DVD-Kritik: „Flashpoint“ oder Aus dem Alltag einer Spezialeinheit der Polizei

Juni 16, 2010

Das Team steht im Mittelpunkt. Bei einem echten Spezialeinsatzkommando und auch in der kanadischen TV-Serie „Flashpoint“. Deshalb wird in der ersten Staffel der Krimiserie über die alltägliche Arbeit der Strategic Response Unit (SRU) der Polizei von Toronto das Privatleben der Teammitglieder Ed Lane, Gregory Parker, Julianna ‚Jules‘ Callaghan, Sam Braddock, Mike Scarlatti, Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth, Lewis Young und der ihnen ab und zu helfenden Psychologin Dr. Amanda Luria, falls überhaupt, nur in Nebensätzen thematisiert.

Ed Lane ist der einzige Polizist, dessen Familienleben auch etwas (dick unterstrichen!) gezeigt wird. Das liegt auch daran, dass die Folgen seines gerechtfertigten, gezielten Todesschusses während einer Geiselnahme in der Auftaktepisode „Skorpion“ in „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ und „Söhne des Krieges“ wieder angesprochen werden und er, neben Gregory Parker, das erfahrenste Teammitglied ist. Sie sind, soweit bei „Flashpoint“ davon gesprochen werden kann, die Hauptdarsteller.

„Skorpion“ ist dabei der etwas verunglückte Auftakt der spannenden und realistischen Serie. Denn die Geiselnahme ist bereits in der Mitte der Episode mit einem gezielten Todesschuss von Lane erledigt. Danach zeigen die Macher, was anschließend mit Lane geschieht: Er darf kein Wort mit seinen Kollegen wechseln. Er muss seine Waffe und seine Kleider abgeben. Er wird verhört und kehrt am Abend zu seiner Frau zurück. In den Interviews erzählen die Macher Mark Ellis und Stephanie Morgenstern, dass gerade diese Folgen eines Einsatzes, bei dem der Schütze, obwohl er auf Befehl handelte und ein Polizist ist, wie ein Verdächtiger behandelt wird, sie fasziniert habe. Und sie hatten sich gefragt, was ein Polizist tue, wenn er bereits am Vormittag einen Menschen erschießen müsse.

„Wie lief der Tag wohl für den Mann, der in aller Öffentlichkeit einen anderen Menschen exekutieren musste? Also starteten wir einige Nachforschungen in der Spezialeinheit von Toronto und fanden darin eine Quelle der Inspiration“, erzählt Erfinder Mark Ellis zur Inspiration für die Serie. In der ersten Episode zeigten sie dann, was sie bei ihren Nachforschungen erfahren haben.


Lane lässt, immerhin kennt er im Gegensatz zu einem deutschen TV-Polizisten die Prozedur und die Regeln, das Verfahren emotionslos über sich ergehen. Denn er hat nichts Falsches getan.

Der Sohn des toten Geiselnehmer sieht das anders. Petar Tomasic zeigt ihn an und in der Folge „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ muss Dillon ins Gericht. Diese Geschichte ist allerdings nur ein Subplot für die Geiselnahme von Michael Jameson. Der Sechsundzwanzigjährige möchte mit dem Staatsanwalt reden, der ihn vor elf Jahren mit manipulierten Beweisen ins Gefängnis schickte und ihm so eine lebenslange Biographie als Vergewaltiger und Mörder einer Gleichaltrigen verpasste.

In der letzten Episode der ersten Staffel erreicht dann der Konflikt zwischen Petar Tomasic und Ed Lane seinen Höhepunkt. Tomasic verteidigte in Kroatien sein Dorf gegen die Serben. Jetzt setzt er seine Fähigkeiten als Scharfschütze im Zentrum von Toronto ein.

In den anderen Folgen haben auch die anderen Teammitglieder große Auftritte. In „Warteliste“ versucht der Teamleiter und Hauptverhandler Gregory Parker einen Vater zur Aufgabe zu bewegen. Er kann nicht akzeptieren, dass aufgrund formaler Gründe seine todkranke Tochter kein Spenderherz bekommen soll.

In „Am Abgrund“ verfolgt eine Mädchen-Gang in einer Shopping-Mall eine Gleichaltrige. Als diese sich umbringen will, versucht Julianna ‚Jules‘ Callaghan sie davon abzuhalten. Auch in „Das verlorene Paradies“ muss Callaghan einen wichtigen Teil der Verhandlungen führen. Denn die beiden von einem Pädophilen entführten Kinder glauben, dass die Polizei sie umbringen will. Die Ältere versucht sie mit einer Pumpgun gegen die Eindringlinge zu beschützen. In „Zu viele Verlierer“ führt dagegen der Frischling im Team, Sam Braddock, die Verhandlungen. Eine Frau, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, hat die Geliebte ihres Mannes als Geisel genommen. Als sie erfährt, dass die Geliebte schwanger ist, eskaliert die Situation weiter.

