Ausgewählte Frühjahrsmorde 2008: Wir können auch Krimis

Februar 15, 2008

Im zweiten Teil unserer kleinen Verlagsschau sehen wir uns das Frühjahrprogramm einiger kleiner Verlage, die regelmäßig gute Krimis veröffentlichen, an. Der Alexander Verlag, die Edition Nautilus, Pendragon, der Unionsverlag, Pulp Master und vgs veröffentlichen nicht nur Kritikerlieblinge, sondern sie haben auch einige die Bestsellerlisten stürmende  Publikumslieblinge im Angebot.

 

 

Alexander Verlag

setzt seine Ross-Thomas-Neuausgabe fort:

Ross Thomas: Teufels Küche (Überarbeitete Neuausgabe von „Mördermission“ [Missionary Stew, 1983]; erhielt 1986 den Deutschen Krimi Preis und Stephen King meint: „Dieses Buch ist definitiv das beste, das ich von Ross Thomas gelesen habe.“)

David Mamet: Bambi vs. Godzilla (Arbeitstitel; David Mamet meckert über Hollywood; das ist zwar kein Krimi, aber David Mamet hat mit seinen Drehbüchern und Filmen auch im Genre seine Spuren hinterlassen.)

Die Bücher erscheinen im Frühjahr.

 

 

Edition Nautilus

setzt die „Kaliber .64“-Reihe (64 Seiten und Schluss – schöne Reihe mit inzwischen schon einigen Entdeckungen) mit drei Geschichten fort:

Bernhard Jaumann: Geiers Mahlzeit

Roman Rausch: Meet the Monster

Friedrich Ani: Der verschwundene Gast

Die Bücher erscheinen Ende Februar.

 

 

Pendragon

Herausgeber Günther Butkus verspricht mir immer wieder, dass im nächsten Programm weniger Kriminalromane seien – und bricht dieses regelmäßig dieses Versprechen. Aber bei diesen angekündigten Romanen will ich wirklich nicht böse sein:

Februar

Frank Göhre: MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser (Nachdem Göhre vor Jahren bereits die Werke von Friedrich Glauser herausgegeben hat, legt er jetzt eine literarische Annäherung an Glauser vor.)

Frank Göhre: An einem heißen Sommertag (Neuveröffentlichung von „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“, dem auch verfilmten „Schnelles Geld“ und den bislang unveröffentlichten Kurzgeschichten „Verrückte Schritte“ und „Keine Chance“)

Renate Niemann: Der Graumacher (Psychothriller über eine Journalistin, die den Graumacher jagt.)

Wolfgang Schweiger: Der höchste Preis (Nach einer langen Pause endlich wieder ein neuer Schweiger. Dieses Mal erzählt er eine Familien- und Rachegeschichte.)

Jürgen Siegmann: Am Abgrund (In Bielefeld verschwinden zwei Schülerinnen. Kommissar Lippe ermittelt.)

März

Die Schweizer gestalten den Pendragon-März

Mitra Devi: Stumme Schuld (Eine Privatdetektivin sucht einen Mörder und findet zunächst viele Verdächtige.)

Roger Graf: Die Frau am Fenster (Yep, der Mann, der uns die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney bescherte scheint dieses Mal wesentlich ernsthafter zu erzählen. Jedenfalls sucht die Polizei nach einem Mörder, der bei seinen Opfern immer eine Plastikuhr mit der Uhrzeit 11.15 Uhr zurücklässt.)

Daniel Himmelberger/Saro Marretta: Die letzte Reise nach Palermo (Ein Berner Schriftsteller wird ermordet. Seine Kollegen fragen sich, ob’s die Mafia war. Die Polizei ermittelt.)

Roger Strub: Kalter Abschied (Vor dreißig Jahren brachte eine Mutter zuerst ihre Kinder und dann sich um. Heute untersucht die Polizei den Fall wieder und fragt sich, ob die Tote wirklich die Mutter war.)

 

 

Unionsverlag

Bleiben wir in der Schweiz. Der Unionsverlag legt sein erstes Krimiprogramm nach dem Ausscheiden von Thomas Wörtche als Herausgeber vor. Aber für die meisten Bücher dürfte Wörtche noch irgendwie verantwortlich sein. Jedenfalls liest sich das Programm so:

Fester Einband

Leonardo Padura: Das Havanna-Quartett (Sammelband mit „Ein perfektes Leben“, „Handel der Gefühle“, Labyrinth der Masken“ und „Das Meer der Illusionen“)

Claudia Pineiro: Ganz die Deine (Tuya, 2003 – Inés wird von ihrem Mann betrogen. Irgendwann reicht es ihr und sie beginnt einen Rachefeldzug. Die ersten Zeilen gefallen mir sehr gut.)

Tran-Nhut: Das schwarze Pulver von Meister Hou – Ein Kriminalfall für Mandarin Tan (La pudre noire de Maitre Hou, 2002 – eine im Vietnam des 17. Jahrhunderts spielende Mischung aus historischem Roman, Spannung und Fantasy)

Taschenbuch

Februar

Friedrich Glauser: Die Wachtmeister-Studer-Romane (alle sechs Krimis in einer Kassette und damit die ideale Ergänzung zu Frank Göhres Glauser-Roman)

Celil Oker: Dunkle Geschäfte am Bosporus (Son Ceset, 2004 – Nach einer vierjährigen Pause und nachdem ich bereits die Hoffnung auf eine weitere Übersetzung eines Krimis mit Privatdetektiv Remzi Ünal aufgegeben hatte, erscheint jetzt sein vierter Fall. Guter Hardboiled aus der Türkei.)

Leonardo Padura: Adiós Hemingway (Adios Hemingway, 2006 – hab ich bereits abgefeiert)

Manfred Wieninger: Kalte Morde (Erstausgabe 2006 im Haymon-Verlag – Privatdetektiv Marek Miert glaubt nicht an die Mär von den blutrünstigen Ausländern. Er sucht den wahren Mörder.)

April

Garry Disher: Schnappschuss (Snapshot, 2005 – hab ich bereits abgefeiert)

Bill Moody: Solo Hand (Solo Hand, 1994 – Neuausgabe des ersten Evan-Horne-Krimis. Moodys Evan-Horne-Serie hab ich hier abgefeiert.)

Gabriel Trujillo Munoz: Tijuana Blus (El festín de los cuervos, 2002 – hab ich bereits abgefeiert)

 

Pulp Master

will mit zwei Werken den Sommer lebenswert gestalten:

Buddy Giovinazzo: Piss in den Wind (College-Dozent James Gianelli bringt in einem Wutanfall seine Freundin um und entsorgt die Leiche. Kurz darauf trifft er Dominique und jetzt hat er wirkliche Probleme, „denn sie ist nicht nur ultra-cool, sondern irgendwie auch ultra-tot…“ – Ah, das klingt angenehm abgedreht.)

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos (Silvester 1979: Raubmörder Kuhl hat sich von Frankfurt nach Miami verabschiedet und, weil er gerne auf großem Fuß lebt, muss er sich schnell um neue Einkünfte kümmern. „Neo-Pulp für Fortgeschrittene“ schreibt der Verlag über dieses Comin-of-Age-Werk. Bin sehr gespannt.)

 

VGS

Die meisten VGS-Bücher sind für Krimifans nicht sonderlich interessant. Aber mit den „CSI“-Romanen gibt es spannendes Futter für die Buch-zum-Film-Fraktion (obwohl es sich hier um neue Fälle mit den bekannten Seriencharakteren handelt) und auch die Freunde einer gut geplotteten Geschichte dürfen zugreifen:

März

Max Allan Collins: CSI: Crime Scence Investigation – Die Last der Beweise (Ich bin halt ein Collins-Fan.)

April

Donn Cortez: CSI: Miami – Todsicheres Alibi

Donn Cortez: CSI: Miami – Im freien Fall

 

Fett Kursiv sind die Titel gedruckt, auf die ich mich besonders freue.

Hier geht’s zu Teil 1: Emons, Gmeiner Grafit


Ausgewählte Frühjahrsmorde 2008: Auftritt der Krimiverlage

Februar 13, 2008

Die Verlage Emons, Gmeiner und Grafit sind vor allem für ihre Kriminalromane von deutschsprachigen Autoren bekannt. Emons und Gmeiner veröffentlichen auch andere Bücher. Grafit lässt inzwischen auch übersetzten. Trotzdem liegt bei diesen Verlagen der Schwerpunkt immer noch bei Krimis von deutschsprachigen Autoren.

 

Emons

Februar

Martin Conrath: Der Schattenreiter (Saarland Krimi: Kommissar Bremer ermittelt im Reitermilieu. Ohne mich; denn „Das schwarze Grab“ gefiel mir überhaupt nicht.)

Markus Guthmann: Weinstrassen Marathon (Pfalz Krimi: Ein toter Historiker, ein fünf Jahre zurückliegender Mord und ein Keltengrab beschäftigen das Team Roöder/Hellinger.)

Ingrid Strobl: Tödliches Karma (Köln Krimi: Nele soll ihren Dealer umgebracht haben. Katja glaubt’s nicht.)

März

Peter Freudenberger: Stiller und die Tote im Bus (Main Krimi: Journalist Paul Stiller will herausfinden, wer die alte Hedda Kunkel in einem Linienbus vergiftete. – Hm, nicht gerade der Unauffällige Tatort Nr. 1.)

Alfred Hellmann: Vor den Hymnen (Erstens: der Krimi spielt in Berlin. Zweitens: ich kenne den Autor. Drittens: ich bin gespannt.)

Hannsdieter Loy: Rosen für eine Leiche (Oberbayern Krimi: Kriminalrat a. D. Joe Ottakring will den Mörder der in einem Ausflugschiff ermordeten Menschen finden.)

Barbara Meyer: Im Schatten des Doms (Historischer Kriminalroman: Paderborn um 1600)

Antonia Pauly: Der Büttel zu Köln (Historischer Kriminalroman: Köln, 1271)

April:

Hannes Nygaard: Todesküste (Hinterm Deich Krimi: Haben Terroristen auf dem Heider Marktfrieden einen Mord verübt? Lüder Lüders und Große Jäger – die Namen sind kein Scherz – ermitteln.)

Rainer Martin Mittl: Der Fröhlichmann (Der Badische Krimi: in dem Psychothriller müssen sich die Kommissare Kindlein und Morgenthaler mit zwei Männern herumschlagen, die die gleichen Frauen umgebracht haben wollen.)

Britt Reissmann: Der Traum vom Tod (Stuttgart Krimi: Kommissarin Thea Engel ermittelt in der Szene der Fantasy-Rollenspiele.)

Jobst Schlennstedt: Tödliche Stimmen (Küsten Krimi: Kommissar Birger Andresens dritter Fall: Ein Serienmörder in Lübeck?)

Mai

Oliver Buslau: Neandermord (Der Bergische Krimi: Privatdetektiv Remigius Rott wird Zeuge eines Mordes und Gejagter. Das könnte ein spannender Thriller sein.)

Edgar Noske: Himmel über Köln (allerdings nicht heute, sondern 1968)

 

 

Gmeiner

Der Verlag aus Meßkirch feiert das zehnjährige Bestehen seiner Krimireihe. Dafür schon einmal Herzlichen Glückwunsch. Der erste Teil des Jubiläumsprogramms enthält:

Hermann Bauer: Fernwehrträume (Ein Wiener Kaffehauskrimi mit einem Amateurdetektiv auf Mörderjagd.)

Sinje Beck: Totenklang (Anscheinend der dritte und letzte Heiner-Himmel-Krimi.)

Ulrike Blatter: Vogelfrau (Kommissar Erich Bloch sucht den Mörder eines Archäologieprofessors, der standesgemäß mit einer Steinzeitaxt erschlagen wurde.)

Manfred Bomm: Notbremse (Kommissar Häberles achter Fall: dieses Mal führen ihn die Morde zu Pharmakonzernen und zur Spielautomatenmafia. Da fragen wir uns doch, wer von beiden der größere Schurke ist.)

Ella Danz: Nebelschleier (Kommissar Angermüller muss auch im Urlaub Mörder jagen. Ein Großgrundbesitzer, der seine Felder einem Gentechnikkonzern verkaufen wollte, wurde erwürgt.)

Sandra Dünschede: Solomord (Kommissar Hagen Brandt sucht den Mörder eines entführten Mädchens. Die Spur führt – Überraschung! – ins Kinderpornomilieu.)

Pierre Emme: Ballsaison (Krimi zur Fußball-EM)

Christian Gude: Binärcode (Ein ermordeter Italiener und geheimnisvolle Signale aus dem All beschäftigen Kommissar Karl Rünz.)

Uwe Gardein: Die letzte Hexe – Maria Anna Schwegelin (Historischer Kriminalroman: Kempten, 1775)

Uta-Maria Heim: Das Rattenprinzip (Neuauflage; Deutscher Krimi Preis 1992)

Erwin Kohl: Willenlos (Ein Polizist wird ermordet. Der Täter ist auch schnell gefunden. Aber Kommissar Joshua Trempe glaubt nicht an diese einfache Lösung.)

Paul Lascaux: Salztränen (Privatdetektiv Heinrich Müller soll herausfinden, ob der Autounfall eines Käseeinkäufers wirklich nur ein Unfall war. Lascaux hat unter seinem bürgerlichen Namen Paul Ott das sehr lesenswerte Sachbuch „Mord im Alpenglühen: Der Schweizer Kriminalroman“ veröffentlicht)

Claudia Puhlfürst/Petra Steps (Hrsg.): Mordssachsen 2 (Zwanzig Kurzgeschichten von –ky, Jan Flieger, Franziska Steinhauer und anderen)

Jochen Senf: Knochenspiel (Fritz Neuhaus schlägt sich dieses Mal mit der Organmafia herum.)

