Auf den ersten Blick fragt man sich, warum man die Fälle eines alten Bullen, der 1964 in einem Küstenkaff ermittelt, ansehen soll. Nostalgie in allen Ehren, aber einige neue TV-Krimis wollen auch gesehen werden und die Serie kann nicht mit dem Etikett „Klassiker“ aufwarten. Denn der BBC strahlte sie erstmals 2007 aus.
Auf den zweiten Blick wird die Sache schon viel interessanter. Die Vorlage für die TV-Serie (in England wurden aufgrund des Erfolges bereits weitere Folgen gedreht) sind die Romane des produktiven, 2005 verstorbenen Alan Hunter. Zwischen 1955 und 1999 veröffentlichte er fast jedes Jahr einen Krimi mit Chief Superintendent George Gently als Ermittler. Einige wurden auch ins Deutsche übersetzt und sind erhältlich in den Antiquariaten ihres Vertrauens.
Hunter admired the writer Georges Simenon, and the character of Gently was sometimes likened to that of Inspector Maigret. Like the French detective, Gently solves his cases through a combination of reason, deduction and a world-weary understanding of his fellow man. But in fact, the character bore uncanny similarities to the author himself, who also smoked a pipe and had the same sort of pithy turn of phrase. (Nachruf im Telegraph, 11. März 2005)
Für die BBC-Filme übernahm Martin Shaw die Hauptrolle. Bei uns ist er immer noch nur als Bodie von den „Profis“ bekannt. Aber im Gegensatz zu seinem „Profis“-Partner Lewis Collins, ist Martin Shaw auf der Insel ein immer noch bekannter und geachteter Schauspieler mit zahlreichen Theater- und TV-Engagements, die bei uns nicht gezeigt wurden.
Und wenn dann die Fälle angesehen werden, wird es wirklich interessant. Denn die ersten drei spielfilmlangen Fälle für Inspector George Gently haben alles das, was die meisten „Tatorte“ nicht haben: glaubwürdige Charaktere, gut entwickelte Plots und ein stimmiges Zeit- und Lokalkolorit. Letzteres ist der Verdienst der Ausstatter. Die Wohnungen und das Polizeiquartier sehen richtig alt aus. Die Autos erfreuen das Herz des Nostalgikers. Die Landschaft und auch die Häuser haben sich in der englischen Provinz in den vergangenen Jahrzehnten (natürlich haben die Locaction Scouts in Irland eifrig nach den richtigen Orten gesucht) kaum geändert. Die Krimiplots konzentrieren sich auf eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und ihre Beziehungen zueinander.
In „Kalte Rache“ erfährt Gently, dass in Northumberland ein junger Motorradfahrer, der auch Drogenhändler war, ermordet wurde und Gangsterboss Joe Webster dorthin gefahren ist. Gently folgt ihm. Denn er will Webster für den Mord an seiner Frau zur Strecke bringen. Dort trifft er den jungen, ehrgeizigen und auch heißblütigen John Bacchus, der den legendären Ermittler George Gently bewundert. Gemeinsam versuchen sie den Fall zu lösen.
Schnell entwickelt sich zwischen beiden eine nicht unproblematische Vater-Sohn-Beziehung, die von Martin Shaw und Lee Ingleby vorzüglich und mit schönstem britischen Understatement ausgespielt wird. Hier erzählt ein Blick mehr als tausend Worte. Und auch diese sind gut ausgewählt.
Am Ende von „Kalte Rache“ beschließt Gently in Northumberland zu bleiben und Bacchus zu einem guten Polizisten, also einem ‚Gently 2‘, zu erziehen.
In „Der Verbrannte“ müssen sie herausfinden, warum auf einem Feld ein Mann erschossen und verbrannt wurde. Die Ermittlungen führen sie zu einem benachbarten Militärstützpunkt und zur IRA.
Diese Folge war für zwei Irish Film and Television Awards (IFTA) nominiert: als Best Single Drama/Drama Serial und John Kavanagh als bester Nebendarsteller.
In „Die Schuld der Väter“ wird ein Deutscher, der als Kriegsgefangener auf einem Hof arbeitete, ermordet. Gently und Bacchus stöbern in der Vergangenheit und den Familienangelegenheiten des Ermordeten herum. Denn er wurde von seinem Sohn und seiner Stieftochter begleitet.
Gerade diese Folge sollte im Original gesehen werden. Denn während der Ermittlungen unterhalten sich die Deutschen auch in ihrer, für Gently unverständlichen, Muttersprache. In der deutschen Version sprechen sie dann französisch; – was natürlich die Stimmung der Geschichte vollkommen zerstört. Weil in dieser Folge die Bewohner des abgelegenen Hofes, auf dem der deutsche Kriegsgefangene arbeitete, einen fast unverständlichen Dialekt sprechen, fallen auch die fehlenden Untertitel schmerzlich auf.
Davon (und natürlich vom fehlendem Bonusmaterial) abgesehen sind die ersten drei George-Gently-Filme beste Krimiunterhaltung, die auf jeglichen neumodischen Schnickschnack, wie ausufernde Schilderungen aus dem Privatleben, platte Kabbeleien zwischen den Ermittlern, Wackelkamera und Sekundenschnitte, verzichtet. Denn im Mittelpunkt der ersten drei spielfilmlangen Fälle steht immer der konzentriert erzählte und ziemlich verwickelte Fall.
Bitte mehr davon!
George Gently – Der Unbestechliche (1. Staffel)
Edel Entertainment
Laufzeit: 270 Minuten
Bildformat: 16:9 PAL
Sprache: Deutsch/Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Bildergalerie (und ein Haufen Trailer, die wie eine schlechte VHS-Kopie aussehen)
FSK: ab 12 Jahre
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klärt diese Fälle auf
Kalte Rache (George Gently, GB 2007)
Regie: Euros Lyn
Drehbuch: Peter Flannery
LV: Alan Hunter: Gently Go Man, 1961
Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Phil Davis, Richard Armitage
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Der Verbrannte (The burning man, GB 2008)
Regie: Ciarán Donnelly
Drehbuch: Peter Flannery
LV: Alan Hunter: Gently where the road goes, 1962
Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, John Kavanagh
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Die Schuld der Väter (Bomber’s Moon, GB 2008)
Regie: Ciarán Donnelly
Drehbuch: Mick Ford
LV: Alan Hunter: Bomber’s Moon, 1994
Mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, Christian Oliver, Wolf Kahler
Peter (Jim Caviezel) und Carla (Claudia Karvan) wollen ein romantisches Wochenende an einer abgeschiedenen Bucht verbringen. Es ist vor allem ein Versuch, ihre kriselnde Beziehung wieder zu kitten. Aber schon auf der Fahrt zum Strand zeigt Regisseur Jamie Blanks, wie Peter ein Tier überfahrt und eine Zigarette achtlos wegwirft. Damit ist, auch für Nicht-Genre-Junkies, klar, dass die beiden in der Einöde nicht nur Beziehungsstress haben, sondern auch gegen die Natur kämpfen müssen.
Trotzdem fällt „Long Weekend“, ein Remake des gleichnamigen australischen Semi-Ökohorrorklassikers von Colin Eggleston, für das Everett De Roche ebenfalls das Drehbuch schrieb, nicht einfach in die Subkategorie der Die-Natur-rächt-sich-am-Menschen-Horrorfilme. Denn die eher zahme und diffuse Bedrohung von außen (gut verstärkt durch die beunruhigende Musik von Jamie Blanks) kann auch immer als ein Sinnbild für die Beziehung von Peter und Carla gesehen werden. Sie bewegen sich im Kreis. Sie fahren, als sie auf der Hinfahrt den Strand suchen, immer wieder am gleichen Baum vorbei. Am nächsten Tag bewegt der Baum sich auf rätselhafte Weise. Sowieso scheinen in Bäume geritzte Pfeile, die Peter und Carla immer wieder im Kreis herumführen, im australischen Busch ein ganz schlechter Wegweiser zu sein. Sie können über bestimmte Dinge nicht sprechen. Sie misstrauen sich – obwohl sie einmal glücklich miteinander waren. Sie sehen die schönen Seiten der Natur (Jamie Blanks hat Bilder vom Wilsons-Promontory National Park aufgenommen, die nach einer großen Leinwand verlangen.). Aber sie verstehen die Natur nicht. Sie will vor allem wieder zurück in die Zivilisation. Er ist der junge Flegel, der den ersten Tag – quasi als Freizeitbeschäftigung – mit dem sinnlosen Fällen eines Baumes beginnt. Aber er hört mittendrin mit dem Fällen auf. Später schießt er ebenso grundlos auf Fische und Vögel und, sobald die Wellen es zulassen, will er eine Runde surfen.
Diese Story ist für einen Spielfilm einfach zu statisch und vorhersehbar. Die Attacken der Natur gegen den Menschen sind zu selten. Meistens ist es eine eher diffuse Bedrohung, die verschieden interpretiert werden kann. Auch zwischen Peter und Carla geschieht zu wenig. Denn für uns Zuschauer ist bereits in den ersten Minuten offensichtlich, dass diese Beziehung zu Ende ist. Nur sie wissen es noch nicht und ihre Versuche, die Beziehung zu kitten, sind höchstens halbherzig.
Deshalb wirkt das Zwei-Personen-Stück „Long Weekend“ wie ein auf Spielfilmlänge gedehnter Kurzfilm.
Als Bonusmaterial gibt es eine geschnittene Szene (ein Robert-de-Niro-ähnlicher Monolog von Jim Caviezel), den deutschen und den amerikanischen Trailer, ein vierzigminütiges Produktionstagebuch (mit einem sehr informativem Audiokommentar von Jamie Blanks) und einen uninteressantem Audiokommentar von Jamie Blanks, Everett De Roche, Jim Caviezel und Claudia Karvan. Denn außer gegenseitigem Lob gibt es fast nichts zu hören.
In den ersten Minuten von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ bahnen die beiden Profikiller Charlie (Lee Marvin) und Lee (Clu Gulager), wie zwei Terminatoren, sich ihren Weg durch eine Blindenschule zu ihrem Opfer und erschießen es kaltblütig vor mehreren Zeugen. Später, im Zug fragt Charlie sich, warum ihr Opfer, der ehemalige Rennfahrer Johnny North (John Cassavetes), obwohl er gewarnt wurde, wie ein Lamm auf sie wartete und warum sie für diesen so unglaublich einfachen Auftrag so viel Geld bekommen. Außerdem war North in einen Überfall verwickelt und die Beute ist verschwunden. Charlie und sein jüngerer Partner erforschen auf der Suche nach der Beute, wie Detektive, das frühere Leben ihres Opfers.
Mit diesen ersten Minuten gibt Don Siegel die gewalttätig-amoralische Stimmung für den gesamten Films vor. Denn auch wenn die Morde in dem 1963 gedrehten „Der Tod eines Killers“ aus heutiger Sicht unblutig und theaterhaft-übertrieben inszeniert sind (was sie noch wirksamer macht), ist es vor allem diese Mischung aus Sturheit, Fatalismus, Gewalt und der Lust an der Gewalt, die heute immer noch unangenehm berührt.
Denn als erstes verprügeln die beiden Killer ungerührt die blinde, ältere Schulsekretärin. Geht es noch gemeiner? Und diese beiden Schläger sollen die Sympathieträger sein?
Auch später, wenn Charlie und Lee erfahren, dass ihr Opfer sich in Sheila Farr (Angie Dickinson) verliebte und diese mit dem Gangster Jack Browning (Ronald Reagen) liiert ist, nimmt das Level an körperlicher Gewalt kaum ab. Sheila Farr wird mehr als einmal geschlagen. Die beiden Killer gehen bei ihrer Suche nach der Methode „erst schlagen, dann fragen“ vor. Und auch ihr Auftraggeber ist körperlicher Gewalt nicht abgeneigt. Denn für sie heiligt der Zweck die Mittel.
Dass Lee Marvin harte Männer spielen kann, ist nicht überraschend. Für diese Rolle erhielt er einen BAFTA und war für einen Laurel Award nominiert. Auch Angie Dickinson, John Cassavetes, Claude Akins, Norman Fell und Clu Gulager (als leicht psychopathischer junger Killer) sind gewohnt überzeugend in ihren Rollen.
Die große Überraschung in dem Film ist Ronald Reagan. Er spielte erstmals in seiner langen, nicht allzu erfolgreichen Karriere einen Gangster. Viele behaupten, er habe hier seinen besten Auftritt als Schauspieler gehabt (Dem würde ich mich, obwohl ich nur sehr wenige seiner Filme gesehen habe, anschließen.). Seine Verkörperung des skrupellosen, aalglatten Gangsters, der seine Frau niemals an einen Nebenbuhler abgeben wird, ist wirklich furchteinflößend. Allerdings war Reagan von seiner Rolle nicht begeistert. Er hasste es, wie er später in Interviews sagte, den Bösewicht zu spielen.
Auch aus einem weiteren Grund war für Ronald Reagan „Der Tod eines Killers“ ein wichtiger Film. Er markierte das Ende seiner Filmkarriere. Danach wandte er sich vollends der Politik zu und der Rest ist Geschichte.
Für Don Siegel markierte „Der Tod eines Killers“, nach zahlreichen, heute oft vergessenen B-Pictures, den Beginn seines legendären Spätwerks. Sein übernächster Film war der TV-Western „Ein Fremder auf der Flucht“ (Stranger on the run). Danach kamen „Nur noch 72 Stunden“ (Madigan), „Coogans großer Bluff“ (Coogan’s Bluff), „Ein Fressen für die Geier (Two Mules for Sister Sara), „Betrogen“ (The Beguiled), „Dirty Harry“ undundund.
Für „Der Tod eines Killers“ ließ Don Siegel, der den Film auch produzierte und eine frühe Drehbuchversion schrieb, sich von Ernest Hemingways Kurzgeschichte „The Killers“ inspirieren. Wie in der ersten Verfilmung der Kurzgeschichte, „Rächer der Unterwelt“/“Die Killer“ (USA 1946) von Robert Siodmak mit Burt Lancaster und Ava Gardner, wurde nur die Grundidee, von einem Mann, der apathisch auf seine Mörder wartet, übernommen. Siegel und sein Drehbuchautor Gene L. Coon (viele TV-Arbeiten von „Bonanza“ über „Ihr Auftrag, Al Mundy“ bis „Raumschiff Enterprise“) machten daraus zwei schnörkellose Noir-Geschichten. Die eine erzählt von einem gutgläubigen, ehrlichem Mann, der sich in die falsche Frau verliebt und zum Verbrecher wird. Die andere erzählt von zwei Killern, die an die große Kohle wollen. Und natürlich enden sie, wie Noir-Geschichte enden müssen.
