„Kaliber .64“ trifft dreimal ins Schwarze

Oktober 31, 2007

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Die neue „Kaliber .64“-Lieferung ist rundum geglückt. Robert Hültner, Edith Kneifl und Carlo Schäfer schrieben drei spannende Geschichten zum seit den frühen Tagen der Menschheit beherrschenden Thema „Mord und Totschlag“.

Vergesst Schenkel, lest Hültner. Bereits mit seinem Debüt „Walching“ legte Robert Hültner einen in den frühen Zwanzigern tief in der bayerischen Provinz  spielenden gelungenen Kriminalroman vor. Die weiteren Kajetan-Romanen spielten ebenfalls in diesem bewegten Jahrzehnt. Mit der 1921 in München spielenden Geschichte „Ende der Ermittlungen“ lässt er Kajetans Kollegen Pius Grohm ermitteln. Er soll den Mörder des erschossenen und in eine Sickergrube geworfenen Ganoven Franz Kern suchen. Dieser wollte mit seiner Künftigen, dem Freudenmädchen Thekla Meierhöfer, in Österreich ein neues Leben beginnen. Das Startkapital, denkt sich Grohm, konnte Kern nur mit einer Erpressung oder einem Diebstahl erlangen. Er verdächtigt vor allem einen französischen Diplomaten, der allerdings ein ausgezeichnetes Alibi hat, und die NSDAP-Ortsgruppe, in der Kern Mitglied war. Als Grohms Vorgesetzter ihm empfiehlt vor allem in die Richtung eines Streits unter Ganoven zu ermitteln, interessiert er sich nur noch für die anderen Spuren.

„Ende der Ermittlungen“ ist ein spannender Whodunit vor dem Hintergrund des politisch unruhigen München im Frühsommer 1921. Die Nazis beginnen sich in der Gesellschaft und der Polizei auszubreiten. Grohm, als Individualist, mag weder sie noch ihre politischen Gegner. Hültner treibt – schließlich hat er nur die reihenbestimmenden 64 Seiten – die Ermittlungen in pointierten Dialogen und knappen Szenen voran. Das München der frühen Zwanziger Jahre zeichnet er mit einigen kräftigen Strichen. So soll sich ein guter historischer Kriminalroman lesen.

Die Grundidee für „Der Tod ist eine Wienerin“ hat sich Edith Kneifl natürlich bei Patricia Highsmith ausgeborgt: zwei Fremde treffen sich in einem Zug und verabreden, für die andere Person einen Mord auszuführen. Bei Kneifl treffen sich vier Frauen im Besprechungszimmer einer „Beratungsstelle für Frauen in schwierigen Lebenslagen“, die in einem zerfallenden Mietshaus residiert. Die Teilnehmerinnen geben sich Pseudonyme und klagen sich gegenseitig ihr Leid mit ihren Männern, die sie gerne los wären, aber, meistens aus monetären Gründen, kommt eine Scheidung nicht in Frage. Da entsteht in der Runde die Idee, sich zu helfen und gegenseitig ihre Männer umzubringen.

Auch die Ich-Erzählerin Nora wäre ihren Mann gerne los. Sie lieben sich nicht mehr. Er ist arbeitslos. Seine Freundin ist schwanger und ebenfalls arbeitslos. Nora dagegen verdient als Anästhesistin im Allgemeinen Krankenhaus und hat von ihren Eltern eine große Erbschaft erhalten. Das Geld und die Häuser möchte sie behalten. Den Mann nicht. Nachdem sich ihr Mann bei einem Treffen wieder einmal daneben benimmt, ist sie mit einem tödlichen Unfall bei seiner abendlichen Joggingrunde einverstanden.

„Der Tod ist eine Wienerin“ ist eine hübsch-gemeine schwarzhumorige Geschichte, in der ohne Gewissensbisse Menschen umgebracht werden, weil sie den eigenen Zielen im Weg stehen.  Dass hier die Männer noch ziemlich nichtsnutzige Ekelpakete sind, erhöht natürlich nur die Bereitschaft zur Selbstjustiz – oder sollen wir besser sagen zur tätigen Nächstenliebe?

Einen Ehrenplatz in diesem Club der mordenden Frauen hätte sich Pfarrer Tobias Schmutz verdient, wenn er nicht der Held in Carlo Schäfers „Kinder und Wölfe“ wäre. Denn Schmutz („Schmuuz, mit langem ‚u’.“) ist ein Choleriker, Menschenhasser, Trinker und Faulpelz. Trotzdem will ihn die evangelische Kirche aus, auch für Schmutz nicht nachvollziehbaren Gründen, nicht entlassen. Stattdessen versetzt sie ihn auf eine halbe Stelle in Birgerberg, einer kleinen Winzergemeinde im Kaiserstuhl, in der schon seine Vorgänger ein Trümmerfeld hinterlassen haben. Erst als der fünfjährige Marvin Sänger ermordet wird, beginnt sich in Schmutz ein Rest von Mitgefühl zu regen. Er hält, auf Bitten der katholischen Eltern, die Trauerrede. Doch wirklich aktiv wird Schmutz erst, als die Polizei seinen Organisten, den alten, verwirrten Gremser verhaftet. Er muss einen Justizirrtum verhindern. Denn „Man ist kein Mörder, wenn man Orgel spielt.“.

Der Krimiplot ist in „Kinder und Wölfe“ nebensächlich. Dafür unterhält Pfarrer Schmutz mit seinen Eskapaden prächtig. Denn Schmutz pöbelt jeden an, benimmt sich immer wie ein Elefant im Porzellanladen, fühlt sich danach schlecht, vermeidet – meistens erfolgreich – die Aufgaben eines Pfarrers oder führt sie auf höchst unkonventionelle Art durch. Das Vorbild für Schäfers Pfarrer Schmutz ist daher nicht der nette Pater Brown, sondern Fitz, ohne dessen psychologisches Einfühlungsvermögen.

Nachdem bei den früheren „Kaliber .64“-Lieferungen einige Autoren Probleme hatten, eine Geschichte zu erzählen, die genau zur Reihenvorgabe passt, gelang es ihnen dieses Mal. Denn 64 Seiten sind mehr als eine Kurzgeschichte, aber weniger als ein Roman. Eine aufgeblähte Kurzgeschichte oder die Readers Digest-Version eines Romans sind schlechte „Kaliber .64“-Geschichten.

Dagegen konzentrieren sich Robert Hültner, Edith Kneifl und Carlo Schäfer in ihren Erzählungen immer auf einen Charakter und eine Geschichte, die dann in wenigen Szenen schnörkellos hin zu ihrem Ende erzählt wird. So haben sie drei kurzweilige Empfehlungen für sich geschrieben.

 

 

Robert Hültner: Ende der Ermittlungen

(Kaliber .64 Band 12, herausgegeben von Volkers Albers)

Edition Nautilus, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

 

Homepage von Robert Hültner

 

Edith Kneifl: Der Tod ist eine Wienerin

(Kaliber .64 Band 11, herausgegeben von Volkers Albers)

Edition Nautilus, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

 

Homepage von Edith Kneifl

 

Carlo Schäfer: Kinder und Wölfe

(Kaliber .64 Band 10, herausgegeben von Volkers Albers)

Edition Nautilus, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

 

Homepage von Carlo Schäfer

 

Besprechungen der vorherigen „Kaliber .64“-Bücher:

Horst Eckert: Der Absprung

Gunter Gerlach: Engel in Esslingen

Frank Göhre: Der letzte Freier

Susanne Mischke: Sau tot

Regula Venske: Mord im Lustspielhaus

Gabriele Wolff: Im Dickicht


Die volle Ladung „St. Pauli Nacht“

Oktober 31, 2007

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Frank Göhre kommt einfach nicht weg vom Kiez. In den Achtzigern schrieb er die St. Pauli-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), „Der Tod des Samurai“ (1989) und „Der Tanz des Skorpions“ (1991). Für diese Bände recherchierte er viel auf Hamburgs bekanntester Straße. Als er mit „Der Tanz des Skorpions“ fertig war, schrieb er, inspiriert durch einen Brand und die Geschichten einer Nacht, mit dem Reigen „St. Pauli Nacht“ einen gelungenen Nachschlag. Denn Göhre hatte noch viele Kiezgeschichten in seinem Archiv.

„Ich habe zu jeder einzelnen Geschichte von ‚St. Pauli Nacht’ einen engen persönlichen Bezug. Wenn ich sie miteinander verknüpfe, kann ich nur sagen: Das ist für mich das Leben von St. Pauli, wahrer als das, was wir sonst in Fernsehserien oder im Kino sehen.“ (Frank Göhre)

Er erzählt in seiner knappen Prosa von Menschen, die auf der Reeperbahn mehr oder weniger legal arbeiten, und den Besuchern. Dabei sind ihre Schicksale locker, aber schicksalhaft, miteinander verknüpft. „St. Pauli Nacht“ ist ein Gemälde, das durch seinen skizzenhaften Charakter das Bild einer Großstadt zwischen Gosse und Nobelhotel entwirft.

Kaum war das Buch 1993 veröffentlicht, meldete sich nicht gerade Hollywood, aber zu irgendeinem Zeitpunkt war jeder gute deutsche Regisseur in die geplante Verfilmung involviert. Göhre meint zutreffend, dass das große Interesse und auch die Probleme an der offenen Struktur von „St. Pauli Nacht“ lagen. Jeder konnte seinen Lieblingscharakter herauspicken. Jeder konnte seine Filmgeschichte formulieren. Allerdings hatten Autor Göhre, der zugestimmt hatte, das Drehbuch zu schreiben, die Produzenten und die wechselnden Regisseure immer wieder verschiedene Vorstellungen über den zu drehenden Film. Irgendwann kam „Der bewegte Mann“ Sönke Wortmann an Bord. Er sagte, zur allgemeinen Erleichterung, dass sein Film möglichst nahe bei dem Buch bleiben sollte. Zwei existierende Drehbuchversionen gefielen ihm sehr gut. Bekannte Schauspieler sagten zu und Wortmanns Short Cuts auf der Reeperbahn wurde gedreht. Der etwas zu geleckte Film ist dann auch sehr Nahe am Buch: Struktur, Charaktere, Dialoge – alles wurde ohne große Änderungen übernommen.

Frank Göhre, der das prämierte Drehbuch zur Verfilmung schrieb, setzte sich für die Neuausgabe von „St. Pauli Nacht“ wieder an seinen Schreibtisch und überarbeitete das ursprüngliche Manuskript. Er straffte die Handlung, arbeitete die Beziehungen der Charaktere untereinander deutlicher heraus und überarbeitete den Text.

Schon die ersten Sätze zeigen die Richtung.

Im Original steht:

„Gegen halb sechs nachmittags hörte Johnny, dass er gekillt werden sollte, knapp drei Stunden später war er tot.

Es war Freitag, der 30. April, ein für die Jahreszeit ungewöhnlich sonniger und heißer Tag. Johnny hatte soeben eine erfrischende Dusche genommen und trat, nur mit einem um die Hüften geschlungenen Badetuch bekleidet, auf den Balkon der Drei-Zimmer-Albbauwohnung in der zweiten Etage.“

In der Neuveröffentlichung steht:

„Gegen halb sechs, am Vorabend einer Vollmondnacht, hörte Johnny, dass er gekillt werden sollte, knapp drei Stunden später war er tot.

Es war Mittwoch, der 19. Mai, der Tag vor Christi Himmelfahrt, und es war sonnig und angenehm warm. Johnny hatte soeben eine erfrischende Dusche genommen und trat nun, nur mit einem um die Hüften geschlungenen Badtuch bekleidet, auf den Balkon der Drei-Zimmer-Altbauwohnung in der zweiten Etage.“

Neben den stilistischen Änderungen und Straffungen warf Göhre das Kapitel „Karin“ heraus und schrieb das den Roman abschließende Kapitel „Fedder“ neu. Es bietet jetzt den Übergang zu der ebenfalls in der Neuausgabe abgedruckten Geschichte „Rentner in Rot“. Diese Kommissar Fedder-Geschichte erschien 1998 als erster Band der vom Hamburger Abendblatt herausgegebenen Reihe „Schwarze Hefte“.

In ihrer Wohnung wird die Rentnerin Inga Klausner nach einer Urlaubsreise erstochen. Fedder sucht in Eimsbüttel den Mörder.

Die auf tausend Exemplare limitierte Neuauflage von “St. Pauli Nacht” enthält außerdem ein informatives Nachwort von Frank Göhre und die DVD des nicht mehr erhältlichen Films „St. Pauli Nacht“. Insgesamt ein Schnäppchen und ein potentielles Sammlerstück.

 

Frank Göhre: St. Pauli Nacht

(einmalige, überarbeitete Sonderausgabe mit „Rentner in Rot“, einem Nachwort und der  Film-DVD)

Pendragon Verlag, 2007

224 Seiten

14,80 Euro

 

 

Vorherige Ausgaben:

St. Pauli Nacht

(mit Filmbildern, Informationen zu den Machern und einem Interview mit Frank Göhre und Sönke Wortmann)

Rororo, 1999

224 Seiten

 

St.-Pauli-Nacht

Rororo, 1993

208 Seiten

 

Rentner in Rot

Schwarze Hefte – Band 1, 1998

64 Seiten

 

Die Verfilmung:

St. Pauli Nacht (D 1999, R.: Sönke Wortmann)

Drehbuch: Frank Göhre

Mit Benno Führmann, Armin Rohde, Oliver Stokowski, Florian Lukas, Valerie Niehaus, Ill-Young Kim, Kathleen Gallego Zapata, Maruschka Detmers, Axel Milberg, Petr Sattmann, Christian Redl, Doreen Jacobi, Wotan Wilke Möhring, Ercan Durmaz, Heiner Lauterbach

 

Hinweise:

Homepage von Frank Göhre

Drehbuch „St. Pauli Nacht“

Meine Besprechung von „Zappas letzter Hit“

Meine Besprechung von „Der letzte Freier“

Alligatorpapiere über die Schwarzen Hefte

 

Frank Göhre liest auf den „Krimi Tage Berlin“ aus „Zappas letzter Hit“ (dem vierten Band seiner St. Pauli-Trilogie; Vorleser: Klaus Schindler):

Mittwoch, 31. Oktober, 20.00 Uhr, Muschiobermeier (Torstrasse 151)

Donnerstag, 1. November, 20.00 Uhr, KMA 36 (Karl-Marx-Allee 36)


John Rebus, Edinburgh und der G8-Gipfel

Oktober 30, 2007

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Langsam erreicht John Rebus das Pensionsalter. Doch in „Im Namen der Toten“ legt sich Ian Rankins Detective Inspector John Rebus noch einmal mit allen, vor allem Vorgesetzten und anderen mächtigen Männern, an. Dabei verwendet Rankin auf den ersten Blick kaum Zeit für den Kriminalfall, sondern viel mehr für ein Porträt von Edinburgh während des G8-Gipfels in Gleneagles 2005.

Denn vor dem Gipfel dachte Rankin, dass dieses Ereignis gut den Hintergrund für einen Rebus Roman abgeben könne. Während des Gipfels machte er sich eifrig Notizen. Nach dem Gipfel schrieb er „Im Namen der Toten“ und verknüpfte wieder einmal kunstvoll mehrere Geschichten miteinander.

