Einige kurze sachdienliche Hinweise auf Romane aus der Abteilung „Mord & Totschlag“

Dezember 30, 2011

Daphne du Maurier (13. Mai 1907 – 19. April 1989) war jahrzehntelang als Erzählerin von mehr oder weniger fantastischen Suspense-Geschichten bekannt. Wahrscheinlich würden diese Schnulzen mit Thrill heute als „Romantic Thriller“ oder „Horrorromane für Frauen“ verkauft werden. Außerdem lieferte sie die Vorlagen für zahlreiche Filme, von denen einige zu Klassikern wurden. Alfred Hitchcock, der von ihren Geschichten nicht viel hielt, verfilmte „Jamaica Inn“, „Rebecca“ (zugleich ihr bekanntestes Buch) und „Die Vögel“. Nicolas Roeg „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (jüngst bei StudioCanal in der Blu Cinemathek als reichhaltig ausgestattete Blu-ray erschienen). Ihre Geschichte „The Scapegoat“ wird gerade von Charles Sturridge („Eine Detektivin für Botswana“) verfilmt.

Ihre jetzt als Taschenbuch veröffentlichte längere Erzählung „Der Apfelbaum“ ist eine gelungene Mischung aus Horror und Psychodrama. Denn es wird nie klar, ob der Apfelbaum im Garten wirklich bösartig ist oder der Witwer sich das nur einbildet. Denn er wünschte sich den Tod seiner Frau und nach ihrem Tod könnte ihr Geist auf den Baum übergangen sein, der sich jetzt an ihm rächen will.

Daphne du Maurier: Der Apfelbaum

(übersetzt von Brigitte Heinrich)

Unionsverlag, 2011

96 Seiten

8,90 Euro

Erstausgabe der Neuübersetzung

Heinrich & Hahn, 2005

Deutsche Erstausgabe

Fretz & Wachsmuth, 1953

Originalausgabe

The Appletree

Victor Gollancz, London 1952

Hinweise

Daphne-du-Maurier-Seite

Wikipedia über Daphne du Maurier (deutsch, englisch)

Unionsverlag über Daphne du Maurier

Parallel zu Peter Rüedis großer Biographie „Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen“ veröffentlichte der Diogenes Verlag Friedrich Dürrenmatts (5. Januar 1921 – 14. Dezember 1990) Kriminalromane „Der Richter und sein Henker“, „Der Verdacht“, „Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman“, „Justiz“ und das posthum erschienene Werk „Der Pensionierte – Fragment eines Kriminalromans mit einem möglichen Schluss von Urs Widmer“ erstmals gesammelt in einem Buch.

Gerade die ersten drei Krimis, „Der Richter und sein Henker“, „Der Verdacht“ (beide mit Kommissär Bärlach) und „Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman“, die Romanfassung seines Drehbuchs für Ladislao Vajdas Klassiker „Es geschah am hellichten Tag“ (mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe) mit einem anderen Ende, dürften weithin bekannt sein. Von der Schule, als Geschenk oder von den zahlreichen, oft hervorragend besetzten Verfilmungen. „Justiz“ und „Der Pensionierte“ sind dagegen wesentlich unbekannter.

Dürrenmatts Krimis stellen dabei, wie jeder gute Krimi, moralische Fragen und spielen mit der Form des Kriminalromans. Denn der schweizer Dichter interessierte sich nicht für eine 08/15-Mördersuche oder einen traditionellen Rätselkrimi, bei dem auf den letzten Buchseiten mit großem Getöse der Mörder enthüllt wird. Das tat Dürrenmatt meist schon auf den ersten Seiten. In „Justiz“ geht es dann sogar um die Frage, ob jemand für einen Mord, den er vor Zeugen begangen hat, nicht verurteilt werden kann. Dürrenmatt selbst beschrieb den Krimi als „Komödie der Justiz“.

Ergänzt werden die fünf Kriminalromane von einem 35-seitigen Anhang, in dem die Entstehungsgeschichte der Romane und Verfilmungen knapp nachgezeichnet wird und eine Chronik zum Leben und Werk des Dichters, enthalten ist.

Für Krimifans, die die Bücher noch nicht haben, ist das ein Schnäppchen. Denn schneller, einfacher und auch günstiger kriegt man diesen Teil von Dürrenmatts Werk nicht.

Friedrich Dürrenmatt: Die Kriminalromane

Diogenes, 2011

992 Seiten

28,90 Euro

enthält

Der Richter und sein Henker, 1952

Der Verdacht, 1953

Das Versprechen – Requiem auf einen Kriminalroman, 1958

Justiz, 1985

Der Pensionierte – Fragment eines Kriminalromans mit einem möglichen Schluss von Urs Widmer, 1995/1997 (Widmer schrieb den Schluss für die 1997 erschienene Taschenbuchausgabe)

Hinweise

Diogenes über Friedrich Dürrenmatt (Link zum Diogenes Magazin Nr. 8 mit mehreren Texten über Dürrenmatt)

Wikipedia über Friedrich Dürrenmatt

Es ist schon interessant, wie sich bei einem Filmroman die Gewichte verschieben können. Denn einerseits ist der Autor an das Drehbuch gebunden und er darf höchsten einige wenige zusätzliche Szenen erfinden, andererseits kann er Hintergründe liefern, die im Film nicht gezeigt werden können. Er kann zeigen, wie gut die Geschichte doch konstruiert ist. Martin Schüller tat das bei seinem Thiel/Börne-Roman „Tempelräuber“, dem dafür der Witz des Films fehlte.

Er kann aber auch gnadenlos die Schwächen des Drehbuchs offenlegen. So erschien mir der Münchner „Tatort“ „Starkbier“ beim Ansehen als vergnüglich-kurzweiliger Krimi, in dem der ewige zweite Mann, Carlo Menzinger, der für die Kommissare in den Filmen all die undankbaren Aufgaben übernehmen muss, endlich einmal selbst einen Fall lösen darf. Er soll herausfinden wer Meindl, einen Teilhaber der Benedictus-Brauerei, umbrachte. Denn dass der stocknüchterne Meindl sein Auto betrunken in die Isar fuhr, glaubt Menzinger keine Zehntelsekunde.

Weil seine Spezln wahrscheinlich in den Mord involviert sind, fragen sich Batic und Leitmayr, ob ihr Kollege noch die nötige Objektivität hat. Denn die Ermittlungsmethoden des Kollegen Menzinger sind schon sehr seltsam und folgen nicht gerade dem Lehrbuch für Kriminalbeamte.

Das war, wie gesagt, beim Ansehen toll. Beim Lesen ist die Geschichte ein zäher Brei mit einer nicht nacherzählbaren Geschichte. Außerdem hat Carlo im Buch wesentlich weniger Auftritte als im Film; – wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.

Also: besser noch einmal diesen „Tatort“ ansehen.

Hannsdieter Loy: Tatort: Starkbier (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr)

Emons, 2010

176 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Starkbier (D 1999)

Regie: Peter Fratzscher

Drehbuch: Michael Wogh

mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Christoph Gareisen, Marie Munz, Aleksandar Jovanovic, August Schmölzer

Erstausstrahlung: 7. März 1999 (Folge 407)

Hinweise

Homepage von Hannsdieter Loy

Tatort-Fundus über Ivo Batic und Franz Leitmayr

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todesstrafe)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort“-Romanen „Moltke“ und „Tempelräuber“

Meine Besprechung von Uli Aechtners „Tatort“-Roman „Bevor es dunkel wird“

Meine Besprechung von Susanne Krafts „Tatort“-Roman „Seenot“

Chaotisch geht’s bei Kristof Kryszinski immer zu. Inzwischen ist der Ruhrpott-Privatdetektiv so abgebrannt, dass er in Jörg Juretzkas neuestem Krimi „Freakshow“, einen Job als Nachtwächter annimmt. Denn Kryszinski ist viel zu stolz, um zum Sozialamt zu gehen. In der Elenor-Nathmann-Stiftung für betreutes Wohnen, in der geistig und körperlich Behinderte, Senioren und trockene Alkoholiker leben, soll er als Objektschützer herausfinden, wer Baumaterial klaut. Außerdem will er herausfinden, wer den geistig behinderten Albrecht, der in der Wohnanlage lebt, folterte und fast umgebracht hätte. Albrecht ist ihm dabei keine große Hilfe

Kryszinskis Freund Scuzzi hat sich bei ihm in der Dienstwohnung eingemietet. Denn in einer solchen Wohnanlage kann Scuzzi verdammt leicht an Drogen kommen; – neben all den anderen Annehmlichkeiten, die Scuzzi schnell herausfindet und ausgiebig nutzt. Für Scuzzi ist das natürlich das Paradies. Für Kryszinski die Hölle.

Außerdem ist der pädophile Sadist Benjamin Peelaert (den wir noch aus „Rotzig & Rotzig“ kennen) spurlos verschwunden und der Bugatti 35 B von Hugo Laurentz wurde geklaut. Wenn Kryszinski ihn findet, erhält er zehn Prozent der stattlichen Versicherungssumme.

Selbstverständlich greift der komplett abgebrannte Kryszinski nach all den Jobs, die erst nach erfolgreicher Erledigung entlohnt werden, und latscht dabei, während er sich in die junge, gutaussehende Johanna verguckt, Scuzzis Warnung („Sie verarscht dich.“) ignoriert, von einem Malheur in das nächste.

Und dann ist da noch die Sache mit seinem Hund, der in einer Tierklinik gefangen gehalten wird, weil er die Rechnung nicht bezahlen kann.

Wenn das ganze nicht so knochentrocken erzählt wäre, könnte man sich über das nachlässige Plotten ärgern.

Jörg Juretzka: Freakshow

Rotbuch, 2011

224 Seiten

16,95 Euro

Hinweise

Krimi-Couch über Jörg Juretzka

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jörg Juretzka

Kaliber .38 interviewt Jörg Juretzka (2002)

Literaturschock interviewt Jörg Juretzka (2003)

Alligatorpapiere: Befragung von Jörg Juretzka (2004)

2010LAB interviewt Jörg Juretzka (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Bis zum Hals“ (2007)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Rotzig & Rotzig“ (2010)

Eigentlich ist der 1920 in Paris und Umgebung spielende Privatdetektivkrimi „Tod auf Bewährung“ von Didier Daeninckx wie geschaffen für mich alten Genrejunkie. In dem Krimi soll Privatdetektiv René Griffon im Auftrag von Oberst Fantan de Larsaudière herausfinden, wer ihn erpresst.

Alles, was zu einem zünftigem Privatdetektiv-Krimi gehört, ist in „Tod auf Bewährung“ vorhanden: schöne Frauen, Ehebruch, Geheimnisse, Intrigen, Verbrecher und verschwiegene Kriegsverbrechen. Auch das Zeitkolorit wird von Daeninckx gut eingefangen, wenn Griffon sich durch die Pariser Bars schlägt – und auch ordentlich zusammengeschlagen wird.

Aber trotzdem hat mich der Krimi nicht gepackt.

Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung

(übersetzt von Stefan Linster)
Liebeskind, 2011
272 Seiten

18,90 EUR

Originalausgabe

Le der des deers

Série Noire/Editions Gallimard, Paris 1984

Hinweise

Wikipedia über Didier Daeninckx (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Didier Daeninckx

Meine Besprechung von Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ (On achève bien les disc-jockeys, 2007)

Als Weihnachtsgeschenk gab es neben Buddy Giovinazzos neuestem Roman „Piss in den Wind“ (wird nach der Lektüre abgefeiert) auch die lang angekündigte Neuausgabe von Giovinazzos Erstling „Cracktown“. Die Sammlung von sechzehn miteinander zusammenhängenden Kurzgeschichten und Impression aus einem Großstadtviertel in dem Crack gesellschaftliche Strukturen zerstört und das Leben bestimmt, erschien bereits vor sechzehn Jahren und war lange nicht mehr erhältlich. Bei Amazon beläuft sich im Moment das günstigste Angebot für das Buch auf 15,79 Euro, das teuerste auf fast sechzig Euro, zuzüglich Porto.

Für die Neuausgabe wurden die „Short Cuts“ aus den „Mean Streets“ des Ghettos, mit einem ordentlichen Schuss Abel Ferrara, komplett neu übersetzt. Entsprechend groß sind die Unterschiede zwischen Daths Übersetzung von 1995 und Müllers von 2011. Welche näher am Originaltext ist, weiß ich nicht. Aber die neue Übersetzung liest sich eleganter und das Cover ist besser.

Jetzt fehlt nur noch die deutsche Premiere von Giovinazzos Verfilmung seines Buches.

Buddy Giovinazzo: Cracktown

(neu übersetzt von Angelika Müller)

pulp master, 2011

208 Seiten

12,80 Euro

Deutsche Erstausgabe

Maas Verlag, 1995

(übersetzt von Dietmar Dath)

Originalausgabe

Life is hot in Cracktown

Thunder’s Mouth Press, New York 1993

Verfilmung

Life is hot in Cracktown (USA 2009)

Regie: Buddy Giovinazzo

Drehbuch: Buddy Giovinazzo

mit Evan Ross, Stephanie Lugo, Maurice Blake, Omar Regan, Jeffrey Lorenzo, Victor Rasuk, Tony Plana, Lara Flynn Boyle, RZA, Carmine Giovinazzo (Cameo)

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte


Jack Ketchums „Beuterausch“ und Lucky McKees “The Woman“ oder Die dünne Firnis der Zivilisation

Dezember 28, 2011

Beuterausch“. Fans von Jack Ketchum ahnen schon beim Titel, dass er in seinem neuesten Roman wieder die Welt von „Beutezeit“ (Off Season, 1980) und „Beutegier“ (Offspring, 1991), in der es um einen in der Wildnis von Maine lebenden Kannibalenclan und dessen Begegnungen mit der Zivilisation geht, betritt und dass die Geschichte nichts für zartbesaitete Seelen ist. Immerhin hielt die Zeitschrift „Village Voice“ „Beutezeit“ für „violent pornography“ (das muss ich wohl nicht übersetzen, oder?), der Kultstatus folgte schnell und heute hat der Horrorroman Buch durchaus Klassikerstatus.

