Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)
Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris
LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)
Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.
Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.
Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.
Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet
Zum dritten Mal schrieb Anthony Shaffer (der auch die Drehbücher für „Frenzy“ und „Mord mit kleinen Fehlern“ [Sleuth] schrieb) für eine Agatha-Christie-Verfilmung das Drehbuch und zum dritten Mal spielte Peter Ustinov Hercule Poirot in einem Kinofilm. Nach den ersten beiden Shaffer-Christie-Kinofilmen spielte Peter Ustinov den belgischen Detektiv auch in drei TV-Spielfilmen, aber am bekanntesten sind immer noch die mit mit ihm und einem Staraufgebot vor prächtiger Kulisse prunkenden Verfilmungen „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, GB 1977) und „Das Böse unter der Sonne“ (Evil Under the Sun, GB 1981).
Für „Rendezvous mit einer Leiche“ wurde dieses Erfolgsrezept einfach wieder aufgekocht und mit Lauren Bacall, Carrie Fisher, John Gielgud, Piper Laurie und David Soul waren auch einige bekannte Namen an Bord. Die Kulisse, zuerst etwas Kreuzfahrtschiff, später das Heilige Land und, hauptsächlich, das Tote Meer (Oh, und in Venedig wurde auch gefilmt), ist prächtig und man hat sich auch wirklich um stimmiges Zeitkolorit bemüht. Denn die Geschichte spielt 1937.
Die Amerikanerin Emily Boynton, ein wahrer Hausdrache, der früher als Gefängniswärterin arbeitete und ihre erwachsenen Kinder entsprechend herumkommandiert, unternimmt mit ihnen nach dem Tod ihres vermögenden Mannes eine Europa- und Levante-Urlaubsreise. Das Klima in der Familie ist noch angespannter als normalerweise, weil sie vor kurzem vom Familienanwalt das Testament ihres Mannes, das ihre Kinder reich gemacht hätte, vernichten ließ; eine Tochter hat eine außereheliche Affäre mit dem Anwalt und ihr Sohn verliebt sich auf der Reise.
Als sie die Ausgrabungen bei Qumran am Toten Meer besuchen, wird sie, während ihre Kinder einen von ihr genehmigten Ausflug in die nahegelegenen Berge unternehmen, ermordet.
Hercule Poirot, der sie bereits während der Reise interessiert beobachtete (und dabei auch einen missglückten Mordanschlag von ihr auf den Anwalt entdeckte), meint, das große Rätsel sei, warum sie nicht schon früher ermordet wurde. Dennoch macht er sich auf die Mördersuche.
„Rendezvos mit einer Leiche“ ist die unbekannteste Shaffer/Ustinov-Christie-Verfilmung. Obwohl man sich, auf den ersten Blick, an das bewährte Rezept hielt. Allerdings ist Michael Winner kein Regisseur für einen so betulich-altmodischen Krimi. Er ist der Mann für Genrefilme wie „Ein Mann sieht rot“ und etliche weitere Charles-Bronson-Vehikel, die oft auch ein provozierender Kommentar zur gesellschaftlichen Realität waren. Gerne mit einer satten Portion Action und Sex.
Bei dem „Rendezvous mit einer Leiche“ läuft alles sehr gemütlich nach der vertrauten Rätselkrimiformel ab. Erst in der Filmmitte gibt es den unblutigen Mord, danach befragt Hercule Poirot die Verdächtigen nach ihrem Alibi und am Ende versammelt er alle an einem Ort und enthüllt, nachdem er der Reihe nach fast jedem der Anwesenden ein gutes Motiv und eine gute Gelegenheit für den Mord nachweist, die Identität und das Motiv des Mörders. Wobei in „Rendezvous mit einer Leiche“ eben diese große Überführungsszene an zwei Orten spielt (einmal nachmittags auf einer Terrasse, einmal beim Abendessen in einem Restaurant) und der Täter mittels Suizid die Geschichte beendet.
Das entspricht alles den Erwartungen, die wir an eine gediegene Agatha-Christie-Verfilmung haben, die uns weder mit Sex, noch Gewalt, noch rasanter Action belästigt. Auch die Weltpolitik (immerhin spielt die Geschichte 1937) kommt nicht vor.
Allerdings stört der ständige Unernst der Schauspieler, die niemals den richtigen Ton treffen, und sich daher in einem gelangweilten Überspielen ergehen, und der sehr schwache Rätselplot. Der Mörder ist zwar nicht der Gärtner (weil kein Gärtner dabei ist), aber seine Identität ist arg offensichtlich. Jedenfalls nachdem der Mord geschehen ist.
In meiner Erinnerung waren da der „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“, für die Anthony Shaffer alleine das Drehbuch schrieb, besser.
