DVD-Kritik: „Dracula“, neu erzählt von den „Sherlock“-Machern

März 30, 2021

1897 besucht der junge Anwalt Jonathan Harker Transsylvanien. Dort soll er Graf Dracula treffen und den Kauf eines Anwesens in England abzuschließen. In dem Schloss geschehen seltsame Dinge und der sich rapide verjüngende und immer besser aussehende Gastgeber verhält sich noch seltsamer. Schließlich ist er ein Vampir, weshalb er süchtig nach Blut ist, das Tageslicht scheut und sich immer wieder in eine Fledermaus verwandelt.

Die anschließende Schiffspassage nach England, mit dem Grafen und viel heimischer Erde, verläuft ohne große Probleme. Auch wenn dieses Mal das Schiff ein Mikrokosmos der Gesellschaft ist und Graf Dracula sich durch seine Mitreisenden saugt.

In England kommt er hundertzwanzig Jahre später an und trifft dort auf seinen alten Gegner Van Helsing.

So weit, so bekannt.

Schließlich kennen wir die Geschichte von Graf Dracula aus Bram Stokers Roman und den zahlreichen Verfilmungen. Jedenfalls gehen die Macher der BBC-Miniserie „Dracula“ davon aus.

Die Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat, von denen auch „Sherlock“ stammt, erzählen die bekannte Geschichte neu, zitieren bekannte Versionen, variieren bekannte Situationen, erfinden einige neue Situationen, verlegen die ursprünglich im 19. Jahrhundert spielende Geschichte teilweise ins 21. Jahrhundert und garnieren sie mit brillanten Dialogen und Einzeilern.

Aus dem Vampirjäger Van Helsing machen sie eine Frau. In den ersten beiden spielfilmlangen Episoden der Miniserie ist sie eine wunderschön schnippische, taffe und kluge Nonne. In der dritten Episode ist sie nicht mehr Schwester Agatha Van Helsing, sondern Dr. Zoe Van Helsing, Wissenschaftlerin der Jonathan-Harker-Stiftung. Gespielt wird sie von Dolly Wells. Claes Bang spielt Dracula als verführerisches Monster mit spürbarer Lust am distinguiert triebgesteuertem, hyperpotentem Blutrausch und guten Gesprächen. Gerne mit Van Helsing.

Gatiss und Moffat erzählen die Geschichte in drei weitgehend in sich abgeschlossenne spielfilmlangen Episoden, die von verschiedenen Regisseuren inszeniert wurden. Jonny Campbell, Damon Thomas und Paul McGuigan übernahmen die Regie.

Die erste Episode spielt in einem Nonnenkloster, in dem Harker Van Helsing von seinen Erlebnissen in Draculas Schloss erzählt. Die zweite Episode schildert vor allem die Schiffspassage von Graf Dracula nach England und wie er sich durch die Besatzungsmitglieder und Mitreisenden ißt. Die dritte Episode spielt dann im London der Gegenwart.

Das ist durchgehend unterhaltsam, düster, sexuell aufgeladen, aber, und das muss der Ehrlichkeit halber auch gesagt werden, nicht so catchy wie „Sherlock“. Passagenweise gerät die Geschichte, wenn einige Situationen und Gespräche über Gebühr gedehnt werden, sogar etwas länglich. Das liegt an der Entscheidung, die Geschichte an wenigen Orten spielen zu lassen (letztendlich spielen die ersten beiden Episoden an drei Orten: Draculas alptraumhaft-verwinkeltem Schloss, dem Nonnenkloster und dem Schiff) und der Struktur mit den drei neunzigminütigen, in sich abgeschlosenen Filmen, die dann doch eine Geschichte erzählen.

Das Bonusmaterial besteht aus einem Audiokommentar und sechs kurzen, rein werblichen Featurettes, die man in 25 Minuten durchgesehen hat.

Dracula (Dracula, Großbritannien 2020)

Regie: Jonny Campbell, Damon Thomas, Paul McGuigan

Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat

LV: Bram Stoker: Dracula, 1897 (Dracula)

mit Claes Bang, Dolly Wells, John Heffernan, Morfydd Clark, Joanna Scanlan, Lujza Richter, Jonathan Aris, Sacha Dhawan, Mark Gatiss

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (^,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: 6 Behind-the-Scenes-Featurettes, Audiokommentar mit Cast & Crew zu Episode 3

Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)

FSK:ab 16 Jahre

Blu-ray identisch.

Hinweise

BBC über „Dracula“

Rotten Tomatoes über „Dracula“

Wikipedia über „Dracula“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul McGuigans „Viktor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“ (Victor Frankenstein, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul McGuigans „Film Stars don’t die in Liverpool“ (Film Stars don’t die in Liverpool, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Dario Argentos „Dario Argentos Dracula“ (Dracula 3D, Italien 2012)

Meine Besprechung von Gary Shores „Dracula Untold“ (Dracula Untold, USA 2014)

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993)


Neu im Kino/Filmkritik: Melissa McCarthy fragt „Can you ever forgive me?“

Februar 21, 2019

Im Gegensatz zu den meisten Kinogängern lernte ich Melissa McCarthy nicht als alle Grenzen austestende Slapstick-Ulknudel, sondern als ernste Schauspielerin kennen. Daher ist für mich ihr neuester Film auch keine Überraschung, sondern die lange erwartete, erhoffte und auch überfällige Rückkehr in das dramatische Fach.

