Über Sven Heucherts „Alte Erde“

Thies Frühreich kehrt mit seiner Freundin Monique und einem Koffer voller nicht legal erworbenem Geld zurück in seine alte Heimat. In dem menschenleeren Gebiet zwischen Vierheilig und Altglück veränderte sich in den vergangenen vierzehn Jahren, in denen er fort war und keinen Kontakt zu seiner Familie hatte, wenig. Erst jetzt, durch den geplanten Bau eines riesigen Warenlagers für einen Internetversandhändler, scheint sich seine alte Heimat grundlegend zu verändern.

Dort trifft Thies seinen Bruder Karl, den alte Revierjäger Wouter Bisch und einige weitere alte Bekannte. Und er erinnert sich an seine Vergangenheit in der deutschen Provinz.

Als vor drei Jahren Sven Heucherts Debütroman „Dunkels Gesetz“ erschien, war die Begeisterung groß. Auch bei mir. „Dunkels Gesetz“ ist zwar kein perfekter Roman, aber ein sehr gelungener Versuch, Noir- und Hardboiled-Topoi nach Deutschland und in die deutsche Provinz zu versetzen, ohne beim biederen Regiokrimi zu enden. Heuchert gelang nicht alles, aber er machte so viel richtig, dass ich mich auf seinen nächsten Roman freute.

Der liegt jetzt vor, heißt „Alte Erde“ und ist eine riesige Enttäuschung. Der Klappentext und auch die ersten Seiten versprechen einen Noir, der wieder in der deutschen Provinz spielt, ohne provinziell zu sein. Aber dann hat Heuchert an diesem Krimiplot kein Interesse. Der Koffer mit dem Geld wird anfangs noch heimlich von einem Zimmer zum nächsten Zimmer transportiert. Aber nachdem Karl das Geld entdeckt und sofort verbrennt, löst sich in dem Moment, der auf Seite 73 ist, der auf den ersten Seiten angekündigte Konflikt über die Beute in Luft auf.

Im folgenden – und es spricht prinzipiell nichts dagegen, Erwartungen zu enttäuschen, einen ganz anderen Weg zu beschreiten, als es Anfangs aussieht, oder sogar das Genre zu wechseln – verschwindet jeglicher Krimiplot zugunsten einer in Gegenwart und Vergangenheit spielenden Abfolge von unzusammenhängenden Episoden, in denen teils nicht erkennbar oder nur erahnbar ist, wer gerade „er“ oder „sie“ ist. Es werden auch viele Menschen und Tiere getötet. Auch hier ist im ersten Moment nicht immer klar, ob gerade ein Mensch oder ein Tier erschossen wurde. Dieses Töten geschieht so beiläufig, dass man schon einmal einen Tod überlesen kann. Weil man überhaupt keine emotionale Verbindung zu dem Getöteten hat, ist auch egal, wer gerade gestorben ist. Es hat auch keinerlei Auswirkung auf die in diesem Moment nicht mehr erkennbare Handlung.

Alte Erde“ reiht nämlich schnell Episoden aneinander, die auch in jeder anderen Reihenfolge stehen könnten. Entsprechend zäh gestaltet sich die Lektüre des Romans, den ich nur zu Ende las, weil mir Heucherts Debüt so gut gefiel und er mit zweihundert Seiten erfreulich kurz ist.

Sven Heuchert: Alte Erde

Ullstein, 2020

224 Seiten

22 Euro

Hinweise

Homepage von Sven Heuchert

Meine Besprechung von Sven Heucherts „Dunkels Gesetz“ (2017)

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