Frank Göhre schreibt über Hamburg, „Die Stadt, das Geld und der Tod“

Das hat jetzt länger gedauert, als ursprünglich geplant. Und zwar weil ich Frank Göhres neuen Roman „Die Stadt, das Geld und der Tod“ in einem Rutsch lesen wollte. Immerhin ist es mit hundertsechzig Seiten kein sonderlich dickes Buch und da sollte die Lektüre doch an einem ruhigen Tag mühelos gelingen. Also verschob ich die Lektüre von einem meiner Lieblingsautoren immer wieder. Mal las ich gerade ein anderes Buch, mal musste ich etwas erledigen, mal hätte ich es nur in kleinen Abschnitten (zehn Seiten beim Frühstück, drei Seiten in der U-Bahn, umsteigen, vier Seiten in der S-Bahn,…) lesen können.

Aber jetzt habe ich endlich die nötige ungestörte Lesezeit gefunden. Und, um jetzt die offensichtliche Frage gleich zu beantworten: ja, das Warten hat sich gelohnt. Es ist ein guter Noir.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des sechzehnjährigen David Wójcik und der Entlassung von seinem neununddreißigjährigem Vater Ivo Jasari. Der gebürtige Rumäne saß wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge im Zusammenhang mit dem Schmuggel von Luxusartikeln über fünf Jahre in Haft. Ivo kehrt schnell in sein altes Leben als Partner von Nicolai Radu zurück. Sie verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Nicolai und er eroberten in den Neunzigern, mehr oder weniger legal, den Kiez. Nicolai kaufte Immobilien, ging eine Beziehung mit der Tochter eines angesehenen Kaffeeimporteurs ein und wurde so ein ehrenwerter Geschäftsmann, dem man nie etwas Illegales nachweisen konnte. Aber es gab immer Gerüchte, der Radu-Clan bilde den Kopf der Organisierten Kriminalität in Hamburg.

Ivo will zwar auch wissen, warum sein Sohn David an einer größeren Dosis Amphetaminen starb und wer dafür verantwortlich ist, aber allzu engagiert hört er sich nicht um.

Auch Frank Göhre interessiert sich kaum für diese potentielle Rachegeschichte. Er interessiert sich viel mehr dafür, wie zu Beginn dieses Jahrhunderts das Organisierte Verbrechen in Hamburg agierte. Es ist nicht mehr das Organisierte Verbrechen der alten Kiezkönige, die er ab den Achtzigern in seinen Kiez-Romanen beschrieb.

Jetzt sind es Auswanderer aus Rumänien. In den achtziger und neunziger Jahren waren sie Kleinkriminelle. Sie betrieben Diskotheken und Clubs, kauften Immobilien. Einige Jahre später, in den Nullerjahren, sind sie mittelalte Männer, die immer noch mit dem kriminellen Milieu und ihrer vermutlich kriminellen Vergangenheit (es gab Gerüchte, aber keine Gerichtsurteile) assoziiert werden, aber legalen Geschäften nachgehen. Mehr oder weniger.

Göhre beschäftigt sich in „Die Stadt, das Geld und der Tod“, dem neuesten Teil seiner Hamburger Sittengeschichte, wieder einmal, mit den Verbindungen zwischen Verbrechen, Wirtschaft und Politik und den damit verbundenen fließenden Grenzen zwischen legalen, halblegalen und schlichtweg illegalen Geschäften.

Der von Göhre gewählte Titel „Die Stadt, das Geld und der Tod“ ist selbstverständlich eine Anspielung auf Rainer Werner Fassbinders sehr umstrittenes Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“.

Frank Göhre: Die Stadt, das Geld und der Tod

Culturbooks, 2021

168 Seiten

15 Euro

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Frank Göhre

Wikipedia über Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Geile Meile” (2013)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Gut leben – früh sterben: Stories von unterwegs“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Du fährst nach Hamburg, ich schwör’s dir – Ein Heimatfilm“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Die Härte, der Reichtum und die Weite – Ein Heimatfilm, Teil II“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhre/Alf Mayers „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ (2019)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Verdammte Liebe Amsterdam“ (2020) (ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2020 und dem Stuttgarter Krimipreis 2021)

Frank Göhre in der Kriminalakte

 

One Response to Frank Göhre schreibt über Hamburg, „Die Stadt, das Geld und der Tod“

  1. […] Meine Besprechung von Frank Göhres “ Die Stadt, das Geld und der Tod“ (2021) […]

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