Neu im Kino/Filmkritik: „Eine deutsche Partei“ beobachtet kommentarlos die AfD

Juni 16, 2022

Je länger ich über „Eine deutsche Partei“ nachdenke, umso ärgerlicher finde ich den Film. Simon Brückner war über mehrere Jahre als stiller Beobachter bei AfD-Treffen. Er begleitete während der vergangenen Legislaturperiode, genaugenommen zwischen 2019 und 2021, vor allem AfD-Politiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus. Dazu kommen noch zwei Vertreter aus den Bezirksverordnetenversammlungen von Neukölln und Reinickendorf und Bundestagsabgeordnete.

Diese Aufnahmen von Sitzungen und öffentlichen Auftritten fügte er jetzt zu einem Film zusammen. Er unterteilt ihn in sechs Kapitel. Die Funktion dieser Kapitel ist rätselhaft. Eigentlich erspart sie im dunklen Kinosaal nur den Blick auf die Uhr. Denn Brückner erzählt chronologisch. Auf einen Kommentar verzichtet er. Schließlich handelt es sich um eine dieser stillen Beobachtungen, in denen dem Publikum ein Blick auf die Ereignisse gewährt wird, ohne dass der Regisseur sich mit seiner Meinung oder seiner Person einmischt. Durch die Auswahl des Materials und den Schnitt tut er es doch. Außerdem führt die Anwesenheit einer Kamera normalerweise zu einem verändertem Verhalten; wobei dieser Punkt heute sicher weniger zutreffend ist. Früher, vor allem zu den Anfängen des Direct Cinema, waren Kameras größer, unhandlicher und seltener als heute. Heute nimmt jeder mit seinem Smartphone in oft beeindruckender Qualität alles auf und fast niemand stört sich daran. Auch die porträtierten AfD-Mitglieder stören sich nicht erkennbar an dem zwischen ihnen sitzendem Dokumentarfilmer.

Brückner verzichtet auch auf alle Textinserts. So wird, wenn man die AfD-Politiker nicht kennt, „Eine deutsche Partei“ einfach nur eine zweistündige Abfolge von sprechenden Köpfen, über die man nichts weiß und auch nichts erfährt. Denn wer die Sprecher (es sind eigentlich nur meist etwas ältere Männer) nicht kennt und keine Ahnung von der Berliner Lokalpolitik hat, wird sich öfter fragen, um was es denn da geht. Das Gesagte kann er, weil jegliches Vorwissen darüber fehlt, auch nicht beurteilen.

Damit ist der Film kein Beitrag zur politischen Aufklärung. Dafür brächte es Hintergrundinformationen und Einordnungen des Gesagten, die im Film erfolgen sollten. Entweder durch Nachfragen, durch einen Off-Kommentar oder durch andere Interviewpartner. Auf alles das wurde verzichtet zugunsten eines Direct-Cinema-Porträts einer Partei, das als intimes Porträt, in dem sich die Partei demaskiert, verkauft wird.

Diese „Demaskierung“ funktioniert nicht. AfD-Gegner werden ihr Bild bestätigt bekommen. AfD-Fans ihres. Und alle, die einfach nur politisch interessiert sind und mehr über die AfD erfahren wollen, bleiben hilflos zurück. Es fehlen einfach alle Informationen, mit denen irgendetwas eingeordnet werden kann. Teils, weil in Codes gesprochen wird. Teils weil der Zusammenhang, in dem etwas gesagt wird, unklar ist. Es gibt keinen Faktencheck. Es gibt auch nie eine Position dazu außerhalb der Partei-Blase.

Damit ist „Eine deutsche Partei“ einfach nur eine zweistündige Abfolge von zufällig aufgeschnappten O-Tönen ohne irgendeinen Erkenntniswert und eine gigantische Verschwendung von Zeit.

(Hinweis: Grundlage für diese Besprechung ist die auf der Berlinale präsentierte Version. Etwaige spätere Änderungen sind nicht berücksichtigt.)