Friederike Schmöe: Pfeilgift (Ein Ehemann wird mit einem mit Curare vergifteten Pfeil umgebracht. Privatdetektivin Katinka Palfy ermittelt.)

Harald Schneider: Ernteopfer (Kommissar Reiner Palzki jagt den Mörder eines polnischen Erntehelfers und stochert unter Gemüsebauern herum.)

Franziska Steinhauer: Menschenfänger (Kommissar Peter Nachtigall jagt einen mehrfachen Frauenmörder. Außerdem sucht die Polizei einen flüchtigen Vergewaltiger und Mehrfachmörder. Nach dem Krimilehrbuch gehören beide Fälle zusammen.)

Günther Thömmes: Der Bierzauberer (Historischer Kriminalroman: Mittelalter)

Verena Wyss: Todesformel (das Manuskript erhielt 2004 den Frauen-Krimi-Preis „Agathe“)

Wolfgang Zander: Hundeleben (Privatdetektiv Siegfried Gass muss sich mit zwei Millionen Euro, einer verlassenen Frau, sexlüsternen Buchhändlerinnen und feuerfesten Kinoleinwänden herumschlagen.)

 

 

Grafit

Februar

Jacques Berndorf: Eifel-Kreuz (Taschenbuch-Ausgabe)

Ingo Gach: Freyas Fluch (Historischer Kriminalroman; spielt im von Römern besetzten Köln)

Pentti Kirstilä: Schwarzer Frühling – Ein Fall für Lauri Hanhivaara (Taschenbuch-Ausgabe)

Ernst Solèr: Staub im Schnee (Dritter Kommissar-Staub-Krimi: ein bekannter TV-Moderator wird ermordet.)

April

Angela Esser (Hrsg.): Schöne Leich’  in Wien (Kurzgeschichten zur Criminale von Heinrich Steinfest, Jürgen Kehrer, Burkhard Driest, Nessa Altura, Leo P. Ard, Andrea Maria Schenkel und anderen)

Peter Godazgar: Unter schrägen Vögeln (Privatdetektiv Markus Waldo zweifelt an seinem Job. Er soll den Entführer von Kaninchen finden.)

Matti Rönkä: Bruderland (Der zweite Viktor-Kärppä-Krimi oder guter Hardboiled aus Finnland.)

Mai

Lucie Klassen: Der 13. Brief (Debüt: eine Ausreißerin drückt wieder die Schulbank. Sie will herausfinden, warum die 16-jährige Eva sich umbrachte.)

Jaroslav Kutak: Tod unter Par (Ein Schulfreund von Privatdetektiv Karel Schwarz stirbt auf dem Golfplatz. Der Detektiv sucht unter den Vereinsmitgliedern den Mörder. Das klingt nicht besonders aufregend, aber Kutak wurde für „Strafe muss sein“ mit dem tschechischen Krimipreis ausgezeichnet und mit 192 Seiten ist „Tod unter Par“ angenehm kurz.)

Gabriella Wollenhaupt: Leichentuch und Lumpengeld (Historischer Kriminalroman aus dem Vormärz)

 

Fett Kursiv sind die Titel gedruckt, auf die ich mich besonders freue.


Ein Schmöker aus Berlin

Februar 11, 2008

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Nach mehreren schlechten deutschsprachigen Krimis, war das neue Buch von Sebastian Fitzek eine willkommene Entspannung. „Das Kind“ ist ein Thriller für einen verregneten Nachmittag, bei dem man die Gehirnzellen nicht übermäßig beanspruchen will. Die Geschichte beginnt mit einer Kette rätselhafter Ereignisse.

Eine Freundin bittet den erfolgreichen Strafverteidiger Robert Stern zu einem Treffen. Auf einem abgelegenen Industriegelände trifft er den zehnjährigen, todkranken Simon Sachs. Der Junge behauptet, vor fünfzehn Jahren hier einen Menschen umgebracht zu haben. Stern hält das selbstverständlich für einen schlechten Scherz; – bis er wenig später zusammen mit Simon die Leiche entdeckt. Kurz darauf erhält Stern eine DVD, auf der er eine Stimme ihm sagt, er habe fünf Tage Zeit den Mörder zu finden. Dann werde er erfahren, wo sein vor zehn Jahren verstorbener Sohn lebt. Als Beweis für diese abenteuerliche Behauptung einer Wiedergeburt sieht Stern seinen damals verstorbenen Sohn im Krankenhaus und heute bei einem Kindergeburtstag.

Am nächsten Tag erzählt Simon dem Anwalt, dass er in seinem früheren Leben mehrere Menschen umgebracht habe. Stern hält Simons Geschichte mit der Wiedergeburt immer noch für ein Hirngespinst. Aber er findet nach Simons Informationen weitere Spuren zu noch nicht entdeckten Morden. Kurz darauf beobachtet er, wie Dr. Johann Tiefensee, der Psychologe von Simon Sachs, in seiner Praxis ermordet wird. Die Polizei verdächtigt Stern. Er taucht unter und versucht mit einigen Vertrauten das Rätsel zu lösen. Dabei fragt er sich immer wieder, ob es eine Wiedergeburt gibt.

Bei der Vorstellung der Werbekampagne (Berlin Kriminell, Krimiblog und einige nicht-übliche Verdächtige machten bei dem Alternative Reality Game Marketing mit) und des Buches in Berlin sagte Sebastian Fitzek, die Idee für die Geschichte sei ihm nach einem Streit mit seiner Freundin gekommen. Sie habe gesagt, sie habe schon einmal als Johanna von Orleans gelebt. Als Siebenjährige habe sie bei einem Frankreich-Besuch einen Marktplatz wieder erkannt. Er, als vernünftiger Mensch, habe das als Quatsch bezeichnet. Die Situation eskalierte, bis sie wutentbrannt das Zimmer verließ. Dann habe er angefangen nachzudenken. Warum behaupten Wiedergeborene immer, sie hätten schon einmal als wichtige Person gelebt? Warum sagte niemand, er habe als armer Bauer gelebt? Oder als Verbrecher? Oder, noch schlimmer, als Serienmörder? Aus dieser Frage entstand dann sein dritter Roman „Das Kind“.

Der Thriller ist kein perfektes Buch. Es gibt immer wieder herbe sprachliche Schnitzer. Die Charaktere sind reine, weitgehend in den bekannten Klischees verhaftete Funktionsträger. Der erfolgreiche, geschiedene Anwalt, der nicht über den Tod seines Sohnes hinwegkommt. Die Krankenschwester mit dem goldenen Herzen. Der eiskalte Verbrecher, der Pädos hasst. Wie oft haben wir das schon gelesen?

Und dass Sterns Jagd nach dem Mörder ihn zu einem weltweit operierenden Pädophilenring führt, ist auch nicht gerade neu. Zuletzt durfte ich das in den vergangenen Wochen in Mechtild Borrmanns „Morgen ist der Tag nach gestern“ (2007) und Nick Stones „Voodoo“ (Mr. Clarinet, 2006) lesen.

Aber „Das Kind“ ist spannend. Da jagt eine überraschende Wende die nächste und für Fitzeks Helden wird es auf jeder Seite immer schlimmer. Die Settings sind plastisch beschrieben. Die Geschichte bewegt sich in vielen kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektive schnörkellos voran. Das Ende bringt die verschiedenen Handlungsstränge zu einem schlüssigen Ende und es gibt für Simon Sachs Wissen eine vernünftige und diesseitige Erklärung.

Insgesamt ist Fitzeks dritter Thriller „Das Kind“ das literarische Äquivalent zu einer Curry-Wurst.

 

 

Sebastian Fitzek: Das Kind

Droemer, 2008

400 Seiten

16,95 Euro

 

Homepage von Sebastian Fitzek

Das Alternative Reality Game „push11“


Langweiler über die böse Nahrungsmittelindustrie

Februar 6, 2008

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Cem Melou ist Facharzt für Physiologie und Ernährungsmediziner. Das wäre nicht wichtig, wenn sein Debüt „Toxische Killer“ nicht ein verkappter Ernährungsratgeber mit einer unglaubwürdigen Story wäre.

Bei einer Lebensmittelstudie treten bei einem Patienten Nebenwirkungen auf, die eine Genehmigung des Medikaments gefährden könnte. Also bringt der Konzern, anstatt bei ihm das Medikament abzusetzen, zuerst den auffälligen Probanten um und löscht dann alle seine Daten aus der Untersuchung. Etwas später bringen die Konzern-Killer die Leiterin des Projektes, weil sie geheime Unterlagen gefunden hat (Kleiner Tipp: Legen Sie Unterlagen, die nicht innerhalb weniger Sekunden auf ihrem PC gefunden werden sollen, auf der Festplatte nicht unter offensichtlichen Namen ab.), um. Doch die beiden Killer müssen, um die Interessen des Konzerns zu schützen, noch viel mehr Menschen umbringen. Nur ein kleiner Wiener Polizist stellt sich dem Weltkonzern entgegen.

Für Melou ist dieser Plot, der sich in dieser Zusammenfassung wie eine trashig-spaßige David-gegen-Goliath-Geschichte liest, nur das Mittel seine Botschaft über die richtige Ernährung zu verkünden. Deshalb repetiert er seitenlang sein Wissen und schreibt im Stil eines Lexikonartikels über die Wirkung von verschiedenen Drogen und tödlichen Giften. Das alles bringt die Geschichte nicht voran und hat in dieser Form in einem Roman nichts zu suchen. Denn wenn ich etwas über richtige und falsche Ernährung, über Drogen und Gifte, erfahren will, dann schnappe ich mir ein Fachbuch. In einem Roman muss es ein Teil der Geschichte sein. Sonst interessiert es nicht.

Die Geschichte von „Toxische Killer“, sogar wenn wir glauben, dass Nahrungsmittelkonzerne heimlich süchtig und krank machende Substanzen in Lebensmittel mischen, funktioniert nie, weil sie einfach nicht glaubwürdig ist. Denn ein multinationaler Konzern hat elegantere Möglichkeiten ein Problem zu beseitigen, als, wie in einem drittklassigen Krimi, einige Killer loszuschicken. Und ein Polizist, der nach Dienstende zu einem Selbstmord gerufen wird und Dokumente stiehlt, ist einfach nur ein tiefer Griff in die Klischeekiste. Dass am Ende die Bösen ihre Taten freiwillig gestehen, zeigt dann wieder einmal das schlechte Plotting von „Toxische Killer“. Denn bei Melou steht immer die Botschaft an erster Stelle.


Cem Melou: Toxische Killer

Pendragon, 2007

216 Seiten

9,90 Euro

 

Homepage von Cem Melou

Interview mit Cem Melou


Die endgültige „Trias“-Teilkritik

Februar 4, 2008

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Der in der nahen Zukunft spielende Politthriller „Trias“ von Marc Kayser hat 560 Seiten. Auf Seite 171 zog ich die Reisleine. Doch schon nach den ersten Zeilen hätte ich das Buch zuklappen können: „Das Wetter war mies an diesem Novembertag. Vom nahen Grenzgebiet zu Polen zog Nebel Richtung Westen, der sich kalt und schwer auf die Straße legte.“ Das ist kein verheißungsvoller Anfang. Auf den nächsten vier Seiten wird es nicht besser. Ein Politiker lässt sich zu einem Treffen fahren. Nach vier Seiten fährt er in eine Sprengfalle und stirbt. Das ist ein Schock. Aber Schocks sind, weil sie unvermittelt kommen, nicht spannend. Spannend ist es, wenn die Explosion vorbereitet wird. Zum Beispiel indem erzählt wird, wie die Terroristen die Bombe befestigen und dann der Politiker auf die Fahrt in den Tod geschickt wird.

Doch das ist nicht ein missglückter Anfang, sondern – im gesamten ersten Teil von „Trias“ – ein durchgängiges Prinzip. Kayser hangelt sich, mit viel Leerlauf, von einer Überraschung zur nächsten, führt in epischer Breite eine Unzahl von verschiedenen Charakteren rund um den Globus ein, ohne etwas Wesentliches über sie zu verraten oder seine Geschichte zu erzählen. So hat wenige Seiten später die Bundeskanzlerin einen fast achtseitigen Auftritt, in dem einiges über die gesellschaftliche Lage (hat bis auf Seite 171 keine Bedeutung für die Handlung) und das geplante Abkommen „Trias“ (dito) verraten wird und sie am Ende vom Tod ihres Staatssekretärs erfährt. Bis Seite 171 ist diese Szene vollkommen unwichtig. Die Kanzlerin hat keinen weiteren Auftritt. Von ihren Aktionen nach dem Attentat erfahren wir nichts.

Kayser gelingt es mit den vielen, lieblos eingeführten Charakteren nur, einen spannungslosen Wust zu präsentieren, bei dem auch nach fast einem Drittel des Buches immer noch nicht deutlich wird, welche Geschichte Marc Kayser erzählen will.

Auf den ersten 170 Seiten von „Trias“ ist, auch dank des Klappentextes, nur erahnbar, dass es um ein geheimes Rohstoffabkommen geht, das in wenigen Wochen zwischen Amerika, Deutschland und Russland beschlossen werden soll. Terroristen (ob eine oder mehrere Gruppen ist unklar) haben, fast zeitgleich, den deutschen Verhandlungsführer und den stellvertretenden russischen Außenminister umgebracht. BKA-Ermittler Markus Croy glaubt, dass die Täter aus dem Osteuropäischen Raum kommen. Allerdings wollen auch – wahrscheinlich – verschiedene andere Gruppen und Staaten das Abkommen sabotieren. Da ist es gut, dass die Terroristen Croy aus nicht nachvollziehbaren Gründen in Prag umbringen wollen. Croy kann sich einen schnappen. Bei der Vernehmung hält er sich nicht lange mit Höflichkeiten auf, sondern foltert den Tschechen.