Doch auch wenn einzelne Polizisten in verschiedenen Episoden einen wichtigeren Part beim Lösen des Konflikts haben, stehen – und das macht „Flashpoint“ zu einem bewegendem Drama – immer Täter und Opfer im Mittelpunkt. Denn nur wenn die Polizisten verstehen, warum der Konflikt eskalierte, können sie hoffen, die Situation erfolgreich zu deeskalieren. Bei jedem Einsatz ist ihr oberstes Ziel, dass niemand stirbt. Dabei kann die Sprache, wie in „Skorpion“ gezeigt wird, ein unüberwindbares Hindernis sein. Denn Verhandler Parker kann nur mit der Hilfe eines Übersetzers mit dem verzweifeltem Geiselnehmer reden.


In anderen Episoden geht es um einen Polizisten, der seine Frau schlägt („Angst“) oder um einen jungen Soldaten, der mit seinem Bruder abhauen will und in einem Streit seinen einflussreichen Vater verletzt („Ausgestoßen“). Auch hier erfahren die SRU-Männer erst langsam die wahren Hintergründe und plötzlich erscheint der Täter als Opfer oder als jemand, der etwas Gutes tun wollte und dabei ein Dynamik anstieß, die er nicht mehr beherrschen kann.

Einige Einsätze erscheinen auf den ersten Blick alltäglich. So soll die Einheit in „In der Schusslinie“ einen Drogenhändler verhaften. Aber aus der Verhaftung wird eine Geiselnahme mit einem schwerverletztem Undercover-Polizisten in der Wohnung des Drogenhändlers. In „Ohne jede Hoffnung“ wird aus einem Banküberfall eine Geiselnahme, bei der Räuber eine sehr persönliche Beziehung zu der Filialleiterin hat. Auch „Stunde der Wahrheit“ beginnt für das Einsatzkommando harmlos: sie sollen in einem Nobelhotel die Bodyguards für einen prominenten Unternehmer spielen. Als seine Frau entführt wird und kurze Zeit mit einer am Hals befestigten Bombe gefunden wird, müssen sie versuchen die Bombe zu entschärfen und die Täter zu finden.

Eine Bombe müssen sie auch in „Geister der Vergangenheit“ entschärfen. Zur gleichen Zeit ist Danny Rangford in der Zentrale der Spezialeinheit. Der ehemalige, hochgeachtete Kollege will sich umbringen. Denn er wird immer noch von einem alten zwanzig Jahre zurückliegendem Einsatz verfolgt, bei dem er sich für den Tod eines Jungen verantwortlich fühlt.

In dieser Folge stehen die seelischen Folgen der Arbeit für die Mitglieder der SRU, die sonst nur in Nebensätzen angesprochen werden, im Mittelpunkt.

Das Bonusmaterial ist überschaubar und nur in punkto Länge überzeugend. Das „Making of“ ist ein knapp fünfminütiges, wahrscheinlich für die Senderhomepage zusammengeschnittenes Promogedöns. Die Interviews mit den Schauspielern, den beiden Erfindern und dem Berater von der Polizei sind mit gut fünfzig Minuten zwar üppig ausgefallen, aber wenig tiefschürend. Das meiste, besonders wenn die Schauspieler ihre Rolle und das Besondere von „Flashpoint“ erklären, ist erkennbar Rohmaterial für Werbezwecke. Nur die Interviews mit den beiden Serienerfindern Mark Ellis und Stephanie Morgenstern, dem Hauptdarsteller Enrico Colantoni (der Vater von „Veronica Mars“) und dem Berater Barney McNeilly, einem ehemaligem Mitglied der Emergency Task Force (ETF) der Polizei von Toronto, die das Vorbild für die SRU ist, sind interessant.

Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 1 (USA/Kanada 2008)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‚Jules‘ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Ruth Marshall (Dr. Amanda Luria)

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DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews

Länge: 585 Minuten (13 Episoden auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

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Die ersten dreizehn Einsätze der SRU

Skorpion (Scorpio)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Warteliste (First in Line)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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In der Schusslinie (The Element of Surprise)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Angst (Asking for Flowers)

Regie: Clark Johnson

Drehbuch: Tassie Cameron

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Ohne jede Hoffnung (Who’s George?)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Adam Barken

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Am Abgrund (Attention Shoppers)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Tracey Forbes

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Ausgestoßen (He knows his Brother)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: Adam Barken

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Im Zweifel gegen den Angeklagten (Never kissed a Girl)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Esta Spalding

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Stunde der Wahrheit (Eagle Two)

Regie: Stephen Surjik

Drehbuch: Tassie Cameron

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Geister der Vergangenheit (Haunting the Barn)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

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Zu viele Verlierer (Backwards Day)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Esta Spalding

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Söhne des Krieges (Between heartbeats)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern, Tassie Cameron

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Hinweise

CTV über die Serie

CBS über die Serie

RTL II über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)


TV-Tipp für den 17. Juni: Flashpoint – Das Spezialkommando: Skorpion

Juni 16, 2010

RTL II, 20.15

Flashpoint – Das Spezialkommando: Skorpion (Can 2008)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Auftakt zu einer tollen Serie über eine Spezialeinheit der Polizei von Toronto, die versucht kritische Situationen ohne Waffengewalt zu lösen.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung der ersten Staffel.

