Neu im Kino/Filmkritik: David Bowie hat einen „Moonage Daydream“

September 15, 2022

Moonage Daydream“ ist kein konventioneller Dokumentarfilm, der in zwei Stunden chronologisch das Leben eines Künstlers zusammenfasst, sondern ein über zweistündiges gigantisces David-Bowie-Mash-Up, das rudimentär seiner Lebensgeschichte folgt. Es gibt also, ziemlich chronologisch präsentiert, seine Hits. Dazu plündert Brett Morgen („Cobain: Montage of Heck“), mit Erlaubnis vn Bowies Erben, das David-Bowie-Archiv. Er präsentiert neben bekannten Aufnahmen auch bislang unbekannte oder verschollen geglaubte Aufnahmen. Es gibt Konzertmitschnitte, Musikvideos, Privataufnahmen, Talkshowauftritte und Auschnitte aus den Filmen, in denen Bowie mitspielte. Diese Bilder schneidet Morgen munter unter die Songs, was dazu führt, dass auch bei Live-Auftritten Bowies Lippen sich nicht synchron zum Liedtext bewegen. Gleichzeitig wechselt Bowie seine Kostüme und er wird auch mal zwanzig, dreißig Jahre älter oder jünger. Der Erkenntnisgewinn von diesen Bilderschnipseln ist gering. Außer dass Bowie auf der Bühne immer gut aussah.

Dazwischen werden Statements von Bowie als kluge Sätze in den Film hineingeschnitten, ohne dass ersichtlich wird, wann und welchem Zusammenhang sie gesagt wurden. Andere Musiker und Künstler, mit denen Bowie zusammen arbeitete, kommen nicht vor. In „Moonage Daydream“ dreht sich alles um David Bowie. Das geht so weit, dass sogar bei den vielen Konzertschnipseln immer nur Bowie im Bild ist.

So entsteht das Bild eines einsamen, von der Welt isolierten Künstlers. Bowie ist hier wieder der Mann, der vom Himmel fiel. Aus diesem Science-Fiction-Film gibt es mehrere Ausschnitte. Aus anderen Bowie-Filmen, wie „Begierde“ oder „Die Reise ins Labyrinth“, nur einen sekundenlangen Ausschnitt, quasi ein längeres Standbild. Länger ist er allein in einem Boot auf einem Fluss in Asien oder allein beim Malen zu sehen. Einmal geht er, ebenfalls allein, einen Gang hinunter und betritt einen Fahrstuhl.

Ergänzt werden die vielen Bilder von David Bowie von einigen Ausschnitten aus sattsam bekannten Filmklassikern, wie „Metropolis“.

Dieser Bilderbrei ist wie ein YouTube-Abend mit Zufallsauswahl, bei dem jemand einem eine Pistole an die Stirn hält und zum Ansehen von jedem einzelnem Bild zwingt.

Das ist sogar für einen Bowie-Fan eine Tortur. Jedenfalls wenn er mehr als einen ermüdenden David-Bowie-Mash-Up will.

Moonage Daydream (Moonage Daydream, USA 2022)

Regie: Brett Morgen

Drehbuch: Brett Morgen

mit David Bowie

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Moonage Daydream“

Metacritic über „Moonage Daydream“

Rotten Tomatoes über „Moonage Daydream“

Wikipedia über „Moonage Daydream“ und David Bowie (deutsch, englisch).

Homepage von David Bowie

AllMusic über David Bowie

Mein Nachruf auf David Bowie

Meine Besprechung von Brett Morgens „Cobain: Montage Of Heck“ (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)

Bonus

One! Two! Three! Let’s Rock! Mit David Bowies ungeliebtem, nichtsdestotrotz grandiosem Projekt „Tin Machine“, das auch in „Moonage Daydream“ ignoriert wird. Play it loud.


TV-Tipp für den 16. Februar: Cobain: Montage of Heck

Februar 16, 2018

Arte, 21.45

Cobain: Montage Of Heck (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)

Regie: Brett Morgen

Drehbuch: Brett Morgen

Beängstigend intime Dokumentation über „Nirvana“-Leadsänger Kurt Cobain mit vielen intimen Privataufnahmen, die niemals für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt waren.

Mehr in meiner ausführlicher Besprechung.

mit Wendy O’Connor, Kimberly Cobain, Don Cobain, Jenny Cobain, Tracy Marander, Courtney Love, Chris Novoselic, Kurt Cobain (Archivaufnahmen)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Cobain: Montage Of Heck“
Moviepilot über „Cobain: Montage Of Heck“
Metacritic über „Cobain: Montage Of Heck“
Rotten Tomatoes über „Cobain: Montage Of Heck“
Wikipedia über „Cobain: Montage Of Heck“, Kurt Cobain (deutsch, englisch) und Nirvana (deutsch, englisch)
AllMusic über Nirvana

Meine Besprechung von Brett Morgens „Cobain: Montage Of Heck“ (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Doku „Cobain: Montage Of Heck“ über den „Nirvana“-Sänger

