Kate Fansler und „Der James Joyce-Mord“

Im Moment habe ich wirklich Pech mit meiner Krimiwahl. Zwei Krimis von deutschen Autoren, deren Klappentexte vielversprechend waren, brach ich enttäuscht ab. Das war zu sehr auf dem Niveau eines schlechten deutschen TV-Krimis. Das war zu desinteressiert am Plotting. Das wurde in einem Stil erzählt, der mir nicht gefiel.

Und nun „Der James Joyce-Mord“ von Amanda Cross. Zwischen 1964 und 2002 schrieb sie fünfzehn Rätselkrimis mit Amateurdetektivin Kate Fansler. Ihr erster Krimi „In the Last Analysis“ (Gefährliche Praxis; Die letzte Analyse) war für den Edgar als bestes Debüt nominiert. „Death in a Tenured Position“ (Die Tote von Harvard, 1981) erhielt den Nero Award. In ihren Büchern verfolgte sie auch immer eine feministische Agenda.

Nach den negativen Erfahrungen mit zwei neuen Krimis könnte doch die Lektüre eines alten Krimis von überschaubarer Länge ein Vergnügen sein.

War es nicht.

Die Literaturprofessorin und hundertfüfnzigprozentige Großstädterin Kate Fansler verbringt den Sommer auf dem Land. In Araby, einem Dorf in den Berkshires, soll sie den Nachlass des amerikanischen Verlegers von James Joyce sortieren. Sie interessiert sich vor allem für die Briefe von James Joyce. Ihr hilft ein Student. Und sie soll, zusammen mit einem extra dafür engagiertem Hauslehrer, auf ihren verhaltensauffälligen Neffen Leo aufpassen.

Als der Hauslehrer mit einem Gewehr, das nicht geladen sein sollte, herumspielt, löst sich ein Schuss. Der tötet die Nachbarin Mary Bradford, eine von allen gehasste Klatschtante.

Fansler und ihr Freund Reed Amhearst beginnen den Täter, also, die Person, die die Kugel in das Gewehr schob, zu suchen. Verdächtige gibt es genug.

Aber anstatt jetz im Stil eines Rätselkrimis die Amateurdetektivin ermitteln zu lassen, liefert Amanda Cross Dialog nach Dialog über Banalitäten, Feindseligkeiten im akademischen Lehrbetrieb und unter Fachkollegen, etwas Hintergrund zu James Joyce (bei dem Titel nicht überraschend) und, manchmal, wird auch besprochen, was vorher geschehen ist oder jemand erlebt hat. Nur eine Handlung, also in diesem Fall eine Suche nach Hinweisen auf den wahren Täter und eine Parade der Verdächtigen und ihrer Motive, ergibt sich daraus nicht. Das ist dann eher Warten auf Godot (Hach, eine literarische Anspielung!) mit einem überwältigendem Desinteresse an der Mördersuche.

Die Dialoge sind, auch wenn im Klappentext von Screwball-Comedy-Dialogen gesprochen wird, nicht witzig und nicht pointiert.

Entsprechend lieblos wird am Ende der Täter aus dem Hut gezaubert.

Da bleibe ich, wenn es ein Klassiker sein soll (Klassiker ist einfach ein Synonym für „vor Jahzehnten erschienenes Werk“; den Zusatz „wiederentdeckt“ gibt es bei einer Neuauflage; den Zusatz „zu Unrecht vergessen“ wenn es keine Neuauflage gibt, aber der Rezensent gerne eine hätte), bei Nero Wolfe.

Aber jetzt lese ich erst einmal Erich Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Den Roman hat Dominik Graf kongenial mit „Oh Boy“ Tom Schilling als Fabian verfilmt.

Amanda Cross: Der James Joyce-Mord – Ein neuer Fall für Kate Fansler

(übersetzt von Monika Blaich und Klaus Kamberger)

Dörlemann, 2021

288 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The James Joyce Murder

Macmillan, New York, 1967

Der Roman erschien im Deutsche Taschenbuch Verlag als „In besten Kreisen“.

Hinweise

Krimi-Couch über Amanda Cross

Wikipedia über Amanda Cross (deutsch, englisch) und Kate Fansler (deutsch, englisch)

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