Diese vollkommen unmotivierte Folterszene zeigt wieder einmal, was Marc Kayser wahrscheinlich vorschwebt: ein deutsches „24“. Aber alles das, was in der erfolgreichen TV-Serie funktioniert, funktioniert in „Trias“ nicht.

 

Marc Kayser: Trias

Heyne, 2008

560 Seiten

9,95 Euro

 

Homepage von Marc Kayser

 

Lesung:

Dienstag, 5. Februar, 20.00 Uhr, Bertelsmann AG (Unter den Linden 1, Berlin)

Moderation: Hans-Ulrich Jörges (Stern)

Aus dem Roman liest Rainer Strecker


Kein Buch für mich

Februar 1, 2008

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Mechtild Borrmanns „Morgen ist der Tag nach gestern“ wurde von etlichen Kollegen gelobt (hier, hier, hier, hier, hier, hier). Deshalb quälte ich mich durch die ersten Seiten und hoffte, dass es besser würde. Borrmann schreibt nämlich im nicht nur von mir sehr ungeliebten Präsens. Denn es ist schwierig ist, in dieser Erzählzeit elegant und natürlich zu formulieren. Darum sind die meisten Geschichten in der Vergangenheitsform geschrieben. Sie eröffnet einen viel größeren sprachlichen Raum. Allein schon das Ankündigen von zukünftigem Unheil ist ein wirksames Mittel die Spannung zu steigern und die Lesenden emotional in die Geschichte einzubinden.  

Im weiteren Verlauf der Geschichte geht Borrmann mit dieser nicht sehr lesefreundlichen Erzählzeit ganz gut um. Aber dafür ist die aus drei Perspektiven erzählte Geschichte langweilig und immer wieder nicht besonders plausibel.

Das Ferienhaus des vermögenden Gustav Horstmann brennt ab. Als in der Brandruine nacheinander zwei Leichen gefunden werden, beginnt Kommissar Peter Böhm den Mörder zu suchen. Kurz darauf werden auf Horstmanns im Keller stehenden PC pornographische Bilder von vermissten Kindern gefunden. Zur gleichen Zeit beobachtet Nachbar Frank Zech die Aufräumarbeiten und Unternehmer Wolfgang Wessel schreibt ein Geständnis auf.

Diese drei Erzählstränge plätschern, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen, vor sich hin und treffen erst am Ende so halbwegs aufeinander. Die Lösung, also wer warum die Morde verübte und den Brand verursachte, ist letztendlich nicht sonderlich überraschend, wenn man erfährt, dass Zech das abgebrannte Haus hütete und Wessels minderjährige Tochter seit Jahren verschwunden ist. Beides verrät Borrmann schon sehr früh.

Weil ich bei einem Roman allerdings in erster Linie unterhalten werden möchte, wäre auch das nicht so schlimm, wenn die drei Handlungsstränge wenigstens ein interessantes Eigenleben hätten. Wenn also jeder einzelne Charakter ein klar erkennbares Ziel (Und wenn es nur ein Glas Wasser ist.) erreichen möchte. Doch dem ist nicht so. Sie haben keine Ziele, damit gibt es auch keine Konflikte, die die Geschichte voranbringen, und deshalb sind sie mir alle ziemlich egal.

Dafür gibt es Klischees (Warum müssen die Polizisten immer Essen, wenn eine Leiche entdeckt wird?), dramaturgischen Leerlauf (Zum Beispiel der erste Auftritt der Polizisten.) und unglaubwürdige Szenen (Wenn das Geständnis der Prostituierten nicht auf den letzten Seiten des Romans gewesen wäre, hätte ich das Buch verärgert in eine Ecke geworfen.).

„Morgen ist der Tag nach gestern“ mit seiner missglückten Mischung aus Polizei- und Psychokrimi hielt am Ende genau das, was mir die ersten Seiten signalisierten: Das ist kein Buch für mich.

 

 

Mechtild Borrmann: Morgen ist der Tag nach gestern

Pendragon, 2007

224 Seiten

9,90 Euro

 

Homepage von Mechtild Borrmann


Verkorkster „Bruderdienst“

Januar 31, 2008

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Jacques Berndorf hat mit seinen Eifelkrimis ein Millionenpublikum erobert. In den vergangenen Jahren gönnte er sich immer wieder Ausflüge in den Politthriller. Aber sein zweiter BND-Roman mit Geheimagent Karl Müller, „Bruderdienst“, ist einfach schlecht.

Die Geschichte ist nicht plausibel (Die Koreaner haben wahrscheinlich eine Atombombe verkauft. Der BND will herausfinden, ob’s stimmt.). Die Dialoge sind unterste CSI-Schublade. Im Fernsehen kann ich damit leben, dass der eine Forensiker dem anderen erklärt, was er gerade macht. Aber in einem Roman gibt es, – Berndorf als erfahrener Autor sollte das Wissen -, elegantere Möglichkeiten. Dann menschelt es ohne Pause im BND und in Gesprächen mit mehr oder weniger befreundeten Geheimdiensten. Denn bevor sich den Weltproblemen zugewandt wird (Hey, wahrscheinlich haben irgendwelche durchgeknallten Terroristen eine Atombombe.),  wird sich erst einmal in epischer Breite über die verschiedenen Zipperlein und Krankheiten der Ehefrauen ausgetauscht und die Küche nach Essbarem inspiziert. Das hat mit der Geschichte nichts zu tun und verrät uns auch nichts Wichtiges über die Charaktere. Aber das ist immer noch besser, als wenn die supertollen BND-Agenten in Aktion treten, sich dabei ziemlich hirnrissig verhalten und wieder einmal im Smalltalkmodus geheime Informationen an dubiose Charaktere ausplaudern. Der löchrige Plot liest sich dann wie eine ungewollte Parodie auf einen schlechten Agentenkrimi. Aber Berndorf meint es Ernst. In Interviews erzählt er von seinen Besuchen beim BND und den Einblicken die er in die Arbeit der Agenten erhielt. Doch in „Bruderdienst“ findet sich nichts davon in einer literarisch angemessenen Form. Das Werk ist ein unrealistischer Langweiler, der anscheinend als „Das große TV-Ereignis“ konzipiert wurde.

Nein, da ist sogar das schwächste Buch von John le Carré um Klassen besser. „Bruderdienst“ ist höchstens unterste Regionalliga.

 

Jacques Berndorf: Bruderdienst

Heyne, 2007

416 Seiten

19,95 Euro

 

Homepage von Jacques Berndorf

Interview mit Jacques Berndorf zu „Bruderdienst“, seinem Verlagswechsel und den Nicht-Verfilmungen seiner Eifel-Krimis


Zu überraschende Schlusspointe

Januar 25, 2008

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++Achtung: diese Besprechung verrät das Ende++

 

Nach dem spannenden Gerichtsthriller „Zug um Zug“ legte Andreas Hoppert jetzt mit „Menschenraub“ eine enttäuschende Kopfgeburt vor. Dabei beginnt „Menschenraub“ spannend. Drei Männer fahren mit einer betäubten Geisel auf eine Polizeisperre zu. Weil Jochen die Gegend kennt, können sie unerkannt zu ihrem Versteck fahren. Dank eines Zeugen weiß die Polizei bereits vor dem ersten Anruf der Erpresser, dass die sechzehnjährige Millionärstochter Daniela Schwalenberg entführt wurde.

Die Soko-Leiterin Helen Baum, eine nur im Studium von Statistiken erfahrene politische Beamtin, versucht ihre mangelnde Kompetenz durch die wagemutige Theorie, dass das Opfer ihre Entführung inszenierte, wettzumachen.

Zur gleichen Zeit ist Hopperts Serienheld Marc Hagen mit einem anderen Fall beschäftigt. Seine Chefin Dr. Irene von Kleist hat ihm den Mandanten Peter Schlüter überlassen. Sie muss ihrer Schwester seelischen Beistand bei der Entführung leisten. Immerhin ist die entführte Daniela ihre Nichte.

Schlüter hat auf dem Speicher des elterlichen Mietshauses eine mumifizierte Leiche entdeckt. Er bittet Hagen, herauszufinden, wer die Tote ist und wer sie vor ungefähr dreißig Jahren umbrachte. Gegen ein stattliches Honorar ist Hagen einverstanden.

Auf den ersten Blick haben beide Geschichten nichts miteinander zu tun. Aber selbstverständlich hängen die Entführung und der Mord irgendwie miteinander zusammen und Hopperts Serienheld Marc Hagen wird eine wichtige Rolle bei der Entführung spielen.

Das kann gesagt werden, ohne etwas vom Ende zu verraten. Wer „Menschenraub“ lesen will, ohne das Ende zu kennen, muss jetzt aufhören. Die anderen dürfen weiterlesen.

Die Verknüpfung der beiden Geschichten ist nämlich so überraschend, dass ich das Buch am Ende zuklappte und mich von Hoppert belogen fühlte. Für diese Besprechung habe ich mir natürlich die kritischen Stellen wieder angesehen und ich muss zugeben: Hoppert lügt nicht. Aber der Plot von „Menschenraub“ ist eine nicht funktionierende Kopfgeburt.

Denn Hoppert erzählt nicht zwei, sondern drei Geschichten, die durch abenteuerliche Zufälle über drei Jahrzehnte miteinander verknüpft werden. Er erzählt von den Ermittlungen der Polizei bei einer Entführung (heute). Er erzählt von den Ermittlungen Hagens in einem Mordfall (heute). Er erzählt von einer Entführerbande und ihre Opfer (damals).

Diese Verknüpfung von drei Erzählsträngen, die erst am Ende aufeinander stoßen, könnte funktionieren, wenn jeder Erzählstrang eine eigene Dynamik hätte und ihr Verhältnis zueinander erahnbar, oder, was noch besser wäre, wenn sie sich gegenseitig beeinflussen würden. Doch in „Menschenraub“ laufen die einzelnen Geschichten unverbunden nebeneinander her und auch ihre Verknüpfung am Ende ist gewollt.

Damit sind wir beim wichtigsten Grund für das Scheitern von „Menschenraub“. Die Hinweise auf die richtige Lösung sind so spärlich, dass man sie nur erkennt, wenn man die Lösung kennt. So erwähnt Hoppert, wenn er aus Sicht der Geisel erzählt, nie den Namen der Geisel. Doch warum sollte er? Sie ist die einzige Frau unter den Entführern und für diese tatsächlich nur ein Ding, mit dem sie Geld verdienen wollen. Es gibt keine Hinweise auf die Handlungszeit. Die Abwesenheit von Handys, Computern und iPods könnte misstrauisch machen, wenn es für Entführer nicht sehr vernünftig wäre, ihre Anrufe nicht mit ihrem Handy zu tätigen. Auch die Lebensgeschichte von Freddy, dem Planer, könnte misstrauisch machen. Er hat zuletzt drei Millionen Mark gestohlen. Aber er wurde zu D-Mark-Zeiten verhaftet und nach acht Jahren aus der Haft entlassen. Das alles lässt keine Rückschlüsse auf eine bestimmte Zeit zu. Dagegen deutet der Satz „Wenn die Bullen wussten, wer hier versteckt wurde, hätten sie doch mit Sicherheit ein Spezialeinsatzkommando vorbeigeschickt und nicht diese beiden Dorfpolizisten, oder?“ auf die Gegenwart. Denn in den Siebzigern waren SEKs noch nicht so en vogue wie heute.

Doch diese Entführung spielt in den Siebzigern. Damals entführte Freddy mit zwei Kumpels eine fünfzehnjährige Millionärstochter. Daniela Schwalenbach spielt heute diese Entführung nach. Die damalige Entführung ging schief, Die Geisel starb und wird dreißig Jahre später als mumifizierte Leiche auf dem Speicher eines Mehrfamilienmietshauses entdeckt.

Und so kommen wir zum nächsten wichtigen Grund für das Scheitern von „Menschenraub“: die zahlreichen, aberwitzigen Zufälle. Denn damit diese Konstruktion mit zwei Zeitebenen und drei Geschichten funktioniert, muss die Leiche zufällig genau an dem Tag entdeckt werden, an dem die Entführung stattfindet. Dann muss zufällig die Kanzlei von Kleist mit dem Mandat beauftragt werden und zufällig muss von Kleist mit den Schwalenbachs verwandt sein. Denn natürlich hatte Schlüter den Fund der Leiche auch der Polizei melden können.

Weil in „Menschenraub“ nicht Hopperts Seriencharakter Marc Hagen, sondern die Soko-Leiterin Helen Baum die treibende Kraft der Hauptgeschichte ist, sollte sie irgendwie sympathisch sein. Aber sie ist immer eine überforderte, unsympathisch-rechthaberische Person. Sie leiert ständig die neuesten statistischen Erkenntnisse herunter. Sie ist von Anfang an überzeugt, dass die Entführung fingiert ist und geht keiner anderen Spur nach. Sie hat zwar am Ende Recht, aber weil es keine stichhaltigen Anhaltspunkte für ihre Vermutung gibt, muss die ganze Zeit angenommen werden, dass sie in eine vollkommen falsche Richtung ermittelt.

Diese Ermittlungen laufen, wie die Entführung mit dem Spiel von Kontaktaufnahme und Lösegeldübergabe, lehrbuchhaft ohne große Überraschungen ab. Auch die Ermittlungen von Hagen in dem alten Mordfall folgen dem gewohnten Spiel von Spur A zu Spur B zu Spur C. Das erzählt Hoppert nicht schlecht, aber weil die Mordermittlung bis zum Ende des Romans keine Verbindung zur Geiselnahme-Geschichte hat, stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage, was die beiden in der Gegenwart spielenden Geschichten miteinander zu tun haben.