Lee Marvin und Angie Dickinson trafen 1967 in dem sehr ähnlichen „Point Blank“ wieder und nicht weniger gewalttätig aufeinander. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden, in vielerlei Hinsicht sehr ähnlichen Filmen ist, dass „Der Tod eines Killers“ ursprünglich als TV-Film geplant war, während „Point Blank“ von Anfang an als Kinofilm konzipiert war.
Siegels Film war der erste Film der Universal-Reihe „Project 120“, die aus Filmen bestehen sollte, die für das Fernsehen produziert würden, aber auch im Kino laufen könnten. So sollte der damals steigende Bedarf an neuen Spielfilmen für das Fernsehen gestillt werden. Aber die Ermordung von John F. Kennedy und die aus Sicht der TV-Verantwortlichen zu hohe Gewalttätigkeit des Films führten letztendlich zu einem Kinostart und einem sofortigen Ende der Reihe.
„Der Tod eines Killers“ ist ein auch heute noch überzeugender, formal und stilistisch in sich geschlossener Gangsterfilm.
Das Bonusmaterial, Originaltrailer und zwei kurze Biographien, ist nicht weiter erwähnenswert. Denn gerade wenn eine Reihe „Hollywood Klassiker“ heißt, sollten die DVD-Macher auf der DVD auch einige Hintergrundinformationen liefern, warum sie diese Filme für Klassiker halten. Die Bildqualität ist überraschend gut. Der Originalton ebenfalls, die Synchronisation, wie bereits auf einer Texttafel vor Filmbeginn angekündigt wird, weniger.
Der Tod eines Killers (The Killers, USA 1964)
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Gene L. Coon
LV: Ernest Hemingway: The Killers, 1927 (Kurzgeschichte)
mit Lee Marvin, Angie Dickinson, John Cassavetes, Ronald Reagan, Clu Gulager, Claude Akins, Norman Fell, Seymour Cassel (kleine Nebenrolle als Bote)
Man muss wirklich kein Genie sein, um zu wissen, dass die beiden Studentinnen, als sie mitten in einer verregneten Nacht auf dem Flughafen in den Airport-Shuttle steigen, den Fehler ihres Lebens begehen. Denn zuerst unterbietet der Fahrer einen Kollegen, dann besteht er, trotz zahlreicher freier Plätze, auf einer Höchstzahl von drei Passagieren und der schon im Bus sitzende Mann, Typ ängstlicher Buchhalter, ist auch nicht ganz koscher. Aber die eine Studentin kann den Fahrer überzeugen, die beiden Jungs, die sie auf dem Flughafen kennen gelernt haben, mitzunehmen. Als sie durch verlassene Ghettostraßen fahren, platzt ein Reifen. Beim Wechseln verliert der eine Junge seine Finger und der Fahrer eröffnet ihnen, dass er sie nicht in die Stadt bringen werde.
In der folgenden Stunde entspinnt sich in dem Kleinbus ein gnadenloser Kampf zwischen dem Fahrer und seinen Passagieren. In der letzten halben Stunde nimmt die Geschichte in einer Lagerhalle dann einige überraschende Wendungen und ein Ende, das einerseits schockierend, aber andererseits auch ziemlich unplausibel und pseudo-sozialkritisch ist.
Edward Andersons Regiedebüt „Shuttle“ ist einer dieser kleinen Thriller, die auf einem sehr begrenzten Raum (die meiste Zeit in einem Kleinbus) innerhalb weniger Stunden spielen und sich vor allem auf die Dynamik zwischen einer Handvoll Personen verlassen. Dank des geringen Budgets und dem Verzicht auf bekannte Namen muss Anderson auch kein Hollywood-Ende präsentieren.
Allerdings gibt es, gerade weil „Shuttle mit über hundert Minuten einfach zu lang geraten ist, zu viele ärgerliche Plotlöcher und zu viele Wendungen sind zu vorhersehbar. Handys funktionieren nicht in einer amerikanischen Großstadt. Diese ist in der Nacht sowieso einsamer als eine Geisterstadt. Die Geisel flüchten nicht, wenn sie die Gelegenheit haben. Sie wehren sich nicht entschieden genug gegen den Entführer. Und, selbstverständlich hat der Entführer mehr Leben als eine Katze.
Shuttle (Shuttle, USA 2008)
Regie: Edward Anderson
Drehbuch: Edward Anderson
Mit Tony Curran (Busfahrer), Peyton List (Mel), Cameron Goodman (Jules), Cullen Douglas (Andy), Dave Power (Matt), James Snyder (Seth)
Bereits vor fünf Jahren spielte Kim Basinger in dem kleinen, feinen Thriller „Final Call“ eine Mutter in Lebensgefahr. In „Final Call“ war sie allerdings die meiste Zeit eingesperrt und ein junger Mann durfte die Lauferei erledigen. In ihrem neuesten Film „While she was out“ ist sie wieder in Lebensgefahr. Dabei geht diese Gefahr für die im Film zweifache Mutter und Hausfrau Della (Kim Basinger) in dem noblen Haus in einer geschlossenen Wohnanlage nicht von ihrem Ehemann, der sich zu Hause kaum beherrschen kann und sie auch vor den Kindern schlägt, aus.
Nein, die Gefahr geht von einer gemischtrassigen vierköpfigen Kleinstadt-Gang aus. Denn als diese mit ihrem Auto im Vorweihnachtstrouble auf dem Parkplatz vor der Shopping-Mall zwei Parkplätze blockieren, steckt Della ihnen einen geharnischten Zettel hinter den Scheibenwischer. Ihr Anführer Chuckie (Lukas Haas) ist fassungslos. Eine Frau beleidigt ihn. Er stellt sie nach ihrem Einkauf auf dem inzwischen verwaisten Parkplatz zur Rede. Der Sicherheitsbeamte der Shopping-Mall versucht den Streit zu schlichten. Chuckie fuchtelt mit seiner Pistole herum und ein Schuss löst sich. Della weiß, dass sie als Zeugin jetzt in Lebensgefahr schwebt. Sie flüchtet. Ihre Fahrt endet in einer sich im Bau befindliche Siedlung. Dort beginnt sie mit einem roten Werkzeugkoffer in der Hand zuerst in der Siedlung und später im Wald um ihr Leben zu kämpfen.
Dass sie in der folgenden Stunde die Jugendlichen der Reihe nach, bis zur Konfrontation mit ihrem Anführer Chuckie, mit den verschiedenen in ihrem roten Stahlköfferchen enthaltenen Werkzeugen besiegen kann, gehört zum Genre. Auch, dass sie alle bemerkenswert schnell und sicher durch den dunklen Wald laufen können, widerspricht zwar jeder Lebenserfahrung, aber auch das gehört zu den vertrauten Regeln. Überraschend ist dagegen schon, wie direkt, schmutzig und auch blutig Dellas Morde von Susan Montfort inszeniert werden. Da muss sie sich nicht vor ihren männlichen Kollegen verstecken. Und dass die Regiedebütantin Ahnung vom Genre hat, zeigt sie auch in den Interviews zum Film und ihrer Mitproduzententätigkeit für den grandiosen Comedy-Thriller „Shoot ’em up“.
Ihr Debüt „While she was out“ ist ein geradliniger, angenehm kurzer Thriller, der mit einigen überraschenden Twists aufwartet und nicht mit überflüssigen, psychologisierenden Subplots nervt. Denn in neunzig Minuten darf sich auf die Hauptsache konzentriert werden: den gnadenlosen Kampf einer Frau ums Überleben in einer feindlichen Umgebung.
Der feministische Thriller ist auch eine schwarzhumorige Warnung gegen sexuelle Gewalt in der Ehe. “While she was out“ kann als fast in Echtzeit ablaufende Entwicklungsgeschichte oder, mit dem gleichen Ergebnis, als Traum gelesen werden. In der zweiten Lesart, die durch die klare Trennung der drei Akte in verschiedene Orte und teilweise auch andere Stile möglich ist, wäre alles, was Della nach ihrem Einkauf in der Shopping-Mall zustößt, ein Traum. Ein Traum, in dem Männer sie töten wollen und der einzige Ausweg aus der Welt der männlich dominierten Gewalt Gegengewalt ist. Dieser zweite Akt ist realistischer inszeniert als Dellas Einkauf im Einkaufszentrum. Dort schwebte sie fast wie ein Geist durch den vorweihnachtlichen Trouble. Sie war immer von den anderen Menschen getrennt. Sie beobachtete, aber sie agierte nicht und reagierte kaum. Als sie eine lange nicht mehr gesehene Schulfreundin trifft, reagiert sie unsicher und ausweichend. Erst im Wald, gejagt von einer Kleinstadtbande mordlüsterner, großmäuliger, aber auch ängstlicher und etwas dummer Jungs (was nicht allzuweit von der Realität entfernt ist) wird sie wieder lebendig. Es ist als ob sie aus ihrem Traum – der zum Alptraum gewordenen Ehe – erwacht und wieder zu der Frau wird, die sie einmal war.
Kim Basinger ist natürlich der Star des Films. Die anderen Schauspieler sind vor allem aus dem TV bekannt und stehen meist noch am Anfang ihrer Karriere. Craig Sheffer gehörte zum Ensemble der Serien „One Tree Hill“ und „Teen Wolf“. Lukas Haas trat zuletzt in einigen „24“-Folgen, „President Evil“, „Alpha Dog“ und „Last Days“ auf. Als Kind und Jugendlicher war der 1976 geborene unter anderem in „Der einzige Zeuge“, „Music Box“ und „Mars Attacks“ dabei. Luis Chávez trat in „Ocean’s Thirteen“, mehrmals als Mitschüler in der ersten Staffel von „Terminator S. C. C.“ und, als Ensemblemitglied, in der neuen Glen-Mazzara-Serie „Crash“ (Mazzara war auch bei „Nash Bridges“, „The Shield“ und „Standoff“ dabei.) auf. Sie alle sind glaubwürdig in ihren Rollen.
Als Bonusmaterial gibt es einen deutschen und einigen amerikanischen Trailer und ein fast halbstündiges, nicht sonderlich tiefschürendes „Making-of“. Da hätte der Interviewer einige bessere Fragen stellen sollen. Der auf der amerikanischen DVD enthaltene Audiokommentar von Susan Montford und Don Murphy (der zusammen mit ihr „Shoot ’em up“ produzierte) fehlt leider.
„While she was out“ ist ein kleiner, knackiger und sehr kurzweiliger Überlebensthriller mit einigen akzeptablen Logiklöchern und der immer noch verdammt gut aussenden Kim Basinger. Diese knapp neunzig Minuten hätte ich gerne auch auf der großen Leinwand gesehen.
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While she was out (While she was out, USA 2008)
Regie: Susan Montford
Drehbuch: Susan Montford
LV: Edward Bryant: While she was out, 1988 (Kurzgeschichte)
mit Kim Basinger, Lukas Haas, Craig Sheffer, Jamie Starr, Leonard Wu, Luis Chávez
Denn dank Koch Media kann ich ein Exemplar der DVD „Red“ verlosen. Wer die DVD möchte, muss bis zum Montag, den 4. Mai, eine E-Mail an info@axelbussmer.de mit dem Betreff „Ich will ‚Red’ haben“ und einer Postanschrift schicken.
„Blutrot“ von Jack Ketchum war für mich eines der besten Bücher des letzten Jahres. Entsprechend gespannt war ich auf die Verfilmung, die jetzt unter dem Originaltitel „Red“ als DVD erschienen ist.
Red heißt der Hund des Vietnam-Veterans, Witwers und Gemischtwarenladenbesitzers Avery Ludlow. Heute hat er den Laden seinem Personal überlassen und sitzt friedlich angelnd mit Red an einem einsam gelegenen Flussufer. Als drei Jungen kommen, ihn ärgern und ausrauben wollen, bleibt er ruhig. Weil er kein Geld dabei hat, erschießt Danny McCormack Ludlows betagten Hund.
Das war ein Fehler. Denn Ludlow möchte Gerechtigkeit für seinen Hund. Er möchte, dass die Jugendlichen ihr Unrecht einsehen und bereuen. Er findet heraus, dasszwei der drei Jungs Söhne des neureichen Unternehmers Michael McCormack sind. Ludlow geht zu ihm. Nach einem Gespräch glaubt McCormack seinem Sohn.
Ludlow bleibt hartnäckig und der Konflikt zwischen ihnen eskaliert.
Das sind die ersten Minuten des beeindruckenden Dramas „Red“. Lucky McKee und Trygve Allister Diesen erzählen, basierend auf Ketchums Roman und Stephen Suscos der Vorlage sehr verpflichtetem Drehbuch, schnörkellos eine klassische Geschichte, die einfach als der Kampf eines Mannes um Gerechtigkeit für seinen ermordeten besten Freund gesehen werden kann. Aber es geht, wie immer in einer guten Geschichte, um viel mehr.
Es geht um den Kampf zwischen zwei Wertesystemen. Ludlows altmodischer Ethos, dass man zu seinen Taten stehen soll, prallt gegen McCormacks ebenso verständlichen Wunsch, seine Kinder zu beschützen.
Es geht um unsere Beziehung zu Tieren. Für McCormack ist es nur ein Hund. Für das Gesetz ein Bagatellvergehen. Für Ludlow wurde sein bester Freund kaltblütig und vollkommen sinnlos ermordet.
Es geht um die Frage, wie weit wir für unsere Überzeugungen gehen. Gerade weil beide Seiten hartnäckig für ihre Position kämpfen, eskaliert der Konflikt immer weiter.
Es geht um unseren Umgang mit Gewalt und den Folgen von Gewalt.
Es geht auch um den Kampf zwischen einem lokal verwurzelten Kleinunternehmer und einem zugezogenem, skrupellosem Aufkäufer. Diese Konfrontation wird in der erweiterten Szene des ersten Gesprächs zwischen Ludlow und McCormack im Bonusmaterial und in Ketchums Roman deutlicher. Denn McCormack empfängt den unangemeldet bei ihm auftauchenden Ludlow nur, weil er gerne dessen Geschäft kaufen würde.
Und natürlich ist „Red“ ein in der Gegenwart spielender Western.
Gleichzeitig ist „Red“ ein Schauspielerfilm. Die Regisseure Lucky McKee und Trygve Allister Diesen (es kam während des Drehs aufgrund interner Probleme zu dem im Film nicht auffallenden Wechsel) wissen das. Die Schauspieler dürfen spielen und, weil die Geschichte so gut ist, muss nicht mit irgendwelchen Mätzchen von einer mangelnden Substanz abgelenkt werden.