Melissa McCarthy spielt Lee Israel, eine 1939 geborene, 2014 verstorbene Autorin von Star-Biographien, eine Nervensäge und Trinkerin. Ihr neues Buchprojekt über Fanny Brice ist unverkäuflich. Aber die Rechnungen müssen auch im New York der frühen neunziger Jahre bezahlt werden.

Als die Einundfünfzigjährige einen Stapel Bücher antiquarisch verkaufen will (was ungefähr das Doppelte von Nichts einbringt), bemerkt sie, dass für Briefe von Schriftstellern Unsummen bezahlt werden. Für einen von Katherine Hepburn an sie gerichteten und signierten Brief werden ihr 175 Dollar geboten. Sie verkauft den Brief und kann damit einen Teil der Rechnung beim Tierarzt für ihre über alles geliebte, kranke Katze Jersey bezahlen.

Israel beginnt, auch immer wieder angestiftet durch ihren Trinkkumpel Jack Hock (Richard E. Grant), Briefe von bekannten Schriftstellern wie Dorothy Parker, Lilian Hellman, Noel Coward und Ernest Hemingway zu fälschen. Und sie ist verdammt gut darin. Sie trifft den unverwechselbaren Ton der Schreibenden und sie streut immer wieder kleine persönliche Bemerkungen ein. Ihre Abnehmer, Händler, die die Briefe gewinnbringend an Sammler weiterverkaufen, sind begeistert. Nur: wie lange kann das Spiel gut gehen?

Wer den Fall kennt oder Lee Israels Biographie „Can you ever forgive me?“ gelesen hat, weiß, dass Israel sehr lange Fälschungen verkaufte, ehe sie verhaftet wurde. Und auch wer das nicht weiß, dürfte über das Ende nicht sonderlich überrascht sein. Aber der Weg dahin ist höchst vergnüglich. Dank des Drehbuchs, der Regie, der Schauspieler und der Ausstattung, die stimmig die Patina einer computerlosen Zeit, ruhiger Bibliotheken, verrauchter Kneipen und mild verstaubter Antiquariate heraufbeschwört.

Melissa McCarthy ist, nachdem sie für „Brautalarm“ (Bridesmaids, USA 2011) als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert war, dieses Mal als beste Schauspielerin nominiert. Angesichts der starken Konkurrenz dürfte sie ihn nicht erhalten (meine Wette geht auf „The Favourite“ Olivia Colman). Das ändert nichts daran, dass sie dieses biestige und dennoch liebesbedürftige Weib grandios spielt. Man möchte diese rechthaberische Nervensäge gleichzeitig hochkantig aus der Wohnung werfen und in den Arm nehmen. Das tut dann der ebenfalls Oscar-nominierte Richard E. Grant als flamboyanter Jack Hock, der sich immer noch eine kindliche Unschuld bewahrt hat. Er ist ein Dieb, Trickbetrüger und Schnorrer, dessen Image seine Situation kaum noch tarnen kann. Aber mit dem man viel Spaß haben kann.

Und mehr wollen sie auch nicht von ihm haben. Denn Hock ist, wie Israel, homosexuell und er hat, was gegen Ende unübersehbar wird, AIDS.

Sie bilden ein seltsames, sich gegenseitig stützendes Paar.

Als Verbrecherin wird sie einem sogar zunehmend sympathisch. Einerseits, weil Melissa McCarthy immer mehr Facetten von Lee Israel zeigt. Andererseits weil man sich nie des Eindrucks erwehren kann, dass die Käufer von Israels Briefen ziemlich genau wissen, dass es sich um Fälschungen handelt. Und sie richtet keinen wirklichen Schaden an. Ihre Taten sind harmloser als die von Earl Stone (gespielt von Clint Eastwood in „The Mule“) und Forrest Tucker (gespielt von Robert Redford in „Ein Gauner & Gentleman“ [Kinostart 28. März]) begangenen Taten. Stone war Kartell-Drogenkurier im sehr großen Umfang. Tucker war sein Leben lang ein höflicher Bankräuber und ein ebenso notorischer Ausbrecher aus Gefängnissen. Diese drei jetzt und demnächst im Kino laufenden Filme basieren auf wahren Geschichten und alle drei Filme sympathisieren mit ihren Protagonisten. Es sind gewitzte, keine Gewalt ausübendem Verbrecher, deren Taten und Leben in einem amüsierten, leicht ungläubige ‚Das kann doch nicht wahr sein‘-Tonfall geschildert werden. Das trifft natürlich besonders auf Lee Israel und ihre Fälschungen zu, die sie an die kleine Szene der Händler verkaufte.