Nach „Zug um Zug“ hatte ich von Andreas Hoppert einen spannenden Thriller mit überraschenden Wendungen über eine Entführung erwartet. „Menschenraub“ ist ein formelhafter Langweiler mit einer missglückten Schlusspointe.

 

 

Andreas Hoppert: Menschenraub

Grafit, 2007

256 Seiten

9,50 Euro

 

Meine Besprechung von „Zug um Zug“


Drei neue Romane mit den drei CSI-Teams

Januar 23, 2008

Die erfolgreiche Forensik-Serie „CSI“ mit ihren beiden Ablegern muss wahrscheinlich nur Menschen vorgestellt werden, die die vergangenen Jahre auf einer einsamen Insel lebten. Doch alle anderen kennen die drei Ermittlerteams und wissen, dass diese in Las Vegas, Miami und New York mit modernsten wissenschaftlichen Methoden Täter fangen. Denn, so das Motto der Serie, Beweise lügen nicht. Nach dem Erfolg der Serie wurden Computerspiele, Comics und Romane mit neuen Fällen auf den Markt geworfen.

Auch die neuesten CSI-Romane werden den Fans in gefallen. Denn besonders die Romane „CSI: Crime Scence Investiagions – In Extremis“ von Ken Goddard (weniger gelungen) und „CSI: Miami – Mörderisches Fest“ von Donn Cortez (gelungener) folgen fast schon sklavisch genau der Struktur der Filme mit mehreren parallelen Fällen und einem Verzicht auf psychologische Erklärungen. Nur „CSI: NY – Sintflut“ von Stuart M. Kaminsky geht genauer auf die Motive der Täter ein und erzählt auch aus der Perspektive von Tätern und Opfern.

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Damit ist sein dritter „CSI:NY“-Roman für normale Krimifans sicher das befriedigenste Buch. Aber mit drei parallelen Mordermittlungen ist es schwer den Überblick zwischen den Fällen und den zahlreichen Verdächtigen zu behalten. Der Hauptfall ist eine Serienkillergeschichte. In ihm will ein Killer in einer Nacht mehrere Menschen umbringen. Mac Taylor entdeckt auf dem Körper der Ermordeten eingeritzte Buchstaben. Sie scheinen ein Hinweis auf den Täter, sein Motiv und seine künftigen Morde zu sein. Taylor fragt sich, wie viele Menschen noch auf der Liste des Killers stehen.

Der zweite Fall, der bestialische Mord an dem beliebten Lehrer Alvin Havels in einer Nobelschule, ist ein klassisches Locked-Room-Mystery. Der Lehrer wurde in seinem Klassenzimmer ermordet. Der Gang vor dem Zimmer wird mit Videokameras überwacht. Der Kollege, der die Leiche entdeckte, hat niemanden gesehen. Danny Messer und Lindsay Monroe fragen sich: Wie konnte der Täter also den Tatort verlassen?

Der dritte Fall sorgt für den nötigen Humor. Eine Bombe zerstört eine Wirtschaft. Ermittler Sheldon Hawkes wird in dem einsturzgefährdeten Haus in einem Loch verschüttet. Bei ihm ist ein Mann, der sich Connor Custus nennt und wahrscheinlich für die Explosion verantwortlich ist. In jedem Fall hat er ein abenteuerliches Leben hinter sich hat und ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Von oben versuchen Stella Bonasera und die Feuerwehr die beiden Eingeschlossenen zu befreien. Wegen des sintflutartigen Regens, der auch alle Spuren vernichtet, haben sie nicht viel Zeit.

Stuart M. Kaminsky führt die Fälle zu einer befriedigenden Lösung. Außerdem gelingt es ihm, die verschiedenen Charaktere mit wenigen Worten zu skizzieren. So sind die Verhöre der Schülerinnen hübsche kleine Charakterstudien.  Und, nachdem New York in „Der Tote ohne Gesicht“ (Dead of winter, 2005) unter einer Kältewelle, in „Blutige Spur“ (Blood on the sun, 2006) unter einer Hitzewelle, litt, regnet es in „Sintflut“ bereits seit Tagen ohne Unterbrechung. Selbstverständlich beeinflusst das ungewöhnliche Wetter wie in den vorherigen „CSI:NY“-Romanen von Stuart M. Kaminsky die Ermittlungen.

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Auch Donn Cortez präsentiert in seinem CSI:Miami“-Roman „Mörderisches Fest“ drei Fälle. Aber im Gegensatz zu Stuart M. Kaminsky legt er den Schwerpunkt – wie die TV-Serie – auf eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Ermittlungsschritte.

Die Vorweihnachtstage unterscheiden sich in Miami, bis auf die Temperatur, nicht so sehr von deutschen Vorweihnachtstagen. Wildgewordene Weihnachtsmänner toben durch die Stadt, hinterlassen ihre Spuren und betrinken sich bei der Santarchy. Als einer von ihnen stirbt, müssen die CSIler ran. Schnell finden sie heraus, dass der arbeitslose Schauspieler Kingsley Patrick vergiftet wurde. Ryan Wolfe und Frank Tripp müssen als verantwortliche Ermittler herauszufinden, ob der Mörder wirklich diesen Santa umbringen wollte. Denn Patrick führte ein zurückgezogenes Leben und er hatte keine Feinde.

Der zweite Fall dreht sich um einen Mann, der in den Sümpfen gefunden wurde. Sein Kopf ist explodiert. Eine harte Nuss für Eric Delko. Denn am Tatort gibt es keine Spuren von dem Mörder. Und er muss zuerst die Identität des aus Südamerika kommenden John Doe, der wahrscheinlich Rauschgift schmuggelte, herausfinden.

Der dritte Fall ist anfangs der komödiantische Fall. Der Zauberer Abdus Sattar Pathan verprügelt einen Kioskbesitzer. Anscheinend haben ihn die Nacktaufnahmen einer Muslima in Rage versetzt. Horatio Caine wird in den Fall verwickelt, weil Pathan sich weigert, sich seine Fingerabdrücke abnehmen zu lassen. Als er später kooperiert und die Tat leugnet, glaubt Caine, dass er hereingelegt werden soll. Noch bevor Caine herausfindet, wie Pathan die Beweise manipulierte, wird Pathan entführt. Oder ist das ein weiterer Trick des Zauberers?

Im Gegensatz zu den beiden anderen Fällen wird der Pathan-Fall nicht richtig gelöst. Zwar wird Pathan am Ende verhaftet, aber Cortez erzählt nicht, wie er die Beweise so manipulierte, dass Caine es nicht herausfinden konnte. Allerdings beruht die CSI-Formel genau darauf, dass der Tathergang anhand von Spuren erklärt wird. Und weil Caine in diesem Fall ermittelte, war es der Hauptfall, der dann auch vollständig geklärt werden sollte.

Die Pathan-Gesichte ist der Cliffhanger zum nächsten CSI:Miami-Roman „Harm for the Holidays – Heart Attack“ (2007) von Donn Cortez.

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Ken Goddards erster  „CSI“-Roman „In Extremis“ mit dem Las-Vegas-Team unterscheidet sich, allerdings nicht zu seinem Vorteil, von den „CSI“-Romanen von Stuart M. Kaminsky und Donn Cortez. Bei Goddard steht ein Fall im Mittelpunkt und, ein Tabubruch im „CSI“-Universum, im ersten Kapitel schildert Goddard den Tathergang.

Der psychopathische Ex-Soldat Alek Mialkovsky soll einen Mord verüben. Mitten in der Nacht liegt er am Treffpunkt in der Wüste auf der Lauer. Zufällig trifft eine Gruppe von Bikern ein. Die sorgfältig geplante Operation läuft aus dem Ruder und die Biker erschießen einen Pick-up-Fahrer.

Kurz darauf ruft Captain Jim Brass Gil Grissom und sein gesamtes Team zum Tatort. Denn die Biker sind Undercover-Polizisten, die einen wichtigen Drogendealer auf frischer Tat verhaften wollten. Die Forensiker beginnen den Schusswechsel zu rekonstruieren. Da wird auf einer nahe gelegenen Lichtung eine weitere Leiche entdeckt. Mialkovsky beobachtet mit dem Gewehr im Anschlag die Ermittler. Und ein Sturm naht.

Gerade weil Ken Goddard penibel der kondensierten „CSI“-Formel folgt, zeigt er auch, dass das in Buchform zu wenig ist. In ihr wird, ähnlich einem Whodunit, der Ablauf eines Verbrechens rekonstruiert. Aber „In Extremis“ ist, schließlich ist der Mörder von Anfang an bekannt, kein Whodunit. Es ist nur die Rekonstruktion eines uns bekannten Tatverlaufs. Weil Goddard aber nicht erklärt, warum sich zufällig ein Dutzend Menschen mitten in der Nacht in der Wüste treffen und er auch keine Hinweise auf Mialovskys Auftraggeber und Auftrag gibt, werden die Morde immer mehr zu einem beliebigen, nicht sonderlich spannendem, forensischen Rätsel. Das Ende, in dem der Mörder ungestraft entkommen kann, beschließt einen schlechten CSI-Roman. Oder sagen wir es umgekehrt: „In Extremis“ wäre, mit einem anderen Anfang, eine okaye „CSI“-Folge.

Insgesamt hat Stuart M. Kaminsky mit „CSI:NY – Sintflut“ das für Krimifans beste CSI-Buch des Herbstes geschrieben. Donn Cortez spekuliert mit dem Ende von „CSI: Miami – Mörderisches Fest“ zu unverholen auf eine Fortsetzung. Allerdings hat er auch zwei gute Kriminalfälle geschrieben. Es ist damit ein Buch, das sich vor allem an „CSI:Miami“-Fans richtet. Ken Goddards CSI-Einstand „In Extremis“ ist als reine Tatrekonstruktion auch für CSI-Fans enttäuschend.

 

 

 

Stuart M. Kaminsky: CSI: NY – Sintflut

(übersetzt von Antje Görnig)

VGS, 2007

312 Seiten

17,95 Euro

 

Originalausgabe:

CSI: NY – Deluge

Pocket Books, 2007

 

 

Donn Cortez: CSI: Miami – Mörderisches Fest

(übersetzt von Frauke Meier)

VGS, 2007

312 Seiten

17,95 Euro

 

Originalausgabe:

CSI: Miami – Harm for the Holidays – Misgivings

Pocket Books, 2006

 

 

Ken Goddard: CSI: Crime Scence Investigations – In Extremis

(übersetzt von Frauke Meier)

VGS, 2007

280 Seiten

17,95 Euro

 

Originalausgabe:

CSI: Crime Scence Investigation – In Extremis

Pocket Books, 2007

 

Hinweise:

Homepage von Stuart M. Kaminsky

Homepage von Donn Cortez

Homepage von Ken Goddard

 

Meine Besprechung von Stuart M. Kaminsky: CSI:NY – Der Tote ohne Gesicht

Meine Besprechung von Stuart M. Kaminsky: CSI:NY – Blutige Spur

Meine Besprechung von Max Allan Collins: CSI – Im Profil des Todes

Meine Besprechung von Kris Oprisko/Jeff Mariotte: CSI:Miami (Comic)

Meine Besprechung von Kris Oprisko:  CSI – Domino (Comic)

Meine Besprechung von Steven Grant: CSI – Geheimidentität (Comic)

Meine Besprechung von Max Allan Collins: CSI:NY – Blutiger Mord (Comic)

Meine Besprechung von Max Allan Collins: CSI – Das Dämonenhaus

(weil es bei allen Besprechungen auch zahlreiche Links zu verschiedenen CSI-Seiten gibt, verzichte ich hier darauf)


Ein Buch zum Verschenken

Januar 7, 2008

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„Die kleinen Freuden des Lebens“ von Stefan Maiwald ist ein Toilettenbuch.

Das klingt jetzt vielleicht etwas abfällig, aber „Die kleinen Freuden des Lebens“ ist eine Sammlung von hundert kurzen Texten, in denen Maiwald jeweils einen Augenblick des Glücks beschreibt. Die kürzesten Texte sind, bei „Ihr Tisch ist jetzt frei“, nur einen Satz lang: „Tiefes Ausatmen.“ Einige glückliche Momente kennen nur junge Eltern, wie „Ein Kleinkind, das mal von 8 bis 8 durchschläft“. Und einige, wie „Ein Computer, der nie abstürzt“, hat wahrscheinlich noch niemand erlebt. Dabei sind auch die längsten Texte nicht länger als vier Seiten; die meisten sind ein bis zwei Seiten. Und das ist genau die ideale Textlänge für einen kurzen Zwischenstopp auf dem stillen Örtchen.

Geschrieben sind die einhundert Glücksmomente – ich verlasse mich hier gutgläubig auf den Untertitel von „Die kleinen Freuden des Lebens“ – in einem lockeren Plauderton, der im besten Fall zum Schmunzeln anregt. Es ist halt in diesen Heinz Erhardt-Tonfall, den alle gut finden, weil niemand wirklich etwas dagegen sagen kann, geschrieben.

Deshalb ist Maiwalds leicht humoreskes, etwas selbstironisches Buch das ideale kleine Geschenk für Spontankäufer und einfallslose Menschen, die jemanden, den sie nicht näher kennen, beschenken müssen (beispielsweise den Neuen heute Abend bei der Firmenfeier). Das Geschenk wird auf der Toilette landen. Dort kann beim Erleben von einem Glücksmoment viel über andere glückliche Augenblicke gelesen werden – und so wird „Die kleinen Freuden des Lebens“, am richtigen Ort ausgelegt, viele Leser finden.

