Es beginnt harmlos: Ein Mann steigt aus der übervollen U-Bahn. Er telefoniert dabei mit seiner Freundin, erfährt von ihr, dass er Vater wird, bekommt einen Asthma-Anfall und geht zum nächsten Ausgang. Dummerweise ist die Station in Tokio riesig und der telefonierende Mann etwas unaufmerksam. Irgendwann glaubt er, dass er sich verlaufen hat. Aber, kein Problem, jede U-Bahnstation ist mit Schildern gepflastert, die zum Ausgang führen. Als er zum wiederholten Mal an den exakt gleichen Schildern und Plakaten vorbeigeht und wieder ein zunächst stummer, später schreiender Mann ihm entgegenkommt, dämmert ihm, dass er sich nicht verlaufen hat, sondern in – ja, wo eigentlich? – ist. Einem Alptraum? Einer Parallelwelt? Einem schlechten Scherz? Einem Sketch für „Verstehen Sie Spaß?“; falls es so eine Sendung in Japan gibt. Jedenfalls beginnt er nach Zeichen und einem Ausweg zu sehen.
Dank eines Schildes begreift er, dass die Welt, in der er sich gerade befindet, nach auf den ersten Blick sehr einfachen, eigentlich nur einer Regel funktioniert: Kehre um, wenn du eine Anomalie entdeckst; gehe weiter, wenn es keine Anomalie gibt. Aber was ist eine Anomalie?
Dieses erste Kapitel, in dem der verirrte Mann immer wieder durch den gleichen Gang geht und er einigen wenigen anderen Menschen begegnet, die, ihn ignorierend, an ihm vorbeilaufen, ist das längste Kapitel von Genki Kawamuras „Exit 8“. Das Kapitel dauert fast den halben Film und es ist enorm spannend. Denn schnell suchen auch wir nach Anomalien, nach Veränderungen, wie den wechselnden Zahlen auf Schildern, und Auswegen aus diesem Gang, aus dem es scheinbar kein entkommen gibt.
Die späteren Erklärungen erklären einiges und werfen neue Fragen auf. Das gilt vor allem für die Nebenfiguren des Spiels. Denn „Exit 8“ ist die Verfilmung des gleichnamigen erfolgreichen Computerspiels von Kotake Create. Für den Protagonisten, den verirrten Mann, steht am Ende des Horrorfilms die Antwort auf eine Frage, die er am Anfang nicht benatworten wollte. Aber ob er wirklich den titelgebenden Exit 8 gefunden hat, bleibt in diesem Film, der wie eine Endlosschleife konstruiert ist und sich anscheinend alles wiederholt, unklar.
Bis dahin begeistert der wunderschön durchkomponierte, auf mehreren Ebenen funktionierend, gleichzeitig in sich geschlossene und für verschiedene Interpretationen offene Horrorfilm in seinem Minimalismus. Eigentlich spielt der gesamte Film nur in einem Gang, der immer wieder durchschritten wird und der scheinbar kein Ende hat, obwohl er sich alle paar Meter wieder wiederholt. Kawamura inszeniert das in langen Takes, die über die reale Länge des Gangs bei den Dreharbeiten hinwegtäuschen. Mit der heutigen Technik und den monoton gekachelten U-Bahn-Gängen können unsichtbare Schnitte leichter getarnt werden und aus fünf Metern werden endlos viele Meter.
Genki Kawamura schrieb den Bestseller „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ (2012), produzierte die Filme „Suzume“, „Miral“, „Belle“ und „Die Unschuld“ mit und verfilmte seinen Roman „A hundred Flowers“ (2022), sein Spielfilmdebüt. „Exit 8“ ist sein zweiter Spielfilm. Seine Premiere hatte er 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes in der Sektion „Midnight Screenings“.

Exit 8 (8番出口, Transkription: Hachi-Ban Deguchi, Japan 2025)
Regie: Genki Kawamura
Drehbuch: Kentaro Hirase, Genki Kawamura
mit Kazunari Ninomiya, Yamato Kôchi, Naru Asanuma, Kotone Hanase, Hirota Ôtsuka, Tara Nakashima, Reo Soda, Mikio Ueda, Hikaru Kaihotsu, Nana Komatsu
Länge: 95 Minuten
FSK:ab 12 Jahre
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