Die Drehbuchautoren Jeff Whitty (sein Debüt) und Nicole Holofcener erhielten für ihr Drehbuch ebenfalls eine Oscar-Nominierung. Holofcener schrieb und inszenierte vorher unter anderem „Enough said“. Das feinfühlige Wohlfühl-Drama war der vorletzte Film des früh verstorbenen James Gandolfini.

Inszeniert wurde das Drama feinfühlig von Marielle Heller. Sie überzeugte bereits mit ihrem Spielfilmdebüt, der Komödie „Diary of a Teenage Girl“ über ein sich auch künstlerisch betätigendes Mädchen in San Francisco in den siebziger Jahren.

Can you ever forgive me?“ ist wundervolles Schauspielerkino über ein überhaupt nicht vorbildliches Paar und einige hundert gefälschte Briefe.

Can you ever forgive me? (Can you ever forgive me?, USA 2018)

Regie: Marielle Heller

Drehbuch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty

LV: Lee Israel: Can you ever forgive me?, 2008

mit Melissa McCarthy, Richard E. Grant, Dolly Wells, Jane Curtin, Anna Deavere Smith, Stephen Spinelli, Ben Falcone

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Can you ever forgive me?“

Metacritic über „Can you ever forgive me?“

Rotten Tomatoes über „Can you ever forgive me?“

Wikipedia über „Can you ever forgive me?“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fragt, wer hier mehr geschummelt hat

Meine Besprechung von Marielle Hellers „Diary of a Teenage Girl“ (Diary of a Teenage Girl, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „45 Years“ verheiratet und dann kommt ein Brief

September 11, 2015

Auf der Berlinale ging der Darstellerpreis an Charlotte Rampling und Tom Courtenay, die in „45 Years“ ein seit den titelgebenden 45 Jahren verheiratetes, kinderloses Ehepaar spielen und sie spielen dieses Ehepaar auch fantastisch in den kleinen Gesten, die Vertrauen und dann auch Verunsicherung ausdrücken. Denn kurz vor dem Hochzeitstag, der mit einer großen Party gefeiert werden soll, erhält Geoff Mercer einen Brief aus der Schweiz. Seine Jugendliebe Katya, die 1962 während eines Wanderurlaubs in eine Schlucht stürzte und deren Leiche erst jetzt, ein halbes Jahrhundert später, entdeckt wurde, hatte ihn als ihren nächsten Angehörigen genannt. Sie waren damals ein Liebespaar. Geoff erinnert sich jetzt wieder an sie und er gesteht seiner Frau Kate, einer pensionierten Lehrerin, die er erst danach kennen lernte, dass er, wenn er nicht sie geheiratet hätte, Katya geheiratet hätte.
„45 Years“ ist ein stilles, von den beiden Hauptdarstellern getragenes Drama in dem die Verunsicherung von Geoff und Kate über den Brief und seine Folgen nur angedeutet wird. Geoff beginnt zunehmend in Erinnerungen zu schwelgen. Kate fragt sich, ob sie nicht gegenüber der Verstorbenen nur die zweite Wahl war. Das wird von Andrew Haigh, nach einer knapp zwölfseitigen, lesenswerten Kurzgeschichte von David Constantine, äußerst langsam, in jeder Beziehung sehr reduziert und intim und mit der Konzentration auf einen Ort, das Haus der Mercers und einige Ausflüge in das nahe gelegene Dorf, erzählt. Fast so, als passe er sein Erzähltempo dem Schritttempo von Pensionären an, die nicht langsam genug gehen können, bis sie ans Ziel gelangen, was in „45 Years“ die Hochzeitsfeier ist, auf der wir ein reinigendes Gewitter erwarten.
Bis dahin stehen vor allem die immer stärker werdende Verunsicherung von Kate über ihre Ehe im Mittelpunkt, die mir, nachdem Kate fast fünfzig Jahre mit Geoff verheiratet ist und als zupackend-patente Ex-Lehrerin geschildert wird, dann doch zu weit hergeholt ist.
Allerdings richtet sich „45 Years“ auch an die Generation 50+, naja, 60+, naja Pensionäre, die seit Jahrzehnten miteinander verheiratet sind. Die sehen die Geschichte und das äußerst geruhsame Erzähltempo wahrscheinlich anders.

45 Years - Plakat - 4

45 Years (45 Years, Großbritannien 2015)
Regie: Andrew Haigh
Drehbuch: Andrew Haigh
LV: David Constantine: In Another Country, 2001 (Kurzgeschichte)
mit Charlotte Rampling, Tom Courtenay, Geraldine James, Dolly Wells, David Sibley, Sam Alexander, Richard Cunningham
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „45 Years“
Moviepilot über „45 Years“
Metacritic über „45 Years“
Rotten Tomatoes über „45 Years“

Wikipedia über „45 Years“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „45 Years“
Telegraph unterhält sich mit David Constantine über seine Kurzgeschichte und die Verfilmung

Ein Gespräch mit Andrew Haigh über seinen Film


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