Danach kann einer von Maiwalds glücklichen Momenten ausprobiert werden: „In einem Elektrogroßhandel die Stereoanlage bis zum Anschlag austesten.“ Denn: „Ein bisschen Spaß muss sein. Und wer mit Slogans wie ‚Geiz ist geil’ oder ‚Ich bin doch nicht blöd’ jeden denkenden Menschen beleidigt, der hat jedes Recht auf Verschonung verspielt.“

Als Testmusik empfehle ich „Fantomas“, „Mr. Bungle“, zur Not auch „Faith No More“, ein Frühwerk von John Zorn (oder etwas von „Painkiller“), Lou Reeds „Metal Machine Music“, Peter Brötzmanns „Machine Gun“ oder irgendetwas aus der Heavy Metal-Abteilung mit einem besonders abschreckenden Cover.

 

Stefan Maiwald: Die kleinen Freuden des Lebens – 100 Glücksmomente

dtv, 2008

192 Seiten

7,95 Euro

 

Homepage von Stefan Maiwald


Mickey Spillane und Ross Thomas schlagen zu

Januar 2, 2008

Beginnen wir das Krimijahr standesgemäß mit zwei großen Namen der Kriminalliteratur: Mickey Spillane und Ross Thomas. Von Ross Thomas erschien vor wenigen Tagen die leicht überarbeitete Neuausgabe seines Debüts „Der Einweg-Mensch“ als „Kälter als der Kalte Krieg“. Von Mike Hammer-Erfinder Mickey Spillane der neue Roman „Dead Street“.

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Spillane schrieb bis zu seinem Tod am 17. Juli 2006 an mehreren Manuskripten. Obwohl er in den vergangenen Jahrzehnten nur wenige Bücher veröffentlichte, arbeitete er vor seinem Tod an zwei Mike Hammer-Krimis, einem Kriminalroman und einem Abenteuerroman. Max Allan Collins, der langjährige Fan und Freund von Spillane, schreibt jetzt die von Spillane geplanten beiden Hammer-Romane fertig. Der Abenteuerroman „The last stand“ wurde, so Collins in dem informativem Nachwort zu „Dead Street“, von Spillane fertig geschrieben. Bei „Dead Street“ fehlte noch das Ende. Es gab nur ausführliche Notizen. Hard Case Crime-Herausgeber Charles Ardai und Max Allan Collins entschieden sich, zuerst den Spillane-typischen Kriminalroman mit dem pensionierten Polizisten Jack Stang zu veröffentlichen.

Stang ist ein typischer Spillane-Held. Der Spitzname des legendären Cops ist „Shooter“ und auf der Straße wird er mit einem jovialen „Kill anybody today, Captain Jack?“ begrüßt. Er ist ein älter gewordener Mike Hammer mit Dienstmarke, der Frauen „Doll“ nennt und Probleme am liebsten mit Gewalt löst. Jetzt erfährt er, dass seine vor zwanzig Jahren gestorbene Freundin Bettie doch noch lebt. Dieses Mal will er sie beschützen. Aber dafür muss er herausfinden, warum sie damals sterben sollte und er muss die Verbrecher, die sie damals und auch heute noch umbringen wollen, finden. Auf der Jagd nach den Tätern kommt er einem Nukleardiebstahl auf die Spur und er erneuert seine Beziehung zu Bettie.

Die Geschichte von „Dead Street“ ist reinster Pulp und merkwürdig aus der Zeit gefallen. Sie spielt heute. Aber Spillane hält sich nicht mit einem aktuellen Zeitkolorit auf. Die Erwähnung von Computern, Handys und dem islamistischen Terrorismus nach 9/11 müssen als aktueller Hintergrund ausreichen. Davon abgesehen könnte die Geschichte kurz nach dem zweiten Weltkrieg spielen.

Spillane – und Collins der die letzten Kapitel in Spillanes Stil schrieb – erzählt die kurze Geschichte vollkommen ohne postmoderne Ironie oder popkulturelle Anspielungen in knappen, schmucklos die Handlung vorantreibenden Sätzen. Und natürlich sind die einzelnen Charaktere eindimensional gut oder böse. Immerhin begründete Spillane mit „Ich, der Richter“ die aus Sex und Gewalt bestehende Hardboiled-Welt, die sich millionenfach verkaufte, in Deutschland auf dem Index jugendgefährdender Schriften stand und von späteren Autoren kopiert und weiterentwickelt wurde. Die einzige Konzession an das Alter ist, dass seine Charaktere jetzt etwas melancholischer sind und, wie Dinosaurier, wissen, dass ihre Zeit vorbei ist.

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Auch bei dem 1995 verstorbenen Ross Thomas stehen harte Männer im Mittelpunkt seiner Polit-Thriller. Bereits in seinem Debüt sind alle Kennzeichen seiner späteren Romane enthalten: farbige Charaktere, genaue Lokalisierung der Geschichten an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, spritzige Dialoge und ein wendungsreicher Plot. Dabei sind die Helden in einem Ross Thomas-Roman, im Gegensatz zu einem Spillane-Helden, niemals auf einem Kreuzzug gegen das Böse. Bei Ross Thomas wollen nur verschiedene, höflich formuliert, halbseidene Charaktere ihren Schnitt machen. Auch Mac McCorkle, der Besitzer der Bar „Mac’s Place“ in Bonn, und sein Partner Mike Pardillo, der auch als Agent arbeitet, ziehen nicht für höhere Werte in den Kampf. Mac McCorkle will herausfinden, wer in seiner Bar ein Mann erschoss, während er seinem Barkeeper erklärte, wie man einen richtigen Seven-layer Mint Frappé mixt. Zusammen mit Pardillo beginnt er den Mörder zu suchen. Sie geraten dabei zwischen die Fronten der Geheimdienste. Ihre Überlebenschancen tendieren gegen Null und nur mit einer gehörigen Portion Mutterwitz, harten Getränken und Waffen haben sie eine Chance mit heiler Haut wieder aus der Geschichte herauszukommen.

Das Duo McCorkle/Padillo überlebt – das kann gesagt werden ohne etwas von der Geschichte zu verraten – ihr erstes Abenteuer. Ross Thomas, der vor allem Einzelwerke schrieb, schickte sie in „Der Tod wirft gelbe Schatten“ (Cast a yellow shadow, 1967), „Was ich nicht weiß, macht mich nicht kalt“ (The backup men, 1971) und „Letzte Runde in Mac’s Place“ (Twilight at Mac’s Place, 1990) in weitere Abenteuer.

Für den Spionageroman „Kälter als der Kalte Krieg“ erhielt er den Edgar für das beste Debüt des Jahres. Wie so oft trafen die Edgar-Juroren eine gute Wahl. Denn Thomas schrieb danach 24 spannende Politthriller, die einen illusionslosen Blick in die Hinterzimmer der Politik in den USA und verschiedener Entwicklungsländer werfen. Schließlich hatte Ross Thomas vor seiner Karriere als Autor auch als Journalist und politischer Berater gearbeitet. Deutschland kannte er von seiner Zeit als AFN-Journalist und Leiter des Bonner AFN-Büros. Sein Wissen verarbeitete er in dem in sechs Wochen geschriebenen Debütroman. Damals war „Kälter als der Kalte Krieg“ ein genauer Blick auf den deutschen Spielplatz des Kalten Krieges. Heute ist der Roman eine immer noch höchst unterhaltsame Reise in eine vergangene Welt, als sich die freie Welt und der Kommunismus unversöhnlich gegenüberstanden und zwei Männer mit flotten Sprüchen und riesigen Mengen Alkohol die größten Gefahren überleben konnten.

 

Mickey Spillane: Dead Street

(Prepared for Publication by Max Allan Collins)

Hard Case Crime, 2007

224 Seiten

6,99 US-Dollar

 

Thrilling Detectives über Mickey Spillane

 

 

Ross Thomas: Kälter als der Kalte Krieg

(übersetzt von Wilm W. Elwenspoek, durchgesehen und überarbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen)

Alexander Verlag, 2007

272 Seiten

12,90 Euro

 

Originalausgabe

The Cold War Swap

Avon, 1966

 

Vorherige Deutsche Übersetzung

Der Einweg-Mensch

Ullstein 1970

Eine spätere Ausgabe erschien bei Wunderlich/Rowohlt Taschenbuch Verlag

 

Meine Besprechung von „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von „Gottes vergessene Stadt“ (The Fourth Durango, 1989)


Ein herausragendes Debüt

Dezember 31, 2007

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Bereits beim Erscheinen wurde Marcus Sakeys Debüt „Der Blutzeuge“ in seiner amerikanischen Heimat abgefeiert und landete zum Jahresende auf einigen Listen der besten Bücher des Jahres 2007. In Deutschland ging „Der Blutzeuge“ dagegen unter.

Zu Unrecht. Denn Sakey erzählt seine einfache Geschichte über den Kampf zwischen zwei ehemaligen Freunden mit überraschenden Wendungen spannend bis zum bitteren Ende.

Danny Carter und Evan McGann sind zwei Kleinkriminelle in Chicago. Danny ist der intelligentere und vernünftigere von beiden. Trotzdem saß er bereits zweimal im Gefängnis. Ihre gemeinsame kriminelle Karriere endet mit einem Einbruch in eine Pfandleihe. Als der Besitzer überraschend auftaucht, schießt Evan auf ihn. Während Evan noch am Tatort versucht, an die Beute zu gelangen, flüchtet Danny.

Evan wird zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Wegen guter Führung wird er bereits nach sieben Jahren entlassen. Jetzt will er sein altes Leben fortführen.

In der Zwischenzeit wurde Danny ehrlich. Er ist ein geachteter Bauleiter, glücklich verheiratet und er will dieses Leben unter keinen Umständen aufgeben. Als er Evan trifft, bietet er ihm einen Job auf einer Baustelle an. Evan lehnt ab und beginnt Danny zu terrorisieren. Er bricht bei ihm ein. Er bedroht Dannys Frau.

Danny ist verzweifelt. Er kann nicht zur Polizei gehen. Denn dann müsste er auch den Einbruch in die Pfandleihe gestehen und sein ehrliches Leben wäre vorbei. Aber er weiß auch, dass er Evan nicht mit einigen guten Ratschlägen besänftigen kann.

Deshalb lässt Danny sich auf ein letztes gemeinsames Ding mit seinem früheren Freund ein. Sie entführen den Sohn von Dannys Chef Richard O’Donnell. Doch Evan hält sich schon bei der Geiselnahme nicht mehr an den gemeinsamen Plan. Danny muss immer mehr erkennen, dass er sich auf ein Geschäft mit dem Teufel eingelassen hat.

Und das ist auch schon der einzige kleine Wermutstropen in Sakeys beängstigend gelungenem Debüt „Der Blutzeuge“. Evan ist als Bösewicht etwas zu überzeichnet. Es fällt viel zu leicht ihn als cholerisch-rachsüchtiges Monstrum zu hassen. Dabei wurde er – wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen – von seinem Freund im Stich gelassen.

Verrat und Freundschaft sind in Marcus Sakeys düsterem Roman „Der Blutzeuge“ die Eckpunkte des zentralen Konflikts. Vor allem seine Hauptfigur Danny Carter ist in einem Netz verschiedener Verpflichtungen gefangen, die er nicht gleichzeitig erfüllen kann. Wie damals in der Pfandleihe versucht er jetzt wieder den Weg zu nehmen, der für ihn die geringsten Kosten verursacht. Dabei hat er keine Ahnung, wie hoch das Blutzoll für seinen Wunsch, sein bürgerliches Leben weiterzuführen, ist.

Die Filmrechte sind an LivePlanet, der Firma von Ben Affleck und Matt Damon, vergeben. Ihr letztes Projekt war die fantastische Dennis Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“. 

 

 

Marcus Sakey: Der Blutzeuge

(deutsch von Violeta Topalova)

Goldmann, 2007

416 Seiten

8,95 Euro

 

Originalausgabe

The blade itself

St. Martin Minotaur, 2007

 

Homepage von Marcus Sakey

Marcus Sakey schreibt im Outfit

Marcus Sakey bei Goldmann


Die Pechvögel 2007

Dezember 28, 2007

Neben den vielen gelesenen Büchern gibt es auch einige Bücher, die ich dieses Jahr unbedingt lesen wollte, aber dann trafen neue Bücher ein, Stapel wuchsen und es wurden immer nur die obersten gegriffen. Deshalb gibt es hier die Liste der Romane, die ich 2007 unbedingt lesen wollte, aber nicht gelesen habe:

 

Mark Billingham: Die Geliebte des Mörders

Simon Brett: Der Tote im Hotel

John Connor: Feuertod

Michael Dibdin: Sterben auf Italienisch (sein letzter Roman)

Tom Egeland: Wolfsnacht

Vince Flynn: Der Feind

Scott Frost: Risk

Mark Gattis: Die Bernstein-Verschwörung – Ein Dandy ermittelt (Die ersten Zeilen sind gut: „Er war Amerikaner. Da schien es nur richtig, ihn umzulegen.“ Aber weil ich in dem Moment gerade ein anderes Buch las,…)

Torsten Krol: Carlisto oder die Kunst des Rasenmähens (Dito: ein glänzender Anfang)

Ian McDowall: Zwei Tote im Fluss

Edgar Noske: Im Dunkel der Eifel

Peter O’Donnell: Modesty Blaise – Ein Hauch von Tod

F. Paul Wilson: Das Höllenwrack

 

Pech hatten auch diese Debüts von deutschsprachigen Autoren:

 

Frank Breching: Das verlorene Leben

Michael Herzig: Saubere Wäsche

Matthias Hoffmann/Grit Bode-Hoffmann: Infantizid

Die Krimi-Cops: Stückwerk (sechs Polizisten schreiben einen Krimi; das ist doch schon mal ein gutes Verkaufsargument)

Cem Melou: Toxische Killer

Andy Strässle: Die Wodka-Verschwörung

Hans-Peter Vertacnik: Abfangjäger

 

Pech hatten auch diese noch (?) nicht übersetzten Werke von englischsprachigen Autoren:

 

Richard Aleas: Songs of Innocence

Robert Crais: The watchman

Dan Fesperman: The Prisoner of Guantanamo

James Grady: Mad Dogs

Joe R. Lansdale: Lost Echoes

Cormac Mc Carthy: No Country for old  men (Soll ich es jetzt vor oder nach dem Genuss der Coen-Verfilmung sehen?)