Rendezvous mit einer Leiche (Appointment with Death, USA 1988)
Regie: Michael Winner
Drehbuch: Anthony Shaffer, Peter Buckman, Michael Winner
LV: Agatha Christie: Appointment with Death, 1938 (Der Tod wartet; Rendezvous mit einer Leiche)
mit Peter Ustinov, Lauren Bacall, Carrie Fisher, John Gielgud, Piper Laurie, Hayley Mills, Jenny Seagrove, David Soul, Nicholas Guest
The Wrestler – Ruhm, Liebe, Schmerz (USA 2008, R.: Darren Aronofsky)
Drehbuch: Robert Siegel
Platz 220 in der Top-250-Liste der IMDB, über dreißig Filmpreise erhalten (unter anderem der Goldene Löwe in Venedig), für über dreißig weitere nominiert, Kritikerliebling, und die gloriose Rückkehr von Mickey Rourke als Schauspieler. Er erhielt für seine Rolle unter anderem den Golden Globe und den BAFTA Award und war für den Oscar nominiert.
Die Story: Im semidokumentarischem Stil eines Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Films verfolgt Aronofsky den abgewrackten Wrestler Randy ‘The Ram’ Robinson, dessen Leben nur aus Wrestling besteht. Nach einem Infarkt soll er das Wrestling aufgeben, er versucht einen Neuanfang, will sich mit seiner Tochter aussöhnen und kann doch vom Wrestling nicht lassen.
Großartiges Schauspielerkino, mit einem deutlichen Blick auf das Mainstream-Publikum.
Als nächsten Film drehte Aronofsky den Ballettfilm „Black Swan“, der in vielen Punkten die spiegelbildiche Ergänzung zu „The Wrestler“ ist.
Drehbuch: Rudolph Wurlitzer, Will Corry, Floyd Mutrux (ungenannt)
Extrem selten gezeigter Kultfilm über einen „Fahrer“ (James Taylor), der mit seinem 55er Chevy über die Highways düst und sich mit „G. T. O.“ (Warren Oates) ein Endlosrennen liefert.
Monte Hellmans „Two-Lane Blacktop“ steht in der Tradition von „Easy Rider“ und „Fluchtpunkt San Francisco“; ist allerdings, weil es lange Zeit Probleme mit Musikrechten gab, wesentlich unbekannter.
Hellmann drehte auch „Ride in the Whirlwind“, „The Shooting“ (beide mit Jack Nicholson) und „Cockfighter“ (nach dem Roman von Charles Willeford, der auch das Drehbuch schrieb).
mit James Taylor, Warren Oates, Laurie Bird, Dennis Wilson, Rudolph Wurlitzer, Jaclyn Hellman, Harry Dean Stanton
Ihr habt ja alle die Jubelfeiern zum fünfzigsten Geburtstag von James Bond mitbekommen. Dabei wurde dann galant ignoriert, dass die Romane von Ian Fleming schon etwas älter sind und dass James Bond bereits 1954 sein Filmdebüt hatte.
Das Filmdebüt hatte allerdings, im Gegensatz zu dem ersten James-Bond-Spielfilm „James Bond – 007 jagt Dr. No“ (Dr. No, GB 1962) von Terence Young mit Sean Connery als Geheimagent ihrer Majestät, keine großen Auswirkungen. Es galt sogar lange Zeit als verschollen, bis der Filmsammler Jim Shoenberger 1981 in Chicago eine Kopie des Films entdeckte. Es handelt sich dabei um ein „Kinesope“, eine mit einer Filmkamera vom Bildschirm abgefilmte Fassung.
Barry Nelson spielte James Bond in dem fünfzigminütigem CBS-TV-Film „Casino Royale“, der am 21. Oktober 1954 als vierter Film des „Climax Mystery Theatre“ ausgestrahlt wurde. In dem Film soll James Bond, wie in dem Roman, in einem Casino den russischen Agenten Le Chiffre (Peter Lorre) am Spieltisch ruinieren.
Der Film spielt eigentlich nur im Casino und Bonds Hotelzimmer – und weil es sich um eine US-Produktion handelt, wurde aus James Bond Jimmy Bond und aus Felix Leiter Clarence Leiter.
Regie führte William H. Brown. Das Drehbuch ist von Antony Ellis und Charles Bennet.
An dem Film gibt es, außer dass es sich um den ersten Filmauftritt von James Bond handelt, nichts bemerkenswertes. Es ist ein typischer Live-TV-Film mit dem Charme eines abgefilmten Theaterstücks.
Für James-Bond-Fans lohnt sich gerade deshalb ein Blick. Die Bildqualität des Films ist bescheiden und wird am Ende noch bescheidener.
Vorhang auf:
P. S.: „Skyfall“, der neue James-Bond-Film, ist ziemlich grandios. Besprechung demnächst.
Schade, dass die TV-Premiere von diesem Film zu einer so Videorecorderfreundlichen Zeit kommt
Pro7, 03.50
Auto Focus (USA 2002, R.: Paul Schrader)
Drehbuch: Michael Gerbosi, Paul Schrader (ungenannt)
LV: Robert Graysmith: The Murder of Bob Crane, 1993
Tolles Biopic über Bob Crane, der in den Sechzigern als Hauptdarsteller in der erfolgreichen TV-Serie „Hogan’s Heroes“ (Ein Käfig voller Helden) bekannt wurde, sexsüchtig war und 1978 ermordet wurde.
