„Inventing Queer Cinema“ – Es darf diskutiert werden

Juni 1, 2026

Am 12. Juni startet das die Ausstellung und das Filmprogramm „Inventing Queer Cinema“ in der Deutschen Kinemathek (Mauerstraße 79, 10117 Berlin) begleitende Veranstaltungsprogramm.

Hier, ohne weitere Worte, das Programm (wie es mir zugeflüstert wurde):

Freitag, 12. Juni, 19 Uhr 

Tanten, Tunten, kesse Väter.Wolfgang Theis macht großes Kino im Schwulen Museum

(Gespräch)

Wolfgang Theis (ehem. Schwules Museum, Deutsche Kinemathek)

Birgit Bosold (Vorstand, Schwules Museum)

Romain Pinteaux (Archiv, Schwules Museum)

Wolfgang Theis war der langjährige Leiter des Fotoarchivs der Deutschen Kinemathek und ist eine der »Gründungsmütter« des Schwulen Museums in Berlin. Dort kuratierte er viele Jahrzehnte Sonderausstellungen zu allen möglichen und unmöglichen Themen der queeren Kulturgeschichte. Zusammen mit Birgit Bosold und Romain Pinteaux widmen wir seinem eindrucksvollen (schwulen-) bewegten Schaffen diesen Abend.

In Kooperation mit dem Schwulen Museum und im Rahmen der Ausstellung »Susan Sontag: Sehen und Gesehen werden«.

Freitag, 19. Juni, 19 Uhr 

Unverfilmt: Das Drehbuch ›Der Puppenjunge‹ von Wieland Speck 

(Lesung und Gespräch)

Wieland Speck (Regisseur, Kurator ehem. Berlinale Panorama, TEDDY Awards)

Til Schindler (Schauspieler)

1926 veröffentlichte der deutsche Autor John Henry Mackay den Roman ›Der Puppenjunge. Die Geschichte einer namenlosen Liebe aus der Friedrichstrasse‹ über den Buchhändler Hermann Graff, der sich in den Strichjungen Günter verliebt. 1992 adaptierte Filmemacher und Aktivist Wieland Speck den Roman, sein Drehbuch blieb jedoch unverfilmt. Wir sprechen mit Speck über seine Adaption, erfolgreichen Aktivismus und gescheiterte Finanzierungen. Schauspieler Til Schindler liest erstmals öffentlich Teile des Drehbuches.

Freitag, 26. Juni, 19 Uhr 

Kein Taxi zum Klo? Lesbisches Kino im Fokus 

(Diskussion)

Monika Treut (Regisseurin, Autorin, Produzentin)

Angelina Maccarone (Regisseurin, Autorin)

Eline Gehring (Regisseurin, Autorin)

Wie steht es um lesbische Sichtbarkeit im Queer Cinema? Spielen lesbische Frauen als Regisseurinnen und Figuren im Film eine Nebenrolle? Oder gucken wir einfach nicht genau hin? Zwischen Verführungen, Coming Outs und Selbstbehauptung diskutieren Monika Treut, Angelina Maccarone und Eline Gehring ihre oft bahnbrechenden Filme. Sie erzählen von ihren Geschichten, ihren queeren Figuren und geben uns einen Einblick in vergangenes und kommendes lesbisches Filmschaffen.

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Freitag, 10. Juli, 19 Uhr 

Wie pervers ist die Situation? Wir diskutieren Rosa von Praunheims ›Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt‹

(Screening und Diskussion)

Martin Dannecker (Sexualwissenschaftler, Autor)

Jochen Hick (Regisseur, Journalist, Autor)

Faraz Shariat (Regisseur, Produzent, Autor)

›Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt‹ von Rosa von Praunheim löste 1971 ein Erdbeben aus und führte deutschlandweit erstmals zur Gründung zahlreicher Schwulenbewegungen. Statt um Empathie und Verständnis zu werben, griff Praunheim schwule Männer scharf an: Spießig, einsam, eitel und unpolitisch seien sie und sollten endlich auf die Straße gehen! Ein Film wie eine schallende Ohrfeige, die nicht umsonst auch in der Ausstellung »Inventing Queer Cinema« eine zentrale Rolle spielt. Wir zeigen den Film noch einmal und fordern das Publikum und geladene Gäste auf, sich kritisch zu positionieren. Ein offenes Gespräch ohne Podium und Bühne, in dem wir Wirkung und Thesen des Films neu diskutieren wollen.