Das haben sich die Vorgesetzten von John Rebus gut ausgedacht. Während die gesamte Polizei irgendwie mit dem G8-Gipfel beschäftigt ist, soll Rebus Dienst nach Vorschrift – und vor allem weit ab von den hohen Gästen – machen. Doch nachdem in Clootie Well bei Auchterade, mitten im Sperrgebiet um Gleneagles, an einem Baum ein Stück der Jacke des vor sechs Wochen ermordeten Cyril Collier gefunden wird, tummelt Rebus sich mit Detective Sergeant Siobhan Clarke am falschen Ort herum. Nur mühsam können sie ihre Ermittlungen beginnen. Schon bald erfahren sie, dass neben der Jacke noch Kleider von zwei weiteren, vor wenigen Wochen ermordeten Sexualstraftätern baumeln. Sie haben es mit einem Serientäter zu tun, dessen nächster Mord schon lange überfällig ist.

Bevor Rebus und Clarke erste Ergebnisse vorweisen können, bietet Gangsterboss Big Ger Cafferty seine Hilfe an. Immerhin hat Collier zuletzt für ihn gearbeitet und die Informationen, die er seinem Intimfeind Rebus gibt, sind brauchbar.

Als ob John Rebus mit der Suche nach dem Serienkiller nicht schon genug Arbeit hätte, muss er sich auch in den tödlichen Sturz des angesehenen, ehrlichen Außenpolitikers Ben Webster einmischen. Er war Parliamentary Private Secretary, die rechte Hand des Ministers und starb bei einem Sturz vom Edinburgh Castle. Auch hier legt sich Rebus sofort mit Commander David Steelforth an. Denn dieser soll für den sicheren Ablauf des Gipfels sorgen und dazu gehört auch, dass er Rebus keine Informationen gibt.

Wie in den vorherigen Rebus-Romanen, hantiert Ian Rankin in „Im Namen der Toten“ geschickt mit mehreren Plotlinien, die John Rebus und Siobhan Clarke ähnlich stark involvieren. Dabei sind die auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Geschichten letztendlich viel stärker miteinander verknüpft, als es beim Lesen wirkt. So hat Siobhan Clarkes Begegnung mit ihren Eltern, die als Demonstranten Edinburgh besuchen und ihre Jagd nach dem Mann, der ihre Mutter während einer Demonstration krankenhausreif schlug, zunächst nichts mit dem Mordfällen zu tun. Am Ende allerdings doch.

Denn Rankins Charaktere stoßen in den einzelnen Geschichten immer wieder Entwicklungen an, die sich auch auf die anderen Geschichten auswirken. Deshalb wirkt „Im Namen der Toten“ trotz der fast sechshundert Seiten sehr kompakt und kurzweilig. In der zweiten Hälfte lockern einige „Columbo“-hafte Szenen „Im Namen der Toten“ auf. Rebus und Clarke schlagen sich am 6. Juli in Gleneagles auf ihrer Suche nach Santal durch die verschiedenen Fronten und sorgen für ein gehöriges Chaos. Als Rebus am nächsten Tag von seinem Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, schützt er eine beginnende Altersvergesslichkeit vor.

„Im Namen der Toten“ ist, obwohl der vorletzte Band der Rebus-Serie, eine ideale Möglichkeit in die Welt von John Rebus einzutauchen.

In England erschien vor wenigen Tagen „Exit Music“, der wahrscheinlich letzte Rebus-Roman. Im Moment schreibt Ian Rankin für die Scottish Opera Company ein Opernlibretto, für DC Comic ein Hellblazer-Comicbuch und er erweitert seinen fünfzehnteiligen New York Times-Fortsetzungsroman „Doors Open“ zu einem Roman.

 

Ian Rankin: Im Namen der Toten

 (übersetzt von Juliane Gräbener-Müller)

Manhattan, 2007

592 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Naming of the Dead

Orion Books, London, 2006

 

Die John Rebus-Romane:

1)     Verborgene Muster (Knotts & Crosses , 1987)

2)     Das zweite Zeichen (Hide & Seek, 1991)

3)     Wolfsmale (Wolfman; Tooth & Nail, 1992)

4)     Ehrensache (Strip Jack, 1992)

5)     Verschlüsselte Wahrheit (The Black Book , 1993)

6)     Blutschuld (Mortal Causes, 1994)

7)     Ein eisiger Tod (Let it Bleed, 1995)

8)     Das Souvenir des Mörders (Black & Blue, 1997)

9)     Die Sünden der Väter (The Hanging Garden, 1998)

10) Die Seelen der Toten (Dead Souls, 1999)

11) Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness, 2000)

12) Puppenspiel (The Falls, 2001)

13) Die Tore der Finsternis (Resurrection Men, 2002)

14) Die Kinder des Todes (A Question of Blood, 2003)

15) So soll er sterben (Fleshmarket Close, 2004)  

16) Im Namen der Toten (The Naming of the Dead, 2006)

17) Exit Music, 2007

 

Die kurzen Auftritte von John Rebus:

A Good Hanging and other Stories, 1992 (Zwölf Rebus-Kurzgeschichten)

Death is not the End, 1998 (Novelle, später ausgearbeitet zu Dead Souls)

Beggars Banquet, 2002 (21 Kurzgeschichten, sieben davon mit John Rebus, und „Death is not the End“)

The Complete Short Stories, 2005 (enthält „A Good Hanging and other Stories“ und „Beggars Banquet“ und die neue Rebus-Geschichte „Atonement“)

 

Hinweise:

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Ian Rankin-Seite

Meine Besprechung von „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 

Ian Rankin auf Lesereise:

Montag, 3. Dezember: Berlin: Thalia Ring Center II

Dienstag, 4. Dezember: Hamburg: BH Weiland, Altona

Mittwoch, 5. Dezember: Wien: Rabenhof Theater, Rabengasse 3

Donnerstag, 6. Dezember: Zürich: Kaufleuten, Pelikanplatz


Hochgelobter Langweiler

Oktober 29, 2007

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Die Zahl der Auszeichnungen für John Harts Debüt „Der König der Lügen“ ist imponierend. Publishers Weekly zählte es zu den Büchern des Jahres. Es stand mehrere Wochen auf der New York Times Bestsellerliste. Die Filmrechte sind verkauft (was allerdings nicht so viel heißt). Es wurde als Bestes Debüt für den Anthony, Barry, Edgar, Macavity und SIBA Preis (für gute Bücher aus den Südstaaten) nominiert. Es erhielt den Gumshoe Preis als bestes Debüt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Denn John Hart scheint für das Genre die neue Stimme aus den Südstaaten zu sein und sogar über die Genregrenzen hinweg akzeptiert zu werden. Immerhin verbindet Hart einen Kriminalroman mit einem Südstaatenfamiliendrama und einer nachgeholten Entwicklungsgeschichte.

Die ersten Zeilen sind auch gelungen. Auf der vierten Seite erfährt der Ich-Erzähler Jackson Workman Pickens, dass sein Vater Ezra nach achtzehn Monaten gefunden wurde. Er wurde ermordet. In diesem Moment schaltet John Hart mehrere Gänge zurück und bewegt sich durch die folgenden über vierhundert dichtbedruckten Seiten im Kriechgang. Denn der Strafverteidiger Jackson Workman Pickens ist letztendlich ein Trottel. Einer, der sich von allen herumstoßen lässt und fast mit Waffengewalt zu irgendwelchen Aktionen getrieben werden muss. Dabei sitzt Pickens ziemlich in der Patsche.

Sein Vater, der titelgebende „König der Lügen“, war ein Tyrann, der für den Tod seiner Frau verantwortlich war. Er besaß viel Geld und in der kleinen Stadt in North Carolina entsprechend viel Einfluss. Feinde hatte er also genug.

Aber Detective Mill hält sich an die alte Polizistenregel, dass der Hauptprofiteur eines Verbrechens der Täter ist. Pickens erbt das Millionenvermögen seines Vaters. Er wird damit für Mill zum Hauptverdächtigen und ihre Ermittlungen erhärten ihren Verdacht immer mehr.

Entsprechend den Genrekonventionen müsste der Hauptverdächtige versuchen seine Unschuld zu beweisen. Das tut er auch irgendwie. Aber auf eine so verschnarchte und bescheuerte Art, dass er sich in den Augen von Detective Mill nur noch verdächtiger und uns Leser immer wieder fassungslos macht. Er sucht auf eigene Faust am Tatort die Tatwaffe, fasst sie mit bloßen Händen an und wirft sie in einen Fluss. Dümmer geht’s nicht. Auch nicht für einen Anwalt. Der Grund für sein dämliches Verhalten – so erzählt Pickens uns – ist, dass er glaubt, seine Schwester Jean habe Ezra Pickens umgebracht. Beweise – immerhin ist er Strafverteidiger  – braucht er nicht. Dass sie nicht die Mörderin ist, ist nahe liegend und Pickens hätte es in einem Gespräch herausfinden können. Aber dann hätte er den richtigen Mörder suchen müssen.

Pickens entdeckt sogar den im Boden der Kanzlei versteckten Safe auf Seite 69. Er ist sich sicher, dass irgendetwas Wichtiges in dem Safe versteckt ist. Immerhin hat er vorher einen Einbrecher, der unerkannt flüchten konnte, in dem Zimmer erwischt. Doch erst auf Seite 400 öffnet er ihn und entdeckt das Mordmotiv. Wenige Seiten später ist der Mörder, dank eigener Mithilfe, überführt.

Viel mehr Zeit als mit dem Kriminalfall füllt John Hart mit Nichtigkeiten über das Leben seines passiven Erzählers. Er schreibt, immer in epischer Breite, dass Pickens sich gerne mit einem Bier in der Hand die Sonnenuntergänge ansieht, die Ehe mit seiner ehrgeizigen Frau Barbara hoffnungslos zerrüttet ist, er immer wieder Sex mit seiner wahren Liebe Vanessa hat, seine Schwester Jean mit einer Frau zusammenlebt, sie nichts von ihm wissen willen, er in Ezra Pickens mit Auflagen gespicktem Testament der Hauptbegünstigte ist und mehrere Menschen raten ihm, teils mehrmals, sein Schicksal endlich in die eigenen Hände zu nehmen. Pickens braucht diese ständigen Wiederholungen vielleicht, aber als Leser haben wir das bereits nach dem ersten Mal verstanden und langweilen uns. Denn nichts davon bringt die Handlung voran oder gibt uns einen tieferen Einblick in den Charakter von Pickens.

Außerdem ist „Der König der Lügen“ eine Variante des Idiotenplots. Wenn zu irgendeinem Zeitpunkt einer der wichtigen Charaktere geredet hätte, wäre die Geschichte vorbei gewesen. 

   

John Hart: Der König der Lügen

(übersetzt von Rainer Schmidt)

Bertelsmann, 2007

448 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe

The King of Lies

Thomas Dunne Books, 2006

 

Homepage des Autors 

 


Sallis überzeugt hundertprozentig

Oktober 24, 2007

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Perfekt. Damit ist schon alles über das neue Buch des Noir-Poeten James Sallis gesagt. „Driver“ ist ein Noir-Roman. „Driver“ ist hohe Literatur. Er wird aber nicht als literarischer Kriminalroman beworben, weil das für Krimifans ein Warnsignal ist. Denn ein literarischer Kriminalroman ist meisten das Synonym für einen schlechten Krimi, der mit etwas hochkulturellem Wissen aufgepeppt wurde, ist. Nein, „Driver“ ist die volle Ladung auf 160 Seiten. Kein Wort zuviel. Keines zuwenig.

Und das macht es auch so schwer über „Driver“ zu schreiben. Denn allzu leicht entsteht der Eindruck, dass James Sallis einen Roman vorgelegt hat, in dem er mit seinem Wissen protzt und der Rezensent das mit seinem Wissen überbieten will. Dabei ist „Driver“ beim Lesen vor allem ein atemberaubend genau konstruierter, gut geschriebener, sich seiner literarischen und filmischen Vorbilder sehr bewusster, höchst unterhaltsamer, düsterer Gangsterkrimi.

Schon die ersten Zeilen sind stark. Driver liegt schwer verwundet in einem Hotelzimmer. Er hat sich an einem Überfall beteiligt, der schief gegangen ist. In diesem Moment endet sein altes Leben als Stuntman und unbeteiligter Fahrer von Fluchtfahrzeugen bei Überfällen. Sein neues Leben beginnt. Auf den folgenden Seiten erzählt Sallis, gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit springend, die Lebensgeschichte von dem namenlosen Fahrer. Mit wenigen Worten porträtiert er einen Mann am Rand der Gesellschaft, der sich in dieser Position bequem eingerichtet hat. Ohne ihn würde es zwar keinen Actionfilm und keinen Banküberfall geben, aber niemand kennt ihn.

Auch nicht in der Populärkultur. Bislang gibt es nur Walter Hills fast dreißig Jahre alten Actionfilm „Driver“ in dem der ebenfalls namenlose Fluchtwagenfahrer auch der Held ist. Aber in dem Thriller geht es um das Duell zwischen einem fanatischen Polizisten und einem Fluchtwagenfahrer. Sicher kennt Sallis den Film, aber noch nicht einmal der Originaltitel ist von dem Film übernommen. Denn im Original heißt der Roman „Drive“. Nicht viel besser sieht es mit Stuntmen als Hauptperson in einer Geschichte aus. Es gibt den Kopfgeldjäger-Stuntman Colt Seavers in der langlebigen TV-Serie „Ein Colt für alle Fälle“. Es gibt den durchgeknallten Stuntman Mike in Quentin Tarantinos „Death Proof“. Beide Stuntmänner haben mit James Sallis’ „Driver“, außer dem Beruf, nichts zu tun.

Dagegen hat James Sallis lakonischer Stil viel mit den stilisierten Gangsterdramen eines Jean-Pierre Melville und dem Jazz in seinen kühlen Varianten zu tun.

 

P. S.: Auf Seite 4 steht „Ed McBain, Donald Westlake und Larry Block gewidmet – drei großen amerikanischen Schriftstellern“.

P. P. S.: Universal Studio hat die Filmrechte gekauft. Die Drehbuchautoren sind, wie der Übersetzer, nicht zu beneiden. Denn alles in „Driver“ widersetzt sich einer angemessenen Verfilmung.

