Neu im Kino/Filmkritik: „Whalefall“ – Vom Überleben in einem Wal

Oktober 15, 2026

Ein Pottwal kann über zwanzig Meter groß werden.

Ein Mensch ist deutlich kleiner.

Ein Pottwal kann, wie Daniel Kraus von Wissenschaftlern erfuhr, einen Menschen verschlucken. Ausgehend von dieser Idee erzählte Kraus in seinem Roman „Whalefall“ eine Geschichte, die unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist. Bis jetzt gibt es noch keinen bestätigten Fall von einem Menschen, der von einem Pottwal verschluckt wurde. Aber wenn das passieren würde, könnte es so oder so ähnlich geschehen.

Jay Gardiner (Austin Abrams) verbrachte das letzte Jahr weitab von seinem Heimatort am College. Jetzt besucht er seine immer noch in Monterey, Kalifornien lebende Mutter.

Vor einem Jahr beendete sein unheilbar an Krebs erkrankter Vater Mitt (Josh Brolin) sein Leben am Monastery Beach. Seine Leiche wurde nie gefunden. Jetzt will Jay sie finden – ein bescheuertes und ziemlich unmögliches Vorhaben – und so den Respekt der lokalen Taucher-Gemeinschaft erlangen. Denn Mitt ist unter ihnen eine Legende. Er will auch seinem toten Vater beweisen, dass er ein guter Taucher ist.

Kurz nach dem Beginn seines eigentlich ungefährlichen Tauchgangs wird Jay von den Tentakeln eines Kalmars erfasst. Kaum hat er sich befreit, werden er und der Kalmar von einem Pottwal verschluckt.

Jay hat nur noch für eine Stunde Sauerstoff. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen. Er muss irgendwie aus dem Bauch des Wals entkommen.

Daniel Kraus hat sich eine spektakuläre Geschichte ausgedacht, die er in dem Roman in extrem kurzen Kapiteln vorantreibt. Für die Verfilmung änderten er und Regisseur Brian Duffield diese Struktur zugunsten längerer Erzählblöcke. Erst am Ende verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit zunehmend.

Dabei wird aus der Survival-Story auch eine Vater-Sohn-Geschichte, in der Jay sich von seinem diktatorischem Über-Vater emanzipieren muss. Mitt war, wie Kraus im Roman schonungslos zeigt, nicht nur ein Mann mit starken Überzeugungen, sondern ein Vater aus der Hölle. Nur seine Meinung zählte. Als Verdiener war er ein Totalausfall. Keine Arbeit behielt er länger und die Jobs wurden immer schlechter. Mitt lebte nur für das Tauchen. Gleichzeitig brachte er Jay alles bei, um diese Situation zu überleben.

Wie Jay versucht, aus dem Walbauch zu entkommen, schildert Kraus in seinem Roman „Whalefall“ so detailliert und wissenschaftlich abgesichert, dass ich danach nicht nur verstand, was Jay warum machte, sondern auch (in grandioser Selbstüberschätzung) glaubte, jetzt mich selbst aus dem Bauch eines Wals befreien zu können.

Brian Duffields Verfilmung lässt diese Erklärungen weg zugunsten des reinen Terrors, in einem engen Raum eingesperrt zu sein und immer weniger Luft zu haben, und den verzweifelten Versuchen, sich aus dieser Situation zu befreien. Sobald Jay im Bauch des Wals ist, wird „Whalefall“ letztendlich zu einem Stummfilm. Es gibt auch kein erklärendes Voice-Over. Es gibt nur noch eine Mann, der etwas tut – und manchmal, wenn einer seiner Pläne schiefgeht oder der Wal etwas unvorhergesehenes tut, panische Schreckensschreie ausstößt.

In den Rückblenden geht es um Jays Beziehung zu seinem Vater. Dabei ist er im Film sympathischer als im Buch. Er wird zu einem forderndem Lehrer und Naturburschen, der nur das beste für seinen Sohn will.

Das Ergebnis ist ein spannender Survival-Thriller mit einer Vater-Sohn-Emanzipationsgeschichte – und eine Mischung aus tiefen Mitgefühl und Bewunderung für den Hauptdarsteller Austin Abrams. Er verbrachte den größten Teil der Dreharbeiten, nämlich 35 Drehtage, eingezwängt zwischen riesigen Schaumwänden, die die Magenwände des Wals waren, im Wasser und anderen Flüssigkeiten.

Whalefall (Whalefall, USA 2025)

Regie: Brian Duffield

Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus

LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)

mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Die Vorlage

Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

(übersetzt von Claudia Rapp)

Festa, 2024

416 Seiten

24,99 Euro (gebundene Ausgabe)

16,99 Euro (Taschenbuch)

–

Originalausgabe

Whalefall

MTV Books, 2023

–

Hinweise

Moviepilot über „Whalefall“

Metacritic über „Whalefall“

Rotten Tomatoes über „Whalefall“

Wikipedia über Daniel Kraus und „Whalefall“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Homepage von Daniel Kraus

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)

Meine Besprechung von Daniel Kraus‘ „Whalefall“ (Whalefall, 2023)


Verfilmte Bücher: Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

September 16, 2026

Die Verfilmung startet am 15. Oktober – und auch ich kenne bislang nur die für Gespräche sorgenden und neugierig machenden Trailer. Die Bilder versprechen, dass der Film sich an die Vorlage hält.