Zu den besten Szenen gehören Ludlows Monolog wie er seine beiden Söhne und seine Frau verlor und Red versuchte die Katastrophe zu verhindern. Über mehrere Minuten bleibt die Kamera, fast ohne einen Schnitt, bei Brian Cox, der diese traurige Geschichte regungslos erzählt. Jeder der wenigen Schnitte weg von ihm stört. Diese Kraft des Minimalismus haben, wie im Bonusmaterial eine anders geschnittene Version dieser Szene zeigt, auch die Filmemacher erkannt. Die im Film enthaltene Version lässt zwar einen Subplot fallen, gewinnt aber dank der Reduktion an erzählerischer Kraft.
Auch die erste Konfrontation zwischen Ludlow und McCormack wird durch die Präsenz der beiden Schauspieler-Schwergewichte Brian Cox und Tom Sizemore getragen.
Ebenso eindrucksvoll in ihrer Einfachheit ist die Szene, in der Ludlow den Namen des jugendlichen Schützen herausfindet. In einem Waffenladen fragt er den Verkäufer. Dieser verweigert die Auskunft. Ludlow sieht einen Hund auf dem Boden liegen. Er sagt, dass der Junge kaltblütig seinen alten Hund erschossen habe. Der Besitzer (Delaney Williams) schickt seinen Verkäufer das Verkaufsbuch holen. Während der Verkäufer weg ist, erzählt er Ludlow, wie der Hund ihm das Leben rettete. Diese Erzählung ist im Roman nicht enthalten, aber Jack Ketchum hätte sie gut schreiben können. Ansonsten übernahm Susco viele Dialoge direkt aus dem Roman.
Diese Szenen fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und machen „Red“ zu einem beeindruckenden, effizient erzählten Thriller über die Suche nach Gerechtigkeit. Das ist gutes altmodisches Hollywood-Erzählkino. Daher ist „Red“ der beste Clint-Eastwood-Film des Jahres ohne Clint Eastwood. Aber Brian Cox, der für seine Rolle auf dem renommierten Sitges-Filmfestival als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, ist auch nicht schlecht.
Das Bonusmaterial der DVD besteht im Wesentlichen aus zwei längeren Szenen, die in einer leicht anderen Schnittfassung im Film enthalten sind, und einigen kürzeren Szenen. Insgesamt handelt es sich daher nur um wenige Minuten, die es nicht in den endgültigen Schnitt geschafft haben. Diese Szenen wurden aus unverständlichen Gründen in Geschnittene Szenen und Outtakes aufgeteilt. Außerdem gibt es den Trailer zum Film.
Red (Red, USA 2008)
Regie: Lucky McKee, Trygve Allister Diesen
Drehbuch: Stephen Susco
Mit Brian Cox, Noel Fisher, Tom Sizemore, Kyle Gallner, Shiloh Fernandez, Kim Dickens, Robert Englund, Amanda Plummer, Delaney Williams
Alfred Hitchcock erklärte Suspense oft am Beispiel der Männer, die Karten spielen, während unter ihrem Tisch eine Bombe tickt. Sie wissen nichts von der Bombe. Wir wissen, wann die Bombe explodiert und hoffen, dass sie vorher mit ihrem Spiel aufhören, weggehen oder die Bombe entdecken. Alfred Hitchcock hätte Suspense auch anhand fast jeder der jetzt auf DVD erschienenen zwanzig halbstündige Folgen von „Alfred Hitchcock präsentiert“ erklären können.
Wie schon bei den beiden aufwändig gestalteten und absolut empfehlenswerten „Alfred Hitchcock zeigt“-Boxen, die jeweils zehn Folgen der ab 1962 einstündigen Krimiserie enthalten, sind in „Alfred Hitchcock präsentiert“ einige der vom Meister selbst inszenierten Folgen, einige von inzwischen bekannten Regisseuren, die damals noch am Anfang ihrer Karriere standen, einige mit heute bekannten Schauspielern (wie Steve McQueen, Walter Matthau, George Peppard und Burt Reynolds) und, insgesamt, einfach gute Krimis enthalten. Einige Folgen wurden bereits in den Sechzigern, teilweise gekürzt, im deutschen Fernsehen gezeigt. Einige wurden, wozu auch die klassische, für zwei Emmys nominierte Folge „Mordwaffe: Lammkeule“ gehört, erst 1999 im WDR als Originalfassung mit Untertiteln gezeigt und einige, wie Robert Altmans „Auf immer und ewig“ (mit Joseph Cotten), sind DVD-Premieren.
„Mordwaffe: Lammkeule“, vom Meister Alfred Hitchcock selbst nach einem Drehbuch von Roald Dahl inszeniert, ist ein grandioses Beispiel für seinen schwarzen Humor und jeder dürfte die Geschichte kennen: Die schwangere Ehefrau (grandios gespielt von Barbara Bel Geddes) erschlägt, nachdem er ihr sagt, er werde sich von ihr scheiden lassen, mit einer Lammkeule ihren untreuen Ehemann. Anschließend schiebt sie die Lammkeule in den Ofen, verschafft sich ein improvisiertes Alibi und ruft die Polizei an. Während der Detective in der Wohnung ermittelt, hoffen wir, dass sie ungestraft davon kommt. Am Ende serviert sie den ausgehungerten Polizisten das Abendessen. Sie beginnen dankbar zu essen und der Ermittler sagt, während sie genussvoll die Lammkeule verzehren: „Wahrscheinlich haben wir die Mordwaffe direkt vor der Nase.“ Gleichzeitig fährt die Kamera auf die im Nebenzimmer sitzende, lächelnde Mörderin.
Mehr klassische Suspense gibt es in den ebenfalls von Hitchcock inszenierten Folgen„Peng! Du bist tot“ und „Die Leiche im Kofferraum“. In der ersten Geschichte gelangt zufällig ein geladener Revolver in die Hände eines Jungen, der als Cowboy verkleidet durch die Vorstadt läuft und mit dem Revolver immer wieder auf Leute schießt. Die ganze Folge wird von der Frage beherrscht, wann sich ein Schuss löst.
In der zweiten Geschichte versteckt ein Mann seine tote Frau im Kofferraum. Er will ihre Leiche wegbringen. Allerdings ist sein Rücklicht defekt und ein hilfsbereiter Polizist beginnt ihn zu verfolgen.
Robert Altmans „Auf immer und ewig“ ist ein weiteres gutes Beispiel für Suspense. Am Vorabend des langen Weihnachtswochenendes bringt der reich verheiratete Playboy Tony Gould (Joseph Cotten) seine heimliche Geliebte, die ihn unbedingt heiraten will, um. Dummerweise ist er jetzt mit ihr in einem Eckzimmer in einem verlassenen Bürohaus eingesperrt. Er versucht, ohne entdeckt zu werden, aus dem Raum zu entkommen.
Suspense der etwas anderen Art gibt es in „Schweigen ist Silber“. Ein Vater versucht seinen sehr lebhaften Jungen auf einer Zugfahrt für einige Minuten zum Schweigen zu bringen. Die Gelegenheit ergibt sich, als ihnen im auf der Strecke stehen gebliebenen Zug, ein Mitreisender eine Geschichte erzählen will. Der Vater sagt dem Jungen, dass er eine wertvolle Münze nur erhalte, wenn er der Geschichte des Mitreisenden schweigend zuhöre. Während dieser spricht, sieht der Junge, wie jemand von außen an die vereiste Fensterscheibe klopft. Der Junge ist hin und hergerissen, zwischen schweigen oder den anderen von dem draußen Erfrierenden zu erzählen. Dieser Konflikt ist so spannend, dass man der Geschichte des Mitreisenden überhaupt nicht mehr zuhört.
Schwarzhumoriges gibt es nicht nur in den Präsentationen von Alfred Hitchcock. Auch einige Episoden sind schwarzhumorige Kabinettstücke. Da wäre der ultrageizige Gatte in „Wer soll das bezahlen?“. Einerseits möchte er seine plötzlich allzu spendable Frau umbringen. Andererseits sollte das möglichst billig vonstatten gehen.
Oder in „Ein Fressen für die Hühner“. In der von Hitchcock inszenierten Geschichte erzählt Laurence Harvey (Botschafter der Angst) als Chef einer riesigen, modernen Hühnerfarm seelenruhig von dem perfekten Mord.
Besonders „Das gute Geschirr“ ist, wie öfters in „Alfred Hitchcock präsentiert“ und in „Alfred Hitchcock zeigt“, eine (schwarzhumorige) Sternstunde für ältere Schauspielerinnen. In dieser Episode spielen Estelle Winwood (geb. 1883), Elizabeth Patterson (geb. 1875), Ellen Corby (geb. 1911, sie war später die Grandma bei den „Waltons“) und Ida Moore (geb. 1882) noch einmal groß auf. Die Damen verlieben sich in den gegenüber eingezogenen, gut aussehenden Inspektor. Da trifft es sich gut, dass gerade eine von ihnen verschieden ist. Kurz darauf stirbt eine weitere von ihnen und der nette Polizist muss wieder zu ihnen kommen.
Auch „Wohl dem, der lügt“ ist vor allem eine halbe Stunde für Herbert Marshall (geb. 1890), der als alter Schauspieler während eines Abends verzweifelt versucht eine Rolle in einem Theaterstück zu ergattern.
Die Ray-Bradbury-Verfilmung „Eine Marionetten-Bescherung“ ist eigentlich eine Science-Fiction-Geschichte. In ihr ersetzt ein Mann sich durch einen Roboter, der seine Frau abends unterhält, während er in die Kneipe geht. Aber der Roboter entwickelt einen eigenen Willen.
Auch Fredric Browns „Geschichten, die das Leben schreibt“ mit dem jungen Steve McQueen als Zeitungsreporter spielt mit der Wirklichkeit. Denn er soll sich mit einem Mann unterhalten, der behauptet, ein Marsmensch zu sein.
Es gibt sogar einer einen fast klassischen Whodunit in „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“. In „Das Geständnis“, einer weiteren von Hitchcock inszenierten Episode, will ein Inspektor bei einem Abendessen den Mörder überführen, indem er den Geist der Toten wiederauferstehen lässt.
Für Albert Pelham ist in der ebenfalls von Alfred Hitchcock inszenierten Episode „Der Doppelgänger“ dagegen sein Leben der nackte Horror. Denn er glaubt, dass ein Anderer ihm sein Leben stehlen will, indem er sich als Albert Pelham ausgibt. Aber niemand scheint Pelham glauben zu wollen, dass es erstens den Doppelgänger gibt und zweitens er der echte Mr. Pelham ist. Das gewohnt überraschende Ende zeigt dann eine ungeahnte Dimension des Horrors.
Gerne erzählen die Macher von „Alfred Hitchcock präsentiert“ Geschichten aus der Sicht des Täters oder des Opfers; – wobei am Ende oft der Täter das Opfer ist, und umgekehrt. Das gilt für „Vorteil Rückschläger“. In dieser von Arthur Hiller inszenierten Episode soll ein in einem Wettbüro Angestellter herausfinden, warum einer ihrer guten Kunden seit drei Monaten nicht mehr wettete. Er trifft dessen schöne Frau, die ihm sagt, ihr Mann sei vor sechs Monaten gestorben. Er will das Rätsel lösen.
In der von Henry Slesar geschriebenen Folge „Perlen, Perlen“ versucht ein Schmuckhändler an eine zweite Perle, die er teuer verkaufen will, zu gelangen. Aber wer betrügt hier wen? Der distinguierte Händler den Kunden, einen stinkreichen, in eine junge Frau verliebten Gockel? Der Verkäufer, ein heruntergekommener, trinkfreudiger Seefahrer, den Händler? Oder die junge Frau die Männer?
Ebenfalls von Henry Slesar ist die geradlinige Gangstergeschichte „Davie hat keine Nerven“ mit Walter Matthau als Profigangster. Nach einem Überfall muss er mit seinem jungen, nervösem Komplizen untertauchen. Als sie erfahren, dass es eine von der Polizei bewachte Zeugin gibt, will der Ältere herausfinden, was sie genau gesehen hat. Als falscher Polizist, in einer schmucken Uniform, geht er zu ihr.
In „Scheidung auf amerikanisch“, dem Regiedebüt von Gordon Hessler, bereitet ein von seiner herrischen Frau gequälter Mann (Martin Balsam) alles für einen baldigen Todesfall vor. Wie so oft gehören auch hier die Sympathien dem Täter.
„Galgenfrist“ ist dagegen eine handfeste Abenteuergeschichte. In Mexiko versucht ein Bauleiter, trotz unrealistischem Zeitplan, fristgerecht einen Tunnel durch einen Berg zu graben. Mit einem neuen Assistenten könnte das Unternehmen gelingen. Aber der Bauleiter glaubt, dass der ein flüchtiger Mörder ist und alles tun wird, um nicht der Justiz ausgeliefert zu werden.
Flüchtige Verbrecher spielen auch in „Flucht nach Sonoita“ eine Rolle. Die von Stuart Rosenberg inszenierte Folge hat mit Burt Reynolds und Harry Dean Stanton gleich zwei bekannte Namen. Zwei Verbrecher klauen in der Wüste, nach einem Unfall, einen Tanklaster und lassen den alten Fahrer, der die Gegend wie seine Westentasche kennt, seinen Beifahrer und ihre Geisel ohne Wasser zurück. Aber der Fahrer hat noch ein Ass im Ärmel.
Etwas weiter südlich, in Mexiko, hat ein junges amerikanisches Ehepaar in „Eine wertvolle Leiche“ mit ihrer plötzlich verstorbenen Schwiegermutter Probleme. Denn die Engländerin ist illegal mit ihnen nach Mexiko eingereist und das unauffällige zurückbringen der Leiche ist schwieriger als gedacht. George Peppard spielt den netten Schwiegersohn. Peter Lorre den schmierigen, aber dafür gegen Geld umso hilfsbereiteren Privatdetektiv, der, wie alle, mit der Toten seinen Schnitt machen will.
Für ungefähr fünfzig Jahre alte Fernsehsendungen sind das Bild und der Ton, auch verglichen mit den etwa zeitgleich entstandenen deutschen Francis-Durbridge-Verfilmungen, erstaunlich gut. Die Trailer zu vier Hitchcock-Filmen dürften in der Originalfassung bereits bekannt sein. Die deutsche Synchronisation ist dagegen unbekannter und daher sind sie eine nette Beigabe. Sehr lobenswert ist, wie bereits bei „Alfred Hitchcock zeigt“, das informative Booklet.
Und in den zwanzig halbstündigen Episoden werden auch für heutige Sehgewohnheiten noch sehr spannende und effizient erzählte Geschichten mit überraschenden Schlusspointen präsentiert.
Es dauerte 25 Jahre, bis der Knoten platze und Hollywood begann, die Romane von Jack Ketchum zu verfilmen. Dabei genoss bereits sein erstes Werk „Off Season“ (Beutezeit) unter Horrorfans schnell Kultstatus. Stephen King, um nur seinen bekanntesten Fan zu nennen, preist seit Jahren unermüdlich seine Werke. Aber Hollywood schwieg.