„Meisterliche Milieu- und Zeitstudie“ (Lexikon des internationalen Films)
„Auto Focus“ ist einer seiner wenigen Filme, zu denen Paul Schrader („Taxi Driver“, „American Gigolo“) nicht auch das Drehbuch schrieb. Wobei das so genau nicht stimmt, wie Schrader in einem Interview sagte: „Ich habe das Ganze auseinander genommen und neu zusammengesetzt. Es gibt eine Bestimmung der Autorengewerkschaft, dass 60 Prozent eines Drehbuchs neu geschrieben sein müssen, wenn man in den Credits aufgelistet werden will. Ich würde sagen, dass mehr als 60 Prozent von mir stammen. Die Gewerkschaft sah es anders. Aber glauben Sie mir: Das Drehbuch, der Film – die stammen von mir.“ (Blickpunkt Film 39/2002)
mit Greg Kinnear, Willem Dafoe, Rita Wilson, Ron Leibman, Maria Bello
Felicia, mein Engel (Kan/GB 1999, R.: Atom Egoyan)
Drehbuch: Atom Egoyan
LV: William Trevor: Felicia´s journey, 1994 (Felicias Reise)
Mr. Hilditch (Bob Hoskins) hilft der 17-jährigen Felicia bei der Suche nach Johnny. Dabei verfolgt er gleichzeitig seine eigenen Pläne.
Wie immer bei Egoyan: langsam, aber konzentriert erzählt, mit grandiosen Leistungen der Schauspieler und einer exquisiten Kameraarbeit. Halt Kino für denkende Menschen.
„Mit dieser Parabel für die Zerstörung von Unschuld liefert er [Egoyan] eins der düstersten und beklemmendsten Porträts eines Serienmörders, das seit langem in Kino zu sehen war – eine außerordentliche schauspielerische Leistung von Bob Hoskins.“ (Heinrichs, Rheinische Post, 4. 2. 2000)
In der Hitze der Nacht (USA 1967, R.: Norman Jewison)
Drehbuch: Sterling Siliphant
LV: John Ball: In the heat of the night, 1965 (In der Hitze der Nacht)
In einem Südstaatenkaff müssen ein weißer, reaktionärer Sheriff und ein afroamerikanischer Kollege einen Mord aufklären.
John Balls hochgelobter, erfolgreicher Roman war der erste Auftritt eines afroamerikanischen Polizisten als Sympathieträger. Ball wollte damit zur Verständigung zwischen den Rassen beitragen. Außerdem reflektierte er in seinem Krimi die damaligen politischen Kämpfe des Civil Rights Movements in den Südstaaten.
Die enorm erfolgreiche Verfilmung erhielt fünf Oscars, unter anderem als bester Film des Jahres. Aus heutiger Sicht ist „In der Hitze der Nacht“ ein extrem naives und einseitiges Bekenntnis zur Rassenversöhnung (etwas guter Wille und schon geht´s) und ein technisch gut gemachter Whodunit.
Poitier drehte noch zwei schwächere Fortsetzungen. Letztendlich wurde es ein normaler, bestenfalls durchschnittlicher Polizeikrimi. Die erste Fortsetzung, „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ (USA 1970), folgt im Anschluss um 01.00 Uhr
Mit Sidney Poitier, Rod Steiger, Warren Oates, Lee Grant
Der Kameramörder (Schweiz/Österreich/Ungarn 2009, R.: Robert Adrian Pejo)
Drehbuch: Robert Adrian Pejo, Agnes Pluch, Günter Pscheider
LV: Thomas Glavinic: Der Kameramörder, 2001
Verfilmung des mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichneten Romans von Thomas Glavinic, der schildert, wie zwei befreundete Paare während eines Wochenendes in den Bergen in eine Menschenjagd geraten, weil dort vorher zwei Kinder ermordet wurden und der Mörder seine Tat mit einer Kamera aufgenommen haben soll.
Der Roman besteht nur aus einem Absatz und ist angenehm kurz.
Der Film – mal sehen.
mit Merab Ninidze, Dorka Gryllus, Andreas Lust, Ursina Lardi, Oszkar Niary
Red Riding – Yorkshire Killer: 1983 (GB 2009, R.: Anand Tucker)
Drehbuch: Tony Grisoni
LV: David Peacy: Nineteen Eighty-Three, 2002 (1983)
Anwalt John Piggott soll den unschuldig verurteilten, psychisch kranken Kindermörder Michael Myshkin frei bekommen. Gleichzeitig hadert der Polizist Maurice Jobson mit seinem Gewissen. Denn er ist tief in die schmutzigen Geschäfte und verbrecherischen Ermittlungsmethoden der Yorkshire-Polizei verwickelt. Und wieder ist ein Mädchen verschwunden.
LV: William Golding: Lord of the Flies, 1954 (Herr der Fliegen)
Nach einem Flugzeugabsturz versucht eine Gruppe britischer Schuljungen zu überleben. Zuerst halten sie sich an die in der Schule eingeübten Regeln. Doch schnell legen sie die Fesseln der Zivilisation ab.