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‚Jules‘ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‚Wordy‘ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Ruth Marshall (Dr. Amanda Luria)

Wiederholung: Freitag, 18. Juni, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Anmerkung

Der Trailer zeigt vor allem Szenen aus der zweiten, besseren Folge „Warteliste“. Die läuft nächsten Donnerstag.


TV-Tipp für den 16. Juni: Das Millionenspiel

Juni 16, 2010

EinsFestival, 20.15

Das Millionenspiel (D 1970, R.: Tom Toelle)

Drehbuch: Wolfgang Menge

LV: Robert Sheckley: The Prize of Peril, in „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“, Mai 1958 (Der Tod spielt mit, Kurzgeschichte)

Bernhard Lotz macht bei dem Millionenspiel mit. Die Spielregeln sind ganz einfach: wenn er, gejagt von drei Killern und immer beobachtet von Kameras, eine Woche in Deutschland überlebt und es in das Fernsehstudio schafft, dann erhält er eine Million DM.

Die brilliante, schwarze Satire war wegen eines Rechtsstreits (Menge verwandte Sheckleys Kurzgeschichte ohne Genehmigung) über dreißig Jahre im Giftschrank. Ein TV-Klassiker, der etliche aktuelle Produktionen alt aussehen lässt.

Die Idee einer Menschenjagd vor laufender Kamera wurde auch – ebenfalls auf Sheckleys Kurzgeschichte basierend – in „Kopfjagd – Preis der Angst“ (F 1982, R.: Yves Boisset, mit Gérard Lanvin, Michel Piccoli) verwandt. Stephen King (aka Richard Bachman) schrieb mit „Menschenjagd“ seine Version. Sie war die Vorlage für den Arnie-Action-Kracher „Running Man“ (USA 1987, R.: Paul Michael Glaser)t. Oh, und Sheckley selbst wandelte die Idee für den italienischen Pop-Art-S-F-Film „Das zehnte Opfer“ (I/F 1965, R.: Elio Petri) etwas ab.

Mit Jörg Pleva, Dieter Thomas Heck, Dieter Hallervorden, Peter Schulze-Rohr, Elisabeth Wiedemann, Heribert Fassbender, Ralf Gregan

Hinweise

Offizielle Robert Sheckley-Seite

Wikipedia über Robert Sheckley (deutsch, englisch)

Phantastik-Couch über Robert Sheckley

Alien Contact über Robert Sheckley (deutsch)

Die Kurzgeschichte „The Prize of Peril“ von Robert Sheckley


TV-Tipp für den 15. Juni: Sommer vorm Balkon

Juni 15, 2010

RBB, 22.15

Sommer vorm Balkon (D 2005, R.: Andreas Dresen)

Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase

Ein Fest für Berliner und Berlin-Freunde: Andreas Dresen verfolgt in seinem wahrscheinlich leichtesten Film die beiden Mittdreißigerinnen Nike und Katrin. Beide sind aus dem Leben gegriffene Charaktere, die ihre alltäglichen Probleme auch mit viel Humor kaum bewältigen können. Dank des liebevoll-melancholisch-humorvollen Tonfalls schwebt ein sehr angenehmer Hauch von Nouvelle Vague durch den skizzenhaften Film. Da fällt die dünne Story kaum auf.

Mit Nadja Uhl, Inka Friedrich, Andreas Schmidt, Stefanie Schönfeld

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sommer vorm Balkon“

Bonushinweis (beziehungsweise Aufnahmebefehl)

Anschließend läuft, um Mitternacht, „Eine Frau unter Einfluss“ (USA 1974, Regie/Buch: John Cassavetes).


TV-Tipp für den 14. Juni: Das Biest muß sterben

Juni 14, 2010

Arte, 20.15

Das Biest muß sterben (F/I 1969, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol

LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)

Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.

Ein schon lange nicht mehr gezeigter Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.

Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”

mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat

Wiederholungen

Mittwoch, 23. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Montag, 5. Juli, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Arte über den Programmschwerpunkt

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Kirjasto über Nicholas Blake


TV-Tipp für den 13. Juni: Ein (un)möglicher Härtefall

Juni 13, 2010

RTL, 20.15

Ein (un)möglicher Härtefall (USA 2003, R.: Joel Coen, Ethan Coen)

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen, Robert Ramsey, Matthew Stone (nach einer Geschichte von Robert Ramsey, Matthew Stone und John Romano)

Ein skrupelloser und erfolgreicher Scheidungsanwalt verliebt sich in eine Heiratsschwindlerin.

Die Coen-Version einer Screwball-Comedy. Dank Clooney, Zeta-Jones und Thornton durchaus okay, aber nicht ihr bestes Werk. Danach drehten sie ein überflüssiges Remake von „The Ladykillers“.