The Woman“ heißt die Verfilmung von „Beuterausch“. Wobei Verfilmung etwas ungenau in. Denn Jack Ketchum schrieb zusammen mit Regisseur Lucky McKee (von dem die grandiose Ketchum-Verfilmung „Red“ ist) das Drehbuch, das zeitgleich mit dem Roman entstand. Belesene Filmfans werden sich jetzt an Graham Greenes „Der dritte Mann“ erinnern, bei dem der Romanautor parallel zu seinem Drehbuch, um seine Charaktere besser kennenzulernen, eine Romanfassung schrieb.

Insofern unterscheidet sich die Geschichte von „Beuterausch“ und „The Woman“ nur in Nuancen. Beide Male wird erzählt, wie der Familienvater und Kleinstadtanwalt Chris Cleek auf einem Jagdausflug eine in der Wildnis lebende Frau entdeckt, sie gefangen nimmt, im Keller seines einsam gelegenen Hauses einsperrt und zivilisieren will. Seine Familie soll ihm dabei helfen. Widerspruch duldet der Hausherr bei seinem Vorhaben nicht.

Dank der Unterschiede zwischen Buch und Film gibt es dann doch einige sehr interessante Verschiebungen.

So erzählt Ketchum die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven; auch aus der Sicht der Gefangenen. In McKees Film muss Pollyanna McIntosh, die die Gefangene spielt, das alles mit ihrer Mimik und, weil sie die meiste Zeit des Films gefesselt in einem Keller ist, mit eingeschränkter Gestik erledigen. Bis auf einige gutturale Geräusche sagt sie nichts. Für den Hausherrn ist sie vor allem die bedrohliche Wilde, die nur an ihrem Überleben interessiert ist, und zivilisiert werden muss. Für die restliche Familie ist sie, wie für uns Zuschauer, in verschiedenen Abstufungen, die edle Wilde, auf die wir unsere Fantasien von einem freien Leben in der Natur projezieren können. Jedenfalls wenn wir die Bücher von Jack Ketchum nicht kennen und daher nicht wissen, dass sie sich auch von Menschenfleisch ernährt.

Im Film ist die Wandlung des Biedermanns und geachteten Anwalts Chris Cleek zum Monster erschreckender. Denn auch wenn er am Anfang vielleicht etwas merkwürdig wirkt, ist er doch der nette Nachbar, der der Wilden helfen will. Immerhin ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn man versucht, jemand zu zivilisieren. Die Lebensgeschichten von Kaspar Hauser und Victor de l’Aveyron (die Francois Truffaut in dem wundervollen Film „Der Wolfsjunge“ verfilmte) sind Beispiele dafür.

Nur dass Cleeks Familie immer etwas zu traurig und zu ängstlich durch das einsam gelegene Haus schleicht, könnte einem in der ersten Hälfte des Films zu Denken geben. Denn bis auf die kleinste Tochter ist kein Funken Lebensfreude in der Familie. Warum versteht man spätestens im Finale, wenn all die schmutzigen Geheimnisse der Cleek-Familie bekannt werden.

Gerade wie sehr die Verhältnisse der einzelnen Charaktere von Gewalt, sexuellem Verlangen und Angst bestimmt sind, wird im Buch von der ersten Seite an noch deutlicher als im Film. Denn in „The Woman“ geht es vor allem um Gewalt. In „Beuterausch“ um Gewalt und Sex in seinen verschiedenen Konnotationen und Formen. Damit wirkt der Roman noch düsterer als der Film.

Wenn am Ende, nachdem die Gefangene sich befreien kann, dann die dünne Schicht der Zivilisation endgültig aufbricht und die aufgestauten Gefühle sich in einem wahren Schlachtfest entladen, spritzt das Blut über die Leinwand, die Gedärme werden auf der Farm großflächig verteilt und die FSK-18-Freigabe wird verständlich. Bei der Premiere während des Sundance Filmfest sollen etliche Zuschauer und Kritiker den Saal verlassen haben bei dieser deftigen und kompromisslosen Zivilisationskritik.

Dabei ist „The Woman“ noch die entschärfte Version des Romans. Denn in einem Roman kann man Dinge schreiben, die man so nicht zeigen kann.

 

Das Bonusmaterial

 

Für einen kleinen Film ist das Bonusmaterial erfreulich umfangreich ausgefallen. Im Zentrum stehen dabei das „Making of“ und „Behind the Scenes“, die in einer kurzweiligen, fast halbstündigen Mischung aus Blick hinter die Kulissen der Produktion und informativen Statements der Beteiligten (wozu auch Jack Ketchum gehört) gefällt. Die „Entfallenen Szenen“ wurden wahrscheinlich nur herausgeschnitten, um den Film etwas kürzer zu machen. Denn keine dieser Szenen wäre im Film unangenehm aufgefallen.

Auch im Buch gibt es Bonusmaterial. Nämlich die Kurzgeschichte „Das Vieh“, die erzählt, was nach dem Ende von „The Woman“ geschieht.

Jack Ketchum/Lucky McKee: Beuterausch

(übersetzt von Marcel Häußler)

Heyne, 2012

288 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Woman

Dorchester Publishing, New York 2011

Verfilmung

The Woman (The Woman, USA 2011)

Regie: Lucky McKee

Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee

mit Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter, Carlee Baker, Alexa Marcigliano, Zach Rand, Shyla Molhusen

DVD

Capelight

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Making of, Behind the Scenes, Entfallene Szenen, Kinotrailer, Kurzfilm „Burro Boy“ von Zach Passero (produziert von Lucky McKee), Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Woman“

Rotten Tomatoes über „The Woman“

 Horror Pilot: Interview mit Lucky McKee zu „The Woman“

Horror Pilot: Interview mit Jack Ketchum zu „The Woman“

Dark Scribe Magazine: Interview mit Jack Ketchum (Teil 1, Teil 2, August 2008)

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums „The Lost“ (The Lost, 2001)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

Jack Ketchum in der Kriminalakte

Und hier gibt es die bemerkenswert gut dokumentierte Sundance-Kontroverse

 

 


„Diva“ oder Chuck Palahniuk verirrt sich in Hollywood

Dezember 26, 2011

Ich frage mich immer noch, welcher Teufel Chuck Palahniuk beim Schreiben von „Diva“ geritten hat. Dummerweise in die falsche Richtung.

Dabei ist die Prämisse seines neuen Romans gar nicht so schlecht, eigentlich sogar sehr vielversprechend. Aber die Ausführung ist unterirdisch.

Also: die Prämisse: Hazie Coogan, seit Ewigkeiten die rechte Hand des alternden Hollywood-Stars Katherine Kenton, versucht sie vor ihrem neuen Freund Webster Carlton Westward III zu schützen. Der will mit Kenton, wie schon etliche andere Männer vor ihm, nur für den schnellen Ruhm ins Bett steigen. Aber dieser Liebhaber will sie sogar umbringen, es wie einen tödlichen Unfall aussehen lassen und danach eine intime Biographie über ihre letzten Tage veröffentlichen.

Klingt doch gut? Hollywood, Starrummel, ein Blick hinter normalerweise verschlossene Türen, Mord, Totschlag, Neid, Gier, Sex und dann spielt das ganze noch in Hollywoods goldenen Jahren, als Stars noch Stars waren.

Chuck Palahniuk („Fight Club“) will allerdings nicht einfach eine „Sunset Boulevard“-Variante erzählen, sondern er will auch sein Wissen über Hollywoods goldene Zeit (er betreibt ein exzessives Name-Dropping, bei dem immer wieder unklar ist, wie erfunden die Anekdoten sind), ein Spiel über Schein und Sein und eine Schwarze Komödie schreiben. Aber eine glaubwürdige Geschichte wollte er anscheinend nicht schreiben. Denn „Diva“ ist noch kruder und unglaubwürdiger als ein C-Picture, bei dem die Anschläge des Mörders überwältigend dilettantisch sind und die Figuren sich absolut hirnrissig verhalten.

Und der Gag mit den fett geschriebenen Produkt- und Prominentennamen nervt schon nach zehn Seiten.

Weil Palahniuk kein dummer Autor ist, erzählt er die Geschichte aus der Sicht der Haushälterin und Freundin von Kenton in einer Mischung aus Reportage, Tagebuch, stilisierter Filmbeschreibung und Drehbuch, formal strukturiert wie ein Theaterstück, indem es statt Kapitel Akte und Szenen gibt, die immer wieder überdeutlich auf die Künstlichkeit des Erzählten hinweist. Entsprechend schnell fragte ich mich, wie zuverlässig Coogan als Erzählerin ist. Aber in dem Moment interessierte mich die Geschichte schon lange nicht mehr.

Diva“ ist der bislang schwächste Roman, den ich von Chuck Palahniuk gelesen habe.

Chuck Palahniuk: Diva

(übersetzt von Werner Schmitz)

Manhattan, 2011

224 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

Tell-All

Doubleday, New York 2010

Hinweise

Homepage von Chuck Palahniuk

Meine Besprechung der Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Choke“

Chuck Palahniuk in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 25. Dezember: Stirb langsam

Dezember 25, 2011

Sat.1, 22.35

Stirb langsam (USA 1988, R.: John Mc Tiernan)

Drehbuch: Jeb Stuart, Steven E. de Souza

LV: Roderick Thorp: Nothing lasts forever, 1979 (Stirb langsam)

Bahnbrechendes Action-Kino, das Bruce Willis zum Star machte – im Buch besucht der Held seine Tochter, im Film besucht der Held seine Frau, der Rest (Terroristen besetzten ein Hochhaus, unser Held kämpft gegen sie) ist bekannt. EPD Film meinte „ein durch und durch regressiver Film, der einer infantilen Lust an der Zerstörung Nahrung verschafft.“

Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 00.50 Uhr, läuft „Stirb langsam – Jetzt erst recht“ (der dritte „Die Hard“-Film) und um 02.45 Uhr gibt’s, ebenfalls mit Bruce Willis, „Hostage – Entführt“.

Das Drehbuch von Jeb Stuart und Steven E. De Souza war für den Edgar nominiert.

Mit Bruce Willis, Alan Rickman, Bonnie Bedelia, Alexander Godunov, Reginald VelJohnson, William Atherton, Paul Gleason, Hart Bochner

Hinweise

Wikipedia über „Stirb langsam“ (deutsch, englisch)

Spiegel: „Eines Tages“ über 20 Jahre „Stirb langsam“

Thrilling Detective über Joe Leland (so heißt John McClane im Buch)

The Independent: Nachruf auf Roderick Thorp

Bei Panini Comics erschien jetzt „Die Hard – Das erste Jahr“ von Autor Howard Chaykin und den Zeichnern Stephen Thompson und Gabriel Andrade jr.. In der offiziellen Vorgeschichte zu den „Stirb langsam“-Filmen (in dem Roman von Roderick Thorp ist die Biographie des Helden etwas anders) muss John McClane am 4. Juli 1976, während der Zweihundertjahrfeier der USA, in New York als junger, unerfahrener Cop Dienst schieben und sich mit Terroristen und Geiselnehmern kloppen. Fast wie einige Jahre späer in den Filmen.


Einige kurze sachdienliche Hinweise auf Sachbücher

Dezember 24, 2011

Ob das wirklich „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“ sind, wie Autorin Lucia Jay von Seideneck, Rechercheurin Carolin Huder und Fotografin Verena Eidel behaupten, weiß ich nicht. Aber in jedem Fall ist es eine interessante Auswahl abseits der breit ausgelatschten touristischen Pfade, für die es ja schon Myriaden von Reiseführern gibt. Denn in welchem Reiseführer wird die Hafenkirche im Westhafen erwähnt? Dabei geht es bei der Vorstellung nicht um die Kirche. Denn die ist inzwischen in einem kleinen Mehrzweckraum. Es geht um Fedor Pfister, Berlins letzten Schifferpfarrer, der inzwischen evangelischer Studentenpfarrer ist, aber trotzdem auch auf dem Wasser (natürlich in einem Boot) seine Mission fortführt.

Unter Wasser ist der Spreetunnel („Erbaut und versenkt 1926“), der am Müggelsee Friedrichshagen mit der Kämmereiheide verbindet und wohl vor allem für Technikbegeisterte interessant ist.

Auch die Lilienthal-Burg in Steglitz, die Lohmühle in Treptow, der Paternoster im Rathaus Schöneberg oder der Madenautomat im Wedding, in dem es für Angler Maden gibt, dürften nicht in jedem Reiseführer erwähnt werden.

Und jetzt weiß ich, wo das letzte Stündlein der „Kommune 1“ schlug. Nämlich in der Stephanstraße in Moabit – und, weil es ein Privatgelände ist, aber die Wohnungen in dem Gebäude vermietet werden, ist sie nach vorheriger Anmeldung ansehbar.

