Neu im Kino/Filmkritik: „Renfield“, eine Horrorkomödie für die Mitternachtsvorstellung

Mai 26, 2023

Wenn R. M. Renfield doch nur wüsste, wie er sich aus seiner aktuellen Beziehung befreien könnte, würde er es wahrscheinlich gerne tun. Doch bis dahin besucht er eine Selbsthilfegruppe und baut sich am verständnisvollem Zuspruch der anderen Gruppenmitglieder moralisch auf. Dass sie ihm nicht helfen können und ihn falsch verstehen, ignoriert er. Denn er ist nicht in irgendeiner toxischen Beziehung mit irgendeinem Narzissten, sondern er ist der servile Diener von Graf Dracula und Graf Dracula ist, nun, kein normaler Chef. Auch die Arbeiten, die Renfield für Dracula erledigt, sind nicht normal. Denn er muss im Moment Blut, das der Vampir Dracula zum Überleben braucht, besorgen.

Auf einem seiner Streifzüge durch das nächtliche New Orleans trifft Renfield auf Rebecca. Sie ist eine resolute Verkehrspolizistin, die sich ständig verbal mit ihrem Chef anlegt und eine äußerst skrupellose, brutale, die Stadt beherrschende Gangsterbande zur Strecke bringen will. Deshalb wollen die von ihr gejagten Lobos sie umbringen. Als Renfield einen Anschlag der Gangster auf Rebecca beobachtet, greift er ein und verhindert den Plan der Lobos. Dabei verliebt er sich in die Polizistin. Plötzlich glaubt er, er könne sich mit ihrer Hilfe aus seiner Beziehung zu Dracula befreien. Bis dahin will er zunächst die Blutbeschaffung für seinen Herrn ändern, indem er einfach Mitglieder der Lobo-Familie als Blutlieferanten nimmt.

Und schon wird New Orleans zu einem blutigen Spielfeld.

Renfield“, inszeniert von Chris McKay, nach einem Drehbuch von Ryan Ridley und einer Idee von „The Walking Dead“-Erfinder Robert Kirkman richtet sich primär an gestandene Horrorfilmfans, die ihren Dracula kennen, nichts gegen Humor haben und eine ordentliche Portion Splatter wollen. Dieser wird in diesem Fall leider mit zu viel schlechter CGI präsentiert.

Die dürfen sich über viele mehr oder weniger offensichtliche Anspielungen auf ältere Interpretationen von Bram Stokers Roman freuen. Vor allem Tod Brownings 1931er „Dracula“ stand Pate. Der Anfang von „Renfield“ ist ohne Brownings Film überhaupt nicht denktbar. In ihrem Spiel zitieren Nicolas Cage als Dracula und Nicholas Hoult als Renfield lustvoll ältere Versionen von Dracula und Renfield.

Awkwafina, als dritte im Bunde, ist die toughe, humorbefreite Polizistin der Dirty-Harry/Axel-Foley-Schule. Ständig ist die wortgewaltige Verkehrspolizistin im verbalen Kleinkrieg mit ihrem Chef. Und irgendwann auch im Krieg mit den Lobos, die anscheinend die gesamte Polizei von New Orleans geschmiert haben.

Die in großen Schritten in Richtung Slapstick gehenden Splatter- und Actionszenen sind hoffnungslos übertrieben und deshalb, vor allem wenn Menschen sterben, immer gut für einen Lacher.

McKays Horrorkomödie ist allerdings nie so gut, wie sie gerne wäre und sein könnte. Aber für den Horrorfan, der sich gerne in deutlich erkennbaren Zitate suhlt, sich über das Erkennen versteckterer Anspielungen freut, Klischeefiguren und Klischeedialoge als ironische Doppeldekodierung interpretiert und nicht allzu genau über den arg luftigen Plot nachdenkt, ist „Renfield“ ein kurzweiliger und blutiger Spaß, der vor allem von dem Paar Nicolas Cage/Nicholas Hoult lebt.

Renfield (Renfield, USA 2023)

Regie: Chris McKay

Drehbuch: Ryan Ridley (nach einer Idee von Robert Kirkman)

mit Nicholas Hoult, Nicolas Cage, Awkwafina, Shohreh Aghdashloo, Ben Schwartz, Adrian Martinez, Brandon Scott Jones

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Renfield“

Metacritic über „Renfield“

Rotten Tomatoes über „Renfield“

Wikipedia über „Renfield“ (deutsch, englisch)

Aus Gründen der Vollständigkeit

Wikipedia über Robert Kirkman (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns “The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe” (The Walking Dead Vol. 15: We find ourselves, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Eine größere Welt (Band 16)“ (The Walking Dead, Vol. 16: A larger world, 2012)

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Fürchte dich nicht (Band 17)“ (The Walking Dead, Vol. 17: Something to Fear, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Grenzen (Band 18)“ (The Walking Dead, Vol. 18: What comes after, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Auf dem Kriegspfad (Band 19)“ (The Walking Dead, Vol. 19: March to War, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Stefano Gaudiano/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Krieg – Teil 1 (Band 20)“ (The Walking Dead, Vol. 20: All Out War, Part One, 2014)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 2“ (USA 2011/2012)

Meine Besprechung der TV-Serie “The Walking Dead – Staffel 3″ (USA 2013)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Nick Spencer (Autoren)/Shawn Martinbroughs (Zeichner) „Dieb der Diebe: „Ich steige aus“ (Band 1)“ (Thief of Thieves # 1 – 7, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Phil Hester/Cory Walker/Khary Randolphs „Ant-Man Megaband “ (The Irredeemable Ant-Man, 2006/2007)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Scott M. Gimple/Chris Burnham/Nathan Fairbairns „Die!Die!Die! (Band 1)“ (Die!Die!Die! – Volume 1, 2019)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Scott M. Gimple/Chris Burnham/Nathan Fairbairns „Die!Die!Die! (Band 2)“ (Die!Die!Die! – Volume 2, 2021)

und dann gibt es noch einige andere Manifestationen von Graf Dracula, die ich ausführlicher besprochen habe

Meine Besprechung von Dario Argentos „Dario Argentos Dracula“ (Dracula 3D, Italien 2012)

Meine Besprechung von Gary Shores „Dracula Untold“ (Dracula Untold, USA 2014)

Meine Besprechung von Jonny Campbell/Damon Thomas/Paul McGuigans „Dracula“ (Dracula, Großbritannien 2020 – TV-Serie nach einem Buch von Mark Gatiss und Steven Moffat)

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993)


Neu im Kino/Filmkritik: „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ gibt es nur im Kino

April 2, 2023

Lange, sehr lange, ungefähr seit 2013 war ein Reboot von „Dungeons & Dragons“ im Gespräch. Davor war das erfolgreiche Pen-&-Paper-Rollenspiel bereits die Vorlage für drei zwischen 2000 und 2012 entstandene und inzwischen vergessene Spielfilme. Danach wanderte das Projekt durch zahlreiche Hände, bis Jonathan Goldstein und John Francis Daley, die vorher „Vacation – Wir sind die Griswolds“ (Vacation, USA 2015) und „Game Night“ (Game Night, USA 2018) inszenierten, den Zuschlag erhielten. Gedreht wurde „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ von April bis August 2021 in Island und Nordirland. Der angekündigte Starttermin wurde mehrmals verschoben.

Entsprechend groß ist natürlich die Skepsis. Mehrmalige Startterminverschiebungen deuten oft auf Probleme hin. Und dann gibt es noch die Fans des Spiels, die sich schaudernd an die vielen misslungenen Spieleverfilmungen erinner. Auch Filmfans, die das zugrunde liegende Spiel nicht kennen, können mühelos etliche Spieleverfilmungen aufzählen, die einfach schlechte Filme sind. Wie, um ein halbwegs aktuelles Beispiel zu nennen, Justin Kurzel hochkarätig besetztes Desaster „Assassin’s Creed“ (Assassin’s Creed, USA 2016).

Glücklicherweise ist „Dungeons & Dragons“: Ehre unter Dieben“ ein ganz okayer, unterhaltsamer und sich nicht allzu ernst nehmender Film. Ob es eine gute Verfilmung des Spiels ist, kann ich nicht sagen, weil ich das Spiel nicht kenne. Aber bis jetzt gibt es noch kein Wutgeheul von den Fans des Spiels.

Die Helden des Films sind Edgin (Christ Pine), ein Barde und ehemaliges Mitglied einer Geheimorganisation von Friedenshütern, und seine Kampfgefährtin Holga (Michelle Rodriguez), eine kampferprobte und kampffreudige Barbarin. Nach einem gescheiterten Einbruch sitzen sie in einem mittelalterlichen Hochsicherheitsgefängnis – äh, „Dungeons & Dragons“ spielt in einer dieser Fantasy-Welten, in denen alles nach Mittelalter aussieht, es aber einige moderne Dinge und viel Zauberei gibt.

Ihnen gelingt die Flucht aus dem Gefängnis. Von ihrem alten Kumpel Forge (Hugh Grant) wollen sie nun den ihnen zustehenden Teil der Beute haben. Er will ihn ihnen nicht geben. Außerdem konnte er in den vergangenen zwei Jahren Edgins Tochter Kira (Chloe Coleman) überzeugen, dass er ein netter fürsorglicher Onkel und Edgin ein egoistischer, seine Frau und Tochter verachtender Dieb ist. Deshalb möchte Kira bei Forge bleiben. Außerdem ist der Schlawiner Forge inzwischen der Lord von Niewinter.

In wenigen Tagen will Forge ein großes Fest feiern, zu dem auch viele andere Lords kommen. Dieses High Sun Fest mit seinen Kämpfen und Attraktionen in der Arena und der Stadt wollen Edgin und seine Freunde benutzen, um Forges bestens gesichertem Safe auszuräumen. Um ihn öffnen zu können, müssen sie sich zuerst an anderen Orten einige Dinge besorgen, die schwer zu besorgen sind.

Und los geht die Reise durch Fantasy-Land. Edgin und Holga erleben viele Abenteuer beim Zusammensuchen der für ihren Diebstahl wichtigen Utensilien, sie treffen alte Bekannte und lernen neue Kampfgefährten kennen. Dazu gehören Doric (Sophia Lillis), eine Druidin, die mühelos ihre Gestalt verändern kann und auch als Eulenbär kämpft (frag nicht, akzeptier einfach, dass es riesige Mischwesen aus Eule und Bär gibt), der halbtalentierte Magier Simon (Justice Smith) und der erheblich talentiertere Paladin Xenk (Regé-Jean Page).

Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ erzählt eine sattsam bekannte Abenteuergeschichte durchaus vergnüglich und selbstironisch, aber auch ziemlich holprig. Jede Figur und jeder Charakterzug ist bekannt. Dass Michelle Rodriguez eine kampfstarke Barbarin spielt, ist nur auf den ersten Blick eine Neuerung. Letztendlich spielt sie den treuen, gutgelaunten, für die Witze zuständigen, bulligen Freund des Helden, der sich ohne mit der Wimper zu zucken, in die nächste Schlacht wirft und für den eine zünftige Kneipenschlägerei immer eine willkommene Abwechslung vom Saufen und Fressen ist. Ob Mann, ob Frau ist egal.

Das gleich gilt aüf die anderen Figuren.

Die Story folgt ebenfalls den vertrauten Pfaden, in denen an verschiedenen Orten verschiedene Dinge besorgt werden müssen und die Figuren auf ihrer Reise viele Abenteuer erleben. Sie folgt auch der Dramaturgie eines Spiels, bei dem hinter jeder Karte eine neue Überraschung wartet.

Die in „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ erzählte Geschichte selbst ist dann schlechte Fantasy. Regeln werden immer so benutzt, wie sie gerade passen. Da ist ein Portal zur Hand, wenn es gerade benötigt wird. Da hilft mal ein Zauberspruch, mal hilft er nicht. Und wenn alle Stricke reißen, fällt einer Figur spontan ein neuer Zauberspruch ein. Figuren können sich immer dann unsichtbar machen, wenn der Drehbuchautor es so will. Gesetze und Regeln werden bei Bedarf einfach ignoriert.

Es gibt, natürlich, viel CGI. Vor allem das Finale ist eine einzige CGI-Schlacht. Auch davor gibt es überreichlich im Computer hergestellte Effekte.

Immerhin wurden Teile vor Ort gedreht. Diese Landschaftsaufnahmen verpassen dem Film eine nötige Portion Realismus. Auch dass die spielfreudigen Schauspieler öfter gemeinsam im Bild sind, führt zu Interaktionen, die in Superheldenfilmen, in denen jeder Schauspieler seinen Text ohne die anderen Schauspieler aufsagt, fehlen.

Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben (Dungeons & Dragons: Honor Among Thieves, USA 2023)

Regie: Jonathan Goldstein, John Francis Daley

Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley, Michael Gilio (nach einer Geschichte von Chris McKay und Michael Gilio, basierend auf Hasbros Dungeons & Dragons)

mit Chris Pine, Michelle Rodriguez, Regé-Jean Page, Justice Smith, Sophia Lillis, Chloe Coleman, Daisy Head, Hugh Grant

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“

Metacritic über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“

Rotten Tomatoes über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“

Wikipedia über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jonathan Goldstein/John Francis Daleys „Vacation – Wir sind die Griswolds“ (Vacation, USA 2015)

Meine Besprechung von Jonathan Goldstein/John Francis Daleys „Game Night“ (Game Night, USA 2018)


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