Mit George Clooney, Chatherine Zeta-Jones, Geoffrey Rush, Cedric the Entertainer, Edward Herrmann, Paul Adelstein, Richard Jenkins, Billy Bob Thornton

Wiederholung: Montag, 14. Juni, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über die Coen-Brüder (deutsch, englisch)

„You know, for Kids“ (Coen-Seite)


TV-Tipp für den 12. Juni: Der Manchurian Kandidat

Juni 11, 2010

Pro 7, 20.15

Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Wiederholung: Sonntag, 13. Juni, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Manchurian Kandidat“

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)


TV-Tipp für den 11. Juni: Tatort: Wolfsstunde

Juni 11, 2010

ARD, 21.45

Tatort: Wolfsstunde (D 2008, R.: Kilian Riedhof)

Drehbuch: Kilian Riedhof, Marc Blöbaum

In Münster wird eine Studentin ermordet. Der verdächtige Ex-Freund flieht. Thiel glaubt, dass ein Serientäter sein Unwesen treibt. Professor Boerne nervt Alberich, Thiel und alle, denen er begegnet und selbstverständlich verfolgt er eine eigene Theorie.

Aber der Fall ist, solange der maulfaule Thiel und der arrogante Professor Boerne sich die Bälle zuschieben, egal.

mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Großmann, Claus D. Clausnitzer, Thomas Dannemann, Katharina Lorenz, Arnd Klawitter, Jörg Pilawa

Hinweise

ARD über das Team Thiel/Boerne

Tatort-Fundus über das Team Thiel/Boerne


TV-Tipp für den 10. Juni: Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Juni 9, 2010

ARD, 22.45

Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (USA/F 2005, R.: Tommy Lee Jones)

Drehbuch: Guillermo Arriaga

Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.

Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.

Der Film ist Tommy Lee Jones‘ bislang einziger Kinofilm.

mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“

Unionsverlag über Guillermo Arriaga


TV-Tipp für den 9. Juni: Tod in der Tiefe

Juni 9, 2010

Arte, 20.15

Tod in der Tiefe (D 2010, R.: Dirk Pohlmann)

Drehbuch: Dirk Pohlmann

1968 verschwinden ein russisches und ein amerikanisches Atom-U-Boot. Die 45-minütige Doku versucht herauszufinden, was damals geschah.

Wiederholung: Dienstag, 15. Juni, 11.30 Uhr

Hinweis

Arte über die Doku


Zwei Exemplare von „In the electric mist“ zu gewinnen

Juni 8, 2010

Die netten Damen von Koch Media haben mir zwei DVDs der neuesten und sehr gelungenen James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist – Mord in Louisiana“ gegeben. Bertrand Tavernier, dem wir schon die geniale Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“ verdanken, führte Regie. Tommy Lee Jones spielt den in New Iberia, Louisiana, arbeitenden Detective Dave Robicheaux. Er jagt den Mörder einer neunzehnjährigen Prostituierten. Gleichzeitig wird er mit der Südstaatenvergangenheit konfrontiert: eine Filmcrew dreht einen historischen Film und der Star des Films erzählt Robicheaux, dass er in den Sümpfen die verweste Leiche eines Mannes in Ketten gesehen habe. Das löst bei dem trockenen Alkoholiker Robicheaux Erinnerungen an die eigene Vergangenheit aus – und dann sieht er in seinem Garten immer wieder den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Schnell legt Robicheaux sich bei seinen Ermittlungen mit dem lokalen Paten und alten Kumpel Julie ‚Baby Feet‘ Balboni, der auch Geld in den Film investiert hat, an. Dabei ist nicht immer erkennbar, wie sehr Robicheaux einen persönlichen Rachefeldzug veranstaltet oder wirklich eine Spur verfolgt.

Der Film ist, wie die inzwischen nicht mehr übersetzten Romane des in den USA hochgeschätzten James Lee Burke, kein konventioneller Krimi. Er ist vor allem das Porträt eines von den Dämonen der Vergangenheit, der eigenen Schuld, Selbsthass und der Suche nach Erlösung getriebenen Charakters, einer korrupten Gesellschaft und einer tropisch-schwülen Landschaft, in der die Vergangenheit noch sehr lebendig ist. Die Bilder des immer noch vom 2005er Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans verstärken diesen Eindruck.

Die Besetzung ist hochkarätig. Neben Tommy Lee Jones spielen John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince und Levon Helm mit und Blues-Musiker Buddy Guy spielt einige Songs, die den größten Teil der geschnittenen Szenen ausmachen.

Das Drehbuch ist von Jerzy Kromolowski und Mary Olson-Kromolowski, die auch das Drehbuch für Sean Penns grandiose Friedrich-Dürrenmatt-Verfilmung „Das Versprechen“ (The Pledge) schrieben.

„In the electric mist“ lief bereits erfolgreich auf der Berlinale und dem Fantasy Filmfest. Aber für einen Kinostart hat es nicht gereicht.

