Neu im Kino/Filmkritik: Ist Corinna Harfouch „Das Mädchen mit den goldenen Händen“?

Während der Feier zu ihrem sechzigsten Geburtstag erfährt Gudrun, dass der Bürgermeister das Kinderheim, in dem sie aufwuchs, an einen Investor verkaufen will. Sie will das verhindern.

Bis dahin haben wir Gudrun als eine sehr bestimmende Person kennen gelernt. Die seit fast dreißig Jahren mit Werner verheiratete Lehrerin sagt immer allen, was sie zu tun haben und sie läßt nur ihre eigene Meinung gelten. Das bekommt auch ihre Tochter zu spüren. Lara lebt in Berlin und kommt für die Geburtstagsfeier zurück in das in der ostdeutschen Provinz liegende Dorf. Sie soll eine Geburtstagsrede halten. Aber noch bevor sie sie ihrer Mutter vor der Feier vortragen kann, beginnt Gudrun, ganz die resolute Macherin, die sie ihr ganzes Leben war, schnell die Rede aufzuschreiben, die ihre Tochter halten soll und wie sie auf die einzelnen Sätze reagieren wird. So eine Mutter ist Gudrun.

Im folgenden erzählt die Schauspielerin Katharina Marie Schubert in ihrem Spielfilmdebüt von Gudruns Versuchen, den Verkauf zu verhindern. Sie sind nicht strategisch durchdacht, sondern kindisch emotional. Währenddessen entdeckt Lara in der elterlichen Wohnung in einem Koffer ein ihrer Mutter gewidmetes Frauenporträt. Sie fragt sich, ob dieser Peter ihr leiblicher Vater ist. Neugierig geworden besucht sie in Berlin eine alte Bekannte ihrer Mutter, die sie bislang nicht kannte, und den ihr ebenfalls unbekannten Zeichner des Porträts ihrer Mutter.

Und wir fragen uns, warum Gudrun so heftig auf den geplanten Verkauf des Kinderheims reagiert. Sie verfolgt stur ein Ziel und ist dabei unfähig und unwillig, Kompromisse einzugehen oder über Alternativen nachzudenken. Aber warum sie den Verkauf der Ruine verhindern will, wird nie wirklich nachvollziehbar erklärt. Am Ende des Films kennen wir den Grund für ihr Verhalten nicht genauer als am Anfang, als Gudrun äußerst emotional auf die Nachricht von dem geplanten Verkauf reagiert. In dem Moment können wir uns denken können, dass das Kinderheim für sie wichtig war. Aber wir wissen nicht warum. Selbstverständlich, und das erklärt ihr Verhalten zu einem großen Teil, geht es in „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ nicht nur um Gudruns Geschichte, sondern auch um die Frage, wie wir mit der Vergangenheit als Individuum und Gesellschaft umgehen. Insofern steht das Kinderheim auch für die gesamte Geschichte der DDR und alle Figuren müssen sich im Film mit ihrer DDR-Vergangenheit auseinandersetzen.

Hier füllt Corinna Harfouch, die Gudrun spielt, mit ihrer schauspielerischen Wucht Lücken des Drehbuchs aus. Wir spüren ihre Schmerzen, Bedürfnisse und Leiden. Wir erkennen ihre Unfähigkeit, im Umgang mit ihr nahe stehenden Menschen Emotionen zuzulassen. Auch wenn wir den Grund dafür mehr ahnen als wissen. Auch die anderen Schauspieler – Peter René Lüdecke als ihr Mann, Birte Schnöink als ihre Tochter und Jörg Schüttauf als Bürgermeister – verleihen in wenigen Momenten ihren Figuren eine Tiefe, die die jahrelange Vertrautheit, die verdrängten Konflikte, Zuneigungen und Ablehnungen glaubhaft machen. Sie alle kennen sich seit ihrer Kindheit und erlebten teilweise drei verschiedene politische Systeme. Denn Schuberts Geschichte spielt wenige Monate vor der Jahrtausendwende.

Das ist alles sehr gelungen in oft langen Szenen inszeniert. Aber das Drehbuch schwächelt mit der Zeit. So nimmt Laras Leben in Berlin und ihr Stochern in der Vergangenheit ihrer Mutter einen zu großen Raum ein. Gudruns Motiv bleibt, wie gesagt, rätselhaft. Und das Ende ist eines der unschönen Deus-ex-machina-Enden.

Das Mädchen mit den goldenen Händen (Deutschland 2021)

Regie: Katharina Marie Schubert

Drehbuch: Katharina Marie Schubert

mit Corinna Harfouch, Birte Schnöink, Peter René Lüdicke, Jörg Schüttauf, Gabriela Maria Schmeide, Imogen Kogge, Stephan Bissmeier, Ulrike Krumbiegel

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Das Mädchen mit den goldenen Händen“

Moviepilot über „Das Mädchen mit den goldenen Händen“

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: