Fundstücke

Mai 29, 2009

Nicht immer sind die Autoren mit den Verfilmungen ihrer Romane zufrieden. Der A. V. Club hat 13 Beispiele aufgeschrieben. Einige der aufgeführten, hm, Fälle kannte ich schon. Stephen King und „Shining“. Brian Garfield und „Death Wish“.  Clive Cussler und „Sahara“. Und natürlich den krönenden Abschluss der Liste.

Lawrence Block, Elmore Leonard und Donald Westlake fehlen.

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Bei Barry Eisler gibt es die Mitschrift eines Gespräches zwischen zwei, in Afghanistan in einer Höhle sitzenden Terroristen.

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J. D. Rhoades schreibt über seine Tätigkeit als Juror für den diesjährigen Edgar und gibt Verlegern (und Autoren) einige Hinweise für die erfolgreiche Teilnahme bei Wettbewerben.

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Sean Chercover denkt über „Elmore Leonard and Anthony Neil Smith and Adverbs“ nach.

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Und hier sind die Schreibregeln von Anthony Neil Smith:

I’m trying to get lost in the story, in the voice, and not distracted by the writer trying to show me what a hot shit genius writer he or she is.  When the voice hooks me, the story can be about anything and I’ll follow right along.


TV-Tipp für den 29. Mai: Serpico

Mai 29, 2009

Das Vierte, 20.15

Serpico (USA 1973, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: Waldo Salt, Norman Wexler

LV: Peter Maas: Serpico, 1971

Serpico ist ein junger, idealistischer Polizist, der auch gegen die Korruption im System vorgehen will. Seine Kollegen und Vorgesetzten findet das nicht gut.

Grandioser, auf Tatsachen beruhender, vor Ort gedrehter, pessimistischer Cop-Thriller mit Al Pacino

„Die Karriere von Frank Serpico…erlaubt Lumet einen breiten, aber detaillierten Angriff auf die in der Stadt ausgebreitete Korruption und die frustrierenden Mechanismen der Bürokratie bei ihrer Selbstverteidigung, während die emotionalen Kräfte seines Films, dieses Mal, denen des Helden treffend angepasst sind.“ (Richard Combs in Monthly Film Bulletin)


TV-Tipp für den 28. Mai: Mitternacht im Garten von Gut und Böse

Mai 28, 2009

Arte, 21.00

Mitternacht im Garten von Gut und Böse (USA 1997, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: John Lee Hancock

LV: John Berendt: Midnight at the Garden of Good and Evil, 1994 (Mitternacht im Garten der Lüste)

Der New Yorker Reporter John Kelso soll in Savannah, Georgia, nur über die traditionelle Weihnachtsfeier eines vermögenden Antiquitätenhändlers berichten. Aber dann geschieht ein Mord und Savannah hat einen ausgewachsenen Skandal.

Bei der Verfilmung des, an der Kinokasse ziemlich untergegangenen, True-Crime-Bestsellers von John Berendt beschränkte Clint Eastwood sich auf die Regie. Er inszenierte ein langes, nicht sonderlich spannendes, in einer Gerichtsverhandlung mündendes  Opus über die Doppelmoral im Süden der USA.

„Eastwoods Faszination für gepflegte Langsamkeit [verlangt] dem Zuschauer einiges an Geduld ab. Wer sie aufbringt, wird entlohnt mit dem exotischen Sittengemälde einer bizarren Gesellschaft der obersten Tausend.“ (Angie Dullinger, AZ)

Mit John Cusack, Kevin Spacey, Jude Law, Alison Eastwood, Lady Chablis (als sie selbst)

Wiederholungen

Freitag, 5. Juni, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Freitag, 5. Juni, 14.45 Uhr

Hinweise

Booknotes: Interview mit John Berendt (28. August 1997)


Kleinkram mit/von/über Michael Connelly, Tom Piccirilli, Ken Bruen, John Harvey – und die Schweiz

Mai 27, 2009

Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Romans „The Scarecrow“ hat Michael Connelly den dreiteiligen Film „Conflict of Interest“ gemacht:

Michael Connelly has always tried to give his readers bonus material with each new novel. Short stories, lost chapters, and visual adaptations. This time we have something new. A short film called „Conflict of Interest,“ which features the exploits of FBI Agent Rachel Walling leading up to the point she enters the story of THE SCARECROW. Don’t worry, there are no spoilers here. The story runs parallel to THE SCARECROW. The case Rachel is working comes very close to the story Jack McEvoy is chasing. Written by Michael Connelly, the film will be available in three parts.


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Tom Piccirilli schreibt über die George-V.-Higgins-Verfilmung „The Friends of Eddie Coyle:

In what may be the finest performances of his long and acclaimed career, Robert Mitchum plays small-fish gunrunner Eddie “Fingers” Coyle in director Peter Yates’s film version of George V. Higgins’s brilliant and highly influential crime novel. (…)

Paul Monash’s faithfully adapted script is compelling, convincing, and razor-wire taut. The dialogue is pitch-perfect poetry of the gutters. The location shooting in Boston and environs along with the semi-documentary style to the film lends an already dark and realistic movie even more gritty authenticity. The deceptively simple story shrugs forward step by step in the finest film noir fashion, advancing to an inevitable, gut-wrenching, yet subdued finale. A true cinematic gem, this is one of the best American crime films of the 70s.

Der Anlass? Die DVD-Veröffentlichung in den USA (was natürlich auf eine deutsche Veröffentlichung in naher Zukunft hoffen lässt. Denn im TV ist er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelaufen.).

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Darüber dürfte Ken Bruen sich freuen.

