Neu im Kino/Filmkritik: Über das Matthew-Herbert-Porträt „A Symphony of Noise“

Matthew Herbert ist ein musikalischer Grenzgänger oder, anders gesagt, ein Musiker, der im Berghain und in der Elbphilharmonie auftritt und damit das Feld zwischen Electronic, Techno, Avantgarde, Jazz und Neuer Musik bespielt. Er schreibt auch Soundtracks, unter anderem für Sebastián Lelios „Eine fantastische Frau (Una mujer fantástica) und „Gloria – Das Leben wartet nicht“ (Gloria Bell). Für seine Arbeiten benutzte er in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Pseudonyme, nämlich Herbert, Doctor Rockit, Radio Boy, Mr. Vertigo, Transformer und Wishmountain. Und er ist ein Klangforscher.

Dieser Aspekt seines musikalischen Schaffens steht im Zentrum von „A Symphony of Noise“. Regisseur Enrique Sánchez Lansch („Rhythm is it!“, „Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus“) traf sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder mit Herbert und dokumentierte seine aktuellen Projekte. Er beobachtet ihn ausführlich bei der Arbeit. Er unterhält sich mit ihm über die geplanten Musikstücke und die damit verbundenen ästhetischen, musikalischen und politischen Absichten.

Ein großer Teil seines im Film dokumentierten Schaffens besteht aus dem Aufnehmen und Neu-Arrangieren von Geräuschen. Das sind die Geräusche, die ein Mastschwein von seiner Geburt bis zu seinem Tod macht und hört. Oder die Geräusche, die ein Baum hört, wenn er im Wald steht, gefällt, transportiert und bearbeitet wird. Dafür wird im Baum ein Mikrofon angebracht. Oder es sind die Geräusche, die zertretene Eier machen. Oder die Geräusche in einem Fish’n’Chips-Imbiss in einer Hafenstadt nach dem Brexit-Volksentscheid bei der Herstellung des Essens. Der Brexit war auch die Initialzündung für seine Brexit Big Band, die ein musikalischer Gegenentwurf zu dem von ihm abgelehntem Brexit ist. Oder die einer Schwimmerin, die den Ärmelkanal durchquert. Oder er beschäftigt sich mit Gustav Mahlers 10. Sinfonie und wie sich sich im geschlossenen Sarg anhört. Bei diesen Projekten geht es immer auch um neues und genaues Hören; wobei einige Geräusche erst durch Herberts Erklärungen ihre Geschichte und ihre Bedeutung erhalten.

Der so entstandene Dokumentarfilm ist ein Werkstattbericht, der Herbert und seine Arbeit vorstellt, ohne sein Werk in die Musikgeschichte einzuordnen. „A Symphony of Noise“ gibt einen tiefen Einblick in den Schaffensprozess von Matthew Herbert, der darüber auch ausführlich, oft mit einem selbstironischen Ton, spricht. Die längeren Konzertausschnitte zeigen dann, dass Herberts Musik vor allem Musik zum Tanzen ist; – – – jedenfalls die gezeigten Ausschnitte aus einem Auftritt im Berghain und eines Konzerts der Brexit Big Band, die dann doch sehr nach einer konventionellen Big Band klingt.

A Symphony of Noise (Deutschland 2021)

Regie: Enrique Sánchez Lansch

Drehbuch: Enrique Sánchez Lansch

mit Matthew Herbert

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „A Symphony of Noise“

Moviepilot über „A Symphony of Noise“

Wikipedia über Matthew Herbert (deutsch, englisch)

Homepage von Matthew Herbert

AllMusic über Matthew Herbert

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