 

James Sallis: Driver

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Liebeskind, 2007

160 Seiten

16,90 Euro

 

Originaltitel:

Drive

Poisoned Pen Press, Scottsdale, Arizona, 2005

 

Hinweise:

Homepage von James Sallis

Crimespace: Criminal Calender: Barbara Peters interviewt James Sallis (2007? – sehr bescheidene Qualität mit vielen Bild- und Tonsprüngen; Sallis redet hauptsächlich über die verschiedenen Arten einen Roman zu schreiben)

3am: Richard Marshall interviewt James Sallis (2002)

Mordlust über James Sallis


Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Oktober 18, 2007

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Gleich auf der ersten Seite erhängt sich der neunzehnjährige Harold Chasen. Für den reichen Bengel hat das Leben einfach keinen Sinn. Seine Mutter, Mrs. Chasen, reagiert, während sie telefoniert, angemessen schockiert: „Also wirklich, Harold. Ich nehme an, du hältst das für wahnsinnig witzig. Es scheint dir völlig egal zu sein, dass die Crawfords heute zum Dinner kommen.“

Während des Dinners hat Harold Halsschmerzen und er verabschiedet sich früher. Wenig später liegt er blutend in der Badewanne. Jetzt reagiert Mrs. Chasen. Sie verlässt kreischend das Bad. In der darauf folgenden Sitzung bei seinem Psychiater Dr. Harley meint Harold zu seinem fünfzehnten inszenierten Selbstmord: „Es war der größte Erfolg, den ich in den letzten Wochen hatte.“

Wenn Harold nicht gerade, um endlich von seiner egozentrischen Mutter als Mensch wahrgenommen zu werden, Selbstmorde vorbereitet, fährt er mit einem Leichenwagen durch die Gegend und besucht Beerdigungen. Auf einer Beerdigung wird er von der fast achtzigjährigen, lebensfrohen Maude Chardin angesprochen. Während ihres ersten Gesprächs bemalt sie in der Kirche einige Heilige und klaut das Auto des Paters. Ihr Lebensmotto ist das genaue Gegenteil von Harolds Motto: „Probier jeden Tag was Neues. Schließlich leben wir, um das Leben zu entdecken. Man lebt ja nicht ewig.“

Schnell entsteht zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren eine tiefe Freundschaft. Harold will Maude sogar heiraten. In diesem Moment hört Mrs. Chasen ihm sogar einmal zu.

Die von Colin Higgins erfundene Geschichte von Harold und Maude traf 1971 natürlich den Zeitgeist des Programmkino-Publikums. Dort entwickelte sich der Film schnell zu einem Hit. Denn Higgins gelingt in seiner Geschichte die perfekte Balance zwischen Schwarzer Komödie, Gesellschaftssatire und Entwicklungsgeschichte. Harold entwickelt sich in wenigen Tagen, mit der tatkräftigen Hilfe einer antiautoritären Holocaust-Überlebenden, von einem todessehnsüchtigen zu einem lebensbejahenden Mann. Hal Ashby setzte die Geschichte adäquat mit einem beeindruckenden Ensemble und der Musik von Cat Stevens um.

Für die Romanfassung hielt sich Colin Higgins natürlich genau an die Szenenabfolge des Films (jedenfalls soweit ich mich im Moment an die Komödie erinnern kann). Er fügte nur das nötigste an erklärenden Sätzen bei. Marcel Keller übersetzte jetzt den Roman neu und „Harold und Maude“ ist immer noch eine berührende Geschichte. Denn die von Higgins geschaffenen Charaktere stehen für den zeitlosen Konflikt zwischen Lebensüberdruss und Lebensfreude.

 

Colin Higgins: Harold und Maude

(neu übersetzt und mit einem Nachwort von Marcel Keller)

Pendragon, 2007

168 Seiten

14,80 Euro

 

Originalausgabe:

Harold and Maude

J. B. Lippincott Company, 1971

 

Verfilmung:

Harold und Maude (Harold and Maude, USA 1971, Regie: Hal Ashby)

Drehbuch: Colin Higgins

Mit Bud Cort (Harold Chasen), Ruth Gordon (Maude), Vivian Pickles (Mrs. Chasen, Cyril Cusack (Glaucus), Charles Tyner (Onkel Victor), Ellen Geer (Sunshine Doré)

 

Hinweise:

Colin Higgins Foundation

„Harold and Maude“-Fanpage

Der Roman von Colin Higgins

Das Drehbuch von Colin Higgins


Mörderischer Bodensee

Oktober 16, 2007

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Die Geschmäcker sind verschieden. Teilweise sogar fundamental. Denn zu dem von Barbara Grieshaber und Siegmund Kopitzki herausgegebenen Sammlung von Kurzkrimis „Tod am Bodensee“ wurden ein Publikumspreis und, vergeben von einer dreiköpfigen Jury (Oswald Burger, Dietlind Karasek, Hermann Kinder), der Krimipreis der Stadt Singen vergeben. Den Krimipreis teilen sich Uta-Maria Heim für „Plan D – Das todsicher Allensbacher Rezept“ und Arnold Stadler für „Gleich hinter Zizenhausen, die Gegend hieß Mesopotamien“. Der Publikumspreis ging an Christof Hamann für „Der Fall des Mörders“.

Keine dieser Kriminalgeschichten stand auf meiner Favoritenliste.

Uta-Maria Heim erzählt in „Plan D – Das todsichere Allensbacher Rezept“ von einer Allensbacher Ehefrau, die ihren Mann umbringen will. Die vorherigen Mordpläne scheiterten. Jetzt startet sie ihren dritten Versuch. Das klingt gut. Aber es dauert unglaublich lange, bis dieser Plot erahnbar wird, denn die Erzählerin bereitet zuerst über fünf Seiten – wir reden hier von einer fünfzehnseitigen Kurzgeschichte – das Abendessen zu. Erst dann sagt sie, sie wolle ihren Mann umbringen. Auch das offene Ende irritiert. Denn es ist einfach unklar, ob überhaupt jemand gestorben ist.

Arnold Stadler erzählt in seinem Krimidebüt „Gleich hinter Zizenhausen, die Gegend hieß Mesopotamien – Kleine Kriminalkomödie und Blödsinn“ von dem Tod der Tante des Amateurermittlers Johannes Maria K., Karla Pyritz. JM soll ihren Mörder finden. Aber es könnte auch ein natürlicher Tod gewesen sein. Eine auch nur halbwegs nacherzählbare Geschichte entwickelt sich aus diesem Anfang nicht. Denn Stadler stellt nur episch seine Figuren, die natürlich auch alle verdächtig sind, vor und hört dann nach dreißig Seiten einfach mit dem Satz „Wie die Geschichte endete, steht in den hier fehlenden circa 20 Seiten“ auf. Damit ist Stadler ein Fall für Watching the Detectives (denn dpr überlegt, ob es Krimis geben könne, in denen am Ende kein Täter präsentiert wird). Für mich ist so ein Vorgehen einfach eine Missachtung des Lesers.

Christof Hamanns „Der Fall des Mörders“ ist als Überlegung zu Realität und Fiktion gelungen. Denn Hamann präsentiert keine klassische Geschichte, sondern die Überlegungen des Autors, wenn er einen wirklichen Fall als Inspiration für eine Geschichte nimmt. Was muss verändert werden? Was nicht? Wie ändere ich die Charaktere? Wie ändert sich dadurch der wahre Fall?

Das waren die Preisträger aus neunzehn Geschichten, die von wenigen altbekannten Krimiautoren, wie Peter Zeindler und Paul Lascaux (der unter seinem richtigen Namen Paul Ott das lesenswerte Sachbuch „Mord im Alpenglühen – Der Schweizer Kriminalroman: Geschichte und Gegenwart“ schrieb), und vielen bekannten Autoren, die hier teilweise ihr Krimidebüt vorlegen, wie Gaby Hauptmann, Arnold Stadler und Martin Walser, geschrieben wurden.

In diesem Potpourri wäre meine unumstrittene Gewinnerin Gaby Hauptmann mit „Stürmisch und heiter“.  

Während eines Sturms wird vor Allensbach ein herrenloses Schiff gefunden. Auf ihm soll eine Leiche sein. Von dieser findet die Polizei keine Spur, aber dafür einen Koffer voller Geld. Die Yacht gehört einem Schweizer Investor, der in Allensbach einen Swingerklub eröffnen will.

Hauptmanns spannende Geschichte mit ihrer überraschenden Pointe ist eine gelungene Satire auf das kleinstädtische Leben und die nicht nur am Bodensee herrschende Doppelmoral.

Gelungen mit Traum und Realität spielt Peter Höner in „Miss Bodensee“. Ein Medium hat einen Alptraum. Er träumt, wie er eine Frau umbringt. Am nächsten Tag ist sie tot und er fragt sich, ob er die Frau umgebracht hat oder das Geschehen nur durch die Augen des Mörders gesehen hat.

Walter Wolter erzählt in „Keine Verjährung“ von einem von der Polizei gesuchten Verbrecher, der bei einem alten Schulkameraden Unterschlupf findet. Schnell werden alte Geheimnisse gelüftet und alles steuert auf das erwartbare Ende zu.

Außer Konkurrenz ist Martin Walser mit der über dreißig Jahre alten Thassilo S. Grübel-Geschichte „Requiem in Langenargen“. Damals schrieb er mehrere längere Kurzgeschichten und Hörspiele mit dem Privatdetektiv Grübel, der sich seine Fälle verschafft, indem er zuerst ein Verbrechen begeht. So auch in „Requiem in Langenargen“. Grübel stiehlt die Tasche, die er später suchen muss. Dabei stochert er in dem gar nicht so perfekten Leben der Bodensee-High-Society herum. „Requiem in Langenargen“ ist eine nette, etwas verwirrende Detektivgeschichte. Im Gegensatz zu den neueren Ergüssen des Bodensee-Dichters ist die Geschichte auch gut geschrieben.

1991 entstand die sechsteilige, lange nicht mehr gezeigte Serie „Tassilo – Ein Fall für sich“ mit Bruno Ganz als Tassilo S. Grübel (Das „h“ ging in der Produktion verloren). Damals gefiel sie mir. Der Spiegel schrieb über die Serie: „Tassilo fungiert in Walsers Handlungskonstruktion als Katalysator, der die Verderbtheit der Reichen und Mächtigen in ihrer schmutzigen Reinheit hervortreibt, ohne dass sich der Detektiv je von klassenkämpferischem Ernst überwältigen ließe – ein Hofnarr unter reichen Narren.“ Für die in „Tod am Bodenee“ abgedruckte Grübel-Geschichte gilt das auch.

Die restlichen Geschichten sind, trotz aller Unterschiede, mehr oder weniger missglückte Versuche eine Kriminalgeschichte zu erzählen.

 

 

Barbara Grieshaber, Siegmund Kopitzki (Hrsg.): Tod am Bodensee

Gmeiner Verlag, 2007

384 Seiten

9,90 Euro

 

Enthält folgende Kurzgeschichten:

Uta-Maria Heim: Plan D – Das todsichere Allensbacher Rezept

Marc Buhl: Hammer

Jan Christ: Als der Pfau schrie

Gaby Hauptmann: Stürmisch und heiter

Jürgen Lodemann: Bergmörder

Christof Hamann: Der Fall des Mörders

Petra Gabriel: Boxnacht

Arnold Stadler: Gleich hinter Zizenhausen, die Gegend hieß Mesopotamien

Walter Wolter: Keine Verjährung

Reinhard Gröper: Ekkehards Tod

Otto Jägersberg: Der Maisfeldschläfer

Martin Walser: Requiem in Langenargen

Jutta Motz: Die Lichtung

Paul Lascaux: Zufällige Berührungen

Peter Zeindler: Komm, lieber Mai…

Keller + Kuhn: Julias Nachlass

Peter Höner: Miss Bodensee

Ulrike Längle: Sherlock Holmes in Schoppernau

Wolfgang Hermann: SPAM


Hochspannender, vergessener Krimi

Oktober 14, 2007

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„Von Angst gepeitscht“ ist der deutsche Titel von William P. McGiverns vor fünfzig Jahren erstmals erschienenen Kriminalroman. Bekannter dürfte der Originaltitel „Odds against tomorrow“ oder der der Verfilmung, „Wenig Chancen für morgen“ sein. Dabei lieferte McGivern – von ihm stammt auch die Vorlage zum Fritz Lang-Klassiker „Heißes Eisen“ (The big Heat, USA 1953) – nur die Grundidee und das Thema für den viel zu unbekannten Noir-Klassiker. Im Buch und im Film stellt Frank Novak ein gemischtrassiges Team für einen Banküberfall in dem Provinzkaff Crossroads, Pennsylvania, zusammen. Zwischen dem Südstaatler Earl Slater und dem Afroamerikaner John Ingram gibt es von der ersten Sekunde an Streit. Dennoch bereiten sie den Überfall vor und, entsprechend den Genrekonventionen – Wir reden von den Fünfzigern! –, geht dieser schief.  

Der Film endet in diesem Moment. Wise hat minutiös die Vorbereitungen und die Konflikte unter den Verbrechern, die zum Misslingen geführt haben, gezeigt. Die Aussage, dass der Hass zwischen Rassen zur Katastrophe führt, ist offensichtlich.

Aber William P. McGiverns Roman geht noch weiter. Er verliert kein Wort über die Vorbereitungen, sondern springt, nachdem das Team komplett ist, gleich zum Tag des Überfalls. Dieser endet bereits in der ersten Hälfte des Krimis in einem Desaster. Der dritte Mann, Dave Burke, wird erschossen, Slater verletzt und Ingram kann Slater in den Fluchtwagen zerren. Die beiden flüchten zu einem alten, in einer einsamen Hütte lebendem Ehepaar. Ingram holt aus Philadelphia Slaters Freundin und aus einem in der Nähe des Verstecks liegendem Dorf einen Arzt. Währenddessen zieht sich über ihnen das Netz der Polizei immer mehr zu.

In dieser Ausnahmesituation entwickelt sich langsam eine brüchige Freundschaft zwischen dem hilfsbereiten und zuverlässigen Ingram und dem Weltkrieg-II-Veteranen Slater. Dieser ist, im Gegensatz zum Film, im Roman die Hauptfigur. Mit ihm sollen sich die weißen Leser identifizieren und seine emotionale Reise vom Hass gegen Afroamerikaner hin zur Freundschaft mitmachen.

William P. McGivern thematisiert in „Von Angst gepeitscht“, mit Sicherheit als einer der ersten, vielleicht sogar der erste, Krimiautoren schonungslos die getrennten Welten von Afroamerikanern und Weißen und den zwischen ihnen herrschenden Rassismus. Dabei ist John Ingram sogar der integerste Mann unter den Verbrechern. Er ist ein Spieler, der einfach zu viele Schulden machte. Slater saß bereits mehrmals im Gefängnis und Burke ist ein korrupter Ex-Polizist.

Sein Thema transportiert William P. McGivern unterschwellig in einen Gangsterroman, der auch heute noch ein echter Pageturner ist. Denn McGivern treibt die Geschichte erbarmungslos mit jedem Satz voran. Auf jeder Seite geschieht etwas Überraschendes. Dabei wechselt er souverän die Perspektiven zwischen den Gejagten und den Jägern.

„Von Angst gepeitscht“ ist eine mustergültige Studie im Aufbau von Spannung. Dass die Übersetzung nicht so gut ist, stört letztendlich kaum.

  

William P. McGivern: Von Angst gepeitscht

Xenos Verlagsgesellschaft, 1978 (Wiederauflage)

144 Seiten

(nicht mehr erhältlich)

 

Frühere Ausgaben unter anderem Dörnerschen Verlagsgesellschaft und Heyne Verlag.