Freitag, 17. Juli, 19 Uhr 

Let’s Have a Talk! Queerer Aktivismus in der Filmbranche

(Diskussion)

Vertreter*innen von:

Queer Media Society

#ActOut

Schwarze Filmschaffende e.V.

Hauptverband Cinephilie

Jünglinge

Die Deutsche Kinemathek lädt zum Austausch ein: Was passiert aktivistisch im deutschen Queer Cinema? Wer organisiert sich wie – und wofür? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen und vor welchen Herausforderungen stehen wir? Dazu laden wir zum Fishbowl ein. Bei der Diskussionsmethode in Form eines offenen Stuhlkreises kommen die Teilnehmenden zu Wort und miteinander ins Gespräch. Mit dabei sind Vertreter*innen der Queer Media Society, von #ActOut, Jünglinge und dem Hauptverband Cinephilie. Die Veranstaltung ist offen für alle.

Freitag, 24. Juli, 19 Uhr 

Selbstverständlichkeiten und Rollenverständnisse: Frauen, Männer, Trans* im Film

(Diskussion)

Thea Ehre (Schauspielerin)

Tucké Royale (Schauspieler, Autor)

Zazie de Paris (Schauspielerin, Sängerin)

Zazie de Paris, Thea Ehre und Tucké Royale haben mit ihren Rollen in Produktionen wie ›Westler“, ›Bis ans Ende der Nacht‹ oder ›Neubau‹ queere Filmgeschichte geschrieben. Mal geht es in den Filmen explizit um Repräsentation von Trans*, mal wird es am Rande und oft überhaupt nicht erwähnt. Wann spielt Trans*identität im Film eine Rolle?  Wie steht es um die Sichtbarkeit im Queer Cinema? Ein Gespräch über Underground und Prime Time, Genre und Gender, Erfolg und Rollenangebote.

Donnerstag, 30. Juli, 19 Uhr 

Queer Cinema in Serie. Andere Geschichten und Figuren in Fernsehproduktionen

(Diskussion)

Merle Grimme (Regisseurin, Autorin)

Kerstin Polte (Regisseurin, Autorin)

Lamin Leroy Gibba (Schauspieler, Autor)

Es tut sich etwas im deutschen Fernsehen, das in den letzten Jahren queerer und diverser zu werden scheint. Mit Serien wie ›Clashing Differences‹, ›Schwarze Früchte‹, ›Becoming Charlie‹, ›Loving Her‹, ›Wir‹ oder „Druck‹ entstehen gerade im nicht-lineare Spartenprogramm Geschichten und Figuren, die wir so noch nicht kannten. Doch wie nachhaltig ist der Trend, und was folgt auf die Vorzeigeserien? Mit Merle Grimme, Kerstin Polte und Lamin Leroy Gibba berichten drei Kreative über ihre Arbeiten, die nicht nur die Fernsehlandschaft maßgeblich verändert haben.

Freitag 14. August, 19 Uhr 

Do It Yourself! Subversive Filmarbeit zwischen Pornoproduktion, Fernsehmagazin und Straßenführung 

(Diskussion)

Mahide Lein (Aktivistin, Kulturvermittlerin, AHOI)

Jürgen Brüning (Produzent, Regisseur, Kurator)

Gaby Tupper (Hausfrau, Showgirl, Community Queen)

Willkommen in der Subkultur! Von »Wurstfilm« und dem Porn Film Festival über »LÄSBISCH-TV« bis hin zu »Göttinnen des Trash und »Dietrich-Drag«: Jürgen Brüning, Mahide Lein und Gaby Tupper sprechen über ihre Kulturarbeit, ihr bewegtes Leben und darüber wie sie eigene Räume und Angebote geschaffen haben, die die queere Kultur Berlins verändert haben. Ein Abend als gesprächiger Erlebnisbericht.