Zu jedem Ort gibt es einen einseitigen, informativen Text und ein Farbfoto, selten zwei, das eher künstlerisch als dokumentarisch ist.

111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“ ist empfehlenswert für Berliner und Berlin-Besucher, die die touristischen Highlights (Kleiner Tipp: eine Fahrt mit dem 100er Bus, eine mit dem 200er, kräftig knipsen und schon hat man die meisten touristischen Highlights für das private Fotoalbum verewigt.) schon kennen.

Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidel: 111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss

Emons, 2011

240 Seiten

12,90 Euro

Kurz vor Weihnachten stapeln sich im Briefkasten die Spendenbitten für die gute Sache. Auch auf dem Marktplatz oder im Fernsehen wird man höflich um einen kleinen Obolus für die armen Kinder in irgendeinem Land, von dem man oft noch nie gehört hat, gebeten. Dass dabei nicht alle Spendenorganisationen koscher sind, ist auch bekannt. Trotzdem haben sie ein gutes Image und oft wird auch gar nicht so genau gefragt, was mit dem Geld geschieht.

Der Wirtschaftsjournalist Stefan Loipfinger blickt seit drei Jahren mit Charity Watch.de hinter die Kulissen der Spendenorganisationen. Er nennt Namen, er recherchiert emsig und er wird dafür gerade von diesen Organisationen angefeindet. Teilweise, wie Loipfinger im Vorwort erzählt, erschreckend tief unter der Gürtellinie.

Jetzt hat er in „Die Spendenmafia – Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid“ zusammengefasst, was er in den vergangenen Jahren herausgefunden hat. Das ist honorig, aber das Buch liest sich wie ein Griff in den Zettelkasten. Denn er reiht, zunehmend ermüdend, Beispiel an Beispiel. In diesem Wust von Einzelfällen fehlt dann der große argumentative Bogen. Stattdessen entsteht ein dumpfes Gefühl des Unwohlseins. Und weil ein Register mit den im Buch behandelten Personen und Organisationen fehlt, weiß man nachher auch nicht mehr, wo was gestanden hat.

So ist „Die Spendenmafia“ zwar lobenswert, aber nicht empfehlenswert. Ein Blick auf Loipfingers Homepage ist wesentlich gewinnbringender. Denn dort kann man einfach herausfinden, ob man bestimmten Organisationen besser kein Geld geben sollte.

Die Verbraucherzentrale hat auch einige Tipps.

Stefan Loipfinger: Die Spendenmafia – Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid

Knaur, 2011

272 Seiten

8,99 Euro

Das Science Fiction Jahr 2011“ bietet, wie die vorherigen Jahresbände, einen umfassenden Rückblick auf das letzte Jahr und was dort im Science-Fiction-Bereich geschah. Es gibt Buchkritiken (nicht allzu viele, aber dafür ausführlich), viele Film- (gut 150 Seiten), Hörspiel- und Spielekritiken, die auch immer wieder durch einzelne längere Besprechungen ergänzt werden. Zum Beispiel „Wie aus dem Science-Fiction-Meisterwerk ‚Alien‘ ein Franchise wurde“, über Fritz Langs „Metropolis“, die britische Sixties-Kultserie „The Prisoner“ (Nummer 6). Zwei Streifzüge durch die Welt der DC-Comics-Superhelden. Dave Stevens‘ „The Rocketeer“ und John Layman/Rob Guillorys „Chew“ werden abgefeiert. Es gibt viel zu viele Nachrufe; unter anderem einen ausführlichen auf den sehr umtriebigen Hans Joachim Alpers. Interviews mit den Autoren Peter Watts und Adam Roberts und Professor Harald Lesch (genaugenommen und weil’s so schön lang ist „Professor für Theoretische Physik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universitätssternwarte der Ludwig-Maximilian-Universität München“) und, als großes Schwerpunktthema, „Future History“ mit Beiträgen der SF-Autoren Stephen Baxter und John Clute, vertiefenden Essays über die Geschichten von Olaf Stapleton, Robert A. Heinlein, Issac Asimov, den Brüder Stugatzki und über Perry Rhodan, und Sascha Mamczak hält ein Plädoyer für die Future History ab. Gary K. Wolfes Essay über den „Weltuntergang in der Science Fiction…und was danach geschieht“ wurde seltsamerweise nicht dem Schwerpunktthema zugeschlagen.

Das ist, allein schon wegen der Masse an Informationen und Einsichten (auch wenn einen nicht alle Artikel interessieren) empfehlenswert. Und dank der Gebrauchsanweisung zum Selbermachen, nach der Betrachtung der Rubrik Bild.de/Mystery sogar von erhöhtem Nutzwert; – wobei ich mich dann lieber in die „Soundwelten der Science-Fiction-Filme“ vertiefe.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2011

Heyne, 2011

1312 Seiten

29,99 Euro

Hinweise

Heyne über „Das Science Fiction Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Langsam aber sicher gräbt Georg Seeßlen sich durch die Neuausgabe seines bereits mehrfach erweiterten, mehrbändigen Standardwerkes „Grundlagen des populären Films“. In diesen Grundlagen schreibt er über die verschiedenen Filmgenres und wie sie sich im Lauf der Zeit entwickelten. Beim Abenteuerfilm sind das vor allem der Antikfilm (vulgo Sandalenfilm), der Ritterfilm, der Piratenfilm und der Mantel-und-Degen-Film (halt die Musketiere in ihrer ganzen Pracht).

Weil er diese Entwicklungen weitgehend chronologisch erzählt, dabei die Filme knapp vorstellt und in ihrem filmhistorischen und gesellschaftlichen Kontext einordnet, sind Neuausgaben auch einfach möglich. Seeßlen schreibt einfach in weiteren Kapiteln, was seit der letzten Auflage in dem Genre geschah.

In dem neuesten Band „Filmwissen: Abenteuer“ sind das fast einhundert Seiten, die die Zeit zwischen 1995 und 2012 abdecken und für Seeßlen „Abenteuer im Irrealis“ sind. Er schreibt in diesem Kapitel über Blockbuster, wie „Indiana Jones und das Königreich des Himmels“, die „Piraten der Karibik“-Filme mit Johnny Depp, Ridley Scotts „Gladiator“ und „Robin Hood“, etliche historische Epen aus Fernost und viele, viele Filme, die viele Menschen nicht kennen.

Im nächsten Band der Filmwissen-Reihe beschäftigt Georg Seeßlen sich mit dem „Thriller“. Das klingt doch spannend. Bis dahin muss es aber das „Abenteuer“ tun.

Der Band ist, auch wenn, wieder einmal, die Schrift arg klein ausgefallen ist und auf Bilder verzichtet wurde, empfehlenswert. Weil die Ergänzung bei diesem Band überraschend umfangreich ausgefallen ist, lohnt sich der Kauf definitiv auch für die Menschen, die schon die älteren Auflagen besitzen.

Georg Seeßlen: Filmwissen: Abenteuer (Grundlagen des populären Films)

Schüren, 2011

368 Seiten

22,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Detektive“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Western“ (2010)

Vordak, der Unsägliche – Das einzig wahre Handbuch für den Schurken von morgen“ ist eine klassische Klolektüre. Denn Scott Seegert lässt den von sich selbst überzeugten, anscheinend ziemlich glücklosen (Ich meine: Wer hat jemals von Vordak gehört?) Vordak darüber reden, was einen Schurken ausmacht und was er dafür tun muss. Das ist, in kleinen Dosen genossen, eine witzige Lektüre (allerdings eher auf Kalauer-Niveau), die auch nebenbei hübsch erklärt, warum bestimmte Schurken in Buch und Film funktionieren und andere nicht.

Selbstverständlich ist „Vordak, der Unsägliche“ sehr empfehlenswert (will ja keinen Ärger mit dem unsäglichen Vordak bekommen). Aber wahrscheinlich ist das anvisierte Zielpublikum noch in der Pubertät. Oder etwas jünger.

Scott Seegert: Vordak, der Unsägliche – Das einzig wahre Handbuch für den Schurken von morgen

Goldmann, 2011

224 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Vordak the Incomprehensible: How to Grow Up and Rule the World

Egmont USA, New York, 2010

Glanz und Elend der deutschen Kriminalreportagen zeigt sich in „Gnadenlos – Warum Menschen morden“, in dem der renommierte Journalist Jürgen Schreiber zwanzig seiner in den vergangenen Jahren im „Tagesspiegel“, dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ und dem „ZEIT-Magazin“ (jeweils zwei) erschienenen Reportagen sammelte. Die Hälfte der Reportagen ist um die zehn Jahre alt. „Der perfekte Mord“ über den Mord an Detlev Rohwedder erschien bereits 1997 und die Neueste, „Der Türspion“ über einen Stasi-IM, der Türschlüssel besorgte, ist von 2010. Oft geht es, entsprechend des Buchtitels, um Mordfälle, die Ermittlungen der Polizei, die Täter, deren Familien, die Opfer und die Hinterbliebenen.

Dabei wird, auch von Schreiber, exzessiv aus den Akten der Polizei zitiert und die Gerichtsverfahren besucht und das alles in einem distanziert-sprödem Tonfall erzählt, aber eine eigene Recherche in dem Maß, wie es von US-amerikanischen Journalisten getan wird, ist nicht erkennbar.

Ich verlange ja nicht, dass ein deutscher Journalist, wie David Simon für „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ (jetzt, nach zwanzig Jahren, bei Kunstmann auf Deutsch erschienen), ein Jahr in Baltimore Mordermittlern bei ihrer Arbeit und in ihrer Freizeit begleitet. Aber eine stärker andere Perspektiven einbeziehende Recherche, eine Suche nach neuen und überraschenden Anknüpfungspunkten für eine Reportage wären schon gut. Einen Einblick in das, was Journalisten auch auf wenigen Seiten leisten können, liefern dabei die seit 2002 jährlich erscheinenden Reportagensammlungen „Best American Crime Writing – The Year’s Best True Crime Reporting“ (herausgegeben von Otto Penzler und Thomas H. Cook).

Dagegen kommen die in „Gnadenlos“ gesammelten Reportagen etwas bieder daher. Gut geschrieben, ordentlich durchrecherchiert, aber auch irgendwie immer wieder das gleiche. Da ist Jürgen Schreiber dann nicht besser und auch nicht schlechter als viele Seite-3-Reportagen aus der Tageszeitung ihres Vertrauens.

Jürgen Schreiber: Gnadenlos – Warum Menschen morden

C. Bertelsmann, 2011

224 Seiten

16,99 Euro

(Taschenbuchausgabe ist für Mai 2012 angekündigt)


„Outlaw“: Jack Reacher besucht Despair – und die Bewohner finden das gar nicht witzig

Dezember 21, 2011

Schon der deutsche Titel „Outlaw“ erinnert an einen Western und auch die Ausgangssituation kennen wir aus zahlreichen Western. Mitten im Nirgendwo sind zwei Dörfer (naja, sehr kleine Dörfer) in Colorado und aus dem einen Dorf wird der Fremde umstandslos hinausgeworfen. Weil der Fremde allerdings Jack Reacher ist, bedeutet das Ärger. Denn er lässt sich das nicht gefallen und das Verhängnis, jedenfalls für die Bewohner von Despair, nimmt seinen Lauf.

Der von Lee Child erfundene Serienheld Jack Reacher ist ein ehemaliger Elitesoldat, der mit möglichst wenig Gepäck durch die USA reist und sich von niemandem Befehle erteilen lässt. Er will herausfinden, warum die Einwohner von Despair ihn so dringend loswerden wollen. Seine einzige Verbündete ist Vaughan, die im benachbarten Hope Polizistin ist, und anscheinend ganz froh über diesen Fremden, der seine Nase in fremde Angelegenheiten steckt, ist.

Nachdem Lee Child auf den ersten Seiten den Konflikt etablierte, lässt er sich viel Zeit, in der unklar ist, ob Thurman, dem die riesige örtliche Recyclingfirma gehört und der als einziger Arbeitgeber der unumschränkte Herrscher von Despair ist, wirklich etwas verbirgt oder Reacher einfach nur ein neugierig-nervender Tramp ist. Aber weil wir nach elf Romanen Lee Child und Jack Reacher kennen, wissen wir, dass all die kleinen Hinweise und Merkwürdigkeiten, wie verschwundene Leichen, in Dokumenten nicht auftauchende junge Männer, die nach Despair reisen, aber niemals offiziell den Ort verlassen, eine bei Despair stationierte Spezialeinheit der Militärpolizei, die eine geheime Militäreinrichtung bewacht, die Vereidigung eines ganzen Dorfes zu Hilfssheriffs, um Reacher zu jagen, den das natürlich nicht von weiteren Besuchen in Despair abhält, nur die Vorbereitung für ein furioses Finale sind.

In „Outlaw“ plündert Lee Child dafür etliche Western-Topoi, die er mit aktuellen Entwicklungen verknüpft. Deshalb kann sein neuester Jack-Reacher-Roman, für die Älteren, locker als „Mein großer Freund Shane“, nur ohne Kinder, oder, für die Jüngeren, als „Cowboys & Aliens“, nur ohne die Verbrüderung gegen die Aliens, verkauft werden. In jedem Fall ist es spannende Unterhaltung mit einem etwas zu apokalyptischem Ende.