 

Originalausgabe:

Odds against tomorrow, 1957

 

Verfilmung:

Odds against tomorrow (Wenig Chancen für morgen, USA 1959, Regie: Robert Wise)

Drehbuch: Abraham Polonsky (ungenannt), John O. Killens (Strohmann für Polonsky), Nelson Gidding

Mit Harry Belafonte, Robert Ryan, Shelley Winters, Ed Begley, Gloria Grahame

 

Anmerkung zum Cover:

Ende der Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts veröffentlichte die XENOS-Verlagsgesellschaft in der Reihe “Super-Krimi” zahlreiche Kriminalromane, die davor bereits bei verschiedenen Verlagen, unter anderem Heyne und Scherz, erschienen waren. Unter anderem Werke von Erle Stanley Gardner, Carter Brown, Edward S. Aarons, Day Keene und Agatha Christie. Sie hatten alle diese liebevollen Pulp-Zeichnungen. Diese ist von Noiquet

 

Mehr über William P. McGivern:

Mordlust

Kirjasto


Spannendes Frühwerk von einem Grandmaster

Oktober 10, 2007

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Lawrence Block schrieb in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch zahlreiche Softpornos, die unter verschiedenen Pseudonymen erschienen. Block hatte diese Zeit nie verschwiegen, aber er hielt auch nie viel von diesen Frühwerken. Deshalb sagte er nie, welche der damals erschienenen Romane in den Softporno-Reihen von ihm waren und welche nicht. Sie waren für den damals am Anfang seiner Karriere stehenden Autor vor allem eine Möglichkeit, regelmäßig zu schreiben, verschiedene Dinge auszuprobieren und dafür bezahlt zu werden. Es gab bei diesen Romanen nur eine Auflage: pro Kapitel musste eine erotische Szene drin sein.

Auch das unlängst bei Hard Case Crime veröffentlichte Werk „Lucky at Cards“ ist einer dieser, aus heutiger Sicht, Softpornos. Es erschien 1964 unter dem Pseudonym Sheldon Lord als „The Sex Shuffle“. Die Neuauflage hat den treffenderen Titel „Lucky at Cards“. Aber damals veränderten die Verleger einfach die Titel, tauschten Autorennamen aus und tauschten auch mal Kapitel zwischen verschiedenen Romanen. Den Lesern war’s egal, solange die Geschichte genügend erotische Szenen enthielt.

Auf diesem Gebiet hat „Lucky at Cards“, im Gegensatz zu „Cinderella Sims“, kaum etwas zu bieten. Denn Lawrence Block peppt seine Kriminalgeschichte lediglich mit etwas Sex auf.

Der betrügerische Kartenspieler Bill Maynard muss nach einer Tracht Prügel aus Chicago flüchten. Auf dem Weg nach New York lässt er sich in einer Kleinstadt die Zähne richten. Er wird zu einem Kartenspiel der oberen Zehntausend des Dorfes eingeladen und trifft dort auf Joyce Rogers, die junge und überaus gutaussehende Frau von Murray. Sie durchschaut den Falschspieler sofort, lässt ihn aber gewinnen.

Selbstverständlich verlieben sich die beiden ineinander. Und ebenso selbstverständlich wollen sie mit dem Vermögen von ihrem Mann abhauen. Doch Murray hat sie nicht in seinem Testament bedacht. Genau die richtige Aufgabe für einen ausgefuchsten Kartenprofi.

„Lucky at Cards“ beginnt mit einer typischen Noir-Situation. Doch schon durch eine kleine Variation beginnt der Krimi in ungewohnten Bahnen zu verlaufen. Das Liebespaar muss sich nämlich nicht überlegen, wie sie den Geldesel umbringt, sondern wie sie ihn in eine Lage hineinmanövrieren, in der er ihnen sein Geld gibt. Damit verläuft auch das Scheitern von Bill Maynards Plan, schließlich denkt Murray Rogers nicht daran sein Geld oder seine Frau herzugeben, in ungewohnten Bahnen.

Der damals noch junge Lawrence Block erzählt diese Geschichte auf wenigen Seiten geradlinig in einem angemessen nüchternen Hardboiled-Tonfall. Damit ist er näher an seinen Matthew Scudder-Romanen als an seinen Evan Tanner- und Bernie Rhodenbarr-Geschichten. Für Block-Fans ist „Lucky at Cards“ ein Pflichtkauf. Für andere ein guter Anfang einen der großen lebenden Krimiautoren kennen zu lernen.

 

 

Lawrence Block: Lucky at Cards

Hard Case Crime, 2007

224 Seiten

6,99 US-Dollar (circa 6 Euro)

 

Erstausgabe: Sheldon Lord: The Sex Shuffle, 1964

 

 

Hinweise:

Alles über Lawrence Block erfahren Sie in dem von mir herausgegebenen Werk „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“

Meine Besprechung von „All the Flowers are dying“

Homepage von Lawrence Block

Homepage von Hard Case Crime (Diese Covers!)


Mit Elmore Leonard in die Dreißiger

Oktober 4, 2007

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Der in den Dreißigern in Oklahoma spielende Krimi “Gangsterbraut” ist einer von Elmore Leonards besten Romanen. Nach einigen schwächeren Werken begab er sich mit „Gangsterbraut“ in die Zeit, als Gangster wie John Dillinger, Machine Gun Kelly, Pretty Boy Floyd, Ma Baker, Bonnie Parker und Clyde Barrow und ihre staatlichen Verfolger die Schlagzeilen beherrschten. Mit dem Prohibitionswestern „Schwarzer Schnaps und blaue Bohnen“ (The moonshine war, 1969) hatte Leonard bereits einmal einen Roman in dieser Ära spielen gelassen. Bekannter ist er für seine frühen, kaum ins Deutsche übersetzten Western und seine in der Gegenwart spielenden Kriminalromane, die vieles von der Mythologie des Western übernommen haben.

Der charismatische Held seines neuesten auf Deutsch erschienenen Romans ist Carlos Huntington Webster, oder kurz Carl Webster. Mit fünfzehn Jahren erschießt er, auf einem Pferd sitzend, auf 200 Meter Distanz einen Viehdieb. Zu seinem Vater sagt er: „Ich hab mich gefragt, warum er nicht glaubte, dass ich schießen würde.“ Einige Jahre später ist er „The Hot Kid“ (so der Originaltitel) des U. S. Marshals Service in Tulsa, Oklahoma. Für sein Alter ist er sehr erwachsen, ein glänzender Schütze und ehrgeizig. Er will die Bösen fangen. Lebendig oder auch tot.

Sein Gegner ist Jack Belmont. Der Sohn eines Ölmoguls will seinem Vater beweisen, dass er auf eigenen Füßen stehen kann. Er raubt Banken aus mit dem Ziel Staatsfeind Nummer 1 zu werden.

Zwischen den beiden Männern steht Louly Brown, die aller Welt erzählt, sie sei die Freundin von Pretty Boy Floyd. Jetzt ist sie mit Carl Webster liiert.

„True Detective“-Reporter Tony Antonelli zeichnet den Kampf zwischen den beiden Männern mit den normalen Übertreibungen der Sensationspresse auf. Und es gibt für ihn viel zu schreiben über den Kampf zwischen Polizisten und Verbrechern auf staubigen Landstraßen und abgelegenen Berghütten.

In seinem entspannt-lakonischen Tonfall erzählt Elmore Leonard in dem episodischen Roman „Gangsterbraut“ von dieser legendenumwobenen Zeit. Wie immer gelingt es Leonard in seinen trockenen Dialogen die Personen mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der 1925 Geborene lässt so die Zeit seiner frühesten Erinnerungen glanzvoll wiederauferstehen.

Der Titel ist, wie bei „Callgirls“ seltsam unzutreffend, weil wieder ohne Not die Hauptfigur geändert wird. So wurde aus „Mr. Paradise“ in Deutschland „Callgirls“ und aus „The Hot Kid“ wird „Gangsterbraut“. Dabei geht es in dem historischen Kriminalroman nur um „Hot Kid“ Webster. Leonard, der seine Charaktere fast immer nur in einem Roman benutzt, gefiel der U. S. Marshall so gut, dass er mit dem „New York Times“-Fortsetzungsroman „Comfort to the Enemy“ und „Up in Honey’s Room“ zwei weitere Carl-Webster-Abenteuer folgen ließ.

 

 

Elmore Leonard: Gansterbraut

(übersetzt von Jochen Stremmel)

Goldmann, 2007

384 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Elmore Leonard: The Hot Kid

Morrow, Mai 2005

320 Seiten

 

Hinweise:

Homepage von Elmore Leonard:

http://www.elmoreleonard.com/

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007) in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-vierzig.html  

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004) in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-sechs.html

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“:

http://www.nordpark-verlag.de/krimikritiksieben-jahrbuch-2006.html

 


Mörderische Berliner Unterwelt

September 25, 2007

 

Ich liebe bei DVDs die „Geschnittenen Szenen“. Am liebsten sogar mit einem Audiokommentar des Regisseurs oder Produzenten, in dem sie sagen warum eine eigentlich gute Szene doch nicht die letzte Schnittfassung überlebte. Die Macher sagen dann immer wieder, sie hätten die Szene gestrichen, weil sie von der eigentlichen Geschichte ablenkte oder diese nicht voranbrachte oder die Information bereits in einer anderen Szene vermittelt wurde.

Beim Lesen von Marcel Feiges Roman „Wut“ dachte ich immer wieder, wie viele überflüssige Szenen in dem Wälzer sind und ohne Verluste gestrichen werden könnten. Ganze Handlungsstränge bringen die Geschichte nicht voran. So erfahren wir alles Mögliche über einen Boulevardreporter. Aber nichts davon hat etwas mit der Jagd nach dem Mörder zu tun. Das gleiche gilt für Jessy Kalkbrenner; die erwachsene Tochter des Kommissars. Es ist für die Handlung vollkommen egal, dass sich ihre Eltern gerade scheiden lassen, dass sie ihren Vater nie ans Telefon bekommt, dass sie in einer Kneipe jobbt, wie anstrengend die Arbeit ist und dass sie mit ihren Freunden einen Geburtstag feiern will. Nichts davon hat etwas mit der Jagd nach dem Mörder zu tun. Nichts davon verrät uns wirklich etwas über die Charaktere. Diese bleiben letztendlich doch nur die aus dem Fernsehen bekannten Klischeefiguren. Denken Sie nur an die zahlreichen Kinder der „Tatort“-Kommissare die auch in ihren Zwanzigern immer noch aus dem elterlichen Nest wollen. An die Myriaden von TV-Kommissare, die gerne mal einen Sexualverbrecher so richtig hart rannehmen würden, keine Zeit für ihre Familie haben, der beste Ermittler der Stadt sind und suspendiert werden.

Außerdem sind in „Wut“ viele Szenen redundant. Nachdem Kommissar Kalkbrenner bei seinem ersten Auftritt ein Treffen mit seiner Tochter verpasst, wissen wir, dass für ihn der Beruf wichtiger als die Familie ist. Wir müssen das nicht unzählige Male mit kleinen Variationen immer wieder lesen. Ebenso müssen wir nicht zweimal lesen, dass Kalkbrenners demente Mutter wieder in ihre alte Wohnung geht und der Nachmieter ein doofer Stinkstiefel ist. Es bringt die Handlung nicht voran. Es sagt auch in der Wiederholung nicht mehr über den Charakter aus. Dramaturgisch gesehen ist es die gleiche Situation und das gleiche Verhalten. Also überflüssig.

Doch so füllt Feige letztendlich hunderte von Seiten. Dabei bewegt sich sein Hauptplot, die Jagd nach dem Mörder, ohne große Wendungen auf ihr Ziel zu. Dieser Plot verläuft sogar so geradlinig, dass der Klappentext fast alles verrät, weil er nicht anders kann.

Denn vor dem ersten Mord führt Feige Kommissar Paul Kalkbrenner, den Studenten Leif Nehring, Kalkbrenners Tochter Jessica, Kommissar Richard Stäuber und den Boulevardjournalisten Harald Sackowitz ein. Wer davon für die Geschichte wichtig sein wird und wer nicht, ist bis dahin – wenn man den Klappentext nicht kennt – vollkommen unklar. Geübte Krimileser dürften richtig vermuten, dass Kalkbrenner und Nehring die beiden Hauptcharaktere sind. Während Kalkbrenner den Mörder sucht und dabei weitere Leichen im Untergrund von Berlin findet, beginnt Nehring seine Sozialstunden beim Obdachlose e. V. abzuleisten. Er versorgt im Untergrund von Berlin Menschen mit Medikamenten. Als er den Dealer Ramon, dem er seine Strafe zu verdanken hat, sieht, verfolgt er ihn in den Untergrund und beobachtet, wie Ramon von einem Mann erschossen wird. Nehring kann flüchten. Als er später wieder zur Sozialstation geht, wird er bereits von Kalkbrenner erwartet. Bei dem Gespräch verheddert Nehring sich in Widersprüche und – jetzt habe ich ein Problem. Bis jetzt sind zwei Drittel des Romans um. Feige enthüllt bei diesem Gespräch die Identität des Mörders. Im letzten Drittel gibt es dann noch den Mord an einer US-Botschaftsangehörigen, ein Besäufnis, eine Kneipenschlägerei, mehrere Auftritte von anzugtragenden Bösewichtern und schließlich ein weiteres Treffen zwischen Kalkbrenner und Nehring, die nur gemeinsam die Mordserie stoppen können.

Letztendlich liest sich „Wut“ wie die Vorlage für den gähnend langweiligen „Großen Fernsehfilm der Woche“. Nie wird das Verhältnis von Haupt- und Nebengeschichten in ein sinnvolles Verhältnis gesetzt. Nie wird deutlich, wer die Hauptcharaktere und wer die Nebencharaktere sind und welche Bedeutung sie für die Geschichte haben. Alles ist in dem fast fünfhundertseitigen Werk irgendwie gleich wichtig. Früher hätte ein Pulpautor auf zweihundert Seiten die gleiche Geschichte mit zwei, drei weiteren Twists und einem weniger vorhersehbarem, gemeinerem Ende erzählt. Das wäre dann ein spannender Thriller und ein düsteres Großstadtporträt geworden.

 

Marcel Feige: Wut

Goldmann, 2007

480 Seiten

8,95 Euro

 

Homepage des Autors

 

Lesung

Marcel Feige liest aus seinem Thriller „Wut“ am Donnerstag, den 27. September, um 20.30 Uhr in den Räumen der Berliner Unterwelten (Brunnenstraße 108a). Vor der Lesung gibt es eine Führung durch die historische Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen. Der Treffpunkt ist die südliche Vorhalle des U-Bahnhofs Gesundbrunnen (Ausgang Humboldthain/Brunnenstraße). 

(Weitere Informationen zur Lesung)


Stephen King und Ich

September 20, 2007

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„Im Hetton House begann John, Geschichten zu schreiben. Es waren holprige Sachen, mit starken Anleihen bei den Filmen, die er sich mit Blaze ansah, aber allmählich verschaffte er sich mit ihnen eine gewisse Popularität unter den Gleichaltrigen. Die anderen Jungs fanden es nicht gut, wenn man klug war, aber sie bewunderten eine gewisse Art von Cleverness. Und sie liebten Geschichten. Sie sehnten sich nach Geschichten.

