Kündigung à la Swierczynski

März 27, 2009

louis-letzte-order

An einem heißen Samstagvormittag in Philadelphia bittet David Murphy in Duane Louis Swierczynskis neuestem Roman „Letzte Order“ sieben seiner Angestellten zu einem außerordentlichen Meeting. Als Jamie De Broux, Amy Felton, Ethan Goines, Roxanne Kurtwood, Molly Lewis, Stuart McCrane und Nichole Wise eintreffen, sagt er ihnen: „Wir sind eine Tarnfirma des CI-6, einem Geheimdienst der Regierung. Und der Laden wird heute dichtgemacht. Ich werde Sie nicht feuern. Ich werde Sie töten. Und dann werde ich mich selbst umbringen.“

Er stellt sie vor die Wahl einen Giftcocktail zu trinken oder von ihm erschossen zu werden. Stuart McCrane glaubt an ein unangekündigtes Training, trinkt den Cocktail und kippt tot um.

Bevor sich die Angestellten mit der neuen Situation arrangieren können, bringt Molly Lewis den Chef um. Nur: Wie können sie Hilfe holen oder aus der hermetisch abgeriegelten sechsunddreißigsten Etage flüchten? Denn ihre Diensthandys funktionieren nicht. Die Telefone sind tot. An den Türen sind Sarin-Bomben. Die Fahrstühle sind für die nächsten Stunden blockiert.

Aber das schlimmste wissen Jamie De Broux, Amy Felton, Roxanne Kurtwood und Nichole Wise nicht: Molly Lewis hat den CI-6-Chefs vorgeschlagen hat, ihre Kollegen umzubringen und sich so für einen besseren Job zu empfehlen. Das ist dann doch nicht so einfach, weil einerseits Molly in diesem Vorstellungsgespräch ihre Fähigkeiten demonstrieren will, und andererseits die meisten ihrer Kollegen ausgebildete Agenten und daher ebenbürtige Gegner sind.

Auch der zweite auf deutsche erschienen Noir-Roman von Duane Louis (so heißt Duane Swierczynski auf Wunsch des Verlages bei uns) ist nach „Blondes Gift“ ein in wenigen Stunden stattfindender Wettlauf gegen die Zeit. Louis zeichnet die einzelnen Charaktere mit knappen Worten und lässt sie dann meistens gegeneinander agieren. Dabei gibt es auch in „Letzte Order“ nachdem die Prämisse etabliert ist, zahlreiche irrwitzige Wendungen und Überraschungen. Denn das „Vorstellungsgespräch“ von Molly Lewis läuft wegen der sterbeunwilligen Kollegen absolut nicht nach Plan. David Murphy hat noch einige weitere Überraschungen für seine Angestellten vorbereitet. Und der biedere Pressemann Jamie De Broux, der nichtsahnend in die Fänge des Geheimdienstes geriet, entwickelt ungeahnte Kräfte. Immerhin will er seine Familie wieder sehen.

„Letzte Order“ ist ein schwarzhumoriger Highspeed-Thriller, der locker auch als bitterböse Allegorie auf den Kampf um den Arbeitsplatz gelesen werden kann.

Duane Louis: Letzte Order

(übersetzt von Frank Dabrock)

Heyne, 2009

352 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Duane Swierczynski: Severance Package

(mit Illustrationen von Dennis CaleroI)

St. Martin Minotaur, 2008

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis’ „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1“ (Cable: War Child – 1, 2008)


Spurensuche mit 105 Geschichten

März 26, 2009

Kurzgeschichten lautet das Thema meiner neuen Spurensuche. Besprochen werden diese Bücher:

– H. P. Karr/H. Knorr (Hrsg.): Mord am Hellweg IV

– Marita und Jürgen Alberts: Tod in der Quizshow

– Manfred Wieninger: Die Rückseite des Mondes

– Wolfgang Schorlau: Ein perfekter Mord

– Wolfgang Kemmer (Hrsg.): In Kürze verstorben – Mörderische Stories

– James Patterson (Hrsg.): Thriller – Band 1 (Thriller)

– James Patterson (Hrsg.): Thriller – Band 2 (Thriller)

– Lee Child (Hrsg.): Killer Year – Stories to die for … from the hottest new crime writers

– Charlaine Harris/Toni L. P. Kelner (Hrsg.): Happy Bissday! – Vampirgeschichten (Many Bloody Returns)

Und ich kann Ihnen schon eine Sache verraten: Die meisten Geschichten haben mir sehr gut gefallen. Deshalb wurde meine Watchlist um eine zweistellige Zahl neuer Autoren ergänzt.


Als Edward Bunker noch Knacki war

März 23, 2009

bunker-lockruf-der-nacht

„Ernie Stark war bestimmt nicht der netteste Kerl unter der Sonne. Das konnten sogar seine Freunde bestätigen. Sofern er überhaupt welche hatte. Er war ein mieser kleiner Gauner, der davon träumte, mit dem nächsten Ding den großen Treffer zu landen.“ So beginnt Edward Bunker seinen erst nach seinem Tod publizierten Gangsterroman „Lockruf der Nacht“. Die Geschichte spielt 1962 in Oceanview, Kalifornien. Stark ist nicht nur ein kleiner Gauner, sondern auch drogensüchtig und der nervige Detective Lieutenant Patrick Crowley hat ihn am Wickel. Der will, dass Stark ihm seinen Dealer Momo Mendoza und, vor allem, dessen Lieferanten auf dem Silbertablett serviert. Stark ist zwar kein Spitzel, aber solange er nicht in den Knast gehen will, bleibt ihm nichts anderes übrig als mit Crowley zu kooperieren. Jedenfalls solange er keinen besseren Plan hat.

Noir-Fans können sich bereits nach den ersten Zeilen auf Ernie Starks erwartbare Reise ins Verderben gefasst machen. Denn dass der Junkie Stark sich maßlos überschätzt, wird spätestens deutlich, wenn er versucht mehrere Drogenbanden und Polizeidienststellen gegeneinander auszuspielen und mit Momos Freundin Dorie und der Beute durchzubrennen. Das einzige was für Starks Pläne spricht, ist, dass seine Gegner auch keine Geistesgrößen sind.

Damit dürfte Edward Bunker, dank eigener Erfahrungen, ein ziemlich genaues Bild der Kleingangster in Kalifornien vor fast einem halben Jahrhundert zeichnen. Bis in die Siebziger verbrachte der 1933 geborene Edward Bunker die meiste Zeit seines Lebens als Strafgefangener.

Erst mit der Veröffentlichung von „No Beast so fierce“ 1973 (die deutsche Erstausgabe „Wilder als ein Tier“ erschien erst 1995) und der anschließenden Verfilmung „Straight Time“ (Stunde der Bewährung, USA 1978) mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle nahm er Abschied vom Leben als Krimineller. Später schrieb er unter anderem den ebenfalls autobiographisch inspirierten, ebenfalls verfilmten Gefängnisroman „Animal Factory“ (Ort der Verdammnis), schrieb das Oscar-nominierte Drehbuch zu Andrei Konchalovskys viel zu unbekanntem Thriller „Runaway Train“ (Express in die Hölle, USA 1985) und spielte, neben zahlreichen anderen Rollen, in Quentin Tarantinos Debüt „Reservoir Dogs“ Mr. Blue. In Deutschland blieb der 2005 verstorbene Autor, auch weil die Übersetzungen schnell aus den Buchläden verschwanden, immer ein Insider-Tipp. Düstere Gangsterromane sind einfach keine Literatur für die breite Masse. Auch wenn bekannte Autoren wie James Ellroy und William Styron enthusiastische Vor- und Nachworte schreiben.

Nach Edward Bunkers Tod wurde in seinem Nachlass das noch nicht veröffentlichte Manuskript „Lockruf der Nacht“ entdeckt. Das bereits in den frühen Sechzigern geschriebene Werk erzählt packend eine kleine Noir-Gangstergeschichte. Edward Bunker zeichnet mit wenigen Worten das Leben der Kriminellen. Er erzählt in knappen Episoden von dem darwinistischen und paranoiden System, in dem sie Leben. Denn die Polizei kann jederzeit an die Tür klopfen. Ein Freund kann zum Feind werden und einen töten oder verraten wollen. Manchmal ist das eine, manchmal das andere schlimmer. Und natürlich bringt eine Frau (oder genauer: die Gefühle, die Stark für Dorie entwickelt) alles durcheinander.

„Lockruf in der Nacht“ ist ein geradliniger Pulp-Roman, der damals gut in die einschlägigen Reihen gepasst hätte und sich heute immer noch sehr frisch liest.

Edward Bunker: Lockruf der Nacht

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Liebeskind, 2009

224 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Stark

(Vorwort von James Ellroy)

No Exit Press, 2007

Hinweise

Titel-Magazin: Frank Göhre über Edward Bunker

Crime Time: Interview mit Edward Bunker

Richmond Review: Interview mit Edward Bunker

Kriminalakte: Beim „Express zur Hölle“ gibt’s weitere Links zu Edward Bunker


Besprechung Martin Amis „Haus der Begegnungen“ online

März 17, 2009

Martin Amis hat ein neues Buch geschrieben. „Haus der Begegnungen“ (House of Meetings, 2006) heißt es und es ist nicht sein bestes Werk. Das behaupte ich jedenfalls in meiner Besprechung des Langweilers in der Berliner Literaturkritik.

Kaum zu glauben, dass der Mann auch „Gierig“  und „Pfeil der Zeit“ geschrieben hat.


„Bienzle“-Erfinder Felix Huby redet über sein Leben

März 17, 2009

huby-fast-wie-von-selbst

„Das Schwäbische, das ich mit der Muttermilch aufgenommen habe, ist für meine Entwicklung ganz entscheidend gewesen“, sagt Felix Huby ganz am Anfang des jetzt als Buch vorliegenden Gespräches mit seinem langjährigen Freund Dieter de Lazzer. „Fast wie von selbst“ heißt das sehr lesenswerte Werk, das in seinem chronologischem Aufbau von Hubys Jugend über seine Jahre als Journalist, zuerst bei einer Lokalzeitung, später beim Spiegel, über die ersten Bienzle-Romane hin zu seiner Fernseharbeit auch als Biographie des bekannt-beliebten und überaus produktiven Autors dienen kann. Bereits als Journalist schrieb er nebenher erzählende Texte und Satiren. 1977 erschien dann der erste Bienzle-Roman „Der Atomkrieg von Weihersbronn“ (später „Bienzle und der Terrorist“) und kurz darauf „Tod im Tauerntunnel“ (später „Bienzle und der Tod im Tauerntunnel“) in der rororo-Thriller-Reihe. Sie verkauften sich gut und gefielen mir, als ich sie vor vielen Jahren las, gut. Huby schrieb weitere Romane, auch für Jugendliche und Kinder, kündigte 1979 beim Spiegel und war, als erste Fernseharbeit, bei der Erfindung von Kommissar Horst Schimanski beteiligt. Dafür schrieb er dann sein erstes Drehbuch. „Grenzgänger“ mit Günter Maria Halmer als dubiosem Undercover-Polizisten wurde als zweiter Schimanski-Tatort ausgestrahlt und ist auch heute noch absolut sehenswert.

„Mein Vorschlag war die Geschichte eines Undercover-Agenten zu erzählen. Darüber hatte ich einmal eine Titelgeschichte im Spiegel geschrieben, unter Mithilfe eines Kriminalisten vom LKA Stuttgart. Der Entwurf wurde sofort akzeptiert, und ich war so angezündet davon, dass ich am Freitag nach Hause gefahren bin, mich an meinen Schreibtisch gesetzt habe – damals hab ich noch alles mit der Hand gepinselt – und im Grund ohne abzusetzen dieses Buch geschrieben habe. In einem Zug. Am Montagmittag war es fertig. Dann hat es meine Schwester abgetippt, ich habe es eingeschickt, die waren völlig perplex, denn es waren keine acht Tage vergangen, und fanden das Buch auch noch gut. (…)

Und das ist seltsam: Dieses Drehbuch ist eigentlich das einzige, das nur eine zweite Fassung erlebt hat“, sagt Huby über sein erstes Drehbuch. Danach schrieb er mehrere Serien und Folgen für Vorabendserien, entwickelte den Saarbrücker Kommissar Max Palu (die ersten Folgen sind gut, die späteren nicht mehr) mit und Ende 1992 wurde dann der erste Bienzle-Tatort „Bienzle und der Biedermann“ gezeigt. Die ersten Bienzle-Tatorte, die auf bereits veröffentlichten Bienzle-Romanen basieren, waren überzeugende Kriminalfilme mit viel stimmigem Lokalkolorit, die späteren ziemlich überzeugende Langweiler vor austauschbarer Kulisse.

In „Fast wie von selbst“ spricht Felix Huby ausführlicher über die frühen Bienzle-Tatorte, die verschiedenen von ihm geschriebenen Serien, wie „Ein Bayer auf Rügen“, „Großstadtrevier“ und „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, und seine Heimatfilme, wie „Die Geierwally“ und „Die Landärztin“.

Huby gibt immer wieder nüchterne Einblicke in das Fernsehgeschäft, erfreulichere in die Theaterwelt und natürlich erzählt er über sein Verhältnis zu Regeln beim Erzählen von Geschichten, über seine Vorbilder und seine schwäbische Arbeitsmoral: „Jetzt kann ich schon irgendwo ankommen und mir erst einmal die Landschaft ansehen und mich langsam eingewöhnen, um erst am nächsten Tag richtig mit der Arbeit zu beginnen. Aber arbeiten muss ich – meistens, in den letzten zwei oder drei Jahren ergab es sich aber, dass ich schon auch Urlaub gemacht habe, ganz ohne zu arbeiten. Meine nächste Umgebung hält das für eine Sensation.“

„Fast wie von selbst“ vermittelt tiefe Einblicke in das Leben und Werk von Felix Huby. Dieser erzählt sehr uneitel von seiner Arbeit und lobt immer wieder die Menschen, die seine Geschichten verfilmten oder auf die Bühne brachten. Da ist auch verschmerzbar, dass der mit Huby befreundete Fragesteller Dieter de Lazzer nicht kritisch nachfragt. Diese kritische Bewertung von Felix Hubys umfangreichem Werk muss ein anderer Autor leisten. Bis dahin ist „Fast wie von selbst“ nicht nur für Huby-Fans ein unverzichtbares Werk. Denn in dem Gespräch entsteht, neben Hubys Rückschau auf sein Leben, auch eine lockere Chronologie der deutschen Krimiliteratur und des (vor allem öffentlich-rechtlichen) Fernsehens der vergangenen Jahrzehnte.

In meiner Wertschätzung ist Felix Huby, der sich selbst nur als „Gebrauchsschreiber“ sieht, mit diesem Buch wieder gestiegen.

Felix Huby: Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer

Verlag der Autoren, 2008

176 Seiten

16 Euro

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Felix Huby (Stand: Januar 2007)

Krimi-Couch über Felix Huby (nur die Kriminalromane)

IMDB über Felix Huby (das dürfte die vollständigste Liste seines filmischen Werkes sein)

Wikipedia über Dieder de Lazzer


Charlie Huston besucht uns mit einem „Killing Game“

März 12, 2009

huston-killing-game

Mit „Killing Game“ legte Charlie Huston nach der abgefeierten Trilogie um den sympathischen Looser Hank Thompson und der noch laufenden Vampirserie mit Privatdetektiv Joe Pitt sein erstes Einzelwerk vor, das trotz seiner jugendlichen Helden kein Jugendbuch ist.

Wie meistens beginnt die Geschichte harmlos. Andys Fahrrad wird von den kriminellen Arroyo-Brüdern geklaut. Weil er keinen Ärger mit seinem Vater bekommen will, versuchen Andy und seine drei Freunde Paul, Hector und George das Fahrrad wieder zu bekommen. Sie brechen in das Haus der Gang ein und finden dort neben dem Fahrrad auch Geld, Drogen und eine Drogenküche. Das Geld und die Drogen nehmen sie mit. Die Küche verpfeifen sie an die Polizei. Die nimmt die Brüder fest und die Jungs könnten sich in aller Ruhe dem Verticken der Drogen widmen, wenn nicht der Besitzer der Drogen, die Arroyo-Brüder und die Eltern der vier Jungs andere Pläne hätten.

Nachdem Huston mit dem Fahrraddiebstahl, einer Schlägerei zwischen den beiden Banden und schließlich dem Diebstahl der Drogen den zentralen Konflikt etabliert hat, lässt er sich viel Zeit. Er erzählt authentisch von dem Leben der Jungs in den frühen Achtzigern in Kalifornien kurz vor dem Schulabschluss. Sie rasen mit ihren Fahrrädern durch die Gegend, hätten dafür viel lieber ein Auto, reden über Musik und Mädchen, spielen „Dungeons & Dragons“ in der von Andy verbesserten Version, verstehen sich nicht mit ihren Eltern und finden das Leben als Outlaws grandios. Sie versuchen die Drogen an einen älteren Kleingangster zu verkaufen und schaufeln dabei unwissentlich ihr eigenes Grab. Neben den vier Jugendlichen erzählt Charlie Huston auch von dem Leben ihrer Eltern und der in den kleinstädtischen Drogenhandel verwickelten Menschen. Erst nach der Mitte der Geschichte treffen die verschiedenen Charaktere in einem deutlich von den Post-Tarantino-Filmen inspirierten Strudel von Gewalt und Tod, bei dem Andy, Paul, Hector und George ziemlich alt aussehen, aufeinander.

Diese Diskrepanz zwischen den beiden Hälften ist, neben der irreführenden Werbung nach der „Killing Game“ ein Thriller ist, das Problem des Romans. Während Huston im ersten Teil von dem letzten Sommer seiner vier Jugendlichen erzählt, ist der zweite Teil eine sich blutig und tödlich entwickelnde Studie menschlicher Dummheit, die ein vollkommen anderes Publikum als der erste Teil anspricht.

In diesem Moment wird auch deutlich, warum kein Charakter zur Identifikation einlädt oder als Protagonist aufgebaut wurde. Denn dieser Charakter darf, falls überhaupt, erst am Ende der Geschichte sterben. Andy, der Bücherwurm der Clique und damit der potentielle Sympathieträger (Immerhin wird sein Fahrrad geklaut!), ist von Gewaltphantasien und Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Er ist der Vorzeigekandidat für einen Amoklauf. Die Jugendlichen würden zehn Jahre später als Slacker durchgehen. Die Erwachsenen sind alle entweder jetzt oder früher in Verbrechen verwickelt und, wenn sie heute ehrlich leben, unzufrieden mit ihrem Leben. Sie sind alle, in verschiedenen Graden, abstoßend und, wie der lokale Drogenkönig Geezer, dumm. Charlie Huston tut in „Killing Game“ nichts, um sie in ein falsches besseres Licht zu stellen. Sie sind Kleinkriminelle und vom Leben enttäuschte Eltern, die, auch wenn sie es versuchen, nicht die „Eltern des Jahres“ sind.

„Killing Game“ ist ein in einem nüchternen No-Nonsense-Stil geschriebener Entwicklungsroman für Erwachsene, der sich oft wie die Vorlage für eine brutale, schwarzhumorige, fragmentiert erzählte Hollywood-Gaunerkomödie, à la „Spun“, „Running Scared“, „Bube, Dame, König, Gras“ oder „Snatch“, liest. Bei Charlie Huston gibt es allerdings keine billigen Lacher.

Charlie Huston: Killing Game

(übersetzt von Alexander Wagner)

Heyne, 2008

384 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Shotgun Rule

Ballantine Books, 2007

Charlie Huston besucht Deutschland

Köln

Montag, 16. März, 20.00 Uhr

Polizeipräsidium, Kalk, Walter-Paul-Ring 2 – 4

Bochum

Dienstag, 17. März, 20.00 Uhr

Riff Halle, Konrad-Adenauer-Platz 3

München

Mittwoch, 18. März, 20.00 Uhr

Ampere/Muffatwerk, Zellstraße 4

Berlin

Donnerstag, 19. März, 20.00 Uhr

Kaffee Burger, Torstraße 58/60

Hamburg

Freitag, 20. März, 21.00 Uhr

Golden Pudel Club, Am St. Pauli Fischmarkt 27

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Nachtrag (26. Mai 2010): Ein kleiner Ausschnitt aus der Tour



Harry Bosch ermittelt im „Echo Park“ und Michael Connelly liest in Deutschland

März 10, 2009

connelly-echo-park

In „Kalter Tod“ wurde Michael Connellys Serienheld Harry Bosch öfters auf die Ereignisse im Echo Park angesprochen und seine Beziehung zur FBI-Agentin Rachel Walling ging in die Brüche. Jetzt erfahren wir, was in „Echo Park“ geschah.

Harry Bosch arbeitet immer noch zusammen mit Kiz Rider in der Abteilung Offen-Ungelöst. Da erhält er einen Anruf von Freddy Olivas vom Morddezernat Northeast. Er sucht die Akte zu einem Mordfall von 1993. Damals ermittelte Harry Bosch im Fall der spurlos verschwundenen Marie Gesto. Von ihr wurden in einer Garage in dem High-Tower-Apartmentkomplex in einem Auto ihre fein säuberlich zusammengelegten Kleider gefunden. Von ihrem Mörder gab es keine Spur und ihre Leiche wurde nie gefunden. Bosch nahm sich in den vergangenen Jahren den Fall immer wieder vor, kopierte für seinen kurzzeitigen Ruhestand die Akte und hat sie auch jetzt wieder auf seinem Schreibtisch liegen, um sie wieder einmal zu lesen und den Spuren nachzugehen. Er hat zwar schon lange einen Verdächtigen, aber keine Beweise gegen Anthony Garland, den Sohn des Ölmagnaten Thomas Rex Garland.

Olivas will die Akte für Staatsanwalt Rick O’Shea. Er klagt Raynard Waits an. Dieser wurde von einer Streife zufällig angehalten. Sie entdeckten in mehreren Plastiktüten Teile von zerstückelten Menschen. Damit ist der eiskalte Psychopath Waits ein sicherer Kandidat für den elektrischen Stuhl. Über seinen Anwalt Maurice Swann bietet Waits O’Shea ein Geständnis zu neun weiteren Morden an, wenn dafür die Todesstrafe nicht beantragt wird. Eines der neun Opfer war Marie Gesto.

O’Shea ist bereit, wenn sich die Informationen von Waits als zuverlässig herausstellen, den Deal einzugehen. Zähneknirschend willigt Bosch ein. Zusammen mit Kiz Rider beginnen sie Waits zu überprüfen. Dabei vermuten sie schnell, dass Waits ein Pseudonym ist.

Noch vor dem ersten Verhör mit Waits erfährt Bosch von Olivas, dass Waits sich während der Ermittlungen im Mordfall Gesto bei der Polizei meldete und er diese Spur nicht verfolgte. Bosch fragt sich, ob er damals einen fatalen Fehler begangen hat.

Nach dem Verhör verlangen die Ermittler von Waits, dass er sie zu der Leiche von Marie Gesto führt. Während dieser Ortsbesichtigung gelingt es Waits zu flüchten. Dabei bringt er Olivas um und verletzt Kiz Rider schwer.

Der zwölfte Harry-Bosch-Roman „Echo Park“ ist, gemessen an dem hohen Standard der Werke von Michael Connelly, eine etwas enttäuschende Angelegenheit. Denn die in großen Teilen vorhersehbare Lösung lässt einige wichtige Fragen offen und erscheint deshalb unlogisch. Außerdem wird, weil im Mittelpunkt von Harry Boschs Aufmerksamkeit der Mordfall Marie Gesto steht, auf die anderen Morde von Raynard Waits, außer auf seinen ersten Mord, überhaupt nicht eingegangen.

Davon abgesehen erzählt Connelly die Geschichte in seinem gewohnt sachlich-ruhigen Stil. Die Spannung erwächst dabei weniger aus überraschenden Plotwendungen. Dafür sind einige, wie die Flucht von Waits während der Ortsbesichtigung, zu absehbar (Umgekehrt ist diese Szene ein schönes Beispiel für den Aufbau von Spannung. Denn natürlich erwarten wir von Anfang an, dass Waits einen Fluchtversuch unternimmt. Aber zuerst ist er nur der hilfsbereite, gefesselte Angeklagte.). Bei Connelly erwächst die Spannung immer aus der detaillierten Beschreibung der Ermittlungen, die sich fast in Echtzeit entfalten, den lebensnahen Charakteren (mit dem einsamen Wolf Harry Bosch im Zentrum) und den moralischen Dilemma, die sie zu harten Entscheidungen zwingen. Dazu gehört die Entscheidung, ob Waits durch das Gestehen von mehreren Morden seine Strafe reduzieren kann, und, am Ende, mehrere von Harry Bosch durchaus bewusst heraufbeschworene tödliche Konfrontationen. Bosch war zwar noch nie ein Paragraphenreiter, aber kurz vor seiner Pensionierung legt er die Regeln noch lockerer aus.

Aber auch ein schwächeres Harry-Bosch-Abenteuer ist immer noch ein spannender Polizeithriller.

Insider-Hinweis: Achten Sie auf die Namen auf Seite 245 oben.

Michael Connelly: Echo Park

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne Verlag, 2009

464 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Echo Park

Little, Brown and Company, 2006

Michael Connelly besucht Deutschland

KÖLN

Donnerstag, 12. März, 19:30 Uhr

Polizeipräsidium Kalk · Walter-Pauli-Ring 2-4

Moderation: Margarete von Schwarzkopf

Eine Veranstaltung im Rahmen der Lit.Cologne

BERLIN

Freitag, 13. März, 20:00 Uhr

Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Str. 130

Moderation: Regula Venske

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Krimibuchhandlung Hammett (Vorverkauf: 030 / 691 58 34)

LEIPZIG

Samstag, 14. März, 18:00 Uhr

Krautgarden: leipzig.liest.amerika ·

Spinnwerk in der Baumwollspinnerei Leipzig ·

Moderiertes Autorengespräch

Samstag, 14. März, 21:00 Uhr

Theater Fact, Hainstraße 1 ·

Moderation: Regula Venske

Zwei Veranstaltungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse

MÜNCHEN

Sonntag, 15. März, 20:00 Uhr

Beach 38°, Friedenstr. 22c

Moderation: Regula Venske

Eine Veranstaltung im Rahmen des Münchener Krimifestivals

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Michael Connelly in der Kriminalakte (Interviews, Verfilmung des Anfangs von „Echo Park“, undsoweiter)

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)


Erste Eindrücke: „Gefährliche Nachbarn“, „Felix Huby – Fast wie von selbst“, „Scenario 3“, „Trimmels letzter Fall“

März 9, 2009

Gefährliche Nachbarn ist der zweibändige offizielle Sammelband zur diesjährigen Criminale in Singen und Umgebung. Die Geschichten des einen Bandes spielen in Deutschland, die des anderen Bandes in der Schweiz und auf dem Bodensee spielt keine Geschichte. Geschrieben wurden die 42 Kurzgeschichten von bekannten Autoren wie Felix Huby, -ky, Peter Zeindler, Sam Jaun, Heinrich Steinfest, Gunter Gerlach, Doris Gercke und Horst Eckert.

Das klingt schon mal ganz gut.

Aber der Gmeiner Verlag hat nicht einfach die Geschichten hintereinander geklatscht, sondern jeder Autor hat eine kleine Einleitung zu seiner Geschichte geschrieben und es gibt Karten und Wissenswertes über die Handlungsorte.

Damit sind die beiden Kurzgeschichtenbände auch als rudimentäre Reiseführer geeignet und wir erfahren etwas über die Hintergründe der Geschichten.

Vorbildlich; – andere Herausgeber von Kurzgeschichtenbänden sollten diesem Beispiel nacheifern.

Barbara Grieshaber/Siegmund Kopitzki (Hrsg.): Gefährliche Nachbarn (D)

Gmeiner Verlag, 2009

336 Seiten

9,90 Euro

Paul Ott (Hrsg.): Gefährliche Nachbarn (CH)

Gmeiner Verlag, 2009

336 Seiten

9,90

(Zusammen, mit einem Polizeiabsperrung-Bändchen 18,90)

Felix Huby – „Fast wie von selbst“ könnte auch „Fast eine Biographie“ heißen. In dem Interview erzählt Huby von seiner Jugend, seinen Anfängen als Journalist, den ersten Bienzle-Romanen und seiner Arbeit für das Fernsehen. Bei einem ersten Blättern durch das Interview steigt die Lust zum Lesen. Denn Huby hat einiges zu erzählen. Gut ist auch, dass es am Ende ein ausführliches Register gibt. Schade ist, dass Biblio- und Filmographie unvollständig sind. Da muss dann doch auf verschiedene Quellen im Internet zugegriffen werden.

Ebenfalls schade, aber aus finanziellen Erwägungen nachvollziehbar, ist der Verzicht auf Bilder.

Unverzeihlich ist dagegen, dass es keine Kurzbiographie des Interviewers gibt.

Felix Huby: Fast wie von selbst (Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer)

Verlag der Autoren, 2008

176 Seiten

16,– Euro

Scenario 3: Das jährlich erscheinende Kompendium über Drehbücher und vor allem für Drehbuchautoren geht in die dritte Runde. Am bewährten Layout mit den vielen Bildern und der informativen Randspalte wurde nichts geändert. Ebenso wurden die Kategorien beibehalten. Es beginnt mit einem ausführlichen Interview mit dem Drehbuchautor und Regisseur Chris Kraus (Scherbentanz, Vier Minuten) und endet mit dem „Drehbuch des Jahres“; der Preis wird jährlich vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für das beste nicht verfilmte Drehbuch vergeben. Dieses Jahr ist es „Das zweite Leben des Häuslers Stöckler“ von Klaus Krämer.

Dazwischen gibt es mehrere Texte über regieführende Autoren. Unter anderem von Fred Breinersdorfer über seine Erfahrungen als Regisseur und Lars-Olav Beier über amerikanische Top-Autoren, die Regisseure wurden. Peter Schneider (Messer im Kopf, Der Mann auf der Mauer) schreibt über sein vergangenes Jahr. Es gibt die „Splitter einer Geschichte des Drehbuch“ und einige Buchbesprechungen. Unter anderem über die Bücher von David Mamet.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 3 – Film- und Drehbuch-Almanach

Bertz + Fischer, 2009

328 Seiten

19,90 Euro

Trimmels letzter Fall: Eigentlich habe ich schon nicht mehr an einen neuen Trimmel-Roman geglaubt. 1982 erschien mit „Trimmel und das Finanzamt“ der letzte Trimmel-Roman. Danach veröffentlichte Friedhelm Werremeier keine Romane mehr. Aber das Gerücht, dass er an einem neuen Trimmel-Roman arbeite, hielt sich hartnäckig.

Jetzt ist er draußen und ich bin gespannt, ob „Trimmels letzter Fall“ ein grandioser Epilog zu einer der großen deutschen Krimiserien oder ein enttäuschender Nachschlag ist.

Ein Lob verdient der Pendragon-Verlag schon vor der Lektüre. Das Buch enthält ein ausführliches Nachwort von Frank Göhre über die Trimmel-Romane.

(Hinweis: Bis auf „Taxi nach Leipzig“ sind die Romane nur noch antiquarisch erhältlich. Aber dort sind sie gut erhältlich.)

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall

Pendragon Verlag, 2009

232 Seiten

9,90 Euro

Vier (oder fünf?) Bücher, die alle einen sehr positiven ersten Eindruck hinterlassen haben. Genaueres gibt es nach der Lektüre.


Übersetzen? Sean Chercover: Big City, Bad Blood

März 6, 2009

chercover-big-city-bad-blood

Vergangenes Jahr war Sean Chercovers Debüt “Big City, Bad Blood” für den ITW Thriller Award, Anthony Award, Arthur Ellis Award und Barry Award nominiert und gewann, in der Kategorie „Bestes Debüt“, den Shamus Award, Gumshoe Award, Crimespree Award und Lovey Award. Zahlreiche Kollegen, wie Steve Hamilton, G. M. Ford und Ken Bruen, lobten das Buch. Bei soviel Vorablob steigen die Erwartungen natürlich ins unermessliche und, sicher auch um nicht enttäuscht zu werden, lag „Big City, Bad Blood“ lange auf dem Zu-Lesen-Stapel.

Nachdem ich in der lesenswerten, von Lee Child herausgegebenen Anthologie „Killer Year“ Sean Chercovers Kurzgeschichte „One Serving of Bad Luck“ gelesen hatte, nahm ich mir ohne auch nur noch eine Sekunde zu zögern seinen Debütroman „Big City, Bad Blood“ vor. In ihm soll der Chicagoer Privatdetektiv Ray Dudgeon den Hollywood-Location-Scout Bob Loniski beschützen. Loniski mietete von Frank DiMarco für einen Filmdreh Räume. Während des Drehs tauchte der rechtmäßige Besitzer auf und der von DiMarco eingefädelte Schwindel flog auf. Es wurde Anklage erhoben. Loniski erklärte sich bereit vor Gericht auszusagen. Loniski erhielt eine Morddrohung und wenn DiMarco nicht lose Verbindungen zur heimischen Mafia (die sich in Chicago Outfit nennt) hätte, würde Ray Dudgeon den Auftrag, einen Hollywoodtypen vor einem drittklassigem Gauner zu schützen, sofort annehmen.

Nachdem der wichtige Mafiaboss Johnny Greico Ray Dudgeon versichert, dass DiMarco nicht von der Mafia beschützt wird, übernimmt Dudgeon den Auftrag. Zu spät erkennt er, dass er zufällig zwischen die Fronten eines beginnenden Krieges innerhalb der Mafia geraten ist.

In „Big City, Bad Blood“ betritt mit Ray Dudgeon ein Privatdetektiv die Bühne, der in weiten Teilen dem bekannten Bild des Privatdetektivs entspricht. Er verdient nicht viel, seine Wohnung ist retro, er liebt Jazz, schöne Frauen und Autos (was bei seinem Besuch in Hollywood und der Nacht mit Virginia Lane eine sehr feuchte Verbindung eingeht) und er hat einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb gab er seine Karriere als Reporter auf. Neuer ist dagegen, dass er Probleme mit seiner Freundin hat und, nachdem Loniski ermordet wird, alles für eine Flucht vorbereitet. Auf den Gedanken, vor der Mafia zu flüchten, wären Marlowe, Hammer und Spenser niemals gekommen. Aber genau wie seine literarischen Vorbilder beginnt Dudgeon die verschiedenen Verbrecher und sie beobachtenden staatlichen Institutionen gegeneinander auszuspielen und moralisch fragwürdige Koalitionen einzugehen.

Chercover erzählt diesen verwickelten Plot mit ruhiger Hand, präzisen Beobachtungen der in Chicago und Hollywood lebenden Menschen und einem fast nicht vorhanden Rätselteil. Dafür ist „Big City, Bad Blood“ dann zu sehr ein Thriller, bei dem Menschen, ihre Probleme und realistische Lösungen im Vordergrund stehen. Denn Ray Dudgeon ist kein Spenser-Klon, der unerschrocken einer Hundertschaft bewaffneter Mafiosi gegenübertritt und den Kampf ohne eine Schramme überlebt.

Sean Chercovers „Big City, Bad Blood“ ist er gelungene Einstand eines neuen Privatdetektivs auf der literarischen Bühne. Vor kurzem erschien in den USA der zweite Ray-Dudgeon-Roman „Trigger City“. Auch dieser Roman wurde in der amerikanischen Krimiszene breit abgefeiert.

„Big City, Bad Blood“ sollte unbedingt übersetzt und Sean Chercover deutschen Krimifans nicht länger vorenthalten werden.

Sean Chercover: Big City, Bad Blood

Harper, 2008

352 Seiten

7,99 $

Erstausgabe

William Morrow, 2007

Hinweise

Homepage von Sean Chercover

The Outfit (Blog von mehreren in Chicago lebenden Autoren)


Watchmen: Vor dem Film war der Comic

März 5, 2009

moore-gibbons-watchmen

Das Time Magazine nahm „Watchmen“ von Autor Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons als einzigen Comic in die Liste der hundert wichtigsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Mit dieser fast hochkulturellen Adelung wurde eine Art des Geschichtenerzählens in den literarischen Kanon aufgenommen, die in Deutschland immer noch ein Schattendasein führt. Daran dürfte auch die jetzt anlaufende „Watchmen“-Verfilmung von Zack Snyder wenig ändern. Immerhin sind gut drei Stunden Kino mit Superhelden und Actionszenen eher etwas für ein jüngeres Multiplex-Publikum, während das bildungsbürgerliche Arthouse-Publikum die Romanverfilmungen „Der Vorleser“ oder „Effi Briest“ genießt. Dabei könnten auch sie in „Watchmen“ einiges entdecken.

Denn Alan Moore und Dave Gibbons stellen in dem zwölfteiligen Comic „Watchmen“ zuerst einmal das Superhelden-Genre vom Kopf auf die Füße. Moore fragte sich, wie den die Wirklichkeit aussähe, wenn wirklich verkleidete Männer Verbrecher gejagt hätten. Danach erfand er eine Alternativwelt, in der die USA den Vietnamkrieg gewonnen haben, Watergate nicht entdeckt wurde und Präsident Nixon Mitte der Achtziger noch im Amt ist. Gespiegelt werden die Erlebnisse der sich größtenteils im Ruhestand befindenden Superhelden in einem Piratencomic. Ergänzt werden die zwölf Comichefte von vertiefenden Texten, wie Autobiographien, Interviews und Briefwechsel der verschiedenen Charaktere. So entsteht langsam das Bild einer Welt, die sich nur in Teilen von unserer Welt (naja, genaugenommen unserer Welt vor gut 25 Jahren) unterscheidet.

Und wie in vielen Science-Fiction-Werken ist der Plot nur das Skelett für das Vorstellen der erfundenen Welt. Die Dramaturgie der Comichefte führt zu einer ähnlich episodischen Struktur, wie sie inzwischen auch öfters in TV-Serien verwandt wird. Im S-F-Genre wären das „Lost“, „Battlestar Galactica“, „Heroes“ und auch „Terminator: S. C. C.“. Die Hauptgeschichte, die Suche von Rohrschach nach dem Hintermann einer Verschwörung gegen die sich nach dem Keene-Erlass in den Ruhe zurückgezogenen Superhelden, bewegt sich manchmal kaum voran. Dann nehmen die Biographien der Superhelden, ihre Beziehung zueinander und die moralischen Fragen ihres Handelns einen breiten, teilweise heftfüllenden Raum ein. Denn Alan Moore hat, wie in den TV-Serien, als das erste „Watchmen“-Heft erschien die letzten Hefte noch nicht geschrieben und so entstand aus einer Mischung aus Improvisation und Planung ein dichtes Epos, das zugleich Abgesang, Liebeserklärung und Würdigung eines uramerikanischen Genres ist.

Auffallend ist daher, wie konsequent die verschiedenen Plots aufeinander bezogen sind und auch Nebenfiguren, wie der Zeitungsverkäufer, immer wiederkehren und wie sehr sich die einzelnen Plots und Charaktere immer wieder auf verschiedenen Ebenen spiegeln. Gleichzeitig wurden einige formale Elemente von Anfang an durchgehalten und erzeugen so das Gefühl einer in sich geschlossenen Welt. Weil „Watchmen“ von Anfang an auf zwölf Hefte festgelegt wurde, die Geschichte der Verschwörung nur in einer Katastrophe (oder eben dem Abwenden der Katastrophe in letzter Minute) enden kann und die Weltsicht düster ist, wurde der Countdown bereits auf der ersten Seite des ersten Heftes mit einer analogen Uhr, die auf zwölf Minuten vor Zwölf steht, eingeleitet. Jedes Heft beginnt mit dieser Uhr, dessen kleiner Zeiger sich mit jedem Heft immer eine Minute der vollen Stunde nähert. Gleichzeitig beginnt Blut von oben in das Bild zu fließen, bis um zwölf Uhr die Uhr von Blut verdeckt wird. Viele weitere Beispiele sind einfach zu finden und würden teilweise einige Plotwendungen der Geschichte verraten.

„Watchmen“ ist eine großartige Graphic Novel, die auf vielen Ebenen funktioniert und so erwachsen und politisch ist, wie es ein kindliches Genre (Männer in Kostümen! Quasi-allmächtige, teilweise mit Superkräften ausgestattete, über dem Gesetz stehende Verbrechensbekämpfer!) überhaupt sein kann, ohne seine Unschuld vollkommen zu verlieren. Auf diesem schmalen Grad wandelten Alan Moore und Dave Gibbons Mitte der Achtziger äußert gelungen, stopften gleichzeitig noch so viele literarische und politische Anspielungen hinein, dass auch die intellektuellen Leser und Literaturwissenschaftler genug Interpretationsfutter hatten. Die amerikanische Comic- und S-F-Szene war begeistert. Die deutsche Übersetzung erfolgte erst Jahre später.

Heute ist „Watchmen“ eine noch immer aufregend zu lesende Bildergeschichte, die wegen ihrer genauen historischen Verortung nur im politischen Teil (halt der gesamte Kalte-Krieg und die damals rechtslastige Propaganda aus Hollywood und dem Weißen Haus.) überholt ist. Denn die Frage, wie Verbrechen bekämpft werden soll, ist heute (dank des Krieges gegen den Terror) immer noch so aktuell wie damals.

Neben der düster-erwachsen-literarischen Lesart eröffnete „Watchmen“ allerdings auch die Tür zur Veralberung und Psychologisierung des Superheldengenres. „Hancock“, die britische Comedy „No Heroics“ und die neuen Superheldenfilme mit ihren menschlicheren Protagonisten sind die anderen Seiten der Medaille.

„Watchmen“ ist ein vielfach ausgezeichneter, gut gealterter „Klassiker“ (New York Post) und ein „Meilenstein“ (New York Times), der auch nach der heute startenden Verfilmung (die Alan Moore, wie die vorherigen Verfilmungen seiner Werke, selbstverständlich Scheiße findet) sicher viele neue Leser gewinnt. Denn letztendlich ist „Watchmen“ einfach vergnügliche Unterhaltung.

Alan Moore/Dave Gibbons: Watchmen: Ultimate Edition

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2008

436 Seiten

29,95 Euro

Für Sammler

Watchmen: Absolute Edition

Panini Comics, 2009

468 Seiten

75 Euro

(Hardcover im Schuber, mit Skizzen, Entwürfen und Auszügen aus Alan Moores Originalmanuskript)

Originalausgabe

Watchmen

DC Comics, 1986/1987

Deutsche Erstausgabe

Watchmen

Carlsen, 2000

Hintergrundinformationen zum Comic „Watchmen“

Dave Gibbons: Watching the Watchmen – Die Entstehung einer Graphic Novel

Panini Comics, 2009

260 Seiten

34,90 Euro

Verfilmung

Watchmen (Watchmen, USA/GB/Can 2009)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: David Hayter, Alex Tse

Mit Jefrey Dean Morgan, Malin Akerman, Patrick Wilson, Billy Crudup, Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Dave-Gibbons-Fanseite

DC Comics über „Watchmen“

YouTube: Alan Moore spricht über „Watchmen“ und Superhelden

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Watchmen“

Tagesspiegel: Interview mit Dave Gibbons über die Verfilmung

Die komplette, erstaunlich S-F-lastige und sehr amerikanische Liste der 100 wichtigsten Romane des letzten Jahrhunderts des Time Magazine


Wie Richard Dale zum Mann wurde

März 4, 2009

lansdale-der-teufelskeiler1

Joe R. Lansdale ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der sich meistens in den Genres Krimi und Horror tummelt, aber auch einige gelungene Ausflüge in die Mainstream-Literatur unternahm. „Der Teufelskeiler“ ist eines dieser mainstreamigeren Werke. In ihm erzählt Richard Dale, wie er während der Großen Depression in Osttexas in ärmlichen Verhältnissen auf einer abgelegenen Farm aufwuchs, Groschenhefte liebte, sie seinem schwarzen Freund Abraham Wilson vorlas, Schriftsteller werden wollte und gegen den Teufelskeiler kämpfen musste. Dieser Eber taucht seit Jahrzehnten (die Legenden behaupten seit einem Jahrhundert) immer wieder auf, vernichtet die Ernte und tötet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Nur der steinalte Onkel Pharao überlebte die Begegnung mit „Old Satan“. Seitdem benötigt er Krücken.

Jetzt ist Old Satan zurückgekehrt. Er trampelt über die Felder der Dales. Richards Vater ist mit einem Zirkus als Preisboxer unterwegs. Er will so Geld für die Familie verdienen. Richards Mutter ist schwanger und der fünfzehnjährige Richard ist der Herr im Haus. Als „Old Satan“ die Hunde der Dales zerfetzt, weiß Richard Dale, dass er den Teufelskeiler zur Strecke bringen muss. Gemeinsam mit Abraham und einigen Hunden macht Richard sich auf die Jagd.

Der Teufelskeiler“ liest sich, weil beide Geschichten in der gleichen Welt spielen, in Teilen wie eine Vorstudie zu Joe R. Lansdales mit dem Edgar ausgezeichnetem, leider nicht mehr erhältlichem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000). Beide Geschichten spielen in Osttexas am Sabine River während der Depression. In beiden Erzählungen ist de Erzähler ein älterer Mann, der sich unsentimental an seine Jugend erinnert und konsequent aus seinem damaligen Erfahrenshorizont erzählt. Beide sind, auch, Erziehungsromane. Und in beiden Geschichten muss der Ich-Erzähler sich gegen ein mythisches Monster wehren. In „Der Teufelskeiler“ ist es ein wilder Eber. In „Die Wälder am Fluss“ ist es der mysteriöse Ziegenmann. Außerdem, immerhin ist „Die Wälder am Fluss“ ungefähr dreimal so lang wie „Der Teufelskeiler“, wird in „Die Wälder am Fluss“ ein Frauenmörder gejagt und die Frage des Rassismus nimmt einen viel breiteren Raum ein.

Dagegen konzentriert sich „Der Teufelskeiler“ auf das karge Leben eines Jugendlichen und wie er im Sommer 1933 zum Mann wird. Lansdale gelingt es auf knapp 140 Seiten eine gleichzeitig auf mehreren Ebenen überzeugende Geschichte für Jugendliche und Erwachsene zu erzählen.

Joe R. Lansdale: Der Teufelskeiler

(übersetzt von Richard Betzenbichler, illustriert von Henning Ahlers)

Shayol, 2008

144 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

The Boar

Subterranean Press, 1998

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Subterranean Press: Längeres Interview mit Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Rumble Tumble” (Rumble Tumble, 1998)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Der Gott der Klinge“ (The God of the Razor, 2007)


Sleeper 2: Agent Carver will aussteigen

März 2, 2009

brubaker-sleeper-2-die-schlinge-zieht-sich-zu

„Die Schlinge zieht sich zu“ von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips ist die fulminante Fortsetzung des ersten „Sleeper“-Bandes „Das Schaf im Wolfspelz“. Am Ende des ersten Bandes saß Undercover-Agent Holden Carver mächtig in der Patsche. Es war ihm zwar gelungen in dem weltumspannenden Gangstersyndikat von Tao bis ganz nach oben zu steigen. Dieser Aufstieg konnte gelingen, weil im Geheimdienst nur sein Vorgesetzter John Lynch von dem Einsatz wusste. Doch Lynch liegt im Koma und Tao sucht, nach einem fehlgeschlagenen Coup, den Spitzel in den eigenen Reihen. Carvers Lebenserwartung tendiert gegen Null.

Deshalb möchte Carver aussteigen. Doch das scheint unmöglich, bis er am Anfang von „Die Schlinge zieht sich zu“ auf dem Weg zu seiner Wohnung das Signal von Lynch für ein gemeinsames Treffen entdeckt. Dort wird er von Sir Malcolm Jones, einem britischen Agenten im Ruhestand, erwartet. Jones sagt ihm, dass es einen Weg zurück gibt. Lynch hat in einer Akte die Hintergründe des Undercover-Einsatzes aufgeschrieben. Gemeinsam beginnen sie mit den Vorbereitungen für Carvers Ausstieg.

Allerdings erfährt auch Tao über einen CIA-Agenten, dass der sich in seiner Nähe befindende, immer noch unbekannte Undercover-Agent aussteigen will.

Die Jagd auf Carver ist eröffnet, – mit ihm als Jäger und Gejagtem.

Ed Brubaker und Sean Phillips schildern in „Die Schlinge zieht sich zu“ nicht nur die Jagd auf den Verräter in den eigenen Reihen, sondern auch die zunehmend aussichtslos erscheinenden Bemühungen von Carver, der aussteigen will. Denn jeder Schritt, der ihn näher an seinen Ausstieg aus dem Gangstersyndikat und zurück zu seinem alten Leben (was auch immer das war) bringt, bringt ihn auch immer mehr in Gefahr. Diese Geschichte einer Menschenjagd würde allein schon, wenn sie nach den gängigen Regeln der Dramaturgie erzählt wird, für eine spannende Lektüre sorgen. Aber Brubaker und Phillips rücken, ohne die actionreiche Handlung zu vernachlässigen, den Gewissenskonflikt von Carver immer mehr in den Mittelpunkt. Denn Carver ist ein Noir-Held, der im falschen Leben gefangen ist. Er will etwas Gutes tun, indem er einen Gangsterboss zur Strecke bringt. Dafür muss er seine neuen Freunde und seine Geliebte verraten. Er muss Menschen, die oft auf der richtigen Seite des Gesetzes stehen, umbringen. Er muss das Leben eines Verbrechers führen, ohne einer zu sein. Er wird vom Geheimdienst gefangen genommen und an einem geheimen Ort gefoltert, weil sie ihn für einen Verbrecher halten. In dieser Welt der sich verschiebenden Grenzen und der ständigen Umkehrung von Gut und Böse, Vertrauen und Misstrauen, ist es nur eine ironische Volte, dass Carver von Tao befreit wird.

In der Noir-Welt von Ed Brubaker gibt es in „Die Schlinge zieht sich zu“ für den Undercover-Agenten Carver keine Erlösung und keine Antwort auf die Frage, wie er mit den widerstreitenden Verpflichtungen umgehen kann. Jedenfalls noch nicht.

Dafür endet der zweite „Sleeper“-Band mit einem grandiosen Cliffhanger, der für den dritten, für April angekündigten „Sleeper“-Band „Die Gretchenfrage“ weitere spannende Lesestunden verspricht.

Der dritte „Criminal“-Band „Gragbesang“, ebenfalls von dem Team Brubaker/Phillips, ist für Ende April angekündigt.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper 2: All false moves

DC Comics 2004

Enthält

Sleeper 7 – 12

CD Comics 2003/2004

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 1 – Feigling, 2008 (Criminal 1: Coward, 2007)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande, 2008 (Criminal 2: Lawless, 2007)

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank, 2008 (Point Blank, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz, 2008 (Sleeper: Out in the cold, 2003)


„Bunker“ – Andrea Maria Schenkels dritter Streich

Februar 26, 2009

schenkel-bunker

Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ war ein Überraschungserfolg, wurde von der Kritik abgefeiert und erhielt etliche Preise. Auch mir gefiel der dünne Roman, obwohl ich die hymnischen Lobesarien für übertrieben hielt, gut. Bei ihrem zweiten Roman „Kalteis“ wiederholte sich das Spiel. Ich dagegen (Sonst noch jemand?) hielt das Werk für ein einziges Desaster.

Daher fragte ich mich vor der Lektüre ihres dritten Romans „Bunker“, ob er eher an „Tannöd“ oder eher an „Kalteis“ anschließt.

Nach der Lektüre halte ich „Tannöd“ für den berühmten Ausrutscher. Denn „Bunker“ ist zwar besser als „Kalteis“, aber es ist trotz der Kürze von knapp 120 Seiten eine viel zu lang geratene Kurzgeschichte. Während in einer Kurzgeschichte auf wenigen Seiten eine Situation beschrieben werden kann, muss auf über 100 Seiten – besonders bei einem Zweipersonenstück wie „Bunker“ – etwas zwischen den beiden Charakteren geschehen.

Doch hier versagt Andrea Maria Schenkel vollkommen. „Bunker“ liest sich wie ein aus zwei nur sehr lose miteinander verbundenen Monologen bestehendes Theaterstück.

Dabei ist die Prämisse so einfach wie vielversprechend: ein Mann entführt eine Frau. Er hält sie gefangen. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Beziehung.

Natürlich ist diese Situation einer Geiselnahme (auch wenn es genügend Beispiele aus der Realität gibt) vor allem eine Laborsituation, in der idealtypisch zwei verschiedene Weltanschauungen aufeinanderprallen.

Allerdings begründet Schenkel diese Laborsituation, höflich formuliert, sehr schräg. Denn der bis zum Ende namenlose Entführer will eigentlich nur den Safe in einem Geschäft leer räumen. Als die Angestellte Monika ihm den Schlüssel für den Safe nicht geben kann, entführt er sie.

– Warum? Wäre es nicht vernünftiger, einfach abzuhauen?

– Er ist in sie verliebt. Er wohnt ihr gegenüber und beobachtet sie abends heimlich. Er ist sogar bei ihr eingebrochen und hat ein Kinderbild von ihr geklaut.

– Ah, dann war der Überfall ein Vorwand, um sie zu entführen.

– Äh, nein. Ich glaube nicht. Ich meine, wenn er sie nur hätte entführen wollen, dann hätte er es doch auch irgendwo machen können, wo es wahrscheinlich keine Zeugen und keine Videokameras gibt.

Er sperrt sie in einer einsam gelegenen Mühle in der nur durch eine Falltür zu erreichende Dachkammer ein.

– Dachkammer? Nicht Bunker?

– Der kommt später. Kurz. Sie ist meistens in der Kammer eingesperrt und kann sich dort frei bewegen.

– Oh, dann haut sie ihm gleich etwas über die Rübe und –

– Nein, nein. Sie tut nichts. Jedenfalls nicht am Anfang. Und später auch nicht. Nicht jede Frau ist eine Lara Croft oder Terminatrix.

Sie fragt sich, warum sie entführt wurde. Der Entführer redet nicht mit ihr, pflegt sie dafür aber ziemlich liebevoll.

Schenkel lässt den Entführer und das Opfer Teile der Geschichte erzählen und springt in der Chronologie etwas herum. Das sorgt auf den ersten Seiten, weil nicht klar ist, wer gerade spricht und an welcher Stelle in der Chronologie wir uns befinden, vor allem für Verwirrung. Beide sprechen in dem gleichen Stream-of-Consciousness-Stil. Dankenswerterweise werden diese Gedanken in verschiedenen Schriften präsentiert. Sie kann zunehmend weniger zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden. Er erinnert sich dagegen an seinen gewalttätigen Vater und wie der Vater seine Mutter in der Dachkammer einsperrte.

Wer einen irgendwie gearteten Machtkampf zwischen den Beiden erwartet, wird enttäuscht. In „Bunker“ versucht keiner den anderen zu besiegen oder von irgendetwas zu überzeugen. Dafür sind der Entführer und sein Opfer zu sehr mit sich selbst beschäftigt und haben keine für die Geschichte wichtigen Ziele.

Zwischenruf Andrea Maria Schenkel: Es geht (…) um Einsamkeit. Es ist ein Kriminalfall im weitesten Sinne, wir wissen am Anfang des Buches nicht, was der Mann mit der Frau zu tun hat, bis sie anfängt, nachzudenken, warum er sie entführt hat.

– Einsamkeit? Nur weil beide allein sind? Weil sie nicht miteinander reden? Weil sie dem Entführer einen falschen Grund für die Entführung unterschiebt?

Am Ende wird’s dann etwas chaotisch (wegen Spoilergefahr wird darüber nichts verraten). Eine Person landet mit einer Stichwunde im Bauch auf einem OP-Tisch (das ist kein Spoiler, denn Schenkel führt diesen dritten Handlungsstrang bereits auf Seite 16 ein) und wir fragen uns, wie die Polizei zur Scheune kommen konnte. Aber das ist wahrscheinlich wie mit der Kavallerie im Western: am Ende kommt sie und sammelt die Leichen auf, während die Zuschauer schnell die Reste von Bier und Popcorn vernichten.

Während mit dem Auftauchen der Kavallerie der Autor am Ende seiner Geschichte ist, bleibt am Ende von Andrea Maria Schenkels „Bunker“ die berühmte Frage, was uns der Autor damit sagen wollte, offen.

Deshalb könnte „Bunker“ (ein wegen des Handlungsortes doch sehr irreführender Titel) als zwanzigseitige Kurzgeschichte, in der eine Frau von einem Mann entführt wird, der ihr nichts über seine Gründe verrät, eine spannende Studie des plötzliche über eine gewöhnliche Person hereinbrechenden Schreckens sein.

Als Roman bleibt vor allem die unlogische Prämisse (Was will der Entführer? Geld, Sex, Macht? Einen Mutterersatz?) und die Abwesenheit jeglicher Dynamik zwischen dem Entführer und seinem Opfer im Gedächtnis. Kein Konflikt. Kein Drama. Keine Spannung. Nur Langeweile und die mäßig interessante Frage, warum die Geschichte in der Vor-Euro-Zeit spielt.

Andrea Maria Schenkel: Bunker

Edition Nautilus, 2009

128 Seiten

12,90 Euro

Hinweise

Homepage von Andrea Maria Schenkel

Zeit online: Interview mit Andrea Maria Schenkel (19. Februar 2009)

Frankfurter Rundschau: Interview mit Andrea Maria Schenkel (26. Februar 2009 – wieder wird ihr neuer Roman nur gestreift)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ (2007)


Alter Scheiß? Frank Göhre: Abwärts

Februar 25, 2009

gohre-abwartsgohre-abwarts-2009

Als „Abwärts“ 1984 in die deutschen Kinos kam, war Götz George nur noch als Schmuddelkommissar Horst Schimanski bekannt. Dass er bereits in den Fünfzigern und Sechzigern in vielen Filmen mitgespielt hatte, war inzwischen egal. In den Siebzigern spielte er vor allem Theater. Denn der Neue Deutsche Film konnte mit ihm nichts anfangen. Und umgekehrt.

Erst mit Carl Schenkel betrat ein Regisseur die Bildfläche, der sich vor allem für gut gemachtes Genrekino amerikanischer Prägung interessierte und nach „Abwärts“ in Hollywood etliche Filme drehte. Zusammen mit Frank Göhre schrieb er, wie Göhre in dem lesenswerten Nachwort zur Neuausgabe seines Romans zum Film „Abwärts“ schreibt, über eineinhalb Jahre das Drehbuch zu dem Film. Dann kam die Besetzung. George verlieh dem Film genug Starpower, um ihn zu einem Kassenknüller zu machen. Hannes Jaenicke gab sein Leinwanddebüt – und hatte auch gleich eine seiner besten Rollen. Wolfgang Kieling durfte noch einmal groß aufspielen. Die in Holland nach den Paul-Verhoeven-Filmen „Spetters“ und „Der vierte Mann“ bereits bekannte Renée Soutendijk gab ihr Deutschlanddebüt. Und nachdem Götze George in „Wetten dass?“ den Film promotete, waren auch die Kinos voll.

Denn „Abwärts“ ist einer der wenigen deutschen Genrefilme, die auch noch gelungen sind. Es ist ein waschechter Thriller über vier Menschen, die unfreiwillig an einem Freitagabend in einem Fahrstuhl in einem Bürohaus eingesperrt sind. Buchhalter Gössmann hat gerade die Kasse ausgeraubt. Jörg, der ausgebrannte Leiter einer Werbeagentur, und Pit, ein jugendlicher Null-Bock-Waver, begehren die Blondine Marion. Sie arbeitet bei Jörg. Der Notruf funktioniert nicht und schnell liegen die Nerven blank. Die vier Eingeschlossenen versuchen sich zu befreien und verschlimmern so ihre Lage.

Bereits während der Dreharbeiten plante der Heyne Verlag ein Buch zum Film. Allerdings war lange unklar, ob es eine Romanfassung des Drehbuchs oder ein Blick hinter die Kulissen, also ein Drehbericht, werden sollte. Am Ende wurde sich für den Roman zum Film entschieden und Göhre musste in vier Wochen das Manuskript abliefern.

Der so entstandene Roman „Abwärts“ ist kaum mehr als die Prosaversion des Drehbuchs. Wer also den Film gesehen hat, braucht das Buch nicht mehr zu lesen.

Die Erstausgabe war reichhaltig bebildert. Die neue Ausgabe des Pendragon-Verlags verzichtet auf die Bilder. Dafür gibt es ein zwanzigseitiges Nachwort von Frank Göhre, das interessante Einblicke in die Entstehung, Vermarktung und die Ereignisse nach dem Kinostart vermittelt.

Frank Göhre: Abwärts

Pendragon 2009

200 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Frank Göhre/Carl Schenkel: Abwärts

Heyne, 1984

192 Seiten

Verfilmung


Abwärts (Deutschland 1984)

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Carl Schenkel, Frank Göhre (Dialoge)

mit Götz George, Renée Soutendijk, Wolfgang Kieling, Hannes Jaenicke, Kurt Raab, Klaus Wennemann, Ralf Richter

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)


Übersetzen? Lawrence Block – Killing Castro

Februar 23, 2009

block-killing-castro

Wie in den vergangenen Jahren startete Hard Case Crime (das Original) das Kalenderjahr mit einem „neuen“ Buch von Lawrence Block. Wie in den vergangenen Jahren erschien das neue Hard-Case-Crime-Buch von Lawrence Block bereits in den frühen Sechzigern unter einem Pseudonym. Weil Block aber nur für „Fidel Castro Assassinated“ das Pseudonym „Duncan Lee“ benutzte, wussten auch Hardcore-Block-Fans nichts von dem schmalen Werk, das jetzt „Killing Castro“ heißt.

