Neu im Kino/Filmkritik: Über Justin Chons Melodrama „Blue Bayou“

Antonio LeBlanc hatte schon Probleme mit dem Gesetz. Zweimal wurde der Mittdreißiger wegen Motorraddiebstahl verurteilt. Inzwischen ist er ein gesetzestreuer Bürger, der sich liebevoll um seine siebenjährige Stieftochter Jessie kümmert, als Tätowierer arbeitet und einen zweiten Job sucht. Denn seine Frau und große Liebe Kathy ist schwanger.

Als er in einem Supermarkt von einem Polizisten provoziert wird und aus der Provokation ein Handgemenge wird, landet er zuerst im Gefängnis und kurz darauf auf der Liste von Ausländern, die abgeschoben werden sollen. Denn Antonio wurde als Dreijähriger adoptiert und war seitdem nie wieder in seinem Geburtsland Korea. Seine Eltern und er beantragten niemals formal die US-Staatsbürgerschaft für ihn. Sie wussten nicht, dass sie das hätten tun müssen.

Die Polizei kann ihn deshalb in sein Geburtsland, das er nicht kennt, abschieben. Von dort kann er, auch wenn die Chancen äußerst gering sind, seine Wiedereinreise beantragen. Seine Familie kann ihn begleiten oder in den USA bleiben. Das ist der Justiz egal.

Die andere Möglichkeit ist, wie ein Anwalt ihm und Kathy erklärt, gegen die Abschiebung zu klagen. Wenn er Recht bekommt, kann er bleiben. Wenn nicht, muss er nach Korea ausreisen und darf nie wieder in die USA zurückkommen.

In jedem Fall will der Anwalt für seine Arbeit bezahlt werden. Zunächst versucht Antonio das Geld durch ehrliche Arbeit zusammen zu bekommen. Aber so kann er niemals genug Geld für den Anwalt verdienen. Letztendlich muss er sich an seine alten Freunde wenden und wieder Verbrechen begehen.

Das in und um New Orleans spielende intensive und nah an seinem Protagonisten erzählte Independent-Drama „Blue Bayou“ ist der vierte Spielfilm von Justin Chon und der erste, der bei uns im Kino läuft. Er schrieb auch das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle. Weil er öfter als Schauspieler arbeitet, könnten einige sein Gesicht kennen. So spielte er in den „Twilight“-Filmen Eric Yorkie.

Antonios drohende Abscheigung, die die Filmgeschichte vorantreibt (wenn auch nicht so sehr, wie sie es eigentlich sollte), basiert auf einer realen, immer noch nicht behobenen Gesetzeslücke. Denn der Child Citizenship Act aus dem Jahr 2000 gilt nicht für adoptierte Kinder, die in dem Moment bereits 18 Jahre waren. Sie können ausgewiesen werden. In den vergangenen Jahren war eine unbekannte Zahl von adoptierten Kindern davon betroffen. Sie hielten sich sozusagen illegal in den USA auf. Im Abspann werden einige von ihnen gezeigt.

Aber um dieses Gesetz geht es in dem Film kaum. „Blue Bayou“ ist nämlich kein Justizthriller, sondern ein Drama, in dem ein Mann versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Und ob das jetzt durch eine Abschiebung, einen rachsüchtigen Polizisten oder die falschen Freunde bedroht ist, ist egal. Ebenso die Gründe, aus denen der Protagonist unbedingt Geld braucht.

So verschwindet die drohende Abschiebung und die Frage, wie die in New Orleans lebende Familie LeBlanc künftig leben möchte, immer wieder, über lange Strecken im Hintergrund zugunsten eines Melodramas, in dem der Protagonist viel Motorrad fährt, eine krebskranke Frau kennen lernt, ein liebevoller Vater, hart arbeitender Tätowierer und Pechvogel ist. Die widrigen Umstände, personifiziert von zwei Polizisten, Kathys Ex und sein rassistischer Partner, und ein gnadenlos mahlendes Justizsystem, treiben Antonio immer weiter in sein altes Leben zurück. Das ist als durchaus dick auftragendes Melodrama mit einem Taschentuch-Ende gelungen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Blue Bayou (Blue Bayou, USA 2021)

Regie: Justin Chon

Drehbuch: Justin Chon

mit Justin Chon, Alicia Vikander, Sydney Kowalske, Mark O’Brien, Linh-Dan Pham, Emory Cohen, Vondie Curtis-Hall, Toby Vitrano

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Blue Bayou“

Metacritic über „Blue Bayou“

Rotten Tomatoes über „Blue Bayou“

Wikipedia über „Blue Bayou“ (deutsch, englisch)

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