„Wilderer“ – das ausgezeichnete Debüt von Tom Franklin

Endlich, nachdem seine Solo-Romane „Die Gefürchteten“ (momentan nur antiquarisch), „Smonk“ und „Krumme Type, krumme Type“ (erhielt u. a. den Gold Dagger) bereits vor längerem auf Deutsch erschienen, ist jetzt auch Tom Franklins Buchdebüt „Wildeter“ auf Deutsch erhältlich. Die Sammlung von zehn Kurzgeschichten und einer zwischen Autobiographie und Erzählung pendelnden Einleitung erschien in den USA bereits 1999.

In den Geschichten zeichnet Tom Franklin ein düsteres Bild des US-amerikanischen Hinterlandes. Der Glaube an den amerikanischen Traum existiert in Franklins Alabama weder als hohle Fassade für die Gegenwart, noch als Erinnerung an eine einstmals bessere Vergangenheit. Das liegt auch daran, dass die in den Geschichten auftauchenden Figuren keiner Wildwest-Romantik anhängen und nicht nach einem besseren Leben streben. Deshalb können sie nicht scheitern.

Es sind vom Leben gebeutelte Menschen wie der alkohol- und spielsüchtige Geschäftsführer eines Kieswerks, der sich bei einem seiner Angestellten so sehr verschuldete, dass er immer weniger Herr über die Firma ist.

Oder ein Tankstellenbetreiber, der vor Jahrzehnten einmal ein Nashorn neben den Zapfsäulen aufstellte, um Kunden anzulocken. Inzwischen sind die Zapfsäulen museumsreif und die Kundschaft tankt an anderen Tankstellen.

Es sind Männer, die immer eine Schusswaffe in Reichweite haben und zum Angeln Dynamit benutzen. Es sind Männer, die, wenn sie Glück haben, in schlechten Jobs als etwas bessere Tagelöhner arbeiten. Sie sind Alkoholiker (oder kurz davor). Sie sind mit Frauen verheiratet, die sie nicht lieben, aber von ihnen geschwängert wurden.

Tom Franklin gibt in seinen grandiosen, die Schwüle der Südstaaten kongenial einfangenden Kurzgeschichten einen Einblick in ihr Leben.

Mit fast achzig Seiten ist „Wilderer“ die längste Geschichte des Buches. Die mit dem Edgar als beste Kurzgeschichte ausgezeichnete Geschichte ist eine der wenigen Geschichten, die mühelos als Kriminalgeschichte bezeichnet werden kann. In ihr bringen die jungen, geistig nicht besonders hellen Gates-Brüder im Wald den neuen Wildhüter um. Er hat sie beim Wildern erwischt. Kurz darauf sterben sie nacheinander bei seltsamen Unfällen. Ihr Ersatzvater, Betreiber einer Tankstelle und eines Ladens ohne Kundschaft, glaubt, dass der Vorgesetzte und designierte Nachfolger des ermordeten Wildhüters für die tödlichen Anschläge auf die Gates-Brüder verantwortlich ist. Diese enorm dicht erzählte Geschichte gäbe eine prächtige Vorlage für einen Country-Noir-Film ab.

Tom Franklin: Wilderer

(übersetzt von Nikolaus Stingl)

pulp master, 2020

256 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Poachers

Harper Collins, 1999

Hinweise

Wikipedia über Tom Franklin (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Franklins „Smonk“ (Smonk, 2006)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: