Harry Bosch ermittelt im „Echo Park“ und Michael Connelly liest in Deutschland

März 10, 2009

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In „Kalter Tod“ wurde Michael Connellys Serienheld Harry Bosch öfters auf die Ereignisse im Echo Park angesprochen und seine Beziehung zur FBI-Agentin Rachel Walling ging in die Brüche. Jetzt erfahren wir, was in „Echo Park“ geschah.

Harry Bosch arbeitet immer noch zusammen mit Kiz Rider in der Abteilung Offen-Ungelöst. Da erhält er einen Anruf von Freddy Olivas vom Morddezernat Northeast. Er sucht die Akte zu einem Mordfall von 1993. Damals ermittelte Harry Bosch im Fall der spurlos verschwundenen Marie Gesto. Von ihr wurden in einer Garage in dem High-Tower-Apartmentkomplex in einem Auto ihre fein säuberlich zusammengelegten Kleider gefunden. Von ihrem Mörder gab es keine Spur und ihre Leiche wurde nie gefunden. Bosch nahm sich in den vergangenen Jahren den Fall immer wieder vor, kopierte für seinen kurzzeitigen Ruhestand die Akte und hat sie auch jetzt wieder auf seinem Schreibtisch liegen, um sie wieder einmal zu lesen und den Spuren nachzugehen. Er hat zwar schon lange einen Verdächtigen, aber keine Beweise gegen Anthony Garland, den Sohn des Ölmagnaten Thomas Rex Garland.

Olivas will die Akte für Staatsanwalt Rick O’Shea. Er klagt Raynard Waits an. Dieser wurde von einer Streife zufällig angehalten. Sie entdeckten in mehreren Plastiktüten Teile von zerstückelten Menschen. Damit ist der eiskalte Psychopath Waits ein sicherer Kandidat für den elektrischen Stuhl. Über seinen Anwalt Maurice Swann bietet Waits O’Shea ein Geständnis zu neun weiteren Morden an, wenn dafür die Todesstrafe nicht beantragt wird. Eines der neun Opfer war Marie Gesto.

O’Shea ist bereit, wenn sich die Informationen von Waits als zuverlässig herausstellen, den Deal einzugehen. Zähneknirschend willigt Bosch ein. Zusammen mit Kiz Rider beginnen sie Waits zu überprüfen. Dabei vermuten sie schnell, dass Waits ein Pseudonym ist.

Noch vor dem ersten Verhör mit Waits erfährt Bosch von Olivas, dass Waits sich während der Ermittlungen im Mordfall Gesto bei der Polizei meldete und er diese Spur nicht verfolgte. Bosch fragt sich, ob er damals einen fatalen Fehler begangen hat.

Nach dem Verhör verlangen die Ermittler von Waits, dass er sie zu der Leiche von Marie Gesto führt. Während dieser Ortsbesichtigung gelingt es Waits zu flüchten. Dabei bringt er Olivas um und verletzt Kiz Rider schwer.

Der zwölfte Harry-Bosch-Roman „Echo Park“ ist, gemessen an dem hohen Standard der Werke von Michael Connelly, eine etwas enttäuschende Angelegenheit. Denn die in großen Teilen vorhersehbare Lösung lässt einige wichtige Fragen offen und erscheint deshalb unlogisch. Außerdem wird, weil im Mittelpunkt von Harry Boschs Aufmerksamkeit der Mordfall Marie Gesto steht, auf die anderen Morde von Raynard Waits, außer auf seinen ersten Mord, überhaupt nicht eingegangen.

Davon abgesehen erzählt Connelly die Geschichte in seinem gewohnt sachlich-ruhigen Stil. Die Spannung erwächst dabei weniger aus überraschenden Plotwendungen. Dafür sind einige, wie die Flucht von Waits während der Ortsbesichtigung, zu absehbar (Umgekehrt ist diese Szene ein schönes Beispiel für den Aufbau von Spannung. Denn natürlich erwarten wir von Anfang an, dass Waits einen Fluchtversuch unternimmt. Aber zuerst ist er nur der hilfsbereite, gefesselte Angeklagte.). Bei Connelly erwächst die Spannung immer aus der detaillierten Beschreibung der Ermittlungen, die sich fast in Echtzeit entfalten, den lebensnahen Charakteren (mit dem einsamen Wolf Harry Bosch im Zentrum) und den moralischen Dilemma, die sie zu harten Entscheidungen zwingen. Dazu gehört die Entscheidung, ob Waits durch das Gestehen von mehreren Morden seine Strafe reduzieren kann, und, am Ende, mehrere von Harry Bosch durchaus bewusst heraufbeschworene tödliche Konfrontationen. Bosch war zwar noch nie ein Paragraphenreiter, aber kurz vor seiner Pensionierung legt er die Regeln noch lockerer aus.

Aber auch ein schwächeres Harry-Bosch-Abenteuer ist immer noch ein spannender Polizeithriller.

Insider-Hinweis: Achten Sie auf die Namen auf Seite 245 oben.

Michael Connelly: Echo Park

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne Verlag, 2009

464 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Echo Park

Little, Brown and Company, 2006

Michael Connelly besucht Deutschland

KÖLN

Donnerstag, 12. März, 19:30 Uhr

Polizeipräsidium Kalk · Walter-Pauli-Ring 2-4

Moderation: Margarete von Schwarzkopf

Eine Veranstaltung im Rahmen der Lit.Cologne

BERLIN

Freitag, 13. März, 20:00 Uhr

Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Str. 130

Moderation: Regula Venske

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Krimibuchhandlung Hammett (Vorverkauf: 030 / 691 58 34)

LEIPZIG

Samstag, 14. März, 18:00 Uhr

Krautgarden: leipzig.liest.amerika ·

Spinnwerk in der Baumwollspinnerei Leipzig ·

Moderiertes Autorengespräch

Samstag, 14. März, 21:00 Uhr

Theater Fact, Hainstraße 1 ·

Moderation: Regula Venske

Zwei Veranstaltungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse

MÜNCHEN

Sonntag, 15. März, 20:00 Uhr

Beach 38°, Friedenstr. 22c

Moderation: Regula Venske

Eine Veranstaltung im Rahmen des Münchener Krimifestivals

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Michael Connelly in der Kriminalakte (Interviews, Verfilmung des Anfangs von „Echo Park“, undsoweiter)

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)


Erste Eindrücke: „Gefährliche Nachbarn“, „Felix Huby – Fast wie von selbst“, „Scenario 3“, „Trimmels letzter Fall“

März 9, 2009

Gefährliche Nachbarn ist der zweibändige offizielle Sammelband zur diesjährigen Criminale in Singen und Umgebung. Die Geschichten des einen Bandes spielen in Deutschland, die des anderen Bandes in der Schweiz und auf dem Bodensee spielt keine Geschichte. Geschrieben wurden die 42 Kurzgeschichten von bekannten Autoren wie Felix Huby, -ky, Peter Zeindler, Sam Jaun, Heinrich Steinfest, Gunter Gerlach, Doris Gercke und Horst Eckert.

Das klingt schon mal ganz gut.

Aber der Gmeiner Verlag hat nicht einfach die Geschichten hintereinander geklatscht, sondern jeder Autor hat eine kleine Einleitung zu seiner Geschichte geschrieben und es gibt Karten und Wissenswertes über die Handlungsorte.

Damit sind die beiden Kurzgeschichtenbände auch als rudimentäre Reiseführer geeignet und wir erfahren etwas über die Hintergründe der Geschichten.

Vorbildlich; – andere Herausgeber von Kurzgeschichtenbänden sollten diesem Beispiel nacheifern.

Barbara Grieshaber/Siegmund Kopitzki (Hrsg.): Gefährliche Nachbarn (D)

Gmeiner Verlag, 2009

336 Seiten

9,90 Euro

Paul Ott (Hrsg.): Gefährliche Nachbarn (CH)

Gmeiner Verlag, 2009

336 Seiten

9,90

(Zusammen, mit einem Polizeiabsperrung-Bändchen 18,90)

Felix Huby – „Fast wie von selbst“ könnte auch „Fast eine Biographie“ heißen. In dem Interview erzählt Huby von seiner Jugend, seinen Anfängen als Journalist, den ersten Bienzle-Romanen und seiner Arbeit für das Fernsehen. Bei einem ersten Blättern durch das Interview steigt die Lust zum Lesen. Denn Huby hat einiges zu erzählen. Gut ist auch, dass es am Ende ein ausführliches Register gibt. Schade ist, dass Biblio- und Filmographie unvollständig sind. Da muss dann doch auf verschiedene Quellen im Internet zugegriffen werden.

Ebenfalls schade, aber aus finanziellen Erwägungen nachvollziehbar, ist der Verzicht auf Bilder.

Unverzeihlich ist dagegen, dass es keine Kurzbiographie des Interviewers gibt.

Felix Huby: Fast wie von selbst (Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer)

Verlag der Autoren, 2008

176 Seiten

16,– Euro

Scenario 3: Das jährlich erscheinende Kompendium über Drehbücher und vor allem für Drehbuchautoren geht in die dritte Runde. Am bewährten Layout mit den vielen Bildern und der informativen Randspalte wurde nichts geändert. Ebenso wurden die Kategorien beibehalten. Es beginnt mit einem ausführlichen Interview mit dem Drehbuchautor und Regisseur Chris Kraus (Scherbentanz, Vier Minuten) und endet mit dem „Drehbuch des Jahres“; der Preis wird jährlich vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für das beste nicht verfilmte Drehbuch vergeben. Dieses Jahr ist es „Das zweite Leben des Häuslers Stöckler“ von Klaus Krämer.

Dazwischen gibt es mehrere Texte über regieführende Autoren. Unter anderem von Fred Breinersdorfer über seine Erfahrungen als Regisseur und Lars-Olav Beier über amerikanische Top-Autoren, die Regisseure wurden. Peter Schneider (Messer im Kopf, Der Mann auf der Mauer) schreibt über sein vergangenes Jahr. Es gibt die „Splitter einer Geschichte des Drehbuch“ und einige Buchbesprechungen. Unter anderem über die Bücher von David Mamet.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 3 – Film- und Drehbuch-Almanach

Bertz + Fischer, 2009

328 Seiten

19,90 Euro

Trimmels letzter Fall: Eigentlich habe ich schon nicht mehr an einen neuen Trimmel-Roman geglaubt. 1982 erschien mit „Trimmel und das Finanzamt“ der letzte Trimmel-Roman. Danach veröffentlichte Friedhelm Werremeier keine Romane mehr. Aber das Gerücht, dass er an einem neuen Trimmel-Roman arbeite, hielt sich hartnäckig.

Jetzt ist er draußen und ich bin gespannt, ob „Trimmels letzter Fall“ ein grandioser Epilog zu einer der großen deutschen Krimiserien oder ein enttäuschender Nachschlag ist.

Ein Lob verdient der Pendragon-Verlag schon vor der Lektüre. Das Buch enthält ein ausführliches Nachwort von Frank Göhre über die Trimmel-Romane.

(Hinweis: Bis auf „Taxi nach Leipzig“ sind die Romane nur noch antiquarisch erhältlich. Aber dort sind sie gut erhältlich.)

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall

Pendragon Verlag, 2009

232 Seiten

9,90 Euro

Vier (oder fünf?) Bücher, die alle einen sehr positiven ersten Eindruck hinterlassen haben. Genaueres gibt es nach der Lektüre.


Übersetzen? Sean Chercover: Big City, Bad Blood

März 6, 2009

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Vergangenes Jahr war Sean Chercovers Debüt “Big City, Bad Blood” für den ITW Thriller Award, Anthony Award, Arthur Ellis Award und Barry Award nominiert und gewann, in der Kategorie „Bestes Debüt“, den Shamus Award, Gumshoe Award, Crimespree Award und Lovey Award. Zahlreiche Kollegen, wie Steve Hamilton, G. M. Ford und Ken Bruen, lobten das Buch. Bei soviel Vorablob steigen die Erwartungen natürlich ins unermessliche und, sicher auch um nicht enttäuscht zu werden, lag „Big City, Bad Blood“ lange auf dem Zu-Lesen-Stapel.

Nachdem ich in der lesenswerten, von Lee Child herausgegebenen Anthologie „Killer Year“ Sean Chercovers Kurzgeschichte „One Serving of Bad Luck“ gelesen hatte, nahm ich mir ohne auch nur noch eine Sekunde zu zögern seinen Debütroman „Big City, Bad Blood“ vor. In ihm soll der Chicagoer Privatdetektiv Ray Dudgeon den Hollywood-Location-Scout Bob Loniski beschützen. Loniski mietete von Frank DiMarco für einen Filmdreh Räume. Während des Drehs tauchte der rechtmäßige Besitzer auf und der von DiMarco eingefädelte Schwindel flog auf. Es wurde Anklage erhoben. Loniski erklärte sich bereit vor Gericht auszusagen. Loniski erhielt eine Morddrohung und wenn DiMarco nicht lose Verbindungen zur heimischen Mafia (die sich in Chicago Outfit nennt) hätte, würde Ray Dudgeon den Auftrag, einen Hollywoodtypen vor einem drittklassigem Gauner zu schützen, sofort annehmen.

Nachdem der wichtige Mafiaboss Johnny Greico Ray Dudgeon versichert, dass DiMarco nicht von der Mafia beschützt wird, übernimmt Dudgeon den Auftrag. Zu spät erkennt er, dass er zufällig zwischen die Fronten eines beginnenden Krieges innerhalb der Mafia geraten ist.

In „Big City, Bad Blood“ betritt mit Ray Dudgeon ein Privatdetektiv die Bühne, der in weiten Teilen dem bekannten Bild des Privatdetektivs entspricht. Er verdient nicht viel, seine Wohnung ist retro, er liebt Jazz, schöne Frauen und Autos (was bei seinem Besuch in Hollywood und der Nacht mit Virginia Lane eine sehr feuchte Verbindung eingeht) und er hat einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb gab er seine Karriere als Reporter auf. Neuer ist dagegen, dass er Probleme mit seiner Freundin hat und, nachdem Loniski ermordet wird, alles für eine Flucht vorbereitet. Auf den Gedanken, vor der Mafia zu flüchten, wären Marlowe, Hammer und Spenser niemals gekommen. Aber genau wie seine literarischen Vorbilder beginnt Dudgeon die verschiedenen Verbrecher und sie beobachtenden staatlichen Institutionen gegeneinander auszuspielen und moralisch fragwürdige Koalitionen einzugehen.

Chercover erzählt diesen verwickelten Plot mit ruhiger Hand, präzisen Beobachtungen der in Chicago und Hollywood lebenden Menschen und einem fast nicht vorhanden Rätselteil. Dafür ist „Big City, Bad Blood“ dann zu sehr ein Thriller, bei dem Menschen, ihre Probleme und realistische Lösungen im Vordergrund stehen. Denn Ray Dudgeon ist kein Spenser-Klon, der unerschrocken einer Hundertschaft bewaffneter Mafiosi gegenübertritt und den Kampf ohne eine Schramme überlebt.

Sean Chercovers „Big City, Bad Blood“ ist er gelungene Einstand eines neuen Privatdetektivs auf der literarischen Bühne. Vor kurzem erschien in den USA der zweite Ray-Dudgeon-Roman „Trigger City“. Auch dieser Roman wurde in der amerikanischen Krimiszene breit abgefeiert.

„Big City, Bad Blood“ sollte unbedingt übersetzt und Sean Chercover deutschen Krimifans nicht länger vorenthalten werden.

Sean Chercover: Big City, Bad Blood

Harper, 2008

352 Seiten

7,99 $

Erstausgabe

William Morrow, 2007

Hinweise

Homepage von Sean Chercover

The Outfit (Blog von mehreren in Chicago lebenden Autoren)


Watchmen: Vor dem Film war der Comic

März 5, 2009

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Das Time Magazine nahm „Watchmen“ von Autor Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons als einzigen Comic in die Liste der hundert wichtigsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Mit dieser fast hochkulturellen Adelung wurde eine Art des Geschichtenerzählens in den literarischen Kanon aufgenommen, die in Deutschland immer noch ein Schattendasein führt. Daran dürfte auch die jetzt anlaufende „Watchmen“-Verfilmung von Zack Snyder wenig ändern. Immerhin sind gut drei Stunden Kino mit Superhelden und Actionszenen eher etwas für ein jüngeres Multiplex-Publikum, während das bildungsbürgerliche Arthouse-Publikum die Romanverfilmungen „Der Vorleser“ oder „Effi Briest“ genießt. Dabei könnten auch sie in „Watchmen“ einiges entdecken.

Denn Alan Moore und Dave Gibbons stellen in dem zwölfteiligen Comic „Watchmen“ zuerst einmal das Superhelden-Genre vom Kopf auf die Füße. Moore fragte sich, wie den die Wirklichkeit aussähe, wenn wirklich verkleidete Männer Verbrecher gejagt hätten. Danach erfand er eine Alternativwelt, in der die USA den Vietnamkrieg gewonnen haben, Watergate nicht entdeckt wurde und Präsident Nixon Mitte der Achtziger noch im Amt ist. Gespiegelt werden die Erlebnisse der sich größtenteils im Ruhestand befindenden Superhelden in einem Piratencomic. Ergänzt werden die zwölf Comichefte von vertiefenden Texten, wie Autobiographien, Interviews und Briefwechsel der verschiedenen Charaktere. So entsteht langsam das Bild einer Welt, die sich nur in Teilen von unserer Welt (naja, genaugenommen unserer Welt vor gut 25 Jahren) unterscheidet.

Und wie in vielen Science-Fiction-Werken ist der Plot nur das Skelett für das Vorstellen der erfundenen Welt. Die Dramaturgie der Comichefte führt zu einer ähnlich episodischen Struktur, wie sie inzwischen auch öfters in TV-Serien verwandt wird. Im S-F-Genre wären das „Lost“, „Battlestar Galactica“, „Heroes“ und auch „Terminator: S. C. C.“. Die Hauptgeschichte, die Suche von Rohrschach nach dem Hintermann einer Verschwörung gegen die sich nach dem Keene-Erlass in den Ruhe zurückgezogenen Superhelden, bewegt sich manchmal kaum voran. Dann nehmen die Biographien der Superhelden, ihre Beziehung zueinander und die moralischen Fragen ihres Handelns einen breiten, teilweise heftfüllenden Raum ein. Denn Alan Moore hat, wie in den TV-Serien, als das erste „Watchmen“-Heft erschien die letzten Hefte noch nicht geschrieben und so entstand aus einer Mischung aus Improvisation und Planung ein dichtes Epos, das zugleich Abgesang, Liebeserklärung und Würdigung eines uramerikanischen Genres ist.

Auffallend ist daher, wie konsequent die verschiedenen Plots aufeinander bezogen sind und auch Nebenfiguren, wie der Zeitungsverkäufer, immer wiederkehren und wie sehr sich die einzelnen Plots und Charaktere immer wieder auf verschiedenen Ebenen spiegeln. Gleichzeitig wurden einige formale Elemente von Anfang an durchgehalten und erzeugen so das Gefühl einer in sich geschlossenen Welt. Weil „Watchmen“ von Anfang an auf zwölf Hefte festgelegt wurde, die Geschichte der Verschwörung nur in einer Katastrophe (oder eben dem Abwenden der Katastrophe in letzter Minute) enden kann und die Weltsicht düster ist, wurde der Countdown bereits auf der ersten Seite des ersten Heftes mit einer analogen Uhr, die auf zwölf Minuten vor Zwölf steht, eingeleitet. Jedes Heft beginnt mit dieser Uhr, dessen kleiner Zeiger sich mit jedem Heft immer eine Minute der vollen Stunde nähert. Gleichzeitig beginnt Blut von oben in das Bild zu fließen, bis um zwölf Uhr die Uhr von Blut verdeckt wird. Viele weitere Beispiele sind einfach zu finden und würden teilweise einige Plotwendungen der Geschichte verraten.

„Watchmen“ ist eine großartige Graphic Novel, die auf vielen Ebenen funktioniert und so erwachsen und politisch ist, wie es ein kindliches Genre (Männer in Kostümen! Quasi-allmächtige, teilweise mit Superkräften ausgestattete, über dem Gesetz stehende Verbrechensbekämpfer!) überhaupt sein kann, ohne seine Unschuld vollkommen zu verlieren. Auf diesem schmalen Grad wandelten Alan Moore und Dave Gibbons Mitte der Achtziger äußert gelungen, stopften gleichzeitig noch so viele literarische und politische Anspielungen hinein, dass auch die intellektuellen Leser und Literaturwissenschaftler genug Interpretationsfutter hatten. Die amerikanische Comic- und S-F-Szene war begeistert. Die deutsche Übersetzung erfolgte erst Jahre später.

Heute ist „Watchmen“ eine noch immer aufregend zu lesende Bildergeschichte, die wegen ihrer genauen historischen Verortung nur im politischen Teil (halt der gesamte Kalte-Krieg und die damals rechtslastige Propaganda aus Hollywood und dem Weißen Haus.) überholt ist. Denn die Frage, wie Verbrechen bekämpft werden soll, ist heute (dank des Krieges gegen den Terror) immer noch so aktuell wie damals.

Neben der düster-erwachsen-literarischen Lesart eröffnete „Watchmen“ allerdings auch die Tür zur Veralberung und Psychologisierung des Superheldengenres. „Hancock“, die britische Comedy „No Heroics“ und die neuen Superheldenfilme mit ihren menschlicheren Protagonisten sind die anderen Seiten der Medaille.

„Watchmen“ ist ein vielfach ausgezeichneter, gut gealterter „Klassiker“ (New York Post) und ein „Meilenstein“ (New York Times), der auch nach der heute startenden Verfilmung (die Alan Moore, wie die vorherigen Verfilmungen seiner Werke, selbstverständlich Scheiße findet) sicher viele neue Leser gewinnt. Denn letztendlich ist „Watchmen“ einfach vergnügliche Unterhaltung.

Alan Moore/Dave Gibbons: Watchmen: Ultimate Edition

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2008

436 Seiten

29,95 Euro

Für Sammler

Watchmen: Absolute Edition

Panini Comics, 2009

468 Seiten

75 Euro

(Hardcover im Schuber, mit Skizzen, Entwürfen und Auszügen aus Alan Moores Originalmanuskript)

Originalausgabe

Watchmen

DC Comics, 1986/1987

Deutsche Erstausgabe

Watchmen

Carlsen, 2000

Hintergrundinformationen zum Comic „Watchmen“

Dave Gibbons: Watching the Watchmen – Die Entstehung einer Graphic Novel

Panini Comics, 2009

260 Seiten

34,90 Euro

Verfilmung

Watchmen (Watchmen, USA/GB/Can 2009)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: David Hayter, Alex Tse

Mit Jefrey Dean Morgan, Malin Akerman, Patrick Wilson, Billy Crudup, Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Dave-Gibbons-Fanseite

DC Comics über „Watchmen“

YouTube: Alan Moore spricht über „Watchmen“ und Superhelden

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Watchmen“

Tagesspiegel: Interview mit Dave Gibbons über die Verfilmung

Die komplette, erstaunlich S-F-lastige und sehr amerikanische Liste der 100 wichtigsten Romane des letzten Jahrhunderts des Time Magazine


Wie Richard Dale zum Mann wurde

März 4, 2009

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Joe R. Lansdale ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der sich meistens in den Genres Krimi und Horror tummelt, aber auch einige gelungene Ausflüge in die Mainstream-Literatur unternahm. „Der Teufelskeiler“ ist eines dieser mainstreamigeren Werke. In ihm erzählt Richard Dale, wie er während der Großen Depression in Osttexas in ärmlichen Verhältnissen auf einer abgelegenen Farm aufwuchs, Groschenhefte liebte, sie seinem schwarzen Freund Abraham Wilson vorlas, Schriftsteller werden wollte und gegen den Teufelskeiler kämpfen musste. Dieser Eber taucht seit Jahrzehnten (die Legenden behaupten seit einem Jahrhundert) immer wieder auf, vernichtet die Ernte und tötet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Nur der steinalte Onkel Pharao überlebte die Begegnung mit „Old Satan“. Seitdem benötigt er Krücken.

Jetzt ist Old Satan zurückgekehrt. Er trampelt über die Felder der Dales. Richards Vater ist mit einem Zirkus als Preisboxer unterwegs. Er will so Geld für die Familie verdienen. Richards Mutter ist schwanger und der fünfzehnjährige Richard ist der Herr im Haus. Als „Old Satan“ die Hunde der Dales zerfetzt, weiß Richard Dale, dass er den Teufelskeiler zur Strecke bringen muss. Gemeinsam mit Abraham und einigen Hunden macht Richard sich auf die Jagd.

Der Teufelskeiler“ liest sich, weil beide Geschichten in der gleichen Welt spielen, in Teilen wie eine Vorstudie zu Joe R. Lansdales mit dem Edgar ausgezeichnetem, leider nicht mehr erhältlichem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000). Beide Geschichten spielen in Osttexas am Sabine River während der Depression. In beiden Erzählungen ist de Erzähler ein älterer Mann, der sich unsentimental an seine Jugend erinnert und konsequent aus seinem damaligen Erfahrenshorizont erzählt. Beide sind, auch, Erziehungsromane. Und in beiden Geschichten muss der Ich-Erzähler sich gegen ein mythisches Monster wehren. In „Der Teufelskeiler“ ist es ein wilder Eber. In „Die Wälder am Fluss“ ist es der mysteriöse Ziegenmann. Außerdem, immerhin ist „Die Wälder am Fluss“ ungefähr dreimal so lang wie „Der Teufelskeiler“, wird in „Die Wälder am Fluss“ ein Frauenmörder gejagt und die Frage des Rassismus nimmt einen viel breiteren Raum ein.

Dagegen konzentriert sich „Der Teufelskeiler“ auf das karge Leben eines Jugendlichen und wie er im Sommer 1933 zum Mann wird. Lansdale gelingt es auf knapp 140 Seiten eine gleichzeitig auf mehreren Ebenen überzeugende Geschichte für Jugendliche und Erwachsene zu erzählen.

Joe R. Lansdale: Der Teufelskeiler

(übersetzt von Richard Betzenbichler, illustriert von Henning Ahlers)

Shayol, 2008

144 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

The Boar

Subterranean Press, 1998

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Subterranean Press: Längeres Interview mit Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Rumble Tumble” (Rumble Tumble, 1998)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Der Gott der Klinge“ (The God of the Razor, 2007)


Sleeper 2: Agent Carver will aussteigen

März 2, 2009

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„Die Schlinge zieht sich zu“ von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips ist die fulminante Fortsetzung des ersten „Sleeper“-Bandes „Das Schaf im Wolfspelz“. Am Ende des ersten Bandes saß Undercover-Agent Holden Carver mächtig in der Patsche. Es war ihm zwar gelungen in dem weltumspannenden Gangstersyndikat von Tao bis ganz nach oben zu steigen. Dieser Aufstieg konnte gelingen, weil im Geheimdienst nur sein Vorgesetzter John Lynch von dem Einsatz wusste. Doch Lynch liegt im Koma und Tao sucht, nach einem fehlgeschlagenen Coup, den Spitzel in den eigenen Reihen. Carvers Lebenserwartung tendiert gegen Null.

Deshalb möchte Carver aussteigen. Doch das scheint unmöglich, bis er am Anfang von „Die Schlinge zieht sich zu“ auf dem Weg zu seiner Wohnung das Signal von Lynch für ein gemeinsames Treffen entdeckt. Dort wird er von Sir Malcolm Jones, einem britischen Agenten im Ruhestand, erwartet. Jones sagt ihm, dass es einen Weg zurück gibt. Lynch hat in einer Akte die Hintergründe des Undercover-Einsatzes aufgeschrieben. Gemeinsam beginnen sie mit den Vorbereitungen für Carvers Ausstieg.

Allerdings erfährt auch Tao über einen CIA-Agenten, dass der sich in seiner Nähe befindende, immer noch unbekannte Undercover-Agent aussteigen will.

Die Jagd auf Carver ist eröffnet, – mit ihm als Jäger und Gejagtem.

Ed Brubaker und Sean Phillips schildern in „Die Schlinge zieht sich zu“ nicht nur die Jagd auf den Verräter in den eigenen Reihen, sondern auch die zunehmend aussichtslos erscheinenden Bemühungen von Carver, der aussteigen will. Denn jeder Schritt, der ihn näher an seinen Ausstieg aus dem Gangstersyndikat und zurück zu seinem alten Leben (was auch immer das war) bringt, bringt ihn auch immer mehr in Gefahr. Diese Geschichte einer Menschenjagd würde allein schon, wenn sie nach den gängigen Regeln der Dramaturgie erzählt wird, für eine spannende Lektüre sorgen. Aber Brubaker und Phillips rücken, ohne die actionreiche Handlung zu vernachlässigen, den Gewissenskonflikt von Carver immer mehr in den Mittelpunkt. Denn Carver ist ein Noir-Held, der im falschen Leben gefangen ist. Er will etwas Gutes tun, indem er einen Gangsterboss zur Strecke bringt. Dafür muss er seine neuen Freunde und seine Geliebte verraten. Er muss Menschen, die oft auf der richtigen Seite des Gesetzes stehen, umbringen. Er muss das Leben eines Verbrechers führen, ohne einer zu sein. Er wird vom Geheimdienst gefangen genommen und an einem geheimen Ort gefoltert, weil sie ihn für einen Verbrecher halten. In dieser Welt der sich verschiebenden Grenzen und der ständigen Umkehrung von Gut und Böse, Vertrauen und Misstrauen, ist es nur eine ironische Volte, dass Carver von Tao befreit wird.

In der Noir-Welt von Ed Brubaker gibt es in „Die Schlinge zieht sich zu“ für den Undercover-Agenten Carver keine Erlösung und keine Antwort auf die Frage, wie er mit den widerstreitenden Verpflichtungen umgehen kann. Jedenfalls noch nicht.

Dafür endet der zweite „Sleeper“-Band mit einem grandiosen Cliffhanger, der für den dritten, für April angekündigten „Sleeper“-Band „Die Gretchenfrage“ weitere spannende Lesestunden verspricht.

Der dritte „Criminal“-Band „Gragbesang“, ebenfalls von dem Team Brubaker/Phillips, ist für Ende April angekündigt.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper 2: All false moves

DC Comics 2004

Enthält

Sleeper 7 – 12

CD Comics 2003/2004

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 1 – Feigling, 2008 (Criminal 1: Coward, 2007)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande, 2008 (Criminal 2: Lawless, 2007)

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank, 2008 (Point Blank, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz, 2008 (Sleeper: Out in the cold, 2003)


„Bunker“ – Andrea Maria Schenkels dritter Streich

Februar 26, 2009

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Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ war ein Überraschungserfolg, wurde von der Kritik abgefeiert und erhielt etliche Preise. Auch mir gefiel der dünne Roman, obwohl ich die hymnischen Lobesarien für übertrieben hielt, gut. Bei ihrem zweiten Roman „Kalteis“ wiederholte sich das Spiel. Ich dagegen (Sonst noch jemand?) hielt das Werk für ein einziges Desaster.

Daher fragte ich mich vor der Lektüre ihres dritten Romans „Bunker“, ob er eher an „Tannöd“ oder eher an „Kalteis“ anschließt.

Nach der Lektüre halte ich „Tannöd“ für den berühmten Ausrutscher. Denn „Bunker“ ist zwar besser als „Kalteis“, aber es ist trotz der Kürze von knapp 120 Seiten eine viel zu lang geratene Kurzgeschichte. Während in einer Kurzgeschichte auf wenigen Seiten eine Situation beschrieben werden kann, muss auf über 100 Seiten – besonders bei einem Zweipersonenstück wie „Bunker“ – etwas zwischen den beiden Charakteren geschehen.

Doch hier versagt Andrea Maria Schenkel vollkommen. „Bunker“ liest sich wie ein aus zwei nur sehr lose miteinander verbundenen Monologen bestehendes Theaterstück.

Dabei ist die Prämisse so einfach wie vielversprechend: ein Mann entführt eine Frau. Er hält sie gefangen. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Beziehung.

Natürlich ist diese Situation einer Geiselnahme (auch wenn es genügend Beispiele aus der Realität gibt) vor allem eine Laborsituation, in der idealtypisch zwei verschiedene Weltanschauungen aufeinanderprallen.

Allerdings begründet Schenkel diese Laborsituation, höflich formuliert, sehr schräg. Denn der bis zum Ende namenlose Entführer will eigentlich nur den Safe in einem Geschäft leer räumen. Als die Angestellte Monika ihm den Schlüssel für den Safe nicht geben kann, entführt er sie.

– Warum? Wäre es nicht vernünftiger, einfach abzuhauen?

– Er ist in sie verliebt. Er wohnt ihr gegenüber und beobachtet sie abends heimlich. Er ist sogar bei ihr eingebrochen und hat ein Kinderbild von ihr geklaut.

– Ah, dann war der Überfall ein Vorwand, um sie zu entführen.

– Äh, nein. Ich glaube nicht. Ich meine, wenn er sie nur hätte entführen wollen, dann hätte er es doch auch irgendwo machen können, wo es wahrscheinlich keine Zeugen und keine Videokameras gibt.

Er sperrt sie in einer einsam gelegenen Mühle in der nur durch eine Falltür zu erreichende Dachkammer ein.

– Dachkammer? Nicht Bunker?

– Der kommt später. Kurz. Sie ist meistens in der Kammer eingesperrt und kann sich dort frei bewegen.

– Oh, dann haut sie ihm gleich etwas über die Rübe und –

– Nein, nein. Sie tut nichts. Jedenfalls nicht am Anfang. Und später auch nicht. Nicht jede Frau ist eine Lara Croft oder Terminatrix.

Sie fragt sich, warum sie entführt wurde. Der Entführer redet nicht mit ihr, pflegt sie dafür aber ziemlich liebevoll.

Schenkel lässt den Entführer und das Opfer Teile der Geschichte erzählen und springt in der Chronologie etwas herum. Das sorgt auf den ersten Seiten, weil nicht klar ist, wer gerade spricht und an welcher Stelle in der Chronologie wir uns befinden, vor allem für Verwirrung. Beide sprechen in dem gleichen Stream-of-Consciousness-Stil. Dankenswerterweise werden diese Gedanken in verschiedenen Schriften präsentiert. Sie kann zunehmend weniger zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden. Er erinnert sich dagegen an seinen gewalttätigen Vater und wie der Vater seine Mutter in der Dachkammer einsperrte.

Wer einen irgendwie gearteten Machtkampf zwischen den Beiden erwartet, wird enttäuscht. In „Bunker“ versucht keiner den anderen zu besiegen oder von irgendetwas zu überzeugen. Dafür sind der Entführer und sein Opfer zu sehr mit sich selbst beschäftigt und haben keine für die Geschichte wichtigen Ziele.

Zwischenruf Andrea Maria Schenkel: Es geht (…) um Einsamkeit. Es ist ein Kriminalfall im weitesten Sinne, wir wissen am Anfang des Buches nicht, was der Mann mit der Frau zu tun hat, bis sie anfängt, nachzudenken, warum er sie entführt hat.

– Einsamkeit? Nur weil beide allein sind? Weil sie nicht miteinander reden? Weil sie dem Entführer einen falschen Grund für die Entführung unterschiebt?

Am Ende wird’s dann etwas chaotisch (wegen Spoilergefahr wird darüber nichts verraten). Eine Person landet mit einer Stichwunde im Bauch auf einem OP-Tisch (das ist kein Spoiler, denn Schenkel führt diesen dritten Handlungsstrang bereits auf Seite 16 ein) und wir fragen uns, wie die Polizei zur Scheune kommen konnte. Aber das ist wahrscheinlich wie mit der Kavallerie im Western: am Ende kommt sie und sammelt die Leichen auf, während die Zuschauer schnell die Reste von Bier und Popcorn vernichten.

Während mit dem Auftauchen der Kavallerie der Autor am Ende seiner Geschichte ist, bleibt am Ende von Andrea Maria Schenkels „Bunker“ die berühmte Frage, was uns der Autor damit sagen wollte, offen.

Deshalb könnte „Bunker“ (ein wegen des Handlungsortes doch sehr irreführender Titel) als zwanzigseitige Kurzgeschichte, in der eine Frau von einem Mann entführt wird, der ihr nichts über seine Gründe verrät, eine spannende Studie des plötzliche über eine gewöhnliche Person hereinbrechenden Schreckens sein.

Als Roman bleibt vor allem die unlogische Prämisse (Was will der Entführer? Geld, Sex, Macht? Einen Mutterersatz?) und die Abwesenheit jeglicher Dynamik zwischen dem Entführer und seinem Opfer im Gedächtnis. Kein Konflikt. Kein Drama. Keine Spannung. Nur Langeweile und die mäßig interessante Frage, warum die Geschichte in der Vor-Euro-Zeit spielt.

Andrea Maria Schenkel: Bunker

Edition Nautilus, 2009

128 Seiten

12,90 Euro

Hinweise

Homepage von Andrea Maria Schenkel

Zeit online: Interview mit Andrea Maria Schenkel (19. Februar 2009)

Frankfurter Rundschau: Interview mit Andrea Maria Schenkel (26. Februar 2009 – wieder wird ihr neuer Roman nur gestreift)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ (2007)


Alter Scheiß? Frank Göhre: Abwärts

Februar 25, 2009

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Als „Abwärts“ 1984 in die deutschen Kinos kam, war Götz George nur noch als Schmuddelkommissar Horst Schimanski bekannt. Dass er bereits in den Fünfzigern und Sechzigern in vielen Filmen mitgespielt hatte, war inzwischen egal. In den Siebzigern spielte er vor allem Theater. Denn der Neue Deutsche Film konnte mit ihm nichts anfangen. Und umgekehrt.

Erst mit Carl Schenkel betrat ein Regisseur die Bildfläche, der sich vor allem für gut gemachtes Genrekino amerikanischer Prägung interessierte und nach „Abwärts“ in Hollywood etliche Filme drehte. Zusammen mit Frank Göhre schrieb er, wie Göhre in dem lesenswerten Nachwort zur Neuausgabe seines Romans zum Film „Abwärts“ schreibt, über eineinhalb Jahre das Drehbuch zu dem Film. Dann kam die Besetzung. George verlieh dem Film genug Starpower, um ihn zu einem Kassenknüller zu machen. Hannes Jaenicke gab sein Leinwanddebüt – und hatte auch gleich eine seiner besten Rollen. Wolfgang Kieling durfte noch einmal groß aufspielen. Die in Holland nach den Paul-Verhoeven-Filmen „Spetters“ und „Der vierte Mann“ bereits bekannte Renée Soutendijk gab ihr Deutschlanddebüt. Und nachdem Götze George in „Wetten dass?“ den Film promotete, waren auch die Kinos voll.

Denn „Abwärts“ ist einer der wenigen deutschen Genrefilme, die auch noch gelungen sind. Es ist ein waschechter Thriller über vier Menschen, die unfreiwillig an einem Freitagabend in einem Fahrstuhl in einem Bürohaus eingesperrt sind. Buchhalter Gössmann hat gerade die Kasse ausgeraubt. Jörg, der ausgebrannte Leiter einer Werbeagentur, und Pit, ein jugendlicher Null-Bock-Waver, begehren die Blondine Marion. Sie arbeitet bei Jörg. Der Notruf funktioniert nicht und schnell liegen die Nerven blank. Die vier Eingeschlossenen versuchen sich zu befreien und verschlimmern so ihre Lage.

Bereits während der Dreharbeiten plante der Heyne Verlag ein Buch zum Film. Allerdings war lange unklar, ob es eine Romanfassung des Drehbuchs oder ein Blick hinter die Kulissen, also ein Drehbericht, werden sollte. Am Ende wurde sich für den Roman zum Film entschieden und Göhre musste in vier Wochen das Manuskript abliefern.

Der so entstandene Roman „Abwärts“ ist kaum mehr als die Prosaversion des Drehbuchs. Wer also den Film gesehen hat, braucht das Buch nicht mehr zu lesen.

Die Erstausgabe war reichhaltig bebildert. Die neue Ausgabe des Pendragon-Verlags verzichtet auf die Bilder. Dafür gibt es ein zwanzigseitiges Nachwort von Frank Göhre, das interessante Einblicke in die Entstehung, Vermarktung und die Ereignisse nach dem Kinostart vermittelt.

Frank Göhre: Abwärts

Pendragon 2009

200 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Frank Göhre/Carl Schenkel: Abwärts

Heyne, 1984

192 Seiten

Verfilmung


Abwärts (Deutschland 1984)

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Carl Schenkel, Frank Göhre (Dialoge)

mit Götz George, Renée Soutendijk, Wolfgang Kieling, Hannes Jaenicke, Kurt Raab, Klaus Wennemann, Ralf Richter

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)


Übersetzen? Lawrence Block – Killing Castro

Februar 23, 2009

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Wie in den vergangenen Jahren startete Hard Case Crime (das Original) das Kalenderjahr mit einem „neuen“ Buch von Lawrence Block. Wie in den vergangenen Jahren erschien das neue Hard-Case-Crime-Buch von Lawrence Block bereits in den frühen Sechzigern unter einem Pseudonym. Weil Block aber nur für „Fidel Castro Assassinated“ das Pseudonym „Duncan Lee“ benutzte, wussten auch Hardcore-Block-Fans nichts von dem schmalen Werk, das jetzt „Killing Castro“ heißt.

Und wie der Titel erahnen lässt, geht es um ein geplantes Attentat gegen ein Staatsoberhaupt. Fünf Amerikaner nehmen für 100.000 Dollar den Auftrag an, Fidel Castro umzubringen. Sie werden getrennt und unerkannt nach Kuba gebracht. Die beiden Zweiergruppen versuchen Castro im Dschungel zu erschießen oder auf einem Platz mit einer Bombe in die Luft zu sprengen. Der Einzelkämpfer versucht Castro während einer Rede zu erschießen. Block schildert, mit der für Männerabenteuerromane nötigen Brise Sex (aus heutiger Sicht sehr zahm) und Gewalt, wie die Attentäter sich auf das Attentat vorbereiten, dabei von Widerstandskämpfern unterstutzt werden und mit Soldaten kämpfen. Dazwischen fügt Block eine knappe Biographie von Castro ein. Weil der Roman erstmals in einem Sachbuchverlag erschien, kann dieser Teil der Sachbuchteil sein; es kann allerdings auch ganz einfach sein, dass Block noch einige Seiten füllen musste. Denn die Geschichte von „Killing Castro“ wird von Block als eine Folge von Episoden geschildert, in denen die Attentäter sich mit ihrem Auftrag auseinandersetzen und das haben, was zu einem pulpigen Abenteuerroman gehört.

Allerdings ist der Plan (oder besser die Pläne) Castro umzubringen vollkommen bescheuert. Da werden zunächst fünf Amerikaner engagiert, die, bis auf einen, keine Erfahrung mit Anschlägen haben und auch sonst keine zur Erfüllung des Auftrags wichtigen Fähigkeiten haben. Sie sind ganz normale, weiße, bürgerliche Vorstadtamerikaner. Sie sprechen kein Wort spanisch. Sie sind vollkommen abhängig von den Freiheitskämpfern. Sie würden alleine auf der Insel wie bunte Hunde auffallen. Und die Pläne (Im Dschungel auf einen Fahrzeugkonvoi schießen? Auf einem Platz eine Bombe werfen? Aus einem Hotelzimmer schießen?) sind so einfach, dass die Revolutionäre sie auch hätten selbst durchführen können.

„Killing Castro“ ist kein wiederentdecktes Meisterwerk. Es ist nur ein weiterer Blick auf die frühen Jahre eines Autors, der sich später mit mehreren Serien (Evan Tanner, Bernie Rhodenbarr, Matt Scudder, Keller) und Einzelwerken einen festen Platz bei seinen Lesern und Kollegen erschrieb. Doch in „Killing Castro“ hat er seine Stimme noch nicht gefunden und er benutzt ein Plotmuster, das er seitdem kaum benutzte. Denn politische Verschwörungsthriller waren nie Blocks Metier.

Für Lawrence-Block-Fans ist „Killing Castro“ natürlich eine willkommene Ergänzung. Aber übersetzt werden muss „Killing Castro“ wirklich nicht. Da sollten die deutschen Verlage zuerst die immer noch nicht übersetzten Abenteuer mit Bernie Rhodenbarr, Matt Scudder und Keller veröffentlichen. Denn in diesen Werken ist Lawrence Block auf der Höhe seines Könnens.

Lawrence Block: Killing Castro

Hard Case Crime, 2009

208 Seiten

6,99 Dollar

Originalausgabe

Duncan Lee: Fidel Castro Assassinated

Monarch, 1961

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

Lawrence Block in der Kriminalakte (u. a. Covers, Bouchercon-2008-Tribute-Video, Bouchercon-2008-Gespräch)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, Mona, Sweet slow death, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Verluste“ (Everybody dies, 1998)

Mein Buch “Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors”


John Rain besucht Japan

Februar 20, 2009

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Der eiskalte Killer John Rain entwickelt in Barry Eislers neuem Roman „Riskante Rückkehr“ Vatergefühle. Rain erfährt, dass seine frühere Geliebte Midori Kawamura von ihm einen Sohn hat. Die Jazzpianistin lebt in New York und wird dort von Handlangern des Yakuza-Chefs Yamaoto Toshi bewacht. Yamaoto hofft, dass John Rain irgendwann sein Kind sehen will und er ihn dann für seine früheren, in den vorherigen John-Rain-Thrillern erzählten, Taten bestrafen kann. Rain weiß natürlich, in welche Gefahr er Midori, sein Kind und sich bringt, wenn Yamaotos Männer ihn erwischen. Dennoch will Rain sie sehen.

Zusammen mit seinem Freund Dox, einem Ex-Marine und Scharfschützen, als Bodyguard macht er sich auf den Weg nach Manhattan. Gleich nach dem ersten Treffen mit Midori wird Rain entdeckt. Es gibt zwei Tote. Danach kehrt John Rain nach Japan zurück. Denn es gibt nur einen Weg, das Leben von Midori und seinem Sohn zu schützen. Er muss Yamaoto unschädlich machen.

Der fünfte John-Rain-Thriller „Riskante Rückkehr“ von Barry Eisler ist eines dieser zwiespältigen Bücher, die sich einerseits schnell lesen lassen, aber andererseits immer den Eindruck hinterlassen, dass der Autor mehr kann. Denn die Charaktere sind entweder gut oder böse und die großen Überraschungen, immerhin ist „Riskante Rückkehr“ ein Thriller, bleiben aus. Die Geschichte marschiert, wie in einem B-Picture oder Western, geradlinig, mit vielen schnell aufeinander folgenden Action-Szenen und einigen gefühlvollen Einlagen, auf die letzte Konfrontation zwischen den beiden verfeindeten Männern zu. Doch während Yamaoto durch seinen Hass auf Rain gut motiviert ist, verhält John Rain sich doch sehr unvorsichtig und, als ein auf seine Autonomie bedachter Mann, lässt er sich nur allzu willig zur Marionette von seinem alten, im Sterben liegendem Freund Tatsu Ishikura machen. Dass dann einige seiner Aktionen schlecht geplant sind, dient zwar der Spannung (Wie kann Rain die Situation meistern? Was wird schief gehen?), ist aber auch nicht besonders glaubwürdig.

Letztendlich ist Barry Eislers „Riskante Rückkehr“ ein eskapistisches Abenteuer, bei dem der Held am Ende etwas akzeptiert, was wir Leser schon von der ersten Zeile wussten. Nämlich dass Rain ein geborener Killer ist und es immer bleiben wird.

In der deutschen Ausgabe gibt es im Anhang eine Chronologie der John-Rain-Romane, eine Liste der zehn besten Bars, Coffeeshops, Jazzclubs und Restaurants in Tokio, Rains Top Ten Jazz-Interpreten, die Sie vielleicht noch nicht kennen (Eine ziemlich ungewöhnliche Auswahl.) und eine Liste der Top Ten Single Malts.

Barry Eisler: Riskante Rückkehr

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Fischer Taschenbuch Verlag, 2009

368 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The last Assassin

Penguin Putnam, 2006

Hinweise

Homepage von Barry Eisler

Blog von Barry Eisler

Evolver: Martin Compart über Barry Eisler und die John-Rain-Romane


Duane Swierczynskis „Cable“ oder Der Einzelkämpfer als Babysitter

Februar 19, 2009

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Regelmäßige Besucher von Duane Swierczynskis interessantem „Secret Dead Blog“, wissen, dass er nicht nur spannende Thriller wie „Blondes Gift“ und „Letzte Order“ (die beide bei uns auf Wunsch des Verlages unter dem Pseudonym Duane Louis erschienen) schreibt, sondern inzwischen auch als Aautor für Marvel Comics seine Brötchen verdient. Er schreibt für Batman, Punisher, Moon Knight, Iron Fist und X-Men.

Bei uns erschien jetzt, als erster Einblick in sein Comic-Schaffen, der erste in sich abgeschlossene „Cable“-Band „Kriegskind“. Die Geschichte aus dem X-Men-Universum enthält in einem Buch die ersten fünf von Duane Swierczynski geschriebenen „Cable“-Hefte.

Nach dem M-Day schrumpfte die Zahl der Mutanten. Deshalb soll der zeitreisende X-Man und Soldat Nathan „Cable“ Summers das Überleben der Mutanten sichern, indem er ein neugeborenes Mutantenkind beschützt, das zum Messias der Mutanten werden soll. Cable taucht mit dem Baby im Zeitstrom unter.

Lucas Bishop verfolgt ihn. Bishop kommt aus einer faschistoiden Zukunft, in der es Konzentrationslager für Mutanten gibt. Er glaubt, dass das Baby die größte Bedrohung der Mutanten wird und will es deshalb töten.

2043 treffen sie in einem postapokalyptischen New Jersey, in dem Vigilanten die Stadt regieren, aufeinander und, wie es sich für Superhelden gehört, bleibt bei ihren Kämpfen kein Stein mehr auf dem anderen. Kollateralschäden inclusive.

Diese Kämpfe füllen die meisten Seiten der ersten fünf „Cable“-Hefte. Cable und Bishop verkloppen sich. Bishop kämpft später auch gegen Sam „Cannonball“ Guthrie. Und dazwischen bringen Cable und Bishop auch einige Menschen um. Der Rest, wie die Geschichte der X-Men und Cables menschliche Helferin Sophie Pettit und ihr Schicksal, ist nur schmückendes Beiwerk.

Swierczynski lieferte für den ersten „Cable“-Band coole Dialoge und eine witzige Grundidee. Denn ein Muskelpaket, das auf ein Baby aufpassen und Windeln wechseln muss, ist schon die halbe Miete. In „Kriegskind“ ist das Baby noch ein fast stummer Gegenstand. Das wird sich in den späteren Heften, die in den USA bereits erschienen sind, sicher ändern.

Ariel Olivetti setzte die Kämpfe und auch die ruhigen Szenen in stilvollen Zeichnungen, die an Werbebilder aus den Fünfzigern erinnern, aber dennoch einen sehr zeitgemäßen Touch haben und gelungen mit wechselnden Perspektiven und der Schärfe spielen, um.

Für die Fans von Duane Swierczynskis Romanen ist „Cable: Kriegskind“ ein okayes Werk, das mit gut umgesetzten Schlägereien prächtig unterhält. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für die Fans des X-Men-Universums mag das natürlich ganz anders aussehen.

Duane Swierczynski/Ariel Olivett: Cable: Kriegskind (Band 1)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Marvel/Panini Comics, 2009

124 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Cable: War Child

Marvel 2008

enthält

Cable: War Child – Chapter 1 – 5

Mai – September 2008

Hinweise

Marvel über Cable

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)


Ein Angebot von Agent Graves, das Sie ablehnen sollten

Februar 18, 2009

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Die Idee ist, je nach Sichtweise, entweder vollkommen beknackt oder genial. Denn in der von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso erfundenen Serie „100 Bullets“ taucht ein Mann, der sich Agent Graves nennt, bei wildfremden Menschen auf und bietet ihnen eine Pistole und 100 Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können, an. Mit diesen Kugeln können sie sich an einem bestimmten Menschen rächen, der ihnen Leid zugefügt hat und dafür nicht bestraft wurde. Die Beweise für das Verbrechen liefert Agent Graves gleich mit.

Das beknackte ist, dass es natürlich keine Kugeln gibt, die Straffreiheit garantieren und dass es in der Wirklichkeit diese wasserdichten Beweise von Agent Graves so nicht geben kann. Das geniale ist, dass diese Grundidee es Azzarello und Risso ermöglicht, in vielen unterschiedlichen Geschichten immer wieder die Frage nach Schuld und Sühne zu stellen. In jeder Geschichte muss der Empfänger des Geschenkes sich fragen, ob eine schlimme Tat (es geht nicht immer um einen Mord) mit einem Mord vergolten werden darf. Er hat immer die Wahl zwischen Rache und Vergebung. Die dritte Möglichkeit, nämlich mit den Beweisen zur Polizei zu gehen, wurde in den ersten Geschichten der mehrfach ausgezeichneten Serie „100 Bullets“ noch nicht ausprobiert. In den USA erscheint am 18. März der hundertste und letzte Band von „100 Bullets“.

Dass Agent Graves bei seinen Missionen sein eigenes Spiel spielt und in einen größeren Kampf zwischen ihm und einer geheimen Organisation verwickelt ist, zieht sich zwar als roter Faden durch die „100 Bullets“-Geschichten, aber in dem gerade erschienenen „Alle guten Dinge“ ist das so nebensächlich, dass der dritte Sammelband der Serie (er enthält die Hefte 15 bis 19 beziehungsweise die fünfteilige Geschichte „Der Apfel fällt nicht weit vom Slum“; der fünfte Teil heißt „Epilog für einen Straßenköter“) gut als Einstieg in die düstere Welt des Teams Azzarello/Risso dienen kann.

Agent Graves geht zu dem Ghettojungen Louis „Loop“ Hughes, der noch bei seiner Mutter lebt und als Kleinkrimineller sein Geld verdient. Graves sagt ihm, wo sein Vater, der sich nie um ihn kümmerte, lebt. Und er gibt ihm den Koffer mit den 100 Kugeln. Loop macht sich, mit der geladenen Pistole, auf den Weg zu seinem Vater Curtis. Doch bevor er ihn umbringt, lässt er sich in ein Gespräch verwickeln. Curtis zieht Loop auf seine Seite und beginnt ihn als Schuldeneintreiber auszubilden. Am Ende des zweiten Heftes trifft Curtis Agent Graves und fragt ihn: „Warum haben Sie eigentlich meinen Jungen geschickt, um mich umzubringen?“

Und Agent Graves hat seinen Koffer mit dem Bild eines Verbrechers, der Pistole und den titelgebenden „100 Bullets“ bei sich. Denn: „Sie wissen, dass jeder irgendwann irgendwas getan hat, das irgendwer nicht vergeben kann. Jeder. Zum Beispiel ihr Junge…“

Brian Azzarello und Eduardo Risso erzählen in „Alle Guten Dinge“ ihre Vater-Sohn-Geschichte im kriminellen Milieu knapp, schnell, brutal, illusionslos und mit überraschenden Wendungen, die, wie es sich für eine gute Noir-Geschichte gehört, immer nur eine Richtung kennen. Es ist eine Geschichte fataler Entscheidungen, in der vor allem Vater und Sohn Hughes nur Marionetten von mächtigeren Kräften sind. Andere und das soziale Umfeld bestimmen über ihr Leben. Deshalb hat Loop am Anfang, wenn Agent Graves ihm sagt, wo er seinen Vater findet, nur scheinbar eine Wahl.

„Alle guten Dinge“, 2001 ausgezeichnet mit dem Eisner Award für „Best serialized story“, ist ein guter Einstieg in den brutalen Noir-Kosmos von „100 Bullets“ und dem coolen Agent Graves. Allerdings ist danach die Sucht nach mehr geweckt.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Alle guten Dinge (Heft 3)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets: Hang up on the Hang Low

Vertigo/DC Comics, 2001

enthält

100 Bullets, Heft 15 – 19

Vertigo/DC Comics, 2000/2001

Hinweise

You Tube: Brian Azzarello redet über “100 Bullets” (Chicago, 2008)

MySpace-Seite von Brian Azzarello

Homepage von Eduardo Risso

Englische „100 Bullets“-Fanseite

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)


Die trüben Hamburger Gewässer des Herrn Brack

Februar 12, 2009

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Ein türstopperdickes Werk voll literarisch-hochkultureller Anspielungen, eleganter Perspektivwechsel und das ausführlich geschilderte Privatleben des Ermittlers, der wegen seinem Beruf zuviel Alkohol trinkt, depressiv ist und Probleme mit dem anderen Geschlecht hat; das alles werden Sie bei Robert Brack nicht finden. Er belässt es gerne bei ungefähr 200 Seiten, schreibt gerne in der ersten Person und seine Helden müssen sich in Abenteuern beweisen, die eine Nummer zu groß für sie sind. Da bleibt keine Zeit für liebevoll gepflegte Depressionen.

Das war schon in dem kürzlich wiederveröffentlichtem „Psychofieber“, dem letzten Auftritt des Journalisten Tolonen aus dem Jahr 1993, so und hat sich auch in seinem neuesten Roman „Und das Meer gab seine Toten wieder“ nicht geändert.

In „Und das Meer gab seine Toten wieder“ soll die Engländerin Jennifer Stevenson von der International Policewomen’s Association Anfang März 1932 herausfinden, warum in Hamburg zwei Polizistinnen der Weiblichen Kriminalpolizei sich im Sommer 1931 angeblich umbrachten, diese vorbildliche Einheit aufgelöst wurde und deren Leiterin Josephine Erkens sich so seltsam benimmt. Stevenson stößt schnell auf institutionelle Widerstände. Denn offensichtlich soll sie die Wahrheit über den Doppelselbstmord nicht herausfinden. Außerdem ist sie von der fremden Stadt, den politischen Wirren und der Boheme der Weimarer Jahre verwirrt.

Robert Brack zeichnet mit wenigen Worten ein plastisches Bild des damaligen Hamburgs und thematisiert ein unbekanntes Kapitel der Polizeigeschichte. Denn in den Zwanzigern gab es bereits Polizistinnen, die mit einem eher sozialpädagogischen Ansatz arbeiteten. Er hält sich bei der Geschichte fast schon sklavisch an die Fakten. Weil dieser Hamburger Polizeiskandal fast unbekannt ist, ist es nachvollziehbar, dass Robert Brack zuerst einmal die Ergebnisse seiner Recherchen veröffentlichen wollte. Und die sind schon skandalös genug für einen spannenden Roman. Aber gleichzeitig kann er nur ein faktengestütztes Ende anbieten. Das ist dann, wie es in der Realität oft ist, unbefriedigend. Denn die Lösung ist eher banal und es kann nicht alles aufgeklärt werden.

Außerdem scheint es im Hamburg der frühen Dreißiger nur so von Sprachtalenten zu wimmeln. Jennifer Stevenson kann zwar etwas deutsch, aber die Deutschen scheinen noch besser englisch zu können. Das ist dann etwas unglaubwürdig. Eine Ermittlerin aus München oder Wien wäre vielleicht glaubwürdiger gewesen.

Mit der Aufklärung eines Mordes hat auch Journalist Tolonen in „Psychofieber“ seine Probleme. Auf einer Elbinsel wird, nach einer Party, eine ermordete junge Frau gefunden. In Verdacht gerät der untergetauchte Sohn des Innensenators, Kai-Uwe Katzur. Tolonen wittert eine große Story, mit der er sein kurz vor der Pleite stehendes Journalistenbüro retten will. Dass gleichzeitig die Rechten gegen Flüchtlinge demonstrieren und die Nazis in den Senat einziehen, nimmt Tolonen nur am Rand wahr.

„Psychofieber“ erschien 1993 als letzter Band der Tolonen-Trilogie und ist auch ein prägnantes Sittenbild der frühen Neunziger, als die Medien und bürgerlichen Parteien gegen die Asylantenflut polemisierten, das Grundrecht auf Asyl faktisch abschafften, rechtsradikale Parteien in Parlamente einzogen und in Hamburg die Statt-Partei in den Senat einzog (Schill folgte erst später). Diese politische Situation wird vom Ich-Erzähler Tolonen nur zynisch kommentiert. Immerhin ging er nicht zur Wahl und ist viel zu abgeklärt für eine selbstgerechte moralische Empörung. Allerdings ist er auch nicht so clever, wie er denkt. Denn am Ende von „Psychofieber“ landet er im Gefängnis.

„Psychofieber“ und „Und das Meer gab seine Toten wieder“ sind zwei spannende, wenn auch nicht perfekte, Krimis von einem Erzähler, der vor allem eine in einer bestimmten Zeit spielende Geschichte erzählen will. Deshalb sind seine Romane auch immer ein Sittenbild der Zeit, in der sie spielen.

In dem in „Psychofieber“ abgedruckten, lesenswertem Gespräch mit Helmut Ziegler sagt Robert Brack zu seinen Anfängen: „Ich wollte jedoch nicht über die Funktion des Semikolons nachdenken, sondern mich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Dazu musste man den Krimi nehmen.“

Der Satz gilt auch noch für den heutigen Robert Brack

Robert Brack: Und das Meer gab seine Toten wieder

Edition Nautilus, 2008

224 Seiten

13,90 Euro

Robert Brack: Psychofieber

(mit einem Werkstattgespräch von Helmut Ziegler, Band 10 der „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands)

Edition Köln, 2008

224 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

rororo thriller, 1993

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Edition Nautilus: Interview mit Robert Brack über „Und das Meer gab seine Toten wieder“

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)


Besprechung „Filmgenres: Film noir“ online

Februar 10, 2009

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Meine Besprechung des neuesten Bandes der lesenswerten Filmgenres-Reihe, „Film noir“ (herausgegeben von Norbert Grob), ist online in der Berliner Literaturkritik.


Alter Scheiß? Ross Thomas: Teufels Küche; Am Rand der Welt

Februar 6, 2009

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Mit „Teufels Küche“ und „Am Rand der Welt“ setzte der Alexander Verlag seine Werkausgabe von Ross Thomas fort. Beide Romane wurden mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und sie lesen sich heute immer noch so frisch und lebendig, wie vor über zwanzig Jahren.

In „Teufels Küche“ erfährt der Wahlkampfmanager Draper Haere fast zufällig von einem Ereignis, das die derzeitige Regierung aus dem Amt jagen könnte. Bevor ihm sein alter Freund Jack Replogle etwas Genaueres erzählen kann, werden sie überfallen und Replogle stirbt. Haere ist jetzt wirklich neugierig. Er engagiert den ehemaligen Journalisten Morgan Citron, der, nachdem er mehrere Monate in einem afrikanischen Gefängnis schmorte, seine Ersparnisse als Bummler in Kalifornien aufbrauchte und jetzt als Hausmeister in einem Apartmentkomplex arbeitet. Citron soll alles über das Ereignis herausfinden.

Tja, und ungefähr hier wird „Teufels Küche“ zu einem schwachen Roman von Ross Thomas.

Denn das die gesamte Geschichte initiierende Ereignis (Es ist ein Schusswechsel im Dschungel, bei dem Amerikaner beteiligt waren.) wird am Ende in seinem ganzen Ausmaß fast schon lieblos enthüllt und ist im nihilistischen Kosmos von Ross Thomas so unbedeutend, dass er es in einem anderen Roman auf zwei Seiten verbraten hätte.

Doch viel schlimmer ist, dass in „Teufels Küche“ alle Charaktere irgendwie miteinander verbandelt sind und damit die Glaubwürdigkeit überstrapazieren. Denn der Informant Drew Meade möchte nicht nur Replogle und später Draper Haere, sondern auch Pressezarin Gladys Citron die Informationen verkaufen. Sie ist die Mutter des zufällig von Haere engagierten Journalisten Morgan Citron. Velveta Keats, eine Mieterin im Apartmentkomplex und Freundin von Morgan Citron, ist die Tochter eines Kokainschmugglers, der zufällig auch in den tödlichen Schusswechsel im Dschungel involviert ist.

Da ist es schon tröstlich, dass die beiden falschen FBI-Agenten Tighe und Yarn mit keinem der anderen Charaktere verwandt oder verschwägert sind oder eine lange Vorgeschichte teilen. Denn natürlich kennen sich Meade, Haere, Replogle und Gladys Citron von früher.

In „Teufels Küche“ hat Ross Thomas in dieser Beziehung einfach zu viel getan, um noch glaubwürdig zu sein. Nur die zynische Grundeinstellung bewahrt „Teufels Küche“ davor, eine kontintentenübergreifende Räuberpistole zu werden.

Dass Ross Thomas es besser kann, zeigt er in „Am Rand der Welt“. Während auf den Philippinen Marcos gestürzt wird, wird Booth Stallings in Washington entlassen. Bereits wenige Stunden später hat er ein neues gutdotiertes Angebot. Er soll auf die Philippinen fliegen und einen irgendwo in den Bergen sitzenden Freiheitskämpfer oder Terroristen (es kommt auf die Perspektive an) mit fünf Millionen Dollar überzeugen, nicht die Macht zu übernehmen, sondern in Hongkong das Geld in Empfang zu nehmen. Die Auftraggeber sind ein anonymes Konsortium, das aus Geschäftsleuten, die auf den Philippinen investieren wollen, aber auch aus Regierungs- und Geheimdienstkreisen bestehen kann. Der Empfänger des Geldes ist Alejandro Espiritu. Er ist ein Fan von Stallings „Anatomie des Terrors“, sie sind sich bereits in einem Gefecht während des zweiten Weltkriegs begegnet und er vertraut nur Stallings.

Stallings nimmt das Angebot gegen eine erkleckliche Provision an und kontaktiert über seine Verwandtschaft Maurice „Otherguy“ Overby. Dieser empfiehlt ihm als kompetente Helfer die bereits aus „Umweg zur Hölle“ bekannten Glücksritter Artie Wu und Quincy Durant. Gemeinsam wollen sie einen Weg finden, die fünf Millionen in die eigenen Taschen zu stecken. Das ist natürlich nicht so einfach. Den um sie herum tobenden Bürgerkrieg nehmen sie dabei kaum wahr. Denn was sind schon einige Leichen und eine imposante Schuhsammlung gegen einen Haufen Bargeld?

Ross Thomas: Teufels Küche

(übersetzt von Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jochen Stremmel und Anja Franzen, mit einem Nachwort von Laf Überland)

Alexander Verlag, 2008

360 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

Missionary Stew

Simon & Schuster, 1983

Deutsche Erstausgabe

Mördermission

Ullstein, 1985

Ross Thomas: Am Rand der Welt

(übersetzt von Jürgen Behrens, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen, mit einem Nachwort von Thomas Wörtche)

Alexander Verlag, 2008

408 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Out on the Rim

Mysterious Press, 1986

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1987

Hinweise

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint „Merkur“, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)


Blutiges von Jack Ketchum

Februar 4, 2009

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Jack Ketchums „Blutrot“ ist für mich eines der Bücher des vergangenen Jahres. Ketchums zweites 2008 auf Deutsch veröffentlichtes Buch „Amokjagd“ ist dagegen weniger gelungen, aber immer noch eine gute Lektüre. Beide Bücher erschienen in den USA bereits 1995 und sie sind beide nach der gängigen Bestsellerlänge altmodisch kurz. Denn die pompöse Seitenzahl von jeweils 288 Seiten erreichen sie nur dank eines großzügigen Layouts. Sie sind beide ganz traditionell erzählt und bewegen sich, dank ihrer Länge, geradlinig wie eine gut geölte Maschine auf ihr Ende zu. Auch Ketchums Sprache ist entsprechend schnörkellos. Da ist kein Satz zu viel, kein Wort überflüssig. Und, noch eine Gemeinsamkeit, sie spielen in der Provinz.

In „Amokjagd“ beobachtet Wayne Lock, wie Lee Edwards und Carole Gardner ihren gewalttätig-herrsüchtigen Mann Howard im Wald erschlagen und anschließend eine Felsklippe hinunterwerfen. Lock, der seine Gewaltfantasien bis jetzt nicht auslebt, glaubt, endlich zwei Gleichgesinnte gefunden zu haben. Er sucht sie und, als er sie gefunden hat, erpresst er sie mit seinem Wissen zu einer Spritztour. Auf dieser Fahrt flippt Lock aus und hinterlässt eine blutige Spur durch die Provinz. Edwards und Gardner müssen das als machtlose Zeugen mit ansehen. Denn wenn sie flüchten, würde Lock sie an die Polizei verraten.

Außerdem hat inzwischen auch der Revierleiter Lieutenant Joseph Rule die beiden Gattenmörder bereits im Visier.

Auf den ersten Seiten von „Amokjagd“ entwickelt Jack Ketchum den Konflikt zwischen den beiden Mördern und ihrem Bewunderer sehr konsequent und nachvollziehbar. Aber wenn die drei sich auf die gemeinsame Spritztour begeben, schlägt die Geschichte in einen B-Moviehaften Blutrausch, bei dem jeder, der den Weg von Lock kreuzt, umgebracht wird, um. Die Polizei ist währenddessen mit dem Einsammeln der Leichen beschäftigt. Trotz etlicher guter Szenen hat „Amoklauf“, im direkten Vergleich zum grandiosen „Blutrot“, zu viel von einem 08/15-Splattermovie, bei dem sich die Qualität des Films anhand des Blutzolls bemisst.

In „Blutrot“ kommt Jack Ketchum bis zum Ende mit einem toten Hund und den Konflikt zweier Männer über die Frage der richtigen Erziehung aus. Alles beginnt, wie so oft, ganz harmlos. Als Avery Ludlow und sein Hund Red friedlich am Fluss angeln, tauchen drei Jungs auf. Sie ärgern den alten Mann, bedrohen ihn und am Ende erschießt einer der Jungs, Daniel McCormack, den Hund.

Ludlow möchte, dass Daniel die Tat zugibt und sich dafür entschuldigt. Aber er tut es nicht und Daniels Vater, der neureiche Unternehmern Michael McCormack, beschützt seinen Sohn. Doch Ludlow lässt nicht locker. Die Jungs sollen zu ihren Taten stehen. Sie sollen die Wahrheit sagen. Mehr will Ludlow nicht. Aber sie leugnen den Mord an Red und beginnen Ludlow zu bedrohen.

Ludlow wehrt sich. McCormack schützt seine beiden Söhne zunehmend kompromisslos. Denn, so glaubt er, wer das Geld hat, hat die Macht und hat Recht.

Der Kampf zwischen zwei unvereinbaren Wertesystemen, die Fragen von Ehre, Männlichkeit, Verantwortungsbewusstsein für die eigenen Taten und die der Kinder wird wahrscheinlich in jeder Generation ausgefochten. In „Blutrot“, immerhin bedient Jack Ketchum sich ungeniert der bekannten Western-Topoi, läuft die Geschichte konsequent auf das finale Duell zwischen Ludlow, McCormack und seinen Söhnen hinaus.

Das ist, vergessen Sie den marktschreierischen Klappentext, einfach gutes, im besten Sinne altmodisches Erzählhandwerk und deshalb sind etliche bekannte Schriftsteller, wie Robert Bloch, Richard Laymon und Duane Swierczynski, Fans von Jack Ketchum. Der bekannteste und emsigste Lobredner für Ketchum dürfte Stephen King sein: „Hey, want some good advice? Don’t open this book unless you intend to finish it the same night. You may be shocked, even revolted, by Jack Ketchum’s hellish vision of the world, but you won’t be able to dismiss it or forget it.“

Kings Ratschlag gilt für beide Romane.

„Red“ wurde 2008 verfilmt. Der Trailer verspricht einen Film, der auch von Clint Eastwood hätte sein können. Die Kritiken sind ebenfalls sehr positiv. Aber nachdem „Red“ bei uns schon im Pay-TV läuft, gibt es leider keinen Kinostart, sondern im April die DVD-Veröffentlichung.

Jack Ketchum: Amokjagd

(übersetzt von Kristof Kurz)

Heyne, 2008

288 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Joyride

Berkley Books, 1995

(Titel der britischen Ausgabe: Road Kill)

Jack Ketchum: Blutrot

(übersetzt von Joannis Stefanidis)

Heyne, 2008

288 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Red

Leisure Book/Dorchester Publishing, 1995

Verfilmung

Red (USA 2008)

Regie: Trygve Allister Diesen, Lucky McKee

Drehbuch: Stephen Susco

Mit Brian Cox, Noel Fisher, Tom Sizemore, Kyle Gallner, Shiloh Fernandez, Robert Englund

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Evolver porträtiert Jack Ketchum


Alter Scheiß? Dan Kavanagh: Duffy

Januar 30, 2009

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Duffy war mal Polizist. Sogar ein erfolgreicher bei der Sitte in West Central. Und ehrlich war er auch. Doch dann wurde er mit einem Neunzehnjährigem nackt erwischt. Es war eine Falle, aber diese Karriere war vorbei. Also wechselte Duffy den Beruf und wurde Privatdetektiv und Sicherheitsberater mit bescheidenen Umsätzen. Denn anstatt dem Klienten eine superteure Alarmanlage zu verkaufen und so ein florierendes Unternehmen aufzubauen, empfiehlt er ihnen lieber eine Sirenenattrappe und eine gute Versicherung. Auch jetzt herrscht in seiner Kasse mal wieder Ebbe.

Deshalb nimmt er den Auftrag des Spielzeugimporteurs Brian McKechnie an. Seine Frau Rosie wurde in ihrer noblen Vorstadtwohnung von zwei Männern überfallen, die sie auf Befehl ihres Bosses leicht mit einem Messer verletzten. McKechnie ruft die Polizei. Diese findet keine Spur und die Sache könnte irgendwann als „ungelöst“ ad acta gelegt werden.

Kurz darauf erhält McKechnie einen Anruf. Ein Erpresser will von ihm eine kleine Geldsumme. Die Polizei tut nichts. Erst als die Summe größer wird, nimmt die Polizei widerwillig die Anzeige auf. Aber sie findet nichts über den Erpresser heraus. McKechnie ist stinkig über die schlechte Arbeit der Polizei. Er engagiert Duffy und dieser findet bei der nächsten Geldübergabe heraus, dass die Polizei, entgegen ihres Versprechens, bei der Übergabe durch Abwesenheit glänzt. Duffy verfolgt den Boten des Erpressers in ein schmuddeliges Pornokino in Soho. Duffy ist wieder in seinem alten Revier und trifft auf den Gangsterboss Big Eddy, der seine Vergangenheit viel zu gut kennt.

Mit „Duffy“ erfand Dan Kavanagh (der unter seinem richtigen Namen Julian Barnes Mainstream-Romane schreibt) einen ungewöhnlichen Privatdetektiv. Denn Duffy ist ein hypochondrischer Bisexueller (Wir reden hier von 1980! Vor ihm gab es eigentlich nur Joseph Hansens Homosexuellen Dave Brandstetter.). Er verträgt keine lauten Geräusche. Er kann nirgends schlafen, wo es auch Uhren gibt (Wir reden von 1979.). Deshalb wandern sie zuerst in die Frischhaltebox und anschließend ins Badezimmer oder werden vors Fenster gehängt. Weitere Frischhalteboxen mit Lebensmitteln stapeln sich im Kühlschrank. Er sagt niemals ‚ja’, sondern ‚also gut’ oder „doch, doch’. Er hat eine angenehm illusionslose Einstellung zu seinem Beruf und dem Leben. Deshalb wird er, wie jeder gute literarische Detektiv, finanziell niemals auf einen grünen Zweig kommen. Aber im Gegensatz zu dem Marlowes, Hammers und Spensers spielt er für keine sich in Gefahr befindende Frau den rettenden Ritter. Am Ende seines ersten Auftritts ist Duffy nur noch damit beschäftigt, seine eigene Haut zu retten. Sein Auftraggeber McKechnie ist ihm da herzlich egal.

An „Duffy“ besticht der angenehm distanziert-ironische Tonfall von Dan Kavanagh, mit dem er seine Charaktere und Sohos Halbwelt beschreibt. Es sind die, besonders wenn sie gerade ein Verbrechen begehen, bemerkenswert gesitteten Verbrecher (die Einbrecher entschuldigen sich für die Unannehmlichkeiten; der Boss entschuldigt sich für das Fehlverhalten seiner Angestellten und legt wie ein biederer Beamter Akten über die in seinem Revier arbeitenden Polizisten an) und die Welt des käuflichen Sex und der Pornobranche in den späten Siebzigern in London, als AIDS noch unbekannt war. Duffy stolpert bei seinen Ermittlungen von einer Peepshow zur nächsten, von einem Pornokino zum nächsten und findet auch einige Pornomagazine. Das ist eine in Zeiten des Internets und des Heimkinos schon lange untergegangene Welt. Die Aufklärung der Erpressung ist dagegen, wie man schon nach dem Titel „Duffy“ vermuten kann, nebensächlich.

In den folgenden Jahren schrieb Kavanagh drei weitere Duffy-Romane, die auch eine Chronik Englands in den achtziger Jahren und literarische Spiele mit dem Genre sind. Danach hörte Kavanagh auf zu schreiben. Als Julian Barnes schrieb er eifrig weiter und bis heute verhallten die Bitten der Fans nach einem neuen Duffy-Abenteuer. Dabei wäre es sicher interessant (aber vielleicht auch enttäuschend) zu sehen, wie es einem dreißig Jahre älterem Duffy im heutigen London geht.

Bis dahin kann wieder Duffys erster, immer noch lesenswerter Auftritt gelesen werden. Er liest sich heute noch so vergnüglich, wie damals.

Dan Kavanagh: Duffy

(Neu übersetzt von Willi Winkler)

Ullstein, 2008

240 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Duffy

Jonathan Cape, London, 1980

Deutsche Erstveröffentlichung

Ullstein, 1981

(übersetzt von Bernd Jost)

Spätere deutsche Veröffentlichungen

Haffmans Verlag, 1988

Rowohlt Verlag, 2000

Süddeutsche Zeitung (Kriminalbibliothek Band 40), 2006

(immer übersetzt von Willi Winkler)

Anmerkung

Es ist unklar, ob die alte Haffmans-Übersetzung von Winkler genommen wurde oder ob Winkler diese überarbeitete oder sogar eine vollkommen neue anfertigte.

Duffys Ermittlungen

Duffy (Duffy, 1980)

Airportratten; Schieber-City (Fiddle city, 1981)

Grobes Foul; Abblocken (Putting the boot in, 1985)

Vor die Hunde gehen (Going to the dogs, 1987)

Hinweise

Homepage von Dan Kavanagh

Homepage von Julian Barnes (Duffys geistigem Vater)

Contemporary Writers über Julian Barnes

Thrilling Detective über Duffy


Dreimal spaßiges Mörderfangen mit Adrian Monk

Januar 26, 2009

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Er ist manisch. Panisch. Genial. Er sieht Kaffeeflecken auch ohne die Hilfsmittel eines gesamten CSI-Labors. Er lässt an einem Tatort die Autos neu einparken und er schlägt schon mal vor, die Leiche vom siebten in den sechsten oder achten Stock zu verlegen.

Er ist Adrian Monk. Ehemaliger Ermittler der Polizei von San Francisco und, seit dem bis jetzt nicht aufgeklärtem Tod seiner Frau Trudy, von der Arbeit freigestellt. Allerdings hilft er der Polizei bei besonders kniffeligen Fällen und seine Assistentin Natalie Teeger hilft ihm die größten Gefahren des Alltags, beginnend bei dem Schütteln von Händen (nur möglich mit anschließender Desinfektion), zu meistern. Die von Andy Breckman erfundene TV-Serie mit Tony Shalhoub ist seit Jahren auch bei uns ein Erfolg und die auf der Serie basierenden Romane von Lee Goldberg verkaufen sich wie geschnitten Brot. Dabei können die Monk-Romane auch sehr gut ohne die Serie bestehen und Goldberg kann sich in den Büchern Freiheiten erlauben, die das Budget einer Serienfolge sprengen würden. Denn nach dem Hawaii-Ausflug fliegt Monk in „Mr. Monk in Germany“ nach Deutschland und in „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ kann er sich nicht zwischen seiner neuer Assistentin Natalie Teeger und seiner ersten Assistentin Sharona Fleming entscheiden.

Nachdem Natalies Tochter Julie bei einem Basketball-Spiel der Arm gebrochen wird (und Monk den Trainer der gegnerischen Mannschaft als Mörder überführt), treffen sie im Krankenhaus auf die dort arbeitende Sharona. Ihre Ehe ging wieder einmal in die Brüche, sie kehrte zurück an die Westküste und ihr Mann Trevor ist in Los Angeles als Mörder von Ellen Cole inhaftiert. Die Beweise sprechen gegen ihn und Monk ist aus durchaus eigennützigen Gründen nicht an Ermittlungen interessiert. Dennoch kann Natalie ihn aus ebenso eigennützigen Gründen überzeugen, den Fall zu übernehmen. Während der Ermittlungen trifft er auf den Bestsellerautor Ian Ludlow (ein Pseudonym von Lee Goldberg), der dem LAPD bei den Ermittlungen geholfen hat. Monk empfindet für den Konkurrenten und dessen formelhaften Krimis nur tiefste Verachtung.

Zurück in San Francisco stürzt Monk sich in einen anderen Fall. Am Strand wurde die Leiche eines nackten Mannes gefunden, der offensichtlich von einem Alligator ermordet wurde. Aber in San Francisco gibt es in freier Wildbahn keine Alligatoren. Lt. Randall Disher holt seinen Schreiblehrer Ian Ludlow als externen Berater. Monk ist über diese Konkurrenz in seinem Revier überhaupt nicht begeistert.

In „Mr. Monk und die Außerirdischen“ nimmt Lee Goldberg sich die zahlreichen Treffen von Serienfans vor, die dort verkleidet erscheinen und eine Serie kultisch verehren. Das bekannteste Beispiel dürfte „Raumschiff Enterprise“ sein. „Beyond Earth“ erinnert dagegen eher an „Kampfstern Galactica“. Es ist eine erfolglose Siebziger-Jahre-Kult-Science-Fiction-Serie, die treue Anhänger hat und demnächst als rundumerneuerte Serie ausgestrahlt werden soll. Die alten Fans sind stinkig über den Verrat am Original und dass ihr Guru Conrad Stipe, der Erfinder der Serie, das „Beyond Earth“-Erbe für einige Dollar an junge, gierige Hollywood-Produzenten verscheuert, die sich einen Dreck um das Original scheren.

Vor einer Fan-Convention wird Stipe erschossen. Der Mörder war als Mr. Snork verkleidet und tauchte im Gewühl der verkleideten Fans unter. Stottlemeyer bittet Monk, den Täter unter den Fans zu finden.

Als Monk die „Beyond Earth“-Fans zum ersten Mal sieht, möchte er die offensichtlich verrückten Besucher sofort alle verhaften. Denn sie laufen mit Elefantenrüsseln im Gesicht, Vierfach-Brüsten und angeklebten Schwänzen herum, verkaufen dreißig Jahre alte Frühstücksflocken und reden in der intergalaktischen Sprache Dratch.

Einen weiteren Schock erleidet Monk, als er erfährt, dass sein Bruder Ambrose (der niemals sein Haus verlässt) mehrere „Beyond Earth“-Bücher geschrieben hat und bei den Fans ein geachteter Experte ist. Er entdeckt auf dem Überwachungsvideo, dass der Mörder kein „Beyond Earth“-Fan ist, weil er Kostümteile aus verschiedenen Staffeln trug.

Das interessante Buch ist für uns Deutsche natürlich „Mr. Monk in Germany“. In den vergangenen Jahren war Lee Goldberg öfters in Deutschland. Vor allem mit „Action Concept“ (Alarm für Cobra 11) entwickelte er Projekte. Er gab mehrere Seminare und schrieb den okayen „Action Concept“-Film „Fast Track, No Limits“ (Arbeitstitel war wahrscheinlich „The Fast and the Furious – Berlin Drift“). Dafür war er öfters in Lohr und Berlin.

Monks Psychiater Dr. Charles Kroger nimmt im beschaulichen Lohr an einer Konferenz teil. Monk kann allerdings ohne seine regelmäßigen Sitzungen bei Dr. Kroger nicht leben. Er verfolgt ihn nach Deutschland. Natalie, die sich für Monks von Dr. Kroger initiierten Hawaii-Ausflug rächen will, nutzt die Gelegenheit für einen ungeplanten Urlaub.

Während sie Lohr für eine Märchenstadt hält, ist es für Monk die Hölle. Es ist alles krumm und schief. Überall ist Natur. Die Häuser wurden vor Jahrhunderten aus Holz und Lehm gebaut. Die Kinder erpressen Schutzgeld. Kurz: Unordnung und Bakterien überall.

Da trifft es sich gut, dass Monk auf dem Marktplatz einen Mann mit sechs Fingern entdeckt. Der Mörder seiner Frau Trudy hat auch sechs Finger. Auf der Konferenz trifft er den Sechfingrigen wieder. Es ist Dr. Martin Rahmer, der Leiter der Konferenz.

Außerdem entdeckt Monk, dass ein Selbstmord in einem Mehrfamilienhaus ein gut getarnter Mord an einem Enthüllungsjournalisten war. Er will den Mörder finden.

Während seiner Ermittlungen muss Monk einen Abstecher nach Berlin machen. Er hält – zur Überraschung für alle Berliner, die mal wieder in einen Haufen Hundescheiße getreten sind – die Hauptstadt für perfekt.

„Wir haben das Paradies gefunden“, seufzte er glücklich.

„Diese Bauten haben überhaupt keinen Charakter oder irgendwelchen Charme“, widersprach ich. „Sie sind rein funktional.“

„Sie sagen das, als ob es etwas Schlechtes wäre“, erwiderte Monk. „Alle Gebäude passen perfekt zusammen.“

„Das ist ja das Problem“, widersprach ich. „Mann kann ja kaum eins vom anderen unterscheiden.“

„So sollten alle Städte aussehen“, meinte Monk.

„Und wo bleibt die Individualität?“

„Ich bin ein großer Freund der Individualität, solange sie nicht irgendwie hervorsticht“, erklärte er.

Auch mit den, in der Chronologie, gut geplotteten Monk-Büchern vier, fünf und sechs hält Lee Goldberg das Niveau der vorherigen Bände. Einerseits verkürzen sie für die Fans der Serie das Warten auf neue Folgen, andererseits können sie auch gut als witzige Privatdetektivromane bestehen. Denn auch wenn Monks Verhalten immer seltsamer wird (Teilweise ist es sogar ein Rätsel, wie er überhaupt vor die Tür gehen kann, wenn er nicht durch eine Drehtür gehen kann, auf Pflastersteinen einen Veitstanz aufführt oder wegen einer verlorenen Socke die Polizei alarmiert.), steht er natürlich in der Tradition der großen literarischen Detektive von Sherlock Holmes über Hercule Poirot hin zur, hm, Parodie Nero Wolfe (um nur einige bekannte Namen zu nennen). Seine Gehilfin Natalie Teeger reportiert schnoddrig die Fälle und die beiden Polizisten Captain Leland Stottlemeyer und Lt. Randall Disher halten loyal zu ihrem bestem Aufklärer, der viele Fälle bereits während der Besichtigung des Tatortes löst. Denn obwohl für sie die Lösung überraschend ist, ist sie für Adrian Monk von Anfang an offensichtlich.

Neben den Fällen und den Witzen beschäftigt Goldberg sich auch immer mit ernsteren Themen, wie Verantwortung, Zugehörigkeit zu Gruppen (besonders in „Mr. Monk und die Außerirdischen“) und dem Umgang mit missgestalteten Personen (in „Mr. Monk in Germany“).

Lee Goldberg: Mr. Monk und seine Assistentinnen

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini Books, 2008

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk and the two Assistants

Obsidian 2008

288 Seiten

Lee Goldberg: Mr. Monk und die Außerirdischen

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini Books, 2008

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk in outer space

Obsidian, 2008

304 Seiten

Lee Goldberg: Mr. Monk in Germany

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini Books, 2008

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk goes to Germany

Obsidian, 2008

288 Seiten

Anmerkungen

Die deutschen Namen in „Mr. Monk in Germany“, wie Stoffmacher, Geschier und Schust, sind störend undeutsch.

Selbstverständlich schreibt Goldberg im Original nicht „seufzte glücklich“, „widersprach“, „meinte“, sondern immer nur „said“, „said“, „said“.

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

USA Network über „Monk“

Thrilling Detective über Adrian Monk

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)


Ein anderer Blick auf Kinky Friedmans neuen Roman

Januar 23, 2009

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Als Leser verbringe ich einige Stunden mit einem Buch. Der Übersetzer verbringt einige Monate (in seltenen Fällen sogar einige Jahre) mit einem Buch. Das schärft den Blick für die Qualitäten und versteckten Fallen einer Geschichte. Gunnar Kwisinski, der Übersetzer des neuesten Kinky-Friedman-Romans „Der Gefangene der Vandam Street“, schrieb mir eine Mail zu meiner Besprechung des Romans, die ich euch nicht vorenthalten will. Denn die von ihm erwähnten Punkte eröffnen einen anderen Blick auf den Roman (und lassen mich über die Frage nachdenken, wie Serienhelden altern können):

Der Gefangene ist ein gutes Buch, sehr gut konstruiert und durchgearbeitet – aber natürlich anders als die frühen Kinkys.

Es geht um Alter, Krankheit, angewiesen sein auf andere. Und zwar von Anfang an. Schwerhörigkeit bei McGovern (die durch ein Hörgerät zu beheben wäre), Krankheit (natürlich kinkytypisch die erfundene, überzogene Malaria), Krankenhaus, Rollstuhl, Umgang mit Rollstuhlfahrern.

Dann in der Wohnung. Allein und auf andere angewiesen. Die alten Kumpel und Chaoten sind aber auch alt geworden, kriegen nicht mehr viel auf die Reihe, sind genervt voneinander und vertragen ihre Drogen auch nicht mehr so richtig. Was früher noch locker und witzig war, ist jetzt ein ziemliches Elend. Nach einer durchzechten Nacht sind die eben nicht mehr leicht verkatert, sondern sie liegen schlaff im Hauseingang rum. Und die Witze …(Katzenscheiße) sind auch nicht mehr so komisch wie früher, als alle mitgekifft haben.

Der Krimi: Der alte, kranke Kinky kann nicht raus. Die anderen glauben dem alten kranken Knacker nicht (der ja auch früher noch Drogen genommen hat). Die kleine Welt um ihn herum wird chaotisch und unangenehm, mit dem Fernglas ist auch nicht viel zu sehen. Kinky flüchtet sich in melancholische Erinnerungen an bessere Jugendtage mit Eltern, Kolibris, etc, und seine alte große Liebe.

Dann sieht er was. Sehr konsequent „Häusliche Gewalt“. Er will eingreifen, kann aber nicht. Er schickt andere, die können und oder wollen auch nicht mehr wie früher. Die Polizei ist von wirren Alten sowieso genervt, außerdem sei häusliche Gewalt alltäglich und ja nicht so schlimm. Dass gerade der hilflose auf Hilfe im Haus angewiesene Kinky sich mit häuslicher Gewalt beschäftigt ist auch nur folgerichtig.

Auch der Freund von außen (der noch nicht von dem älter werdenden Kinky genervt ist) reagiert nur für kurze Zeit wirklich wohlwollend. Irgendwann muss er auch wieder weg.

Am Ende kann unser Held das Opfer nicht retten, weil er nicht mehr die Kraft dazu hat. Und auch weil das Opfer ihn nicht ernst nimmt. Dem jungen, vor Energie sprühenden Kinky wäre das nicht passiert. So ist es nur folgerichtig. Erst Wochen (Monate?) später erkennt er, dass er tatsächlich recht hatte, aber auch da will es in der schnelllebigen, für junge Menschen gebaute Stadt keiner mehr wissen.

So, und wenn man das vor der Folie der alten Kinkys liest, ist es ein längst nicht mehr so witziges Buch, das andere Themen als die frühen behandelt und einen ganz anderen Charakter hat, aber gewiss nicht schlecht ist. Kinky kämpft immer noch für Außenseiter – aber eben für andere.

Alle trauern den alten Kinky-Krimis nach, es wäre aber ja noch schöner, wenn Kinky sich nach 20 Jahren nicht verändert hätte. Das Alterswerk (sogar mit ironischem Metadiskurs, ob es denn „literarischer“ wäre – auch das gehört dazu), ist erst einmal anders. Und das müsstest du als Kritiker ernst nehmen. Wenn das dann erst einmal benannt ist – und der Roman nicht nur als schlecht und „früher war er besser“ tituliert wurde – kann man darüber sprechen, ob es wirklich gelungen ist (ich finde das schon) und was einem besser gefällt. Mein Hauptkritikpunkt wäre dann, dass man die alten Kinkys als Folie braucht, um diesen so richtig genießen zu können.Aber mit dieser Folie wird das Ganze dann auch wieder komisch.

Das Problem liegt aber immer noch darin, dass Kinkys Romane eben nicht wie Literatur oder „anspruchsvolle Krimis“ behandelt werden, sondern sich alle leichte, lockere Unterhaltung davon versprechen und sich ärgern, wenn diese Erwartungshaltung nicht erfüllt wird.


Meine Tops und Flops 2008

Januar 23, 2009

Sie wurden lange angekündigt und sind jetzt (wunderschön bebildert) online bei den Alligatorpapieren.

Und ich bereite schon die nächste Spurensuche vor. In ihr werden mehrere Sammlungen von Kurzgeschichten und Kurzromane (Novellen? Längere Kurzgeschichten? Hmhm.) vorgestellt.