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John Harvey (er hat gerade seinen hundertsten Roman veröffentlicht) möchte kürzer treten. Nur noch alle zwei Jahre ein Buch und stattdessen…

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Die neue Ausgabe von CrimeScene beschäftigt sich mit der Schweiz. Die Ausgaben zu Frankreich und Niederland gibt es hier.


TV-Tipp für den 27. Mai: Tatort: Brüder

Mai 27, 2009

WDR, 23.40

Tatort: Brüder (D 1997, R.: Hartmut Griesmayr)

Drehbuch: Wolfgang Brenner

Kommissar Flemmings Zwillingsbruder, ein Anwalt, der jetzt Spitzenkandidat einer konservativen Partei ist, gerät in Mordverdacht. Denn in seinem Auto wurde im Wahlkampf eine von ihm schwangere Studentin erschossen.

Letzter Flemming-Tatort, mit Flemming-Darsteller Martin Lüttge in einer Doppelrolle. – Bestenfalls, wie alle Flemming-Tatorte, solala.

Mit Martin Lüttge, Roswitha Schreiner, Ulrich Gebauer, Diana Körner, Hans-Christoph Blumenberg

Hinweise

Schmalenbach (Homepage von Wolfgang Brenner, letzte Aktualisierung circa 2000)

Lexikon deutschen Krimiautoren über Wolfgang Brenner

Krimi-Couch über Wolfgang Brenner

Meine Besprechung von Wolfgang Brenners „Bollinger und die Friseuse“ (2007)


Cover der Woche

Mai 26, 2009

Stark - Die Singdrossel


TV-Tipp für den 26. Mai: The Score

Mai 25, 2009

Kabel 1, 20.15

The Score (USA/D 2001, R.: Frank Oz)

Drehbuch: Kario Salem, Lem Dobbs, Scott Marshall Smith (nach einer Geschichte von Daniel E. Taylor und Kario Salem)

Hehler Max überredet den immer allein arbeitenden Profieinbrecher Nick Wells zu einem Einbruch ins ausgezeichnet gesicherte Zolllager von Montreal. Dort ist für einige Tage ein wertvolles Königszepter. Die Pläne erhält Nick dank eines Insiders. Dummerweise will der Insider bei dem Coup nicht nur helfende Hand sein.

Drei Schauspielgiganten in einem amüsanten Caper. Was will man mehr an einem lauschigen Frühlingsabend?

“The Score” ist der letzte Film von Marlon Brando. Nach mehreren, sehr höflich formuliert, schlechten Werken, gelang ihm mit dem elegant, altmodischen “The Score” ein würdevoller Abschied.

Mit Robert De Niro, Edward Norton, Marlon Brando, Angela Bassett, Gary Farmer, Paul Soles


Im Verhörzimmer: Horst Eckert über „Sprengkraft“

Mai 22, 2009

Horst Eckert SW

Zur Veröffentlichung von Horst Eckerts neuem Roman „Sprengkraft“ habe ich unserem besten Autor von Polizeiromanen und Politthrillern einige Fragen zu seinem neuen Roman gestellt.

In „Sprengkraft“ explodiert in einer Hinterhofmoschee eine Bombe. War das ein fehlgeschlagener islamistischer Anschlag? Ein erfolgreicher rechtsradikaler Anschlag? Oder sollte ein Zeuge beseitigt werden? Während Anna Winkler und Martin Zander ermitteln, versucht eine rechtsradikale Partei, die jetzt mit einer CDU-Politikerin als Vorsitzenden in den Landtag einziehen will, von dem Attentat zu profitieren.

„Sprengkraft“ ist Horst Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation und schon jetzt einer der besten deutschen Kriminalromane des Kalenderjahres.

Was war die Inspiration für „Sprengkraft“?

Da kam Einiges zusammen: Die Kofferbomben, die 2006 in zwei Zügen gefunden wurden, die Sauerlandzelle, die angeblich im Jahr 2007 ein großes Attentat plante. Darauf reagieren die Sicherheitspolitiker mit Grundgesetzänderungen, als hätten sie nur auf einen Anlass gewartet, um die totale Kontrolle des Staates über die Bürger zu verwirklichen. Und auch der Alltag in den Städten wandelt sich. Wir haben die meisten Migranten nie integriert. Früher schienen sie uns egal zu sein, heute fallen uns ihre Bärte und Kopftücher auf. Wo Minarette gebaut werden, regt sich Misstrauen und Angst vor dem Fremden. Der Konflikt nimmt absurde Formen an: Erzkonservative, die sich noch vor kurzem gegen die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe gewehrt haben, wettern heute gegen den Islam – im Namen der Frauenrechte! Ich kann mir vorstellen, dass die Kulturen bald noch heftiger aufeinanderprallen. Wenn die Arbeitslosenzahlen steigen, Zukurzgekommene einen Sündenbock suchen – und vielleicht tatsächlich mal eine Bombe hochgeht.

Wenn man „Sprengkraft“ in eine Reihe mit deinen vorherigen Romanen stellt, ist eine Entwicklung zu immer politischeren Geschichten festzustellen. Ist das, wie bei Maj Sjöwall/Per Wahlöö, eine bewusste Entwicklung oder geschah das eher unbewusst?

Ich entscheide spontan von Roman zu Roman. Gänzlich unpolitisch waren meine Bücher nie. Ob ich über Korruption bei der Polizei schreibe, über kommunalpolitische Eskapaden eines Provinzfürsten, über den Afghanistankrieg oder über eine Konzernfusion. Vielleicht ist bei „Sprengkraft“ zum ersten Mal das Etikett des Politthrillers berechtigt. Das heißt aber nicht, dass mein nächster Roman ebenfalls einer wird. Neben dem „Großen Ganzen“ interessieren mich nach wie vor die Abgründe und Tragödien des menschlichen Miteinanders im ganz Privaten, die Verletzlichkeit der Seele und das, was Unrecht und Gewalt mit dem Einzelnen machen. Ich glaube, darum geht es letztlich auch in „Sprengkraft“.

