Edgar 2025 für das beste Debüt: Henry Wise: Holy City

März 4, 2026

Die Ausgangslage liest sich ziemlich konventionell. Will Seems, der Held der Geschichte, ist als Deputy Sheriff nach Jahren wieder in sein Heimatdorf in Euphoria County in Süd-Virginia zurückgekehrt. Es handelt sich um eines dieser Dörfer in einem Landstrich, dessen beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt. Seitdem wurde es schlechter. Seems wird von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt.

Am Buchanfang entdeckt er in einem brennenden Haus eine Leiche. Der Hausbesitzer Tom Janders wurde offensichtlich ermordet. Der Brand wurde gelegt, um die Tat zu vertuschen. Seems nimmt Zeke Hathom, den allseits geliebten Vater eines weiteren Jugendfreundes, in der Nähe des Tatortes fest. Ist er der Mörder?

Erfahrene Krimileser werden jetzt empört rufen „Natürlich nicht!“. Das wäre viel zu einfach. Jedenfalls für einen Kriminalroman, einen Polizeiroman und auch einen Country Noir.

Eine so konventionelle Prämisse führt vielleicht nicht zu einem sofortigen Das-muss-ich-unbedingt-lesen-Reflex, aber sie kann die Grundlage für eine spannende Geschichte bilden, die tief in das sich über Jahrzehnte etablierte Geflecht von Schuld und Sühne, von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Chancen, Rassismus und, manchmal, Glaube, religiösem Fanatismus, Wahn und Aberglaube eintaucht. James Lee Burke schreibt seit Jahrzehnten solche Geschichten.

In diese Fußstapfen tritt Henry Wise mit seinem Debütroman nicht. Er will es auch nicht.

Für den Kriminalfall interessiert Henry Wise sich kaum. Über viele Seiten wird er nicht weiter beachtet. Dann gibt es im ungefähr am Anfang des letzten Drittels einen Ermittlungsschritt, der normalerweise ganz am Anfang einer Mordermittlung steht. Und schon ist der Täter überführt.

Wise interessiert sich viel mehr für die Vergangenheit seines Ermittlers und seine Schuldgefühle, die auch sein heutiges Handeln bestimmen. Sie sind auch der Grund, weshalb er zu den wenigen Menschen gehört, die nach Euphoria County zurückkehrt sind. Vieles wird von Wise sehr langsam, teils spät in der Geschichte enthüllt.

Und leider formuliert Wise oft recht umständlich. Manchmal wechselt er dabei auch noch innerhalb eines Absatzes assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Figuren bleiben weitgehend blass. Die Handlung ist nur erahnbar und die polizeilichen Ermittlungen sind nebensächlich.

Als Sittenbild einer US-Provinzstadt überzeugt der Country Noir halbwegs.

Trotzdem hätte ich von einem Edgar-Gewinner – „Holy City“ wurde 2025 als bestes Debüt ausgezeichnet – mehr erwartet.

Henry Wise: Holy City

(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Alf Mayer)

Polar, 2026

344 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Holy City

Atlantic Monthly Press, 2024

Hinweise

Polar über Henry Wise

Perlentaucher über „Holy City“

 


TV-Tipp für den 4. März: Nach dem Urteil

März 3, 2026

Arte, 22.10

Nach dem Urteil (Jusqu’á la garde, Frankreich 2017)

Regie: Xavier Legrand

Drehbuch: Xavier Legrand

Nach der Scheidung muss der Elfjährige Julien eine bestimmte Zeit bei seinem Vater Antoine verbringen. Aber Julien und seine Mutter sind dagegen. Grundlos?

Starkes, nicht auf vordergründige Emotionen setzendes Scheidungsdrama, das einen sehr alltäglichen Fall schildert. Keine leichte Kost.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Léa Drucker, Denis Ménochet, Thomas Gioria, Mathilde Auneveux, Mathieu Saikaly, Saadia Bentaieb, Émilie Incerti-Formentini, Sophie Pincemaille

Hinweise

Moviepilot über „Nach dem Urteil“

AlloCiné über „Nach dem Urteil“

Rotten Tomatoes über „Nach dem Urteil“

Wikipedia über „Nach dem Urteil“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Xavier Legrands „Nach dem Urteil“ (Jusqu’á la garde, Frankreich 2017)


Cover der Woche

März 3, 2026

Spannende Geschichte.


TV-Tipp für den 3. März: Scream

März 2, 2026

Kabel Eins, 22.35

Scream (Scream, USA 1996)

Regie: Wes Craven

Drehbuch: Kevin Williamson

In der Kleinstadt Woodsboro bringt ein maskierter Mörder bevorzugt junge Frauen um. In Sidney Prescott findet der Ghostface-Killer seinen Meister.

Klassiker, weil er die Genreregeln bedient, ironisiert und mit einem Meta-Kommentar über die Klischees des Slasher-Films versieht. Der ziemlich intelligente Horrorfilm wurde ein Hit. Zahlreiche Fortsetzungen von eher abnehmender Qualität folgten. Am 27. Februar 2026 startete “Scream 7” und nachdem das Werk bereits jetzt über das Doppelte seines Budgets einspielte, wird es einen achten Teil geben.

Anschließend, um 00.50 Uhr, zeigt Kabel Eins die ebenfalls von Wes Craven inszenierte und von Kevin Williamson geschriebene Fortsetzung “Scream 2” (USA 1998)

mit David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox, Matthew Lillard, Rose McGowan, Skeet Ulrich, Drew Barrymore, Liev Schreiber

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Scream”

Wikipedia über “Scream” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Cravens „Tödlicher Segen“ (Deadly Blessing, USA 1981)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Scream“ (Scream, USA 2022)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Scream VI“ (Scream VI, USA 2023)


TV-Tipp für den 2. März: Die gefährlichsten Firmen der Welt

März 1, 2026

ZDF Info, 21.45

Die gefährlichsten Firmen der Welt (Deutschland 2026)

Regie: Jens Strohschnieder

Drehbuch: Jens Strohschnieder

TV-Premiere der aus den 45-minütigen Folgen „Big Tech: Der Aufstieg der Datenkraken“ und „Big Tech: Milliarden, Manipulation, Macht“ bestehenden Dokumentation, die heute Abend nacheinander gezeigt werden. Es geht um Google, Facebook, Amazon und andere Datenkraken, die unsere persönliche Daten sammeln und unser Verhalten manipulieren. Es geht um die idealistischen Anfänge und was aus ihnen wurde.

Hinweis

ZDF über die Doku (die auch in der Mediathek angesehen werden kann)