2005 war mit der Verfilmung des für den Bram-Stoker-Preis nominierten „The Lost“ dann anscheinend der Bann gebrochen. Schnell folgten „The Girl next Door“ und „Red“ (Filmbesprechung folgt). „Offspring“ befindet sich gerade in der Postproduktion. Und was, wenn wir an die vielen misslungenen Stephen-King-, Elmore-Leonard- und Donald-Westlake-Verfilmungen denken, am erstaunlichsten ist, ist die Tatsache, dass die Jack-Ketchum-Verfilmungen bis jetzt wirklich den Tonfall der Vorlagen treffen.
Jack Ketchums Roman „The Lost“
In „The Lost“ erzählt Jack Ketchum die Geschichte eines Psychopathen und mehrerer, ihn wie Satelliten umkreisender, seelisch verlorener Menschen während des für sie nicht existierenden Summer of Love.
1965 ermordet der Teenager Ray Pye nachts am See Lisa Steiner. Elise Hanlon kann schwerverletzt flüchten. Pyes Freunde Tim Bess und Jennifer Fitch haben die Tat beobachtet und ihm geholfen die Spuren zu verwischen.
Vier Jahre später stirbt Elise Hanlon, die nie aus dem Koma erwachte. und der Kleinstadt-Detective Charlie Schilling möchte den Fall immer noch lösen. Doch anstatt den Krimiplot energisch voranzutreiben, entwirft Jack Ketchum ein pessimistisches Porträt einiger Bewohner der Kleinstadt Sparta, New Jersey, bei dem die Zahl der Sympathieträger an den Fingern einer abgehackten Hand abgezählt werden kann. Neben dem an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Psychopathen Ray Pye, der bevorzugt jüngere Frauen vögelt und als kleiner Drogenhändler der ungekrönte König der Kleinstadtjugendlichen ist, den ihm hörigen Freunden Tim Bess und Jennifer Fitch, die nichts gegen Rays zahlreiche Seitensprünge hat, sind das vor allem die beiden 1965 ermittelnden Polizisten und ein gerade aus San Francisco zugezogenes Mädchen.
Detective Charlie Schilling ist ein geschiedener Alkoholiker, der seine Abende nach dem Besuch in der Bar, allein vor dem Fernseher mit einer Dose Bier verbringt. Sein Kollege Ed Anderson ist inzwischen Frührentner und hat eine Beziehung zur gerade volljährig gewordenen Sally Richmond. Katherine Wallace, das neuen Mädchen in der Stadt, findet Ray Pye interessant, hat eine in der Irrenanstalt sitzende, todkranke Mutter und stiftet Ray zu mehreren kleinen Verbrechen an. Keiner von ihnen taugt als Vorbild. .
Nach Hanlons Tod beginnt Charlie Schilling wieder den Druck auf Pye zu erhöhen. Er will ihn jetzt endlich als Doppelmörder überführen, indem er dessen übergroßes Ego beschädigt. Er sprengt eine Party von Pye, bei der er kostenlos Drogen an Minderjährige verteilte. Gleichzeitig überzeugt er Sally Richmond, die Stelle in dem Motel der Familie Pye, wo auch Ray arbeitet, zu kündigen, und er redet mit Pyes Freunden. Pyes Nerven sind deshalb schon zum Zerreißen gespannt. Verschärfend kommt für den Kleinstadt-Aufreißer hinzu, dass Sally nicht mit ihm ins Bett steigen will, seine große Liebe Katherine die Beziehung zu ihm beendet und Tim, der für ihn Drogen bei sich aufbewahrt und dabei ungefragt einen Teil für sich abzweigt, ihn betrügt.
Das alles wird Pye irgendwann zuviel und er explodiert. Er beginnt sich an all den Menschen, die sich ihm verweigerten, in einem Amoklauf zu rächen.
Jack Ketchums großartiger, aber auch bedrückender und beunruhigender Roman ist die fast klinische Studie eines Amokläufers und seines Umfeldes.
Dabei ist „The Lost“ so sehr mit der Handlungszeit, dem August 1969, verbunden, dass eine andere Handlungszeit unmöglich erscheint. Denn während die Hippiebewegung den Summer of Love und Woodstock feiert, ist in Sparta nichts von der Utopie einer besseren Welt angekommen. Nur die Drogen und die Gewalt, gepaart mit einer kräftigen Portion reaktionärem Denken, sind in der Provinz angekommen; – falls sie nicht schon immer da waren. Pyes erste Sätze im Buch und im Film sind, nachdem er sieht, wie die Freundinnen Steiner und Hanlon sich einen unschuldigen Kuss geben: „Ach du Scheiße. Lesben. Mann, das ist echt widerlich.“
Das und seine Neugier, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen, führen zu den ersten Morden.
Später ist er von dem Morden der Charlie-Manson-Familie, vor allem dem bestialischen an Sharon Tate, fasziniert. Zum wenige Tage später stattfindenden Woodstock-Festival will er allerdings nicht fahren. Denn dort ist alles versammelt, was er verabscheut. Insofern zeigt Jack Ketchum, ähnlich wie die Rockband „Velvet Underground“, die düstere Seite der späten sechziger Jahre.
Chris Sivertsons Film „The Lost“
Chris Sivertson, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, verlegte die Geschichte in eine seltsam zeitlose Gegenwart, indem er alle direkten Hinweise auf die Sechziger tilgte. Aber die Gegenwart mit Computern, Flachbildschirmen, Handys und HipHop ist in Sivertsons Kleinstadt-Amerika noch lange nicht angekommen. Davon abgesehen folgt er fast schon sklavisch Ketchums Geschichte und dessen düsterer Vision der menschlichen Gemeinschaft von kaputten und dysfunktionalen Beziehungen. Die einzige intakte Beziehung im Buch und im Film, die Liebe von Ed Anderson und Sally Richmond, wird von ihnen vor der Öffentlichkeit verschwiegen. Damals, wir erinnern uns an Vladimir Nabokovs 1955 zuerst in Frankreich erschienes Meisterwerk „Lolita“, war eine Beziehung zwischen einer gerade gesetzlich volljährigen Frau und einem sechzigjährigen Mann nicht viel weniger skandalös als heute.
Die oft aus zahlreichen Nebenrollen bekannten Schauspieler sind großartig: Michael Bowen (Jackie Brown, Magnolia, Kill Bill) als fanatischer Alki-Polizist. Ed Lauter (Die Kampfmaschine/Die härteste Meile, French Connection II, Nevada-Pass, Familiengrab, Cujo) als sein Ex-Kollege und Tony Carreiro (Lethal Weapon 2, Ensemblemitglied der bei uns nie gezeigten Comedy-Serie „Doctor, Doctor“ und zahlreiche Gastauftritte in TV-Serien) als Katherines Vater. Eine besondere Erwähnung verdient Dee Wallace-Stone (E. T., Cujo). Sie tritt nur in einer einzigen Szene als Mutter von Elise Hanlon auf. Aber ihr Gespräch an der Haustür mit Polizist Schilling als von Schmerzen geplagte, betrunkene, von zuviel Alkohol und Drogen aufgequollene und verlebte Mutter bleibt nachhaltig im Gedächtnis.
Auch die noch unbekannten jugendlichen Darsteller, die teilweise aus einschlägigen Filmen und Gastauftritten in TV-Serien bekannt sind, überzeugen: Marc Senter als Ray Pye, Shay Astar als Jennifer Fitch, Alex Frost als Tim Bess, Megan Henning als Sally Richmond und Robin Sydney als Katherine Wallace.
„Jack Ketchum’s The Lost“ ist eine gelungene Romanverfilmung und ein präzises Porträt einer Gruppe Jugendlicher und wie ein Verbrechen ihr Leben beeinflusst. Es ist allerdings auch kein angenehmer Film. Gerade wegen des Mangels an potentiellen Sympathieträgern und seinen präzisen Beobachtungen ist es kein Film für einen entspannt-vergnügten Samstagabend. Denn entgegen dem Hollywood-Trend heischt Sivertson in seiner Independent-Produktion nicht um falsche Sympathie für seine Charaktere. Diese Haltung erinnert an Larry Clarks illusionslosem Blick auf die New Yorker Jugendlichen im New York der Neunziger in seinem semidokumentarischen Debüt „Kids“.
Sivertson, der mit „Jack Ketchum’s The Lost“ sein Debüt als alleiniger Regisseur gab und später den Razzie-Liebling „I know who killed me“ (Ich weiß, wer mich getötet hat) drehte, ist hier ein erstaunlich souveräner Regisseur. Schon seine präzise Einführung des Psychopathen Ray Pye als letztendlich und trotz aller Coolness ziemlich armen Wicht verrät alles wirklich Wissenswerte über ihn. Der Film beginnt mit dem Textinsert „Es war einmal ein Junge namens Ray Pye, der steckte zerdrückte Bierdosen in seine Stiefel um größer zu sein.“ Erst danach sehen wir von hinten den zu einem im Wald liegenden Klo stacksenden Pye und seine verklemmt-witzige Reaktion, als er das nackte Mädchen, das er später umbringen wird, sieht. Dazu ertönt „The Pied Piper“, gesungen von Crispian St. Peters und wir wissen, dass wir mehr über diesen Typen im ärmellosen, schwarzen T-Shirt erfahren wollen.
Die Charaktere, ihre Beziehungen und die sich zwischen ihnen entwickelnde Dynamik stehen in „Jack Ketchum’s The Lost“ eindeutig im Mittelpunkt. Denn trotz der FSK-18-Freigabe, die aufgrund des durchweg pessimistisch-nihilistischen Tonfalls in Ordnung geht, ist bis auf den Doppelmord an den Teenagern am Anfang und Ray Pyes Amoklauf am Ende des Films wenig körperliche Gewalt zu sehen.
Die DVD
Das Bonusmaterial ist sehr überschaubar, weil der interessanteste Teil der Verleihfassung, der Audiokommentar, nicht übernommen wurde. Der Grund dafür ist ganz einfach: Für die Kaufversion musste New KSM die Schere ansetzen. Dabei wurde, wie der Schnittbericht zeigt, das Ende um über zwei Minuten gekürzt.
Ich halte das für eine Unverschämtheit.
Nicht dass New KSM die Schere ansetzte. Das ist aus ökonomischen Gründen nachvollziehbar. Sondern dass wegen der FSK Erwachsene einen Film nur verstümmelt sehen dürfen. Denn wenn ich mir das Originalende ansehe, muss ich sagen, dass ich in anderen Filmen, wie „Saw“, schon schlimmeres gesehen habe und hier die Gewalt die konsequente und aus der Geschichte begründete Eruption einer lange aufgestauten Wut von Pye und Schilling ist. Das ist schmerzhaft anzusehen, aber Erwachsene sollten so etwas sehen dürfen.
Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005)
Regie: Chris Sivertson
Drehbuch: Chris Sivertson
Mit Marc Senter, Shay Astar, Alex Frost, Megan Henning, Robin Sydney, Dee Wallace-Stone, Michael Bowen, Ed Lauter, Erin Brown
„Cracker“, bei uns auch bekannt unter dem etwas dämlich-harmlosen Titel „Für alle Fälle Fitz“, ist einer der seltenen Glücksfälle der TV-Geschichte, die in England allerdings häufiger vorkommen als in Deutschland. Denn Anfang der neunziger Jahre gab ein Sender das Okay für eine damals bahnbrechende Serie, die auch heute – wie die jüngst erschienene „Für alle Fälle Fitz“-Komplettbox zeigt – nichts von ihrer Faszination verloren hat. Bereits in den ersten Minuten, wenn Robbie Coltrane als Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald verspätet (er musste noch die Rennergebnisse erfahren) eine improvisierte Vorlesung an der Uni hält, wird ein einmaliger Charakter präsentiert. Er brüllt die Namen der großen abendländischen Denker und schleudert deren Werke in den Hörsaal. Danach fordert er die verblüfften Studierenden zum selber Denken auf und verlässt den Saal.
Entweder schaltet man danach ab, oder man will mehr über diesen Charakter erfahren, dessen Privatleben ein einziges Chaos ist. Er ist ein Trinker, Spieler und Choleriker. Seine Ehe ist in den ersten „Cracker“-Folgen schon in – höflich formuliert – ernsten Schwierigkeiten und es wird noch schlimmer. Aber er ist auch ein ausgezeichneter Psychologe, der gnadenlos in den Wunden seiner Gegner herumbohrt.
Diese Verhöre, in denen Fitz eine unangenehme Wahrheit nach der nächsten ausposaunt, sind für die mit ihm im Raum Anwesenden die reinste Folter. Denn Fitz nimmt nicht nur den Verdächtigen gnadenlos in die Zange, sondern er benutzt auch die anwesenden Polizisten, indem er intime Details (meistens wahr, selten erfunden) über sie ausplaudert. Der Originaltitel „Cracker“ sagt alles über diese Verhöre, die dank der guten Dialoge von Jimmy McGovern (der Fitz erfand und die meisten Drehbücher schrieb) und den guten Schauspielern zu den Höhepunkten jeder Folgen gehören.
„„I smoke too much.“
Die erste Folge „Mord ohne Erinnerung“ etabliert das Polizeiteam und Fitz mit seinem chaotischen Privatleben. Der Fall ist noch ein Whodunit. In einem Zugabteil wird eine seiner Studentinnen bestialisch erstochen. Als in der Nähe der Bahngleise ein blutbesudelter Mann gefunden wird, der behauptet sein Gedächtnis verloren zu haben, beginnt Fitz ihn zu bearbeiten. Denn offensichtlich ist er der Täter und er simuliert seinen Gedächtnisverlust. In den späteren Folgen ist der Täter dann fast immer von Anfang an bekannt. Es werden die Irrwege der Polizei und die Verhöre von Fitz, in denen er sich an die Wahrheit herantastet, gezeigt. Außerdem wird die Dynamik innerhalb der ermittelnden Polizisten zunehmend wichtiger. Bereits in der zweiten Folge wird einer ihrer Kollegen ermordet.
Den ersten Höhepunkt erreichte der schonungslose Umgang mit den Darstellern in „Kalte Rache“. In dieser Folge beginnt der Arbeiter Albie Kinsella (Robert Carlyle), nach der Beerdigung seines Vaters, als ein pakistanischer Kaufmann auf die sofortige Zahlung des korrekten Preises besteht (letztendlich geht es um vier Shilling), mit einem Rachefeldzug. Er will sich nicht mehr wie Dreck behandeln lassen. Er ersticht den Pakistani.