Lee Child: Outlaw

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2011

448 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Nothing to Loose

Bantam Press, 2008

Hinweise

Homepage von Lee Child

Wikipedia über Lee Child (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lee Childs „Tödliche Absicht“ (Without fail, 2002)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Abschussliste“ (The Enemy, 2004)

Meine Besprechung von Lee Childs „Sniper“ (One Shot, 2005)

Meine Besprechung von Lee Childs (Herausgeber) „Killer Year – Stories to die for…from the hottest new crime writers“ (2008)

Lee Child in der Kriminalakte

 

 


„Freitag“ oder das Finale von Brian Azzarello und Eduardo Rissos Serie „100 Bullets“

November 22, 2011

Mit „Freitag“, dem dreizehnten „100 Bullets“-Sammelband, der die letzten zwölf „100 Bullets“-Heften enthält, wird die von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso vor zwölf Jahren begonnene Noir-Crime-Serie, die sechs Eisner-Awards erhielt, beendet. Es begann im ersten Heft mit dem faszinierendem Gedankenspiel: „Was wäre, wenn du die Gelegenheit hättest, jemand, der dir etwas Böses angetan hat, zu töten, ohne dafür bestraft zu werden?“

Später wurde deutlich, dass dieses moralische Dilemma nur ein Puzzlestück des erbarmungslos geführten Kampfes zwischen mehreren Verbrecherfamilien, die sich bereits vor Ewigkeiten zum Trust zusammengeschlossen und im Hintergrund die Geschichte der USA bestimmten, war. In den späteren „100 Bulltes“-Heften wurde dieser Kampf zwischen den verschiedenen Familien und Generationen und ihrer Putztruppe, den Minutemen, die in Atlantic City in einem Hinterhalt getötet werden sollten, auf eine anregende Weise immer verwirrender. Denn Azzarello und Risso sprangen, immer wieder unterbrochen von Episoden, die auf den ersten Blick nichts mit dem Kampf im Trust zu tun hatten, zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und Zeiten hin und her, verknüpften sie immer kunstvoller und ließen einen über die wahren Absichten der verschiedenen Charaktere im Unklaren. Teils weil die Charaktere ein doppeltes Spiel spielten, teils weil sie, ohne ihr Wissen, einem Gedächtnisverlust hatten.

Gleichzeitig wurde immer unklarer, wer in dem sich langsam entfaltenden, vor allem die letzten Jahrzehnte umspannenden Geschichte eine Haupt- und wer eine Nebenfigur ist. Und weil die Serie auf 100 Hefte festgelegt war, wurde die Neugierde auf das Ende, wenn sich die unklaren Kampflinien klären und die vielen offenen Fragen beantwortet würden, immer größer.

Aber nach all den vorher ausgelegten Spuren entpuppt sich das Finale von „100 Bullets“ als profaner, in einem Blutbad endender Machtkampf. Da erscheint die geniale Ausgangsidee von den 100 Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können, und der Aktenkoffer mit den Beweisen, die Agent Graves verschiedenen Menschen aushändigte, nur noch wie ein Gimmick und es drängt sich der Eindruck auf, dass Brian Azzarello sich selbst in den verschiedenen Geschichten so sehr verirrte, dass er am Ende nur noch eine Möglichkeit sah, den von ihm angefertigten gordischen Knoten zu zerschlagen: mit nackter Gewalt und ohne Rücksicht auf Verluste.

Ich schrieb über Amerika. Über Macht und Verderbtheit, Treue und Verrat, und das, was die Begriffe verbindet. Freunde und Feinde. Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Brüder. Ich schrieb über moralische Entscheidungen und deren Konsequenzen – auch dann, wenn man diese meidet. Denn auch das ist eine Entscheidung.

Brian Azzarello über „100 Bullets“

Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): 100 Bullets: Freitag (Band 13)

(Einleitung von Brian Azzarello)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2011

304 Seiten

29,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets: Wilt

Vertigo/DC Comics, 2009

(enthält „100 Bullets: 89 – 100“, 2008/2009)

Hinweise

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung“ (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 4 – Stunde der Abrechnung“ (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Wikipedia über „100 Bullets“ (deutsch, englisch)
Britische Fanseite zu „100 Bullets“

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)


Die Weihnachtsgeschichte in der Version von Friedrich Ani mit Tabor Süden in der Hauptrolle

November 18, 2011

Warum wollte er verschwinden?“

Damit jemand nach ihm sucht, glaub ich.“

 

2005 verschwand Tabor Süden, Ermittler in der Vermisstenstelle der Münchner Polizei, nach Köln. Sein Erfinder, Friedrich Ani, wandte sich anderen Charakteren zu. Aber keiner kam beim Publikum so gut an, wie Tabor Süden, der seinen Vater nicht finden konnte und der als Polizist vermisste Menschen suchte. In diesen Geschichten interessierte Friedrich Ani sich nie für elaborierte Mordkomplotte, sondern für die kleinen Leute und ihre Geschichten. Menschen, deren Verschwinden keine Schlagzeilen heraufbeschwören.

Im Frühjahr kehrte Tabor Süden in dem tollen Roman „Süden“, in dem er als Privatdetektiv einen verschwundenen Gastwirt sucht, zurück und Friedrich Ani versprach weitere Süden-Geschichten, in denen Süden dann als Privatdetektiv in der Detektei von Edith Liebergesell arbeitet. In den kommenden Romanen will Ani auch ausführlicher über die anderen Angestellten der Detektei schreiben.

Aber in „Süden und die Schlüsselkinder“ steht Tabor Süden im Mittelpunkt. Er soll kurz vor Weihnachten den zehnjährigen Adrian suchen. Der Junge verschwand aus einem Kinderschutzhaus. In einer SMS sagt er, dass er zu seinem Opa gehen will. Aber dieser ist tot. Süden beginnt in seiner unnachahmlichen Art in dem Leben von Adrian und seiner kaputten Familie herumzustochern. Dabei wird er von Fanny, einer ebenfalls im Heim lebenden Freundin von Adrian, begleitet.

Süden und die Schlüsselkinder“ ist natürlich eine gut ausgehende Weihnachtsgeschichte, bei der vor allem durch die Charakterzeichnungen, das Porträt einer erschreckend normal-dysfunktionalen Familie und natürlich Südens Erinnerungen an seinen verstorbenen Freund Martin Heuer gefallen. Die Suche nach dem Jungen ist das literarische Äquivalent zu einer Countryrock-Jamsession, bei der die Musiker sich, weil die Stimmung gerade so gut ist, bei ihrem Instrumentalpart unglaublich viel Zeit lassen. So lässt auch Süden sich viel Zeit bei seinen Ermittlungen. Oft wirkt es, als ob er einfach nicht in seine Junggesellenwohnung zurück will, er aber auch nicht einfach so in einer Gaststätte ein Bier trinken will. Also nimmt er dankbar die Aufgabe an, die ihn unter die Leute bringt, und er sucht den Jungen. Weil sie telefonisch miteinander in Kontakt stehen, macht er sich keine allzu großen Sorgen über Adrian. Vielleicht wusste Süden sogar von Anfang an, wo Adrian sich versteckt hat, aber er wollte von der ersten Minute an auf das kindische Versteckspiel eingehen und ihm zeigen, dass einige Menschen ihn suchen werden. Dass er für jemand wichtig ist.

Parallel zur Veröffentlichung von „Süden und die Schlüsselkinder“ erschien der erste Schwung der „Süden“-Neuveröffentlichungen mit „Süden und die Frau mit dem harten Kleid“, „Süden und der glückliche Winkel“ und „Süden und das verkehrte Kind“. Für die nicht chronologische Neuauflage wurde lediglich das Cover geändert.

Friedrich Ani: Süden und die Schlüsselkinder

Knaur, 2011

192 Seiten

8,99 Euro

Die „Süden“-Neuauflagen, erste Lieferung

Friedrich Ani: Süden und die Frau mit dem harten Kleid

Knaur, 2011

208 Seiten

8,99 Euro

Erstausgabe

Knaur, 2002

Friedrich Ani: Süden und der glückliche Winkel

Knaur, 2011

192 Seiten

8,99 Euro

Erstausgabe

Knaur, 2003


Friedrich Ani: Süden und das verkehrte Kind

Knaur, 2011

192 Seiten

8,99 Euro

Erstausgabe

Knaur, 2004

Die „Süden und“-Romane (denn Tabor Süden ist auch in anderen Romanen von Friedrich Ani dabei)

Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels, 2001

Süden und der Straßenbahntrinker, 2002

Süden und die Frau mit dem harten Kleid, 2002

Süden und das Geheimnis der Königin, 2002

Süden und das Lächeln des Windes, 2003

Süden und der Luftgitarrist, 2003

Süden und der glückliche Winkel, 2003

Süden und das verkehrte Kind, 2004

Süden und das grüne Haar des Todes, 2005

Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel, 2005

Die weiteren Romane mit Tabor Süden

Die Erfindung des Abschieds. Martin Heuer begeht Selbstmord, 1998

German Angst, 2000

Verzeihen, 2001

Gottes Tochter, 2003

Süden, 2011

Dann gab es noch zwei Verfilmungen

Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin (D 2009, R.: Martin Enlen)

Drehbuch: Claus Cornelius Fischer

LV: Friedrich Ani: Süden und das Geheimnis der Königin, 2002

Kommissar Süden und der Luftgitarrist (D 2009, R.: Dominik Graf)

Drehbuch: Friedrich Ani

LV: Friedrich Ani: Süden und der Luftgitarrist, 2003

mit Ulrich Noethen ( Tabor Süden), Martin Feifel (Martin Heuer), Jeanette Hain (Sonja Feyerabend), Johanna Bantzer (Freya Epp), Hubertus Hartmann (Volker Thon)

Und einige kürzere Geschichten und Hörspiele…

Hinweise

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik (und Buchtipp): David Cronenberg hat „Eine dunkle Begierde“

November 10, 2011

Einen solchen Film hätte ich von David Cronenberg nicht erwartet. Nicht wegen des Themas, sondern wegen der Machart. Denn in seinem neuesten Film „Eine dunkle Begierde“ erzählt er eine Dreiecksliebesgeschichte und die Geschichte von einem Bewunderer und seinem Mentor als sei es eine Arte-Auftragsproduktion. Es ist die Geschichte von Sigmund Freud (Viggo Mortensen), Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) und Sabina Spielrein (Keira Knightley) und die geht so: C. G. Jung ist ein junger Nervenarzt in einem Züricher Sanatorium, der Sigmund Freud und dessen Theorien bewundert. Bei der unter heftigen Sexualneurosen leidenden russischen Kaufmannstochter Sabina Spielrein probiert er ab 1904 Freuds Thesen aus. Er stößt dabei auf Probleme, die er in Wien mit dem von ihm bewundertem Sigmund Freud, dem er bis dahin noch nicht begegnet ist, besprechen kann. Zwischen beiden entwickelt sich schnell eine Freundschaft, in der jeder auch glaubt, dass er von dem anderen profitieren kann. Denn Freud hat sich zu diesem Zeitpunkt mit einer Schar ihn bedingungslos bewundernder Jünger umgeben, er neigt zur Selbstgefälligkeit und ein Arier wäre, um die Ideen weiter zu verbreiten, eine hochwillkommene Ergänzung in der überwiegend jüdischen psychoanalytischen Bewegung.

Jung ist dagegen ein, auch dank eigener Forschungen, durchaus kritischer Bewunderer. Er möchte die Psychoanalyse bekannter machen und tiefer erforschen. Gleichzeitig glaubt er, im Gegensatz zu Freud, nicht, dass man in der Analyse alles auf den Sexualtrieb reduzieren kann.

Und, obwohl Jung verheiratet ist, beginnt er eine Beziehung mit Spielrein, die von einer Patientin immer mehr zu einer Psychologin wird, 1911 promovierte und in Wien Mitglied von Freuds Mittwoch-Gesellschaft wurde.

Das ist alles historisch verbürgt und wird von David Cronenberg mit der Gediegenheit und erzählerischen Gemächlichkeit inszeniert, die wir aus Literaturverfilmungen, bevorzugt mit Beteiligung öffentlich-rechtlicher Sender, kennen. Da stimmt dann jedes Kostüm und die Innenausstattung erinnert an historische Aufnahmen. Die Schauspieler sind grandios (Fassbender! Mortensen!! Knightley!!!). Das Drehbuch von Christopher Hampton ist eine ökonomisch erzählte, vielschichtige Versuchsanordnung mit einem Touch Uni-Seminar und viel Raum für die Schauspieler. So beobachtet Cronenberg die erste Therapiesitzung von Spielrein (Knightley im totalen Overacting-Modus), die mit ihren inneren Dämonen kämpft, minutenlang und fast ohne Schnitte. Auch später, wenn Freud und Jung sich unterhalten, schneidet Cronenberg äußerst spartanisch. Er vermeidet alles, was von den Dialogen und den Schauspielern ablenken könnte.

Cronenberg verfilmte die Geschichte, ähnlich einer Therapiesitzung, bewusst distanziert. Denn er urteilt nicht über seine Charaktere. Er glorifiziert sie auch nicht und er lässt sie auch nicht als Vorkämpfer erscheinen; was auch dazu führt, dass wir uns heute nicht mehr vorstellen, gegen welche Konventionen sie verstießen.

