TV-Tipp für den 10. Juni: Osteuropa zwischen Hitler und Stalin

Juni 9, 2025

Arte, 20.15

Osteuropa zwischen Hitler und Stalin (Deutschland 2024)

Regie: Kirsten Esch

Drehbuch: Kirsten Esch

TV-Premiere. Spielfilmlange Doku über das Leben in, wie der Titel verrät, Osteuropa zwischen Adolf Hitler und Josef Stalin; zwei Dikatoren, die mit diktatorischen Mitteln regierten, skrupellos Expansionspläne durchsetzten wollten und dabei den Tod von ungefähr 14 Millionen Zivilisten, vor allem Juden, Polen, Balten, Belarussen und Ukrainer, verursachten. Das ist die höchste Zahl ziviler Opfer im Zweiten Weltkrieg.

Arte über den Film: „’Osteuropa zwischen Hitler und Stalin – Das große Sterben‘ erzählt von den Mechanismen von Terror, Massenmord und Hungersnöten. Anhand von Interviews mit Zeitzeugen und umfassend recherchiertem Archivmaterial wird die blutige Realität der Jahre 1933 bis 1945 dokumentiert.“

Anschließend, um 21.45 Uhr, wandert der Arte-Blick nach Frankreich in der ebenfalls neuen, knapp einstündigen Doku „Terror und Champagner – Hitlers Stellvertreter in Paris“ (Deutschland/Frankreich 2025)

Hinweis

Arte über die Doku (ab dem Ausstrahlungstermn auch in der Mediathek)


Neu im Kino/Filmkritik: Joseph Goebbels, Adolf Hitler und ihre Entourage: „Führer und Verführer“

Juli 11, 2024

Nach seinem grandiosen Spielfim-Making-of über Bertolt Brechts von Brecht geplanten Dreigroschenfilm, inszeniert Joachim A. Lang jetzt des Making-of des Dritten Reichs, das sich auf die sieben letzten Jahre konzentriert. Von dem Anschluss Österreichs im März 1938 bis zum Kriegsende im Mai 1945 wirft Lang einen Blick hinter die Kulissen der Macht. Er beobachtet Propagandaminister Joseph Goebbels, Reichskanzler Adolf Hitler, deren Familien und Vertraute, wie sie leben und ihre Macht inszenieren.

Dabei verknüpft Lang, ähnlich wie bei seinem vorheigen Film „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, nachgespielte Szenen, bei denen die Dialoge auf verbürgten Aussagen und Niederschriften basieren, mit selten gezeigten Archivaufnahmen und aktuellen Zeitzeugengesprächen. Strukturell und von seinem Aufbau ähnelt der so entstandene Spielfilm „Führer und Verführer“ einem Making-of, das Teil des Bonusmaterials einer DVD/Blu-ray ist. Durch diesen multiperspektivischen Zugang sind auch neue Erkenntnisse und überraschende Perspektiven möglich. Nach seinem „Dreigroschenfilm“ schien Lang der richtige Mann für die Aufgabe zu sein.

Das Ergebnis enttäuscht dann. Durchgehend wirkt „Führer und Verführer“ wie der kleine Bruder von Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“, dem Kinohit über die letzten Tage des Dritten Reichs und Adolf Hitlers. Sicher, die Perspektive ist in Langs Film etwas anders, aber die handelnden Personen und die Ereignisse sind bekannt und dass sie im Privatleben vielleicht ganz nette, tier- und kinderliebende Menschen oder Zyniker, Karrieristen und Opportunisten oder tierliebende Opportunisten waren, ist jetzt kein großer Erkenntnisgewinn. Es ändert nichts am Bild, das wir von ihnen und ihren Taten haben. Es ist auch egal. Die Dialoge sind durchgehend papiernen und hölzern. Es sind Sätze, die jemand so in sein Tagebuch, einen Bericht oder eine Aussage schreibt, aber so niemals gesagt hätte. Die Figuren bleiben blass. Wir erfahren wenig über sie. Das liegt an der von Lang gewählten Methode, sie nur verbürgte Sätze sagen zu lassen. Aber einiges, vor allem bei Privatgesprächen, wird nie aufgeschrieben. Gleiches gilt für bestimmte Arbeitsgespräche; – also genau die Gespräche, die ein Drehbuchautor für einen Spielfilm erfindet und die etwas Wahres über die Figur enthüllen.