Freitag, 21. August, 19 Uhr

Rosenkönige und Grausame Frauen: Die Bildermacherin Elfi Mikesch

(Gespräch)

Elfi Mikesch (Kamerafrau, Regisseurin, Fotografin)

Moderation:

Fiona Berg (feminist elsewheres)

Maja Roth (HBK Braunschweig)

Queer avant la lettre: Im Jahr 1970 begann die Fotografin Elfi Mikesch ihre Arbeit als Regisseurin und Kamerafrau. Bekannt für ihre tanzenden, beweglichen Bilder, die uns in unerhörte Schieflagen und Träume versetzen, arbeitet sie bei unzähligen Filmen von Rosa von Praunheim, Werner Schroeter oder Monika Treut an der Kamera. Diese Kollaborationen sprühen von Queerness, anarchischer Energie und politischem Engagement. Von ›Ich denke oft an Hawaii‹ (1978) und dem Foto-Film ›Execution – A Study of Mary‹ (1979) bis zu ihrem Dokumentarfilm ›Krieg oder Frieden‹ (2024) führte Mikesch bei über 20 Produktionen selbst Regie. Fiona Berg und Maja Roth unterhalten sich mit Mikesch über ihr queeres Leben und Schaffen.

P. S.: Wie immer: Änderungen vorbehalten. Und an einigen Abenden dürfte es voll werden.

 


Impressionen aus Berlin: Nochmal „Inventing Queer Cinema

Mai 13, 2026

Ausgehend von meinem heutigen TV-Tipp gibt es ein weiteres Bild aus der Ausstellung „Inventing Queer Cinema“ der Deutschen Kinemathek.


Über die Ausstellung „Inventing Queer Cinema“ in der Deutschen Kinemathek

Mai 11, 2026

Die erste Ausstellung der Deutschen Kinemathek an ihrem Übergangsstandort präsentiert auch ein Stück Berlin-Geschichte, das nur möglich wurde, weil das Archiv des Filmverleihs Salzgeber geöffnet wurde. Der Filmverleih wurde 1985 von Manfred Salzgeber in West-Berlin gegründet mit dem Ziel, schwule Filme zu verleihen. Und Berlin war und ist für den queeren Film wichtig.

Schon vor der Gründung des Verleihs – Salzgeber fand 1985 für den Film „Buddies“, den ersten Spielfilm über AIDS, keinen Verleiher oder TV-Sender – engagierte der 1943 geborene und 1994 verstorbene Filmfanatiker sich für schwule Belange. Unter anderem bei der Gründung des Internationalen Forums des Jungen Films, später bei der Berlinale, als Kinobetreiber und gut vernetzter Entdecker und Förderer von Filmen abseits des Mainstreams, die nach seiner Überzeugung gesehen werden sollten. Mit Wieland Speck schuf er 1987 im Panorama der Berlinale den Teddy Award, den weltweit ersten offiziellen queeren Filmpreis auf einem A-Festival.

Viele Filme über queeres Leben entstanden in Berlin. Rosa von Praunheim lebte und arbeitete bis zu seinem Tod in Berlin. Sein Spielfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) kann für die schwule und lesbische Community und ihr Selbstbewusstsein nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Konzipiert und kuratiert wurde die Ausstellung von Björn Koll, der sich mit ihr einen Traum erfüllte. Seit 1989 arbeitet er in verschiedenen Funktionen bei Salzgeber. 1994 wurde er Eigentümer und wurde 2007 alleiniger Geschäftsführer der Salzgeber & Co. Medien GmbH. Zur Ausstellung sagt er: „Es geht bei ‚Inventing Queer Cinema‘ (…) nicht um die Frage, wer was erfunden hat. Das queere Kino ist ein imaginärer Raum und Traum, der von Millionen Menschen auf der Welt gespeist und geteilt wird. Der Wunsch, sich selbst zu sehen unf für andere sichtbar zu werden, war dabei immer stärker als alle Widrigkeiten bei Produktion und Herausbringung.“