Nach dem ganzen Gelaber wollt ihr sicher nur eines wissen: Wie komme ich an das Teil?

Ganz einfach. Ihr schickt eine E-Mail an info[@]axelbussmer.de und schreibt in den Betreff „Ich will ‚In the electric mist’“.

Am kommenden Mittwoch, den 16. Juni, werde ich dann die beiden Gewinner auslosen und die DVDs verschicken.

Einsprüche gegen dieses Verfahren sind zwecklos.


TV-Tipp für den 8. Juni: Der Bauch des Architekten

Juni 8, 2010

RBB, 22.45

Der Bauch des Architekten (GB/I 1987, R.: Peter Greenaway)

Drehbuch: Peter Greenaway

Ein Architekt erlebt während der Vorbereitungen für eine Ausstellung in Rom eine ausgewachsene Sinnkrise.

„Ein schrecklich deprimierender Film – und ein Lehrstück über das Sehen und Bilden, unter anderem, ein Film von ausgesuchter optischer Raffinesse, voller dunkelleuchtender Farben.“ (Fischer Film Almanach 1988)

Aber: „Die Filme funktionieren freilich auch auf der schlichten narrativen Ebene, sind unterhaltsam und komisch.“ (ebenda)

Damals war der Avantgarde-Künstler Peter Greenaway nach seinem Spielfilmdebüt „Der Kontrakt des Zeichners“ (The Draughtsman’s Contract) und dem unbekannteren „Eine Z und zwei Nullen“ (A Zed & two Noughts) und vor „Verschwörung der Frauen“ (Drowning by Numbers), „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ (The Cook, the Thief, his Wife and her Lover) und „Prosperos Bücher“ (Prospero’s Books) auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit als Filmregisseur.

Heute ist eine der seltenen Gelegenheiten den „Bauch des Architekten“ zu bewundern.

mit Brian Dennehy, Chloe Webb, Lambert Wilson, Sergio Fantoni

Hinweise

Wikipedia über Peter Greenaway (deutsch, englisch)

Homepage von Peter Greenaway

Homepage über Peter Greenaway

Noch eine Seite über Peter Greenaway


TV-Tipp für den 7. Juni: Der Schrei der Eule

Juni 7, 2010

Arte, 20.15

Der Schrei der Eule (F 1987, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol, Odile Barski

LV: Patricia Highsmith: The Cry of the Owl, 1962 (Der Schrei der Eule)

Robert beobachtet nachts heimlich die schöne Juliette. Sie verliebt sich in ihn und verlässt ihren Verlobten Patrick. Als er nach einer Schlägerei spurlos verschwindet, wird Robert des Mordes verdächtigt. Aber Patrick ist noch quicklebendig.

Highsmith sezierte in ihren Büchern die Abgründe des Bürgertums. Chabrol in seinen Filmen. „Der Schrei der Eule“ markiert das langerwartete Treffen. Ein feiner Film.

Mit Christophe Malavoy, Mathilda May, Jacques Penot

Wiederholungen

Freitag, 18. Juni, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Dienstag, 22. Juni, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Arte über den Programmschwerpunkt


TV-Tipp für den 6. Juni: Killer stellen sich nicht vor

Juni 5, 2010

3sat, 01.15

Killer stellen sich nicht vor (F 1980, R.: Jacques Deray)

Drehbuch: Jacques Deray, Christopher Frank

LV: Jean-Patrick Manchette: Trois hommes à abattre, 1976 (Killer stellen sich nicht vor/Westküstenblues)

Monsieur Emmerich läßt einige seiner Angestellten, die mit seiner Geschäftspolitik nicht einverstanden sind, aus dem Weg räumen. Als Spieler Gerfaut einen der schwer verletzten Angestellten an einer Straße entdeckt, bringt er ihn in ein Krankenhaus und setzt sich selbst – ohne sein Wissen – auf Emmerichs Todesliste. Gerfaut nimmt den Kampf auf.

Der Film mit hat nichts mit dem Buch zu tun. Naja, bis auf den Autounfall am Anfang.

Davon abgesehen: französischer Politthriller, der die Genreerwartungen gut bedient.

Mit Alain Delon, Dalila Di Lazzaro, Michel Auclair

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Distel Literaturverlag über Jean-Patrick Manchette

Französische Seite über Jean-Patrick Manchette


TV-Tipp für den 5. Juni: Tatort – Tod eines Mädchens

Juni 5, 2010

NDR, 20.15

TATORT: Tod eines Mädchens (D 1991, R.: Jürgen Roland)

Drehbuch: Horst Bieber

Hat Bading ein Mädchen umgebracht? Stoever und Brockmöller meinen ja, bis sie ihren Hauptverdächtigen ermordet finden.

Guter Einsatz der damals noch nicht singenden Kommissare.