In dem Roman wird Jay Gardiner bei einem herausforderndem, aber eigentlich ungefährlichem Tauchgang, wenige Meter vor der kalifornischen Küste, von einem Pottwal verschluckt. Der Siebzehnjährige hat Sauerstoff für eine Stunde. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen.

Der Grund für den Tauchgang im Pazifik in der Nähe von Monterey ist, dass er Mitt Gardiners Leiche, oder was nach einem Jahr von ihr übrig ist, finden will. Sein Vater Mitt war unheilbar an Krebs erkrankt und verübte Suizid. Er war zeitlebens ein begeisterter Taucher, eine Legende in dem Ort, ein Hallodri mit starken Überzeugungen, atemberaubend vielen Jobwechseln und ein strenger Lehrer, der eine traditionelle Form des Tauchens verfocht. Alles, was auch nur im Ansatz nach moderner Technik aussah, lehnte er vehement ab.

Jay will mit dem Tauchgang beweisen, dass er ein Mann ist und so den Respekt der örtlichen Tauchergemeinschaft erlangen.

Im Bauch des Wals erinnert Jay sich an die Ratschläge, Lebensweisheiten und Lehrstunden, die er als Kind von seinem Vater erhielt. Ob sie ihm helfen, aus dem Bauch des Wals zu entkommen?

Daniel Kraus erzählt die einfache Überlebensgeschichte konstant zwischen der Gegenwart im Bauch des Wals und Jays Erinnerungen an sein bisheriges Leben wechselnd in extrem kurzen Kapiteln. Ein vierseitiges Kapitel erscheint als lang. Die kurzen Kapiteln, in denen immer etwas passiert, treiben die Geschichte voran.

„Whalefall – Im Wal gefangen“ ist ein spannender Thriller, die psychologisch stimmige Geschichte einer komplexen und unguten Sohn-Vater-Beziehung und eine kleine Lehrstunde in Wal- und Tauchkunde. Denn, so Kraus in seiner Danksagung, er bemühte sich um größtmögliche Faktentreue. Einiges ist noch nicht erforscht, aber insgesamt ist die Geschichte möglich.

Bei uns dürfte Daniel Kraus vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro bei „The Shape of Water“ und „Trollhunters“ und mit George A. Romero bei „The Living Dead“ bekannt sein.

Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

(übersetzt von Claudia Rapp)

Festa, 2024

416 Seiten

24,99 Euro (gebundene Ausgabe)

16,99 Euro (Taschenbuch)

–

Originalausgabe

Whalefall

MTV Books, 2023

–

Die Verfilmung

Whalefall (Whalefall, USA 2025)

Regie: Brian Duffield

Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus

LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)

mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd

Kinostart: 15. Oktober 2026

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Hinweise

Festa über den Roman

Homepage von Daniel Kraus

Wikipedia über Daniel Kraus und „Whalefall“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)


TV-Tipp für den 12. Februar: Familienfest

Februar 11, 2025

Arte, 20.15

Familienfest (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Andrea Stoll, Martin Rauhaus

Im realen Leben sind Familienfeste ja meist ziemlich dröge Veranstaltungen. Im Film nicht. Und auch bei Lars Kraumes Familienfest dürfen die Stars groß aufspielen, wenn die Familie sich zum siebzigsten Geburtstag des Patriarchen, einem gefeiertem Konzertpianisten, der nur auf der Bühne feinfühlig ist, versammelt.

Anschließend, um 21.45 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere den Dokumentarfilm „Lars Eidinger – Sein oder nicht sein“ (Deutschland 2023).

Mehr in meiner ausführlichen Kritik.

mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus

Wiederholung: Freitag, 21. Februar, 14.00 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Familienfest“

Moviepilot über „Familienfest“

Wikipedia über „Familienfest“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der vermessene Mensch“ (Deutschland 2023)


TV-Tipp für den 3. Mai (+ Buchkritik): Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Mai 2, 2020

Pro7, 20.15

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water, USA 2017)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro)

TV-Premiere – und wegen der Uhrzeit wird um 20.15 Uhr eine gekürzte Fassung gezeigt. Die Nachtwiederholung dürfte ungekürzt sein.