„eine exzellente und intelligente Verfilmung der literarischen Vorlage“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon) deren pessimistische Botschaft für Kontroversen sorgte und sorgt. Brooks selten gezeigte Verfilmung erlebte seine Deutschlandpremiere erst 1971 im ARD und 1983 dann auch im Kino.
William Golding erhielt 1983 den Nobelpreis für Literatur. Sein Debütroman „Herr der Fliegen“ ist inzwischen ein Klassiker.
1990 drehte Harry Hook ein Remake.
mit James Aubrey, Tom Chapin, Hugh Edwards, Roger Elwin, Tom Gaman, David Brunjes, Kent Fletcher
Tatort: Platt gemacht (D 2009, R.: Buddy Giovinazzo)
Drehbuch: Stefan Cantz, Jan Hinter
In Köln wird ein Obdachloser mit Frostschutzmittel vergiftet. Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln im Milieu.
Sehr unterhaltsamer Kölner-Tatort, der erfrischend undidaktisch (Wir reden vom Kölner Tatort) daherkommt und Udo Kier als Penner ist auch die halbe Miete.
mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Joe Bausch, Udo Kier, Christian M. Goebel, Michael Schenk, Catherine Flemming, Peter Millowitsch
Laura Guerrero (Stephanie Sigman) ist eine junge Frau aus dem Armenviertel von Baja, Mexiko. Sie will Schönheitskönigin werden und so reich und berühmt werden.
„Miss Bala“ erzählt ihre Geschichte und wie ihr Traum sich auf eine ganz andere Weise erfüllt, als sie es sich erträumte. Denn in einer halbseidenen Disco beobachtet sie, wie eine Gangsterbande ein Massaker, vor allem an anderen Gangstern, veranstaltet. Laura kann entkommen und als sie am nächsten Tag zur Polizei gehen will, übergibt der Polizist sie an den Gangsterboss Lino Valdez (Noe Hernández), der für das Massaker verantwortlich ist. Er frisst einen Narren an ihr und, anstatt sie umzubringen, ebnet er ihr den Weg in den Schönheitswettbewerb. Außerdem muss sie für ihn kleinere kriminelle Aufträge, auch in den USA, übernehmen.
„Miss Bala“ ist auch das Gegenstück zu Oliver Stones „Savages“. Denn Regisseur Gerardo Naranjo erzählt die mexikanische Sicht des Drogenkrieges und wie eine Frau zwischen die Fronten von konkurrierenden Verbrecherbanden und Polizei gerät. Hier sind die Mexikaner nicht mehr, wie bei Oliver Stone, nur eine von Bande von skrupellos-bestialisch stinkreichen Drogenhändlern, sondern arme Menschen, die in einer von Verbrecherbanden dominierten Gesellschaft überleben wollen, während Verbrecher und Polizisten rücksichtslos um die Herrschaft im Land kämpfen. Auch der Gangsterboss, der Laura hilft ist kein Monster, sondern ein Firmenchef eines kleineren Unternehmens, der in schmutzig-verschwitzen Klamotten an vorderster Front steht, langfristig denkt, seine Mitarbeiter und Investitionen schützt und von der Polizei gejagt wird. Glamourös ist das nicht.
Auch von der Machart ist „Miss Bala“ das Gegenstück zu „Savages“. Wo Oliver Stone zwischen den zahlreichen Handlungssträngen hin- und herspringt, eine Erzählerin die Geschichte aus dem Off erzählen lasst, das ganze mit einem sarkastischen Humor (der vor allem aus Don Winslows grandiosem Roman „Zeit der Rache“ kommt) würzt und oft schneidet, schneidet Naranjo kaum. Fast alle Szenen kommen mit wenigen Schnitten, teils sogar ohne Schnitte, aus. Deshalb und weil Naranjo immer bei seiner Protagonistin bleibt, ist „Miss Bala“ manchmal auch etwas zäh. Denn während Laura langsam begreift, in was für einen Schlamassel sie geraten ist, wissen wir Zuschauer das schon lange.
Auch in den Actionszenen bleibt Naranjo bei ihr, zeigt ihre Reaktionen, wie sie versucht im Kugelhagel zu überleben, sich versteckt, und der Kampf läuft auf der Tonspur oder im Bildhintergrund ab. So entwickeln die Kampfszenen eine, im Vergleich zu den derzeit in Actionfilmen so modischen Schnittgewittern, ganz eigene Intensität, die wirklich das Gefühl vermitteln hilflos in einen Krieg geraten zu sein.
„Miss Bala“ zeigt eindrucksvoll die andere Seite des „war on drugs“.
Miss Bala (Miss Bala, Mexiko 2011)
Regie: Gerardo Naranjo
Drehbuch: Gerardo Naranjo, Mauricio Katz
mit Stephanie Sigman, Noe Hernández, James Russo, José Yenque
„Gnade“, der neueste Film von Regisseur Matthias Glasner mit Jürgen Vogel ist ein sperriger Film. Doch das überrascht bei einem Blick auf ihre früheren Filme, wie „Sexy Sadie“, „Der freie Wille“ und „This is Love“, nicht.