Eine deutsche Partei (Deutschland 2022)

Regie: Simon Brückner

Drehbuch: Simon Brückner

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Eine deutsche Partei“

Moviepilot über „Eine deutsche Partei“

Rotten Tomatoes über „Eine deutsche Partei“ (aktuell keine Besprechungen und Kommentare zum Film)

Wikipedia über „Eine deutsche Partei“

Berlinale über „Eine deutsche Partei“


„Die Angstprediger“ – über rechte Christen in Deutschland

April 27, 2018

Die Tea Party, Evangelikale und christliche Sekten sind ein vor allem aus den USA bekanntes Phänomen, das immer wieder für ungläubiges Staunen sorgt. Wegen ihrer wortwörtlichen Bibelauslegung, ihren politischen Äußerungen und den Filmen, die sie sich ansehen. Die Filme sind oft unverdaulicher Murks, der in den USA in bestimmten Regionen viel Geld einspielt und die meistens nicht nach Deutschland kommen. Ihre politischen Äußerungen werden eher als, wenn auch gefährliche, US-amerikanische Obskurität wahrgenommen.

In Deutschland waren wir lange Zeit davon verschont. Sicher gab es schon immer Sekten und christliche Splittergruppen, aber sie kümmerten sich um ihre Gottesdienste und traten öffentlich nicht in Erscheinung.

Das änderte sich in den letzten Jahren.

In „Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“ legt Liane Bednarz ein Panoptikum der rechtschristlichen Szene vor. Bednarz ist Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“, „Christ & Welt/Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und war Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie selbst versteht sich als fromm und konservativ. Mit ihrem Buch will sie einen Diskurs anstoßen: „Das vorliegende Buch versteht sich ausdrücklich nicht als Pranger, sondern soll eine Debatte anstoßen, die idealerweise nicht nur zu einer Selbstvergewisserung des Christlichen, sondern auch des Konservatismus insgesamt führt.“

Dafür beschäftigt sie sich mit den Diskussionen innerhalb des christlichen Milieus an der Wasserscheide zwischen christlich, konservativ, extrem konservativ und rechts (vulgo rechtsextrem/-radikal) anhand der öffentlichen Äußerungen von Menschen, die sich öffentlich als Christen bezeichnen und rechtspopulistisch äußern. Rückblickend und ohne genau nachgezählt zu haben, sind das fast ausschließlich Männer.

Ihre Meinungsäußerungen stehen auch exemplarisch für bestimmte Denkrichtungen. Denn diese Männer sind Meinungsführer, weil ihre Meinungen in der Öffentlichkeit diskutiert werden und rechte Christen sich positiv auf sie beziehen.

Bednarz analysiert ihre Argumentationsmuster und ihre Lieblingsthemen, wie die Frühsexualisierung, die Gendertheorie (die beide die göttliche Ordnung bedrohen), politische Korrektheit (früher hieß das ‚Anstand‘), Europäische Union, Euro und den Islam als Bedrohung. Sie beschäftigt sich mit den ideologischen und personellen Verbindungen zwischen extrem konservativen christlichen Milieus und ihren zunehmend rechtsextremen Lautsprechern Pegida und AfD. Denn diese Christen übertragen ihr religiöses Denken auf die Politik.

Die Angstprediger“ ist ein faszinierender Blick in eine Parallelgesellschaft, die die Bibel auf eine sehr spezielle Art und Weise interpretiert.

Es ist allerdings auch schwer lesbares Buch. Bednarz beginnt schnell mit einem exzessiven Name-Dropping. Sie fügt Zitate aneinander, ohne dass immer wirklich ersichtlich wird, wie wichtig das kolportierte Zitat ist. Das liegt natürlich auch an der Struktur der verschiedenen Sekten, Klein- und Kleinstgruppierungen, in denen oft unklar ist, wer Häuptling und wer Indianer ist. Es ist unklar, wer vor allem für sich selbst spricht und wer der Vertreter einer Gruppe ist. Vor allem wenn man sich mit diesem Milieu normalerweise nicht intensiv beschäftigt.

Gleichzeitig sind vor allem die Zitate schwer verständlich. Manchmal weil sie sehr verschwurbelt formuliert sind, öfter weil die geäußerte Meinung einfach abenteuerlich ist und man zweimal überlegen muss, was der Autor einem sagen will, wenn er die christliche Botschaft auf den Kopf stellt, sie mit Hass gegen den Islam und die Genderideologie, Feindschaft gegen Homosexuelle und völkischem Denken verknüpft. Zum Beispiel: „Gott hat die Menschen nach Völkern erschaffen. Die Völker sind Gedanken Gottes; niemand hat das Recht, sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Mit der Globalisierung und der zügellosen Masseneinwanderung erhebt sich der Mensch gegen die Schöpfung.“

Das ist ein Gedankenbrei, über den schwer bis überhaupt nicht diskutiert werden kann.