April 9, 2015

Vor über zwanzig Jahren, am 5. April 1994, erschoss sich Kurt Cobain, der Leadsänger der Grunge-Band „Nirvana“, die damals die Band der Stunde war. Songs aus ihrer zweiten LP „Nevermind“ liefen auf jeder Abiturienten- und Studentenparty und in den Discos. Die LP (oder CD) stand in fast jeder Studentenbude und so nervig damals irgendwann „Smells like Teen Spirit“ war: keine andere Grunge-Band hatte einen so großen kulturellen Einfluss. Sie war das Sprachrohr der „Generation X“. „Nirvana“ war, das fällt beim Ansehen der gelungenen Dokumentation „Cobain: Montage Of Heck“ und im Abstand von über zwanzig Jahren auf, die letzte global erfolgreiche Band, die auch die Stimme einer von der Gesellschaft missverstandenen und an ihr und ihre Bigotterie leidenden Jugend war. Sie trafen damals punktgenau den Zeitgeist. Alternative wurde Mainstream. Grunge, Sub Pop und Seattle waren die Schlagworte für den jugendlichen Musikfan.
Entsprechend groß ist immer noch das Interesse an der Band, die nur drei Studioalben veröffentlichte. Für die Bands von „Nirvana“-Schlagzeuger Dave Grohl und „Nirvana“-Bassist Chris Novoselic, der sich seitdem hauptsächlich mit anderen Dingen beschäftigt, interessieren sich deutlich weniger Menschen. Obwohl Grohls „Foo Fighters“ seit Jahren kommerziell erfolgreich sind, sind sie halt nur eine okaye Rockband. Cobains Freundin und Ehefrau Courtney Love bringt zwar periodisch Alben heraus, meistens mit ihrer 1989 gegründeten Band „Hole“. Aber auch das scheint niemand so richtig zu interessieren.
Denn ihr gesamtes Schaffen steht immer noch im Schatten weniger Jahre und eines charismatischen Musikers, der als schwer erziehbares Scheidungskind durch die halbe Verwandschaft gereicht wurde, keinen Schulabschluss hat und der für sein Umfeld ein wandelndes Katastrophengebiet war. Außerdem hatte er psychische Probleme, eine bipolare Störung und war drogenabhängig.
Nur: wie verfilmt man so ein kurzes Leben?
Man kann sich natürlich an der Chronologie abarbeiten und diese mit vielen Statements und Konzertausschnitten garnieren. So wie es halt, mehr oder weniger gelungen, aber nie besonders innovativ, in unzähligen anderen Dokumentarfilmen gemacht wird. Zuletzt in „Altman“.
Oder man nimmt, wie der Oscar-nominierte Dokumentarfilmer Brett Morgen („The Kid Stays in the Pcture“, „Chicago 10“, „Crossfire Hurricane“), die Chronologie als Rückgrat für eine Erzählung, die versucht einen Einblick in das Denken und damit in die Psyche des am 20. Februar 1967 geborenen Kurt Cobain zu geben. Morgen wählte diesen Weg nachdem er von Cobains Tochter Frances Bean Cobain den uneingeschränkten Zugriff auf die seit Cobains Tod in einem Lagerraum deponierten und seitdem nicht geöffneten Kisten mit Cobains Notizen, über viertausend Seiten, verschiedenen Kunstprojekten, über zweihundert Stunden unveröffentlichte Musik- und Tonaufnahmen, unzählige Soundcollagen, Mix-Tapes und Home-Videos erhielt. Eines der Mix-Tapes (für die Jüngeren: Erinnert ihr euch an die Musikkassette von ‚Star-Lord‘ Peter Quill in „Guardians of the Galaxy“? Das ist ein Mix-Tape und wir investierten in der Prä-MP3-Zeit viel Zeit in das Zusammenstellen von 90-minütigen Zusammenstellungen unserer Lieblingslieder für ungefähr jeden denkbaren Anlass.) hieß „Montage Of Heck“ und Morgen fand, dass dies ein guter Titel für seinen Film sei, der eben die Weltsicht von Cobain reflektiert.
Entsprechend intim und oft auch unangenehm ist „Cobain: Montage Of Heck“ ausgefallen. Denn der über zweistündige Film besteht, abgesehen von den kurzen Interviews (mit Cobains Eltern, seiner engsten Verwandschaft, seiner ersten Freundin Tracy Marander, die ihn durchfütterte, Chris Novoselic und Courtney Love) und einigen animierten Sequenzen, aus Schnappschüssen, Home-Videos, die Cobain und Courtney Love in ihrer Wohnung drehten und die niemals für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und Konzertausschnitten, die optisch und akustisch nicht wesentlich besser sind. Auch die Ausschnitte aus Stadionkonzerten haben – immerhin entstanden sie in den frühen Neunzigern – eine erschreckend schlechte Bild- und Tonqualität, die natürlich auch dem rauhen Sound von „Nirvana“ entspricht, die aber auf die Länge von über zwei Stunden schon die Empathie eines gestandenen Fans verlangt.
Nach dem Abspann gibt es noch ein zwölfminütiges Interview mit Brett Morgen, das einen interessanten Einblick in den Dreh vermittelt und das typisches DVD-Bonusmaterial ist. Deshalb wirkt es im Kino und nach dem bewusst chaotischen Film ziemlich deplatziert.

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Cobain: Montage Of Heck (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)
Regie: Brett Morgen
Drehbuch: Brett Morgen
mit Wendy O’Connor, Kimberly Cobain, Don Cobain, Jenny Cobain, Tracy Marander, Courtney Love, Chris Novoselic, Kurt Cobain (Archivaufnahmen)
Länge: 145 Minuten (der deutschen Kinofassung)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Cobain: Montage Of Heck“
Moviepilot über „Cobain: Montage Of Heck“
Metacritic über „Cobain: Montage Of Heck“
Rotten Tomatoes über „Cobain: Montage Of Heck“
Wikipedia über „Cobain: Montage Of Heck“, Kurt Cobain (deutsch, englisch) und Nirvana (deutsch, englisch)
AllMusic über Nirvana

Ein Interview mit Brett Morgen über seine Arbeit und den Film


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