Eine Frau überfährt auf dem Heimweg von einer anstrengenden Schicht im Hospiz in der Dunkelheit zufällig etwas. Als ihr Mann zur Unfallstelle fährt, entdeckt er nichts. Am nächsten Tag erfahren sie, dass sie ein Mädchen überfuhr. Jetzt versuchen die beiden Eheleute mit dieser Schuld zu leben und ihr Sohn soll nichts davon erfahren. Die Nachbarn auch nicht.
Denn das Ehepaar ist erst vor kurzem nach Hammerfest gezogen. Vor allem Niels (Jürgen Vogel) will dort mit seiner Familie, seiner Frau Maria (Birgit Minichmayr) und ihrem Sohn Markus (Henry Stange), ein neues Leben beginnen. Er hofft auch, seine Ehe wieder in Ordnung zu bringen. Das hindert ihn aber nicht daran, sich, wie an den seinen früheren Arbeitsorten (zu denen er nicht von seiner Familie begleitet wurde), gleich eine Geliebte zu nehmen.
Marias Unfall mit Fahrerflucht stellt ihre kriselnde Ehe auf die Probe. Denn sie, die in ihrem Beruf von allen geliebte, hilfsbereite, einfühlsame Krankenschwester, möchte nicht als Mörderin aus dem Dorf gejagt werden. Er beginnt wieder Gefühle für sie zu entwickeln.
Ihr pubertierender Sohn zieht sich währenddessen immer weiter in die Welt der Videospiele zurück. Außerdem nimmt er seine Eltern bei ihren Gesprächen über den Unfall und ihre Schuld heimlich auf.
„Gnade“ ist kein leichter Film. Es ist sogar ein Film, der zu einem Verriss einlädt. So sind die Dialoge oft sehr spröde und wenn sich Niels und Maria am Küchentisch unterhalten, sind sie unerträglich gekünstelt. Es gibt zu viele Subplots, die im Nichts enden. Das Ende ist eher seltsam als befriedigend. Vor allem aus psychologischer Sicht. Die von Glasner und seinem Autor Kim Fupz Aakeson (u. a. „Kleiner Soldat“, „Ein Mann von Welt“, „Eine Familie“, „Perfect Sense“) verfochtene Moral ist nicht besonders einleuchtend. Und mit über zwei Stunden ist der Film arg lang geraten.
Aber trotzdem hat mir „Gnade“ gefallen. Da sind einmal die Bilder von Hammerfest, einer Gegend, in der ich keine fünf Minuten bleiben möchte, die aber auf der großen Leinwand atemberaubend sind. Dann ist da die Wucht der Inszenierung, die Schauspieler und die konsequente Behandlung seines Themas: der Frage nach Schuld und Sühne, nach Vergebung und Gnade. Denn die Charaktere verhalten sich immer wieder, ohne Erklärung, konträr zu ihrem Charakter und ihrem vorherigen Verhalten. So verlässt die Geliebte Niels freiwillig und erpresst ihn nicht mit ihrem Wissen über die Fahrerflucht. Der Sohn, der sich im Lauf des Films fast zum idealtypischen Psychopathen entwickelt, benutzt die Videoaufnahmen nicht gegen seine Eltern, Niels kehrt, nach dem tödlichen Unfall, wieder zu seiner Frau zurück und als Niels und Maria den Eltern des toten Mädchens die Tat beichten, sind diese zuerst ratlos, aber Monate später, während der gemeinsamen Feier der Mittsommernacht nimmt Markus sie mit seiner Kamera auf, wie sie friedlich nebeneinander feiern.
All das zeigt Matthias Glasner mit einem Blick, der eher ein düsteres Ende erwarten lässt. Aber bei „Gnade“ geht es immer wieder um Vergebung und nie um Rache, allerdings ohne jeglichen süßlichen Schmelz oder religiöse Überhöhung, den wir aus anderen Filmen kennen.
Plakativ ist „Gnade“ nur in seinen Landschaftsaufnahmen. Der Rest ist, wie Michael Hanekes „Liebe“ eine Anregung zur Diskussion mit einigen schwerverdaulichen Thesen.
Gnade (Deutschland/Norwegen 2012)
Regie: Matthias Glasner
Drehbuch: Kim Fupz Aakeson
mit Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr,Henry Stange, Anne Dahl Torp, Maria Bock, Stig Henrik Hoff, Iren Reppen
November 1968: George (Warren Beatty) ist der Friseur der Schönen von Beverly Hills. Denn er befriedigt nicht nur ihre Wünsche nach einer neuen Frisur, sondern auch ihre sexuellen Wünsche. Sein Leben ist angenehm sorglos, bis er zu einer Nixon-Wahlparty eingeladen wird.
Eine extrem selten gezeigte Gesellschaftssatire von „Harold und Maude“-Regisseur Hal Ashby, die damals ein Publikums- und Kritikererfolg war. Als ich sie als Teenager sah, war ich enttäuscht, aber vielleicht habe ich den Film damals auch einfach nicht verstanden.