Bei einem ihrer Ausflüge sahen sie sich einen Vampirfilm mit dem Titel Messias des Bösen an. John Cheltzmanns Version gipfelte darin, dass Graf Igor Yorga einer halb nackten jungen Schönheit ‚mit bebenden Brüsten, so groß wie Wassermelonen’, den Kopf abriss und dann mit dem Kopf unter dem Arm in den Fluss Yorba sprang. Der Titel dieses seltsamen Underground-Klassikers lautete Yorga beobachtet dich.“

Wenn wir Stephen Kings unterhaltsamer Mischung aus Schreibratgeber und Memoiren „Das Leben und das Schreiben“ (On Writing – A Memoir of the Craft) glauben dürfen, war King genau wie der in seinem gerade erschienenen Schubladenroman „Qual“ beschriebene John Cheltzmann. Ein Junge, der Geschichten aufsog, schrieb und bereits auf dem Schulhof verkaufte. Seitdem hat sich nur sein Schulhof vergrößert.

Meine erste Begegnung mit Stephen King war „Carrie“. Ich fand sein Debüt, diese Mischung aus Carries Geschichte und den Zeitungsartikeln, grauenhaft und schwor mir nie wieder ein Buch von King zu lesen. Denn damals wurde der neue König des Horrorromans bereits exzessiv abgefeiert und ich dachte mir, wenn seine anderen Bücher genauso sind, kann ich meine Lesezeit besser investieren. Später las ich dann „Dead Zone“ und „Feuerkind“. Beide Bücher – irgendwie King-untypisch mehr Thriller als Horrorroman – gefielen mir viel besser und seitdem las ich immer wieder Romane, Novellen (dazu gehört bei King alles zwischen dreißig und zweihundert Seiten) und Kurzgeschichten von ihm.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schien auch kein Monat ohne eine neue Stephen-King-Verfilmung zu vergehen. „Carrie“ (von 1976), „Shining“, „Christine“, „Dead Zone“, „Stand by me“ und “Misery” waren die guten. Etliche andere Verfilmungen von Romanen und Kurzgeschichten des produktiven Horrorautors sind inzwischen ziemlich vergessen. Eine kleine Ausnahme bildet die verfilmte Kurzgeschichte „Kindes des Korns“. Kritiker ließen kein gutes Haar an dem Film. Aber es gingen genug Menschen ins Kino, um fünf Fortsetzungen zu rechtfertigen, die oft die schon nicht herausragende Qualität des Originals unterboten. Bei „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“ (Maximum Overdrive) führte King Regie und wurde als schlechtester Regisseur für einen Razzie nominiert. Prince gewann.

King schrieb in diesen Jahren „Cujo“ (anscheinend im Vollrausch), „Friedhof der Kuscheltiere“, „Christine“, „Sie“ (Misery) und „Stark – The Dark Half“. In letzterem bereitet ein lebendig werdendes Pseudonym einem Autor massive Probleme. „Stark“ war natürlich auch eine Abrechnung mit Richard Bachman. King hatte unter diesem Pseudonym einige Romane veröffentlicht, weil sein Verlag meinte, die Leser würden nicht so viele King-Bücher kaufen, wie er schrieb. Außerdem wollte King wissen, ob seine Bücher wegen seinem Namen oder dem Inhalt gekauft würden. Nachdem das Pseudonym enthüllt war, verkauften sich auch die Richart-Bachman-Romane prächtig.

Das Jahrzehnt schloss mit der Uncut-Edition des schon im Original unglaublich dicken „The Stand – Das letzte Gefecht“ ab. Bereits die kurze Version von um die 900 Seiten legte ich nach etwa einem Drittel weg. Die Schicksale der verschiedenen Charaktere, die auf getrennten Wegen durch ein entvölkertes Amerika gehen und sich am Ende zu dem titelgebenden letzten Gefecht treffen, faszinierten mich nicht so sehr. Außerdem lagen damals sicher einige Bücher von Jim Thompson auf meinem Nachttisch.

Die Neunziger Jahre begann Stephen King mit einem „Dark Tower“-Wälzer.

Das war für mich dann entschieden zuviel Fantasy (mit einer Portion Horror) und zu wenig Krimi. Aber ich griff trotzdem immer wieder zu einer Kurzgeschichte oder einem Roman von Stephen King und sie gefiel mir jedes Mal.

Inzwischen ebbte hier die große mediale King-Euphorie ab. Denn er war nicht mehr die neue Sensation, sondern ein etablierter Autor. Die ersten Bücher über das Phänomen King landeten bereits auf den Ramschtischen. Die Verfilmungen wurden seltener. Jedenfalls die Verfilmungen, die im Kino liefen. Denn auf Video erschienen zahlreiche weitere Verfilmungen. Außerdem gab es im Fernsehen Miniserien, die selten wiederholt werden; falls sie in Deutschland gezeigt wurden.

Die beste King-Verfilmung der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts basierte auf einem Kurzroman, war ein Krimi und wurde im Kino nicht als King-Verfilmung beworben. Denn „Die Verurteilten“ hat einfach nichts mit übernatürlichem Horror zu tun.

Zwei weitere „Dark Tower“-Romane folgten. Er schrieb 1996 den Fortsetzungsroman „The Green Mile“. Und er gründete mit anderen Schriftstellern die Rockband „Rock Bottom Remainders“.

In den vergangenen Jahren zog Stephen King (der allerdings noch nie einen Ruf als Partylöwe zu verlieren hatte) sich aus der Öffentlichkeit etwas zurück. Schuld daran war im Juni 1999 ein schwerer Autounfall. Während eines Spaziergangs wurde er von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Bis er wieder in seinem normalen Tempo Schreiben konnte, verging viel Zeit. In „Das Leben und das Schreiben“ erzählte er von dem Unfall und seiner Genesung.

Die Zahl der Verfilmungen ebbte nicht ab. In Deutschland bekamen wir davon allerdings wenig mit, weil nur wenige Verfilmungen im Kino starteten und viele weder auf DVD noch im Fernsehen gezeigt wurden. In den USA startete die erfolgreiche TV-Serie „Dead Zone“. In Deutschland wurde nur etwas mehr als die Hälfte der Episoden ausgestrahlt.

Ich begann wieder mehr von Stephen King zu lesen. Es begann mit “Das Leben und das Schreiben”. In dem Buch erzählt King viel von sich und gibt nützliche Tipps zum Schreiben von Geschichten. Danach gab es bei Hard Case Crime seine sehr umstrittene Novelle „The Colorado Kid“ (Bei King gelten immer noch andere Maßstäbe für die Seitenzahl.). Denn „Colorado Kid“ ist eine Kriminalgeschichte. King sagt „Softboiled“. Sie hat keine richtige Auflösung. Aber mir gefiel es, den beiden alten Journalisten zuzuhören, wie es ihnen so gelingt, die junge Frau letztendlich von dem Job in der Provinzzeitung zu überzeugen. Da schrieb ein Erzähler auf der Höhe seines Könnens.

Zuletzt veröffentlichte Stephen King „Blaze“ (hat hier den unpassenden Titel „Qual“). Diesen Kriminalroman schrieb Stephen King als Richard Bachmann bereits vor ungefähr 35 Jahren und, auch nach den Überarbeitungen, gibt er immer noch einen Blick in die Anfangstage des Königs des Horrorromans.

Heute feiert Stephen King seinen sechzigsten Geburtstag. Er lebt immer noch in Maine. Er ist immer noch mit Tabitha King verheiratet. Seine Söhne Joe Hill und Owen King schreiben ebenfalls.

Herzlichen Glückwunsch!

Hinweise:

Homepage von Stephen King

Fantastic Fiction listet die Werke von Stephen King, die wichtigsten Nominierungen und Preise und die Bücher über Stephen King auf (dürfte ziemlich vollständig sein)

Meine Besprechung von „Qual“

Meine Besprechung der in „Die hohe Kunst des Mordens (herausgegeben von Ed McBain) enthaltenen Kurzgeschichte „Nachgelassene Dinge“


Frühes Werk eines Königs

September 19, 2007

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Das Gebaren der Verlage ist schon seltsam. Bei „Colorado Kid“ wurde das Nachwort von Stephen King nicht übersetzt. Bei seinem neuesten Roman „Qual“ wurde aus dem Vorwort ein irgendwo hinten verstecktes Nachwort. Denn nach den amüsant-selbstkritischen Erklärungen von Stephen King gibt es noch die neuere Kurzgeschichte „Erinnerung“.

Diese Umstellung ist keine Kleinigkeit. Denn in seinem ab Seite 343 abgedruckten Vorwort sagt King, dass „Qual“ ein altes Manuskript von ihm sei. Er habe es in den frühen Siebzigern als weiteres Richard Bachmann-Buch geschrieben. „Ich fand ihn toll, als ich ihn schrieb, und Schrott, als ich ihn anschließend las.“, schreibt King in seinem Vorwort. Das Manuskript verschwand, ohne dass er es einem Verleger anbot, in der Schublade. Dort blieb es viele Jahre. Auch wenn die Schublade von Kings Haus in die Fogler Library der Universität von Maine wanderte und die dortige Sammlung von Texten des Schriftstellers ergänzte. Nachdem King von Charles Ardai gefragt wurde, ob er für die „Hard Case Crime“-Serie eine Geschichte habe, erinnerte er sich an „Blaze“ (so der treffendere Originaltitel). Aber King war immer noch nicht richtig zufrieden mit „Qual“ und er schrieb „The Colorado Kid“. Später überarbeitete er „Qual“ und veröffentlichte jetzt die Leidensgeschichte von Blaze. „Dies ist (…) ein alter Roman, aber ich glaube, ich habe mich geirrt, was mein anfängliches Urteil betrifft, dass es ein schlechter Roman sei.“, sagt King über seinen Ende 1972/Anfang 1973 geschriebenen Schubladenroman. Dabei gehen die Einkünfte aus „Qual“ an die Haven Foundation, eine Organisation, die notleidende Künstler unterstützt.

Der Grund für Kings erstes Urteil ist die Hauptfigur Clayton ‚Blaze’ Blaisdell jr. Er ist ein Trottel, der das Pech gleich eimerweise gepachtet hat. Zuerst bringt ihn sein alkoholsüchtiger, alleinerziehender Vater fast um. Seitdem hat Blaze ein Loch im Kopf und ist geistig zurückgeblieben. In der Schule wird der Muskelprotz gehänselt. Im Kinderheim ist es nicht besser. Als er später George kennen lernt, beginnen sie eine Karriere als Kleingangster. Ihr größtes Projekt ist die Entführung des Babys der stinkreichen Familie Gerard. Bei dem Kidnapping gibt es nur ein Problem. Kurz bevor Blaze und George ihren Plan in die Tat umsetzen können, stirbt George. Blaze, auf sich allein gestellt, will es trotzdem tun. Immerhin hilft George ihm aus dem Reich der Toten. Blaze kann das Baby entführen. Dabei hinterlässt er mehr Spuren, als eine durch ein Einkaufszentrum rasende Büffelherde. Entsprechend einfach kann die Polizei ihn Spur verfolgen.

„Qual“ ist, trotz der Überarbeitung des Autors, unverkennbar ein vor Jahrzehnten geschriebener Roman. Damals war King ein junger Autor. Seine Sprache ist hölzerner. Der Aufbau der Geschichte einfach. Der Hauptplot, die Geschichte des Kidnappings, wird immer wieder von chronologisch angeordneten Rückblenden unterbrochen, in denen King von Blaze und dessen Kindheit und Jugend erzählt. Diese Geschichte einer unglücklichen Kindheit in einem zeitlosen, gotisch-düsteren Amerika, in dem die Klassenschranken festgemauert sind, ist wesentlich gelungener als die mit wenigen Wendungen auf ihr fatales Ende zusteuernde Entführungsgeschichte. Denn dass Blaze bei der Entführung Mist bauen wird, dass er von seiner Rolle als Pfleger für das Baby überfordert ist und dass er beschützende Gefühle für es entwickeln wird, ist alles nicht sonderlich überraschend. Auch nicht, dass die Polizei unglaublich leicht seine Fährte aufnehmen kann. Das verläuft entlang den Konventionen der düsteren Pulp-Romane, die King in seiner Jugend verschlang und weshalb er auch dachte, dass „Qual“ eine Geschichte für Hard Case Crime sein könnte.

„Qual“ ist nicht Kings bester Roman. Es ist auch kein unentdeckter Klassiker. Es ist nur der eindrückliche Beweis, wie gut King bereits in seinen frühen Jahren war und, das zeigt die ebenfalls in „Qual“ abgedruckte Kurzgeschichte „Erinnerung“, wie sehr er sich seitdem als Geschichtenerzähler entwickelte. Sie inspirierte King zu seinem neuen, in den USA für Januar angekündigten Roman „Duma Key“.

Stephen King wird am 21. September sechzig Jahre.

 

Stephen King (schreibt als Richard Bachmann): Qual

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2007

384 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe:

Blaze

Scribner, New York, 2007

 

Homepage von Stephen King

Besprechung der in „Die hohe Kunst des Mordens (herausgegeben von Ed McBain) enthaltenen Kurzgeschichte „Nachgelassene Dinge“


Umfangreiche Einkaufsliste

September 14, 2007

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Einen ausgezeichneten Überblick über die Kriminalliteratur liefert die von Barry Forshaw geschriebene „The Rough Guide to Crime Fiction“. Der „Crime Time“-Herausgeber hat seinen Wegweiser in fünfzehn sinnvolle Kapitel unterteilt. In ihnen stellt er wichtige Romane und Autoren vor. Über einige Autoren, wie Agatha Christie, Sir Arthur Conan Doyle, Ian Fleming (in Verbindung mit James Bond), Patricia Highsmith (mit einem Extrakapitel über Tom Ripley), Elmore Leonard, Derek Raymond und Jim Thompson, gibt es in Kästen weitere biographische Informationen. Sowieso bleibt Forshaw fast nie bei dem vorgestellten Roman stehen, sondern setzt diesen in Bezug zu den anderen Romanen des Autors, anderen zeitgenössischen Autoren, der Wirkung und, bei den Klassikern, wie sich die Geschichten heute lesen.

Bei der Einteilung der vorgestellten Romane in die verschiedenen Abschnitte orientierte Forshaw sich meistens an der Hauptperson. Dazu kommen Kapitel über die frühen, klassischen (Das Goldene Zeitalter), Hardboiled, historischen, psychologischen und ins Englische übersetzten Kriminalromane.

Bei der Auswahl der vorgestellten Romane gelang Forshaw der Spagat zwischen allgemein anerkannten Klassikern (bevorzugt natürlich einfach erhältliche Klassiker) und neuen Autoren, die das Genre in den kommenden Jahren voranbringen können. So wird auch der vielfach nominierte und prämierte Roman „Mr Clarinet“ von Nick Stone vorgestellt. Dass Lee Child (mit „Echo Burning“), Michael Connelly, Robert Crais, Joe R. Lansdale, Lawrence Block (nur ein Burglar-Roman; das halte ich natürlich für skandalös), Elmore Leonard (mehrere Romane; das versöhnt mich wieder), James Lee Burke, Ed McBain, Jeffery Deaver, Colin Dexter, Michael Dibdin, James Ellroy, H. R. F. Keating, Dennis Lehane, Donna Leon und Ian Rankin vorgestellt werden, überrascht nicht.