Was war für dich die Initialzündung für „Sprengkraft“?

Die Überlegung, was ein islamistischer Anschlag auslösen würde. Doch schon mein zweiter Gedanke war, dass ich keinen Roman schreiben will, in dem die Rollen allzu eindeutig verteilt wären: hier der gute deutsche Kommissar, dort der böse Attentäter. Die Wirklichkeit ist vielschichtig und schillernd, nicht banal. Und ich wusste, dass ich kein Blutbad mit Hunderten von Toten brauche, um dem Leser Schauer über den Rücken zu jagen. Der Alltag ist gruselig genug: Der Mord an dem Regisseur van Gogh in Amsterdam, Schäubles BKA-Gesetz, vierzig Prozent Erstwählerstimmen für Rechtsradikale in Österreich, die Verwicklung deutscher Geheimdienste in den Sauerlandfall … Und noch etwas war für mich von Anfang an klar: Ich will kein politisches Manifest abliefern, sondern die Geschichten meiner Figuren erzählen. „Schauen, schauen, schauen und nie das Erstaunen vergessen“, wie es Friedrich Glauser einmal formuliert hat.

Geschichten entwickeln sich immer im Spannungsfeld von Thema, Charakter und Plot? Was ist bei dir zuerst da? Und wie sieht dann die weitere Entwicklung aus?

Mit den Figuren entwickelt sich zugleich der Plot. Sie werden lebendig, indem sie handeln. Das heißt, ich entwickle beides parallel, als Einheit, zunächst in Skizzen für das Romangerüst.

Wie ist dein Schreibprozess?

Am Anfang stehen Zettel, die mit wüsten Figuren-Diagrammen vollgekritzelt sind und mit Handlungsbruchstücken, die ich in ein oder zwei Zeilen notiere. Später schreibe ich die Etappen der verschiedenen Handlungsstränge auf Karteikarten, lege sie auf dem Fußboden aus und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge. Daraus entsteht die Outline, die bereits erste Dialoge enthalten kann. Wenn ich nach etwa einem halben Jahr mit dem eigentlichen Schreiben beginne, heißt das noch lange nicht, dass die Geschichte im Kopf bereits fertig ist. In den zwei Jahren, die ich insgesamt für einen Roman brauche, lerne ich mein Personal immer näher kennen. Es bringt mich ständig auf neue Ideen. Das berühmte Eigenleben der Figuren macht vielleicht nur zwanzig Prozent aus, aber möglicherweise sind es die entscheidenden zwanzig Prozent, ohne die meine Figuren nicht glaubwürdig und eindrucksvoll wären.

Wenn die erste Manuskriptversion fertig ist, überarbeite ich, so oft es geht. Der Abgabetermin rückt näher, aber ich spüre, dass der Text mit jedem Durchgang besser wird. Also arbeite ich zehn Stunden, auch am Wochenende. War ich zu Beginn faul, zweifelnd und depressiv, werde ich jetzt manisch. Mit dem Ziel vor Augen, den perfekten Kriminalroman zu schreiben. Ich hoffe zumindest, diesem Ziel mit jedem Buch näher zu kommen.

Vor längerem hast du gesagt, es gäbe Pläne für eine Verfilmung deines Kurzromans „Der Absprung“. Hat sich da etwas Konkreteres ergeben? Gibt es weitere Pläne für Verfilmungen?

Das Drehbuch lag bei einigen Produzenten. Aber für die Fernsehleute ist das Ende zu tragisch, der Held nicht positiv genug, sie sagen, das sei Kinostoff. Für die Kinoleute ist es wiederum zu sehr Krimi, also vermeintlich nur ein Fernsehstoff. Vielleicht müsste ich es ein weiteres Mal überarbeiten, um trotzdem jemanden zu überzeugen. Aber im letzten Jahr war mir „Sprengkraft“ wichtiger. Ich liebe die Arbeit an der Literatur und das viel zitierte Kino im Kopf, das ein gutes Buch bei jedem einzelnen Leser auf jeweils andere Art auslösen kann, viel bunter und reichhaltiger als es die Glotze jemals könnte.

Welche fünf Bücher empfiehlst du für den nächsten Urlaub?

Fünf? Ich habe schon zehn geschrieben!

Aber wenn im Koffer Platz für fünf weitere Romane ist, dann nehmt folgende mit, Leute:

Frank Göhre, Zappas letzter Hit

John Harvey, Schrei nicht so laut

Ross Thomas, Teufels Küche

James Ellroy, Die Schwarze Dahlie –

und als Nicht-Krimi: Philip Roth, Sabbaths Theater.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Eckert - Sprengkraft

Horst Eckert:  Sprengkraft

Grafit, 2009

416 Seiten

18,90 Euro

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Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Sprengkraft“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“


Horst Eckerts zehnter Streich

Mai 22, 2009

Eckert - Sprengkraft

Dass mir das neue Buch „Sprengkraft“ von Horst Eckert gefällt ist nicht erstaunlich. Immerhin bin ich ein bekennender Eckert-Fan.

Dass sein neuer Roman ein spannender Polizeikrimi ist, ist auch nicht erstaunlich.

Dass er nach seinen vorherigen Büchern noch politischer wird (Kritiker lieben es ja, Entwicklungen zu entdecken), ist auch nicht erstaunlich.