Langs Herangehensweise an den Stoff, die in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ für einen angenehmen Verfremdungseffekt und viel Vergnügen sorgt (allein schon die Vorstellung, dass Brecht und seine Freunde sich nur in druckreifen Sentenzen unterhalten, ist ein Brüller), funktioniert in „Führer und Verführer“ nicht. Das Ergebnis ist dann nicht der von Lang angestrebte „ungeschminkte Blick ins Innere des Machtapparats“, sondern eine verunglücke Mischung aus einem Spielfilm mit schlechten Dialogen und unbeholfenem Reenactment.

Dazwischen scheitert die erhoffte Aufklärung über Propaganda. Lang zeigt, wie Goebbels sich und Hitler inszeniert. Er zeigt, wie Propaganda gemacht wird, auch wie sie funktioniert, um ein bestimmtes Bild der Ereignisse zu erzeugen, aber er zeigt nicht, warum sie beim Publikum funktioniert. Also warum Goebbels Propaganda bei den Deutschen so erfolgreich war.

Dazu kommt, dass die Bilder durchgehend eine billige, farbentsättigt-kränkliche Video-Ästhetik haben.

Führer und Verführer (Deutschland 2024)

Regie: Joachim A. Lang

Drehbuch: Joachim A. Lang

mit (den Schauspielern) Robert Stadlober, Fritz Karl, Franziska Weisz, Dominik Maringer, Moritz Führmann

(und den Zeitzeugen) Margot Friedländer, Elly Gotz, Ernst Grube, Charlotte Knobloch, Eva Szepesi, Eva Umlauf, Leon Weintraub

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Führer und Verführer“

Moviepilot über „Führer und Verführer“

Wikipedia über „Führer und Verführer“

Meine Besprechung von Joachim A. Langs „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ (Deutschland 2018)

Ein am 24. Juni 2024 in Berlin mit wechselnden Podiumsgästen auf Deutsch (Teil 1) und Englisch (Teil 2 und 3) geführtes Gespräch zum Film in drei Teilen


TV-Tipp für den 7. Mai: Der Untergang

Mai 6, 2020

Kabel 1, 20.15

Der Untergang (Deutschland 2004)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Bernd Eichinger

LV: Joachim Fest: Der Untergang – Hitler und das Ende des Dritten Reiches, 2002

LV: Traudl Junge, Melissa Müller: Bis zur letzten Stunde – Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben, 2002

Was geschah in den letzten Kriegstagen in Berlin im Führerbunker? Nach 150 Minuten wissen wir es.

Der Untergang“ ist gediegen erzähltes, starbesetztes Unterhaltungskino im Hollywoodstil. Historisch akkurat und ohne eine erkennbare Haltung zum Sujet. Deshalb reiht sich eine Episode an die nächste Episode, aber eine Geschichte wird, abseits der strikt chronologischen Anordnung des Materials, nicht erkennbar.

mit Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Juliane Köhler, Heino Ferch, Christian Berkel, Matthias Habich, Thomas Kretschmann, Michael Mendl, André Hennicke, Ulrich Noethen, Birgit Minichmayr, Rolf Kanies, Justus von Dohnányi, Dieter Mann, Christian Redl, Götz Otto, Alexander Held, Bettina Redlich, Heinrich Schmieder, Anna Thalbach, Ulrike Krumbiegel, Jürgen Tonkel, Devid Striesow

Wiederholung: Freitag, 8. Mai, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Der Untergang“

Rotten Tomatoes über „Der Untergang“

Wikipedia über „Der Untergang“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)