Deshalb ist es gut, dass Bednarz versucht, den Wust zwischen fundamentalistischem Christentum, Rechtsradikalen, mehr oder weniger gläubigen Konservativen und dem Christentum zu ordnen: „Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben.“

Die Angstprediger“ ist da ein Anfang.

Liane Bednarz: Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern

Droemer, 2017

256 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Droemer über Liane Bednarz (mit Hinweis zu Lesungen)

Deutschlandfunk Kultur unterhält sich mit Liane Bednarz über ihr Buch

Wikipedia über Liane Bednarz


„Angst für Deutschland“ – ein lesenswertes Buch über die AfD

März 8, 2017

Auf der Buchpräsentation von Melanie Amanns „Angst für Deutschland: Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert“ meinte die „Spiegel“-Journalistin, dass die „Alternative für Deutschland“ (AfD) im September bei der Bundestagswahl, ungeachtet der neuesten Umfragen, ein sehr gutes Wahlergebnis bekommen könne. Vielleicht sogar zwanzig Prozent. CDU-Politiker Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes, äußerte sich bei der Vorstellung wesentlich skeptischer. Auch weil das Flüchtlingsthema aus den Schlagzeilen verschwinde.

Aber die AfD hat schon ihr nächstes Thema entdeckt: der Islam.

Bis Amann in ihrem Buch in der Gegenwart (Redaktionsschluss war Anfang Januar) ankommt, vergeht einige Zeit. Sie erzählt weitgehend chronologisch, mit kurzen Schwerpunkten bei den bekannten AfD-Politikern Bernd Lucke, Beatrix von Storch, Alexander Gauland und Frauke Petry, die Geschichte der Partei von ihren Anfängen als Anti-Euro-Partei, gegründet von dem Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke, über den Essener Parteitag am 4. und 5. Juli 2015, der aus einer EU-kritischen Partei eine rechtspopulistische Partei machte, die sich immer weniger von der NPD unterscheidet, bis zur Gegenwart.

Das ist, auch wenn man die Presse dazu aufmerksam verfolgte, spannend zu lesen. Denn in die Rekonstruktion streut Amann auch immer wieder unbekannte Details und Beobachtungen. Für den Spiegel ist die Journalistin seit der Gründung für die AfD zuständig, sie kennt die AfDler, hat vertrauliche Unterlagen und wird auf Parteitagen schon einmal persönlich begrüßt. Allerdings nicht wohlwollend.

Bei ihrer Rekonstruktion konzentriert sie sich auf die Bundespartei. Deshalb – und das ist ein gewaltiger Nachteil des Buches – geht sie kaum bis überhaupt nicht auf die Landesverbände und ihre parlamentarische Arbeit ein. Als säßen die AfDler nur für ihre Diät in den Landesparlamenten; – was auch ziemlich genau den Tatsachen entspricht.

Sie geht auch kaum auf die Mitglieder- und Wählerstruktur der Partei ein, die sich in einigen Punkten fundamental von anderen Parteien unterscheidet.

Insofern ist es auch vollkommen unverständlich, dass die Juristin die AfD eine Volkspartei nennt.

Das ist – und Altmaier stellte es während der Buchvorstellung auch richtig – aus politikwissenschaftlicher Sicht Unfug. Volksparteien sind „für Wähler und Mitglieder aller gesellschaftlicher Schichten und unterschiedlicher Weltanschauungen im Prinzip offen“. Das trifft auf die CDU zu.

Die AfD ist dagegen eine klassische Protestpartei. Und zwar, wie auch Amann ausführt, von Anfang an mit starken rechten Tendenzen. Die AfD sei gekennzeichnet durch ein negatives Gemeinschaftsgefühl und, als verbindendes Element der Hass auf Angela Merkel.

So wurde, schon zu Lucke-Zeiten, ein Parteiausschlussverfahren gegen die Muslima Bouchra Nagla eingeleitet, weil sie bei einem muslimischen Fastenbrechen teilnahm.