Guillermo del Toros sehr gelungene, mit zahlreichen Preisen (u. a. Oscar als bester Film des Jahres) ausgezeichnete Version vom „Schrecken vom Amazonas“. Der Fischmensch wird 1962 in Baltimore in einem Regierungslabor als Forschungsobjekt gefangen gehalten. Als eine stumme Putzfrau zu dem Wesen eine Beziehung aufbaut, beginnt eine der schönsten Liebesgeschichten des zeitgenössischen Kinos, die auch eine detailverliebte Liebeserklärung an die alten Hollywood-Monsterheuler und ein subversives Märchen über gesellschaftliche Außenseiter, die sich respektvoll, human und ohne Vorurteile begegnen, ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit Clips und Interviews).

mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott

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Der Filmroman

folgt selbstverständlich der Filmgeschichte. Allerdings erfahren wir mehr über die einzelnen menschlichen Figuren und auch was Richard Strickland im Dschungel bei der Suche nach dem legendären Fischmenschen erlebte. Diese Nebengeschichten variieren das Thema des Films und erhellen das damalige Denken und die damals herrschenden Ansichten. Dummerweise drängen diese Nebengeschichten die Hauptgeschichte in den Hintergrund.

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Guillermo del Toro/Daniel Kraus: The Shape of Water

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Knaur, 2018

432 Seiten

16,99 Euro

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Originalausgabe

The Shape of Water

Feiwel and Friends/Macmillan, 2018

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Shape of Water“

Metacritic über „The Shape of Water“

Rotten Tomatoes über „The Shape of Water“

Wikipedia über „The Shape of Water“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)


TV-Tipp für den 25. November: Familienfest

November 25, 2016

Arte, 20.15

Familienfest (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Andrea Stoll

Im realen Leben sind Familienfeste ja meist ziemlich dröge Veranstaltungen. Im Film nicht. Und auch bei Lars Kraumes Familienfest dürfen die Stars groß aufspielen, wenn die Familie sich zum siebzigsten Geburtstag des Patriarchen, einem gefeiertem Konzertpianisten, der nur auf der Bühne feinfühlig ist, versammelt.

Mehr in meiner ausführlichen Kritik.

mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus

Wiederholungen

ZDF: Montag, 28. November, 20.15 Uhr

Arte: Sonntag, 4. Dezember, 09.45 Uhr

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Familienfest“
Film-Zeit über „Familienfest“
Moviepilot über „Familienfest“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Oktober 20, 2015

Es geschieht selten, dass von einem Regisseur fast zeitgleich zwei Filme in unseren Kinos anlaufen. Das liegt dann nicht nur an der Produktivität des Regisseurs, sondern auch oft ganz einfach an den Planungen des Verleihs. Bei „Familienfest“, der am Donnerstag anlief, war es auch noch eine erfolgreich verlaufene Premiere beim Münchner Filmfest, die dem TV-Film eine Kinoauswertung bescherrte. In dem hochkarätig besetztem Ensemblestück geht es um ein titelgebendes Familienfest. Der geachtete Klassik-Pianist Hannes Westhoff wird siebzig und seine Frau hat die ganze Familie, inclusive der Ex-Frau, zu der Feier eingeladen. Sie kommen. Jeder hat mindestens ein Problempaket zu tragen und, wie es sich für ein Drama gehört, wird während des Abendessens ordentlich schmutzige Wäsche gewaschen.
Das hat natürlich seine Momente, aber es versprüht auch immer den Charme des TV-Films der Woche. Die Dramaturgie, die Bilder, die weitgehende Beschränkung auf Innen-Sets (eigentlich spielt der gesamte Film wie ein Theaterstück in einer überschaubaren Villa) und die Konflikte, die vor allem den Erfordernissen einer 90-Minuten-Filmdramaturgie gehorchen. Die Ex-Frau ist eine Schnapsdrossel. Der eine Sohn muss mal wieder pleite sein, der zweite schwul (was für den konservativen Vater eine Todsünde ist) und der dritte muss todsterbenskrank sein, seine Krankheit in sich hineinfressen und geschliffene nihilistische Sentenzen deklamieren. Und alle drei sehnen sich immer noch, wie kleine Kinder, nach der uneingeschränkten Liebe ihres Vaters.
Deshalb kommen sie zum Geburtstag des uncharismatischen Ekels, das bei der Erziehung seiner Kinder komplett versagte. Das ist, wenn man die unplausible Prämisse akzeptiert, dass alle freiwillig zum Geburtstag des verhassten Ekels kommen, als Abrechnung mit dem Kultur-Bürgertum unterhaltsam in den vorgegebenen Bahnen.

Ganz anders und ungleich gelungener ist „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der zwar auch viel in Innenräumen spielt, aber nie dieses überwältigende TV-Flair von „Familienfest“ hat.
In dem Biopic konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.
Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.
Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.
Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.
Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.
Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.
Vor dem Filmstart habe ich mich für die „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik“ mit Lars Kraume über den Film und die strittigen Punkte unterhalten. Das Interview und meine etwas ausführlichere Besprechung gibt es hier.

Familienfest - Plakat

Familienfest (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Andrea Stoll
mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Familienfest“
Film-Zeit über „Familienfest“
Moviepilot über „Familienfest“
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Der Staat gegen Fritz Bauer - Plakat
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“