„The Rough Guide to Crime Fiction“ ist eine ausgezeichnete Kaufliste für Novizen (allerdings etwas teuer, denn Forshaw empfiehlt viele Bücher) und macht auch Kenner auf einige Autoren wieder (?) aufmerksam.

Barry Forshaw: The Rough Guide to Crime Fiction

Foreword by Ian Rankin

Rough Guides, 2007

320 Seiten

7,99 Pfund (circa 12,65 Euro)

Homepage von „Crime Time“

Vorwort von Ian Rankin

Für alle, die die Bücher auf Deutsch lesen wollen, gibt es jetzt die Liste der besprochenen Romane mit den deutschen Titeln:

1) Reading the entrails: Origins, motives, sources

E. C. Bentley: Trent’s Last Case, 1913 (Trents letzter Fall)

John Buchan: The Thirty-Nine Steps, 1915 (Die neunundreißig Stufen)

G. K. Chesterton: The Man Who Was Thursday, 1908 (Der Mann, der Donnerstag war)

Erskine Childers: The Riddle of the Sands, 1903 (Das Rätsel der Sandbank)

Arthur Conan Doyle: The Casebook of Sherlock Holmes, 1927 (Sherlock Holmes’ Buch der Fälle)

Ernest William Hornung: The Amateur Cracksmann, 1899 (Raffles – Der Amateur-Einbrecher)

2) The Golden Age: Classic mysteries

Margery Allingham: Tiger in the Smoke, 1952 (Die Spur des Tigers)

Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)

Christianna Brand: Green for Danger, 1944

John Dickson Carr: The Hollow Man/The Three Coffins, 1935 (Der verschlossene Raum; Die drei Särge; Der Unsichtbare)

Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress; Die Frau im Kimono; Der rote Kimono)

Edmund Crispin: Love Lies Bleeding, 1948 (Liebe stirbt zuerst; Mit Geheimtinte)

Erle Stanley Gardner: The Case of the turning Tide, 1941 (Das Rätsel der tanzenden Jacht)

Patrick Hamilton: Hangover Square, 1941 (Hangover Square – Eine Geschichte aus dem finstersten Earl’s Court)

Geoffrey Household: Rogue Male, 1939 (Einzelgänger, männlich; Der Gejagte)

Francis Iles: Malice Aforethought, 1931 (Vorsätzlich)

Ngaio Marsh: Surfeit of Lampreys, 1940 (Tod im Lift; Familie Lamprey)

Dorothy L. Sayers: Gaudy Night, 1936 (Aufruhr in Oxford)

Josephine Tey: The Franchise Affair, 1949 (Die verfolgte Unschuld; Der große Verdacht)

3) Hardboiled and pulp: Tough guys and tough talk

W. R. Burnett: The Asphalt Jungle, 1949 (Asphalt-Dschungel; Da waren es nur noch zwei)

James M. Cain: The Postman Always Rings Twice, 1934 (Wenn der Postmann zweimal klingelt…, Die Rechnung ohne den Wirt)

Raymond Chandler: The Big Sleep, 1939 (Der große Schlaf)

James Hadley Chace: No Orchids for Miss Blandish, 1939 (Die Erbschaft der Carol Blandish; Keine Orchideen für Miss Blandish)

David Goodis: The Moon in the Gutter, 1953 (Der Mond in der Gosse)

Dashiell Hammett: Red Harvest, 1929 (Rote Ernte)

Geoffrey Homes: Build my Gallows High, 1946 (Goldenes Gift)

Ross Macdonald: The Galton Case, 1959 (Der Fall Galton; Ein schwarzes Schaf verschwindet)

Mickey Spillane: Kiss me, deadly, 1952 (Küss mich, Tod; Rhapsodie in Blei; Die verlorenen Schlüssel)

Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen; Die Abzocker)

4) Private eyes: Sleuths and gumshoes

Kate Atkinson: Case Histories, 2004 (Die vierte Schwester)

James Lee Burke: Purple Cane Road, 2001 (Straße ins Nichts)

Harlan Coben: The Final Detail, 1999 ( – )

Michael Connelly: City of Bones, 2002 (Kein Engel so rein)

Robert Crais: The Last Detective, 2003 ( – )

Stella Duffy: Calendar Girl, 1994 (Septemberfrau)

Kinky Friedman: Steppin‘ on a Rainbow, 2001 (Tanz auf dem Regenbogen)

Sue Grafton: S is for Silence, 2006 ( – )

Dashiell Hammett: The Maltese Falcon, 1929 (Der Malteser-Falke)

Joseph Hansen: Gravedigger, 1982 (Schattenreich)

David Hewson: A Season for the Dead, 2004 (Das Blut der Märtyrer)

Joe R. Lansdale: Sunset and Sawdust, 2004 ( – )

Dennis Lehane: Prayers for Rain, 1999 (Regenzauber)

John D. MacDonald: One Fearfull Yellow Eye, 1966 (Die gelben Augen)

Ross Macdonald: The Moving Target, 1948 (Reiche sterben auch nicht anders; Das wandernde Ziel)

Katherine V. Forrest: Murder at the Nightwood Bar, 1987 (Die Tote hinter der Nightwood Bar)

Reggie Nadelson: Sex Dolls, 2002

Sara Paretsky: Blacklist, 2003 (Blacklist)

Robert B. Parker. Stone Cold, 2003 ( – )

George Pelecanos: Hell to Pay, 2002 (Wut im Bauch)

Mike Ripley: Angel on the Inside, 2003 ( – )

Alexander McCall Smith: The No. 1 Ladies Detective Agency, 2002 (Ein Krokodil für Mma Ramothswe; Dunkler Zauber)

Peter Spiegelman: Black Maps, 2004 ( – )

Nick Stone: Mr Clarinet, 2006 ( – )

5) Cops: Police procedurals and mavericks

Lee Child: Echo Burning, 2001 (In letzter Sekunde)

Jon Cleary: The High Commissioner, 1966

Martina Cole: Broken, 2000 ( – )

Jeffery Deaver: The Blue Nowhere, 2001 (Lautloses Duell)

Colin Dexter: The Way through The Woods, 1992 (Finstere Gründe)

Michael Dibdin: Medusa, 2003 (Im Zeichen der Medusa)

James Ellroy: LA Confidential, 1990 (L. A. Confidential; Stadt der Teufel))

Reg Gadney: The Scholar of Extortion, 2003 ( – )

Lisa Gardner: The Third Victim, 2001 (Der Schattenmörder)

Elizabeth George: A Traitor of Memory, 2001 (Nie sollst du vergessen)

Caroline Graham:A Ghost In The Machine, 2004 (Nur wer die Wahrheit sieht)

Donald Harstad: The Big Thaw, 2000 ( – )

P. D. James: The Murder Room, 2003 (Im Saal der Mörder)

Quintin Jardine: Head Shot, 2002 ( – )

H. R. F. Keating: Breaking And Entering, 2000 ( – )

Simon Kernick: The Business of Dying, 2002 (Tage des Zorns)

Stephen Leather: Soft Target, 2005 ( – )

Dennis Lehane: Mystic River, 2001 (Mystic River; Spur der Wölfe)

Donna Leon: Uniform Justice, 2003 (Verschwiegene Kanäle)

Ed McBain: The Empty Hours, 1962 (Zwischen Tag und Tod, in Ullstein Kriminalmagazin 3)

Barry Maitland: The Marx Sisters, 1994 (Die Marx-Schwestern)

Barbara Nadel: Arabesk, 2000 (Arabeske)

Martin O’Brien: Jacquot and the Angel, 2005 ( – )

Ian Rankin: The Falls, 2001 (Puppenspiel)

Ruth Rendell: The Babes in the Wood, 2002 (Dunkle Wasser)

Peter Robinson: Playing with Fire, 2004 (Kein Rauch ohne Feuer)

Georges Simenon: The Madman of Bergerac, 1932 (Maigret und der Verrückte von Bergerac; Maigret und der Verrückte)

Martin Cruz Smith: Gorky Park, 1981 (Gorki Park)

Joseph Wambaugh: Hollywood Station, 2006 ( – )

Charles Willeford, Sideswipe, 1987 (Seitenhieb)

Robert Wilson: The Silent and The Damned, 2004 (Die Toten von Santa Clara)

6) Professionals: Lawyers, doctors, forensics and others

James M. Cain: Double Indemnity, 1943 (Doppelte Abfindung)

Robin Cook: Seizure, 2003 (Die Operation)

Patricia Cornwell: Blowfly, 2003 (Die Dämonen ruhen nicht)

Janet Evanovich: Hard Eight, 2002 (Heiße Beute)

Frederick Forsyth: Avenger, 2003 (Der Rächer)

Clare Francis: A Dark Devotion, 1997 (Dunkles Geheimnis)

Tess Gerritsen: Body Double, 2005 (Schwesternmord)

John Grisham: The Broker, 2005 (Die Begnadigung)

George V. Higgins: The Rat on Fire, 1981

Val McDermid: The Last Temptation, 2002 (Ein kalter Strom)

Philip Margolin: Ties That Bind, 2003 ( – )

John McLaren: Blind Eve, 2004 ( – )

Kathy Reichs: Déjà Dead, 1997 (Tote lügen nicht)

Scott Turow: Presumed Innocent, 1987 (Aus Mangel an Beweisen)

7) Amateurs: Journalists and innocent bystanders

Christopher Brookmyre: Be My Enemy, 2004 ( – )

G. K. Chesterton: The Innocence of Father Brown, 1911 (Vater Browns Einfalt)

Martina Cole: The Graft, 2004 (Das Abbild)

Dick Francis: Dead Cert, 1962 (Aufs falsche Pferd gesetzt, Todsicher)

Jonathan Gash: Spend Game, 1980 ( – )

Robert Goddard: Dying To Tell, 2001 (Der verborgene Schlüssel)

Peter Guttridge: No Laughin Matter, 1997 ( – )

Mo Hayder: Tokyo, 2002 (Tokio)

Joanna Himes: Angels of the Flood, 2004 ( – )

Tami Hoag: Dark Horse, 2002 (Schattenpferd)

Lynda La Plante: Sleeping Cruelty, 2000 ( – )

Elmore Leonard: Rum Punch, 1992 (Jackie Brown)

John D. MacDonald: The Executioners, 1957 (Kap der Angst; Ein Köder für die Bestie)

Iain Pears: The Portrait, 2005 ( – )

Ruth Rendell: Adam and Eve and Pinch Me, 2001 (Der Liebesbetrug)

Phil Rickman: The Smile of a Ghost, 2005 ( – )

Michael Ridpath: The Predator, 2001 (Das Programm)

James Siegel: Derailed, 2003 (Entgleist)

Alexander McCall Smith: Friends, Lovers, Chocolate, 2005 (Das Herz des fremden Toten)

John Williams: Cardiff Dead, 2000 ( – )

8) All in the mind: Matters psychological

Carla Banks: The Forest of Souls, 2005 (Der Wald der toten Seelen)

Iain Banks: The Wasp Factory, 1984 (Die Wespenfabrik)

Marc Behm: The Eye of the Beholder, 1980 (Das Auge)

Thomas H. Cook: The Murmur of Stones, 2005 ( – )

Nicci French: Land of the Living, 2003 (In seiner Hand)

Frances Fyfield: Seeking Sanctuary, 2003 (Nur wer frei von Sünde ist)

Patrica Highsmith: Strangers on a Train, 1950 (Zwei Fremde im Zug; Alibi für zwei)

Maxim Jakubowski: Confessions of a Romantic Pornographer, 2004 ( – )

Morag Joss: Half Broken Things, 2003 (Des Hauses Hüter)

Jonathan Kellerman: Flesh and Blood, 2001 (Fleisch und Blut)

Danny Leigh: The Monsters of Gramercy Park, 2005 (Die Seele des Bösen)

Ed McBain/Evan Hunter: Candyland, 2001 ( – )

Julia Wallis Martin: Dancing with an uninvited Guest, 2002 (Tanz mit dem ungebetenen Gast)

Derek Raymond: I Was Dora Suarez, 1990 (Ich war Dora Suarez)

James Sallis: Ghost on a Flea, 2001 ( – )

Minette Walters: Disordered Minds, 2003 (Der Außenseiter)

Laura Wilson: Hello Bunny Alice, 2003 (Im Dunkel der Angst)

Cornell Woolrich: Rear Window, 1942 (Fenster zum Hof, die einzige Kurzgeschichte in dem Buch)

9) The killer inside me: Serial killers

David Baldacci: Hour Game, 2004 (Mit jedem Schlag der Stunde)

Marik Billingham: Lifeless, 2005 (In der Stunde des Todes)

John Connolly: Bad Men, 2003 (Die Insel)

Bret Easton Ellis: American Psycho, 1991 (American Psycho)

James Ellroy: Silent Terror/Killer on the Road, 1986 (Stiller Schrecken)

Thomas Harris: The Silence of the Lambs, 1988 (Das Schweigen der Lämmer)

Mo Hayder: The Treatment, 2002 (Die Behandlung)

David Lindsey: A Cold Mind, 1983 (Kalter Amok)

Karin Slaughter: Faithless, 2005 (Gottlos)

James Patterson: Four Blind Mice, 2002 (Mauer der Schweigens)

Ruth Rendell: The Rottweiler, 2003 (Der Duft des Bösen)

Jim Thompson: The Killer inside Me, 1952 (Der Mörder in mir)

Charles Williams: Dead Calm, 1963 (Tödliche Flaute)

10) In the belly of the beast: Criminal protagonists

Alex Abella: The Killing of the Saints, 1991 (Fremde Götter)

Lawrence Block: The Burglar On The Prowl, 2002 ( – )

Eddie Bunker: No Beast so Fierce, 1973 (Wilder als ein Tier)

Martina Cole: Maura’s Game, 2002 ( – )

James Crumley: The Final Country, 2001 (Land der Lügen)

Frederick Forsyth: The Day of the Jackal, 1971 (Der Schakal)

Graham Greene: Brighton Rock, 1938 (Am Abgrund des Lebens)

Carl Hiaasen: Sick Puppy, 2000 (Krumme Hunde)

Gerald Kersh: Night and the City, 1938 (Nachts in der Stadt)

Elmore Leonard: Swag, 1976 (Beute; Dies ist ein Überfall)

Gilda O’Neill: The Sins of their Fathers, 2002 ( – )

Derek Raymond: The Crust on Its Uppers, 1962 ( – )

Kevin Sampson: Clubland, 2001 ( – )

Mark Timlin: Answers from the Grave, 2003 ( – )

11) Organized crime: Wiseguys and godfathers

Jake Arnott: The Long Firm, 1999 (Der große Schwindel)

W. R. Burnett: Little Caesar, 1929 (Little Caeser)

James Crumley: Bordersnakes, 1996 (Jeder gräbt sein eigenes Grab)

Ted Lewis: Get Carter/Jack’s Return Home, 1970 (Jack Carters Heimkehr; Jack rechnet ab)

Michael Dibdin: And Then You Die, 2002 (Roter Marmor)