Erstaunlich ist aber, dass Horst Eckert anscheinend als einziger deutscher Autor in der Lage ist, einen ernstzunehmenden Politthriller über die heutige Bundesrepublik, die Terrorgefahr und den Abbau der Bürgerrechte zu schreiben. Andere Autoren planen gleich einen Umsturz, inszenieren ein Kasperle-Theater auf Soap-Niveau oder lassen irgendwo in der Provinz Bomben explodieren (Hintertupfigen als Ziel eines Anschlages? Uh-huh.). Das alles hat mit der Realität ungefähr so viel zu tun, wie der letzte „Krieg der Sterne“-Film. Unterhaltsam, vielleicht, aber nicht weiter beunruhigend.

Dagegen demonstriert Horst Eckert mit seinem zehnten Roman „Sprengkraft“ eindrucksvoll, wie ein deutscher Politthriller aussehen kann. Dabei wurden bereits seine vorherigen Romane immer politischer. Er thematisierte schon immer Verflechtungen, Korruption und Machtgier innerhalb der Polizei. In seinen neueren Romanen rückten das Machtgeflecht und die Beziehungen zwischen Polizei, Wirtschaft und der Stadt- und Landespolitik immer mehr in das Zentrum seiner Geschichte. Auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und der Polizei in Bosnien wurden angesprochen. Aber in „Sprengkraft“ steht die große Politik, nämlich der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, und wie jeder dabei sein eigenes Süppchen kocht, im Mittelpunkt.

In einem Nebenraum einer Hinterhofmoschee explodiert eine Bombe. Die Opfer sind die jungen Islamisten Rafi Diouris, Said Boussoufa und der Konvertit Yassin Dennis Scholl, die gerade einen Anschlag planten und sich bereits den Sprengstoff besorgt hatten. Die ermittelnden Beamten Anna Winkler und Martin Zander fragen sich, ob deren Bomben zufällig explodierten oder ob es ein rechtsradikaler Anschlag gegen die Moschee war.

Außerdem hat Zander von Kriminaldirektor Benedikt Engel den Auftrag erhalten, herauszufinden welcher Polizist vor 18 Monaten die Ermittlungen gegen den auf der Straße erschossenen Bruder von Rafi Diouris torpedierte und wohin damals die Drogen verschwunden sind. Wenn der korrupte Zander den Maulwurf nicht findet, ist er seinen Job los. Weil Rafi Diouris mehr über diesen Dealermord weiß, als er der Polizei verrät, könnte der Anschlag auch ihm gegolten haben.

Gleichzeitig versucht die rechtslastige „Bürgerbewegung Pro Freiheit“ mit einer neuen Vorsitzenden, der von der CDU abgeworbenen Bundestagsabgeordneten Carola Ott-Petersen, und dem von Unternehmer Edwin A. Bucerius teuer bezahlten PR-Berater Moritz Lemke, in den Landtag einzuziehen. Ott-Petersen entdeckt in der Parteizentrale seltsame Rechnungen und verschwindet plötzlich. Lemke ist zwar einerseits ein Alt-Linker (Gründungsmitglied der Grünen!), aber andererseits kann er das Geld gut gebrauchen und er ist für das Lob und die Schmeicheleien der Parteifinanziers empfänglich. Denn die Bombe beweist doch, so sagt er sich, dass die Partei mit ihren ausländerfeindlichen Parolen Recht hat.

Diese miteinander verbundenen Geschichten entwickeln sich vor aktuellen Schlagzeilen. Die Proteste gegen eine religionskritische Ausstellung in der Berliner Turmstraße (also vor meiner Haustür; die Ausstellung fand gut bewacht statt und war gut besucht), die verschiedenen missglückten Anschläge von mutmaßlich islamistischen Terroristen in Deutschland, die deutschsprachigen Al-Kaida-Videos, der jetzt schon stattfindende massive Abbau von Bürgerrechten mit dem Hinweis auf den internationalen Terrorismus (Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung können hier als Stichworte genügen), die zunehmende Abneigung der Deutschen gegen den Islam, die damit verbundenen Proteste in mehreren Großstädten gegen den Bau von Moscheen und, natürlich, die Umgangsformen in der Politik werden auch in „Sprengkraft“ genannt.

Horst Eckert verknüpft diese bundesdeutsche Wirklichkeit gewohnt souverän mit ungefähr einem halben Dutzend verschiedener Handlungsfäden, ohne jemals den Überblick zu verlieren, und wartet mit einem überraschenden, die vorherigen Gewissheiten in Frage stellendem, glaubwürdigen  Ende auf.

„Sprengkraft“ ist Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation. Dabei kommen, wie schon bei Ross Thomas, die Mächtigen nicht besonders gut weg.

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Horst Eckert: Sprengkraft

Grafit, 2009

416 Seiten

18,90 Euro

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Die Taten des Horst Eckert

Annas Erbe, 1995

Bittere Delikatessen, 1996

Aufgeputscht, 1997

Finstere Seelen, 1999

Die Zwillingsfalle, 2000

Ausgezählt, 2002

Purpurland, 2003

617 Grad Celsius, 2005

Königsallee, 2007

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Kleinere Delikte von Horst Eckert

Der Absprung, 2006 (Kaliber.64)

und zahlreiche Kurzgeschichten

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Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert (22. Mai 2009)


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Mai 22, 2009

Bei den Alligatorpapieren (Gute Besserung, Alfred!) gibt’s, mit vielen schönen Bildern, die TV-Krimi-Buch-Tipps für die kommenden zwei Wochen. Hier die ersten Zeilen:

In den kommenden beiden Wochen dürfen Henning-Mankell-Fans sich auf die britische Version mit Kenneth Branagh als Kommissar Wallander freuen. Außerdem gibt es eine neue Folge von „Der Kommissar und das Meer“, etliche Håkan-Nesser-Verfilmungen und Inspector Barnaby ermittelt emsig.
Die sehenswerten Filme sind Martin Enlens Robert-Hültner-Verfilmung „Tatort: Vorstadtballade“, Wim Wenders Joe-Gores-Verfilmung „Hammett“, seine Patricia-Highsmith-Verfilmung „Der amerikanische Freund“, Jean-Luc Godards Debüt „Außer Atem“, Clint Eastwoods John-Berendt-Verfilmung „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“, Sidney Lumets Peter-Maas-Verfilmung „Serpico“, Jean Negulescos Eric-Ambler-Verfilmung „Die Maske des Dimitrios“, Alfred Hitchcocks Victor-Canning-Verfilmung „Familiengrab“, Ulrich Neureuthers Richard-Hey-Verfilmung „Tatort: Der Mann auf dem Hochsitz“ (erster Auftritt der ersten deutschen TV-Kommissarin), Jonathan Demmes Thomas-Harris-Verfilmung „Das Schweigen der Lämmer“, Claude Chabrols Jean-Marie-Fitère-Verfilmung „Violette Nozière“, Lee Tamahoris Pete-Dexter-Verfilmung „Nach eigenen Regeln“ und Don Siegels „Dirty Harry“.
In der Klassikerabteilung gibt es Marcel Carnés „Hafen im Nebel“ und Lt. Columbo hat noch eine Frage.


TV-Tipp für den 22. Mai: Die Abenteuer des Sherlock Holmes; Sherlock Holmes: Der Hund von Baskerville

Mai 21, 2009

Für unser Geburtstagskind Sir Arthur Conan Doyle bleiben wir etwas länger wach

ZDF, 00.15

Die Abenteuer des Sherlock Holmes (USA 1939, R.: Alfred Werker)

Drehbuch: Edwin Harvey Blum, William A. Drake

LV: Bühnenstück von William Gillette, Kurzgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle

Wo sind die Kronjuwelen? Hat Professor Moriarty sie geklaut? Sherlock Holmes sucht sie.

Zweiter Einsatz von Basil Rathbone als Sherlock Holmes und Nigel Bruce als Dr. Watson. Ida Lupino ist bei diesem klassischen Detektivfilm auch dabei.

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ZDF, 01.35

Sherlock Holmes: Der Hund von Baskerville (USA 1939, R.: Sidney Lanfield)

Drehbuch: Ernest Pascal

LV: Arthur Conan Doyle: The hound of the Baskervilles, 1902 (Der Hund von Baskerville)

1889, Baskerville Hall: Sir Henry fürchtet um sein Leben und bittet Sherlock Holmes um Hilfe.

Der ämusante Oldie war der erste Film der überaus erfolgreichen Sherlock-Holmes-Reihe von 20th Century Fox mit Basil Rathbone und Nigel Bruce. Die Reihe lief acht Jahre.

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Thrilling Detective über Sherlock Holmes


Neu im Kino: Public Enemy No. 1 – Todestrieb

Mai 21, 2009

Public Enemy No. 1. – Todestrieb (L’Ennemi Public No 1, F 2008, R.: Jean-Francois Richet)

Drehbuch: Abdel Raouf Dafri, Jean-François Richet

Zweiter Teil der hochgelobten Biographie des in Frankreich kultisch verehrten Gangsters Jacques Mesrine. Jetzt geht’s vor allem um sein öffentlichkeitswirksames Katz- und Mausspiel mit der Polizei.

Mit Vincent Cassel, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric, Gérard Lanvin, Samuel Le Bihan

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Dienst über „Publick Enemy No. 1. – Todestrieb“

Kriminalakte über „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“


Stephen Kings Ausflug zu Hard Case Crime

Mai 21, 2009

King - Colorado KidKing - The Colorado Kid

Vor- und Nachworte werden meist als uninteressantes Geblubber überblättert. Manchmal, wie bei Stephen Kings „Colorado Kid“, werden sie nicht übersetzt. Dabei sind Kings Erklärungen zu seinen Geschichten immer lesenswert und auch bei „Colorado Kid“ verrät King einiges über die Hintergründe der Geschichte und dass sie seine Leser spalten werde. Denn er löst das Rätsel um die Leiche nicht, aber das haben die beiden alten Provinzjournalisten Vince Teague und Dave Bowie vom Weekly Islander auf Moose-Lookit Island, Maine, ihrer jungen Kollegin Stephanie McCann immer wieder gesagt. Denn sie versuchen bereits seit einem viertel Jahrhundert herauszufinden, wie das Colorado Kid auf ihre Insel kam. Lange ist seine Identität unbekannt und als er, dank eines hartnäckigen, jungen Gerichtsmediziners endlich einen Namen und einen Wohnort hat, wird es richtig rätselhaft. Denn wie kam er auf die Insel? Wie starb er? Wer ermordete ihn? Und warum? Stephanie schlägt ihren beiden Mentoren mehrere Lösungen vor. Diese beantworten geduldig ihre Fragen und verführen sie so langsam.

In der kurzen Geschichte „Colorado Kid“ geht es letztendlich darum, der aus Cincinnatti, Ohio, kommenden Studentin an einem langen Nachmittag das Inselleben schmackhaft zu machen. Entsprechend gemütlich ist das Erzähltempo, wenn die beiden alten Knacker der jungen Frau auf der Veranda der Zeitung die Geschichte mit Pausen und Abschweifungen erzählen und dabei immer wieder betonten, dass es eigentlich überhaupt keine Geschichte sei.

Und King wechselt im plaudernden Tonfall der beiden alten, rüstigen Landeier (der eine ist Mitte Sechzig, der andere Anfang Neunzig) immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit, an die sie sich noch sehr gut erinnern.