Die Ausstellung nutzt die Räumlichkeiten des E-Werk, einem seit 1987 denkmalgeschütztem Umspannwerk, und zeigt gleichzeitig die Begrenzungen auf. Denn so hoch die Eingangshalle mit 8,75 Meter ist, so wenig Platz ist für die Präsentation all der in Jahrzehnten gesammelten und jetzt zu einem kleinen Teil ausgestellten Exponate. Dafür laden die frei schwebenden Plakate und Bilder zum Assozieren und Erinnern ein.

Die Ausstellung in der Eingangshalle teilt sich auf ein einen Prolog, der auf die Geschichte des queeren Film in den zwanziger Jahren in der Weimarer Republik eingeht. Es gibt die schon erwähnten, den Raum dominierenden Visuals und etwas abgeschottete Ecken für Rosa von Praunheim, eine Box für Manfred Salzgeber und eine auf drei Leinwände aufgeteilte Präsentation.

Bei Rosa von Praunheim wird sich in einer auf sechs Monitoren aufgeteilten Präsentation auf „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ und die Wirkungsgeschichte des Films konzentriert. In „Manfreds Box“ gibt es einen Einblick in das Wirken von Manfred Salzgeber mit 1993 entstandenen Mitschnitten aus seiner Einführung in die queere Filmgeschichte und Interviews mit Kollegen und Freunden. Im Fokus Fernsehen wird gezeigt, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten in Talkshows, im Kinderfernsehen und in Filmen und Serien die Präsentation queerer Menschen veränderte.

Ein weiterer Blickfang ist die Installation „Celebrating Queer Cinema“. Auf drei Leinwänden werden Ausschnitte aus 22 Filmen gezeigt.

Im Schaltwerk werden erstmals Dokumente und Gegenstände aus dem Archiv des Filmverleih Salzgeber präsentiert. Es gehört jetzt zum Bestand der Stiftung Deutsche Kinemathek.

Während die Ausstellung primär eine Einführung in das Thema ist, gibt es zur Vertiefung eine Filmreihe und begeltende Veranstaltungen.

Die Filmreihe besteht aus 96 Filmen, die zwischen 1924 (Carl Theodor Dreyers „Michael“) und 2023 (Paul B. Preciados „Orlando, meine politische Biografie“, Vuk Lungulov-Klotz‘ „Mutt“, Hannes Hirschs „Drifter“, Harvey Rabbits „Captain Faggotron saves the Universe“ und Malgorzata Szumowska/Michal Englerts „Frau aus Freiheit“) ihre Premiere hatten. Fast die Hälfte der teils mehrfach gezeigten Filme stammen aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. Es werden Filmen von Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Rosa von Praunheim, Monika Treut und Frank Ripploh gezeigt. Es gibt auch Entdeckungen wie „100 Tage, Genosse Soldat“. Der sowjetische Film von 1990 über fünf junge Männer, die ihren Militärdienst nicht überleben, ist, je nach Sicht, immer noch oder wieder aktuell.

Zu den begleitenden Veranstaltungen gehören Drehbuchlesungen und Publikumsdiskussionen. Zu den Gästen gehören Monika Treut, Angelina Maccarone, Elfi Mikesch, Wieland Speck und Jochen Hick.

Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, sich nach dem Besuch der Ausstellung weiter in das Thema zu vertiefen. Und vielleicht gibt es auch irgendwann noch ein von Björn Koll angedachtes Buch zur Ausstellung.

Die Ausstellung „Inventing Queer Cinema“ ist in der Deutschen Kinemathek (Mauerstraße 79, Berlin) von jetzt bis zum 13. September 2026.

Sie ist von Donnerstag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Alle weiteren Informationen zur Ausstellung, der Filmreihe und den weiteren Angeboten findet ihr auf der Seite der Deutschen Kinemathek.