Mit Manfred Krug, Charles Brauer, Helmut Zierl, Monica Bleibtreu

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Horst Bieber

Meine Besprechung von Horst Biebers „Sein letzter Tresor“

Meine Besprechung von Horst Biebers „Anna verschwindet“


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Juni 4, 2010

Trotz Feier- und Brückentagen hat der sonnenbadende Alligator-Alfred meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps hübsch bebildert und online gestellt. Welche Krimiverfilmungen laufen demnächst im TV?

Viel skandinavisches Holz wird die kommenden Tage im Fernsehen gezeigt. Wer auch andere Wälder erkunden will, sollte sich Sidney Lumets Reginald-Rose-Verfilmung „Die zwölf Geschworenen“, Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung „Misery“ (nach einem Drehbuch von William Goldman), Claude Chabrols Patricia-Highsmith-Verfilmung „Der Schrei der Eule“ und seine Nicholas-Blake-Verfilmung „Das Biest muß sterben“, René Clements Day-Keene-Verfilmung „Wie Raubkatzen“, Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste“, Jonathan Demmes Richard-Condon-Verfilmung „Der Manchurian Kandidat“, Barry Sonnenfelds Elmore-Leonard-Verfilmung „Schnappt Shorty“, Jack Smights Ross-MacDonald-Verfilmung „Ein Fall für Harper“ (Uups, noch ein Drehbuch von William Goldman) und Damiano Damianis Leonardo-Sciascia-Verfilmung „Don Mariano weiß von nichts“ ansehen.


TV-Tipp für den 4. Juni: Für alle Fälle Fitz – Nine Eleven

Juni 4, 2010

ZDFneo, 23.15

Für alle Fälle Fitz: Nine Eleven (GB 2006, R.: Antonia Bird)

Drehbuch: Jimmy McGovern

„Nine Eleven“ ist der okaye Nachklapp zur legendären Serie „Für alle Fälle Fitz“ (Cracker): der Psychologe Eddie „Fitz“ Fitzgerald besucht wegen der Hochzeit seiner Tochter wieder das inzwischen gründlich durchsanierte Manchester. Fitz, der sich in den vergangenen Jahren kein Jota änderte, torpediert zuerst die Hochzeit und mischt sich anschließend in einen Mordfall ein: zwei Amerikaner wurden ermordet.

„Nine Eleven“ verbindet gelungen den Antiterrorkrieg der USA mit dem Nordirlandkonflikt und, wenn es die vorherigen „Cracker“-Filme nicht gäbe, hätte mir der bislang letzte Auftritt von Robbie Coltrane als Fitz noch besser gefallen.

Jimmy McGoverns Drehbuch war vollkommen zu Recht für den Edgar nominiert.

ZDFneo zeigt an den kommenden Freitagen die ersten „Cracker“-Episoden. Allerdings scheint es sich um leicht gekürzte Fassungen zu handeln. Auf DVD sind die ungekürzten Folgen erschienen.

mit Robbie Coltrane, Barbara Flynn, Kieran O’Brien, Anthony Flanagan

Hinweis

Meine Besprechung der Komplettbox „Für alle Fälle Fitz“ (Cracker)


Buch-/Filmkritik: Stieg Larssons „Vergebung“

Juni 3, 2010

Wer die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson verschlungen hat, wird natürlich auch in den dritten Teil gehen und sich an einer romannahen Verfilmung erfreuen können. Auch wenn ein gesamter Subplot entfernt wurde. Aber wie schon in „Verblendung“ und „Verdamnis“ bleibt das Gerüst der Geschichte intakt.

Für die anderen Menschen – nun, sieht das Ganze etwas anders aus.

„Vergebung“ schließt nahtlos an den zweiten Teil „Verdammnis“ an. Lisbeth Salander liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Ihr Vater Alexander Zalachenko (im Buch Zalatschenko) im Zimmer nebenan und ihr Bruder Ronald Niedermann ist auf der Flucht. Der Staat bereitet die Anklage gegen Lisbeth vor. Immerhin hat sie versucht ihren Vater zu töten. Ihr Freund, der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist, versucht ihr zu helfen.

Gleichzeitig versuchen die Beamten, die den russischen Überläufer Zalachenko die letzten Jahrzehnte schützten, ihn und damit auch sich weiterhin zu schützen.

Diese Aufräumaktion und wie sie schiefgeht wird im Film und im Buch in epischer und quälend-langatmiger Breite erzählt. Denn anstatt die Karten neu zu verteilen und damit alle Gewissheiten aus „Verdammnis“ wieder zumindest in Frage oder sogar komplett auf den Kopf zu stellen, erzählt Larsson einfach chronologisch weiter, was passiert. Deshalb ist die Hauptstory (Mikael versucht Lisbeth zu rehabilitieren) nur ein dröger Nachklapp zu der vorherigen Geschichte. Es ist, weil eigentlich in „Verdammnis“ bereits alles gesagt wurde und in „Vergebung“ keine neuen Erkenntnisse die alten Gewissheiten in Frage stellen, ein elend langer Epilog, bei dem viel, aber immer mit klarer Rollenverteilung, intrigiert wird. Denn Zalachenkos Freunde von der Sicherheitspolizei (SiPo) wollen Lisbeth Salander jetzt endgültig in die Psychiatrie einweisen lassen.

Auf der Leinwand ist dieses Pläneschmieden von einer Armada sprechender Köpfe oft ziemlich langweilig anzusehen. Denn Kino ist Bewegung und in „Vergebung“ gibt es das nur homöopathische Dosen.

Wenn Larssons Charaktere nicht gerade reden, schreiben und lesen sie. Das ist in einem Roman kein Problem, aber auf der Leinwand, wenn notgedrungen mit Voice-Over und Selbstgesprächen gearbeitet wird, langweilig.

Dagegen fällt immer stärker auf, dass die Bücher von Stieg Larsson Märchen für Erwachsene sind. Es gibt die edlen Guten und die fiesen, teilweise erstaunlich dilettantisch agierenden Bösen. Dazwischen gibt es nichts und am Ende geht die Geschichte gut aus. Denn der edle Ritter (aka Mikael Blomkvist, der nicht Kalle Blomkvist genannt werden möchte) hat die Jungfrau (aka Lisbeth Salander, die zeitgemäße Version von Pippi Langstrumpf mit starken Verhaltensstörungen) gerettet. Dass Salander am Ende noch einmal ihrem untergetauchten Bruder begegnet, ist nur ein Tribut an die gewandelten Zeiten. Immerhin gibt es inzwischen in Buch, Film und Computerspiel genug Frauen, die lustvoll ganze Horden von Männern verprügeln und töten.

So vereint „Vergebung“ das Beste und das Schlechteste von Stieg Larsson jetzt auch im Film. Obwohl wieder viel überflüssiger Ballast gestrichen wurde, ist der Film viel zu lang. Genaugenommen ist „Vergebung“ nur ein Epilog zu „Verdammnis“, der anstatt 5 Minuten fast 150 Minuten dauert und überraschungsfrei und ziemlich humorlos die Stationen eines Strafverfahrens abhakt. Nur die superdoofen Gegner von unserem tapferen Journalisten Blomkvist erstaunen immer wieder.

Für Larsson-Fans ist „Vergebung“ sicher eine probate Illustration des Buches. Wer aber den zweiten Teil der Millenium-Trilogie „Verdammnis“ nicht gelesen oder gesehen hat, wird sich beim Sehen von „Vergebung“, weil die meisten Charaktere und Hintergründe nicht mehr eingeführt werden, öfters sehr verloren fühlen.

In Schweden ist bereits die deutlich TV-Version von „Verblendung“ (dem besten Film der Trilogie), „Verdammnis“ und „Vergebung“ gelaufen. Larsson-Fans sollten sich also überlegen, ob sie sich jetzt die Einzel-DVDs kaufen oder auf den Extended-Cut warten.

Vergebung (Luftslottet som sprängdes, Schweden/Dänemark/Deutschland 2009)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Ulf Rydberg (nach dem Roman von Stieg Larsson)

mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Jacob Ericksson, Sofia Ledarp, Mikael Spreitz, Niklas Hjulström, Lena Endre, Michalis Koutsogiannakis, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Anders Ahlborn Rosendahl

Vorlage

Stieg Larsson: Vergebung

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne 2008

864 Seiten

9,95 Euro (Taschenbuch)

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Originalausgabe

Luftslottet som sprängdes

Norstedts Förlag, Stockholm 2007

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Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Vergebung“

Meine Besprechung von „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von „Verdammnis“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Juni: Masken

Juni 3, 2010

Arte, 20.15

Masken (F 1987, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Odile Baski, Claude Chabrol

Der Pariser Journalist Roland Wolf will den berühmten, für seine Wohltätigkeit bekannten Showmaster Christian Legagneur auf dessen Landsitz interviewen. Dabei blickt er hinter Legagneurs Fassade. Außerdem will Wolf herausfinden, was dort mit seiner Schwester geschah.

„Die Deformation beim Tanz um das goldene Kalb, die behaglich rosa getönte Fassade von Habgier und rücksichtsloser Menschenverachtung, die Verlogenheit in den Unterhaltungsmedien. Typische Themen in Chabrols Oeuvre, das mit diesem Film um ein unterhaltsames Meisterwerk reicher geworden ist.“ (Fischer Film Almanach 1988)

Arte nimmt den 80. Geburtstag von Claude Chabrol am 24. Juni zum Anlass, einige seiner Filme wieder zu zeigen. Nach „Masken“ stehen „Der Schrei der Eule“ (Montag, 7. Juni), „Das Biest muss sterben“ (Montag, 14. Juni), „Der Frauenmörder von Paris“ (Montag, 21. Juni) und „Betty“ (Donnerstag, 24. Juni) auf dem Programm.