Cormac Mc Carthy: The Road  (Pulitzer Preis – hmhm)

Domenic Stansberry: The big boom

Don Winslow: The Winter of Frankie Machine

 

Aber es gibt eine erfreuliche Meldung für die Pechvögel: Ihre Bücher liegen jetzt wieder ganz oben – und an Silvester muss ich wirklich nicht ab 20.00 Uhr auf der Straße des 17. Juni für ein zehnminütiges Feuerwerk (das ich dann wegen der vielen anderen Menschen und Bäume eh nicht sehe) frieren.


Drei Volltreffer aus Amerika, Russland und Australien

Dezember 20, 2007

Wenige Stunden vor dem langen Wochenende muss ich unbedingt auf drei hochkarätige, gerade erschienene Bücher hinweisen. Damit nachher niemand sagen kann, er habe sich zu Tode gelangweilt.

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Thomas H. Cook ist trotz zahlreicher Preise und dem euphorischen Lob von Kritikern und Kollegen immer noch ein Geheimtipp. Das kann daran liegen, dass Cook konsequent auf einen Seriencharakter verzichtet. Das kann auch daran liegen, dass seine Plots auf den ersten Blick viel zu einfach aussehen und keine Sensationen versprechen. In „Das Verhör“ (The Interrogation, 2002) wollen zwei Polizisten in einer Nacht die Schuld eines Verdächtigen beweisen. In seinem neuesten Buch „Das Gift des Zweifels“ fragt sich ein Vater, ob sein Sohn ein Mörder ist. Das klingt nicht gerade nach einer spannenden Geschichte. Und doch ist „Das Gift des Zweifels“ ein psychologisch ausgefeilter Thriller über die Zerstörung einer glücklichen Familie.

Eric Moore ist in einer amerikanischen Kleinstadt ein glücklich verheirateter Geschäftsinhaber mit einer als Lehrerin arbeitenden Frau und einem Sohn. Er ist der idealtypische Mittelständler.

Sein verschlossener Sohn Keith ist in der Pubertät. Er schließt sich in seinem Zimmer ein und ihm scheint alles egal zu sein. Eines Abends soll er auf die achtjährige Nachbarstochter Amy aufpassen. Am nächsten Tag ist sie verschwunden.

Selbstverständlich interessiert sich die Polizei auch für Keith. Und ebenso selbstverständlich versucht Eric Moore seinen Sohn zu beschützen. Doch er hat auch Zweifel. Denn Keith kam an dem Abend ungewöhnlich spät nach Hause. Keith sagt, niemand habe ihn nach Hause gefahren. Aber Eric Moore hat in der Auffahrt Scheinwerfer gesehen. Keith sagt, dass er noch nie am Wasserturm war. Aber er reagierte seltsam, als ihn die Polizei darauf ansprach. Dort wurde Amys Unterwäsche gefunden.

Eric Moore fragt sich, ob sein Sohn nicht doch der Täter ist.

Im Folgenden zeigt Thomas H. Cook mit beängstigender Konsequenz, wie „Das Gift des Zweifel“ (hier ist der deutsche Titel eindeutig besser als der Originaltitel „Red Leaves“) eine Familie zerstört. Dabei ist sein Ich-Erzähler Eric Moore ein ganz gewöhnlicher Mann, der nur seine Familie beschützen will, und aufgrund seines Misstrauens zerstört. Um diese fatale Dynamik in Gang zu setzen, braucht Thomas H. Cook nur eine Frage. Ist mein Sohn ein Mörder? Das Ergebnis ist ein komplexes psychologisches Drama, in dem wir uns selbst mühelos wieder erkennen.

 

Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels

(übersetzt von Rainer Tiffert)

Knaur, 2007

320 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Red Leaves

Harcourt, New York, 2005

 

Weitere Informationen über Thomas H. Cook

 

 

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Martin Cruz Smith setzt mit dem sechsten Arkadi Renko-Roman „Stalins Geist“ in 26 Jahren seine Bestandsaufnahme der Sowjetunion fort. 1981 klärte Renko in dem Bestseller „Gorki Park“ (Gorky Park, 1981) seinen ersten Mordfall. Smith dachte danach, er habe seinen Russland-Roman geschrieben. Einige Jahre später brach die UdSSR zusammen und Smith wurde in den folgenden Jahren mit seinen weiteren Arkadi Renko-Romanen zu einem Chronisten der Veränderungen.

„Stalins Geist“ beginnt mit der für den Polizisten Arkadi Renko schockierenden Entdeckung, dass seine Kollegen Nikolai Isakow und Marat Urman auch als Auftragsmörder arbeiten. Doch bevor Renko beginnen kann, sie zu überführen, erhält er den Befehl sich um die Stalin-Sichtungen in der Metrostation Tschistyje Prudi zu kümmern. Dieser, auf den ersten Blick, witzige Nebenplot bietet den Hintergrund für Smiths Geschichte. Denn heute wünscht sich die Hälfte der Russen Stalin wieder als Staatsoberhaupt zurück. Schnell findet Renko heraus, dass Stalins Auftritte die Inszenierungen eines Pornoregisseurs sind. Er arbeitet für eine ultrarechte Partei und ihrem Spitzenkandidaten Isakow.

Renkos Kollege Isakow war als Mitglied der OMON im Tschetschenienkrieg. Niemand bestreitet seine Tapferkeit, aber für seine größte Heldentat erhielt er keinen Orden. Denn es gab, das findet Renko schnell heraus, berechtigte Zweifel, dass sich der Kampf gegen die Rebellen so zutrug, wie Isakow und seine Männer ihn erzählen. In wenigen Wochen, wenn Isakow Abgeordneter ist, wird er für seine Taten während des Tschetschenienkrieges und als Polizist Immunität genießen. Nach einem fast tödlichen Unfall – der Vater seines Quasi-Adoptivsohns schießt mit einem alten Revolver auf Renko – lässt Renko sich nach Twer, der Heimatstadt von Isakow, versetzen. Dort kommt es zu einem gespenstigen Showdown.

Doch viel wichtiger als der Kriminalfall ist für Martin Cruz Smith das kundige Porträt des heutigen Russlands als ein Irrenhaus. Es ist ein Alptraum, bei dem unter der Oberfläche die Geister der Vergangenheit lauern und immer wieder die Gegenwart beeinflussen. Dieses Porträt einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft ist beim zweiten Lesen noch gelungener als beim ersten. Denn dann kann man sich, weil die Plotwendungen bekannt sind, auf die Feinheiten und die vielen Querverweise zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit und den Charakteren konzentrieren.

 

Martin Cruz Smith: Stalins Geist

(übersetzt von Rainer Schmidt)

Bertelsmann, 2007

368 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe:

Stalin’s Ghost

Simon & Schuster, New York, 2007

 

Weitere Informationen über Martin Cruz Smith

 

 

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Peter Temple ist in seiner Heimat seit langem ein bekannter Krimiautor. Für sein gerade auf Deutsch erschienenes Debüt „Vergessene Schuld“ erhielt er seinen ersten Ned Kelly-Preis als bester australischer Kriminalroman. Für seine folgenden Romane erhielt er zahlreiche weitere Preise. Mit seinem achten Roman „Kalter August“ (The Broken Shore, 2005) erlebte er in England und Anfang des Jahres in Deutschland seinen Durchbruch. „Kalter August“ wurde, trotz einer schlechten Übersetzung, einhellig abgefeiert. In „Kalter August“ zeichnete Temple ein düsteres Porträt der australischen Gesellschaft.

Schon in „Vergessene Schuld“ kommt die australische Gesellschaft nicht besonders gut weg. Held der lakonisch erzählten Geschichte ist Jack Irish. Ein gescheiterter Anwalt, der seine Zeit mit kleinen Detektivarbeiten, halbseidenen Geschäften, trinken und wetten, bevorzugt auf Pferde, verbringt. Er ist ganz zufrieden mit seinem anspruchslosen Leben.

Da ruft ihn Danny McKillop an. Vor zwölf Jahren verteidigte Irish ihn erfolglos. McKilllop wurde verurteilt, die junge Aktivistin Anne Jepperson im Vollrausch überfahren und anschließend Fahrerflucht begangen zu haben. Irish reagiert nicht auf die Anrufe von McKillop und geht auch nicht zu einem Treffen mit McKillop. Als Irish erfährt, dass Polizisten McKillop an dem Treffpunkt erschossen haben, will er herausfinden, warum McKillop ihn so dringend sprechen wollte. Als Irish kurz darauf den Zeugen der Anklage tot findet, die Polizei ihn von weiteren Ermittlungen abhalten will und Polizeiminister Garth Bruce ihn zu einem privaten Gespräch abholen lässt, weiß er, dass er einem großen Immobilienskandal auf der Spur ist.

Jepperson hatte damals den Protest gegen das millionenschwere Yarra-Bucht-Bauprojekt angeführt. Anscheinend wurde sie deshalb umgebracht und die damaligen Täter gehen heute immer noch über Leichen, um ihr schmutziges Geschäft zu schützen.

Peter Temples Debüt „Vergessene Schuld“ ist ein klassischer Privatdetektivkrimi, bei dem, wie schon zu Dashiell Hammetts Tagen, ein kleiner Detektiv einen Augiasstall aus Korruption und gegenseitigen Abhängigkeiten ausmistet. Das ist kein neues Thema, aber Temple erzählt seine Geschichte gut mit glaubwürdigen Charakteren und einem illusionslosen Blick auf die australische Gesellschaft. Außerdem liest sich die Übersetzung von „Vergessene Schuld“ wesentlich flüssiger als die von „Kalter August“.

 

Peter Temple: Vergessene Schuld

(übersetzt von Sigrun Zühlke)

Goldmann, 2007

352 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Bad Debts

Harper Collins Publishers, Australia, 1996

(Neuauflage 2003 bei The Text Publishing Company)

 

Weitere Informationen über Peter Temple:

Shotsmag interviewt Peter Temple

Meine Besprechung von “Kalter August” in der Berliner Literaturkritik und der Spurensuche


Respektlose Reportagen über Pop und Kultur

Dezember 19, 2007

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„Muddy Waters isst selten Fisch“ erfahren wir in einem über dreißig Jahre alten Interview von Nick Tosches mit dem 1983 verstorbenen Bluesmusiker. Dieser kurze Text (der mich an eigene Gespräche mit Musikern erinnert) ist mit elf längeren Reportagen in dem gleichnamigen Sammelband enthalten. In ihnen examiniert Tosches mit scharfer Feder die amerikanische Popkultur, den amerikanischen Traum und sein eigenes Leben.

Dieses begann 1949 in New Jersey in einer Gegend mit wenigen Büchern und vielen Buchmachern. In den Siebzigern wurde Tosches zusammen mit Lester Bangs und Richard Meltzer zur Speerspitze eines neuen Rock-Journalismus. Sie nahmen die Ideen von Truman Capote, Tom Wolfe und Hunter S. Thompson auf und ließen sie auf die Rockmusik los. Sie beobachteten genau, recherchierten gründlich, bedienten sich literarischer Stilmittel, brachten die eigene Person in die Reportagen ein und schrieben in einer pointiert-klaren Sprache über ihre Erlebnisse. Bei Nick Tosches, der neben den Reportagen auch Biographien und Romane schrieb, kommt neben seiner Faszination für die Pop-Kultur auch eine Faszination für die Mafia hinzu. In seiner Biographie über Dean „Dino“ Martin konnte er beides verbinden.

In den in „Muddy Waters isst selten Fisch“ abgedruckten Reportagen schreibt Nick Tosches mit wenigen Worten treffende Porträts über Elvis Presley, der nach seinem Tod mehr Platten als zu Lebzeiten verkauft; den stilbewussten Miles Davis; Screamin’ Jay Hawkins, seinen Hit „I put a spell on you“ und die Särge bei seinen Auftritten; Blondie, die es überhaupt nicht charmant findet, von Tosches nach ihrem Alter gefragt zu werden und er trifft Robert de Niro, der als Mensch immer hinter seinen Rollen verschwindet.

Er vergleicht die schriftstellerischen Phantasien von William Burroughs mit dem Leben von J. Edgar Hoover. Er nennt Las Vegas „die heilige Stadt“. Er begibt sich auf die Suche nach der letzten Opiumhöhle von New York über Hongkong nach Kambodscha. In einem abgelegenen Sumpfgebiet findet er die letzte Opiumhöhle. Er macht Vorschläge für die von Readers Digest geplante „stromlinienförmig zurechtgestutzte Bibel“ und empfiehlt dann einigen anderen Klassikern die gleiche Behandlung.

Er lässt das klinisch reine Kino seiner Jugend in „Lust in der Loge“ Revue passieren. Damals gab es „verführerische Jungfrauen, Schlampen und schöne Geschöpfe, die mit 007 schliefen“.

Begonnen wird der vor allem aus dem „Nick Tosches Reader“ zusammengestellte Reigen mit „Ödipus Tex“, der schreiend komischen Reportage über ein Wochenende in einer Männergruppe, die dem Ruf der Wildnis folgt. Tosches macht aus seiner Abneigung gegen diese Gruppentherapie keinen Hehl – und veröffentlichte seine Erlebnisse im „Penthouse“.