„Eine zynisch-glatte Komödie, die sich psychologisch und politisch an der Oberfläche bewegt.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Rechtzeitig zum Skandal der Watergate-Affäre kam auch dieser respektlose Streifen in die amerikanischen Kinos, der in ironischer Weise das phrasenhafte Parteiprogramm der Republikaner demaskierte…Die im amerikanischen Kino recht seltene Erscheinung, selbstkritisch mit den politischen Zuständen umzugehen, erfuhr hier ein ungeahntes Publikumsinteresse. Bei seiner Erstauswertung hat ‚Shampoo‘ allein in den Vereinigten Staaten bereits über 60 Mio. Dollar eingespielt.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)
Eine Preise gab es auch: nämlich, für das Drehbuch den Preis der Writers Guild of Amerika und den National Film Critics Award, einen Golden Globe als bester Spielfilm und Lee Grant erhielt einen Oscar als beste Nebendarstellerin. Das Drehbuch war auch für den Drehbuchoscar nominiert; „Hundstage“ erhielt ihn.
mit Warren Beatty, Julie Christie, Goldie Hawn, Lee Grant, Jack Warden, Tony Bill, Carrie Fisher (Spielfilmdebüt, danach wurde sie Prinzessin Leia), William Castle
So schlecht wie man nach dem Lesen von einigen Kritiken über den deutschen Thriller „Das Kind“ vermuten könnte, ist Zsolt Bács‘ Verfilmung des Bestsellers von Sebastian Fitzek nicht. In den USA wäre der Film einer dieser unzähligen Direct-to-DVD-Filme, die mit etlichen bekannten Namen aufwarten (oft zweite oder dritte Garde oder zuverlässige Nebendarsteller oder Stars auf dem absteigenden Ast), eine okaye Geschichte halbwegs zügig erzählen, mit Kameraschnickschnack einen höherwertigen Eindruck erzielen wollen und durchwachsene Besprechungen erhalten.
Dabei sind die Hauptprobleme von „Das Kind“ gerade im – aus kommerzieller Sicht sicher nicht unklugem – Schielen auf den internationalen Markt zu finden. Die Hauptdarsteller, wobei Eric Roberts der Bekannteste ist, sind aus den USA. Gedreht wurde in Englisch. Berlin wurde komplett anonymisiert. Roland Emmerich machte es in den achtziger Jahren genauso, aber seine Filme spielten in den USA oder im Weltall und nicht in Deutschland.
Und die Bilder wurden so lange nachbearbeitet, bis „Das Kind“ über weite Strecken zu einen Braun-Beige-Film wurde, der bevorzugt Nachts und in schlecht beleuchteten Räumen spielt. Im Presseheft sagt Bács, dass David-Finchers-Noir-Thriller „Sieben“ das stilistische Vorbild gewesen sei. Man sieht es. Leider.
Die Filmstory folgt der Buchstory: der zehnjähriger, todkranke Simon Sachs (Christian Trauemer) sagt dem Staranwalt Robert Stern (Eric Roberts), dass er vor fünfzehn Jahren einen Mann ermordete. In einem verfallenen Lagerhaus finden sie bei einer nächtlichen Erkundung mit Taschenlampen die Leiche. Kurz darauf erhält Stern eine DVD, auf der Bilder von seinem totgeglaubten Sohn und seiner als Geisel genommenen Ex-Frau sind. Der Erpresser will, dass Stern innerhalb von 24 Stunden (Warum so schnell? Keine Ahnung. Im Buch hatte er etwas mehr Zeit.) den Mörder der eben entdeckten Leiche findet.
Und der Junge sagt Stern, dass er noch weitere Morde begangen hat und in wenigen Tagen auf einer Brücke einen weiteren Mord begehen wird.
Während Sterns Suche nach dem Täter entdeckt er, dass die Toten zu einem Pädophilenring gehörten und die Polizei, verkörpert durch die Kommissare Martin Engler (Peter Greene) und seinen austauschbaren Adlatus Brandmann (Clemens Schick), halten ihn für den Serienmörder. Immerhin kennt er die Verstecke der Leichen und er ist auch am Tatort eines weiteren Mordes.
Aber während der Roman ein echter Pageturner ist, erscheint der Film immer wieder zugleich zäh und hastig. Denn nie wird sich die Zeit genommen, die Personen etwas genauer zu charakterisieren. Die Handlung soll es richten. Und die folgt der kalten Mechanik des Plots und dem Prinzip „Überraschung“, unter galanter Missachtung der Logik. Aber so bleiben auch alle Charaktere, eben weil sie viel zu dürftig und oberflächlich charakterisiert sind, austauschbare und blasse Marionetten des Plots. Einige Schauspieler überspielen das mit ihrer Präsenz, wobei die deutschen Schauspieler einen stärkeren und positiveren Eindruck hinterlassen als die amerikanischen Schauspieler.
Das sind Ben Becker als Zuhälter mit dem goldenen Herzen, Dieter Landuris als in einem Wohnwagen lebender, vorbestrafter Pädophiler (Okay, seine Aufgabe bestand darin, sich verprügeln zu lassen), Dieter Hallervorden und Daniela Ziegler als miteinander verheiratete Organisatoren eines Pädophilenrings. Ihnen gefielen offensichtlich ihre Rollen als liebender Onkel und als eiskalte Empfangsdame.Reiner Schöne als gläubiger Krankenhauspatient überzeugt einfach durch seine Präsenz. Er hat auch nur zwei etwas längere und zwei kurze Auftritte.
Eine echte Entdeckung ist Christian Traeumer, der den zehnjährigen Simon spielt.
Aber der Rest des US-Cast (yep, Traeumer ist Amerikaner) bleibt austauschbar.
Sunny Mabrey als Simons Krankenschwester und Peter Greene als angekränkelter Polizist (bis er von einem Unbekannten vor den Augen von Stern erschossen wird) hinterlassen keinen größeren Eindruck.
Und Eric Roberts, der große Star aus den USA, der seine Karriere mit einer Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Nebendarsteller in „Runaway Train“ begann, danach als kommender Star gehandelt wurde und seitdem, oft als Bösewicht, ein auskömmliches Leben als Nebendarsteller in A-Filmen und Haupt- und Nebendarsteller in unzähligen B-Pictures (und schlechter) gefunden hat, hat die Hauptrolle übernommen: den des erfolgreichen Anwalts, der ein Kotzbrocken ist und der immer noch seinem vor zehn Jahren als Baby verstorbenem Sohn hinterhertrauert. Doch er taugt – im Gegensatz zum Roman – weder als Identifikationsfigur noch als Sympathieträger. Die meiste Zeit ist er, weil Eric Roberts ihn so furchtbar übertrieben und uneinheitlich spielt, einfach nur unsympathisch und entsprechend egal ist er uns.
Dabei hätte man einige Probleme des Films schon lösen können, in dem man sich gerade am Anfang vom Buch gelöst hätte. Denn der Film und das Buch beginnen mit dem nächtlichen Treffen an der Lagerhalle und der Entdeckung der ersten Leiche. In dem Moment wissen wir noch nichts übe die einzelnen Charaktere, aber Stern, der von dem nächtlichen Treffen und der absurden Geschichte des Jungen genervt ist, kommt im Film gleich als Kotzbrocken, dem seine Mitmenschen egal sind, rüber.
Hier hätte man sich vorher einige Minuten nehmen sollen, um Stern als Charakter einzuführen. Zum Beispiel indem er vor Gericht einen Freispruch für einen Mandanten, vielleicht für den Zuhälter Andy Borchert (Ben Becker), erreicht, indem er Engler (Peter Greene) als unzuverlässigen Zeugen erscheinen lässt. Dann wäre Stern für uns ein brillanter Anwalt gewesen (wir haben ihn bei der Arbeit gesehen), der alles für seine Mandanten tut (aber keine Zeit für Kindereien hat). Wir hätten verstanden, warum Borchert ihm später so bereitwillig hilft (im Film wird irgendwann gesagt, dass sie sich von früheren Gerichtsverfahren kennen) und warum Engler ihn hasst.
Dafür hätte man die atmosphärischen, aber nur den Erzählfluss störenden, Berlin-Impressionen weglassen und ein weniger überhöhtes Berlin-Bild zeichnen können, das irgendwo zwischen Wiederbelebung der Weimarer Jahre (ich sage nur „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“; auch das Polizeirevier scheint sich seit damals nicht geändert zu haben) und Metropolen-Ortlosigkeit schwankt. Denn dieses Berlin soll, obwohl der Film in Berlin spielt, möglichst wenig nach Berlin aussehen.
Da, und auch bei der Wahl der Schauspieler, hätte man ruhig einen Blick nach Frankreich oder Skandinavien werfen können, die derzeit mit ihren Thrillern ein weltweites Publikum begeistern.
So erscheint „Das Kind“, mit Amerikanern, die Deutsche spielen, einem Dreh in Englisch und einem Berlin das konsequent amerikanisiert wurde, immer etwas displaced.
Aber dennoch hoffe ich, dass „Das Kind“ ein Erfolg wird, weil es bei uns im Kino so wenige Genrefilme gibt und der einzige Weg für mehr Genrefilme im Kino ist halt, dass die Leute sich diese Filme ansehen. Denn nur so werden die Produzenten weitere Genrefilme produzieren und auch die Filmförderungsanstalten (die das Projekt ablehnten, weil ja niemand deutsche Genrefilme sehen wolle) werden dann nicht nur Selbstfindungsdramen und Komödien, sondern auch Thriller fördern.
Das Kind (Deutschland 2012)
Regie: Zsolt Bács
Drehbuch: Zsolt Bács, Sebastian Fitzek, Brian Cordray
LV: Sebastian Fitzek: Das Kind, 2008
mit Eric Roberts, Christian Traeumer, Sunny Mabrey, Ben Becker, Peter Greene, Dieter Hallervorden, Daniela Ziegler, Clemens Schick, Reiner Schöne, Dieter Landuris, Luc Feit
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
Sebastian Fitzek: Das Kind
Droemer, 2008
400 Seiten
9,99 Euro (Knaur, Taschenbuch, mit Material zum Film)
Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.
Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.
„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)
„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad
Justin Kurzels Debütfilm „Die Morde von Snowtown“ ist ungefähr so angenehm wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Und dabei sehen wir von dem Morden wenig. Wir erfahren auch wenig über die Hintergründe. Jedenfalls über bestimmte Hintergründe. Denn „Die Morde von Snowtown“ basiert auf einer wahren Mordserie, die 1999 Australien schockierte und die deshalb dort nicht genauer erklärt werden muss.
Zwischen August 1992 und Mai 1999 brachten John Bunting, der Anführer der Gruppe, Robert Wagner, Mark Haydon, James Vlassakis, seine Mutter Elizabeth Harvey (die bei einem Mord mithalf) und Thomas Trevilyan (der von den anderen Bandenmitgliedern umgebracht wurde) zwölf Menschen um. Für elf dieser Taten wurden sie angeklagt und verurteilt. Die Öffentlichkeit war damals von der Bestialität der Taten geschockt. Erstaunlich war, dass die Serienmorde nicht von einem Einzeltäter, sondern von einer Gruppe begangen worden. Sie begründeten ihre Taten, zunehmend rudimentärer, mit dem Kampf gegen Kinderschänder, Homosexuelle und sonstige Schädlinge der Gesellschaft. Dabei wurden sie von ihrem Umfeld gedeckt, das die Taten tolerierte.
Einer der Polizisten von Snowtown, wo die Leichen, die an anderen Orten in Südaustralien ermordet wurden, in einem verlassenen Bankgewölbe gefunden wurden, sagte zum Fundort der Leichen: „Es war eine Szene aus meinem schlimmsten Alptraum.“
Die Filmemacher müssen das alles dem heimischen Publikum nicht erklären. Sie können sich sofort mit ihrer Interpretation der Morde beschäftigen. Die Gründe sehen sie vor allem in dem armen, perspektivlosem Leben der Mörder und in ihrem reaktionärem Umfeld. In dem verslumten Vorort, in dem nur Weiße leben, herrscht das archaische Recht des Stärkeren, das der introvertierte siebzehnjährige James ‚Jamie‘ Spyridon Vlassakis noch lernen muss. Als er und seine jüngeren Brüder von dem neuen Freund ihrer Mutter missbraucht werden, taucht John Bunting auf. Ihm gelingt es, die Schamgefühle der Jungen in Aktionen gegen den Pädophilen zu lenken, bis dieser das Viertel freiwillig verlässt. Danach beginnt der Neo-Nazi Bunting, der Pädophile und Homosexuelle inbrünstig hasst, Jamie in seinem Sinn zu erziehen, bis er ihn zu den von ihm und seinen Freunden verübten Morden mitnimmt.
Dabei werden die Opfer immer austauschbarer und, weil wir nichts über sie wissen, erscheinen die Morde noch grundloser, als sie es schon in der Realität waren. Auch über die anderen Täter erfahren wir so gut nichts.
Dafür zeichnet Justin Kurzel ein Milieu, das von Perspektivlosigkeit, der Abwesenheit einer moralischen Instanz, staatlicherr Macht, Zivilisation und Bildung gekennzeichnet ist. Es gibt nur das überwältigende Gefühl eines Gruppenzwanges, eines Hasses auf alles und alle andere und einer allumfassenden Verrohung. So soll Jamie John Buntings Hund umbringen und als Jamie zögert, erschießt John in seiner Küche seinen Hund. Später foltern und bringen sie, in ihrem Viertel, eines ihrer Opfer in einer Badewanne in einem bewohnten Familienhaus um.
„Die Morde von Snowton“ ist kein schöner Film, aber beeindruckend in seiner formalen Geschlossenheit und Düsternis, die eine ausweglose Welt zeigt, in der die Habenichtse Habenichtse bleiben. Das wird besonders in den letzten Minuten deutlich.
Allerdings ist genau das auch das große Problem von „Die Morde von Snowtown“. Keiner der Charaktere, auch nicht der ruhige Jamie, bietet sich als Identifikationsfigur an. Sie sind alle in verschiedenen Abstufungen ablehnenswert und ihr Schicksal ist uns herzlich egal.
Dagegen ist „Winter’s Bone“ ein Feelgood-Movie und ein Torture-Porn-Horrorfilm eine nette Abendunterhaltung. „Die Morde von Snowtown“ ist ein deprimierender Film über eine Serie sinnloser Morde.
Die Morde von Snowtown (Snowtown, Australien 2011)
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Shaun Grant, Justin Kurzel
LV: Debi Marshall: Killing for Pleasure, 2006; Andrew McGarry: The Snowtown Murders, 2005
mit Daniel Henshall, Lucas Pittaway, Craig Coyne, Richard Green, Louise Harris