Sein drittes Opfer ist DCI David Bilborough (Christopher Eccleston), der Teamleiter. In dem „Making of“ erzählt Jimmy McGovern wie es zu diesem Mord an einem der Hauptdarsteller kam. Eccleston fühlte sich nach den ersten drei Folgen als Schauspieler unterfordert. Deshalb wollte er aussteigen. McGovern erzählte ihm dann von dieser minutenlangen Szene: Er verfolgt den Mörder durch mehrere enge Gassen in dessen Wohnung, dort wird er von ihm erstochen und kriecht dann schwer verletzt durch einen scheinbar endlosen Flur auf eine menschenleere Gasse. Dabei berichtet er seinen Kollegen über sein Funkgerät, was er in den vergangenen Minuten über den Täter erfahren hat.
Eccleston kehrte zurück. Und, weil kein Zuschauer vorher wusste, dass Bilborough die Folge nicht überleben wird, waren sie ähnlich schockiert wie Fitz und seine Arbeitskollegen DS Jane ‚Panhandle‘ Penhaligon (Geraldine Somerville) und DS Jimmy Beck (Lorcan Cranitch). Denn, so das eherne Gesetz von TV-Serien, ein Hauptdarsteller stirbt nicht. Jedenfalls nicht so.Und nicht mitten in einer Folge.
In den nächsten Folgen rückten die Konflikte innerhalb des Teams immer mehr in den Mittelpunkt. Beck fühlte sich für den Tod von Bilborough verantwortlich. Er versucht mit seiner Schuld klarzukommen und wird zunehmend zu einem Problem. Penhaligon versucht ihre Beziehung zu Fitz auf die Reihe zu bekommen. Denn nachdem Judith Fitzgerald in der ersten Folge ihren Ehemann verließ, hatte sie Sex mit ihm. In „Männerphantasien“ wird sie während der Jagd nach einem Serienvergewaltiger selbst vergewaltigt. Sie glaubt, dass ihr Kollege Beck der Täter ist.
Bei diesen Spannungen innerhalb des Teams verläuft in „Kalte Rache“ der Übergang von Bilborough zu seinem Nachfolger DCI Charlie Wise (Ricky Tomlinson) reibungslos. In den späteren Folgen wird allerdings deutlich, dass Wise als Chef bei schwierigen Fällen überfordert ist.
„I drink too much.“
Auch in den Mordfällen stehen die zwischenmenschliche Dynamik, die Sehnsüchte, Ängste und seelischen Defekte der einzelnen Charaktere im Mittelpunkt. Die große Politik wird von Jimmy McGovern (und später Paul Abbott) nur selten, Organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität nie aufgegriffen. Denn dafür ist der Psychologe Fitz nicht zuständig. In „Mörderische Liebe“ beginnt ein junges Liebespaar eine Mordserie. Sie fühlt sich von der Gesellschaft ausgestoßen. Er ist ein Stotterer. In „Tod eines Knaben“ wird ein Lehrer verdächtigt, einen seiner Schüler umgebracht zu haben. Das Ende der Folge, wenn der Lehrer Fitz alles gesteht, ist schockierend.
In „Teuflische Verführung“ hat eine Teenagerin ein Liebesverhältnis mit dem von ihr bewunderten religiösen Vorsteher einer christlichen Sekte. Als sie der Öffentlichkeit sagen will, dass sie schwanger ist, beschließen die Gemeindoberen das Problem auf nicht gerade christliche Weise zu lösen. Diese Folge über religiösen Wahn (bei ihr) und Bigotterie (bei ihm) gehört zu den schwächeren Folgen.
In „Männerphantasien“ wird ein Serienvergewaltiger gesucht. In „Bruderliebe“ wird eine Prostituierte brutal ermordet. Ein Tatverdächtiger ist schnell gefunden. Aber während er inhaftiert ist, geschieht ein weiterer Mord. Fitz verdächtigt den Bruder des Tatverdächtigen: einen geachteten katholischen Priester. Die Gespräche zwischen den beiden über Schuld, Sühne und Verpflichtungen sind grandios. Es sind elaborierte Katz-und-Maus-Spiele, in denen jeder den anderen zu ungewollten Geständnissen bewegen will.
In „Racheengel“ steht die Liebe zwischen einem etwa Dreißigjährigen zu einem unbeherrschten Heim-Jugendlichen im Mittelpunkt. Ein gemeinsam verbrachter Abend in der Wohnung des Älteren führt zum Tod der Vermieterin.
Auch in „Liebesfalle“ geht es um Liebe. Dieses Mal ist eine Studentin in Fitz verliebt. Sie schreibt ihm verklausulierte Liebesbriefe, begeht Morde und dringt in das Leben von Fitz ein.
Die ersten neun Fälle wurden in England als jeweils etwa fünfzigminütige Zwei- und Dreiteiler ausgestrahlt. Dabei sind die hundertminütigen Fälle immer etwas zu kurz. 150 Minuten ist dagegen die ideale Länge für einen „Cracker“-Fall. Jimmy McGovern erzählt im „Making of“, dass er jedes seiner Drehbücher kürzen musste.
„Für alle Fälle Fitz“ erhielt zahlreiche Preise. Robbie Coltrane erhielt an drei aufeinander folgenden Jahren den BAFTA Award als bester Darsteller. Die Serie erhielt zweimal den BAFTA Award als beste Serie des Jahres. Im dritten Jahr wurde sie „nur“ nominiert. Die Drehbücher zu „Mörderische Liebe“ und „Bruderliebe“ von Jimmy McGovern erhielten einen Edgar.
„I gamble too much.“
Nach neun Fällen war dann Schluss. Fitz war, zum dritten Mal, glücklicher Vater. Judith lebte wieder bei ihm. Das Ermittlerteam aus „Mord ohne Erinnerung“ existierte nicht mehr. 1996 und 2006 folgten zwei weitere spielfilmlange, Edgar-nominierte Episoden.
In „Weiße Teufel“ bittet ihn die Polizei von Hongkong um Hilfe. Ein chinesischer Unternehmer wurde ermordet. In dieser Folge tritt, von der Stammbesetzung, nur DCI Wise auf. Die Hongkong-Polizistin Janet Lee Cheung nimmt die Rolle von DS Penhaligon ein und Fitz knackt einen weiteren Mörder. „Weiße Teufel“ ist dabei, in unbekanntem Gelände, ein wenig Dienst nach Vorschrift.
In „Nine Eleven“ kehrt Fitz zur Hochzeit seiner Tochter für einige Tage nach Manchester zurück. Schnell wird er in einen Mordfall (der für ihn auch die willkommene Gelegenheit ist, sich vor familiären Verpflichtungen zu drücken) verwickelt. Ein junger Amerikaner wurde nach einer Anti-Bush-Stand-up-Comedy ermordet. Kurz darauf wird ein zweiter US-Amerikaner ermordet.
„Nine Eleven“ verbindet durchaus gelungen den Antiterrorkrieg der USA mit dem Nordirlandkonflikt. Der Mörder Kenny Archer diente als Soldat in Nordirland. Er leidet immer noch an den seelischen Folgen seines Einsatzes, der inzwischen in der Öffentlichkeit nur noch als vernachlässigbares Scharmützel gesehen wird.
Im direkten Vergleich zu den ersten„Cracker“-Episoden sind „Weiße Teufel“ und „Nine Eleven“ ein insgesamt schwacher Nachschlag. Die Fälle sind auf dem Niveau der vorherigen Fälle. Aber in beiden Filmen fehlt die sich über mehrere Episoden entwickelnde Dynamik innerhalb des Teams. In „Weiße Teufel“ und „Nine Eleven“ sind die Ermittler weitgehend austauschbare Charaktere, die in ihren besten Momenten an das alte Ermittlerteam erinnern.
„I am too much.“
Die schön gestaltete Komplettbox der Serie „Für alle Fälle Fitz“ bietet fast 24 Stunden spannende Unterhaltung und sollte in keiner DVD-Krimisammlung fehlen. Denn im Fernsehen werden die einzelnen Folgen kaum gezeigt. Bei der letzten Ausstrahlung kürzte das ZDF die beiden gezeigten Folgen „Mord ohne Erinnerung“ und „Tod eines Knaben“ einfach um über zehn Minuten. Das Bonusmaterial ist kärglich, aber die britische Ausgabe hat noch weniger. Das „Making of“ anlässlich des Drehs von „Nine Eleven“ ist informativ. Der ZDF-Beitrag über die Synchronisation nett.
Für uns Jüngere ist es unvorstellbar. Aber im Januar 1962 stand an sechs Abenden das gesellschaftliche Leben still, weil im Fernsehen eine Kriminalserie lief, die sich nur um die Frage drehte, wer das Fotomodell Fay Collins mit einem Halstuch erwürgte. Nach der Tatwaffe hieß die dritte Francis-Durbridge-Verfilmung dann auch „Das Halstuch“ und, wie die beiden vorherigen Durbridge-Verfilmungen „Der Andere“ und „Es ist soweit“, spielten die Deutschen einfach ein bereits im britischen Fernsehen ausgestrahltes Programm nach. Doch während in England die Durbridge-Verfilmungen nur beliebt waren, wurden sie hier zu Straßenfegern. Die letzte Folge von „Das Halstuch“ hatte eine Sehbeteilung von neunzig Prozent. Davon kann die deutsche Mannschaft sogar beim Spiel um den dritten WM-Platz nur träumen.
Im Gegensatz zu seinem legendären Ruf ist „Das Halstuch“ allerdings sehr schlecht gealtert. Denn es ist, wie „Der Andere“, ein abgefilmtes Theaterstück und die wenigen Außenaufnahmen könnten überall gedreht worden sein. Die Bildqualität ist, wahrscheinlich aufgrund einer falschen Lagerung, trotz der Restaurierung bescheiden und hat eher den Standard eines Stummfilms oder frühen Tonfilms. Die Story ist Durbridge-typisch mit einem Cliffhanger am Ende jeder Folge, vielen Verdächtigen, auf eine altmodische Art spannend (wenig Thrill, eher entspannend und nett anzusehen) und letztendlich nicht sehr logisch.
Sehr interessant ist die auf der DVD verewigte Abendschau-Diskussion über „Das Halstuch“. Nach der Ausstrahlung wurden zwei Morde mit einem Halstuch begangen. Die Deutsche Kriminologische Gesellschaft wandte sich gegen die Ausstrahlung von solchen Krimis und Dr. Gustav Nass, Vizepräsident der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft, nahm an der Diskussion teil. Dort wurden Argumente ausgetauscht, die heute bei Diskussionen über den schädlichen Einfluss von Computerspielen vorgetragen werden. Außerdem konnten Zuschauer direkt in der Sendung anrufen und die Diskutanten mehrmals mitten im Satz unterbrechen werden. Heute unvorstellbar.
Nach „Das Halstuch“, in dem die Morde niemals gezeigt wurden (jeder Edgar-Wallace-Film ist expliziter; amerikanische Serien sowieso), kamen die TV-Verantwortlichen mit den beiden nächsten Durbridge-Filmen „Tim Frazer“ und „Tim Frazer: Der Fall Salinger“ den Sittenwächtern entgegen.
Erst in der sechsten Durbridge-Verfilmung „Die Schlüssel“ gab es wieder mehrere Morde (natürlich nicht vor laufender Kamera) und mit Benno Hoffmann auch einen vierschrötigen Ganoven unter gesitteten Gentlemen. Weil sich inzwischen die Sehgewohnheiten geändert hatten, wurde „Die Schlüssel“ nicht mehr als Sechs-, sondern als Dreiteiler ausgestrahlt. An der kammerspielartigen Inszenierung änderte sich dagegen nichts. Aber immerhin wurde die Erzählung von Norman Stansdale über die Entstehung einer für die Geschichte wichtigen Fotografie mit einer Rückblende illustriert.
In dem Dreiteiler erschießt der Ex-Soldat Philip Martin sich nach seinem Wehrdienst in einem Hotelzimmer. In den Tagen vor seinem Tod soll er pausenlos in einem Gedichtband gelesen haben. Philips Bruder Eric Martin glaubt nicht an den Selbstmord. Er will herausfinden, warum Philip ermordet wurde. Dabei hat er zuerst nur drei Spuren: den Gedichtband, einen Schlüssel, den jeder haben will, und ein Porträtbild von einem angeblich in Deutschland verstorbenen Kameraden mit seiner Frau.
Wie auch die vorherigen Durbridge-Verfilmungen bietet „Die Schlüssel“ ein Wiedersehen mit vielen altbekannten Stars und Albert Lieven darf in einem Durbridge endlich einmal auf der Seite der Guten mitspielen. Das extra für die DVD produzierte vierzigminütige Interview mit Reinhard Glemnitz bietet einen hübschen Rückblick auf die damalige Zeit, seine Rolle als Stammschauspieler in der von Herbert Reinecker erfundenen Krimiserie „Der Kommissar“ (1969 – 1976) und seine Arbeit als Synchronsprecher.
Straßenfeger 02: Das Halstuch/Die Schlüssel
Studio Hamburg
Sprache/Ton: Deutsch (2.0 Mono)
Bild: 4:3, SW
Bonusmaterial: Kurzdokumentation Straßenfeger – Das Phänomen, Abendschau-Diskussion „Das Halstuch“
TV Juwelen – Die Straßenfeger im neuen Glanz, Interview mit Darsteller Reinhard Glemnitz
Freigegeben ab 12 Jahre
–
Enthält
Das Halstuch (Deutschland 1961, 224 Minuten)
Regie: Hans Quest
Drehbuch: Francis Durbridge (Übersetzung: Marianne de Barde)
Mit Heinz Drache, Albert Lieven, Margot Trooger, Dieter Borsche, Horst Tappert, Hellmut Lange, Eva Pflug
–
Die Schlüssel (Deutschland 1964, 234 Minuten)
Regie: Paul May
Drehbuch: Francis Durbridge (Übersetzung: Marianne de Barde)
Mit Harald Leipnitz, Albert Lieven, Peter Thom, Hans Quest, Dagmar Altrichter, Benno Hoffmann, Reinhard Glemnitz
Als vor zwei Jahren die letzte offizielle Francis-Durbridge-Verfilmung „Die Kette“ auf DVD erschien, schrieb ich, es sei nur eine Frage der Zeit, bis alle Durbridge-Verfilmungen der ARD, die vor allem in den Sechzigern „Straßenfeger“ waren, auf DVD veröffentlicht würden.
Jetzt ist es soweit. Mit „Der Andere“, „Es ist soweit“, „Das Halstuch“ und „Die Schlüssel“ liegen in der dafür eigens von ARD-Video/Studio Hamburg initiierten zehnteiligen Straßenfeger-Reihe die ersten vier Durbridge-Verfilmungen vor. Die restlichen sechs Durbridge-Verfilmungen, „Percy Stuart“, „Butler Parker“ „Es muss nicht immer Kaviar sein“ und die Wilkie-Collins-Verfilmungen „Die Frau in Weiß“ und „Der rote Schal“ werden bis Mitte Febuar veröffentlicht.
