Mark Benecke ist im „Viral. Blutrausch“

Ich kann zwar nicht sagen, welches Buch ich genau erwartet hätte, aber ich kann sagen, dass ich dieses Buch von Mark Benecke nicht erwartet hätte. Benecke ist bekannt als Kriminalbiologe. Er schreibt Bestseller über seine Arbeit. Er tritt im Fernsehen auf. Er kandidierte in mehreren Wahlen für „Die Partei“ (yep, die Satireveranstaltung). Er ist, um diesen altmodischen Begriff zu gebrauchen, ein bunter Vogel. Seine Lesungen – ich war vor Jahren bei einer dabei – sind kurzweilige, informative Veranstaltungen. „Viral. Blutrausch“ ist sein jetzt erschienenes Romandebüt. Es ist ein Kriminalroman, der vom Verleih als „mitreisende moderne Crime-Noir-Geschichte“ angekündigt wird.

Sie beginnt mit einer Frauenleiche, die mitten auf einer viel befahrenen Hauptstraße hingelegt wurde. Die zweite ermordete Frau wird auf dem Dach eines Parkhauses gefunden. Beide Frauen sind jung, tragen einen weißen Bademantel, haben einen Totenkopf und eine verwelkte Blume in der Hand und sie wurden ausgepumpt. In ihrem Körper befindet sich kein Blut mehr. Es wurde ihnen mit der Hilfe fachkundig benutzter chirurgischer Instrumente entnommen. Die Zeitungen sprechen schnell von Vampir-Morden.

Das Ermittlerteam, das den perversen Serienmörder sucht, besteht aus der fünfundfünfzigjährigen Hauptkommissarin Christine Peterson, ihrer ehrgeizigen jüngeren Kollegin Alina Brinkmeier, ihrem jetzt als Privatermittler arbeitendem, selbstverständlich legendärem Ex-Kollegen Bastian Becker und seiner Partnerin Janina Funke.

Im Zug ihrer Ermittlungen verhaften sie Dulac. Er hält sich für einen Vampir und er veranstaltet entsprechende Motto-Partys. Auf einer dieser Partys arbeitete eine der Toten als Kellnerin. Aber Becker ist überzeugt, dass Dulac, ohne uns irgendeinen Grund zu nennen, nicht der Täter ist.

Wer glaubt, dass Benecke die Morde nimmt, um uns viel über den Zustand von Leichen, Verwesungen und Obduktionen zu erzählen, wird enttäuscht sein. Im Gegensatz zu anderen Fachleuten, die ihr Belletristik-Debüt benutzen, um von ihrer Arbeit zu erzählen, tut Benecke das nicht. Alles, was irgendwie kriminalbiologisch oder forensisch wichtig sein könnte, wird konsequent ignoriert. Und wer, ausgehend von Beneckes Biographie und seinen zahlreichen Mitgliedschaften (die ja auch etwas über Interessen verraten), einen irgendwie ‚ungewöhnlichen Krimi‘ erwartet, wird ebenso enttäuscht sein.

Denn „Viral. Blutrausch“ ist ein typischer deutschsprachiger Krimi, der beliebig Plotelemente aneinderreiht ohne dass daraus eine Story entsteht oder glaubwürdige Figuren miteinander interagieren. Stattdessen wird behauptet („Dulac ist nicht der Täter“, aber warum das so ist, wird einem nicht verraten) und Ermittlungsergebnisse werden uns mitgeteilt. Dabei wäre es viel interessanter, mitzuerleben, wie die Ermittler zu ihren Kenntnissen gelangen. Sowieso finden die entscheidenden Ermittlungen und Ereignisse zwischen den einzelnen Kapiteln des Romans statt. Am Ende wird der Täter aus dem Hut gezaubert. Ein Motiv hat er nicht. Es wird über wichtige Erlebnisse in der Vergangenheit von Becker geraunt, weil heutzutage jeder Kriminaler eine problematische Vergangenheit hat. Auch wenn sie mit dem aktuellen Fall nichts zu tun hat. Das liest sich wie das angewandte Produktionshandbuch für den nächsten TV-Krimi, irgendwo zwischen dem allwöchentlichem „Tatort“ und einer beliebigen „Soko“-Folge.

Schon bei der Lektüre fragte ich mich, warum Benecke ein so langweiliges Buch schreibt, das, wenn es in einer irgendwann einmal namentlich genannten oder erkennbaren Stadt spielen würde, ein bestenfalls durchschnittlicher Regiokrimi wäre.

Ach ja, und Noir ist an dem Werk nichts.

Mark Benecke (mit Dennis Sand): Viral. Blutrausch

Benevento, 2022

232 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage von Mark Benecke

Wikipedia über Mark Benecke

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