„Muddy Waters isst selten Fisch“ ist eine gelungene Einführung in das vielfältige Werk von Nick Tosches. Jetzt ist zu hoffen, dass Liebeskind in den nächsten Jahren einige weitere Bücher von Tosches erstmals oder wieder auf Deutsch veröffentlicht. Denn, so Franz Dobler in seinem Nachwort: „Es ist doch allgemein bekannt, dass Deutschland seit Jahren geradezu fieberhaft auf Texte von Nick Tosches wartet, weil die mit zum Besten gehören, was Schreibkunst und moderner Journalismus zu bieten haben.“ Die zweite Hälfte von Dobler Satz unterstreiche ich gerne mehrfach.

 

Nick Tosches: Muddy Waters isst selten Fisch

(übersetzt von Silvia Morawetz und Werner Schmitz)

(mit einem Nachwort von Franz Dobler)

Liebeskind, 2007

208 Seiten

18,90 Euro

 

Originalausgabe

– (Bis auf „The last Opium Den“ wurden die Texte dem „Nick Tosches Reader“, Da Capo Press, 2000, entnommen.)

 

Weitere Informationen

Mordlust (mit einem Text von Martin Compart) über Nick Tosches

Exit Wounds – die offizielle Webseite von Hubert Selby jr. und Nick Tosches

Nick Tosches bei My Space

Robert Birnbaum interviewt Nick Tosches


Max Mingus besucht Haiti

Dezember 12, 2007

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Der Überraschungserfolg in diesem Jahr war “Voodoo” von Nick Stone. Das 600-seitige Debüt räumte im englischen Sprachraum in den vergangenen Monaten alle möglichen Preise ab. Es erhielt, jeweils in der Kategorie „Bestes Debüt“ den Macavity, den Ian Fleming Steel Dagger, und den Preis der International Thriller Writers. Bei den Barrys verlor Nick Stone in der Kategorie „Bester britischer Kriminalroman“ gegen Ken Bruen.

Bereits in der Haft wurde der ehemalige Polizist und Privatdetektiv Max Mingus von dem Milliardär Allain Carver genervt. Carver möchte, dass Mingus seinen vor über zwei Jahren auf Haiti entführten dreijährigen Sohn Charlie findet. Nachdem Carver Mingus zehn Millionen Dollar anbietet, sagt er zu. Die Sache hat nur einige kleine Haken. Seine Vorgänger starben oder erlitten ein noch schlimmeres Schicksal. Haiti im Jahr 1996 ist eine nach der amerikanischen Militärintervention von UN-Truppen besetzte Vorhölle. Sein Intimfeind Solomon Boukman wurde nach Haiti ausgewiesen. Mingus beherrscht die Landessprache nicht und ist auf eine Übersetzerin angewiesen. Außerdem sind inzwischen alle Spuren kalt.

Aber Mingus war vor seiner Haft darauf spezialisiert, vermisste Personen zu finden. Er war in seinem Metier einer der Besten. Während seiner Ermittlung fällt es ihm immer schwerer, zwischen Realität, Voodoo und Schwarzer Magie zu unterscheiden. Denn Charlie Carver soll von Tonton Clarinette (einer Legende, die wir als Geschichte des Rattenfängers von Hameln kennen) entführt worden zu sein. Oder hat der mit den Carvers verfeindete Drogenlord Vincent Paul seine Finger im Spiel? Ist er vielleicht sogar Tonton Clarinette?

Nick Stone breitet in „Voodoo“ detailliert die Ermittlungen von Max Mingus aus. Etliche Szenen sind länger geschildert, als sie tatsächlich dauern. Bei diesem langsamen Erzähltempo irgendwo zwischen Echtzeit und Zeitlupe kommt keine echte Thriller-Spannung auf. Doch das stört in der ersten Hälfte kaum. Denn Nick Stone bereitet erkennbar einige spätere Plottwists vor und zeichnet das Bild eines zerfallenden Staates, in dem die Ärmsten in bitterster Armut leben, das Faustrecht zurückgekehrt ist, UN-Truppen für Recht und Ordnung sorgen sollen und ein Drogenlord es in den Slums tut. Voodoo, Schwarze Magie und der Glaube an eine Welt jenseits der sichtbaren Welt sind ein Teil der Kultur von Haiti.

Über diesem eindrücklichen Porträt eines Landes und seiner Bewohner vergisst Stone etwas den Plot. Denn dieser bewegt sich ziemlich geradlinig auf die Befreiung des entführten Charlie zu. Wirkliche Überraschungen bleiben auf den ersten 420 Seiten, während Mingus hauptsächlich den Ermittlungen seiner Vorgänger folgt, aus. Erst dann kann sich Max Mingus erstmals den mutmaßlichen Entführer Vincent Paul unterhalten

Danach gibt es etliche Twists, die irgendwann nicht mehr überraschen. Denn Nick Stone will alles aufklären. Deshalb wird jede Szene und jeder Charakter mit der Aufklärung verwoben. Auf den letzten Seiten wird dann nur noch überlegt, welcher Charakter noch fehlt. Außerdem bleibt Stone bei seinen Charakteren dem Schwarzweiß-Bild von Gut und Böse verhaftet. Er tauscht nur die Zuschreibung aus. Beim ersten Mal ist es überraschend, wenn sich ein Guter als ein Böser, und umgekehrt, entpuppt. Aber nach dem dritten Mal wirkt es nur noch wie das mechanische Aufdecken von Spielkarten vor einer austauschbaren Kulisse. Denn es ist wirklich egal, ob Kinder auf Haiti oder Miami entführt werden.

Trotz dieser Kritik ist „Voodoo“ ein gut geplotteter Privatdetektivroman. Nick Stone zeigt, teilweise etwas streberhaft, dass er die Genreregeln kennt und respektiert. Mit seinem Debüt hat er sich als neue, interessante Stimme vorgestellt. In „Voodoo“ macht er fast alles richtig. Denn auch die von mir kritisierten Punkte sind Details in einer stimmigen und überzeugenden Geschichte.

In England ist bereits das zweite Max Mingus-Buch „King of Swords“ erschienen. Es spielt 1981 in Florida und erzählt die Vorgeschichte von Mingus und Drogenbaron Solomon Boukman.  

 

 

Nick Stone: Voodoo

(übersetzt von Heike Steffen)

Goldmann, 2007

608 Seiten

9,95 Euro

 

Originalausgabe:

Mr. Clarinet

Michael Joseph, 2006

576 Seiten

 

Hinweise.

Homepage des Autors

Shots Ezine: Ali Karim redet mit Nick Stone

South Florida Sun-Sentinel: Nick Stone-Porträt von Chauncey Mabe

 

 

Die Übersetzung nimmt sich immer wieder bedenkliche Freiheiten. Bereits auf den ersten Seiten finden sich zahlreiche Beispiele:

Original:

The client’s name was Allain Carver. His son’s name was Charlie. Charlie was missing, presumed kidnapped.

Optimistically, with things going to plan and ending happily for all concerned, Max was looking at riding out into the sunset a millionaire ten to fifteen times over. There were a lot of things he wouldn’t have to worry about again, and he’d been doing a lot of worrying lately, nothing but worrying.

So far, so good, but now for the rest:

The case was based in Haiti.

Übersetzung:

Allain Carver war seither sein erster Kunde. Carvers Sohn Charlie wurde vermisst, und man ging davon aus, dass er entführt worden war.

Im besten Fall, wenn alles nach Plan lief und es für alle Beteiligten ein Happy End gab, bot sich Max hier die die Aussicht, als zehn- bis fünfzehnfacher Millionär in den Sonnenuntergang zu reiten.

So weit, so gut, aber jetzt der Haken:

Die Familie lebte in Haiti.

 

Original:

There had been no ransom demands and there were no witnesses.

Übersetzung:

Keine Lösegeldforderungen. Keine Zeugen.

 

Original

‚If you take the job, it’s going to be dangerous…Make it very dangerous.’

Übersetzung:

“Die Aufgabe ist nicht ganz ungefährlich. Sagen wir – sehr gefährlich.“

 

Original:

Honesty and straightforwardness weren’t always the best options, but Max chose them over bullshit as often as he could. It helped him sleep at night.

‘I can’t,’ he told Carver.

‘Can’t or won’t?’

‘I won’t because I can’t. I can’t do it. You’re asking me to look for a kid who went missing two years ago, in a country that went back to the Stone Age about the same time.’

Übersetzung:

Ehrlichkeit und Offenheit waren nicht immer das Mittel der Wahl, aber wenn es ging, zog Max sie dem Reden um den heißen Brei vor.

„Ich kann nicht“, verkündete er Carver.

„Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?“

„Ich will es nicht, weil ich nicht kann. Es hat keinen Sinn. Sie erwarten von mir ein Kind zu finden, das seit zwei Jahren vermisst wird, und das in einem Land, das ungefähr zur selben Zeit in die Steinzeit zurückgefallen ist.“

 


Vor den Romanen waren die Reportagen

Dezember 6, 2007

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Das neueste Buch “L. A. Crime Report“ von Michael Connelly ist eigentlich ein vollkommen überflüssiges Buch. Connelly-Fans wissen, dass er vor seiner Schriftstellerkarriere Polizeireporter für den „South Florida Sun-Sentinel“ und die „Los Angeles Times“ war. Diese Artikel verstauben, wie hunderttausende weitere Zeitungsartikel, in den Archiven der Zeitungen und Bibliotheken, wenn es nicht einen Grund gäbe, sie wieder auszugraben. Der Grund bei Michael Connelly ist ganz einfach. Er ist heute einer der großen zeitgenössischen Krimiautoren. Mit seinen Einzelwerken und, vor allem, der Harry Bosch-Reihe eroberte er weltweit die Herzen der Krimifans. Bei seinen Romanen fällt immer wieder auf, wie genau sie recherchiert sind und wie präzise die zahlreichen Informationen in der Geschichte präsentiert werden. Das lernte Connelly, wie die im irreführend betitelten „L. A. Crime Report“ abgedruckten Texte zeigen, als Polizeireporter.

In „L. A. Crime Report“ sind nämlich etliche Reportagen und Zeitungsartikel abgedruckt, die er zwischen 1984 und 1992 für den „South Florida Sun-Sentinel“ und die „Los Angeles Times“ schrieb. Die Artikel sind unter den Überschriften „Die Cops“, „Die Mörder“ und „Die Fälle“ gebündelt. Meistens sind mehrere, miteinander zusammenhängende Artikel über einen Fall zusammengefasst worden. Diese Zeitungsartikel unterscheiden sich dann auch nicht von Zeitungsartikel, die andere Journalisten über teilweise ebenfalls Aufsehen erregende Verbrechen geschrieben haben. Es werden die Fakten, garniert mit einigen Zitaten, präsentiert. Es sind im Schnitt zwanzig Jahre alte Artikel, die damals für den schnellen Gebrauch geschrieben waren und heute – wenn man nicht gerade über diese Zeit recherchiert – vollkommen uninteressant sind.

Neben diesen für den täglichen Gebrauch geschriebenen Artikeln wurden auch einige seiner Reportagen aufgenommen. In ihnen ist am ehesten die Verbindung zwischen dem Polizeireporter, der irgendwann einmal Romane schreiben wollte, und dem heutigen Kriminalromanautor erkennbar. So findet sich in „Der Anruf“ die Stelle, in der Detective George Hurt, während er am Tatort keine Miene verzieht, den Plastiküberzug an seiner Brille mit seinen Zähnen zerbeißt. Für diese Reportage begleitete Michael Connelly eine Woche lang zwei Detectives. Ebenfalls von bleibendem Interesse sind die Reportagen über die Arbeit der Polizei gegen die sich in Florida entspannenden Mafiosi („Open Territory“), die Zusammenarbeit der Foreign Prosecution Unit von Los Angeles mit der ausländischen Justiz, um flüchtige Straftäter vor Gericht zu bringen („Grenzüberschreitungen“), die Reportage über eine Gruppe von unfähigen Mietkillern („Wo Gangster um die Ecke knallen“) und die Fallstudien „Böse, bis er stirbt“ über einen mutmaßlichen Mörder und „Leben auf der Überholspur“ über einen Serieneinbrecher.

In den Reportagen und Artikeln, in denen Michael Connelly einzelne Fälle begleitete, fällt immer wieder auf, wie einige Fälle und darin verwickelte Personen in seine Romane eingeflossen sind. Denn, so Chandler-Fan Connelly in dem lesenswerten Vorwort: „Meine Erlebnisse mit Cops und Mördern und meine Tage als Polizeireporter waren für mich als Romanautor von unschätzbarem Wert. Den Romanautor gäbe es nicht, wenn nicht zuerst der Polizeireporter da gewesen wäre. Ich könnte nicht über meinen fiktiven Detective Harry Bosch schreiben, hätte ich nicht zuerst die realen Detectives erlebt. Ich könnte meine Mörder nicht erfinden, hätte ich vorher nicht mit ein paar richtigen gesprochen.“

Deshalb ist „L. A. Crime Report“ kein überflüssiges Buch. Michael Connelly-Fans, die an allen von Connelly geschriebenen Texten und vor allem an den ersten Einflüssen für seine Romane interessiert sind, haben es bereits gekauft. Aber auch für True Crime-Fans und für Journalisten ist „L. A. Crime Report“ ein sehr lohnenswertes Buch. Denn, so Michael Carlson, in seinem ebenfalls lesenwertem Nachwort, Michael Connelly „ist Reporter im besten Sinn des Wortes, jemand, der es versteht, Informationen zu sammeln und die hinter den Fakten versteckte Geschichte zu erkennen, jemand, der es versteht, die Eindrücke der unterschiedlichen Menschen zu sortieren und zu erkennen, wie sie alle diese Fakten verursachen, und vor allem jemand, der es versteht, das alles so zu Papier zu bringen, dass auch seine Leser dazu in der Lage sind.“

Die deutsche Ausgabe wurde um einen kurzen Text von Jochen Stremmel über Connelly und ein Werkverzeichnis ergänzt.