Für Cronenbergs Verhältnisse ist der Ausstattungsfilm „Eine dunkle Beziehung“ ein seltsam musealer Film.

Eine dunkle Begierde (A dangereous method, Deutschland/Kanada/Großbritannien/Schweiz 2011)

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: Christopher Hampton (nach dem Roman „A dangerous method“ und John Kerr und dem Theaterstück „The talking cure“ von Christopher Hampton)

mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Arndt Schwerin-Sohnrey, Anna Thalbach

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Eine dunkle Begierde“

Wikipedia über „Eine dunkle Begierde“ (deutsch, englisch)

Der ultimative Buchtipp

Auf dieses Buch habe ich eine gefühlte Ewigkeit gewartet. Denn es wurde schon vor Jahren angekündigt. Mit Sicherheit zu „Eastern Promises“, aber vielleicht auch schon zu „A history of violence“.

Aber jetzt ist „David Cronenberg“ als sechzehnter Band in der uneingeschränkt lobenswerten „film“-Reihe des „Bertz + Fischer“-Verlages erschienen. Marcus Stiglegger fungierte als Herausgeber und als Autoren sind die üblichen Verdächtigen dabei: Stefan Höltgen, Norbert Grob (natürlich über Cronenbergs Noir-Fantasien), Gerhard Midding (über „The Fly“), Sascha Westphal, Fritz Göttler, Frank Arnold, Oliver Nöding, Lars Penning, Ivo Ritzer, Annette Kilzer, Lars-Olaf Beier (ebenfalls über „The Fly“), Frank Schnelle, Thomas Groh, Jan Distelmeyer, Cristina Nord, Rudolf Worschech, Georg Seeßlen, Elisabeth Bronfen, Barbara Schweizerhof (über „A dangerous method“) und Dominik Graf (über „The Dead Zone“). Um nur einige der bekannteren Namen zu nennen.

Am bewährten Aufbau wurde selbstverständlich nichts geändert. Auf den ersten 140 Seiten gibt es umfassendere Analysen von David Cronenbergs Werk und bestimmter Aspekte in seinem Werk, wie sein Körperbild, seine Bilderwelten, seine Noir-Fantasien und sein Verhältnis zur Literatur (immerhin sind „The Dead Zone“, „Dead Ringers“, „Naked Lunch“, „Crash“, „Spider“ und „A dangerous method“ Literaturverfilmungen).

Auf den folgenden gut 120 Seiten wird chronologisch jeder seiner Filme besprochen. Abschließend, auf fast 50 Seiten, gibt es eine umfassende Filmo- und Bibliografie, allerdings ohne Hinweise auf DVD-Ausgaben, die gerade bei Cronenberg, weil viele seiner Filme in verschieden zensierten Fassungen, teils in in bescheidener Bildqualität veröffentlicht wurden, hilfreich gewesen wäre (aber die OFDB hilft). Garniert wird das alles mit über 220 Fotos und Bildsequenzen, die einen guten Eindruck von den Filmen vermitteln.

Da kann ich nur sagen: Kaufen (oder zu Weihnachten schenken lassen) und lesen.

Marcus Stiglegger (Hrsg.): David Cronenberg

Bertz + Fischer, 2011

320 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Bertz + Fischer über „David Cronenberg“ (mit Leseproben)

David Cronenberg in der Kriminalakte


„The Walking Dead“ rüttelt an die Tore von Alexandria

November 4, 2011

In dem zwölften „The Walking Dead“-Sammelband „Schöne neue Welt“ wurden Rick Grimes und seine Gefährten von Douglas Monroe in dessen Kommune Alexandria aufgenommen. Nach all den vorherigen schlechten Erfahrungen waren sie jetzt anscheinend im Paradies gelandet: eine kleine, friedliche, wegen der herumlaufenden Zombies (wir erinnern uns: nach einem Schusswechsel mit einem Gangster fiel Grimes ins Koma, als er erwachte, waren Zombies auf der Welt, nach einiger Zeit fand er seine Familie wieder und gemeinsam mit ihr und einigen Freunden machten sie sich auf den Weg. Sie trafen auf den durchgeknallten Gouverneur von Woodbury und eine von Sergeant Abraham ‚Abe‘ Ford angeführte Gruppe, mit der sie sich zusammenschlossen und auf den Weg nach Washington machten, wo es eine Erklärung gegen die Zombieplage geben sollte. Aber Washington entpuppte sich als Irrtum und dann trafen sie auf einen Spähtrupp, der sie nach Alexandria brachte, einer) umzäunten Vorstadtgemeinde, in der die Waffen am Eingang abgegeben werden und bei abendlichen Treffen die Gemeindemitglieder sich über ganz alltägliche Probleme, die nichts von der Zombieplage ahnen lassen, unterhalten.

Grimes will, dass sie in diesem Paradies bleiben können. Allerdings traut er, nach den schlechten Erfahrungen mit dem Gouverneur, dem Frieden nicht und in „Kein Zurück“, dem dreizehnten Sammelband der „The Walking Dead“-Serie, besorgt er sich als erstes Waffen. Zur Selbstverteidigung.

Und während er, immerhin war er früher Polizist, als Sheriff in der Gemeinde für Recht und Ordnung sorgt, übernimmt das Ford außerhalb der Gemeinde. Denn sie haben viele Monate in der Wildnis überlebt und dabei viele Gefährten und Freunde verloren, sie wissen, wie man überlebt und sie beginnen schnell, die Führung in Alexandria zu übernehmen.

In dem Folgeband „In der Falle“ etablieren sich Grimes und seine Freunde in der Stadt. Aufgrund ihrer Erfahrung und wie sie mit Problemen umgehen, werden sie als Anführer akzeptiert. Alles scheint sich gut zu entwickeln, bis eine Herde von Zombies sich vor den Toren von Alexandria versammelt und in die Stadt will. Die in der Stadt Eingeschlossenen nehmen den scheinbar aussichtslosen Kampf auf. Denn noch wollen sie Alexandria nicht aufgeben.

Bei uns erscheinen die von Robert Kirkman erfundenen und geschriebenen, von Charlie Adlard und Cliff Rathburn gezeichneten „The Walking Dead“-Comics als Sammelbände, die immer mehrere Hefte enthalten. In den USA erscheinen die Comics zuerst als Einzelhefte – und bislang waren diese Covers bei uns unbekannt. Wir kannten nur die mit wiederkehrenden Elementen ausgestatteten Covers der Sammelbände. In „The Walking Dead – Die Cover (Vol. 1)“ sind, im Din-A-4-Format, die Titelbilder der ersten fünfzig „The Walking Dead“-Hefte, der Sammelbände, der Hardcover-Bücher und der Deluxe-Ausgabe reproduziert. Die Zeichner Tony Moore (bis Heft 24 und Sammelband 4) und dem Team Charlie Adlard und Cliff Rathburn (ab Heft 25) und „The Walking Dead“-Autor und Erfinder Robert Kirkman haben außerdem aus ihren Archive Skizzen und frühere Entwürfe herausgekramt und sie kommentieren alle Covers. Dabei gibt vor allem Tony Moore einen guten Einblick in seine Arbeitsweise.

The Walking Dead – Die Cover“ ist natürlich in erster Linie ein Buch für den „The Walking Dead“-Fan, der noch etwas mehr über diese grandiose Serie erfahren will. Oder ein Weihnachtsgeschenk sucht.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead 13: Kein Zurück

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2011

144 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead Vol. 13: Too far gone

Image Comics, 2011

(enthält: The Walking Dead # 73 – 78, 2010/2011)

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead 14: In der Falle

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2011

152 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead Vol. 14: No way out

Image Comics, 2011

(enthält: The Walking Dead # 79 – 84, 2011)

Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead – Die Cover, Volume 1

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2011

144 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead: The Covers, Vol. 1

Image Comics, 2010/2011

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Spiegel Online: Interview mit Charlie Adlard (21. Oktober 2011)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

 


Ich bin ein Lebowski. Bist du ein Lebowski?

November 2, 2011

An der amerikanischen Kinokasse war „The Big Lebowski“ von den Coen-Brüdern, nach dem erfolgreichen „Fargo“, 1998 kein großer Erfolg. In Deutschland sahen damals fast 600.000 Menschen den Film; was gar nicht so schlecht ist und im Startmonat schaffte er es sogar in die Top 5.

Nach der Kinoauswertung wurde „The Big Lebowski“ in den USA in bestimmten Kreisen immer beliebter, die DVDs verkauften sich sehr gut, Menschen sahen sich den Film immer wieder an und streuten Weisheiten aus dem Film in ihre Gespräche ein. Nach so einem denkwürdigem Gespräch auf einer Tattoo-Messe entschlossen sich die Autoren von „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ ein Lebowski-Fest zu machen. Es war eine spinnerte Idee, die darauf hinauslief, sich eine Bowlingbahn zu mieten, den Film zu zeigen, sich zu verkleiden, zu trinken (bevorzugt White Russian) und einfach eine Menge Spaß zu haben. Es kamen mehr Menschen als erwartet, die Lebowski-Feste wurden immer erfolgreicher und irgendwann begriffen alle, dass „The Big Lebowski“ wirklich ein Kultfilm ist, wie „Easy Rider“, „The Rocky Horror Picture Show“, „Das Leben des Brian“, „Blues Brothers“ und natürlich die legendären Mitternachtsfilme (ein Phänomen, das in Deutschland nie so populär wie in den USA war). Alles Filme, die bei den Kritikern nicht unbedingt beliebt waren, nicht den Massengeschmack trafen („The Big Lebowski“ startete in den USA zeitgleich mit den wesentlich erfolgreicheren Thriller „Auf der Jagd“ und auch „Im Zwielicht“ [dachte nicht, dass dieser Paul-Newman-Film so erfolgreich war] und „Eisige Stille“ [diese Videopremiere ging trotz Jessica Lange vollkommen an mir vorbei] spielten am Eröffnungswochenende mehr Geld ein), aber einen Nerv trafen und immer wieder gesehen werden. Allein, mit Freunden, auf Partys, im Kino. Es sind Filme voller erinnerungswürdiger Sprüche und Weisheiten.

Auch „The Big Lebowski“ gehört in diese Reihe. Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

Nachdem die Lebowski-Festivals so erfolgreich sind, war es nur eine Frage der Zeit, bis in den USA ein Fanbuch erschien. „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski“ von den Lebowski-Festival-Organisatoren Bill Green, Ben Peskoe, Will Russell und Scott Shuffitt ist natürlich nicht besonders kritisch gegenüber dem Film. Dafür gibt es Interviews mit vielen Darstellern aus „The Big Lebowski“. Natürlich den Hauptdarstellern Jeff Bridges (der auch das Vorwort schrieb) und John Goodman, wichtigen Nebendarstellern, wie Julianne Moore, John Turturro, Sam Elliott, Philip Seymour Hoffman, David Hudldleston, Tara Reid, Peter Stormare und Jack Kehler (er hat immerhin zwei Szenen: einmal als Vermieter, einmal als Balletttänzer) und Schauspielern, die prägnante, teils stumme Auftritte hatten. Und es spricht für das Können der Coen-Brüder, dass man sich an etliche von ihnen auch noch nach Jahren erinnert, wie John Polito (als Schnüffler), Jimmie Dale Gilmore (im echten Leben ein Musiker, der im Film von John Goodman auf der Bowlingbahn zurechtgewiesen wird), Jesse Flanagan (der den Wagen des Dudes klaute und von John Goodman zusammengestaucht wird), Jerry Haleva (Saddam Hussein in einem Traum des Dudes) und Robin Jones (die Supermarktkassiererin, die ohne mit der Wimper zu zucken einen Scheck vom Dude akzeptiert). Sie erzählen etliche Anekdoten von den Dreharbeiten und wie der Film ihr Leben beeinflusste.

Die „Nerds“ (wie sich die Autoren des Buchs in den Interviews selbstironisch nennen) haben sich auch mit den Menschen unterhalten, die bestimmte Charaktere und Episoden in „The Big Lebowski“ inspirierten, wie dem echten „Dude“ (bürgerlich Jeff Dowd) und Regisseur- und Drehbuchautor John Milius (Ähem, „Apocalypse Now“, „Conan, der Barbar“, „Die rote Flut“ und ein wahrer Waffenfanatiker), der ein Vorbild für den John-Goodman-Charakter Walter Sobchak war, unterhalten. Und sie haben mit einigen Fans des Films, unter anderem „Cracker“-Lead-Gitarrist Johnny Hickman, gesprochen.

Es gibt mehr oder weniger triviale Hintergrundinformationen („Fuck“ wird in der Originalfassung 281 mal gesagt, „Dude“ 160 mal und Walter Sobchak hat immer Unrecht), eine kommentierte Auflistung der Drehorte (soweit bekannt) und einen Rückblick auf die Lebowski-Feste.

Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski“ ist ein unterhaltsames, reichhaltig mit SW-Bildern von durchwachsener Qualität illustriertes Fanbuch, das einige gute Gründe liefert, sich den Film wieder einmal anzusehen und auf der Seite Lebowski Fest kann man sich die Plakate in Farbe ansehen.

Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitt: Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski

(übersetzt von Sven Kemmler)

Heyne, 2011

256 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

I’m a Lebowski, you’re a Lebowski

Bloomsbury, New York 2007

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

You know, for kids! (umfangreiche Seite über die Filme der Coen-Brüder)

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

 


James Sallis lotet die Grenzen des Genres aus

Oktober 30, 2011

 

Fast zeitgleich erschienen bei uns die letzten beiden Romane von Krimiautor James Sallis. „Dunkles Verhängnis“ ist der in den USA bereits 2007 erschienene dritte Band der Turner-Trilogie, „Der Killer stirbt“ ist ein auch in den USA dieses Jahr erschienenes Einzelwerk und in beiden Werken lotet Sallis die Grenzen des Kriminalromans aus. Denn für ihn ist, wie er mir in einem Interview sagte, der Kriminalroman ein Gefäß, in das er seine Themen fülle und es dann so weit wie möglich dehne, ohne es zu zerbrechen. Deshalb hat er auch keine Probleme damit, Krimiautor genannt zu werden. Er nimmt für seine Romane eine klassische Genregeschichte und entfernt immer mehr genreübliche Versatzstücke, bis er zum emotionalem Kern der Geschichte vorgedrungen ist. Insofern lesen sich „Dunkles Verhängnis“ und „Der Killer stirbt“ wie das literarische Äquivalent zu abstrakter Malerei oder, immerhin schrieb Sallis auch Bücher über Jazzgitarristen und er ist selbst Musiker, zum dem Avantgarde-Jazz, in dem die Musiker die Melodie nur noch andeuten und den Rest den Zuhörenden überlassen.

Gleichzeitig verknappt er seine schon immer ziemlich kurzen Geschichten immer weiter. War schon der erste Turner-Roman „Dunkle Schuld“ mit 304 Seiten nicht besonders lang, sind „Dunkle Vergeltung“ mit 240 Seiten und „Dunkles Verhängnis“ mit 192 Seiten noch kürzer geraten. Er habe immer mehr weggestrichen und schon Angst gehabt, dass am Ende nichts mehr übrig bleibe, sagte Sallis mir in einem Gespräch. Oder wie er in „Dunkles Verhängnis“ schreibt: „Manchmal muss man einfach sehen, wie viel Musik man noch machen kann, mit den Mitteln, die einem bleiben.“

Am Ende blieb dann doch noch einiges übrig, obwohl der Krimiplot, in dem Kleinstadtpolizist Turner einem des Mordes verdächtigem Freund hilft, höchstens noch die halbherzig mitgeschleifte dramaturgische Klammer ist.

Auch in „Der Killer stirbt“ ist der letzte Mordauftrag des Killers, die Suche des Killers nach dem Killer, der vor ihm einen missglückten Anschlag auf das Ziel verübte und der Suche nach dem Grund für den Mordauftrag an einem Biedermann und die Jagd der Polizei nach dem Killer nur das Hintergrundrauschen für eine weitere Meditation über das Leben. Dabei ist der Killer ein quasi anonymer Mann, der sich so in seinen Tarnidentitäten verloren hat, dass er kein eigenes Leben führte. Jetzt, am Ende seines Lebens, an das er sich nur noch mühsam erinnert, fragt er sich, was von ihm übrig bleiben wird. „Sein Leben war nicht dokumentiert. Wenn er irgendwann starb, würde nichts zurückbleiben.“

Diese Frage, was übrigbleibt treibt James Sallis in „Dunkles Verhängnis“ und „Der Killer stirbt“ an. Entsprechend gelungen sind auch die deutschen Covers der Turner-Romane mit Bildern von einem Autofriedhof. In den USA trägt der Sammelband mit den drei Turner-Romanen den aussagekräftigen Titel „What you have left“.

Dass Krimifans, die nur auf der Suche nach der schnellen Ablenkung sind, mit James Sallis wenig anfangen können, ist klar. Dafür ist es dann doch zu sehr Literatur.

James Sallis: Dunkles Verhängnis

(übersetzt von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger)

Heyne, 2011

192 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Salt River

Walker & Company, New York, 2007

James Sallis: Der Killer stirbt

(übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt)

Liebeskind, 2011

256 Seiten

18,90 Euro

Originalausgabe

The Killer is dying

Walker & Company, New York, 2011

Hinweise

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von Jams Sallis‘ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

James Sallis in der Kriminalakte

 


Für Jason Starr sind „Brooklyn Brothers“ keine Brüder

Oktober 24, 2011

Mit fünfjähriger Verspätung erschien die deutsche Ausgabe von Jason Starrs „Lights Out“ und, soviel kann schon jetzt verraten werden, das Warten hat sich gelohnt. Denn nachdem Jason Starr in seinen letzten beiden Romanen „Stalking“ und „Panik“ sich mehr in mainstreamige Gefilde bewegte (sein neuester Roman „The Pack“ ist sogar ein Horrorroman) und er zusammen mit Ken Bruen in „Flop“, „Crack“ und „Attica“ hemmungslos abgedrehte Pulp-Noirs schrieb, ist „Brooklyn Brothers“, so der deutsche Titel, eine Rückkehr in die noirischen Gefilde, mit denen er bekannt wurde. Denn für Jake Thomas und Ryan Rossetti gibt es nur den Weg ins Verderben. Auch wenn dieser manchmal von fast aberwitzigen Zufällen, wie der Genuss von zu viel Alkohol in der falschen Bar, und dem ständigem und konsequentem Ausmalen der schlimmsten aller möglichen Konsequenzen gepflastert ist.

Jake Thomas und Ryan Rossetti sind zwar „Brooklyn Brothers“, aber obwohl sie in ihrer Jugend immer zusammen waren, auch gemeinsam Baseball spielten und von einer Profikarriere träumten, mögen sie sich nicht. Jake stieg dann zum allseits geachteten Baseball-Star auf. Dass er hinter seiner höflichen Fassade ein arrogantes, ichbezogenes Arschloch ist, wissen nur wenige. Und noch weniger Menschen wissen, dass er gerade vom Vater der vierzehnjährigen Marianna Fernandez erpresst wird. Jake hatte sie mindestens für eine Achtzehnjährige gehalten, sprang mit ihr ins Bett und, wenn das bekannt würde, wäre seine Karriere, inclusive der vielen Werbeverträge und der angedachten Hollywood-Karriere, vorbei.

Deshalb will er sich jetzt, während eines ruhigen Wochenendes in Brooklyn, mit seiner Highschoolliebe und Verlobten Christina Mercado, die er wegen seines Jet-Set-Lebens und seiner zahlreichen Affären bevorzugt links liegen lässt, versöhnen und die Hochzeit medienwirksam möglichst groß ankündigen.

Sie hat sich inzwischen allerdings in Ryan Rossetti verliebt. Der musste nach einem Unfall seine Profikarriere aufgeben. Jetzt arbeitet er als Maler und er ist ziemlich verärgert über den großen Empfang, der Jake bereitet wird. Denn eigentlich, so meint Ryan, sollte er der Baseball-Star sein.

Christina ist inzwischen zwar mit Ryan zusammen und sie will mit Jake auch Schluss machen, aber durch die Heirat hätte sie die Chance Canarsie zu verlassen und auch für ihren kränkelnden Vater wären die in der Zukunft exorbitant hohen Arztkosten gedeckt. Also versöhnt sie sich mit Jake.

Als Ryan von der geplanten Hochzeit erfährt, sieht er rot.

Bereits in den ersten Zeilen von „Brooklyn Brothers“ setzt Jason Starr den Ton für die folgenden 450 pechschwarzen Seiten. Und wenn dann noch der mehrfach Vorbestrafte Saiquan Harrington, der einen angeschossenen Freund rächen will, auftaucht, begibt Jason Starr sich mit „Brooklyn Brothers“ tief und äußerst gelungen in George-Pelecanos-Land. Denn Starr porträtiert in „Brooklyn Brothers“ nicht nur das kleinbürgerliche Leben in Canarsie, sondern auch das Leben der Afroamerikaner in der heruntergekommenen Breukelen-Siedlung.

Aber während bei George Pelecanos, der seine Geschichten in Washington, D. C., spielen lässt und der auch Drehbücher für die grandiose Polizeiserie „The Wire“ schrieb, die gesellschaftlichen Strukturen einen großen Einfluss auf die Taten seiner Protagonisten haben und es bei ihm immer auch die Möglichkeit einer zweiten Chance gibt, ist Jason Starr gnadenloser. Bei ihm sind Jake, Ryan, Christina und Saiquan von ziemlich eigennützigen Motiven angetrieben und, bis auf Saiquan, der immerhin, angetrieben von der Angst vor einem weiteren Gefängnisaufenthalt, den Versuch eines ehrlichen Lebens mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern unternahm, wollen sie sich auch überhaupt nicht ändern.

So führen Gier, Neid, Dummheit, Lügen und falsch verstandene Freundschaft zu einem tödlichem Wochenende in Canarsie.

Brooklyn Brothers“ ist eine weitere grandiose Verliererstudie von Noir-Autor Jason Starr.

Jason Starr: Brooklyn Brothers

(übersetzt von Ulla Kösters)

Diogenes, Zürich, 2011

464 Seiten

10,90 Euro

Originalausgabe

Lights Out

Orion Books, London, 2006

Hinweise

Homepage von Jason Starr (sogar mit einigen Worten an seine deutschen Leser)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Stalking“ (The Follower, 2007)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Panik“ (Panic Attack, 2009)

Jason Starr in der Kriminalakte

 

 


„Korrupt?“ – das neue Buch von Mathew D. Rose über die Berliner Politik

Oktober 19, 2011

Seit den neunziger Jahren ist der in Berlin lebende New Yorker Mathew D. Rose als engagierter und kundiger Chronist des Berliner Klüngels und Filzes bekannt. Auch in seinem neuesten Buch „Korrupt? – Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen“ nimmt er sich in dem Kapitel „Das erste Privatenergie-Universitäts-Partyzelt der deutschen Hauptstadt“ die Landespolitik vor. Denn im Berliner Bezirk Schöneberg wollte das „Europäische Energie Forum“ (EUREF) auf einer Industriebrache, dem Gasometer-Gelände, eine mit Millionen Euro geförderte Universität bauen. Wobei Universität das irreführende, aber gut klingende Label für das Projekt eines Baulöwen ist, der mit hochfliegenden Plänen klug staatliches Geld und die Prominenz von Politikern für seine Interessen anzapfte.

In den anderen Kapiteln seines informativen und gut lesbaren Sachbuches bleibt Mathew D. Rose zwar auch in Berlin, aber er nimmt sich die Bundespolitik vor und wie sich in den vergangenen Jahren, in der Berliner Republik, die Lobbystrukturen und damit die Beeinflussung der Politik durch die Wirtschaft veränderte. Der Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin und die rot-grüne Bundesregierung markiert diese Veränderung, die in Deutschland bedingt durch den Umzug, deutlicher und schneller als in anderen Demokratien ablief. Denn in Berlin veränderte sich der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik. Gleichzeitig veränderte sich die Politik; was sich vor allem in einem verändertem Selbstverständnis der Politiker und der Auffassung von den Möglichkeiten und Grenzen von Politik zeigt.

Rose betrachtet dabei – und das ist die Pointe von „Korrupt?“ – die Parteien und die Politiker als ökonomische Akteure, die auch nach einer ökonomischen Logik agieren. Danach geht es den Politikern nur noch darum, ihren eigenen Marktwert zu steigern. Feste Überzeugungen sind da nur hinderlich. Trotzdem verblüfften die teilweise atemberaubend schnellen Wechsel von Politikern aus der rot-grünen Bundesregierung in die Wirtschaft. Da hatten grüne Politiker plötzlich keine Probleme mehr, für Atomenergiekonzerne und die Tabakindustrie zu arbeiten. Dem CDUler Friedbert Pflüger, dessen politische Karriere vielversprechend begann und der sich 2006 auf das selbstmörderische Abenteuer einließ, Spitzenkandidat der CDU für die Abgeordnetenhauswahlen in Berlin zu sein, als Hinterbänkler endete und eine zweite, von der breiten Öffentlichkeit wenig beachtete Karriere startete, widmet er mehrere Seiten.

Ebenso biegsam sind die Parteien inzwischen bei ihren unverrückbaren Positionen und auch skrupellos beim Einsammeln von Sponsoringgeldern, die im Gegensatz zu Spenden von den Gebern als Betriebsausgaben von der Steuer abgesetzt werden können und von den Parteien nicht veröffentlicht werden müssen.

Gleichzeitig erlebte der Neoliberalismus seinen endgültigen Durchbruch. Der Glaube, dass der Markt Dinge besser als die Politik regeln könnte, war weit verbreitet und wurde von den Lobbyisten und Think Tanks gegenüber den Bundestagsabgeordneten entsprechend gepflegt.

Dieser Blick, der sich, wie Rose schon im Vorwort sagt, stark von Colin Crouchs „Postdemokratie“ und John Dunns „Setting the People Free“ beeinflusst ist, erklärt auch das aktuelle Geflecht von Politik, Wirtschaft, Lobbyismus und Medien ganz gut. Sowohl aus der analytischen Außenperspektive eines Historikers, als auch aus der Binnenperspektive der Politiker.

Angereichert werden die Recherchen von Rose über die aktuellen Auswüchse des Lobbyismus und weit verbreitete korrumptive Praktiken durch persönliche Erlebnisse über die Auskunftsfreude von Verwaltungen, Politikern, Unternehmen und Universitäten, die sich diametral von den lautstarken, öffentlichen Transparenz-Bekundungen unterscheiden, dem Erlangen eines Hausausweises für den Bundestag (weil er keinen Bundestags-Presse-Hausausweis erhielt, sollte er einen Lobbyisten-Hausausweis beantragen), als ihm ungefragt Geld angeboten wurde oder er als Gast bei einem Parlamentarischem Abend die Verbrüderung von Politik und Wirtschaft gegen das Volk erlebte.

