Paul Gompitz (Charly Hübner) ist fasziniert von Johann Gottfried Seumes Bericht über seine Wanderung nach Syrakus 1801/1802. Er will unbedingt einmal, auf Seumes Spuren wandernd, Syrakus sehen.
1982 entschließt Paul sich, die Reise anzutreten. Weil er in der DDR lebt, kann der glücklich verheiratete, als Kellner auf einem Schiff der „Weißen Flotte“ arbeitende Paul nicht einfach im nächsten Sportgeschäft seine Wanderausrüstung zusammenkaufen und losgehen. Er muss zuerst einmal das Land verlassen und damit beginnen seine Probleme. Er beantragt eine Ausreisegenehmigung. Als diese ihm verweigert wird, überlegt er sich, wie er das Land verlassen kann. Er probiert erfolglos jede legale Methode, die DDR zu verlassen aus. Am Ende verfällt er auf eine äußerst gewagte Idee. Er will seine Reise nach Syrakus beginnen, indem er in einem Ein-Mann-Segelboot durch die Ostsee nach Westdeutschland segelt. Weil er nach seiner Reise nach Syrakus wieder in die DDR zurückkehren will ist es keine Flucht.
Lars Jessen verfilmte jetzt diese wahre Geschichte von Klaus Müller, die Friedrich Christian Delius wenige Jahre nach dem Fall der Mauer zu seinem Roman „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ inspirierte. Delius‘ Erzählung diente Jessen und seinen Drehbuchautoren Heide und Andreas R. Kersten als Inspiration für ein warmherziges, leicht humorvolles, sich Freiheiten nehmendes Drama. Denn so filmisch und abenteuerlich die Geschichte von Klaus Müller klingt, so wenig filmisch war sie dann in Teilen. Den größten und besten Teil des Films spielt „Spaziergang nach Syrakus“ in der DDR. In dieser ersten Stunde des Films stimmt alles.
Sieben Jahre und neun Monate nach seinem Entschluss, sich auf den Weg nach Syrakus zu begeben verlässt Paul in einem Segelboot in einer stürmischen Nacht die DDR, die wenige Tage später nicht mehr existiert. Aus diesem grotesken Zusammentreffen zwischen einer Republikflucht, die bestraft werden muss, und dem Zusammenbruch des Landes, aus dem er flüchtet, schlägt Jessen keine satirischen Funken. Er vermerkt es eher nebenbei als seltsame Gleichzeitigkeit von Ereignissen, während Paul in den Alpen in die Feinheiten der ihm bislang unbekannten italienischen Küche eingeführt wird.
Ab Pauls gelungener Flucht aus der DDR verliert der Film seinen erzählerischen Fokus. Bis dahin ist die Filmgeschichte auf ein klares Ziel ausgerichtet. Er muss die DDR verlassen. Das ist schwieriger und auch langwieriger als erwartet.
Danach, im letzten Drittel, wird die Filmgeschichte zunehmend episodisch und ziellos. Zuerst gibt es einige Episoden von seiner Reise nach Syrakus. Dann gibt es Episoden aus seinem späteren Leben zwischen seiner alten Heimat Rostock und Italien, wo er 2006 während der Fußball-WM als Kellner arbeitet und seinem Kollegen von seinem großen Abenteuer erzählt.
Jessen hätte auf diesen weitgehend belanglosen und arg lückenhaften Episodenreigen besser verzichtet zugunsten weiterer Geschichten von Pauls Vorbereitungen zu seiner Flucht in den Westen. Schließlich durften seine von ihm über alles geliebte Frau, Freunde, Bekannte und Kollegen nichts davon erfahren.

Spaziergang nach Syrakus (Deutschland 2026)
Regie: Lars Jessen
Drehbuch: Heide Kersten, Andreas R. Kersten
LV (nach Motiven von): Friedrich Christian Delius: Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, 1995
mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Bruno Di Chiara, Jens Münchow, Tom Jahn, Max Tuveri, Christian Näthe, Mélanie Fouché, Anna Unterberger, Moritz Vierboom, Dagmar Sachse, Björn Jung
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Filmportal über „Spaziergang nach Syrakus“
Moviepilot über „Spaziergang nach Syrakus“
Wikipedia über „Spaziergang nach Syrakus“
Meine Besprechung von Lars Jessens Dörte-Hansen-Verfilmung „Mittagsstunde“ (Deutschland 2022)