Einige Überschriften sind, höflich formuliert, ungeschickt formuliert. Die Verbindung von Alexander Gauland zum „Nationalismus“ ist nachvollziehbar. Bei den Unterkapiteln hätte man dann anstatt „Globalisierung“ besser „Antiglobalisierung“ oder „Globalisierungsablehnung“ geschrieben. „Globalisierungskritik“ ist ja primär von Links besetzt.

Vollkommen absurd wird es bei Beatrix von Storch, die in den Überschriften konsequent mit „Liberalismus“ in Verbindung gebracht wird und Amann hier den Liberalismus zu einer vulgärliberalen Parodie auf den Liberalismus verkürzt. Im Text wird das dann zwar richtig wiedergegeben, aber der Ärger durch die falsche Überschrift und der Zweifel an dem Urteilsvermögen der Autorin ist schon vor dem Lesen der ersten Seite entstanden. Dabei hätte es beim „Liberalismus“ den schon immer sehr rechts stehenden Nationalliberalismus als Anknüpfungspunkt gegeben. In Berlin war die Stahlhelm-Fraktion die Personifizierung dieser FDP. Von Storch, die auch mal FDP-Mitglied war, wird dagegen meist als „reaktionär“ oder „erzkonservativ“ gelabelt. Und das hat dann mit „liberal“ wenig zu tun.

Ein weiteres Problem von „Angst für Deutschland“ ist, dass Amann sich vor allem mit den Machtkämpfen und weniger den Positionen der Partei beschäftigt. Allerdings hat die AfD bislang auch wenige wirklich festgefügte Positionen. Das zeigte sich im August 2016 exemplarisch in der ZDF-Diskussionsendung „Donnerstalk“. Die Europaabgeordnete, Co-Vorsitzende des Berliner Landesverbandes und seit dem Wochenende auch Spitzenkandidatin der Berliner AfD, Beatrix von Storch, konnte in der Diskussion nicht erklären, warum die AfD auf Bundesebene für den Mindestlohn und auf Landesebene (im später beschlossenen Wahlprogramm) gegen den Mindestlohn ist und was jetzt die Parteimeinung zum Mindestlohn sei.

Diese eklatante Unlust an wirklicher inhaltlicher Arbeit zeigt sich auch bei den zahlreichen Machtkämpfen und öffentlichkeitswirksamen Provokationen. Wenn sich in der AfD gestritten wird, geht es um Posten und persönliche Abneigungen. Politische Positionen sind bei diesen Machtkämpfen nebensächlich. Entsprechend schwer fällt der AfD die nicht gewünschte Abgrenzung nach Rechts.

Ärgerlich in „Angst für Deutschland“ ist der fast durchgehende Verzicht auf genaue Daten (vor allem von Aussagen), Namen (es wird öfter nur die Position, aber nicht der Name der Person genannt) und Belege. So liest sich „Angst für Deutschland“ mehr wie eine tagesaktuelle Reportage, weniger wie ein Sachbuch und überhaupt nicht wie eine wissenschaftliche Arbeit.

Bei dem Kapitel „Das Spielfeld: Wie umgehen mit der AfD?“ wendet Amann sich vor allem an Journalisten und die Bundesebene. Auf den Umgang mit der AfD in den Landtagen und darunter liegenden parlamentarischen Gremien geht sie nicht ein. Dabei gäbe es hier zahlreiche Beispiele. Das gleiche gilt für den Umgang der Zivilgesellschaft mit der AfD und rechtem Gedankengut. Wer dazu Tipps benötigt, kann zum Beispiel hier gucken.

Und trotzdem ist „Angst für Deutschland“ ein lesenswertes Buch. Als Parteigeschichte. Als Geschichte von Machtkämpfen, während die Partei immer weiter nach rechts rückte und das auch weiterhin tun wird.

Denn die genannten Kritikpunkte beziehen sich vor allem auf Details.

Melanie Amann: Angst für Deutschland – Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert

Droemer, 2017

320 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Droemer über Melanie Amann (mit Lesungen)

Spiegel über Melanie Amann

Inklupedia über Melanie Amann

Perlentaucher über „Angst für Deutschland“


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