Mit Philippe Noiret, Robin Renucci, Bernadette Lafont, Monique Chaumette

Wiederholungen

Dienstag, 15. Juni, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Sonntag, 20. Juni, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Arte über den Programmschwerpunkt


DVD-Kritik: John Wayne ist „Der letzte Scharfschütze“

Juni 2, 2010

Wenn man heute den Roman „The Shootist“ von Glendon Swarthout liest, hat man immer John Wayne vor Augen. Denn wer außer dem ikonischen Westerndarsteller sollte einen alternden Revolverhelden spielen?

In der gleichnamigen, sich sehr genau an den Roman haltenden Verfilmung spielte John Wayne dann den gefürchteten Revolverhelden John Bernard Books. Am 22. Januar 1901 nimmt er in Carson City ein Zimmer bei der Witwe Bond Rogers (Lauren Bacall). Sein Arzt (James Stewart) hatte ihm gesagt, dass er Krebs habe (das war damals die Todesursache Nr. 1 für Revolverhelden) und in wenigen Wochen qualvoll sterben werde.

Glendon Swarthout entwarf in seinem Roman ein pessimistisches Bild der Gesellschaft und Don Siegel hatte, obwohl der Film etwas positiver endet, keine Probleme, dem zu folgen. In „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (doofer denglischer Titel) ist der Revolverheld Books von einer Horde Geschäftemacher, die alle seinen Tod als eine Möglichkeit zum Geldverdienen sehen und sich dafür nicht schämen, und einem Ortspolizisten, der seine Freude über Books baldiges Sterben auch vor Books nicht verbirgt, umgeben. Books wenigen „Freunde“ sind seine Vermieterin und sein Arzt, den er seit fünfzehn Jahren (also seit „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“) nicht mehr gesehen hat. In einem solchen Umfeld wird der mehrfache Mörder Books zu einem ehrlichen Mann, der seinem Kodex folgt und Gewalt immer nur zur Selbstverteidigung benutzt.

Books, der sich über die menschliche Natur keine Illusionen macht, treibt in seinen letzten Tagen den Preis für sein Eigentum und seinen Leichnam in die Höhe. Nicht weil er das Geld für sich oder seine Nachkommen (die es nicht gibt) benötigt, sondern aus Prinzip. Aus Prinzip wirft er auch einen Journalisten, der Books Geschichte leicht ausgeschmückt verkaufen möchte, aus dem Gästehaus der Witwe Rogers.

Gleichzeitig freundet Books sich, soweit das ein Mann, der immer auf sich allein gestellt war, mit seiner Vermieterin Bond Rogers an und er versucht für ihren Sohn Gillom (der spätere Regisseur Ron Howard [zuletzt „Frost/Nixon“ und „Illuminati“]) ein Vater zu sein. Denn Gillom bewundert den Revolverhelden maßlos.

In diesen Tagen fragt Books sich, wie er sterben möchte und welches Bild von sich er der Welt überlassen will. Dafür bereitet er seinen Tod, in einem abschließendem Duell, präzise vor.

Am Ende macht er der Stadt sogar, wie im Buch ein Bewohner von Carson City sagt, noch ein Geschenk: „He killed every hard case around!“

Gleichzeitig hat er sich einen würdigen Abgang verschafft.

Jedenfalls im Film.

Dass „Der Shootist“ John Waynes letzter Film wurde, ahnte 1976 niemand. Damals war es nur ein weiterer John-Wayne-Film. Aber jeder wusste, dass der am 26. Mai 1907 geborene John Wayne langsam zu alt wurde, um den Cowboy zu spielen. Viele bekannte Schauspieler, die von dem Projekt hörten, wollten eine der letzten Gelegenheiten wahrnehmen, mit der Legende zu spielen – und verzichteten dafür auch auf ihre üblichen Gagen. So kostete der Film trotz seiner namhaften Besetzung nur 4,5 Millionen Dollar.

Als John Wayne am 11. Juni 1979, wie Books, an Krebs starb, erhielt der Film eine bittere Pointe. Denn während des Drehs glaubte John Wayne, den Krebs besiegt zu haben.

Inzwischen ist „Der Shootist“, wie Swarthouts Roman, ein Western-Klassiker. Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.

Außerdem ist der von Don Siegels inszenierte melancholische Spätwestern unbestritten einer von John Waynes besten Filme – und in jedem Fall, nach einigen schwachen und durchschnittlichen Filmen, ein würdiger Abschied aus dem Filmgeschäft.

Der Shootist – Der letzte Scharfschütze (The Shootist, USA 1976)

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Miles Hood Swarthout, Scott Hale

LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)

mit John Wayne, Lauren Bacall, Ron Howard, James Stewart, Richard Boone, Hugh O’Brian, Bill McKinney, Harry Morgan, John Carradine, Richard Lenz, Scatman Crothers

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DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Booklet, Trailer (deutsch, englisch), zwei Teaser mit Behind-the-Scenes-Aufnahmen, Bildergalerie, Wendecover

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Wikipedia über „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (deutsch, englisch)

New York Times: Richard Eder bespricht „The Shootist“ (12. August 1976 – eher negativ)

Homepage von Glendon Swarthout