  

Michael Connelly: L. A. Crime Report

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2007

432 Seiten

8,95 Euro

 

Originalausgabe:

Crime Beat – Selected Journalism 1984 – 1992

Steven C. Vascik Publications, 2004

 

US-amerikanische Neuauflage bei Little, Brown and Company, 2004

Britische Ausgabe unter dem Titel “Crime Beat – True Stories of Cops and Killers” bei Orion, 2006

 

Hinweise:

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer)

Hinweis auf die deutsche Übersetzung von „The Lincoln Lawyer“

Meine Besprechung von “Vergessene Stimmen” (The Closers)


Ein sympathischer Winkeladvokat

Dezember 5, 2007

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Wer einen Krimi mit einem Mord am Anfang und einer Aufklärung am Ende erwartet, wird mit „Der Lumpenadvokat“ von Hannelore Cayre nichts anfangen können. Wer einen Anwaltskrimi erwartet, in dem ein Anwalt einen aussichtslosen Fall übernimmt und die Unschuld seines Mandanten beweist, wird mit „Der Lumpenadvokat“ ebenfalls nichts anfangen können. Denn der Ich-Erzähler Christophe Leibowitz ist hier sein eigener Mandant und er sitzt auf der ersten Seite bereits rechtskräftig – und zu Recht – verurteilt im Gefängnis.

Schließlich hat sich Leibowitz auf eine Gefangenenbefreiung eingelassen und die Haft ist die kurze Tortur vor der Belohnung. Denn sein weitaus erfolgreicherer Anwaltskollege Lakdar hat dem am Hungertuch nagenden Anwalt Leibowitz ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte. Er soll mit einem inhaftierten Verbrecher die Kleider tauschen und ihm so zur Flucht verhelfen. Dafür erhält er nach seiner Haft eine Million Euro. Doch dann erfährt Leibowitz, dass Lakdar ihm das versprochene Geld nicht geben will.

Hannelore Cayre ist, wie ihr Held, Strafverteidigerin. Entsprechend gut kennt sie sich in den Verfahren und den ihnen innewohnenden Absurditäten des französischen Justizapparates aus. Dabei musste sie sich in „Der Lumpenadvokat“ zurücknehmen. Denn, so erzählt sie in dem dem Buch beigefügten Interview: „Im Roman wollte ich, dass alles plausibel ist. In der Wirklichkeit erlebt man aber unglaubliche Fälle. (…) Wenn ich das in einem Roman erzähle, würde jeder sagen, ich übertreibe.“

Doch auch ohne die groteskesten Fälle gelingt ihr ein erschreckendes Panoptikum eines riesigen Apparates mit den ihm innewohnenden langsamen Verfahren und Absurditäten: „Allein die Inhaftierung füttert den Rechtsanwalt durch. Kommt der Beschuldigte ohne Haft davon, geht der Anwalt wieder zurück auf ‚Los’ und zieht keine dreihundert Euro ein. Es lief demzufolge meinem eigenen Interesse zuwider, in der Akte irgendwelche Nichtigkeiten aufzuspüren und zu versuchen, ihm die Freiheit zu erhalten. Es lief meinen Interessen zuwider, meine Arbeit zu tun.“

Leibowitz, und das macht ihn sympathisch, ist ein in seinen Grenzen ehrliches Schlitzohr, das sich in „Der Lumpenadvokat“ mit einem Haufen Betrüger herumschlagen muss, die sich und ihn gegenseitig übers Ohr hauen wollen.  Dass dabei das französische Justizsystem nicht besonders gut wegkommt, trübt das Vergnügen an diesem schwarzhumorigen Debütkrimi nicht.

In Frankreich ist bereits ein weiterer Leibowitz-Krimi erschienen.

 

Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

(Übersetzt von Stefan Linster)

Unionsverlag, 2007

160 Seiten

12,90 Euro

 

 

Originalausgabe:

Commis d’office

Éditions Métailié, Paris, 2004

 

Weitere Informationen über Hannelore Cayre beim Unionsverlag


Vergiftete Drinks und Mary Kates

November 28, 2007

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Für die Meisten dürfte es wirklich egal sein. Denn sie kennen bis jetzt weder Duane Louis noch Duane Swierczynski. Doch wer sich öfters auf englischen Krimiseiten tummelt, der ist in den vergangenen Jahren bereits über den zweiten Namen gestolpert. Der Heyne Verlag meinte allerdings, Duane Swierczynski könne sich kein Deutscher merken. Deshalb wurde – natürlich mit dem Einverständnis von Duane Swierczynski – für Deutschland sein Name in Duane Louis geändert (genau genommen seine beiden Vornamen) und sein dritter Roman „The Blonde“ als „Blondes Gift“ veröffentlicht.

Der noirische Thriller mit Science Fiction-Touch ist ein echter Pageturner. Gleich mit dem ersten Satz „Ich habe Ihren Drink vergiftet.“ geht es los. Das sagt in der Flughafenbar eine Blondine zu dem gerade in Philadelphia gelandeten Journalisten Jack Eisley. Er werde gleich starke Schmerzen spüren und, wenn sie ihm nicht in seinem Hotelzimmer das Gegengift geben könne, in wenigen Stunden sterben. Natürlich glaubt Eisley ihr kein Wort. Doch wenig später fühlt er sich schlecht, kotzt auf die Straße und glaubt ihr.

Als er sie auf dem Flughafen wieder sieht, verabschiedet sie sich mit einem innigen Kuss von einem anderen Mann und steigt zu Eisley ins Taxi.

In diesem Moment werden sie bereits von Mike Kowalski beobachtet. Der Killer arbeitet im Auftrag der supergeheime Organisation CI-6 des Ministeriums für Heimatschutz. Zuerst sollte er die Blondine Kelly White finden. Doch jetzt wird sein Auftrag geändert. Er soll den Mann verfolgen. Kurz darauf sieht Kowalski ihn tot in seinem Badezimmer. Sein Kopf ist explodiert.

Die Blondine, die sich Kelly White nennt, erklärt währenddessen Jack Eisley, warum der andere Mann starb. Sie trägt ein sich im Teststadium befindendes, auf Nanotechnologie basierendes, virusähnliches Ortungssystem in ihrem Körper, das darauf programmiert ist, den Träger zu töten, wenn er sich mehr als drei Meter von einem anderen Menschen entfernt. Die Mary Kates werden durch Intimkontakte, wie Küsse, übertragen.

Im Folgenden entspinnt sich eine leichengesättigte Jagd durch das nächtliche Philadelphia. Die vielen kurzen Kapitel, in denen Louis die verschiedenen Handlungsstränge parallel entwickelt, die pointierten Dialoge und die knappen Charakterzeichnungen werden von ihm nur benutzt um das Tempo unerbittlich zu steigern und mit immer neuen, oft grotesken Wendungen zu überraschen. Denn auch wenn Duane Louis in der zweiten Hälfte beginnt die Vorgeschichte von Kelly White zu erzählen, bleibt es spannend und die absurde Idee mit den Mary Kates und die damit verbundenen Gefahren einer Kontrolle der Gesellschaft wird zunehmend glaubhafter.

Damit liest sich „Blondes Gift“ wie die Vorlage für einen Film, der hoffentlich nie gedreht wird. Denn so filmisch sich die absurde Geschichte liest, so schwer ist sie in einen guten Film zu übertragen.

Für Freunde von schwarzhumorig-düsteren Thrillern, die sich nicht lange mit psychologischem Brimborium aufhalten, ist „Blondes Gift“ ein Pflichtkauf.

Für die US-amerikanische Taschenbuchausgabe hat Duane Swierczynski (in Deutschland auf Wunsch des Verlages Duane Louis) die Novella „Redhead“ geschrieben. Sie führt die Geschichte einiger wichtiger Charaktere und der Mary Kates aus „Blondes Gift“ fort zu einem hundsgemeinen Ende, das „Planet Terror“ wie eine Gute-Nacht-Geschichte wirken lässt. Wer englisch kann und „Blondes Gift“ gelesen hat, kann Duane Swierczynski eine Mail schicken und erhält die Geschichte. Kostenlos.

 

 

Duane Louis (Pseudonym von Duane Swierczynski): Blondes Gift

(übersetzt von Frank Dabrock)

Heyne, 2007

336 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Duane Swierczynski: The Blonde

St. Martin’s Minotaur 2006

 

Hinweise: 

Homepage/Blog von Duane Swierczynski: Secret Dead Blog

Direkt zur Fortsetzung von “Blondes Gift”: Give me a Redhead

 


Grenzkonflikte

November 21, 2007

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Miguel Ángel Morgado ist Anwalt, Menschenrechtler und in den Geschichten von Gabriel Trujillo Muñoz hauptsächlich als Detektiv unterwegs. Das war schon in „Tijuana Blues“, dem ersten Buch mit Morgado, einer Sammlung von vier Kurzromanen, so. In der zweiten Kurzroman-Sammlung „Erinnerung an die Toten“ hat sich daran nichts geändert. Sie enthält die titelgebende gut zweihundertseitige Erzählung „Erinnerung an die Toten“ und die sechzigseitige Erzählung „Schmierenkomödie“. „Schmierenkomödie“ ist die aus „El festen de los cuervos“ noch fehlende Geschichte „Pueste en escena“. Die anderen Geschichten erschienen bereits in „Tijuana Blues“. Entsprechend nahtlos schließt das neue Buch von Trujillo Muñoz an das erste an.

In „Erinnerung an die Toten“ beauftragt Bertha de Palacios ihn herausfinden, wer vor über vierzig Jahren ihren Vater umbrachte und jetzt sie töten will. Am 20. Dezember 1963 starb, so die Legende, der Gouverneur von Baja California, Emilio Esquer Lagunas, im Palm Desert Motel beim Sex mit einer achtzehnjährigen Volksschullehrerin. Der Arzt schrieb auf den Totenschein Herzanfall. Aber Lagunas wurde in einem geschlossenen Sarg beerdigt. Morgado beginnt die noch überlebenden Zeugen dieser über vierzig Jahre zurückliegenden Nacht zu befragen. Dabei scheint gleichzeitig ein Killer alle diese Zeugen umbringen zu wollen.

In „Schmierenkomödie“ verschwindet der Hubschrauberpilot Jesús Bull Aguirre. Einen Monat später beauftragt Cecilia Montaño den Anwalt Morgado ihren Mann zu finden. Bull war mit zwei Passagieren im Auftrag der Partido Naturalista Mexicano unterwegs um schützenswerte Kakteen zu kartieren. Morgado kann die Bitte seiner Jugendliebe nicht ablehnen. Doch schon als er Bulls Auftraggeber besucht, fällt ihm auf, dass es die Partido Naturalista Mexicano faktisch nicht gibt. Als er Bulls Flüge nachprüft entdeckt er ein Flugzeug und einen Koffer voll Drogen. Morgado ist mitten in einen geplatzten Drogendeal gestolpert. Denn die Hubschrauberflüge waren nicht gedacht um Kakteen zu kartographieren, sondern um verschwundene Drogen zu finden.

In beiden Geschichten muss Menschenrechtsanwalt Morgado in einem Labyrinth falscher Spuren die eine Richtige finden. Denn während Morgado die Wahrheit herausfinden will, sind die verschiedenen Geheimdienste und Polizeien nur an ihren strategischen Spielen interessiert. Entsprechend instrumentell ist ihr Interesse an der Wahrheit. Dabei ist es für sie egal, ob es sich um aktuelle, wie in „Schmierenkomödie“, oder um lange zurückliegende Ereignisse, wie in „Erinnerung an die Toten“, handelt. Denn auch der über vierzig Jahre zurückliegende Tod des Gouverneurs von Baja California hat seine tödlichen Auswirkungen auf die Gegenwart. Entsprechend unklar sind bei Trujillo Muñoz die Grenzen zwischen den Guten und den Bösen. Denn immer wieder entpuppen sich die Guten als die Bösen und umgekehrt. Letztendlich unterscheiden sich die Schattenspiele und Intrigen der verschiedenen Organisationen kaum voneinander. Da wird Trujillo Muñoz dann zu einem Geistesverwandten von John le Carré. Diese Grauzonen lotet Gabriel Trujillo Muñoz in den schon aus „Tijuana Blues“ bekannten Hardboiled-geschulten knappen Beschreibungen, rasanten Dialogen und kurzen Kapiteln aus.

„Erinnerung an die Toten“ ist spannende Unterhaltung aus dem Gebiet der mexikanisch-amerikanischen Grenze, die auch gleichzeitig die Grenze zwischen dritter und erster Welt ist. Gabriel Trujillo Muñoz steht zwischen zwei Kulturen und fühlt sich in dieser Position sehr wohl. Denn er kann für seine düsteren Geschichten das Beste aus den beiden Welten nehmen.

 

Gabriel Trujillo Muñoz: Erinnerung an die Toten

(übersetzt von Sabine Giersberg)

Unionsverlag, 2007

256 Seiten

14,90 Euro

 

 

Originalausgabe:

Erinnerung an die Toten

(La memoria de los muertos, Ediciones Vandalay, Sonora, 2006)

 

Schmierenkomödie

(Pueste en escena, aus El festin de los cuervos, Norma Ediciones, Mexiko-Stadt, 2002)

 

 

Weitere Informationen über Gabriel Trujillo Muñoz beim Unionsverlag

Meine Besprechung von „Tijuana Blues“