Als erstes fällt bei den DVDs auf, wie kurz die damaligen Straßenfeger waren. „Der Andere“ und „Es ist soweit“ wurden jeweils als Sechsteiler ausgestrahlt und jede Folge dauerte keine vierzig Minuten. Als zweites fällt auf, dass im Gegensatz zu fast allen DVD-Veröffentlichungen von deutschen TV-Serien, die Filme nicht einfach auf die DVDs geklatscht wurden. Die Filme wurden restauriert. Bei dem fast fünfzig Jahre altem Mehrteiler „Der Andere“ ist die Bildqualität trotzdem immer noch historisch. Bei dem ein Jahr später ausgestrahlten „Es ist soweit“ ist sie deutlich besser. Und es gibt extra für die DVD-Ausgabe produziertes Bonusmaterial! „Der Andere“ enthält ein gut einstündiges Interview mit Siegurd Fitzek. „Es ist soweit“ ein gut fünfundvierzigminütiges Interview mit Eva-Ingeborg Scholz und ein Featurette über die Restaurierung. Außerdem wurden noch einige Trailer für andere Straßenfeger und TV-Krimioldies draufgepackt; – diese Art der Werbung ist bei deutschen Serien- und Film-DVDs immer noch so selten, dass sie extra erwähnt werden muss.
Die erste deutsche Verfilmung eines Buches von Francis Durbridge war 1959 „Der Andere“. Es ist die deutsche Version eines drei Jahre vorher inszenierten britischen Fernsehspiels und, wie wahrscheinlich auch das Original, ist es ein bebildertes Hörspiel. Denn niemals wird sich um eine Visualisierung bemüht. Die meiste Zeit stehen oder sitzen die Schauspieler, wie in einem Theaterstück, in geschlossenen Räumen und reden. Auch wenn der eine dem anderen ein Buch mit einer Inschrift zeigt, dann liest der andere die Inschrift vor. Kamerabewegungen gibt es kaum. Schnitte innerhalb einer Szene sind ebenfalls eine Seltenheit. So können die Schauspieler oft mehrere Minuten lang durchspielen.
Die Außenaufnahmen des gesamten Mehrteilers können locker an einer Hand abgezählt werden.
Die Story beginnt mit dem Tod des italienischen Tauchers und Wissenschaftlers Paolo Rocello. Er wurde auf dem Hausboot des spurlos verschwundenen James Cooper gefunden. Der erste Verdacht des ermittelnden Detective Inspektor Mike Ford fällt auf den ehrbaren Internatslehrer David Henderson. Immerhin wurde er ungefähr zur Tatzeit von Katherine Walters auf dem Boot beobachtet. Wir Zuschauer wissen allerdings, dass Henderson als er von Walters beobachtet wurde, nicht Rocello umbrachte, sondernseine Armbanduhr mit der des Opfers austauschte.
Und damit sind bereits nach wenigen Minuten die zwei großen Fragen für die restlichen gut zweihundert Minuten etabliert: Wer ist der Mörder? Und warum tauscht Henderson die Uhr aus?
„Es ist soweit“, ein Jahr später ausgestrahlt, markiert einen wahren Quantensprung. Während für „Der Andere“ anscheinend überhaupt nicht in England gedreht wurde, wurde jetzt gleich drei Wochen in England gedreht. Innerhalb von Szenen wird wesentlich öfter geschnitten – meist wird traditionell mit Schuss und Gegenschuss gearbeitet. Die Kamera bewegt sich, verfolgt einzelne Schauspieler und die Schauspieler mussten nicht mehr erklären, dass in einem Schulheft Worte stehen. Jetzt werden uns die Worte gezeigt. Kurz: es wird alles das gemacht, was auch schon damals seit langem zu einem Spielfilm gehörte.
Die von Francis Durbridge erfundene Geschichte ist noch einen Tick absurder als in „Der Andere“. Die zehnjährige Tochter des Wissenschaftlers Clive Freeman verschwindet. Die Polizei findet keine Spur. Die Entführer melden sich nicht. Das ist, gleich in der ersten Folge, ein typisches Durbridge-Rätsel. Denn während der restlichen fünf Folgen wird die Frage nach dem Motiv der Entführer (Geld ist es nicht) nicht beantwortet.
Ziemlich schnell beginnen Clive Freeman und seine Frau Lucy, die sich am Anfang scheiden lassen wollten, oft ohne die Hilfe der Polizei ihre Tochter zu suchen. Die erste Spur führt sie, dank einer sehr assoziativen Deduktion aufgrund einiger Worte in einem Schulheft, in das Fotoatelier von Pelford. Und irgendwann, wie in „Der Andere“ mischt sich der Geheimdienst in die Angelegenheit ein.
Die ersten beiden Durbridge-Verfilmungen der Straßenfeger-Edition sind mit ihrem langsamen Erzähltempo auch heute noch ansehbar. Denn die Geschichte bewegt sich immer voran. Durbridge sorgt für genug Verwirrung, um einem weiterrätseln zu lassen, ohne dass man den Überblick verliert und die Namensnennugen allzu penetrant ausfallen. Und jede Folge endet mit einem Cliffhanger.
Allerdings wird ein großer Teil der Spannung dadurch gewonnen, dass am Anfang von „Der Andere“ der Internatslehrer David Henderson und am Anfang von „Es ist soweit“ die Entführer sich irrational verhalten (Haben Sie schon einmal Entführer gesehen, die ein Kind wochenlang versteckt halten und keine Forderung an die Eltern richten, in der Hoffnung sie so weichzukochen?) und so dem Zuschauer ein Rätsel aufgeben, das erst nach sechs Folgen gelöst wird. Außerdem agieren die einzelnen Charaktere oft psychologisch unplausibel. Manchmal, weil sie ein doppeltes Spiel spielen. Manchmal, weil Durbridge so den Verdacht in eine falsche Richtung lenken will. Dabei entwickeln sich die Geschichten in „Der Andere“ und „Es ist soweit“ nicht aus den einzelnen Charakteren heraus, sondern aus einem Spiel mit Überraschungen und Tricks. Insofern ist Francis Durbridge weniger ein Magier als ein Bluffer.
Aber in der beschaulichen Welt des britischen Cozy (Alle Menschen bei Durbridge benehmen sich immer furchtbar gesittet und höflich.) ist er ein unterhaltsamer Bluffer, der in Deutschland, wie Edgar Wallace, bekannter als in seiner Heimat ist.
Straßenfeger 01: Der Andere/Es ist soweit
Studio Hamburg
Sprache/Ton: Deutsch (2.0 Mono)
Bild: 4:3, SW
Bonusmaterial: Kurzdokumentation Straßenfeger – Das Phänomen, Interview mit Darsteller Siegurd Fitzek,
TV Juwelen – Die Straßenfeger im neuen Glanz, Interview mit Hauptdarstellerin Eva-Ingeborg Scholz
Freigegeben ab 12 Jahre
–
Enthält
Der Andere (Deutschland 1959, 200 Minuten)
Regie: Joachim Hoene
Drehbuch: Francis Durbridge (Übersetzung: Marianne de Barde)
Mit Albert Lieven, Wolf Frees, Heinz Klingenberg, Helmuth Rudolph, Ingeborg Körner, Sigurd Fitzek, Werner Schumacher
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Es ist soweit (Deutschland 1960, 236 Minuten)
Regie: Hans Quest
Drehbuch: Francis Durbridge (Übersetzung: Marianne de Barde)
Mit Jürgen Goslar, Eva-Ingeborg Scholz, Gaby Jaeger, Peter Pasetti, Siegfried Lowitz, Annemarie Holtz, Benno Sterzenbach, Karl Lieffen, Wolf Petersen
In den Sechzigern gehörte die „Alfred Hitchcock Hour“ nach „Alfred Hitchcock presents“ zu den langlebigen und beliebten Programmen des US-amerikanischen Fernsehens. Hitchcock selbst gab seinen Namen und sprach die Zwischentexte. Seine Popularität erreichte ungeahnte Ausmaße. In Deutschland zeigte das Erste nur zwölf von dreiundneunzig Folgen, die jetzt, zusammen mit dem ersten Teil der DVD-Kollektion „Alfred Hitchcock zeigt“, alle auf DVD veröffentlicht sind. Außerdem sind im zweiten Teil der DVD-Ausgabe von „Alfred Hitchcock zeigt“ wieder mehrere bis heute in Deutschland noch nie gezeigte, verdammt gute Episoden enthalten. Ergänzt werden die zehn, jeweils knapp einstündigen Episoden, wie schon im ersten Teil von „Alfred Hitchcock zeigt“, durch die deutschen Originalvorspänne und ein 48-seitiges informatives Booklet, das allerdings erst nach dem Genuss der Filme gelesen werden sollte, weil manchmal die Schlusspointe verraten wird. Und diese ist fast immer sehr gelungen.
Manchmal, wie in „Murder Case“ (Alte Liebe rostet nicht), ist sie heute nicht mehr so überraschend. Gena Rowlands und John Cassavetes spielen ein Liebespaar. Cassavetes will den Ehemann von Rowlands umbringen. Dass sein perfekter Mordplan schief geht, ist keine Überraschung. Das wie schon – wenn Sie lange keinen Krimi mehr gesehen haben. Aber dafür entschädigen natürlich die Schauspieler und die ökonomisch erzählte Geschichte. Immerhin stammt das Drehbuch von James Bridges, einem Stammautor der „Alfred Hitchcock Hour“, und dem damals jungen Team William Link/Richard Levinson, die vor allem als Erfinder von „Columbo“, „Mannix“ und „Murder, She Wrote“ (Immer wenn Sie Krimi schrieb…, Mord ist ihr Hobby) bekannt sind.
„Night Caller“ (Der letzte Anruf), „Ten Minutes from now“, „Body in the Barn“ (Wer andern eine Grube gräbt), „An unlocked Window“, „The Trap“ (Die Falle), „Power of Attorney“ (Generalvollmacht) und „Off Season“ sind spannende Kriminalfilme. „The Sign of Satan“ und „The Life Work of Juan Diaz“ gehen dagegen in Richtung Horrorfilm. Und „Sign of Satan“ ist mit Christopher Lee, bei seinem ersten Hollywood-Ausflug, auch grandios besetzt. Er spielt den österreichischen Schauspieler Karl Jorda, der in einem nur in elitären Kreisen gezeigtem Horrorfilm als Führer eines satanischen Kultes einen Hollywood-Produzenten überzeugte, der ihn für eine ähnliche Rolle engagiert. Jorda nimmt an. Aber am Filmset verhält er sich seltsam. Außerdem behauptet er, dass er von den Satansjüngern verfolgt werde. Die Originalfassung ist für uns Deutsche wegen der vielen deutschsprachigen Dialogpassagen ein Genuss.
„The Life Work of Juan Diaz“ ist eine längliche Episode um den Mexikaner Juan Diaz, der für seine Familie sorgen möchte, sich ein Grab auf dem Friedhof kauft und nach seinem Tod von dem Totengräber um seine Ruhestätte betrogen wird. Seine Frau und sein Sohn wollen sich das nicht gefallen lassen. Außer zwei spannenden Szenen in einer unterirdischen Halle auf dem Friedhof, in der die mumifizierten Leichen an den Wänden aufgebahrt sind, und einen als trunksüchtigen Totengräber lustvoll aufspielenden Frank Silvera, hat diese Folge wenig zu bieten.
Krimifans werden deshalb zu Recht diese beiden Episoden, trotz der bekannten Ideengeber, ignorieren und sich auf die restlichen Episoden freuen. „Night Caller“ (Der letzte Anruf) erzählt von dem jungen Roy Bullock, der einer schönen, mannstollen Ehefrau nachstellt. Sie erwischt ihn zuerst, als er sie heimlich im Garten beobachtet. Als sie später von anonymen Anrufen verängstigt wird und Bullock sich immer mehr in das Leben ihrer Familie einschleicht, wird eine tödliche Dynamik in Gang gesetzt. Denn Bullock ist viel zu höflich und verständnisvoll, um keine Hintergedanken zu haben.
Bruce Dern liefert mit diesem Peeping-Tom-Charakter (so wird er im Film immer wieder genannt, heute würde man ihn Stalker nennen) eine frühe Glanzleistung seines Könnens ab.
In „Ten Minutes from Now“ treibt der Künstler James Bellington (Donnelly Rhodes [unter anderem die neue „Kampfstern Galactica“-Serie]) eine Kleinstadt in den Wahnsinn. Denn nachdem ein Unbekannter mehrere Anschläge auf ein Museum androhte, spaziert er mit einem Karton in das Museum. Selbstverständlich glaubt die Polizei, dass Bellington der Unbekannte ist und in dem Karton eine Bombe ist. Und ebenso selbstverständlich ist keine drin. Aber jetzt ist Bellington für die Polizei der Hauptverdächtige und ein Psychiater analysiert während eines Besuchs in Bellingtons Atelier, dass der Maler äußert gefährlich ist und demnächst wahrscheinlich jemand umbringen werde. Kurz darauf spaziert Bellington wieder in das Museum.
„Body in the Barn“ (Wer andern eine Grube gräbt) ist auf den ersten Blick eine auf dem Land spielende „Fenster zum Hof“-Variante. Die alte Bessie Canby ist eine Mischung aus charmanter, neugieriger alter Dame und Giftzwerg. Als der gutmütige Ehemann ihrer herrsüchtigen Nachbarin spurlos verschwindet, hat Bessie Canby nur noch ein Ziel: die Nachbarin für den Mord hinter Gitter zu bringen.
Auf den zweiten Blick ist „Body in the Barn“ (Wer anderen eine Grube gräbt) eine Sternstunde für die Hauptdarstellerin Lilian Gish. Sie begann ihre Filmkarriere in Stummfilmen, spielte in den D.-W.-Griffith-Klassikern „Geburt einer Nation“ und „Intolerance“ und den Tonfilmen „Duell in der Sonne“, „Die Nacht des Jägers“, „Die Stunde der Komödianten“, „Eine Hochzeit“ und „Wale im August“, ihrem letzten Film 1987, mit und starb 1993 fast hundertjährig. Inszeniert wurde die Folge von Joseph Newman, der auch den S-F-Klassiker „Metaluna IV antwortet nicht“ drehte.
