenfalls nach Beirut. Dort wird Wilkens vor ihren Augen erschossen.

Jürgen Kehrer erzählt „Sag niemals Nein“ (Wer denkt bei dem Titel nicht an „Sag niemals nie“?) auf knapp zweihundert Seiten in der gewohnten Wilsberg-Länge flott im leicht schnoddrigen Wilsberg-Sound. Diese Kürze, die sich an der Länge von Pulp-Krimis orientiert, garantiert ein hohes Erzähltempo und die Abwesenheit von länglichen Liebesgeschichten, ärgerlichen Gefühlsdusseleien und uninteressanten Nebengeschichten, die sich meistens um Familienproblemen drehen (Zum Glück lebt Wilsberg allein und hat keine Familie).

Dieses Mal stolpert Wilsberg mehr durch den Fall als dass er selbst aktiv und zielgerichtet ermittelt. Aber das höchst vergnüglich.

Sag niemals Nein“ ist kein das Genre verändernder Roman und auch kein Buch, das die Welt rettet. Dafür rettet es einen Nachmittag.

Da wünscht man sich, dass Jürgen Kehrer sich gleich an das Schreiben seines nächsten Wilsberg-Romans macht.

Nein“

(Letzte Zeile in „Wilsberg – Sag niemals Nein“)

Jürgen Kehrer: Wilsberg – Sag niemals Nein

Grafit, 2020

192 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsbergs Welt“ (2012)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ (2015)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte

 

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