„Später“, Mr. Stephen King, „Später“

Jamie Conklin ist kein normaler Junge. Er sieht tote Menschen und er kann sich mit ihnen, bevor sie verschwinden, unterhalten. Dabei müssen sie ihm die Wahrheit sagen. Das sorgt selbstverständlich irgendwann für lebensbedrohliche Probleme. Aber zuerst sichert diese Gabe den Lebensstandard für ihn und seine Mutter Tia.

Sie ist in New York Literaturagentin. Dort ist das Leben teuer. Auch die Schule für Jamie und das Pflegeheim für seinen dementen Onkel Harry kosten Geld. Ihr Lebensstil wird vor allem durch die unglaublich erfolgreichen Bücher von Regis Thomas bezahlt. Dummerweise stirbt der Bestseller-Autor, bevor er den letzten Band seines enorm erfolgreiches Fantasy-Epos Roanoke geschrieben. Weil er sich keine Notizen macht, gibt es keine Möglichkeit, den Roman posthum zu veröffentlichen. Wenn es nicht Jamie gäbe, der, wie gesagt, mit Toten, die ihm die Wahrheit sagen müssen, reden kann. Also verlangt sie von Jamie, dass er Regis nach der Story von seinem letzten Roman fragt. Jamie tut es und Regis erzählt sie ihm. Seine Mutter schreibt anschließend den Roman, der sich gewohnt gut verkauft. Niemand erfährt von ihrem Betrug.

Jahre später will die korrupte New Yorker Polizistin Liz Dutton von Jamies Fähigkeit profitieren und so ihre Karriere retten. Liz und Tia waren miteinander befreundet, bis sie Tias Wohnung als Zwischenlager für Drogen benutzte.

Das ungewöhnlichste an „Später“ ist nicht die Geschichte. Ich-Erzähler Jamie Conklin erzählt chronologisch sein Leben von seiner Kindheit bis zu seinen jungen Erwachsenenjahren. In schönster Biopic-Tradition reiht er dabei Ereignis an Ereignis. Eine Geschichte, also eine Abfolge von aufeinander aufbauenden Ereignissen, ergibt sich daraus nur langsam und fast zufällig. Auch wenn Jamies Lebensbeichte auf einigen Seiten zu einer blutigen Kriminalgeschichte und einer furchterregenden Horrorgeschichte mutiert, ist sie eine weitgehend sanfte Horrorgeschichte. Sicher, einige der Toten, die Jamie sieht, sehen, je nachdem, wie sie gestorben sind, furchterregend aus. Aber sie sind nicht besonders angsteinflößend. Sie stehen eher wie nette Geister herum und unterhalten sich mit Jamie.

Das ungewöhnlichste an „Später“ ist die Sprache. Am Anfang erzählt der sechsjährige Jamie in der sich auf wenige Worte beschränkenden Sprache eines Kindes. Als er älter wird, wird seine Sprache abwechslungsreicher. Er klingt mehr und mehr wie der Stephen King, den wir aus unzähligen Romanen, Novellen und Kurzgeschichten kennen.

Mit dreihundert Seiten ist der sanfte Horroroman für King-Verhältnisse sogar sehr kurz geraten. Für einen Hard-Case-Crime-Roman, wo der Roman im Original erschien, hat er allerdings die ideale Länge. Der Verlag pflegt mit Wiederveröffentlichungen, Entdeckungen aus den Archiven verschiedener Schriftsteller und neuen Romane die Tradition der klassischen Hardboiled- und Pulp-Krimis. Zu den Autoren gehören Lawrence Block, Ken Bruen/Jason Starr, Max Allan Collins, Michael Crichton, Mickey Spillane, Donald Westlake und Charles Willeford. Stephen King schrieb für Hard Case Crime bereits die kurzen Romane „Colorado Kid“ und „Joyland“.

Stephen King: Später

(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2021

304 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Later

Hard Case Crime/Titan Books, 2021

Hinweise

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis Stephen-King-Verfilmung „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ (Doctor Sleep, USA 2019) (wahrscheinlich einer der Filmtitel, die kein Mensch an der Kinokasse vollständig ausgesprochen hat)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Doctor Sleep“ (Doctor Sleep, 2013)

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