Newman inszenierte auch den Schocker „An unlocked Window“. In ihm sind während einer Gewitternacht zwei Krankenschwestern, eine trunksüchtige Haushälterin und ein krank an sein Bett gefesselter Hausherr in einem abgelegenen Haus eingeschlossen. Draußen geht ein Serienkiller um, der Krankenschwestern umbringt. Dana Wynter (Die Invasion der Körperfresser/Die Dämonischen, Airport) und Louise Latham (Marnie, Sugarland Express) sind die bekannten Damen in Lebensgefahr und das einsam auf einem Hügel stehende Haus kennen Filmfans aus „Psycho“.
„The Trap“ (Die Falle) erzählt, wie schon „Murder Case“, die altbekannte Geschichte von einem älteren Mann (Robert Strauss), seiner jungen Frau (Anne Francis) und dem jungen Nebenbuhler (Donnelly Rhodes). Denn irgendwann verlieben sich die beiden jüngeren ineinander und der Alte soll sterben. Dass dabei die Witwe auch das Vermögen erbt, erhöht nur die kriminelle Energie.
Hier trifft der Titel in mehr als einer Beziehung zu und Robert Strauss als kindisch aufgedrehter Spielehersteller mit einem Sinn für derb-platten Humor überzeugt restlos.
„Power of Attorney“ (Generalvollmacht) bietet wieder einmal einer älteren Schauspielerin die Gelegenheit zu einem großen Auftritt. Fay Bainter spielt eine ältere, vermögende, vertrauensselige Dame, auf die es ein Trickbetrüger abgesehen hat. Richard Johnson (Bis das Blut gefriert, Scoop – Der Knüller) spielt ihn mit dem öligen Charme eines Gebrauchtwagenverkäufers. Und Geraldine Fitzgerald (Die Wacht am Rhein) spielt die skeptische Hausdame, die irgendwann auch von dem Charme des Betrügers eingewickelt wird.
Fay Bainter war, eine Seltenheit in der Oscar-Geschichte, 1938 als beste Hauptdarstellerin und beste Nebendarstellerin für einen Oscar nominiert und erhielt ihn in der zweiten Kategorie für ihre Rolle in „Jezebel – die boshafte Lady“. Einen späten Erfolg hatte sie mit „Infam“. „Power of Attorney“ war ihre letzte Filmrolle.
„Off Season“ ist, nach einigen Dokumentationen, der erste fiktionale Film von WilliamFriedkin. Einige Jahre später inszenierte er „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“, „Der Exorzist“, „Atemlos vor Angst“, „Leben und sterben in L. A.“ und „Die Stunde des Jägers“.
In „Off Season“ erzählt er die Geschichte des hitzköpfigen Polizisten Johnny Kendall (John Gavin [Psycho, Spartacus]). Er erschießt nachts einen Obdachlosen und, um einer Entlassung zuvorzukommen, kündigt er den Dienst. Zusammen mit seiner Freundin zieht er in eine Kleinstadt. Kurz darauf arbeitet er wieder als Polizist und als Milt Woodman (Richard Jaeckel [Zähl bis drei und bete, Flammender Stern, Das dreckige Dutzend, Pat Garrett jagt Billy the Kid, Revolte in der Unterwelt, Unter Wasser stirbt man nicht, und die TV-Serien „Spenser“ und „Baywatch – Die Rettungsschwimmer von Malibu“]) mit seiner Freundin flirtet, brennen bei dem eifersüchtigem Kendall die Sicherungen durch.
„Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“ knüpft nahtlos mit zehn weiteren auch heute noch sehr ansehbaren Episoden an den ersten Teil an. Die meisten Geschichten können, abgesehen von einigen technischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, locker neben neuen Kriminalfilmen bestehen. Und technisch gibt es, für im Schnitt 45 Jahre alte TV-Folgen, nichts zu meckern.
„The best thing about Alfred Hitchcock presents is Alfred Hitchcock presenting“, schrieb die New York Tribune bereits 1955. Denn der Regisseur ließ sich für das von ihm zwischen 1955 und 1965 präsentierte Programm von James Allardice sarkastische Texte schreiben, die mal mehr, mal weniger mit der dann folgenden Kriminalgeschichte zu tun hatten und sich immer wieder über die Sponsoren (damals wurde eine Serie von einer Firma präsentiert) lustig machte. In Deutschland wurden diese Einleitungen, wie die jetzt veröffentlichte DVD-Box „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“ zeigt, fast immer durch vollkommen andere Texte ersetzt, immer gekürzt und einmal sogar vollkommen weggelassen. Auch die Episoden wurden für die Fernsehausstrahlung gekürzt. Denn auch damals gab es ein Sendeschema und US-amerikanische Serien wurden dafür mal mehr, mal weniger elegant zurechtgeschnitten.
In der schön gestalteten DVD-Box „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“ sind die ungeschnittenen Episoden (die damals nicht synchronisierten Teile sind untertitelt), die vollständigen Moderationen von Alfred Hitchcock, die deutsch synchronisierten Einleitungen von Hitchcock (die anderen Teile seiner Moderation wurden geschnitten; außerdem wurde teilweise ein falscher Vorspann benutzt) und ein informatives Beiheft enthalten.
Doch das ist nur die Verpackung für zehn, heute immer noch sehenswerte, Episoden der „Alfred Hitchcock Hour“. Drei der zehn in der DVD-Box enthaltenen Episoden sind Premieren. Es sind das Spielerdrama „Ein Stück vom Kuchen“ mit dem jungen Robert Redford, der als Pilotfilm geplante Thriller „Diagnose Gefahr“, inszeniert von Sidney Pollack, und die schwarzhumorige Geschichte „Die Leiche“ mit einer grandiosen Ruth McDevitt als nervige, ältliche Schnapsdrossel, die entgegen aller Hoffnungen des Publikums, überlebt. Während bei „Ein Stück vom Kuchen“ und „Diagnose Gefahr“ die Schlusspointe nicht besonders überraschend ist, ist „Die Leiche“ eine der typischen Hitchcock-Geschichten über einen Unschuldigen, der glaubt im Suff einen Mord begangen zu haben und jetzt die Leiche verschwinden lassen will.
Genauso stilistisch bunt wie die Premieren sind auch die bereits in Deutschland gezeigten Episoden. In „Der letzte Zeuge“, inszeniert vom Meister höchstselbst, verteidigt sich ein der Fahrerflucht angeklagter Schriftsteller vor Gericht. Die einzelnen Verhöre sind kleine Kabinettstückchen der Schauspielkunst. Denn die einzelnen Zeugen zeichnen innerhalb weniger Sekunden gegensätzliche Charaktere.
„Einer weiß mehr“ ist ein weiteres Gerichtsdrama. Doch dieses Mal sitzt der Mörder als Geschworener im Gerichtssaal. Der angesehen Kaufmann George Davis hat im Affekt ein stadtbekanntes Flittchen erwürgt. Angeklagt wurde ihr Freund und Davis, der, obwohl von Schuldgefühlen geplagt, seine Tat nicht gestehen möchte, wird als ehrbarer Bürger einer der zwölf Geschworenen. Von der Jurybank aus versucht Davis die Unschuld des Angeklagten zu beweisen – ohne selbst angeklagt zu werden.
„Der Mann von nebenan“ ist eine gelungene „Das Fenster zum Hof“-Variante. Eine gerade zugezogene, junge Witwe glaubt, dass ihr Kleinstadt-Nachbar seine Frau umgebracht hat. Denn seit Tagen verhält er sich merkwürdig. Der Sheriff (gespielt von dem in den USA populären Davy-Crockett- und Daniel-Boone-Darsteller Fess Parker) beginnt sich umzuhören, aber – wie der schöne Originaltitel verrät – „Nothing ever happens in Linvale“.
„Ein Mord, wie er im Buche steht“, mit James Mason und Angie Dickinson, erzählt von einem angekündigten Mord. Ein Unbekannter schickt einem Verleger Tonbänder, auf denen er von einem Mord, den er begehen will, erzählt. Als der Verleger herausfindet, dass der Unbekannte einer seiner Krimiautoren ist, fragt er sich, ob der Autor ihm die Wahrheit oder nur die Geschichte von seinem neuesten Roman erzählt.
„Die Rechnung ist fällig“, mit Gena Rowlands, ist eine einfache, aber sehr effektive Gangstergeschichte mit zahlreichen Thrillerelementen. Richard Matheson (zuletzt wurde sein Roman „I am legend“ wieder verfilmt) schrieb den Roman und das darauf basierende Drehbuch. Der glücklich verheiratete, biedere Chris Martin erhält einen Anruf. Jemand will ihn umbringen. Schnell erfährt Martins Frau, dass ihr Mann früher ein Gangster war, er seine Mitverbrecher betrogen hatte und sie sich jetzt rächen wollen. Es entspinnt sich ein tödliches Spiel. Denn Martin will sein jetziges Leben beschützen.
„Kobalt 60“ erzählt die klassische Gangstergeschichte von einem minutiös geplantenÜberfall, bei dem die Diebe mit ihrer Beute nicht froh werden. Denn zur Beute gehört neben dem Geld auch hochgefährliches Kobalt 60. Katherine Ross hat hier die Rolle der Geliebten des jungen Verbrechers – und entsprechend viel Raum wird den Liebesnöten der beiden jungen Erwachsenen gegeben. Doch natürlich kommt auch die Geschichte des Diebstahl und der anschließenden Konflikte innerhalb der Gruppe nicht zu kurz.
„Die Straße führt nach Dos Cucharos“ ist ein Thriller über eine minderjährige Britin, die mit ihren Eltern durch die USA fährt, vor einem Gasthof müde in das falsche Auto einsteigt und in Mexiko Zeugin eines Mordes wird. Die Verbrecher jagen sie. Ihre Eltern suchen sie und melden ihre Tochter bei der örtlichen Polizei als vermisst. Dummerweise gehört der Sheriff zur Schmugglerbande – und auch auf der mexikanischen Seite arbeitet die Polizei mit den Verbrechern zusammen. .
Die zehn in „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“ enthaltenen Episoden (insgesamt wurden 63 einstündige und 266 halbstündige Episoden gedreht) lassen die schnelle Pointe des vorher halbstündigen Formats „Alfred Hitchcock presents“ vermissen. Dafür wird den einzelnen Charakteren und der Milieuzeichnung mehr Raum gegeben. Die TV-Filme sind so, ungeachtet aller Beschränkungen des Formats (kurze Drehzeit, wenige Orte, wenige Schauspieler, keine Massenszenen, hauptsächlich Innendrehs oder auf dem Studiogelände), kleine Spielfilme. Damit sind sie das Zweitbeste an „Alfred Hitchcock zeigt“.
Koch Media will im zweiten Teil von „Alfred Hitchcock zeigt“ die restlichen in den Sechzigern in der ARD ausgestrahlten Episoden veröffentlichen. Neben den fünf Episoden sollen auch mehrere Deutschlandpremieren auf der DVD-Box enthalten sein.Dass danach auch ein dritter Teil mit bislang in Deutschland noch nicht gezeigten Episoden veröffentlicht wird, ist leider ziemlich unrealistisch.
„Schwarzer Engel“ war 1946 eines der zahlreichen B-Pictures in denen verdiente Nebendarsteller und aufstrebende Schauspieler wichtige Rollen übernahmen. Doch „Schwarzer Engel“ ist außerhalb der Fankreise ein fast unbekannten Noir.
Zu Unrecht.
Denn „Schwarzer Engel“ ist sehr gut gealtert und das Ende ist – vor allem in der Präsentation von Roy William Neill – auch nach über sechzig Jahren immer noch schockierend.
Die Geschichte beginnt mit dem Mord an der erfolgreichen Sängerin Marvis Marlowe (Was für ein Namen! Constance Dowling). Auf ihrem Plattenspieler dreht sich das von ihrem Ex Martin Blair (Dan Duryea) geschriebene Lied „Heartbreak“. Die Ermittlungen der Polizei führen schnell zu Kirk Bennett (John Phillips). Er wurde am Tatort gesehen, die Beweise sprechen gegen ihn und er wird, obwohl er die Tat leugnet, zum Tode verurteilt. Seine Frau Catherine Bennett (June Vincent) beginnt auf eigene Faust den Mörder zu suchen. Ihre einzige Spur ist eine Rubin-Brosche, die ihr Mann auf der Leiche gesehen hatte und die verschwunden ist. Ihre Ermittlungen führen sie zu Martin Blair, der seine Tage hauptsächlich betrunkenen im Selbstmitleid verbringt. Als sie ihm ein Bild ihres verurteilten Mannes zeigt, sagt Blair, er habe an diesem Abend einen anderen Mann gesehen. Gemeinsam beginnen sie den Mörder von Marvis Marlowe zu suchen. Sie glauben, dass es der zwielichtige Nachtclubbesitzer Marko (Peter Lorre) ist. Als Gesangsduo schleichen sie sich in seinen Club Rio’s ein.
Cornell Woolrich (1903 – 1968 ) war mit seinen düsteren Visionen über von echter und falscher Schuld getriebene Menschen der Noir-Autor par excellence. Entsprechend oft wurden seine Werke verfilmt. Die IMDB listet über einhundert Verfilmungen auf. Die bekanntesten sind „Rear Window“ (Das Fenster zum Hof), „La mariée était en noir“ (Die Braut trug schwarz), „La sirène du mississippi“ (Das Geheimnis der falschen Braut), „Martha“ (weil Fassbinder eine Woolrich-Geschichte verfilmte, ohne die Rechte zu haben, durfte der Film lange Zeit nicht gezeigt werden) und natürlich die in den Vierzigern gedrehten Noirs, wie „The night has a thousand eyes“ (Die Nacht hat tausend Augen; Du stirbst um Elf), „Phantom Lady“ (Zeuge gesucht; Das Geheimnis der Lady X), „Deadline at dawn“ und “The Mark of the Whistler” (Das Zeichen des Whistler). Etliche Verfilmungen gingen ziemlich frei mit Woolrichs Geschichten um. Auch „Schwarzer Engel“ macht da keine Ausnahme.
Drehbuchautor Roy Chanslor (1899 – 1964) hat im Filmgeschäft vor allem als Romanautor seine Spuren hinterlassen. Denn er schrieb die Vorlagen für „Johnny Guitar“ und „Cat Ballou“. Außerdem schrieb er, neben zahlreichen Drehbüchern zu inzwischen vergessenen Filmen, auch das Buch zu dem von Roy William Neill inszenierten Sherlock-Holmes-Film „The House of Fear“ (Das Haus des Schreckens). Für „Schwarzer Engel“ – sagen wir mal – straffte Chanslor Woolrichs Roman von einem Rachefeldzug in der Unterwelt auf einen verdächtigen Nachtclubbesitzer. Doch den Woolrichsen Kosmos von Verzweiflung und Getriebensein übertrug er in sein Drehbuch.