Und wie der Titel erahnen lässt, geht es um ein geplantes Attentat gegen ein Staatsoberhaupt. Fünf Amerikaner nehmen für 100.000 Dollar den Auftrag an, Fidel Castro umzubringen. Sie werden getrennt und unerkannt nach Kuba gebracht. Die beiden Zweiergruppen versuchen Castro im Dschungel zu erschießen oder auf einem Platz mit einer Bombe in die Luft zu sprengen. Der Einzelkämpfer versucht Castro während einer Rede zu erschießen. Block schildert, mit der für Männerabenteuerromane nötigen Brise Sex (aus heutiger Sicht sehr zahm) und Gewalt, wie die Attentäter sich auf das Attentat vorbereiten, dabei von Widerstandskämpfern unterstutzt werden und mit Soldaten kämpfen. Dazwischen fügt Block eine knappe Biographie von Castro ein. Weil der Roman erstmals in einem Sachbuchverlag erschien, kann dieser Teil der Sachbuchteil sein; es kann allerdings auch ganz einfach sein, dass Block noch einige Seiten füllen musste. Denn die Geschichte von „Killing Castro“ wird von Block als eine Folge von Episoden geschildert, in denen die Attentäter sich mit ihrem Auftrag auseinandersetzen und das haben, was zu einem pulpigen Abenteuerroman gehört.

Allerdings ist der Plan (oder besser die Pläne) Castro umzubringen vollkommen bescheuert. Da werden zunächst fünf Amerikaner engagiert, die, bis auf einen, keine Erfahrung mit Anschlägen haben und auch sonst keine zur Erfüllung des Auftrags wichtigen Fähigkeiten haben. Sie sind ganz normale, weiße, bürgerliche Vorstadtamerikaner. Sie sprechen kein Wort spanisch. Sie sind vollkommen abhängig von den Freiheitskämpfern. Sie würden alleine auf der Insel wie bunte Hunde auffallen. Und die Pläne (Im Dschungel auf einen Fahrzeugkonvoi schießen? Auf einem Platz eine Bombe werfen? Aus einem Hotelzimmer schießen?) sind so einfach, dass die Revolutionäre sie auch hätten selbst durchführen können.

„Killing Castro“ ist kein wiederentdecktes Meisterwerk. Es ist nur ein weiterer Blick auf die frühen Jahre eines Autors, der sich später mit mehreren Serien (Evan Tanner, Bernie Rhodenbarr, Matt Scudder, Keller) und Einzelwerken einen festen Platz bei seinen Lesern und Kollegen erschrieb. Doch in „Killing Castro“ hat er seine Stimme noch nicht gefunden und er benutzt ein Plotmuster, das er seitdem kaum benutzte. Denn politische Verschwörungsthriller waren nie Blocks Metier.

Für Lawrence-Block-Fans ist „Killing Castro“ natürlich eine willkommene Ergänzung. Aber übersetzt werden muss „Killing Castro“ wirklich nicht. Da sollten die deutschen Verlage zuerst die immer noch nicht übersetzten Abenteuer mit Bernie Rhodenbarr, Matt Scudder und Keller veröffentlichen. Denn in diesen Werken ist Lawrence Block auf der Höhe seines Könnens.

Lawrence Block: Killing Castro

Hard Case Crime, 2009

208 Seiten

6,99 Dollar

Originalausgabe

Duncan Lee: Fidel Castro Assassinated

Monarch, 1961

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

Lawrence Block in der Kriminalakte (u. a. Covers, Bouchercon-2008-Tribute-Video, Bouchercon-2008-Gespräch)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, Mona, Sweet slow death, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Verluste“ (Everybody dies, 1998)

Mein Buch “Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors”


John Rain besucht Japan

Februar 20, 2009

eisler-riskante-ruckkehr

Der eiskalte Killer John Rain entwickelt in Barry Eislers neuem Roman „Riskante Rückkehr“ Vatergefühle. Rain erfährt, dass seine frühere Geliebte Midori Kawamura von ihm einen Sohn hat. Die Jazzpianistin lebt in New York und wird dort von Handlangern des Yakuza-Chefs Yamaoto Toshi bewacht. Yamaoto hofft, dass John Rain irgendwann sein Kind sehen will und er ihn dann für seine früheren, in den vorherigen John-Rain-Thrillern erzählten, Taten bestrafen kann. Rain weiß natürlich, in welche Gefahr er Midori, sein Kind und sich bringt, wenn Yamaotos Männer ihn erwischen. Dennoch will Rain sie sehen.

Zusammen mit seinem Freund Dox, einem Ex-Marine und Scharfschützen, als Bodyguard macht er sich auf den Weg nach Manhattan. Gleich nach dem ersten Treffen mit Midori wird Rain entdeckt. Es gibt zwei Tote. Danach kehrt John Rain nach Japan zurück. Denn es gibt nur einen Weg, das Leben von Midori und seinem Sohn zu schützen. Er muss Yamaoto unschädlich machen.

Der fünfte John-Rain-Thriller „Riskante Rückkehr“ von Barry Eisler ist eines dieser zwiespältigen Bücher, die sich einerseits schnell lesen lassen, aber andererseits immer den Eindruck hinterlassen, dass der Autor mehr kann. Denn die Charaktere sind entweder gut oder böse und die großen Überraschungen, immerhin ist „Riskante Rückkehr“ ein Thriller, bleiben aus. Die Geschichte marschiert, wie in einem B-Picture oder Western, geradlinig, mit vielen schnell aufeinander folgenden Action-Szenen und einigen gefühlvollen Einlagen, auf die letzte Konfrontation zwischen den beiden verfeindeten Männern zu. Doch während Yamaoto durch seinen Hass auf Rain gut motiviert ist, verhält John Rain sich doch sehr unvorsichtig und, als ein auf seine Autonomie bedachter Mann, lässt er sich nur allzu willig zur Marionette von seinem alten, im Sterben liegendem Freund Tatsu Ishikura machen. Dass dann einige seiner Aktionen schlecht geplant sind, dient zwar der Spannung (Wie kann Rain die Situation meistern? Was wird schief gehen?), ist aber auch nicht besonders glaubwürdig.

Letztendlich ist Barry Eislers „Riskante Rückkehr“ ein eskapistisches Abenteuer, bei dem der Held am Ende etwas akzeptiert, was wir Leser schon von der ersten Zeile wussten. Nämlich dass Rain ein geborener Killer ist und es immer bleiben wird.

In der deutschen Ausgabe gibt es im Anhang eine Chronologie der John-Rain-Romane, eine Liste der zehn besten Bars, Coffeeshops, Jazzclubs und Restaurants in Tokio, Rains Top Ten Jazz-Interpreten, die Sie vielleicht noch nicht kennen (Eine ziemlich ungewöhnliche Auswahl.) und eine Liste der Top Ten Single Malts.

Barry Eisler: Riskante Rückkehr

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Fischer Taschenbuch Verlag, 2009

368 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The last Assassin

Penguin Putnam, 2006

Hinweise

Homepage von Barry Eisler

Blog von Barry Eisler

Evolver: Martin Compart über Barry Eisler und die John-Rain-Romane


Duane Swierczynskis „Cable“ oder Der Einzelkämpfer als Babysitter

Februar 19, 2009

swierczynksi-olivetti-cable-1

Regelmäßige Besucher von Duane Swierczynskis interessantem „Secret Dead Blog“, wissen, dass er nicht nur spannende Thriller wie „Blondes Gift“ und „Letzte Order“ (die beide bei uns auf Wunsch des Verlages unter dem Pseudonym Duane Louis erschienen) schreibt, sondern inzwischen auch als Aautor für Marvel Comics seine Brötchen verdient. Er schreibt für Batman, Punisher, Moon Knight, Iron Fist und X-Men.

Bei uns erschien jetzt, als erster Einblick in sein Comic-Schaffen, der erste in sich abgeschlossene „Cable“-Band „Kriegskind“. Die Geschichte aus dem X-Men-Universum enthält in einem Buch die ersten fünf von Duane Swierczynski geschriebenen „Cable“-Hefte.

Nach dem M-Day schrumpfte die Zahl der Mutanten. Deshalb soll der zeitreisende X-Man und Soldat Nathan „Cable“ Summers das Überleben der Mutanten sichern, indem er ein neugeborenes Mutantenkind beschützt, das zum Messias der Mutanten werden soll. Cable taucht mit dem Baby im Zeitstrom unter.

Lucas Bishop verfolgt ihn. Bishop kommt aus einer faschistoiden Zukunft, in der es Konzentrationslager für Mutanten gibt. Er glaubt, dass das Baby die größte Bedrohung der Mutanten wird und will es deshalb töten.

2043 treffen sie in einem postapokalyptischen New Jersey, in dem Vigilanten die Stadt regieren, aufeinander und, wie es sich für Superhelden gehört, bleibt bei ihren Kämpfen kein Stein mehr auf dem anderen. Kollateralschäden inclusive.

Diese Kämpfe füllen die meisten Seiten der ersten fünf „Cable“-Hefte. Cable und Bishop verkloppen sich. Bishop kämpft später auch gegen Sam „Cannonball“ Guthrie. Und dazwischen bringen Cable und Bishop auch einige Menschen um. Der Rest, wie die Geschichte der X-Men und Cables menschliche Helferin Sophie Pettit und ihr Schicksal, ist nur schmückendes Beiwerk.

Swierczynski lieferte für den ersten „Cable“-Band coole Dialoge und eine witzige Grundidee. Denn ein Muskelpaket, das auf ein Baby aufpassen und Windeln wechseln muss, ist schon die halbe Miete. In „Kriegskind“ ist das Baby noch ein fast stummer Gegenstand. Das wird sich in den späteren Heften, die in den USA bereits erschienen sind, sicher ändern.

Ariel Olivetti setzte die Kämpfe und auch die ruhigen Szenen in stilvollen Zeichnungen, die an Werbebilder aus den Fünfzigern erinnern, aber dennoch einen sehr zeitgemäßen Touch haben und gelungen mit wechselnden Perspektiven und der Schärfe spielen, um.

Für die Fans von Duane Swierczynskis Romanen ist „Cable: Kriegskind“ ein okayes Werk, das mit gut umgesetzten Schlägereien prächtig unterhält. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für die Fans des X-Men-Universums mag das natürlich ganz anders aussehen.

