Klara ist eine Künstliche Freundin (KF). Sie ist allerdings kein mit dem Internet verbundener Supercomputer, sondern ein autonom lernendes System, das mit einigen Charaktereigenschaften, die sich wohl von KF zu KF unterscheiden, und bestimmten Fertigkeiten ausgestattet ist. Das führt in Kazuo Ishiguros Roman und Taika Waititis Version immer wieder zu amüsanten Situationen zwischen Roboter und Mensch und Roboter und Umwelt. Waititi interpretiert den Roman. Er setzt andere Schwerpunkt und erfindet Figuren. Er verändert die Geschichte, das Ende und den Ton. Ishiguros Roman ist deutlich ernster und richtet sich an Erwachsene; trotz der naiven Klara als Erzählerin, die sich auf dem Niveau eines Kindes befindet und die Welt durch die Augen eines neugierigen Kindes sieht. Waititis Film ist bis so ungefähr zur Filmmitte ein Film, der mit seinem Humor und den Slapstick-Elementen, auch für Kinder ein Vergnügen ist. Aber in der zweiten Hälfte, in der die Geschichte unnötig zerfasert und es immer unklarer wird, wohin das alles führen soll, wird eindeutig ein erwachsenes Publikum angesprochen.
Klara (Jenny Ortega) wird von Josie (Mia Tharia) als KF ausgewählt. Josie lebt mit ihrer Mutter (Amy Adams) und Melania Haushälterin (Rachel House) in einem einsam gelegenem Haus, das von Kornfeldern umgeben ist. Erst langsam begreift Klara, dass Josie im Sterben liegt.
Literatur-Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro konzentriert sich in seinem Roman „Klara und die Sonne“ auf Fragen, die mit Josies Sterben zusammenhängen. Es sind Fragen, wie man die letzten Tage verbringen soll, wie man mit dem Tod der Tochter umgeht und, weil Klara eine KF mit viel Empathie und dem Wunsch zu helfen ist, wie man mit dem Sterben einer pflegebürftigen Person umgeht. Einen Anspruch auf Realismus erhebt er dabei kaum. Dafür ist Klara zu rudimentär, realitätsfremd und eingeschränkt programmiert. Sie soll eine ‚beste Freundin‘ sein, verfügt aber nur über das Wissen eines Teddybären. Josie wird nur von einem periodisch auftauchendem Doktor behandelt. Weiteres Pflegepersonal gibt es nicht. Das ist fernab jeder gegenwärtigen und zukünftigen Realität. Innerhalb der von Ishiguro erfundenen Realität funktioniert das alles.
Taika Waititi ist bekannt für seinen bei aller Respektlosigkeit immer auch warmherzigen Humor, wie er in „5 Zimmer Küche Sarg“, „Wo die wilden Menschen jagen“ und drei „Thor“-Kinofilmen bewies. In „Jojo Rabbit“ gelang ihm die Verbindung von Humor, ernsten Themen und durchaus kindgerechter Erzählweise; – wobei „Ein Film für alle Altersstufen“ vielleicht zutreffender ist. Dagegen ist „Klara und die Sonne“ eine ziemliche Enttäuschung.
Waititi konzentriert sich in seinem Film, vor allem am Anfang, auf die Comedy-Elemente. In grotesken Posen stehen die KFs im Schaufenster und warten auf Käufer. Klara steht dabei gerne auf einem Bein. Nach Geschäftsschluss unterhalten sie sich untereinander und mit der Managerin des Geschäfts über die Welt, die sie draußen erwartet. Klara ist dabei eine besonders empathische und neugierige KF. Eine besondere Beziehung hat sie dabei zur Sonne. Für sie ist die Sonne nicht nur die Energiequelle, die sie und die anderen KFs auflädt, sondern mehr. Wenn Klara dann in Josies Haus ist, beginnt sie die Welt zu erkunden, fährt Auto (keine besonders gute Idee) und lernt eine künstliche Vogelscheuche kennen. In dieser Filmhälfte gibt es etliche gelungene Gags. Später nicht mehr. Aus der Komödie wird ein weitgehend humorfreies, oberflächliches Drama für Erwachsene über eine Mutter, die versucht, den baldigen Tod ihrer Tochter zu verarbeiten.
Dieser Stilbruch führt dazu, dass „Klara und die Sonne“ zu einem Film auf der Suche nach einem Publikum wird.
Es ist auch Waititis schwächster Film. Was schade ist, weil auf den ersten Blick eigentlich alles für den Film spricht. Jenny Ortega als Klara überzeugt. Die anderen Schauspieler, die Sets und die Kamera ebenso. Aber das Drehbuch funktioniert nicht.
Dabei hätte Waitit sich nur entscheiden müssen, ob er einen Film im Stil von „Jojo Rabbit“ oder „Next Goal Wins“ drehen möchte. In „Klara und die Sonne“ kombiniert er beide Filme und verliert.

Klara und die Sonne (Klara and the Sun, USA 2026)
Regie: Taika Waititi
Drehbuch: Taika Waititi, Dahvi Waller
LV: Kazuo Ishiguro: Klara and the Sun, 2021 (Klara und die Sonne)
mit Jenna Ortega, Amy Adams, Mia Tharia, Aran Murphy, Steve Buscemi, Natasha Lyonne, Rachel House
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (jetzt mit Filmcover)


Kazuo Ishiguru: Klara und die Sonne
(übersetzt von Barbara Schaden)
Blessing, 2026
352 Seiten
13 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Karl Blessing Verlag, 2021
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Originalausgabe
Klara and the Sun
Faber and Faber, 2021
Hinweise
Moviepilot über „Klara und die Sonne“
Metacritic über „Klara und die Sonne“
Rotten Tomatoes über „Klara und die Sonne“
Wikipedia über „Klara und die Sonne“ (Buch: deutsch, englisch; Film: deutsch, englisch) und Kazuo Ishiguro (deutsch, englisch)
Perlentaucher über Kazuo Ishiguros „Klara und die Sonne“
Meine Besprechung von Taika Waititis „Thor: Tag der Entscheidung“ (Thor: Ragnarok, USA 2017)
Meine Besprechung von Taika Waititis „Jojo Rabbit“ (Jojo Rabbit, USA 2019)
Meine Besprechung von Taika Waititis „Thor: Love and Thunder“ (Thor: Love and Thunder, USA 2022)
Meine Besprechung von Taika Waititis „Next Goal wins“ (Next Goal wins, USA 2023)