Korrupt?“ ist ein empfehlenswertes Buch, dem der Spagat zwischen Geschichtsschreibung, politisch-philosophischer Analyse und investigativer Recherche gelingt.

Mathew D. Rose: Korrupt? – Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen

Heyne, 2011

320 Seiten

19,99 Euro

Lesung

Am Donnerstag, den 20. Oktober 2011,

um 20.00 Uhr

im „Spenerhaus“ (Leberstraße 7, 10557 Berlin-Schöneberg; im Erdgeschoss)

liest Mathew D. Rose, auf Einladung der BI Gasometer, aus seinem Buch vor.

Der Eintritt ist frei.

Hinweise

Wikipedia über Mathew D. Rose

Der Spiegel: Michael Sontheimer über Mathew D. Rose: „Der Investigator von Berlin“ (10. Oktober 2004)

Mathew D. Rose: Das ist der Berliner Filz, Filz, Filz (Die Zeit, 16. Oktober 2009)

 


Sebastian Fitzek erzählt von „Augensammlern“ und „Augenjägern“

Oktober 14, 2011

In seinem neuesten Thriller „Der Augenjäger“ warnt Sebastian Fitzek seine Leser gleich auf der ersten Seite, dass dieser Roman eine Fortsetzung von „Der Augensammler“ ist und, auch wenn man den einen Roman nicht gelesen haben muss, um den anderen zu verstehen, er aber wichtige Handlungsdetails aus dem „Augensammler“ verraten werde und es mehr Spaß mache, die Bücher chronologisch zu lesen. Denn, wie bei einem der inzwischen seltenen Zweiteiler einer TV-Serie (bei „Castle“ gab es vor kurzem einen Zweiteiler, bei „CSI“ gibt es manchmal Zweiteiler und öfter Crossover-Folgen), sind beide Folgen nur lose miteinander verknüpft und in der zweiten Folge werden fast alle Gewissheiten des ersten Teils auf den Kopf gestellt.

In „Der Augensammler“ bringt ein Unbekannter Mütter um, entführt ihre Kinder und gibt dem Vater 45 Stunden und 7 Minuten, sein Kind zu retten. Bis jetzt wurden alle entführten Kinder tot aufgefunden. Immer fehlte das linke Auge. Deshalb nennt ihn die Presse den „Augensammler“.

Da kommt die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev zu dem Ex-Polizisten und Sensationsreporter Alexander Zorbach. Sie sagt, sie habe, als sie einen ihrer Patienten berührte, eine Vision gehabt, die sie zu dem Augensammler führen könnte. Zorbach hält diese Vision zwar für ausgemachten Quatsch, aber weil seine ehemaligen Kollegen ihn im Moment für den Augensammler halten, beschließt Zorbach, diese Chance, seine Unschuld zu beweisen, wahrzunehmen. Mit ungeahnten Folgen.

Der Augenjäger“ schließt unmittelbar an den „Augensammler“ an, Denn jetzt wird irgendwie (Oh heilige Spoilervermeidung!) die Jagd nach dem „Augensammler“ abgeschlossen.

Einige Monate später bittet die Polizei Alina Gregoriev ihnen bei einem anderen Fall zu helfen. Der begnadete Augenchirurg Dr. Zarin Suker soll Frauen entführen und ihnen die Augenlider entfernen. Eines seiner Opfer überlebte, ist aber verschwunden und wenn Gregoriev mit ihrer Gabe nichts herausfindet, wird Suker aus der Untersuchungshaft entlassen. Gregoriev sieht bei der Behandlung zwar etwas, aber solange sie von der Polizei keine Informationen über Zorbach erhalten hat, will sie nichts sagen.

Kurz darauf wird Suker freigelassen und er entführt Gregoriev. Er will sie operieren. Zuerst will er ihr dabei die Sehfähigkeit zurückgeben.

Und das ist nur eine von vielen überraschenden Wendungen, die den „Augensammler“ und den „Augenjäger“ wie einen Edgar-Wallace-Film wirken lassen. Denn es passiert unglaublich viel, es ist ziemlich unterhaltsam und am Ende sollte man wirklich nicht zu viele Gedanken an die Wahrscheinlichkeit des Gelesenen verschwenden.

Beide Bücher, die auch unabhängig voneinander gelesen werden können, sind eine feine lange Geister- und Achterbahnfahrt, die genau das Richtige für einen langen Sonntagnachmittag oder eine dröge Zugfahrt ist.

Sebastian Fitzek: Der Augenjäger

Droemer, 2011

432 Seiten

19,99 Euro

Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Droemer, 2010

448 Seiten

16,95 Euro (Hardcover)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

 


Daniel Depp und die „Nächte in Babylon“

Oktober 12, 2011

In seinem zweiten Auftritt „Nächte in Babylon“ muss der von Daniel Depp erfundene Privatdetektiv David Spandau den alternden Hollywood-Star Anna Mayhew (Sie ist schon über Vierzig!) beschützen. Ein Stalker zerschnitt ihr, ohne dass sie es bemerkte, auf offener Straße mit einem Rasiermesser ihren Schal. Beim nächsten Mal könnte er sich nicht mit dem Schal begnügen und Anna Mayhew umbringen. Nach einem schwierigem Start ernennt Mayhew Spandau zu ihrem persönlichem Bodyguard und er soll sie nach Cannes begleiten, wo sie in der Jury des Filmfestivals sitzt. Mayhews Verehrer mit den Rasierklingen, der Friseur Vincent Perec, der die Schauspielerin umbringen will, und der nette Zuhälter und Opernliebhaber Special, der von Perec wieder gut 150.000 Dollar, die er ihm gestohlen hat, zurückhaben will, machen sich auch auf den Weg nach Cannes.

Das klingt jetzt nach einem zünftigem Privatdetektiv-Krimi mit einer deftigen Portion Hollywood-Klatsch und Cannes-Impressionen, bei der neben dem Aufmarsch von Myriaden von Hollywood-Stars und Sternchen auch unbekannte Hintergrundinformationen zum Filmmarkt in Cannes geliefert werden. Denn bei all dem schönen Schein geht es während des Filmfestivals vielleicht sogar in erster Linie ums Geschäft.

Aber solche Insider-Informationen gibt es nicht. Stattdessen könnte die zweite Hälfte des Romans auch zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort spielen. Über das Filmfestival erfahren wir, außer dass die Juroren auswählen können, welche Vorstellung des Films sie sich ansehen, nichts, was nicht auch in einem einminütigem „Tagesschau“-Beitrag untergebracht werden könnte.

Das reichlich langatmige Katz-und-Maus-Spiel zwischen Spandau und dem Killer unter südfranzösischer Sonne ist ungefähr so originell wie ein mittelmäßiger TV-Krimi. Und das ist „Nächte in Babylon“ dann auch.

Denn obwohl Depp gerade in der ersten Hälfte seine Charaktere in epischer Breite einführt (Müssen wir wirklich alles über Spandaus persönliche Probleme erfahren? Muss er mit seinem Partner Komasaufen?) und er mit dem durchgeknallten Fan (der als Muttersöhnchen immer noch bei seiner Mutter lebt und eine erzreaktionär-christliche Erziehung genießt), dem auf Rache sinnendem Zuhälter und dem Hollywood-Star, der sich mehrere Ampulle mit einem besonders tödlichem Gift besorgt hat, das Personal für einen Highspeed-Thriller aufstellt, macht er nichts daraus. „Nächte in Babylon“ liest sich eher wie ein Thriller, der nicht thrillen will. Die Giftampullen sind letztendlich sogar nicht mehr als ein ärgerlicher Red Herring.

Da liest man besser noch einmal Robert B. Parkers Spenser-Fälle, in denen der Privatdetektiv, manchmal auch in Hollywood, als Bodyguard arbeitete, wie „Bodyguard für eine Bombe“ (Looking for Rachel Wallace, 1980), „Licht für Dunkelmänner“ (A savage place, 1981) und „Starallüren“ (Stardust, 1990). Oder einen Krimi mit den Privatdetektiven Patrick Kenzie und Angela Gennaro von Dennis Lehane. Sogar der schwache letzte Kenzie/Gennaro-Roman „Moonlight Mile“ ist tausendmal besser als die doch arg formelhaften „Nächte in Babylon“.

Daniel Depp: Nächte in Babylon

(übersetzt von Regina Rawlonson)

Carl’s Books, 2011

352 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Babylon Nights

Simon & Schuster, London, 2010

Hinweise

Carl’s Books: Special zu Daniel Depp

Süddeutsche Zeitung: Interview mit Daniel Depp (22. Februar 2010)

The Scotsman: Interview mit Daniel Depp (25. März 2009)

Meine Besprechung von Johnny Depps Regiedebüt „The Brave“ (Daniel Depp ist einer der Drehbuchautoren)

 


Elmore Leonard langweilt in „Dschibuti“

Oktober 9, 2011

Als eine seiner vielleicht letzten Taten hat der insolvente Eichborn-Verlag (denn der Insolvenzantrag soll eine Sanierung ermöglichen) jetzt die Übersetzung von Elmore Leonards Roman „Dschibuti“ ausgeliefert und von der Covergestaltung erinnert Leonards neuester Krimi „Dschibuti“ an seinen vorherigen „Road Dogs“. Inhaltlich leider auch. „Road Dogs“ war eine mehr als durchwachsene Wiederbegegnung mit dem charmanten Bankräuber Jack Foley, den die meisten inzwischen sicher aus Steven Soderberghs fantastischer Thrillerkomödie „Out of Sight“ mit George Clooney in der Hauptrolle kennen. „Dschibuti“ liest sich wie eine ganz schlechte Elmore-Leonard-Parodie.

Die erste Hälfte ist fast unlesbar, weil Leonard, der schon immer seine Charaktere gerne über ihre Taten reden ließ, auf die bescheuerte Idee verfiel, die Dokumentarfilmerin Dara Barr und ihren Freund Xavier LeBo in einem Hotelzimmer einzusperren. Dort sichten sie die von ihnen in den vergangenen Wochen gemachten Aufnahmen für eine Reportage über die derzeitige Piraterie am Golf von Aden und dem Horn von Afrika. Dabei reden sie über die Ereignisse, die sie sich gerade ansehen und ob sie das Material als Dokumentarfilm schneiden oder als Filmidee an Hollywood verkaufen sollen. Das kann mit viel Wohlwollen als zähe Meditation über die Realität in den Medien und über die Prinzipien des filmischen Erzählens gelesen werden.

In der zweiten Hälfte ist ein zum Islamismus und Terrorismus konvertierten Amerikaner, der jeden, der seinen echten Namen kennt, umbringt, und außerdem ein Attentat plant, die die Geschichte bestimmende Kraft. Diese Jagd nach einem Serienmörder sorgt dann für etwas Krimispannung, ohne das Buch zu retten. Denn die zweite Hälfte hat mit der ersten eigentlich nichts zu tun und der Terrorist ist wahrscheinlich Elmore Leonards langweiligster Charakter. Das mag auch daran liegen, dass Elmore Leonard kein Interesse an einer Serienkiller- oder einer Post-9/11-Terroristenjagd hatte. Denn seine Krimis sind mehr oder weniger gut getarnte Western, in denen Gangster und Polizisten gegeneinander antreten und es, für einen Hardboiled-Kriminalroman, oft erstaunlich wenige Leichen gibt. Diese Verbrecherwelt hat aber nichts mit Serienkillern und Terroristen zu tun.

In den USA ist für Ende Januar 2012 bereits ein neuer Roman von Elmore Leonard angekündigt. „Raylan“ heißt er, Deputy US Marshal Raylan Givens ist der Held und anscheinend besteht das Buch aus drei neuen, kürzeren Geschichten, in denen Raylan Givens Ärger mit drei verschiedenen Frauen hat. Beim amerikanischem Publikum ist Raylan Givens inzwischen auch wegen der erfolgreichen TV-Serie „Justified“ (Uh, wann läuft die endlich bei uns an?) bekannt.

Elmore Leonard: Dschibuti

(übersetzt von Conny Lösch)

Eichborn, 2011

320 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Djibouti

William Morrow, New York, 2010

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


Verdammt schlechte Zeiten für die Bösewichte – Der „Punisher“ räumt kräftig auf

September 21, 2011

Frank Castle, besser bekannt als der Punisher, ist in mehreren Geschichten zurück. Einmal in den älteren Geschichten von Garth Ennis, der dem Punisher vor über zehn Jahren eine Rundumerneuerung verpasste und seine Geschichten explizit für ein erwachsenes Publikum schrieb, einmal in der von Jason Aaron geschriebenen Geschichte „Kingpin“, die eher ein Präludium ist und in der Ennis-Tradition steht, und in „Frankencastle“, einer eher an Superheldengeschichten erinnernde kindisch-harmlose Schlachtplatte.

Denn als Punisher bringt der ehemalige Polizist Frank Castle, dessen Familie von Mafiosi ermordet wurde, gnadenlos Verbrecher um. Die Polizei sieht weg und inzwischen haben alle aufgehört, nachzuzählen, wie viele Menschen Castle während seiner seit Jahrzehnten andauernden Selbstjustizmission schon ermordet hat. Aber solange er die richtigen tötet, ist es okay.