James Ellroy: American Tabloid, 1995 (Ein amerikanischer Thriller)

Elmore Leonard: Get Shorty, 1990 (Schnappt Shorty)

Mario Puzo: The Godfather, 1969 (Der Pate)

Richard Stark: Point Blank/The Hunter, 1962 (Jetzt sind wir quitt, Payback)

Jim Thompson: The Getaway, 1959 (Getaway)

12) Crime and society: Class, race and politics

Nicholas Blincoe: Acid Casuals, 1995 (Acid Killers)

Natasha Cooper: Gagged & Bound, 2005 ( – )

Michael Crichton: State of Fear, 2004 (Welt in Angst)

Jon Courtenay Grimwood: 9tail Fox, 2005 ( – )

John Harvey: Ash & Bone, 2005 (Schau nicht zurück)

Chester Himes: Cotton comes to Harlem, 1965 (Schwarzes Geld für weiße Gauner)

John le Carré: The Constant Gardener, 2001 (Der ewige Gärtner)

Paul McAuley: White Devils, 2004 ( – )

Denise Mina: Exile, 2001 (Die zweite Tote)

Walter Mosley: Walking the Dog, 1999 (Socrates’ Welt)

Margaret Murphy: The Dispossessed, 2004 (Wer kein Erbarmen kennt)

Stel Pavlou: Gene, 2004 ( – )

David Peace: Nineteen Seventy Seven, 2000 (1977)

Georges Pelecanos: Drama City, 2005 ( – )

Joan Smith: A Masculine Ending, 1987 (Schmutziges Wochenende)

Martin Cruz Smith: Wolves eat Dogs, 2005 (Treue Genossen)

Robert Stone: Dog Soldiers, 1973 (Unter Teufeln)

Minette Walters: Acid Row, 2001 (Der Nachbar)

John Williams: The Prince of Wales, 2003 ( – )

13) Espionage: Spies, spooks and supercriminals

Eric Ambler: Journey into Fear, 1940 (Die Angst reist mit)

Desmond Bagley: Running Blind, 1970 (Blindlings)

Tom Clancy: Red Rabbit, 2002 (Red Rabbit)

Charles Cumming: A Spy by Nature, 2001 ( – )

Len Deighton: The Ipcress File, 1962 (IPCRESS – streng geheim)

Alan Furst: Blood of Victory, 2002 (Die Nacht der Sirenen)

Graham Greene: The Ministry of Fear, 1943 (Zentrum des Schreckens)

Jack Higgins: Bad Company, 2003 (Im Auftrag des Bösen)

John le Carré: The Spy who came in from the Cold, 1963 (Der Spion, der aus der Kälte kam)

Robert Littell: The Company, 2002 (Die Company – Die weltumspannende Sage über die CIA)

Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Die Bourne-Identität; Der Borowski-Betrug)

Charles McCarry: Old Boys, 2004 (In später Mission – angekündigt für 2007; Erscheinungstermin auf unbekannt verschoben)

Andy McNab: Dark Winter, 2003 (Feind ohne Namen)

Henry Porter: Empire State, 2003 (Empire State)

Chris Ryan: Land Of Fire, 2002 ( – )

Gerald Seymour: Traitor’s Kiss, 2003 ( – )

Robert Wilson: The Company of Strangers, 2001 (Das verdeckte Gesicht)

14) Through a glass darkly: Historical crime

Barbary Cleverly: The Damascened Blade, 2003 (Der Tod des Khan)

Lindsay Davis: A Body in the Bathhouse, 2001 (Eine Leiche im Badehaus)

Jeffery Deaver: Garden of Beasts, 2004 ( – )

Robert Harris: Fatherland, 1992 (Vaterland)

Jane Jakeman: In the Kingdom of Mists, 2002 ( – )

Donald James: Walking the Shadows, 2003 ( – )

Michael Jecks: The Last Templar, 1994 (Der letzte Tempelritter)

Deryn Lake: Death in the West Wind, 2001 ( – )

Peter Lovesey: The False Inspector Dew, 1982 (Abschied auf englisch)

Edward Marston: The Frost Fair, 2002 ( – )

Charles Palliser: The Quincunx, 1990 (Quincunx – Das Geheimnis der fünf Rosen)

Georges Pelecanos: Hard Revolution, 2004 ( – )

Elizabeth Peters: The Golden One, 2002 (Die goldene Göttin)

Ellis Peters: A morbid taste for Bones, 1978 (Im Namen der Heiligen)

Julian Rathbone: Lying in State, 1985 (Der Katafalk)

Candace Robb: A Trust Betrayed, 2000 ( – )

Robert Ryan: Night Crossing, 2004 ( – )

C. J. Sansom: Dissolution, 2003 (Pforte der Verdammnis)

Steven Saylor: Last seen in Massilia, 2000 ( – )

Andrew Taylor: The American Boy, 2003 (Der Schlaf der Toten)

David Wishart: A Vote for Murder, 2003 ( – )

Robert Wilson: A Small Death in Lisbon, 1999 (Tod in Lissabon)

15) Foreign bloodshed: Crime in translation

Boris Akunin: The Winter Queen, 2002 (Fandorin)

Guillermo Arriago: The Night Buffalo, 2005

Boileau-Narcejac: Celle qui n’etait pas/Les Diaboliques/The Fiends, 1954 (Die Teuflischen; Tote sollen schweigen)

Andrea Camilleri: The Terracotta Dog, 2004 (Der Hund aus Terracotta)

Friedrich Dürrenmatt: The Pledge, 1959 (Das Versprechen)

Umberto Eco: The Name of the Rose, 1985 (Der Name der Rose)

Karin Fossum: He who fears the Wolf, 2003 (Wer hat Angst vorm bösen Wolf)

Arnaldur Indridason: Voices, 2006 (Engelsstimme)

Sébastien Japrisot: Rider on the Rain, 1992 ( – )

Carlo Lucarelli: Almost Blue, 2003 (Der grüne Leguan)

Henning Mankell: Firewall, 2002 (Die Brandmauer)

Miyuki Miyabe: All she was worth, 1992 ( – )

Arturo Pérez-Reverte: The Queen of the South, 2002 (Königin des Südens)

Georges Simenon: The Man who watched Trains go by, 1946 (Der Mann, der den Zügen nachsah; Der Mann, der die Züge vorbeifahren sah)

Maj Sjöwall/Per Wahlöö: The Man who went up in Smoke, 1969 (Der Mann, der sich in Luft auflöste)

Fred Vargas: Wash this Blood clean from my Hand, 2007 (Der vierzehnte Stein)

Qui Xialong: When Red is Black, 2004 (Schwarz auf rot)

P. S.:

Die deutschen Titel sind nach bestem Wissen angegeben. Aber ich übernehme keine Garantie.

Ein „( – )“ bedeutet, dass es nach meinen Recherchen keine deutsche Übersetzung gibt. Keine Klammer bedeutet, dass es wahrscheinlich keine deutsche Übersetzung gibt oder ich den deutschen Titel nicht hinreichend genau herausgefunden habe.

Das ganze hat natürlich viel länger gedauert, als ich gedacht habe.


Ein Detektiv trauert

September 12, 2007

rickards-die-stadt-der-toten-seelen.jpg 

Trauer ist ein lähmendes Gefühl. Das überträgt sich auch auf John Rickards zweiten Alex-Rourke-Roman „Die Stadt der toten Seelen“.

Der Bostoner Privatdetektiv Alex Rourke ist in die Pathologin Gemma Larson verliebt. Er freut sich auf ein Wochenende mit ihr im verschneiten Vermont. Dass sie ihm bei seinem neuesten Fall helfen will, gefällt ihm auch. So kann er das Angenehme mit dem Nützlichen Verbinden. Er soll den 25-jährigen Adam Webb finden. Webb wurde zuletzt vor zwei Monaten in Burlington, Vermont, gesehen. Larson will vor Rourkes Ankunft ihre Kollegen nach dem Verschwundenen fragen. Vielleicht hat ihn jemand behandelt oder seine Leiche gesehen. Noch bevor Alex Rourke nach Vermont aufbrechen kann, wird er von der Polizei angerufen. Seine Freundin wurde in ihrem Auto erschossen. Die Polizei glaubt eher an einen tragischen Jagdunfall. Rourke weiß dagegen, dass er seine große Liebe verloren hat und bevor er mit ernsthaften Ermittlungen beginnt, widmet er sich ausführlich in dem Haus seiner Freundin seiner Trauer. Dabei sieht er in einer gegenüberliegenden Geisterstadt nachts Lichter und er erfährt, dass in den vergangenen Jahren mehrere Menschen in den Wäldern verschwanden.

„Die Stadt der toten Seelen“ hat als Kriminalroman einige Probleme. Das erste ist, dass John Rickards hier seinen Ich-Erzähler Alex Rourke die Geschichte im Präsens erzählen lässt. Einige Formulierungen hören sich falsch an. Andere sind holprig. Mein Lesefluss wird so immer wieder gestört. In seinem neuesten Buch „Risen Furies“ (Arbeitstitel) wechselt Rickards, nach einer kurzen Diskussion in seinem Blog, in die gängigere Vergangenheitsform.

Doch wenn alles andere in „Die Stadt der verlorenen Seelen“ perfekt wäre, würde mich die ungebräuchliche Erzählzeit nicht weiter stören. Dem ist nicht so. Die Genrekonventionen eines Privatdetektivromans, in dem der Held ermittelt, stoßen sich an dem persönlichen Gefühl der Trauer und der damit einhergehenden menschlich normale Untätigkeit. Die Folge ist, dass nach dem Mord an Rourkes Freundin, er erfährt auf Seite 43 davon, bis kurz vor Schluss nichts geschieht, was Rourke erkennbar näher an die Lösung bringt. Er trauert. Er sucht den Mörder seiner Freundin. Er glaubt, dass ihr Mord irgendwie mit den in den Wäldern verschwundenen Menschen zusammenhängt. Doch eine heiße Spur findet er nicht. Dabei ist uns Lesern klar, dass diese von Rourke als unverbundene Puzzleteile präsentierten Verbrechen und Ereignisse miteinander zusammenhängen müssen.

Erst auf Seite 249 fordert Rourkes Partner ihn auf, endlich den verschwundenen Webb zu suchen. Danach findet Rourke erstaunlich schnell eine Spur, die ihn direkt zu Webb und zur Lösung des Mordfalles Larson führt. Diese Lösung ist letztendlich nicht besonders überraschend. Nur unser Held Rourke (und halb Vermont) hat sie wahrscheinlich wegen seiner Trauer nicht gesehen.

 

 

John Rickards: Die Stadt der toten Seelen

(übersetzt von Helmut Splinter)

Goldmann, 2007

352 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Touch of Ghosts

Michael Joseph, London, 2004

 

Homepage/Blog von John Rickards:

http://www.johnrickards.com/

Interview mit John Rickards:

http://www.greatwriting.co.uk/index.php?option=com_content&task=view&id=139&itemid=74

 

Probleme von Autoren bei der Arbeit:

John Rickards diskutiert die Frage von Erzähler und Erzählzeit


Frank Elder ist zurück

September 6, 2007

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Wenige Monate nach dem ersten hochgelobten Kriminalroman mit Detective Inspector Frank Elder erscheint „Schau nicht zurück“. In dem zweiten Elder-Roman beweist der in England hochgeschätzte John Harvey wieder einmal seine Klasse. Die Geschichte beginnt mit einem missglückten Polizeieinsatz und wird immer mehr zu einem düsteren Porträt des heutigen Englands.

In London will die Polizei den seit langem gesuchten Gangster James William Grant verhaften. Doch die Verhaftung geht schief. Grant kann Detective Constable Paul Draper erschießen. Anschließend erschießt Einsatzleiter George Mallory ihn. Die einzige Zeugin des Schusswechsels und Beinahe-Opfer Detective Sergeant Maddy Birch kann sich nachher nicht erinnern, ob Grant den Derringer bereits von Anfang an in der Hand hatte oder Mallory ihn nachträglich dorthin legte. Noch während die „Behörde zur Untersuchung polizeilicher Vergehen“ den Fall untersucht, fühlt Maddy Birch sich verfolgt. Kurz darauf ist sie tot. Sie wurde erstochen. Die ersten Ermittlungen des von Detective Chief Inspector Karen Shields, einer Schwarzen, geleiteten Teams führen zu nichts.

Der seit drei Jahren frühpensionierte DI Frank Elder interessiert sich für den Fall. Denn vor sechzehn Jahren hatte er eine sehr kurze Affäre mit Birch. Jetzt will er als unabhängiger, zum Fall hinzugezogener Experte helfen, den Mord aufzuklären.

Gleichzeitig versucht seine sechzehnjährige, vor einem Jahr von Keach entführte und vergewaltige Tochter Katherine ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie trifft sich mit älteren, in Drogengeschäfte verwickelten Jugendlichen. Bei einer Polizeikontrolle wird in ihrer Tasche Heroin gefunden. Elder will ihr helfen.

Vor wenigen Wochen erhielt John Harvey den Diamond Dagger der Crime Writers‘ Association (CWA) für seine Verdienste als Autor. „Schau nicht zurück“, der mittlere Teil der Elder-Trilogie, zeigt eindrucksvoll warum er von seinen Kollegen so geschätzt wird. Denn wie ruhig und überlegt Harvey seine Geschichte ausbreitet, mit wie wenigen Strichen er seine Charaktere lebendig werden lässt und wie pointiert er die heutige britische Gesellschaft porträtiert, das ist ganz einfach wirklich gekonntes Handwerk. Hier arbeitet ein Autor, der sich nicht an irgendwelche modischen Trends anschließt oder mangelnde inhaltliche Substanz mit Sex und Gewalt verdecken will. Insofern ist der 1938 geborene Harvey, genau wie der 1930 geborene Regisseur Clint Eastwood, ein Erzähler der alten Schule. Für sie steht die Geschichte im Mittelpunkt; alles andere muss sich ihr unterordnen.

Deshalb steht in dem Polizeiroman nicht Frank Elder sondern Maddy Birch und die Jagd nach ihrem Mörder im Zentrum der Erzählung. John Harvey stellt sie genauer beim Einsatz, der anschließenden Befragung und mit ihrer Freundin vor. Dann kommt auf Seite 81 der Schock. Die über so viele Seiten liebevoll eingeführte Vierundvierzigjährige wurde ermordet. Bis Frank Elder sich dann in die Ermittlungen einmischt, vergehen wieder etliche Seiten. Auf diesen Seiten beginnt John Harvey den Fall auszubreiten und entwirft ein Porträt des heutigen Englands. Allerdings kein sehr positives Bild. Die Gesellschaft und damit auch die Polizei sind korrupt. Rassismus und Sexismus sind allgegenwärtig. Im Hintergrund wabert ein endloser Krieg gegen den Terrorismus.

Dies ist der Hintergrund für John Harveys ruhig erzählten Polizeiroman, in dem er souverän die Perspektiven wechselt und die einzelnen Erzählstränge so entwickelt, dass man letztendlich unbedingt wissen will, wie der Mord an einer Polizistin mit einer fehlgeschlagenen Verhaftung zusammenhängt.