Duane Swierczynski/Ariel Olivett: Cable: Kriegskind (Band 1)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Marvel/Panini Comics, 2009

124 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Cable: War Child

Marvel 2008

enthält

Cable: War Child – Chapter 1 – 5

Mai – September 2008

Hinweise

Marvel über Cable

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)


Ein Angebot von Agent Graves, das Sie ablehnen sollten

Februar 18, 2009

azzarello-risso-100-bullets-31

Die Idee ist, je nach Sichtweise, entweder vollkommen beknackt oder genial. Denn in der von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso erfundenen Serie „100 Bullets“ taucht ein Mann, der sich Agent Graves nennt, bei wildfremden Menschen auf und bietet ihnen eine Pistole und 100 Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können, an. Mit diesen Kugeln können sie sich an einem bestimmten Menschen rächen, der ihnen Leid zugefügt hat und dafür nicht bestraft wurde. Die Beweise für das Verbrechen liefert Agent Graves gleich mit.

Das beknackte ist, dass es natürlich keine Kugeln gibt, die Straffreiheit garantieren und dass es in der Wirklichkeit diese wasserdichten Beweise von Agent Graves so nicht geben kann. Das geniale ist, dass diese Grundidee es Azzarello und Risso ermöglicht, in vielen unterschiedlichen Geschichten immer wieder die Frage nach Schuld und Sühne zu stellen. In jeder Geschichte muss der Empfänger des Geschenkes sich fragen, ob eine schlimme Tat (es geht nicht immer um einen Mord) mit einem Mord vergolten werden darf. Er hat immer die Wahl zwischen Rache und Vergebung. Die dritte Möglichkeit, nämlich mit den Beweisen zur Polizei zu gehen, wurde in den ersten Geschichten der mehrfach ausgezeichneten Serie „100 Bullets“ noch nicht ausprobiert. In den USA erscheint am 18. März der hundertste und letzte Band von „100 Bullets“.

Dass Agent Graves bei seinen Missionen sein eigenes Spiel spielt und in einen größeren Kampf zwischen ihm und einer geheimen Organisation verwickelt ist, zieht sich zwar als roter Faden durch die „100 Bullets“-Geschichten, aber in dem gerade erschienenen „Alle guten Dinge“ ist das so nebensächlich, dass der dritte Sammelband der Serie (er enthält die Hefte 15 bis 19 beziehungsweise die fünfteilige Geschichte „Der Apfel fällt nicht weit vom Slum“; der fünfte Teil heißt „Epilog für einen Straßenköter“) gut als Einstieg in die düstere Welt des Teams Azzarello/Risso dienen kann.

Agent Graves geht zu dem Ghettojungen Louis „Loop“ Hughes, der noch bei seiner Mutter lebt und als Kleinkrimineller sein Geld verdient. Graves sagt ihm, wo sein Vater, der sich nie um ihn kümmerte, lebt. Und er gibt ihm den Koffer mit den 100 Kugeln. Loop macht sich, mit der geladenen Pistole, auf den Weg zu seinem Vater Curtis. Doch bevor er ihn umbringt, lässt er sich in ein Gespräch verwickeln. Curtis zieht Loop auf seine Seite und beginnt ihn als Schuldeneintreiber auszubilden. Am Ende des zweiten Heftes trifft Curtis Agent Graves und fragt ihn: „Warum haben Sie eigentlich meinen Jungen geschickt, um mich umzubringen?“

Und Agent Graves hat seinen Koffer mit dem Bild eines Verbrechers, der Pistole und den titelgebenden „100 Bullets“ bei sich. Denn: „Sie wissen, dass jeder irgendwann irgendwas getan hat, das irgendwer nicht vergeben kann. Jeder. Zum Beispiel ihr Junge…“

Brian Azzarello und Eduardo Risso erzählen in „Alle Guten Dinge“ ihre Vater-Sohn-Geschichte im kriminellen Milieu knapp, schnell, brutal, illusionslos und mit überraschenden Wendungen, die, wie es sich für eine gute Noir-Geschichte gehört, immer nur eine Richtung kennen. Es ist eine Geschichte fataler Entscheidungen, in der vor allem Vater und Sohn Hughes nur Marionetten von mächtigeren Kräften sind. Andere und das soziale Umfeld bestimmen über ihr Leben. Deshalb hat Loop am Anfang, wenn Agent Graves ihm sagt, wo er seinen Vater findet, nur scheinbar eine Wahl.

„Alle guten Dinge“, 2001 ausgezeichnet mit dem Eisner Award für „Best serialized story“, ist ein guter Einstieg in den brutalen Noir-Kosmos von „100 Bullets“ und dem coolen Agent Graves. Allerdings ist danach die Sucht nach mehr geweckt.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Alle guten Dinge (Heft 3)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets: Hang up on the Hang Low

Vertigo/DC Comics, 2001

enthält

100 Bullets, Heft 15 – 19

Vertigo/DC Comics, 2000/2001

Hinweise

You Tube: Brian Azzarello redet über “100 Bullets” (Chicago, 2008)

MySpace-Seite von Brian Azzarello

Homepage von Eduardo Risso

Englische „100 Bullets“-Fanseite

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)


Die trüben Hamburger Gewässer des Herrn Brack

Februar 12, 2009

brack-und-das-meer-gab-seine-toten-wiederbrack-psychofieber

Ein türstopperdickes Werk voll literarisch-hochkultureller Anspielungen, eleganter Perspektivwechsel und das ausführlich geschilderte Privatleben des Ermittlers, der wegen seinem Beruf zuviel Alkohol trinkt, depressiv ist und Probleme mit dem anderen Geschlecht hat; das alles werden Sie bei Robert Brack nicht finden. Er belässt es gerne bei ungefähr 200 Seiten, schreibt gerne in der ersten Person und seine Helden müssen sich in Abenteuern beweisen, die eine Nummer zu groß für sie sind. Da bleibt keine Zeit für liebevoll gepflegte Depressionen.

Das war schon in dem kürzlich wiederveröffentlichtem „Psychofieber“, dem letzten Auftritt des Journalisten Tolonen aus dem Jahr 1993, so und hat sich auch in seinem neuesten Roman „Und das Meer gab seine Toten wieder“ nicht geändert.

In „Und das Meer gab seine Toten wieder“ soll die Engländerin Jennifer Stevenson von der International Policewomen’s Association Anfang März 1932 herausfinden, warum in Hamburg zwei Polizistinnen der Weiblichen Kriminalpolizei sich im Sommer 1931 angeblich umbrachten, diese vorbildliche Einheit aufgelöst wurde und deren Leiterin Josephine Erkens sich so seltsam benimmt. Stevenson stößt schnell auf institutionelle Widerstände. Denn offensichtlich soll sie die Wahrheit über den Doppelselbstmord nicht herausfinden. Außerdem ist sie von der fremden Stadt, den politischen Wirren und der Boheme der Weimarer Jahre verwirrt.

Robert Brack zeichnet mit wenigen Worten ein plastisches Bild des damaligen Hamburgs und thematisiert ein unbekanntes Kapitel der Polizeigeschichte. Denn in den Zwanzigern gab es bereits Polizistinnen, die mit einem eher sozialpädagogischen Ansatz arbeiteten. Er hält sich bei der Geschichte fast schon sklavisch an die Fakten. Weil dieser Hamburger Polizeiskandal fast unbekannt ist, ist es nachvollziehbar, dass Robert Brack zuerst einmal die Ergebnisse seiner Recherchen veröffentlichen wollte. Und die sind schon skandalös genug für einen spannenden Roman. Aber gleichzeitig kann er nur ein faktengestütztes Ende anbieten. Das ist dann, wie es in der Realität oft ist, unbefriedigend. Denn die Lösung ist eher banal und es kann nicht alles aufgeklärt werden.

Außerdem scheint es im Hamburg der frühen Dreißiger nur so von Sprachtalenten zu wimmeln. Jennifer Stevenson kann zwar etwas deutsch, aber die Deutschen scheinen noch besser englisch zu können. Das ist dann etwas unglaubwürdig. Eine Ermittlerin aus München oder Wien wäre vielleicht glaubwürdiger gewesen.

Mit der Aufklärung eines Mordes hat auch Journalist Tolonen in „Psychofieber“ seine Probleme. Auf einer Elbinsel wird, nach einer Party, eine ermordete junge Frau gefunden. In Verdacht gerät der untergetauchte Sohn des Innensenators, Kai-Uwe Katzur. Tolonen wittert eine große Story, mit der er sein kurz vor der Pleite stehendes Journalistenbüro retten will. Dass gleichzeitig die Rechten gegen Flüchtlinge demonstrieren und die Nazis in den Senat einziehen, nimmt Tolonen nur am Rand wahr.

„Psychofieber“ erschien 1993 als letzter Band der Tolonen-Trilogie und ist auch ein prägnantes Sittenbild der frühen Neunziger, als die Medien und bürgerlichen Parteien gegen die Asylantenflut polemisierten, das Grundrecht auf Asyl faktisch abschafften, rechtsradikale Parteien in Parlamente einzogen und in Hamburg die Statt-Partei in den Senat einzog (Schill folgte erst später). Diese politische Situation wird vom Ich-Erzähler Tolonen nur zynisch kommentiert. Immerhin ging er nicht zur Wahl und ist viel zu abgeklärt für eine selbstgerechte moralische Empörung. Allerdings ist er auch nicht so clever, wie er denkt. Denn am Ende von „Psychofieber“ landet er im Gefängnis.

„Psychofieber“ und „Und das Meer gab seine Toten wieder“ sind zwei spannende, wenn auch nicht perfekte, Krimis von einem Erzähler, der vor allem eine in einer bestimmten Zeit spielende Geschichte erzählen will. Deshalb sind seine Romane auch immer ein Sittenbild der Zeit, in der sie spielen.

In dem in „Psychofieber“ abgedruckten, lesenswertem Gespräch mit Helmut Ziegler sagt Robert Brack zu seinen Anfängen: „Ich wollte jedoch nicht über die Funktion des Semikolons nachdenken, sondern mich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Dazu musste man den Krimi nehmen.“

Der Satz gilt auch noch für den heutigen Robert Brack

Robert Brack: Und das Meer gab seine Toten wieder

Edition Nautilus, 2008

224 Seiten

13,90 Euro

Robert Brack: Psychofieber

(mit einem Werkstattgespräch von Helmut Ziegler, Band 10 der „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands)

Edition Köln, 2008

224 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

rororo thriller, 1993

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Edition Nautilus: Interview mit Robert Brack über „Und das Meer gab seine Toten wieder“

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)


Besprechung „Filmgenres: Film noir“ online

Februar 10, 2009

filmgenres-film-noir

Meine Besprechung des neuesten Bandes der lesenswerten Filmgenres-Reihe, „Film noir“ (herausgegeben von Norbert Grob), ist online in der Berliner Literaturkritik.