In Amerika erschien „Colorado Kid“ als dreizehnter Band der „Hard Case Crime“-Reihe. King war, als er von dem Konzept der Reihe erfuhr, sofort begeistert, lehnte die Anfrage für einige lobende Worte über die Reihe ab und bot eine neue Geschichte an. Herausgeber Charles Ardai griff natürlich sofort zu. Dank des bekannten Autors (es war auch das erste ins Deutsche übersetzte Hard-Case-Crime-Buch) verkaufte sich die, nach Kings Einschätzung, Softboiled-Geschichte ausgezeichnet und machte die Reihe außerhalb der Krimiszene bekannt.

Allerdings wurde „Colorado Kid“, vor allem wegen des offenen Endes, von vielen Lesern heftig kritisiert. King schreibt in seinem Nachwort, dass er kein Ende wollte, sondern beim Schreiben vor allem an dem Rätsel interessiert gewesen sei. Das macht die Lektüre allerdings auch etwas unbefriedigend. Deshalb wäre es vielleicht besser, wenn „Colorado Kid“ in künftigen Auflagen zusammen mit anderen Geschichten publiziert würde. Immerhin hat „Colorado Kid“ für King-Verhältnisse kaum die Länge einer Novelle. Aber einer sehr unterhaltsamen.

Die aktuelle Ausgabe hat als Bonusmaterial eine kommentierte Bibliographie der im Heyne-Verlag erschienenen Stephen-King-Bücher. Zwei Dinge fallen bei der Bibliographie auf: erstens fehlen die Erscheinungsjahre und zweitens hat Heyne nie „Carrie“ veröffentlicht.

Stephen King: Colorado Kid

(übersetzt von Andrea Fischer)

Heyne, 2009

176 Seiten

7,95 Euro

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Originalausgabe

The Colorado Kid

Hard Case Crime, 2005

–

Deutsche Erstveröffentlichung

Ullstein, 2006

–

Hinweise

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)


TV-Tipp für den 21. Mai: La Mala Educación – Schlechte Erziehung

Mai 21, 2009

Arte, 21.00

La Mala Educación – Schlechte Erziehung (E 2004, R.: Pedro Almodóvar)

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Nach zwanzig Jahren treffen sich zwei Klosterschüler wieder. Der eine ist jetzt ein gefeierter Regisseur. Der andere ein armer Schauspieler mit einem Drehbuch über seine Zeit im Kloster zwischen Missbrauch, Homosexualität, Lügen und Rachegedanken.

Das ist der Ausgangspunkt für einen typischen Almodóvar, der souverän zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion wechselt. „Wohl das reifste Werk des spanischen Enfant terrible.“ (Margret Köhler, Blickpunkt Film 21/2004)

Mit Gael Garcia Bernal, Daniel Giménez-Cacho, Fele Martinez, Lluis Homar

Wiederholung: Samstag, 23. Mai, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „La Mala Educación“

Wikipedia über „La Mala Educación“


Guter Anfang, sehr schwacher Rest

Mai 20, 2009

Farrow - Eishauch

(Kurze Warnung: Diese Besprechung ist nicht spoilerfrei.)

Nachdem Thomas Wörtche und Tobias Gohlis John Farrows „Eishauch“ überschwänglich loben und er vor einem Jahrzehnt für den Arthur-Ellis-Preis nominiert war, erwartete ich natürlich einiges von diesem engbedruckten 600-seitigen Werk und wurde bitter enttäuscht. Denn für mich ist „Eishauch“ kein fast perfekter Roman, sondern ein Roman mit einem guten Anfang, einer sehr zähen Mitte und einem für einen Polizeiroman albernen Ende.

„Eishauch“ beginnt mit einem Prolog, der mir beim Lesen gefallen hat, aber letztendlich, wie ein Vorwort, überblättert werden kann. In ihm erhält Detective Emile Cinq-Mars in einem Lagerhaus in Montreal das Angebot, bei der Spezialeinheit Wolverines mitzumachen. Die Einheit soll den Krieg der Hells Angels gegen die Rock Machine beenden und den Zaren, den großen, unbekannten Hintermann, überführen. Während des Treffens explodiert vor ihren Augen das Auto des Bankers der Hells Angels.

Cinq-Mars ist der sattsam bekannte harte, einzelgängerische Bulle mit der überragenden Verhaftungsquote. Außerdem, was ihn von einigen anderen Ermittlern unterscheidet (und dem Autor beim Plotten viel Arbeit erspart), erspürt Cinq-Mars die Täter. Selbstverständlich lehnt er das Angebot der Wolverines (die später nicht mehr auftauchen) ab.

Weiter geht’s im ersten Teil einige Monate später. Am Heiligabend wartet Cinq-Mars mit seinem neuen Partner Bill Mathers auf einen angekündigten Drogendeal. Die Information hat Cinq-Mars von einem seiner vielen, unentgeltlich arbeitenden Informanten erhalten. Der Deal findet nicht statt, aber sie finden in einer ausgeräumten Wohnung einen toten Weihnachtsmann, der einer von Cinq-Mars’ Spitzel war und ein Schild mit den eindeutigen Worten „Frohe Weihnachten, M5“ hält. Der angesprochene Cinq-Mars will natürlich den Mörder finden und seine beste Spur führt über eine Autowerkstatt zu einem russischen Schiff. Beide Orte gehören zu einer Autoschieberbande, die gute Kontakte zur Polizei hat, und auch irgendwie mit den sich bekämpfenden Rockerbanden verknüpft ist

Ungefähr zur gleichen Zeit rekrutiert Selwyn Norris (über dessen Hintergrund wir lange nichts erfahren) die Studentin Julia Murdick für einen Undercover-Einsatz. Sie soll die Tochter eines Bankers spielen, der den im Prolog ermordeten Banker bei den Bikern ersetzen soll. Und der Journalist Okinder Boyle soll die Hintergründe des Weihnachtsmann-Mordes recherchieren.