P. S.: Natürlich können die Elder-Romane unabhängig voneinander gelesen werden.

 

 

John Harvey: Schau nicht zurück

(übersetzt von Sophie Kreutzfeldt)

dtv, 2007

448 Seiten

8,95 Euro

 

Originaltitel:

Ash & Bone

Heinemann, London, 2005

 

Homepage von John Harvey:

http://www.mellotone.co.uk/

CWA zur Verleihung des Cartier Diamond Dagger für John Harvey:

http://thecwa.co.uk/daggers/2007/cartier.html


Es wird gegrantelt

September 4, 2007

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Mit dem Humor und der Sprache ist das so eine Sache. Die einen sind von Manfred Wieninger und seinen vier Marek-Miert-Privatdetektivromanen begeistert. Den anderen geht es wie mir. Sie können mit „Der Engel der letzten Stunde“ einfach nichts anfangen.

Im dritten Roman mit Privatdetektiv Marek Miert ist der reine Krimiplot kaum erkennbar und noch weniger nachvollziehbar. Der übergewichtige, cholerische und vollständig abgebrannte Marek Miert soll die seit über einem Monat verschwundene elfjährige Helene Kafka finden. Dass die Polizei, die gesamte Öffentlichkeit und eine andere Detektei keine Spur von der Verschwundenen gefunden haben, stört Miert nicht. Er beginnt seine Ermittlungen bei Helenes trunksüchtiger Mutter und pöbelt sich dann zur Lösung durch.

Diese Ermittlung interessiert Wieninger aber nur am Rand. Denn es ist einfach unlogisch, dass Miert das gelingen soll, was dem restlichen Österreich nicht gelingt. Trotzdem, soviel Konzession an die Genreregeln muss sein, findet Miert die verschwundene Helene. Aber ich kann unmöglich sagen, wie ihm das auf eine irgendwie nachvollziehbare Art gelungen ist.

Allerdings hat Wieninger auch überhaupt nicht den Anspruch einen gewöhnlichen Privatdetektivroman zu schreiben. Der Grundplot vom Suchen und Finden einer Person bildet für Wieninger nur das Gerüst für einen Rundumschlag auf die österreichische Psyche. Sein Ich-Erzähler Marek Miert grantelt sich zwischen Selbst- und Welthass schwankend durch „Der Engel der letzten Stunde“. Assoziativ springt er von einem Thema und Ermittlungsschritt zum Nächsten und begibt sich dabei immer wieder auf Abwege. Das ist typisch österreichisch und erinnert natürlich an den großen Thomas Bernhard.

In einem Roman mag ich dieses assoziative Granteln nicht.

Und deshalb gefällt mir auch „Der Engel der letzten Stunde“ nicht. Denn von einem Roman erwarte ich immer auch eine nachvollziehbare Geschichte.

 

 

Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde

Unionsverlag, 2007

192 Seiten

8,90 Euro

 

Erstausgabe: Haymon-Verlag, 2005

 

Weitere Informationen:

Unionsverlag über Manfred Wieninger:

http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=1829

Die Befragung:

http://www.alligatorpapiere.de/befragung-wieninger.html

 


Spannendes aus Hamburg-Altona

September 4, 2007

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Neben all den hochgelobten literarischen Kriminalromane und dicken Serienkillerthrillern fällt Robert Bracks neuestes Buch „Schneewittchens Sarg“ kaum auf. Es ist ein schmales Buch. 192 Seiten. Es gibt nur einen Mord. Strukturell ist es ein Whodunit, bei dem es streng nach den Genreregeln auf den Gärtner als Mörder hinausläuft. Doch in seinem neuesten Roman ist Robert Brack an dem Wer-ist-der-Täter-Spiel nur mäßig interessiert. Als Kenner des Genres respektiert und befolgt er die Regeln und präsentiert innerhalb der Genrekonventionen ein pointiertes Bild des gesellschaftlichen Milieus der Achtundsechziger damals und heute.

In den Siebzigern besetzten sie leerstehende Gebäude und begannen verschiedene Projekte. In einem von ihnen, dem Sozial-Verein, wurde vor zwanzig Jahren im Keller die Leiche der erschlagenen siebzehnjährigen Vera vergraben. Als der Vereinssitz des Sozialprojektes jetzt abgerissen wurde, wurde ihr Skelett gefunden.

Die Polizei kommt nicht richtig weiter bei ihren Ermittlungen. Nur der sich treu gebliebene Alt-Achtundsechziger Paul möchte wissen, wer der Täter ist. Er beauftragt die Tochter eines verstorbenen Freundes, Schneewittchens Sarg zu finden. Die finanziell notorisch abgebrannte Privatdetektivin Lenina Rabe nimmt den Auftrag an. Immerhin kann sie ihrem Onkel Paul schlecht diesen Wunsch abschlagen. Kurz darauf erhält sie einen zweiten Auftrag. Sie soll für einen unbekannten, aber zahlungskräftigen Klienten herausfinden, wer der geheimnisvolle Anführer der Dänischen Befreiungsfront, Jens Jensen, ist. Diese Volkstümler fordern, dass Hamburg-Altona wieder ein Teil von Dänemark wird.

Bei ihren Ermittlungen stöbert die schlagkräftige und schlagfertige Lenina Rabe durch die Vergangenheit der Bewohner der damaligen Kommune.

Mit wenigen Worten entwirft Robert Brack die unterschiedlichen Biographien von Revolutionären, die sich mehr oder weniger stark anpassten. Indem Brack das heutige Leben seiner Charaktere mit ihrem damaligen Anspruch kontrastiert, werden sie und ihre Verlogenheit lebendig. Denn bereits lange bevor Vera auftauchte und für triebgesteuerte Unruhe sorgte, hatten die Kommunarden begonnen, sich zu bekriegen. Veras plötzliches und damals geheimnisvolles Verschwinden beschleunigte nur den Verfall der Gemeinschaft. Einige passten sich an. Einer wurde Firmeninhaber. Einer Immobilienbesitzer. Einer Arzt. Eine wurde zur hysterischen Ziege, die niemand das Betreten ihres Rasens gestattet. Eine schneidet liebevoll die Blumen und betrachtet alles mit dem distanzierten Blick eines Forschers. Und Leninas Auftraggeber Paul blieb sich treu. Deshalb halten ihn die anderen für einen Verlierer. Miteinander verbunden sind sie immer noch in herzlicher, auf alten Geschichten fußender Feindschaft, die sie, gewürzt mit revolutionären Sprüchen, im Schlaf herunterbeten können. Jeder Besucher einer alternativen Kneipe oder eines Treffens ökologischer Unternehmen kennt sie und in Bracks neuestem Roman werden sie in einer spannenden Kriminalgeschichte lebendig.

Der dritte Lenina-Rabe-Fall  „Schneewittchens Sarg“ ist ein geradliniger Privatdetektiv-Roman, der das Genre nicht neu erfindet, aber prächtig unterhält. Bei Robert Brack sind wir in den Händen eines Könners. Doch wen wundert das, wenn man weiß, dass Brack neben seinen Romanen auch Kritiken schrieb und Kriminalromane übersetzte. Unter anderem Robert B. Parker, der mit seiner Spenser-Serie den Privatdetektivroman in den USA in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts revitalisierte und zahlreiche neue Autoren dafür begeisterte. Robert Brack gehört, wie „Schneewittchens Sarg“ zeigt, dazu.

 

Robert Brack: Schneewittchens Sarg

Nautilus, 2007

192 Seiten

12,90 Euro

 

Homepage von Robert Brack:

http://www.gangsterbuero.de/zestart/frame.html


Das Compart-Ding

August 29, 2007

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Das war zu erwarten gewesen. Ich meine, wir kennen Martin Compart. Seit vielen Jahren ist er ein scharfzüngiger Krimikritiker und gab verschiedene, vor allem unter Noir- und Hardboiled-Fans geschätzte Krimireihen bei Ullstein, Bastei-Lübbe und Dumont heraus. Dass er in seinem jetzt wiederveröffentlichten Debüt „Der Sodom-Kontrakt“ all seine Vorlieben und Obsessionen hineinpackt, wundert nicht.

Die wüste Story beginnt wie eines der von Compart geliebten Bücher. Der ehemalige Stasi- und BND-Agent Gill schlägt sich jetzt als Privatdetektiv durch. Er ist gerade damit beschäftigt ein Paar beim Sex zu fotografieren. Der Auftrag kommt von einem verheirateten Mann, der wissen möchte, ob ihn seine unverheiratete Freundin betrügt. Da ruft ihn sein alter Kumpel Brenner an und bietet ihm 500 Euro für eine Stunde Arbeit. Gill sagt zu und wenig später ist er in ein mehrere Grenzen überschreitendes Komplott verwickelt. Denn Brenner hat etwas entdeckt und fürchtet um sein Leben. Gill kann ihn vor seinen Verfolgern in ein Safehouse bringen. Aber Gill hat nicht aufgepasst. Wenig später bringen die Killer Schmidt und Schneider Brenner um und präsentieren der Polizei Gill als Mörder. Bevor die Polizei am Tatort erscheint, kann Gill flüchten. Er will jetzt herausfinden, warum sein Freund sterben musste. Gleichzeitig wird er von dem Killerpärchen und der Leiterin der Mordkommission, Alexa Bloch, verfolgt. Das ist erst der Anfang einer blutigen Hatz von Witten nach Brüssel und wieder zurück, bei der sich irgendwann auch Gills früherer Arbeitgeber beteiligt.

Wer Comparts literarische Vorlieben kennt, wird vom „Der Sodom-Kontrakt“ auch ohne den etwas marktschreierisch-falschen Untertitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“ keinen biederen Regionalkrimi erwarten. Hier ist alles so, wie wir es aus den harten amerikanischen Thrillern und ihren europäischen Epigonen Jean-Patrick Manchette, Jörg Fauser und Ulf Miehe kennen. Der Plot, die Charaktere, die Beschreibungen und der schwarze Humor – alles bekannt. Aber die deutschen und belgischen Handlungsorte sind dann für eine solche Geschichte doch neu und Martin Compart hat das alles souverän in Szene gesetzt.

Für die Neuauflage hat Compart sein Debüt zum Glück kaum überarbeitet. Damit spielt die Geschichte immer noch unüberlesbar zur Jahrtausendwende. Denn die zahlreichen Anspielungen auf die Bundesregierung, die EU-Politik, diverse Skandale und den damals Belgien erschütternden Fall Dutroux wären in einem nach 9/11 spielenden Roman unpassend. Deshalb muss Martin Compart unbedingt wieder in die Tasten hauen und einen „politisch inkorrekten 9/11-Thriller“ vorlegen.

 

Martin Compart: Der Sodom-Kontrakt – Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller

(vom Autor durchgesehen und für die Neuauflage bearbeitet)

Alexander-Verlag, 2007

336 Seiten

12,90 Euro

 

Erstausgabe: Strange Verlag 2001

 

Evolver-Interview von 2000 mit Martin Compart:

http://www.evolver.at/site/story.php?id=9251&page=1

Alexander Verlag über Martin Compart:

http://www.martincompart.de/


Collins schickt die CSIler ins Dämonenhaus

August 28, 2007

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Halloween ist auch in Las Vegas keine normale Nacht. Für Gil Grissom und sein Team vom CSI Las Vegas beginnt die Nacht mit einem Überfall in dem Dämonenhaus. Das Dämonenhaus ist eine Attraktion in der Stadt der Attraktionen. In einem leeren Lagerhaus inszeniert die stockkonservative, christliche Organisation TAPARS (Teenager und Eltern für eine verantwortungsbewusste Gesellschaft) eine drastische Schau der Sünden. Sie will so die zahlreichen jugendlichen Besucher zu einem christlichen Leben animieren.

Der Überfall im Dämonenhaus ist die neueste Tat eines Pärchen, das in den vergangenen Wochen in Las Vegas zehn Geschäfte überfiel und keine verwertbaren Spuren hinterließ. Bereits am Tatort bemerken Gil Grissom, Nick Stokes und Sara Sidle zahlreiche Ungereimtheiten. So schlugen die beiden bis jetzt nie an einem Freitag zu. Sie hatten andere Waffen und andere Schuhe an. Aber der größte Unterschied ist, dass sie dieses Mal auch die Einnahmen aus dem Safe mitnahmen. In dem Safe des Dämonenhauses lagen die Einnahmen einer gesamten Woche. Haben die CSIler es hier mit einem gut informierten Nachahmungstäter zu tun?

Noch während die drei CSIler den Tatort sichern, ertönt ein lauter Schuss. Karl Newton hat auf offener Bühne seine Verlobte Joanna Boyd erschossen. Entgegen dem normalen Gebrauch war seine Waffe mit einer scharfen Patrone geladen. Während Newton unter Tränen die Tat gesteht, ist Grissom misstrauisch. Zusammen mit Catherine Willows und Warrick Brown beginnen sie den Tatort zu untersuchen. Schnell stellen sie fest, dass Boyd ermordet wurde und der wahrscheinliche Täter nicht ihr Verlobter ist.

Das Comicbuch „Das Dämonenhaus“ ist ein weiterer spannender Fall für das erste und nach Ansicht vieler Fans immer noch beste CSI-Team. Max Allan Collins, der in den vergangenen Jahren acht CSI-Romane mit dem Las Vegas-Team schrieb, erfand auch für dieses Buch mehrere spannende Fälle und würzte sie mit etlichen pointierten Dialogen und atmosphärischen Beschreibungen über die Stadt der Träume. Gabriel Rodriguez und Ashley Wood zeichneten dazu die gelungen zwischen dem bekannten CSI-Look und knalligen Comicbildern changierenden Bilder.

Auf seiner Homepage schreibt Max Allan Collins, dass er sich nach einem halben Jahrzehnt aus dem CSI-Franchise verabschiedet hat. Neben Comics hat er auch zehn Romane geschrieben und Computerspiele und Puzzles (Ja, es gibt CSI-Puzzles!) entworfen. Er hat gerade den Roman „Jump Cut“ für die Krimiserie „Criminal Minds“ geschrieben. In den USA erscheint er im November. Bei uns, immerhin läuft die Serie erfolgreich sonntags bei Sat.1, sicher einige Monate später.

 

 

Max Allan Collins (Story)/Gabriel Rodriguez/Ashley Wood (Zeichnungen): CSI: Das Dämonenhaus

(Übersetzung von Helga Parmiter)

Panini Comics, 2007

128 Seiten

14,95 Euro

 

Originalausgabe:

CSI Crime Scence Investigation: Demon House

IDW Publishing, Oktober 2004

 

Hinweise:

CSI-Comics in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-acht.html

CSI-Romane in der Spurensuche:

CSI-Roman „Im Profil des Todes (CSI: Crime Scene Investigation – Snake Eyes, 2006) von Max Allan Collins:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-sechs.html

CSI:NY-Romane “CSI:NY – Der Tote ohne Gesicht” (CSI:NY – Dead of Winter, 2005) und “CSI:NY – Blutige Spur” (CSI:NY – Blood on the sun, 2006) von Stuart M. Kaminsky:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-eins.html

 

Homepage Max Allan Collins:

http://www.maxallancollins.com/index.html

 

Panini Comics über CSI:

http://paninicomics.de/csi-s10279.html