Neu im Kino/Filmkritik: Die Musikdoku „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Türkische Musik dürften die meisten Deutschen nur vom Besuch beim nächsten Döner kennen. Da läuft manchmal im Fernsehen türkische Musik, die sich meistens wie billigste Schlagermusik anhört. Das ist nichts, was das gesteigerte Interesse des Musikliebhabers weckt. Auch in den Charts taucht türkische Musik kaum auf.

Trotzdem gibt es in Deutschland eine türkische Musikszene, die sich in den vergangenen sechzig Jahren, seit der Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter aus der Türkei, parallel und abseits vom Mainstream entwickelte. Zunächst weil die Gastarbeiter einige Jahre hier arbeiten und dann wieder zurück in ihre Heimat zu ihren Familien wollten. Ihre Arbeitgeber sahen das ähnlich. Später spielten sie primär für ein türkisches Publikum. Erst seit den Neunzigern veränderte sich das.

In seiner Doku „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ porträtiert Cem Kaya („Remake, Remix, Rip-Off“) mit oft bislang unbekannten Originalaufnahmen, Aufnahmen aus den TV-Archiven und aktuellen Interviews die in Deutschland existierende türkische Musikszene und wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. Das geschieht in drei Erzählblöcken. Im ersten Block geht es um die Anfänge. Damals spielten Gastarbeiter für andere Gastarbeiter. Zunächst spielten die Musiker Volkslieder; später auch Eigenkompositionen, die sich mit ihrem Leben in Deutschland beschäftigten. Viele ihrer Stücke erschienen auf dem zunächst in Köln ansässigem Label „Türküola“, das türksiche Musik für in Deutschland lebende Türken produzierte und an den Orten verkaufte, an denen Türken einkaufen gingen. In Schallplattenläden waren sie normalerweise nicht zu finden.

Cem Karaca und die Kanaken“ war einer der wenigen Musiker, der 1984 auch eine LP mit auf Deutsch gesungenen Rocksongs aufnahm. Damals war er ein in der Türkei und Deutschland erfolgreicher Musiker, der Probleme mit der türkischen Regierung hatte und seit 1979 in Deutschland im Exil lebte. Nach seiner Rückkehr in die Türkei, setzte hier niemand sein Werk fort.

Vor allem in den Achtzigern spielten türkische Bands auf Hochzeiten. Dort verdienten sie viel Geld. Und, wie schon die erste Generation türkischer Musiker, interessierten sie sich nicht für ein deutschsprachiges Publikum; – falls dieses überhaupt türkische Musik gekauft hätte.

Im dritten und letzten Erzählblock beschäftigt Kaya sich mit den Entwicklungen ab den Neunzigern. Türkischstämmige, in Deutschland geborene Jugendliche rappten über ihr Leben in Deutschland. Im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern begriffen sie sich als Teil der deutschen Gesellschaft. Die 1992 Debütsingle „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry brachte das Gefühl auf den Punkt.

Das alles erzählt Kaya in straffen hundert Minuten. Da wird vieles nur kurz angesprochen oder fehlt ganz. Aber das ist nicht schlimm. In künftigen Filmen können dann einzelne Aspekte, über die man nach dem Film mehr wissen möchte, vertieft und Lücken geschlossen werden. Diese Doku war niemals als ein alles umfassender und abschließend erklärender Film geplant. Sie ist ein erster Aufschlag. In dem Film arbeitet Kaya gelungen wichtige Entwicklungen heraus und verknüpft sie überzeugend mit der Geschichte der türkischen Gastarbeiter, die ungeplant zu Einwanderern wurden.

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ ist ein fulminanter Überblick über sechzig Jahre Musik- und Integrationsgeschichte, die fast nie von der deutschsprachigen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Das dürfte sich jetzt ändern.

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod (Deutschland 2022)

Regie: Cem Kaya

Drehbuch: Cem Kaya, Mehmet Akif Büyükatalay

mit İsmet Topçu, Ömer Boral, Yüksel Ergin, İhsan Ergin, Metin Türköz, Adnan Türköz, Yüksel Özkasap, Cevdet Yıldırım, Ercan Demirel, Cavidan Ünal, Ata Canani, Betin Güneş, Aykut Şahin, Fehiman Uğurdemir, Cengiz Öztunç, Dede Deli, Mustafa Çetinol, Erdal Karayağız, İzzet Nihat Yarsaloğlu, Hatay Engin, Yasin Kıran, Aytaç Kıran, Serdar Saydan, Serkan Kaynarcalı, Rüştü Elmas, Mustafa Deniz, Oktay Vural, Orhan Amuroğlu, Ümit Gücüyener, Sultan Korkmaz, Bekir Karaoğlan, Ümit Çağlar, Ali Ekber Aydoğan, Killa Hakan, Kabus Kerim, Derya Yıldırım, Tümay Koyuncuoğlu, Rossi Pennino, Kutlu Yurtseven, Erci Ergün aka Erci E., Alper Ağa, Boe B., Tahir Çevik aka Tachi, Volkan Türeli, Nellie, Muhabbet, Aziza A., İmran Ayata, Bülent Kullukcu, Ibrahim Ertalay, Ilkay Kökel, Mehmet Yozgut

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Moviepilot über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Wikipedia über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Berlinale über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Cem Kaya auf der Berlinale

Cem Kaya bei einem Filmgespräch in Nürnberg

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