Neu im Kino (naja einigen Kinos in einigen Bundesländern)/Filmkritik: „World Taxi“ ist auch nur Taxi

Ältere Semester, die nicht gerne ‚ältere Semester‘ genannt werden, weil sie sich noch so wahnsinnig jung fühlen, es aber nicht mehr sind (was spätestens bei der Nennung ihres Lieblingsfilms als Teenager, der Lieblingsband und dem ersten Leinwandstar, in den man hoffnungslos verliebt war, auffällt), werden sich beim Konzept von „World Taxi“ spontan an Jim Jarmusch wundervollen Taxifahrerfilm „Night on Earth“ erinnern. In dem Film von 1991 erzählt Jarmusch fünf vollkommen erfundene Geschichten mit verschiedenen Taxifahrern und Tom Waits komponierte den traumhaften Soundtrack.

Auch Philipp Majer begleitet in seinem Film fünf Taxifahrer. Ebenfalls vier Männer und eine Frau. Allerdings, bis auf die Berliner Taxifahrerin, vor allem tagsüber und seine Taxifahrer sind echte Taxifahrer. Denn „World Taxi“ ist ein Dokumentarfilm, der die Welt durch den Blick auf die Rückbank des Taxis zeigt.

Seine Fahrer sind Destan aus Pristina (Kosovo), Mamadou aus Dakar (Senegal, Sergio aus El Paso (USA), Tony aus Bangkok (Thailand) und Bambi aus Berlin (Deutschland). So unterschiedlich diese fünf Fahrer sind, haben sie doch eine Gemeinsamkeit: sie unterhalten sich mit ihren Fahrgästen. Diese erzählen, woher sie kommen, wohin sie wollen und auch, was sie gerade bewegt. Das gibt einen Blick in das Leben der Städte, in denen die Taxisfahrer arbeiten. Wenn sie gerade keine Passagiere befördern, erzählen sie Regisseur Philipp Majer von sich. Sie erzählen auch von ihrem Land und den Konflikten. So weist Sergio darauf hin, dass die in den USA arbeitenden Mexikaner arbeiten verrichteten, die kein US-Amerikaner tun möchte. Gleichzeitig fährt er junge Frauen für Operationen von den USA nach Mexiko. Nur dort können sie sie, wegen der grotesken Struktur des US-Gesundheitswesens, bezahlen.

In Pristina geht es bei den Gesprächen zwischen dem Fahrer und seinen Kunden, denen er auch mal den Fahrpreis erlässt, um die Nachwehen des Kosovokrieges. In Dakar diskutieren drei Frauen auf der Rückbank lautstark untereinander und mit Mamadou über die Mehrehe und welches Verhältnis die verschiedenen Frauen zueinander haben. Also welche Frau sich mit welcher Frau verschwestert. In Bangkok wird auch über das Nachtleben und den Tourismus gesprochen. Und Bambi fährt durch das im Moment vollkommen zum Erliegen gekommene Nachtleben der deutschen Hauptstadt.

Die Inspiration für „World Taxi“ war für Majer vor fünf Jahren eine Taxifahrt in Roswell, New Mexico/USA, mit einem Fahrer, der, so Majer, direkt aus Jarmuschs „Night on Earth“ kommen könnte. „Während dieser kurzen Fahrt kam mir die Idee zu diesem Dokumentarfilm. Im Taxi können Menschen innerhalb weniger Minuten ihr Herz ausschütten oder brisante politische Meinungen äußern, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Im Taxi gelten andere Regeln, überall auf der Welt. Genau das finde ich spannend“, so Majer. Nicht beachtet hatte er allerdings Jarmuschs Hinweis, dass die Dreharbeiten für den Spielfilm wesentlich komplizierter waren, als er gedacht hatte. Für einen Dokumentarfilm und dank der zunehmend kleiner werdenden Kamera- und Tontechnik, gingen die Dreharbeiten dann bedeutend einfacher. Trotzdem war Majer sein eigener Kameramann. Während der im Mittelpunkt des Film stehenden Taxifahrten saß er, entgegen der Fahrtrichtung auf dem Beifahrersitz.

Der Film selbst ist, nun, wie eine Taxifahrt. Kurzweilig, amüsant, immer wieder mit überraschenden Einsichten, aber nie sehr in die Tiefe gehend und von Majer so komponiert, dass der Eindruck von einer Schicht entsteht.

World Taxi (Deutschland 2019)

Regie: Philipp Majer

Drehbuch: Philipp Majer

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (keine Ahnung warum)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „World Taxi“

Moviepilot über „World Taxi“

Wikipedia über Philipp Majer

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