In dem aus zwei jeweils sechsteiligen und damit jeweils über 130-seitigen Geschichte bestehendem Sammelband „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ trifft Castle in der ersten Geschichte „Oben ist Unten und Schwarz ist Weiß“ auf einen alten Bekannten.

Denn der Mafiosi Nicky Cavella hat die Begegnung mit Castle, gegen alle Wahrscheinlichkeit, überlebt. Jetzt will Cavella sich an Castle, der ihn umbringen wollte, rächen und benutzt dafür auch Castles tote Familie, indem er deren Grab schändet und die Aufnahme an einen TV-Sender weitergibt. Gleichzeitig will er mit seinem Rachefeldzug gegen Castle auch einige unliebsame Konkurrenten aus dem Weg schaffen. Das soll von Castle, der nicht weiß, dass Cavella noch am Leben ist, erledigt werden.

In „Die Sklavenhändler“ rettet Castle in einer dunklen Gasse, als er einige Gangster tötet, eher zufällig die moldawische Zwangsprostituierte Viorica, die große Angst vor ihrem Zuhälter hat. Castle will ihr und ihren Leidensgenossinnen helfen. Dafür muss er die moldawische Verbrecherbande besiegen. Doch während Cristu einen fast schon amerikanischen Ansatz des Organisierten Verbrechens (das sich kaum von der legalen Wirtschaft unterscheidet und, auch bei Konflikten, möglichst wenig auffallen will) verfolgt, ist sein Vater von der alten Schule, die ihre Probleme mit Gewalt löst, ohne an die Folgen zu denken.

Gleichzeitig initiiert ein Polizist, der für die Verbrecher arbeitet, bei der Polizei eine öffentlichkeitswirksame Kampagne, in der Castle hemmungslose Brutalität gegen Polizisten vorgeworfen wird.

In „Die Sklavenhändler“ hat Castle eine größere und aktivere Rolle als in „Oben ist Unten und Schwarz ist Weiß“, das in erster Linie die Geschichte eines Komplotts in der Gangsterwelt und eines komplizierten Racheplans erzählt. Beide Geschichten sind ziemlich gewalttätige, zynische Kriminalgeschichten.

In „Kingpin“ von Jason Aaron und Steve Dillon ist Castle wieder eine Nebenfigur. Denn in dieser Geschichte wird vor allem der Aufstieg von Wilson Fisk erzählt, der sich sich als rechte Hand des Mafiosi Don Rigoletto im Hintergrund hält. Aber er kann seinen Boss und über ihn die anderen Mafiosi überzeugen, dass sie einen „Kingpin“, einen Boss der Bosse, den noch niemand gesehen hat, installieren sollen und das Gerücht seiner baldigen Ankunft in New York in die Welt setzten sollen. Dann wird Castle aus seinem Versteck kommen. Was die Mafiosi nicht wissen, ist, dass Fisk dieses Gerücht in die Realität umsetzen will.

Kingpin“ funktioniert vor allem als spannendes und actionhaltiges Vorspiel für den kommenden Kampf zwischen den beiden Männern.

Frankencastle“ ist dagegen ein Crossover von dem Punisher, naja, genauer von Frankencastle (der wie Frankensteins Monster mit „Punisher“-T-Shirt aussieht), und „Dark Wolverine“. Entsprechend wenig hat es mit den normalen „Punisher“-Geschichten, die ja knallharte Krimi-Geschichten ohne irgendwelche übernatürlichen Elemente sind, zu tun.

Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): The Punisher – Garth Ennis Collection 7

(übersetzt von Uwe Anton)

Panini Comics/Marvel 2011

280 Seiten

24,95 Euro (Softcover-Ausgabe)

39,00 Euro (Hardcover-Ausgabe)

Originalausgabe/enthält

Oben ist Unten und Schwarz ist Weiß, Teil 1 – 6 (Up is Down and Black is White, Part 1 – 6, Punisher (MAX) 19 – 24, Juni 2005 – Oktober 2005)

Die Sklavenhändler, Teil 1 – 6 (The Slavers, Part 1 – 6, Punisher (MAX) 25 – 30, November 2005 – April 2006)

Jason Aaron (Autor)/Steve Dillon (Zeichner): PunisherMax: Kingpin (Max 40)

(übersetzt von Reinhard Schweizer)

Panini Comics/Marvel 2011

120 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

PunisherMax: Kingpin, Part 1 – 5

Januar – Mai 2010

Rick Remender/Daniel Way/Marjorie Liu (Autoren)/Roland Boschi/Jefte Palo/Tony Moore/Stephen Segovia/Paco Diaz (Zeichner) Punisher 4: Frankencastle 2

(übersetzt von Jürgen Petz)

Panini Comics/Marvel 2011

96 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Fehlende Teile (FrankenCastle 17: Missing Pieces, Juli 2010)

Vergeltung in Tokio (FrankenCastle 18: Untitled, August 2010)

Bestrafung, Teil 1 (Dark Wolverine: Punishment, Part 1, September 2010)

Bestrafung, Teil 2 (FrankenCastle 19: Punishment, Part 2, September 2010)

Hinweise

Wikipedia über „The Punisher“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): The Punisher – Sechs Stunden zu leben (Punisher: Six hours to kill, 2009)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Goran Parlov (Zeichner) „The Punisher: Willkommen im Bayou“ (Punisher (Vol. 7) 71 – 74: Welcome to the Bayou, Punisher (Vol. 7) 75: Dolls/Gateway/Ghouls/Father’s Day/Smalest Bit of This, 2009)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Duane Swierczynski (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner) „The Punisher: Abgrund des Bösen“ (Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): Naturgewalt [Punisher: Force of Nature, 2008], Victor Gischler (Autor)/Jefte Palo (Zeichner): Alles gespeichert [Punisher: Little Black Book, 2008], Mike Benson (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Der Gejagte [Punisher MAX Annual 1: The Haunted, 2007], Jonathan Maberry (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Requisiten [Punisher: Naked Kill, 2009])

 


Übersetzen? Lawrence Block: A drop of the hard stuff

September 19, 2011

Seit dem letzten Matt-Scudder-Roman „All the flowers are dying“ sind sechs Jahre vergangen und im neuesten Scudder-Roman „A drop of the hard stuff“ erzählt Lawrence Block die Geschichte von Matt Scudder, Ex-Cop, trockener Alkoholiker und Privatdetektiv, nicht weiter, sondern er springt zurück in die Vergangenheit. In die frühen achtziger Jahre, als Matt Scudder in Manhattan die meiste Zeit auf Treffen der Anonymen Alkoholiker verbrachte und versuchte, trocken zu bleiben.

Und er arbeitet als „Privatdetektiv“. Eine Lizenz hat er nicht und eine nachvollziehbare Abrechnung macht er auch nicht. Stattdessen geben ihm seine Auftraggeber einfach eine bestimmte Geldmenge, und wenn Scudder glaubt, dass er mehr Geld benötigt, sagt er es. Oft findet er seine Klienten bei den Anonymen Alkoholikern oder AA-Mitglieder sind betroffen.

Jetzt, kurz bevor Matt Scudder sein erstes Jahr ohne Alkohol feiern kann, will Greg, dass Scudder herausfindet, wer Jake Ellery ermordete. Ellerys Sponsor vermutet, dass der Täter einer der Menschen ist, die Ellery für die achte Stufe des aus zwölf Stufen bestehenden Programms der Anonymen Alkoholiker aufschrieb und anschließend besuchte, um sie um Verzeihung zu bitten.

Scudder beginnt das Leben von Ellery zu erforschen. Dabei kannten sie sich als Jugendliche und verloren sich später aus den Augen. Scudder wurde Polizist. Ellery Verbrecher.

Für langjährige Matt-Scudder-Fans, wie mich, ist „A drop of the hard stuff“ eine willkommene Rückkehr ihres Helden und ein Blick zurück in die Jahre, die Matt Scudder zu einem so beliebten und wichtigen literarischen Charakter machten. Damals war Lawrence Block mit seinen Scudder-Romanen auch ständiger Gast auf den Nominierungslisten für den Edgar- und Shamus-Award und er durfte die begehrte Trophäe auch mehrmals mit nach Hause nehmen. Doch während in den Scudder-Romanen aus den achtziger und neunziger Jahren (wie – Achtung, Kauftipp! – „Eight Million Ways to Day“ [Viele Wege führen zum Mord], „When the sacred ginmill closes“ [Nach der Sperrstunde], „Out on the cutting edge“ [Engel der Nacht], „A ticket to the boneyard“ [Ein Ticket für den Friedhof], „A dance in the slaughterhouse“ [Tanz im Schlachthof], „A walk among the tombstones“ [Endstation Friedhof], „The devil knows you’re dead“ [Der Teufel weiß alles], „A long line of dead men“ [Der Privatclub]) vor allem die Beschreibung des alltäglichen Lebens in der Großstadt und der dort lebenden Menschen im Mittelpunkt stand, ist es hier eher Scudders Versuch, seinen Alkoholismus zu überwinden und trocken zu bleiben. Das war in den früheren Romanen auch wichtig, aber nicht so wichtig, dass die die Mördersuche zur absoluten Nebensache wird.

Insofern ist „A drop of the hard stuff“ eher ein Buch für die Block-Fans, die bekannte Charaktere, wie seinen AA-Sponsor Jim Faber und seine Freundin, die Künstlerin Jan Keane, wiedertreffen. Neueinsteiger sollten sich einen anderen Scudder-Roman schnappen.

Trotzdem würde ich eine Übersetzung des inzwischen siebzehnten Matt-Scudder-Romans empfehlen. Aber zuerst sollten die noch nicht übersetzten Scudder-Romane „Hope to die“ und „All the flowers are dying“ übersetzt werden.

Eine Gesamtausgabe der schon lange nicht mehr erhältlichen älteren, bei verschiedenen Verlagen erschienenen Scudder-Romane (die Rechte sind, soweit ich weiß, frei) wäre auch schön. Denn Matt Scudder ist einer der großen Privatdetektive und seine Bedeutung für die Entwicklung des Genres und damit die jüngeren Privatdetektivromane kann nicht überschätzt werden.

Lawrence Block: A drop of the hard stuff

Mulholland Books, 2011

336 Seiten

ungefähr 20 Euro

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

A writer’s life: Lawrence Block über „A drop of the hard stuff“, Matt Scudder und den ganzen Rest

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Lawrence Block in der Kriminalakte

 


Tony Chu ist „Reif für die Insel“

September 15, 2011

Tony Chu, der Held von „Chew – Bulle mit Biss!“ (so der vollständige Titel), ist ein Polizist und Cibopath; – also jemand, der wenn er etwas isst, die gesamte Geschichte des Gegessenen kennt. Bei Mordermittlungen ist das, wenn man sich nur auf den Fahndungserfolg konzentriert, sehr hilfreich. Für das normale Leben ist diese Gabe ein Fluch (Oder wollen Sie wirklich die gesamte Geschichte des Steaks kennenlernen?). Zuletzt wurde Chu zur mit umfangreichen Befugnissen ausgestatteten FDA, der US-amerikanischen Lebensmittelaufsicht, versetzt. Denn in den USA ist nach einer Vogelgrippe, die zum Tod von 23 Millionen Menschen in den USA und 116 Millionen weltweit führte, Geflügel verboten. Zusammen mit FDA-Agent Mason Savoy jagte er in „Leichenschmaus“ Bösewichter. Das Buch endete mit einem Paukenschlag, der das Schicksal von Savoy und Chu untrennbar miteinander verknüpfte und auf die folgenden Geschichten gespannt machte.

Aber in dem zweiten „Chew“-Band „Reif für die Insel“ erzählen Autor John Layman und Zeichner Rob Guillory diesen Konflikt nicht weiter, sondern schicken Tony Chu auf eine Insel.

Während eines Einsatzes mit seinen neuen, alten Partner John Colby (der inzwischen wie ein Bruder vom Terminator aussieht) hat Chu eine Frucht geschmeckt, die für normale Menschen nach Huhn schmeckt. Chu will mehr über sie herausfinden und seine geheimen Ermittlungen führen ihn auf die kleine Westpazifik-Insel Yamapalü.

Dort trifft er auch auf seinen Bruder, einen gefeierten Ex-TV-Koch (es ging um Hühnerfleisch), der für sein Leben gerne Hühnchen zubereitet, die Geflügelmafia, die ebenfalls ein Auge auf die Frucht geworfen hat, und die schöne und extrem gefährliche Undercover-Agentin Lin Sae Woo vom Ministerium für Landwirtschaft – und schnell gehört das ruhige Inselleben der Vergangenheit an.

Abgesehen davon, dass Chu und Savoy sich nicht begegnen und es auch keinen Hinweis darauf gibt, wie sich der Konflikt zwischen den Beiden weiterentwickelt, ist „Reif für die Insel“, dank der absoluten Humorlosigkeit von Tony Chu und den satirisch überspitzen Zeichenstil von Rob Guillory, eine sehr witzige Geschichte über den Kampf gegen skrupellose Mafiosi, die alles tun, um die Hühnchen-Prohibition zu umgehen.

John Layman (Autor)/Rob Guillory (Zeichner): Chew – Bulle mit Biss!: Reif für die Insel (Band 2)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2011

128 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 2: International Flavor

Image Comics, 2010

(enthält Chew # 6 – 10)

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)