Dazwischen bringen die Rocker mit weiteren Bombenattentaten sich und auch ein unschuldiges Kind um. Aber das beeinflusst die Ermittlungen von Cinq-Mars nicht weiter. Der russische und der amerikanische Geheimdienst sind auch irgendwie involviert und die Mafia begnügt sich mit einem Platz auf den Zuschauerrängen.

In der Mitte schleppt sich die Geschichte dann teilweise über Dutzende von Seiten ohne einen erkennbaren Fortschritt hin. Es passiert nichts wichtiges, aber es ist genug Zeit, die gesamte Konstruktion und Logik der Geschichte zu überdenken. Dazu gehören Fragen, wie warum eine Studentin für einen gefährlichen Undercover-Einsatz rekrutiert wird. Warum sie mitmacht. Warum immer wieder Menschen vollkommen grundlos sie selbst schwer belastende Geständnisse ablegen. Warum Cinq-Mars ein Netz von Informanten hat, die ihm ohne Gegenleistung und anonym Tipps geben. Warum John Farrow unbedingt Rockerbanden, Mafia, Geheimdienste, korrupte Polizisten und das friedliche Landleben in einer Geschichte miteinander verbinden muss. Warum das alles nicht um die Hälfte gekürzt wurde. Dann könnte „Eishauch“ als netter Thriller durchgehen, aber bei sechshundert Seiten bleibt beim Lesen auch genug Zeit, um zu viele Logiklöcher zu entdecken und sich über Klischees und, gegen Ende, rapide zunehmenden ad-hoc-Entwicklungen zu stören.

Das letzte Drittel lebt nur noch von Cinq-Mars’ erratischen Ermittlungsmethoden. Er beschuldigt willkürlich Verbrecher und Polizisten. Er nimmt die Beschuldigungen ebenso willkürlich wieder zurück. Trotzdem helfen ihm einige der Beschuldigten weiter, anstatt von zu Schweigen. Er arbeitet mit Selwyn Norris zusammen, weil er ihm die Wahrheit erzählt (Cinq-Mars weiß das. Ein normaler Ermittler würde Norris wahrscheinlich verhaften.). Und dann gibt es immer wieder Stellen, die einen verwundert den Kopf schütteln lassen. Da schreibt John Farrow auf gut zehn Seiten mäßig spannend, wie eine Bombe in einem parkenden Auto platziert wird. Nachdem die Bösewichte einen kurzen Streit über die Zündung der Bombe haben, explodiert sie und das mit vier Personen besetzte Auto geht in die Luft. Erst zwei Seiten später erfahren wir, dass Cinq-Mars in dem Auto war und leicht verletzt überlebte. Die Namen der drei Mitpassagiere erfahren wir, bis auf Bill Mathers, der sofort zu dem verletzten Cinq-Mars eilt, dann teilweise durch eifriges Vor- und Zurückblättern. Cinq-Mars als echter Held geht natürlich nicht ins Krankenhaus (Kopfwunde? Pah!) und in der nächsten Szene, einige Stunden später, eilt er von Verhörzimmer zu Verhörzimmer.

Wer allerdings glaubt, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, darf auf den letzten Seiten die Befreiung einer Geisel auf dem russischen Schiff lesen.

Natürlich vertraut Cinq-Mars nicht auf die korrupte Polizei, sondern er holt seine pensionierten Kumpels. Sie laufen auf das Schiff (Eine Wache gibt es nicht. Die Bösen sind alle irgendwie im Schiffsbauch beschäftigt.). Cinq-Mars organisiert einen Stromausfall von genau 200 Sekunden (Uh, warum 200? Warum nicht 100? Oder einfach eins, zwei, drei Minuten? Vor allem wozu?). Im Maschinenraum stellen sie dann fest, dass die Notbeleuchtung doch noch brennt und sie so zum Glück etwas sehen (Ja, so ein großes Schiff ist unter Deck schon ein ziemlich dunkles Teil). Es wird ein wenig herumgeballert und Cinq-Mars kann die schöne Maid retten. Der Bösewicht entkommt; wenigstens vorläufig.

Und ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das nach einem guten Auftakt so stark abbaute.

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John Farrow: Eishauch

(übersetzt von Friederike Levin)

Knaur, 2009

592 Seiten

8,95 Euro

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Originalausgabe

City of Ice

Century Books, London, 1999

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Hinweise

Wikipedia über John Farrow

January Magazine: Interview mit John Farrow

Arte: Die Besprechungen von Thomas Wörtche und Tobias Gohlis


Die Nominierungen für den Anthony Award 2009

Mai 20, 2009

Heute wurden diese Werke für den diesjährigen Anthony Award nominiert:

BEST NOVEL
Trigger City by Sean Chercover [William Morrow]
The Brass Verdict by Michael Connelly [Little, Brown and Company]
Red Knife by William Kent Krueger [Atria]
The Girl With the Dragon Tattoo by Stieg Larsson [Knopf]
The Cruelest Month by Louise Penny [Minotaur]

BEST FIRST NOVEL
Pushing Up Daisies by Rosemary Harris [Minotaur]
Stalking Susan by Julie Kramer [Doubleday]
The Girl With the Dragon Tattoo by Stieg Larsson [Knopf]
Death of a Cozy Writer by G.M. Malliet [Midnight Ink]
Child 44 by Tom Rob Smith [Grand Central]

BEST PAPERBACK ORIGINAL
The First Quarry by Max Allan Collins [Hard Case Crime]
Money Shot by Christa Faust [Hard Case Crime]
State of the Onion by Julie Hyzy [Berkley]
In a Dark Season by Vicki Lane [Dell]
South of Hell by P.J. Parrish [Pocket Star]