In den kundigen Händen von Regieveteran Roy William Neil (1887 – 1946) wurde aus der Geschichte ein effektvoller Noir mit zahlreichen erinnerungswürdigen Szenen und guten Leistungen des Ensembles. Neill begann als Stummfilmregisseur und ist heute vor allem für seine regelmäßig nachmittags oder nachts laufenden Sherlock-Holmes-Filme mit Basil Rathbone und Nigel Bruce bekannt. Das B-Picture „Schwarzer Engel“ war sein letzter Film und es ist ein würdiger Abschluss eines kurzen Lebens. Das geringe Budget gestatte es, Themen anzusprechen, die in einem Film mit bekannten Schauspielern und Stars nicht mehr möglich gewesen wären. Denn Catherine Bennetts Suche nach dem Mörder ist gleichzeitig eine Emanzipationsgeschichte (aus der braven Hausfrau wird eine Nachtclubsängerin) und eine Liebesgeschichte. Dass sie am Ende die Unschuld ihres Mannes beweisen kann, lässt ihre Mission auf den ersten Blick erfolgreich enden. Doch es ist ein Phyrrussieg. Denn jetzt ist wieder in den Armen ihres ehebrechenden Trottels.
Catherine-Bennett-Darstellerin June Vincent sollte als Blondine eine zweite Veronika Lake werden, doch der große Durchbruch gelang ihr nicht. Dan Duryea hatte damals als charismatischer Nebendarsteller, vor allem auf der Seite der Bösen, bereits einen Namen. In „Schwarzer Engel“ spielt er glaubwürdig einen Alkoholiker, der sich an jeden Strohhalm klammert und durch seine Beziehung zu Catherine Bennett wieder neuen Lebensmut fasst.Dass diese Beziehung auf der Prämisse aufbaut, dass ihr Mann bald sterben wird und er daher eigentlich kein Interesse an einer erfolgreichen Mörderjagd haben kann, wirft schon früh ein schlechtes Licht auf den charmanten Musiker (jedenfalls wenn er nüchtern ist).
Diesem seltsamen Paar gegenüber stehen etliche charismatische Männer. Peter Lorre ist wieder einmal der mit halbgeschlossenen Lidern und hängender Zigarette durch den Film schleichende, allwissende Bösewicht, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hat. Ex-Boxer Freddie Steele spielt Lucky, den Manager vom Rio’s, als einen kultivierten Schläger, dem ein kaltblütiger Auftragsmord ohne weiteres zuzutrauen ist. Broderick Crawford (für „All the King’s men“ [Der Mann, der herrschen wollte] erhielt er einen Oscar) spielt seine Rolle als ermittelnder Captain Flood so entspannt, dass an seiner Ehrlichkeit als Polizist Zweifel angebracht sind.
Koch Media hat mit den ersten drei Filmen ihrer Film-Noir-Collection die Noir-Perlen „Die Blaue Dahlie“, „Spiel mit dem Tode“ und „Schwarzer Engel“ den Krimifans und Filmfreunden wieder zugänglich gemacht. Hoffentlich wird die Reihe in den kommenden Monaten ähnlich liebevoll fortgesetzt.
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Schwarzer Engel (Black Angel, USA 1946)
Regie: Roy William Neill
Drehbuch: Roy Chanslor
LV: Cornell Woolrich: The black angel, 1943 (Der schwarze Engel; Adresse Friedhof)
Mit Dan Duryea, June Vincent, Peter Lorre, Broderick Crawford, Constance Dowling
Auch bekannt als “Vergessene Stunde” und „Das Geheimnis des Hotelzimmers“
George Stroud (Ray Milland) sitzt gewaltig in der Patsche. Er wird in einem riesigen, leeren Bürohaus von den Wachleuten gesucht. Dabei war er vor 36 Stunden noch ein glücklich verheirateter Mann, der in wenigen Stunden in die verspäteten Flitterwochen aufbrechen wollte, und der Leiter des respektierten Magazins „Crimeways“. Sein Chef, der Zeitungsmogul Earl Janoth (Charles Laughton), schätzt ihn als Mitarbeiter, der sein Geld wert ist. Gerade hat er wieder einen flüchtigen Verbrecher ausfindig gemacht und so die Grundlage für massive Verkaufszuwächse der nächsten Ausgaben von „Crimeways“ geschaffen. Janoth möchte, dass Stroud sich weiter um die Berichte über den gefundenen Verbrecher kümmert. Aber Stroud lehnt ab. Er hat seiner Frau Georgette (Maureen O’Sullivan) die Reise versprochen. Der Konflikt zwischen Janoth und Stroud eskaliert – und Stroud kündigt.
Am Abend betrinkt er sich in einer Bar und gerät mit der schönen Blondine Pauline York (Rita Johnson) ins Gespräch. Sie betrinken sich, ziehen durch die Kneipen und landen schließlich in ihrer Wohnung. Als Stroud sie am nächsten Tag verlässt, um zu seiner Frau zu gehen, bewegt sich der Fahrstuhl nach oben. Stroud geht zur Treppe und beobachtet, wie sein ehemaliger Chef Earl Janoth den Fahrstuhl verlässt und Paulines Apartment betritt.
Stroud fährt zu seiner Frau in die Flitterwochen. Währenddessen bringt Janoth in einem Anfall von Eifersucht seine Geliebte um und beichtet seinem Assistenten Steve Hagen (George Macready) die Tat und dass er beim Betreten des Apartments von einem Nebenbuhler beobachtet wurde. Hagen, der in Janoths Imperium weiter aufsteigen will, schlägt vor, George Stroud aus den Flitterwochen zurückzuholen und mit der Jagd nach dem Unbekannten zu beauftragen.
Stroud ist einverstanden – und beginnt, während er versucht den Mörder zu überführen, sich selbst zu jagen.
Von Kenneth Fearing ist die Idee, des Unschuldigen, der sich selbst jagt. Jonathan Latimer, selbst ein erfolgreicher Noir-Autor, verarbeitete Fearings Roman „The Big Clock“ zu einem Noir-Klassiker, der in den hellen Gängen und Büros eines riesigen Pressehauses spielt, und 1949 für den Edgar als bester Kriminalfilm des Jahres nominiert war. „Kennwort 777“ erhielt den Preis.
Latimer hatte in Hollywood als Drehbuchautor fast vierzig Jahren lang mehr Erfolg als die ungleich bekannteren Hardboiled-Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Er schrieb die Bücher zur Hammett-Verfilmung „Der gläserne Schlüssel“ (mit Alan Ladd und Veronika Lake), der Cornell-Woolrich-Verfilmung „Die Nacht hat tausend Augen“ (mit Edward G. Robinson), der David-Dodge-Verfilmung „Das geheimnisvolle Testament“ (mit Glenn Ford, bei beiden führte John Farrow Regie), für zwanzig Perry-Mason-Folgen (mit Raymond Burr) und, als letzte Arbeit, für den Columbo-Krimi „Die Blumen des Bösen“ (mit Ray Milland). Auch „Spiel mit dem Tode“ lebt von dem durchdachten Drehbuch, das den guten Schauspielern die Möglichkeit für große Auftritte gibt und Regisseur John Farrow unterstützt das mit seiner fast schwerelosen Kameraführung. Immer wieder gleitet sie, als ob es keine Wände gäbe, von einem Raum in den nächsten. So ist Laughtons erster Auftritt eine eindrückliche Demonstration seiner Macht. Er kommt später zu einer Besprechung seiner Chefredakteure, staucht sie wie kleine Kinder zusammen, lässt sich von vorne bis hinten bedienen und die Kamera verfolgt ihn mit dem gleichen bewundernd-demütigenden Blick, den auch die am Tisch sitzenden Journalisten haben. Sowieso ist Charles Laughton als geckenhafter, über scheinbar unbegrenzte Macht und eine unbegrenzte Armee williger Angestellter verfügender Zeitungsmogul, der immer die träge Freundlichkeit einer Kobra kurz vorm Zubeißen ausstrahlt, ein grandioser Bösewicht (Dagegen ist Gene Hackman im Remake „No way out – Es gibt kein zurück“ als verbrecherischer Verteidigungsminister zwar formal mächtiger, aber weniger furchteinflößend.).
Ray Milland als brav-bürgerlicher Journalist, der zwischen Beruf und Familie, zwischen Schuld (immerhin hat er seine fünfte Hochzeitsnacht bei einer anderen Frau verbracht) und Unschuld immer verzweifelter versucht, seine Unschuld zu beweisen und den wahren Mörder zu überführen, ist dagegen der Jedermann, der nach einem kleinen Schritt vom Pfad der Tugend immer tiefer in den Schlamassel gerät. Denn je besser er seine Arbeit macht und den unerwünschten Zeugen sucht (der dann der Justiz als Mörder präsentiert werden soll), umso mehr bringt er sein eigenes Leben in Gefahr.
Zwischen diesen beiden Männern stehen eine Armada von Vorzimmerdamen, eifrigen Journalisten und Lakaien, wie Steve Hagen. In dieser durchkapitalisierten Männerwelt hat Maureen O’Sullivan als brave Ehefrau nur die Rolle des schmückenden Beiwerks. Die Staatsmacht taucht hier nur noch als Witzfigur, gespielt von einem Schauspieler, auf.
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Spiel mit dem Tode (The Big Clock, USA 1947)
Regie: John Farrow
Drehbuch: Jonathan Latimer
LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1945
Mit Ray Milland, Charles Laughton, Maureen O’Sullivan, George Macready, Rita Johnson, Elsa Lanchester, Harold Vermilyea
Mit einem Dreierschlag aus zwei Noir-Klassikern und einem sträflich unterschätzten Noir beginnt Koch Media seine Film Noir Collection. „Die Blaue Dahlie“, „Spiel mit dem Tode“ und „Schwarzer Engel“ wurden bis jetzt nicht auf DVD veröffentlicht und auch im Fernsehen liefen sie zuletzt vor vielen Jahren. Deshalb ist diese liebevoll gestaltete Ausgabe – die DVDs sind in einem Slim-Mediabook – ein Geschenk für Noir- und Filmfans. Die Filme wurden restauriert, was vor allem bei „Spiel mit dem Tode“ und „Schwarzer Engel“ zu einem brillanten Bild führt. Selbstverständlich gibt es den Originalton und die deutsche Synchronisation (bei „Spiel mit dem Tode“ sogar die alte und die neue Synchronisation) und klug ausgewähltes Bonusmaterial. Hier wurde nach der Methode „Klasse statt Masse“ vorgegangen. Kinotrailer, umfangreiche Bildergalerien und ein informatives zwölfseitiges Beiheft ergänzen sinnvoll die Filme.
Raymond Chandlers „Die blaue Dahlie“
Die Kriegskameraden Johnny Morrison (Alan Ladd), Buzz Wanchek (William Bendix) und George Copeland (Hugh Beuamont) kehren aus dem zweiten Weltkrieg nach Los Angeles zurück. Während George und Buzz, der durch eine Kopfverletzung geistig behindert ist, gemeinsam ein Zimmer beziehen, will Johnny zurück zu seiner Frau Helen (Doris Dowling) und seinem Sohn. Er hat sich vorher nicht angekündigt und platzt so mitten hinein in eine Party. Sie ist betrunken, hat eine Affäre mit dem aalglatten Nachtclubbestzer Eddie Harwood (Howard da Silva) und ihre Freunde zählen zur vergnügungssüchtigen Schickeria. Sie eröffnet ihm, dass sein Sohn bei einem Unfall starb und küsst Harwood. Johnny beginnt einen handgreiflichen Streit. Kurz darauf verlässt er sein Haus. In der Nacht trifft er Joyce Harwood (Veronica Lake). Sie ist, wie er erst später erfährt, die Frau des Nachtclubbesitzers.
Am nächsten Tag ist Helen tot. Die Polizei hält Johnny Morrison für den Täter. Zusammen mit Joyce sucht er den Mörder.
Nach seinen erfolgreichen Romanen interessierte Hollywood sich für Raymond Chandler. Er wurde als Drehbuchautor engagiert und „Die Blaue Dahlie“ ist das einzige von ihm verfilmte Drehbuch, das nur seinen Namen trägt. Im Rahmen eines Rätselkrimis entwirft er ein pessimistisches Bild der USA nach dem zweiten Weltkrieg. Die Kriegshelden kommen ohne Paraden und ohne Perspektiven zurück. Als sie am Filmanfang aus dem Bus steigen, wirken sie genauso verloren wie entlassene Sträflinge. Buzz verliert immer wieder sein Gedächtnis. George und Johnny haben keinen Job – und auch keinen Job in Aussicht. Die Frauen haben in den Kriegsjahren die Aufgaben der Männer übernommen. Doch – im Gegensatz zu Paul Haggis’ neuem Kriegsheimkehrerfilm „In the Valley of Elah“ – bringen in „Die Blaue Dahlie“ die drei Kriegsheimkehrer die Verrohungen des Krieges nicht in ihre Heimat. Sie schleppen zwar die Traumata des Krieges mit sich herum. Aber Gewalt, Mord, Korruption, Lug und Trug sind bereits schon lange fest in der Gesellschaft verankert. Diese Aussage wird sogar – dank des Einspruchs der Navy, die einen Soldaten als Mörder nicht akzeptieren konnte – durch die Überführung des Mörders am Ende noch verstärkt. Im Los Angeles der „Blauen Dahlie“ können die Daheimgebliebenen sich auch ganz gut ohne die Kriegsheimkehrer umbringen.
Damals war der Film ein gewaltiger Kassenschlager. Alan Ladd und Veronika Lake spielten nach „Die Narbenhand“ (This gun for hire, USA 1942) und „Der gläserne Schlüssel“ (The glass key, USA 1942) wieder zusammen. Der beim amerikanischen Publikum sehr beliebte William Bendix hatte eine wichtige Nebenrolle und die Story verband gelungen einen Krimi mit einer pessimistischen Beschreibung der damaligen Gesellschaft. Dafür erhielt Raymond Chandler eine Oscar-Nominierung.
Heute steht „Die blaue Dahlie“ eindeutig im Schatten der fast zeitgleich gestarteten Chandler-Verfilmung „Tote schlafen fest“ (The Big Sleep, USA 1946) mit dem Traumpaar Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Während „Tote schlafen fest“ ein einziges Feuerwerk aus flotten Sprüchen, Schlägereien und Atmosphäre ist, bemüht Chandler sich in „Die Blaue Dahlie“ mit einem positiven Helden um einen nachvollziehbaren, traditionellen Rätselplot mit einer überschaubaren Zahl von Tatverdächtigen. Doch die Frage, wer der Mörder ist, ist in der Welt des Film Noir höchstens zweitrangig.
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Die Blaue Dahlie (The Blue Dahlia, USA 1945)
Regie: George Marshall
Drehbuch: Raymond Chandler
Mit Alan Ladd, Veronica Lake, Willam Bendix, Howard da Silva, Doris Dowling