Jüdisches Filmfestival Berlin/Brandenburg zeigt 2022 „Jewcy Movies“

Am Dienstag, den 14. Juni, startet die diesjährige Ausgabe des Jüdischen Filmfestival Berlin/Brandenburg (JFBB). Es findet zum 28. Mal statt und es eines der Filmfestivals, die mich jedes Mal Filme sehen lässt, die ich sonst nicht sehen würde. Das tun andere Filmfestival natürlich auch, aber das Besondere bei diesem Filmfestival ist, dass alle Filme irgendetwas mit dem Judentum und dem jüdischen Leben in der Gegenwart und Vergangenheit zu tun haben.

Dieses Jahr werden bis zum Sonntag, den 19. Juni, 43 Dokumentar- und Spielfilme, die teilweise auch später im Kino laufen, und zwei Serien gezeigt. In Potsdam im Fimmuseum Potsdam, im Haus der Brandburgisch-Preußischen Geschichte und im Thalia-Progammkino; in Berlin im Delphi Lux, im Passage Kino, auf dem Jüdischen Theaterschiff MS Goldberg und, Open Air, im Sommerkino Kulturforum.

Thematisch beschäftigen sich viele Filme mit dem Holocaust und seinen Folgen. Und es gibt eine neun Filme umfassende Hommage an Jeanine Meerapfel. Sie wurde 1943 in Argentinien als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten geboren. Aktuell ist sie die Präsidentin der Akademie der Künste Berlin. Seit ihrem Spielfilmdebüt „Malou“ beschäftigt sie sich immer wieder mit ihrer Familiengeschichte, dem Antisemitismus und den Folgen von Emigration. Ihr, jedenfalls vom Titel bekanntester Film, dürfte „Die Kümmeltürkin geht“ sein. Ihr neuester Film „Eine Frau“, über ihre Mutter, wird am Dienstagabend im Hans-Otto-Theater (Potsdam) als Eröffnungsfilm des Festivals gezeigt.

Die anderen Filme des Festivals werden in den Reihen „Wettbewerb Spielfilm“, „Wettbewerb Dokumentarfilm“ und Kino Fermished“ gezeigt.

Zum Beispiel Natalia Sinelnikovas beeindruckende Dystopie „Wir könnten genauso gut tot sein“ über eine Gated Community, deren Bewohner nach dem Verschwinden eines Hundes zunehmend paranoid werden. Das Spielfilmdebüt der Absolventin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf lief auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“.

Oder Aurélie Saadas Porträt der 78-jährigen „Rose“, die sich nach dem Tod ihres Ehemannes und einer Phase der Trauer ins Leben stürzt. Zum Entsetzen ihrer Kinder.

Oder Gabriel Matias Lichtmanns Mockumentary „The Red Star“ über Laila Salama, eine Agentin, die 1960 auch an der Entführung von Adolf Eichmann in Buenos Aires beteiligt war.

Ebenfalls auf der Berlinale lief Maggie Perens „Der Passfälscher“ über den jungen Juden Cioma Schönhaus, der sich 1942 in Berlin ins Leben stürzt, nach dem Motto „wenn mich alle sehen, kann ich kein von den Nazis verfolgter Jude sein“ und der gleichzeitig zahlreiche Pässe fälschte. Wer nicht bis zum regulären Kinostart am 13. Oktober warten will, kann sich den Film schon jetzt ansehen.

Ebenfalls im Zweiten Weltkrieg spielt Roman Shumunovs „Berenshtein“. In der Deutschlandpremiere geht es um den ukrainisch-jüdischen Partisan Leonid Berenshtein, der 1944 in Polen das Versteck der Nazis für die V2-Raketen entdeckte. Der Film, der auch Dokumentaraufnahmen enthält, soll Anfang November als „Der letzte Partisan – Die wahre Geschichte des Leonid Berenshtein“ auf DVD erscheinen.

Eine Weltpremiere ist Jan Tenhavens „Adam & Ida – Almost a Fairytale“ über Zwillinge, die sich über fünfzig Jahre nachdem sie 1942 getrennt wurden, wieder sehen und im Film ihre Lebensgeschichte erzählen.

In „We wept without tears“ erzählen im Sommer 1993 sechs der damals letzten jüdischen Überlebenden des „Sonderkommandos“ des KZ Auschwitz-Birkenau über ihre Erlebnisse. Gigeon Greif und Itai Lev montierten aus diesen Zeitzeugenaussagen jetzt diesen Film.

In seinem neuen Film „Babi Yar. Context“ montiert Sergei Loznitsa, wie man es aus seinen anderen Filmen kennt, ohne einen Sprecherkommentar, der die Bilder einsortieren könnte, historische Aufnahmen zusammen. Es geht um das Leben in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, den Mord von 33.771 Juden und Jüdinnen in der bei Kiew gelegenen Schlucht von Babi Yar und der juristischen Behandlung nach dem Zweiten Weltkrieg.

In „Apples and Oranges“ gibt Yoav Brill einen kurzweiligen Einblick in die Geschichte der Kibbuz-Bewegung. Vor allem in den Siebzigern verbrachten Jugendliche ihren Sommerurlaub in Israel in einem Kibbuz. Neben der Arbeit auf dem Bauernhof wollten sie auch, ohne den strengen Blick ihrer Eltern, Sex, Drugs & Rock’n’Roll ausprobieren. Die Einheimischen waren zunehmend weniger begeistert.

Trish Adlesic schildert in seinem Dokumentarfilm „A Tree of Life“, und damit sind wir fast in der Gegenwart, das am 27. Oktober 2018 von einem Rechtsextremisten verübte Attentat auf die Synagoge Tree of Life Or L’Simcha in Pittsburgh. Er erschoss elf Menschen und verletzte sechs weitere. Es ist der bislang schwerste in den USA verübte antisemitischen Anschlag.

Eine Besonderheit für Stummfilm-Fans ist Deutschland-Premiere der restaurierten Fassung von Charles E. Davenports 1919 entstandenem und lange als verschollen geglaubtem Stummfilm „Broken Barriers“. Es handelt sich um die erste US-amerikanische Adaption der „Tewje, der Milchmann“-Geschichte. Beide Aufführungen des Stummfilms werden von Daniel Kahn, einem Folk-Klezmer-Punk-Singer-Songwriter, musikalisch begleitet.

Das vollständige Programm mit Informationen zu allen Filmen und Veranstaltungen gibt es hier.

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