BEST SHORT STORY
„The Night Things Changed“ by Dana Cameron from Wolfsbane and  Mistletoe [Ace]
„A Sleep Not Unlike Death“ by Sean Chercover from Hardcore Hardboiled [Kensington]
„Killing Time“ by Jane K. Cleland from Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine (November)
„Skull and Cross Examination“ by Toni L. P. Kelner from Ellery Queen’s Mystery Magazine (February)
„Scratch a Woman“ by Laura Lippman from Hardly Knew Her [William Morrow]
„The Secret Lives of Cats“ by Kristine Kathryn Rusch from Ellery Queen’s Mystery Magazine (July)

BEST CRITICAL NONFICTION WORK
African American Mystery Writers: A Historical and Thematic Study by Frankie Y. Bailey [McFarland]
How to Write Killer Historical Mysteries by Kathy Lynn Emerson [Perseverance Press]
Anthony Boucher: A Biobibliography by Jeffrey Marks [McFarland]
The Suspicions of Mr. Whicher: A Shocking Murder and the Undoing of a Great Victorian Detective by Kate Summerscale [Walker & Company]

BEST CHILDREN’S/YA NOVEL
The Crossroads by Chris Grabenstein [Random House]
Paper Towns by John Green [Dutton Juvenile]
Kiss Me, Kill Me by Lauren Henderson [Delacorte]
The Mysterious Benedict Society and the Perilous Journey by Trenton Lee Stewart [Little, Brown]
Sammy Keyes and the Cold Hard Cash by Wendelin Van Draanen [Knopf]

BEST COVER ART
Death Was the Other Woman designed by David Rotstein and written by Linda L. Richards [Minotaur]
Death Will Get You Sober designed by David Rotstein and written by Elizabeth Zelvin [Minotaur]
The Fault Tree designed by David Rotstein and written by Louise Ure [Minotaur]
The Girl With the Dragon Tattoo designed by Peter Mendelsund and written by Stieg Larsson [Knopf]
Money Shot designed by Steve Cooley and written by Christa Faust [Hard Case Crime]

SPECIAL SERVICE AWARD
Jon and Ruth Jordan
Ali Karim
David Montgomery
Gary Warren Niebuhr
Sarah Weinman

Die Gewinner werden am Samstag, den 17. Oktober 2009, auf der Bouchercon in Indianapolis bekannt gegeben.

(Dank an Sarah Weinman für die Infos.)


Kleinkram: „Sherlock Holmes“-Trailer online – und viele Buchempfehlungen

Mai 20, 2009

SHERLOCK HOLMES: Der erste Trailer zur Sherlock-Holmes-Neuinterpretation von Guy Ritchie ist online:

Die-hard-Holmes-Fans dürften an diesem Actionspektakel wenig Freude haben. Für sie erschien vor einigen Tagen das neunstündige Hörbuch „The Adventures of Sherlock Holmes“ (Bertz + Fischer). David Ian Davies liest die erste Sammlung von Holmes-Abenteuern vor. Im Original.

Wer’s lieber übersetzt hat kann sich „Sherlock Holmes Geschichten“ (Diogenes, Neuauflage) oder „Sherlock Holmes Kriminalgeschichten“ (dtv, anscheinend neue Übersetzungen)  schnappen. In beiden Büchern sind mehrere Geschichten mit dem Meisterdetektiv versammelt.

Ich werd mir jetzt den Trailer noch mal ansehen. Nach dem Trailer könnte der Film als Action-Comedy funktionieren.

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James Reasoner feiert „The Midnight Room“ von Ed Gorman ab und versteckt in seiner Besprechung diese interessante Betrachtung:

In too many contemporary thrillers, the reader never learns much about the characters beyond what they need to know for the plot. In too much literary fiction, the author provides such an abundance of information about the characters that nothing ever happens; there’s no room for anything else.

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John Harvey nennt zwanzig Krimis, die er immer wieder liest. Eine feine Liste.

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Der Nerd of Noir ist von Ken Bruens neuem Jack-Taylor-Roman „Sacntuary“ begeistert.


TV-Tipp für den 20. Mai: Mörderischer Engel

Mai 19, 2009

HR, 23.50

Mörderischer Engel (F 1985, R.: Jacques Deray)

Drehbuch: Jacques Deray, Michel Audiard

LV: Derek Raymond (Robin Cook): He died with his eyes open, 1984 (Er starb mit offenen Augen)

Hat die schöne Barbara den Pianisten umgebracht? Inspektor Staniland versetzt sich immer mehr in die Persönlichkeit des Toten und verliebt sich in Barbara.

Nicht so düster wie das Buch (der erste Band der Factory-Serie), in Teilen sogar langatmig, aber solide aufgebaut, mit zahlreichen Anleihen beim „Film Noir“ und zwei wundervollen Hauptdarstellern: Michel Serrault und Charlotte Rampling

Hinweise

Wikipedia über Derek Raymond (sehr ausführlich)

Krimi-Couch über Derek Raymond

Mordlust über Derek Raymond

Times Online: The 50 greatest Crime Writers of all Times – No. 30: Derek Raymond (17. April 2008)

The Nation: Charles Taylor über Derek Raymond (17. Dezember 2008)


Cover der Woche

Mai 19, 2009

Leonard - Beruf Killer


TV-Tipp für den 19. Mai: L. A. Confidential

Mai 19, 2009

Kabel 1, 20.15

L.A. Confidential (USA 1997, R.: Curtis Hanson)

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)

Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.

Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.

Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür den Edgar, den Preis der Writers Guild of America und einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe.

Mit Guy Pearce, Russell Crowe, Kevin Spacey, Kim Basinger, Danny DeVito