Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Fatih Akin sieht „Geister“, Bea Davies zeichnet „Geister“

2015, so erzählt Fatih Akin, hatte sein damals zehnjähriger Sohn die Idee für einen Film über zwei Freunde, von denen der eine lebendig und der andere tot ist. Diese Idee war der Ursprung für seinen neuesten Film „Geister“. Pünktlich zum Filmstart erschien jetzt auch die auf dem Drehbuch und Rohschnittfassungen basierende, von Bea Davies gezeichnete Comicversion.

Aus den beiden Freunden wurden zwei Abiturienten, die sich auf einer Abifeier im Turmkorb des Heinrich-Hertz-Turms, dem Fernsehturm von Hamburg, an der Bar kennen lernen. Die beiden Einser-Abiturienten Faris (Eren M. Güvercin) und Farasha (Mariam Dawoud) verstehen sich sofort. Es ist die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick.

Farasha bittet Faris, sie heimzufahren. Zusammen mit zwei Freunden, die er ebenfalls nach Hause fahren will, machen sie sich auf den Weg. Es ist eine dieser typischen Heimfahrtouren quer durch die Stadt. Als er sich im Roßhafen verfährt, geschieht ein Unfall.

Am nächsten Tag erwacht Faris im Krankenhaus. Er erfährt, dass er in die Elbe gefahren und Farasha ertrunken ist. Warum es zum Unfall kam und was am Unfallort genau passierte, enthüllt Akin ziemlich ungeschickt in Bruchstücken über den gesamten Film.

Die tote Farasha erfährt von ihrem ebenfalls totem Vater, dass die Toten in den ersten vierzig Tagen nach ihrem Tod den Lebenden im Traum begegnen können. Danach verschwänden sie im Nebel der Erinnerung. Farasha versucht nun den von ihr über alles geliebten Faris zu kontaktieren. Und Faris versucht, mit Farashas Hilfe, Klarheit über seine Gefühle und sein weiteres Leben zu erlangen. Im Moment kann er sich kein Leben ohne Farasha vorstellen.

Fatih Akin erzählt die Geschichte einer großen Liebe. Was kann da nach „Gegen die Wand“ schon schiefgehen? Und er erzählt sie mit jungen Protagonisten, die gerade ihr Abitur hinter sich haben. Was kann da nach Filmen wie „Tschick“, „Rheingold“, „Amrum“ und „Kurz und schmerzlos“ schon schiefgehen?

In den ersten Minuten, wenn Farasha und Faris sich zum ersten Mal begegnen, zeigt Akin, dass alles schiefgehen kann. In der Szene stimmt nichts. Die Gefühle sind bestenfalls behauptet. Bei diesem ersten Gespräch zwischen Farasha und Faris ist nicht die Taubheit für das Gespräch der beiden Jugendlichen, sondern die Taubheit für jedes Gespräch erstaunlich. So reden Menschen nicht miteinander. Nicht im echten Leben, nicht auf einer Theaterbühne, höchstens in einem schlechten Film.

Im folgenden wird es nicht besser. Das Spiel bleibt gekünstelt. Das Plotting ist seltsam. Das Erzähltempo enervierend langsam. Szenen, die große Gefühle zeigen sollen, erreichen das Gegenteil. Anstatt nach Taschentüchern zu suchen, gibt es peinliches Schweigen und Lachanfälle.

In „Geister“ ist nichts von dem Fatih Akin zu spüren, der sich in seinen anderen Filmen so gut auf die widerstreitenden Gefühle seiner Protagonisten einließ und er ein fantastisches Gespür für jugendliche Protagonisten, ihr Leben, ihre Gefühle und Wünsche hatte. Aber das waren glaubwürdige Figuren, mit denen man sich gerne auf eine Reise begab. In „Geister“ sind sie nur Abziehbilder für Behauptungen.

Während der Film auf keiner Ebene funktioniert, funktioniert die von Bea Davies gezeichnete Comic-Version prächtig. Ihr Comic ist ein Filmroman. D. h. er hält sich in den Dialogen und Bildern sklavisch an das Drehbuch und überträgt die Geschichte möglichst getreu in ein anderes Medium. Im Comic sind die gekünstelten Dialoge des Films gut lesbar. Schließlich gibt es in einem Comic keinen Platz für lange Dialoge. Sie sind immer knapp. Die Zeichnungen und das Erzähltempo stimmen. Der Wechsel zwischen den SW-Panels und den wenigen farbigen Elementen, die für das Totenreich stehen, ist schlüssig. Akins Film ist dagegen durchgehend bunt. Und ein Manga oder ein Anime, in dem Menschen im Kontakt mit mal guten, mal bösen Geistern stehen, ist keine Seltenheit.

Wer sich für die Geschichte interessiert, sollte den Comic lesen.

Geister (Deutschland 2026)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Fatih Akin, Ruth Toma

mit Mariam Dawoud, Eren M. Güvercin, Carlotta von Falkenhayn, Gabriel-Winner Amorin, Anna Bederke, Lama Alhalabi, Aya Samra, David Schütter

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Der Comic zum Film

Bea Davies: Geister (nach einem Film von Fatih Akin)

Carlsen Comcis, 2026

224 Seiten

20 Euro

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Geister“

Moviepilot über „Geister“

Wikipedia über „Geister“ (deutsch, englisch)

Carlsen über den Comic

Homepage von Bea Davies

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Tschick“ (Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Aus dem Nichts“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Rheingold“ (Deutschland 2022)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Amrum“ (Deutschland 2025)

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